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	<title>Geschichtspolitik Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Der lange Schatten Wolhyniens</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-schatten-wolhyniens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 04:11:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der lange Schatten Wolhyniens Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung „Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.“ (Ela Kwiecińska) Ela Kwiecińska ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1"><h1></h1>
<h1><strong>Der lange Schatten Wolhyniens</strong></h1>
<h2><strong>Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung</strong></h2>
<p>„<em>Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.</em>“ (Ela Kwiecińska)</p>
<p><a href="https://ispan.waw.pl/default/en/employee/elzbieta-kwiecinska-2/">Ela Kwiecińska</a> ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie wurde ihr befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert. Jetzt arbeitet sie als Dozentin im Programm <a href="https://visibleukraine.org/about/iufu/">„Invisible University for Ukraine“</a> (IUFU) an der Central European University in Budapest und am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In ihrer am Europäischen Hochschulinstitut verteidigten Dissertation beschäftigte sie sich mit der Idee der Zivilisierungsmission in Osteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie untersucht, wie deutsche, polnische und ukrainische Intellektuelle diese Idee wahrnahmen und für ihre jeweiligen Zwecke nutzten.</p>
<p>Auf Anregung der Redaktion der ukrainischen Online-Zeitschrift Spilne beschlossen Ela und die ukrainische Historikerin <a href="https://www.lvivcenter.org/en/team/liana-blikharska-2/">Liana Blikharska</a> aus Lwiw, über die Geschichte der Massengewalt in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Liana Blikharska sagte zu, weil sie von der Kraft persönlicher Geschichten überzeugt ist, die historische Prozesse besser verständlich machen und zugleich Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Narrativen eröffnen. Sie bat ihre Freundin Ela, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken und ihre <a href="https://institut.soziologie.uni-freiburg.de/dokuwiki/doku.php?id=lv-wikis-oeffentlich:position21:einleitung">Positionalität</a>, ihre Rolle und ihr Selbstverständnis als Forscherin zu umreißen. Anschließend sprachen die beiden über die Asymmetrie der Erinnerung in Polen und der Ukraine, wie sie beispielsweise in den Studien von Andrii Portnov dokumentiert ist (<a href="https://www.forum-transregionale-studien.de/en/communication/details/poland-and-ukraine-entangled-histories-asymmetric-memories-1">Poland and Ukraine: Entangled Histories, Asymmetric Memories</a>, Essays of the Forum Transregionale Studien, Bd. 7, Prisma Ukraïna, 2020) sowie über den Prozess der Entstehung historischen Wissens.</p>
<h3><strong>Das eigene Erbe ernst nehmen heißt, sich kritisch damit auseinanderzusetzen</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska:</strong> Was bedeutet Wolhynien für dich – als Historikerin und als jemand, dessen Familie von dort stammt?</p>
<div id="attachment_8227" style="width: 312px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8227" class="wp-image-8227 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg" alt="" width="302" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 302px) 100vw, 302px" /><p id="caption-attachment-8227" class="wp-caption-text">Elżbieta Kwiecińska, Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Ich bin in Warschau geboren, aber niemand aus meiner Familie stammt aus dieser Stadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Wolhynien ist Teil meiner Familiengeschichte. Meine Großmutter wurde 1929 in dem wolhynischen Dorf Stara Huta geboren, das heute nicht mehr existiert – 1943 wurde es von Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee, der UPA, niedergebrannt. Dass unsere Familie aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, wusste ich schon als Kind. Mehr Einzelheiten erfuhr ich erst als Jugendliche. Meine Großmutter erzählte mir, was dort geschehen war: von den Morden an Polen und davon, wie sie aus der Ukraine flohen.</em></p>
<p><em>Ausführlicher haben </em><a href="https://www.lvivcenter.org/en/residences/petro-dolhanov-2/"><em>Petro Dolhanov</em></a><em> und ich diese Ereignisse in unserem zweiteiligen Beitrag „Ein polnischer Schrank in einem ukrainischen Haus, gefunden in Masuren: ukrainisch-polnische Familiengeschichten vor dem Hintergrund Wolhyniens“ (</em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni/"><em>Teil 1</em></a><em>; </em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni-chastyna-2/"><em>Teil 2</em></a><em>) beschrieben, der in Ukraina Moderna erschienen ist. Ich hatte nie vor, Spezialistin für Wolhynien zu werden. Aber vermutlich hätte ich mich ohne meine Begegnung mit Petro Dolhanov bei einem Seminar in Krasnogruda nicht getraut, über diese Region zu schreiben. Es ist wichtig, einem Menschen zu begegnen, der mitfühlen kann, bereit ist zuzuhören, sich wirklich dafür interessiert und mit dem man offen sprechen kann.</em></p>
<p><em>Meine erste Reise nach Wolhynien im Jahr 2010 empfand ich als eine Erkundung meiner selbst und meiner Identität. Wir waren zu dritt unterwegs: mein Vater, ich und der Bruder meiner Großmutter. Als die Familie aus Wolhynien floh, war er zehn Jahre alt. Auf dieser Reise wurde er zu unserem Reiseführer. Er hatte sich sein Ukrainisch aus der Kindheit bewahrt, während meine Großmutter die Sprache zum Beispiel nicht beherrschte. Vielleicht lag das daran, dass mein Großonkel ein kommunikativer und offener Mensch war, meine Großmutter dagegen eher introvertiert.</em></p>
<p><em>Als wir in die Ukraine kamen, um die Orte zu besuchen, aus denen unsere Familie stammte, wurde dies für uns zu einer sehr wichtigen und beglückenden Erfahrung – in gewisser Weise sogar zu einer Art innerer Reinigung. Die Sprachkenntnisse halfen uns sehr bei der Verständigung mit den Menschen vor Ort. Manche erinnerten sich an Mitglieder unserer Familie, andere nicht. Aber alle begegneten uns mit Respekt und Herzlichkeit, nahmen uns wie ihresgleichen auf und luden uns zu sich nach Hause ein. Es fühlte sich an, als wären wir heimgekehrt. Diese Reise gab schließlich den Anstoß dazu, mich intensiver mit Wolhynien zu beschäftigen.</em></p>
<p><em>Vor meiner ersten Reise nach Wolhynien hatte ich ein Bild von der verlassenen Heimat, wie es wohl für viele Menschen typisch ist, die ihre Heimat verlassen mussten: Sie war in meiner Vorstellung vollkommen idealisiert. Derselben nostalgischen Idealisierung begegnete ich später auch in Gesprächen mit ukrainischen Lemken. Ihre Großeltern sprachen von den Beskiden genauso wie meine von Wolhynien: als von einem gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich weiß nicht, wie eine solche Rückkehr heute aussehen würde. Leider wäre sie vermutlich anders. Aber noch 2010 stellte ich mir diese Orte genau so vor.</em></p>
<p><em>Diese Reise war für mich tatsächlich eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln. Für meine Generation in Polen ist das eine recht typische Erfahrung: Wir entdecken, dass wir eben keine mythischen „ethnischen Polen“ sind, sondern unsere Stärke vielmehr aus der Vielfalt schöpfen. Die einen haben ukrainische Wurzeln, andere jüdische, wieder andere deutsche. Ich bin 1989 geboren, und ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir zur Generation der demokratischen Transformation gehören.</em></p>
<p><em>Ich betrachte einen Teil meiner Identität als ukrainisch. Viele Polen teilen ein gemeinsames Erbe mit den Menschen in den Nachbarländern – in Litauen, Belarus oder der Ukraine. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber vermutlich hat etwa ein Drittel der polnischen Bevölkerung Vorfahren, die außerhalb der heutigen Grenzen Polens geboren wurden. Es ist sehr wichtig, sich das bewusst zu machen. Menschen mit familiären Wurzeln in den früheren polnischen Ostgebieten, den sogenannten Kresy, bilden einen großen Teil der Gesellschaft. Und Menschen mit diesem Erbe können sehr unterschiedlich damit umgehen. Die einen nehmen an Märschen unter dem Motto „Wir erinnern uns an Wolhynien“ teil, andere engagieren sich ehrenamtlich für die Ukraine – zum Beispiel am Bahnhof von Wrocław. Einer der aktivsten Helfer, </em><a href="https://orcid.org/0000-0002-2495-8104"><em>Paweł Rudnicki</em></a><em>, schreibt </em><a href="https://www.researchgate.net/publication/378299349_Kto_jak_nie_my_Wspolnota_i_dzialanie_na_Dworcu_Glownym_we_Wroclawiu_marzec-kwiecien_2022"><em>in seinem Buch</em></a><em> ganz ausdrücklich, seine wichtigste Motivation, Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen, sei die Tatsache gewesen, dass einst seine eigenen Großeltern aus Lwiw an genau diesem Bahnhof ankamen.</em></p>
<div id="attachment_8228" style="width: 311px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8228" class="wp-image-8228 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg" alt="" width="301" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-200x165.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-400x331.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-600x496.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-768x635.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-800x662.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1024x847.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1200x993.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1536x1271.jpg 1536w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /><p id="caption-attachment-8228" class="wp-caption-text">Liana Blikharska, Foto: Spilne.</p></div>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Darf ich dich nach deiner Positionalität fragen?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In Polen spreche ich eher aus der Perspektive einer kritischen Intellektuellen. Ich finde: Wenn dies mein Erbe ist, dann muss ich mich kritisch damit auseinandersetzen. Deshalb beschäftigt sich meine Dissertation mit der Zivilisierungsmission im Osten als kolonialem Projekt. Ich habe </em><a href="https://commons.com.ua/uk/civilizacijni-misiyi/"><em>die polnischen und deutschen Zivilisierungsmissionen und die damit verbundenen Praktiken miteinander verglichen</em></a><em>. Außerdem habe ich </em><a href="https://muzeumpilsudski.pl/wp-content/uploads/2021/12/MJP20211208-mniejszosc-ukrainska.pdf"><em>ein Unterrichtsmaterial für Schulen</em></a><em> über die ukrainische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit verfasst, das ich ebenfalls als kritisch verstehe. Auf den historischen Teil folgt eine praktische Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber debattieren. Lehrkräfte, die mit diesem Material arbeiten, berichten, dass die Schülerinnen und Schüler nach einer solchen Unterrichtsstunde dafür stimmen, ihnen mehr Rechte zu gewähren. Formal geht es um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber natürlich betrifft das auch die Gegenwart.</em></p>
<p><em>Nach Beginn des russischen Großangriffs am 24. Februar 2022 entschied ich mich, für die Ukraine zu arbeiten. Man könnte sagen, dass ich damals aus eigener Entscheidung Ukrainerin wurde. In den vergangenen Jahren habe ich vermutlich sogar öfter Ukrainisch als Polnisch gesprochen. 2022 engagierte ich mich ehrenamtlich, später arbeitete ich bei der Invisible University for Ukraine – einem Programm informeller Bildung an der Central European University. Überhaupt dreht sich mein Leben heute stark um die Ukraine.</em></p>
<p><em>Aber ich frage mich immer noch ständig: Wer bin ich für die Ukrainerinnen und Ukrainer? Diese Frage ist heute besonders aktuell, da sich der politische Konflikt zwischen Polen und der Ukraine immer weiter verschärft. Die Geschichte zeigt, dass Menschen mit einer hybriden polnisch-ukrainischen Identität kein leichtes Leben haben. In Friedenszeiten ist das vielleicht weniger spürbar. Doch wenn sich politische Konflikte zuspitzen oder Krieg ausbricht, geraten solche Menschen von beiden Seiten unter Druck und werden moralisch, im schlimmsten Fall sogar physisch vernichtet. Darüber schreibe ich auch in dem bereits erwähnten Unterrichtsmaterial. Zugleich gab es selbst Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen, die versuchten zusammenzuarbeiten, statt Hass zu schüren.</em></p>
<p><em>In Polen hat sich insgesamt folgende Tendenz herausgebildet: Historiker mit rechten oder rechtsextremen Ansichten konstruieren ein nationales Narrativ, während Linke es dekonstruieren. Irgendwann wurde mir klar, dass das eine Falle ist. So führen wir einen „polnisch-polnischen Krieg“ zwischen Rechten und Liberalen. Besonders schmerzhaft war für mich, dass die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer zum Gegenstand dieses „polnisch-polnischen Krieges“ geworden sind und dass das Thema Wolhynien zunehmend dazu benutzt wird, Hass zu schüren.</em></p>
<h3><strong>Politisches Kapital aus der Erinnerung an menschliches Leid</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Wie hat sich die Erinnerung an Wolhynien in Polen entwickelt? Es scheint ein Weg gewesen zu sein, der von privaten Familiengeschichten über bestimmte politische Milieus schließlich zu Narrativen auf nationaler Ebene führte. Warum ist das geschehen? Ist dies Teil eines umfassenderen Phänomens – der „<em>Erinnerungskriege</em>“, die heute weltweit zu beobachten sind? Du hast das <a href="https://der-siebte-sprung.de/kresy/index.html">Kresy-Milieu</a>, das ehemalige Ostpolen, erwähnt. Auch ein Teil meiner Familie, der 1946 auf Grund der Vereinbarungen zwischen Großbritannien, der Sowjetunion und den USA in Jalta aus der Gegend von Lwiw in die Umgebung von Wrocław, dem ehemaligen deutschen Breslau, umgesiedelt wurde, ist dort aktiv. Sie engagieren sich in Vereinen, besuchen Veranstaltungen, verbringen Zeit miteinander und schwelgen in Erinnerungen, geben ihre Erfahrungen aber auch an jüngere Generationen weiter. Ich kenne dieses Milieu sehr gut von innen. Wie schon seine Selbstbezeichnung zeigt, lebt es bis heute vom Mythos der „<em>Kresy</em>“, „<em>unserer Kresy</em>“. Einerseits handelt es sich um eine sehr intime Beziehung zum familiären Erbe, andererseits wird dieser Mythos von der polnischen Rechten aktiv instrumentalisiert.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Erinnerungskriege sind ein Phänomen, das Staaten auf der ganzen Welt betrifft. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzungen um Wolhynien nicht nur eine polnisch-ukrainische, sondern auch eine innerpolnische Dimension haben. Es geht um die Frage, wessen Erinnerung Eingang in den nationalen Kanon findet und welche Prioritäten dabei gesetzt werden.</em></p>
<p><em>Zum polnischen Erinnerungskanon gehören neben dem Wolhynien-Massaker auch </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/203716/vor-85-jahren-verbrechen-von-katyn/"><em>Katyn</em></a><em> und der </em><a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/warschauer-aufstand-1944"><em>Warschauer Aufstand</em></a><em>. Die Erinnerung an das Massaker von Katyn richtet sich gegen Russland, die Erinnerung an den Warschauer Aufstand gegen Deutschland. Letztere wurde am intensivsten aufgearbeitet, und diese Aufarbeitung bildete eine Grundlage für die guten polnisch-deutschen Beziehungen. Auf ein Bündnis mit Russland setzte in Polen ohnehin kaum jemand. Deshalb löst Katyn heute nicht dieselben Emotionen aus wie Wolhynien, wo Hoffnungen auf ein Bündnis mit der Ukraine bestanden.</em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine soziale und klassenspezifische Dimension. In Katyn wurde die polnische Elite ermordet, in Wolhynien hingegen waren die Opfer überwiegend einfache Bauern. Deshalb fand die Erinnerung an Katyn Eingang in den Kanon der antikommunistischen Intelligenz, die Erinnerung an Wolhynien 1943 dagegen nicht. Auch die polnische Exilregierung in London verhielt sich während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Schicksal der Polen in der Westukraine sehr passiv. Einerseits wollte sie auf diese Gebiete nicht verzichten, andererseits war der polnische Untergrund 1943 nicht in der Lage, sich an den Kämpfen in Wolhynien zu beteiligen, da seine Kräfte auf den Kampf gegen die deutsche Besatzung und die Vorbereitung eines allgemeinen Aufstands konzentriert waren – eine Strategie, die 1944 in den Warschauer Aufstand mündete. Unter den Opfern der Ereignisse von 1943 in Wolhynien hielt sich deshalb lange das Gefühl, in Polen „Opfer zweiter Klasse“ zu sein.</em></p>
<p><em>Die Erinnerung an Wolhynien wurde innerhalb Polens nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil: Lange Zeit wurde sie vollständig verschwiegen. Die Behörden der Volksrepublik Polen sagten diesen Menschen im Grunde nur: „Eure Heimat liegt jetzt bei Wrocław. Das sind uralte polnische Gebiete, die wir zurückgewonnen haben.“ Aber so funktioniert das nicht. Menschen sind keine Kartoffelkisten, die man einfach von einem Ort an einen anderen stellen kann.</em></p>
<p><em>Als die Polen im Rahmen des sogenannten „Bevölkerungsaustauschs“ in diese Gebiete kamen, lebten dort noch Deutsche in ihren Häusern. Später wurden sie von dort weiter nach Westen vertrieben. Die Geschichte dieser Zwangsmigrationen wurde verschwiegen, weil niemand wusste, wie man mit ihr umgehen sollte. Dabei ist dies die reale Geschichte vieler Menschen in Polen.</em></p>
<p><em>Die Opfer sind das eine, doch es gibt auch die Zeugen, denn diese Ereignisse spielten sich sowohl in Galizien als auch in Wolhynien ab. In Galizien waren die Auseinandersetzungen weniger intensiv, weil die Polen dort stärker und zahlreicher waren und über einen organisierten Untergrund verfügten. Aber auch dort wurden mehrere Hunderttausend Menschen zu Zeugen dieser Ereignisse.</em></p>
<p><em>Ein Teil deiner Familie, Liana, blieb in der Ukraine. In der Sowjetzeit gelang es ihnen, dort mehr oder weniger im Verborgenen zu leben und ihre polnische Identität zu verheimlichen. In Polen war es ähnlich: Die Menschen konnten nicht offen darüber sprechen, was ihnen widerfahren war. Man durfte die UPA als Banditen bezeichnen, denn das entsprach dem sowjetischen Narrativ. Über die Massenmorde in Wolhynien durfte man dagegen nicht sprechen. Die Polen sollten vergessen, dass sie aus Galizien und Wolhynien stammten, denn zwischen der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion sollten Freundschaft und Zusammenarbeit aufgebaut werden.</em></p>
<p><em>Zeugnisse wurden erst Ende der 1980er Jahre systematisch gesammelt. Auch die Pariser Kultura vermochte keine Diskussion über Wolhynien 1943 anzustoßen, weil auf ukrainischer Seite keine Bereitschaft bestand, über dieses Thema zu sprechen. (Gemeint ist das Milieu um die polnische literarisch-politische Nachkriegszeitschrift Kultura, deren Gründer und Chefredakteur </em><a href="https://www.vcpu.europa-uni.de/en/research/forschungskolloquium/index.html"><em>Jerzy Giedroyc</em></a><em> war. Gemeinsam mit ukrainischen, litauischen und belarussischen Intellektuellen, die nach 1944 ins Exil gegangen waren, setzte sich dieses Milieu mit der Frage der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Eine seiner wichtigsten Initiativen bestand darin, auf die polnische öffentliche Meinung einzuwirken und insbesondere für die gesellschaftliche Anerkennung der Ostgrenze der Volksrepublik Polen zu werben.)</em></p>
<p><em>Auch im unabhängigen Polen wurde das Thema Wolhynien lange verschwiegen – nun im Interesse guter Beziehungen zur Ukraine. Die liberalen polnischen Eliten hielten am Leitsatz aus der Zeit der Solidarność fest: „Es gibt kein freies Polen ohne eine freie Ukraine.“ Als ich selbst noch an der Universität studierte, vor zehn oder fünfzehn Jahren, herrschte unter den liberalen Eliten die Auffassung vor, die Geschichte der Massenmorde in Wolhynien sei eine Büchse der Pandora. Niemand wusste so recht, wie man mit diesem Thema umgehen sollte, und deshalb hielt man es für besser, das Thema bis zum EU-Beitritt der Ukraine nicht anzurühren. Man hoffte, das Problem werde sich mit der Zeit von selbst lösen.</em></p>
<p><em>Noch bis vor Kurzem blieben Vertreter des polnischen Staates den Jahrestagen der Verbrechen in Wolhynien demonstrativ fern, und Initiativen zur Errichtung von Denkmälern für die Opfer wurden blockiert. Stattdessen griffen rechtsextreme Kräfte das Thema auf. Sie begannen, bei den Gedenkveranstaltungen aufzutreten und im Namen der inzwischen hochbetagten Überlebenden das Gedenken an die Opfer einzufordern. Daraus schlugen sie politisches Kapital und stellten sich den liberalen Eliten entgegen, die wegen der Aktion „Weichsel“, der Diskriminierung und Polonisierung der Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit sowie des postkolonialen Charakters des Kresy-Mythos Selbstkritik übten.</em></p>
<p><em>Die polnischen Liberalen hofften, dass die uneigennützige Unterstützung der Ukraine auf ihrem Weg in die EU auch in der Ukraine eine vergleichbare kritische Neubewertung der Geschichte anstoßen würde. Deshalb nutzen polnische Rechte Ereignisse wie die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Stepan Bandera oder die Benennung einer militärischen Einheit nach den „Helden der UPA“ gezielt gegen die Befürworter eines polnisch-ukrainischen Bündnisses.</em></p>
<h3><strong>Feldforschung, Deutungskämpfe und Brüche in der Öffentlichkeit</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Es gibt <a href="https://wyborcza.pl/magazyn/7,124059,32839169,w-oksfordzie-uslyszalam-przeciez-upa-bylo-jak-armia-krajowa.html">einen Aufsatz von Anna Wylegała</a>, in dem sie die gesellschaftliche Stimmung in Polen analysiert und ihre bittere Enttäuschung zum Ausdruck bringt, dass ukrainische Intellektuelle – selbst liberale – zu wenig Interesse an Diskussionen über die Rolle der UPA gezeigt hätten, insbesondere über deren dunkle Seiten und die von ihren Kämpfern begangenen Verbrechen. Wie nimmst du die Stimmung in Polen und in der Ukraine wahr? Sehen die Menschen einen Ausweg aus dieser Situation? Lässt sich die Frage der Massenmorde in Wolhynien überhaupt umgehen, ohne eine gemeinsame, gründliche Untersuchung, die nicht auf den akademischen Raum beschränkt bliebe, sondern auch unterschiedliche ethnische, berufliche und aktivistische Gruppen einbezöge?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, im Augenblick brauchen wir vor allem Sozialpsychologen. Michał Bilewicz hat das Buch „</em><a href="https://wydawnictwowam.pl/prod.traumaland.38469.htm?sku=91987"><em>Traumaland – Polacy w cieniu przeszłości</em></a><em>“ (deutsch: „Traumaland – Polen im Schatten der Vergangenheit“) geschrieben, das hier hilfreich sein könnte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust versucht er die Frage zu beantworten, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Versöhnung sprechen.</em></p>
<p><em>Einerseits geht es darum, ein Verbrechen als Verbrechen zu benennen und es zu verurteilen. Andererseits braucht es das Gefühl, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Der Schmerz der Menschen und die Tatsache, dass ihre Vorfahren ermordet wurden, müssen anerkannt werden – ohne irgendetwas zu beschönigen. Ebenso müssen Polen die Gräueltaten an Ukrainern ohne jedes „Aber“ verurteilen. Rache rechtfertigt kein Verbrechen.</em></p>
<p><em>Es braucht also eine eindeutige Verurteilung, statt das Wolhynien-Massaker als „Tragödie“ zu bezeichnen, als wäre es durch schlechtes Wetter oder eine Naturkatastrophe verursacht worden. Eine weitere schwierige Frage betrifft die polnischen „Vergeltungsaktionen“. Für mich muss man das Böse auch als solches benennen. Das Motiv der Rache rechtfertigt keinerlei Verbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Diese Menschen waren ebenso unschuldig wie die Polen in Wolhynien 1943. Und auch das muss in Polen verurteilt werden.</em></p>
<p><em>Die Frage ist jedoch, ob die Verurteilung der Verbrechen und die Heroisierung der UPA nebeneinander bestehen können. Kann man ausschließlich ihren Kampf gegen Russland heroisieren? Ich glaube nicht, dass das für die polnische Gesellschaft funktionieren wird. Ich weiß nicht, wie sich ein Ausweg aus dieser Situation finden lässt. Vielleicht könnte ein Konsens, wie Anna ihn in ihrem Aufsatz vorgeschlagen hat, eine Lösung sein. Aber wir haben gesehen, was </em><a href="https://uamoderna.com/blogy/ii-polsko-ukrayinske-komyunike/"><em>mit dem Zweiten Polnisch-Ukrainischen Kommuniqué</em></a><em> geschehen ist, das im November 2024 von ukrainischen und polnischen Historikern gemeinsam unterzeichnet wurde und den Versuch darstellte, zu einer gemeinsamen Interpretation schwieriger und blutiger Kapitel der polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu gelangen (inhaltlich knüpft es an das Erste Kommuniqué an, das Historiker 1994 unterzeichnet hatten). Es war ein Versuch, diesem sinnlosen Erinnerungskrieg ein Ende zu setzen. Doch es fanden sich Menschen, die die Unterzeichner des Kommuniqués als Verräter bezeichneten. Unter dem Druck rechter Kräfte zogen einige ukrainische Beteiligte ihre Unterschriften später zurück.</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass dies nicht nur ein Erinnerungskrieg ist, sondern auch eine Frage der Werte. Für mich sind Mord und Diskriminierung aufgrund der nationalen Zugehörigkeit ein Übel. Ich verurteile, dass Ukrainer in der Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit wie Menschen dritter Klasse behandelt wurden. Und ich tue das nicht, weil ich in nationalen Kategorien von „Ukrainern“ und „Polen“ denke, sondern weil die Diskriminierung eines Menschen aufgrund bestimmter Merkmale meinen Werten widerspricht.</em></p>
<p><em>Auch jetzt, während des Krieges, stehe ich auf der Seite der Ukraine. Und ich finde überhaupt nicht, dass irgendjemand für diese Unterstützung dankbar sein müsste. Meine Entscheidung ergibt sich aus meinen Werten und aus dem, womit ich mich beschäftige. Ich glaube, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe – auf der Seite der Opfer militärischer Aggression.</em></p>
<p><em>Die Frage nach den Werten ist zugleich die Frage danach, welches Verständnis von Nation wir wählen. Führende Vertreter der UPA wollten eine „Ukraine für die Ukrainer“ – ohne Polen und Juden. Heute dagegen kämpfen in den Streitkräften der Ukraine viele ukrainische Staatsbürger polnischer oder jüdischer Herkunft. Auch nationale Minderheiten können ihren Staaten im Krieg von großem Nutzen sein. Du zum Beispiel hast polnische Wurzeln und bist in ganz unterschiedlichen polnischen Milieus persönlich gut vernetzt. Das ermöglicht es dir doch, dich noch wirksamer für dein eigenes Land einzusetzen, das sich derzeit im Krieg befindet, oder? Wir beide, Liana, haben außerdem gemeinsam humanitäre Hilfe für die Ukraine organisiert, treten auf Konferenzen auf und schreiben Artikel.</em></p>
<p><em>Wenn ich die polnische Gesellschaft betrachte, wird mir klar: Wenn die Ukraine und Polen auf Augenhöhe, als gleichberechtigte Partner, zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir über unsere gemeinsamen Traumata nachdenken und sie aufarbeiten. Wegen des Krieges und der russischen Propaganda wird dieser Prozess in der Ukraine häufig als Versuch Polens wahrgenommen, die ukrainische Geschichte umzuschreiben. Umgekehrt wird es in Polen als leichtfertig empfunden, wenn Ukrainer vom Dialog sprechen und zugleich die UPA ehren.</em></p>
<p><em>So war es etwa </em><a href="https://www.president.gov.ua/documents/4402026-59649"><em>bei der jüngsten Verleihung des Ehrennamens „Helden der UPA“ an eine militärische Einheit</em></a><em> unmittelbar nach dem Ende eines Kongresses polnischer und ukrainischer Historiker. Eine ähnliche Situation gab es im April 2015, als am Tag der Rede des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski vor </em><a href="https://lb.ua/news/2015/04/23/302733_komorovskiy_zakon_upa_uslozhnyaet.html"><em>dem ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada, das Gesetz verabschiedet wurde, das Mitglieder der UPA als Kämpfer für die Unabhängigkeit anerkannte</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Eine andere Frage lautet: Was bedeuten Polen und Europa für die Ukraine? Ich habe den Eindruck, dass die Ukraine ihre Beziehungen zu Polen durch ein russisches Prisma betrachtet – und ebenso ihre Beziehungen zu Brüssel. Während eines Krieges ist das nachvollziehbar. Aber das Narrativ „Brüssel und Warschau werden uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben“ ist weder für die Zusammenarbeit noch für die Aufrechterhaltung eines „strategischen Bündnisses“ zwischen Polen und der Ukraine produktiv. Die Europäische Union beruht, wie jede Gemeinschaft, auf Kompromissen. Jede Beziehung, jede Zusammenarbeit und jedes Bündnis erfordert wechselseitige Verständigung und Abstimmung. Das betrifft nicht nur Wolhynien – so entstehen Vertrauen und Beziehungen zwischen Menschen.</em></p>
<p><em>Andererseits sollte man auch fragen: Wer hat heute in der Debatte über die Verbrechen in Wolhynien überhaupt eine Stimme? Bislang sind gerade diejenigen, die diese Geschichte auf beiden Seiten am unmittelbarsten betrifft, meist kaum zu hören. Stattdessen ist das Thema sowohl in Polen als auch in der Ukraine von einigen wenigen „Erinnerungskriegern“ und großen Institutionen wie den Instituten für Nationales Gedenken monopolisiert worden. Vielleicht müsste man den Diskurs über Wolhynien 1943 dezentralisieren, lokale polnisch-ukrainische Initiativen fördern und diese Geschichte wieder den Menschen zurückgeben, die sie unmittelbar betrifft.</em></p>
<h3><strong>Zur Methodik der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich war bei <a href="https://www.lvivcenter.org/discussions/volyn-in-family-stories/">eurem Vortrag mit Petro Dolhanov</a>. Außerdem gibt es die 2018 veröffentlichten Memoiren deiner Großmutter Stanisława Kwiecińska; ein Auszug <a href="https://edu.lvivcenter.org/documents/women-s-testimonies-of-extreme-violence/">daraus erschien in ukrainischer Übersetzung auf der Plattform REESources</a>. Was können persönliche Zeugnisse sichtbar machen, was die Politik- oder Militärgeschichte nicht zeigt? <a href="https://commons.com.ua/uk/druha-svitova-viina-u-doslidzhenniakh-ta-pamiati/">Unser gemeinsamer Kollege Andrii Usach</a> beschäftigt sich mit dem, was in der Holocaustforschung als „<em>widersprüchliches Verhalten</em>“ bezeichnet wird: wenn ein und dieselbe Person die einen rettete und zugleich andere tötete.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In unserer Familiengeschichte gab es etwas Ähnliches. Der UPA-Kämpfer, der die Familie meiner Großmutter beschützte, war ein Kamerad meines Urgroßvaters aus der Zeit, als beide in der zaristischen russischen Armee dienten. Wenn die Partisanen das Dorf angriffen, sagte er: „Das sind meine Polen.“ Und er fügte hinzu: „Tötet sie nicht. Ihr könnt sie ausrauben, aber tötet sie nicht.“</em></p>
<p><em>Aus den Erzählungen in unserer Familie weiß ich, dass meine Verwandten ihre ukrainischen Nachbarn als Freunde betrachteten und deshalb nicht fortgehen wollten. Erst als die benachbarten Dörfer Hurby und Zelenyi Dub niedergebrannt worden waren, kamen ihnen Zweifel. Schließlich war es genau dieser Freund aus der UPA, der sie zur Flucht überredete. Er sagte, er selbst werde sie nicht töten, könne seine Kameraden aber nicht länger zurückhalten.</em></p>
<p><em>Meine Großmutter erinnert sich bis heute an den Namen dieses früheren Kameraden meines Urgroßvaters, der sie beschützte, obwohl sie inzwischen 97 Jahre alt ist. Er hieß Hapin und stammte aus dem Dorf Moshchanytsia. Vermutlich war das nicht sein richtiger Name, sondern ein Deckname. Es ist durchaus möglich, dass er „seine Polen“ nicht tötete, dafür aber andere. Wir wissen es nicht.</em></p>
<p><em>Ich glaube, man könnte das Wolhynien-Massaker zum Beispiel aus einer Perspektive „von unten“ betrachten, indem man die Lebensgeschichten der Opfer untersucht. Der Großteil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf die Politik- und Militärgeschichte. Das ist die Perspektive der maßgeblichen Akteure, die Entscheidungen trafen und Befehle gaben. Wenn wir aber über Erinnerung und das Gedenken an die Opfer sprechen, sollten wir diese Ereignisse mit den Augen der einfachen Menschen betrachten, die die Mehrheit der Bevölkerung stellten – mit den Augen der Bauern. Dazu gehörten nicht nur Polen, sondern auch Ukrainer, Juden und Tschechen.</em></p>
<p><em>Der Blick auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen kann davor bewahren, diejenigen zu heroisieren, die man nicht heroisieren sollte. Im Krieg müssen Menschen äußerst schwierige Entscheidungen treffen. Ukrainer verstehen das heute besser als Polen. Und wenn man Geschichte von unten betrachtet, werden all diese Nuancen und schwierigen Entscheidungen sichtbar, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten. Für Polen – und nicht nur für sie – stellten sich Fragen wie: Bleiben wir in Wolhynien oder fliehen wir? Wem können wir vertrauen? Wer wird uns verstecken und retten, und wer wird uns töten? Welcher Nachbar arbeitet mit dem Untergrund zusammen und wird uns vermutlich verraten, und wer wird schweigen oder für uns eintreten?</em></p>
<p><em>Überhaupt wäre es gut, über nationale Deutungsrahmen hinauszugehen und nicht immer nur auf einzelne nationale Gruppen zu schauen, denn das führt unvermeidlich zu Verallgemeinerungen und lässt das Bild monolithisch erscheinen: als hätten alle Polen so gehandelt und alle Ukrainer anders. Man muss die lokale Dynamik betrachten. Menschen verhielten sich unterschiedlich und trafen unterschiedliche Entscheidungen, besonders in gemischten Familien. Aber ohne irgendetwas zu beschönigen. Dann kann vielleicht ein Weg zur Versöhnung beginnen – allerdings erst nach der Verurteilung der Verbrechen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Was sind die größten methodologischen Herausforderungen bei der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien? Wie lässt sich mit fragmentarischen Quellen und häufig lückenhaftem Archivmaterial arbeiten?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Archivmaterial gibt es, aber man muss kritisch damit umgehen und den jeweiligen Kontext genau analysieren. Das gilt zum Beispiel für die Verhöre von UPA-Mitgliedern in sowjetischen Nachkriegsprozessen. Natürlich wurden sie nach den Motiven und Ursachen der Morde gefragt. Um einer Bestrafung zu entgehen, bestritten die Betroffenen jedoch die Verbrechen und versuchten, sich vollständig zu entlasten.</em></p>
<p><em>Wichtig ist außerdem, diese Ereignisse aus sozialhistorischer Perspektive zu betrachten. Man sollte etwa nicht die Propaganda aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wiederholen, wonach alle Polen Besatzer, Feinde und Fremde auf ukrainischem Boden gewesen seien und deshalb getötet werden müssten. Meine Familie etwa lebte seit dem 18. Jahrhundert in Wolhynien, seit der Gründung dieser Dörfer. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um polonisierte, verarmte Kleinadlige ruthenischer Herkunft aus der Region um Kyiv – sogenannte Odnodworzen („Einhöfer“). Andere Zweige meiner Familie stammen von litauischen Tataren ab, die ungefähr zur gleichen Zeit nach Wolhynien kamen, sowie von dort ansässigen Juden.</em></p>
<p><em>Die polnischen Siedler, die in der Zwischenkriegszeit nach Wolhynien kamen, wurden während der ersten sowjetischen Besatzung ins Innere der Sowjetunion deportiert. Deshalb waren diejenigen, die am ehesten als „Besatzer“ galten, also Menschen mit militärischer Erfahrung, 1943 bereits nicht mehr vor Ort. Zu den „Feinden“ der UPA wurden stattdessen andere Polen, die dort seit Generationen ansässig waren.</em></p>
<h3><strong>Contra spem spero</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Vor kurzem sind drei Beiträge von Petro Dolhanov, Yaroslav Hrytsak und Oleksandr Zaitsev erschienen. <a href="https://uamoderna.com/blogy/istoriia-iak-zbroia-ta-instrument-natsionalnoi-bezpeky/">Petro richtete seinen Text</a> an ein ukrainisches Publikum und betrachtete historische Mythen zugleich als Waffen und als Instrumente der Selbstverteidigung im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er betont, dass eine Kriegsführung – selbst eine defensive – „<em>unter Verwendung heroischer Narrative über die UPA dazu neigt, uns in eine komplizierte paradigmatische Falle zu ziehen</em>“. Wie stehst du zu dieser Einschätzung?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Weißt du, das müssen vermutlich die Ukrainer selbst entscheiden: welches Modell der Nation sie aufbauen wollen. Soll es eine „Ukraine für die Ukrainer“ sein, ohne nationale Minderheiten? Schließlich war die UPA an der Ermordung von Polen und Juden beteiligt. Für Menschen außerhalb der Ukraine ist das ein wichtiges Signal.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Yaroslav Hrytsak sagte in <a href="https://kulturaliberalna.pl/2026/06/16/wojny-o-historie-nie-da-sie-wygrac-a-przegrac-moga-wszyscy/">einem Interview mit der polnischen Zeitschrift <em>Kultura Liberalna</em></a>, dass die UPA in der ukrainischen Gesellschaft vor allem als Teil des historischen Kampfes gegen Russland wahrgenommen werde. Das sei unter den Bedingungen des Krieges besonders wichtig, nicht zuletzt nach der Verleihung des Ehrennamens „<em>benannt nach den Helden der UPA</em>“ an das Sonderoperationszentrum „<em>Nord</em>“ der Spezialoperationskräfte der Streitkräfte der Ukraine. Hrytsak sagte dazu: „<em>Die Ukrainer waren von der Reaktion Polens so überrascht, dass niemand damit gerechnet hatte. Diese Geste richtete sich sowohl an die Ukrainer als auch an Russland.</em>“ <a href="https://www.pap.pl/ua/ukrainian/news/lvivskiy-istorik-ukrainskiy-integralniy-nacionalizm-buv-ideologieyu-bezderzhavnoi">Eine ähnliche Auffassung vertritt Oleksandr Zaitsev</a>, der einen knappen historischen Überblick über die UPA-Formationen gibt. All diese Forscher betonen den Unterschied zwischen Geschichte als Wissenschaft und kollektivem Gedächtnis, das historische Fakten und Debatten für politische Zwecke nutzt.</p>
<p>Welche Rolle spielt dieser Kontext deiner Meinung nach im öffentlichen Diskurs in Polen? Inwieweit wird die UPA dort überhaupt mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung gebracht? Das ist wieder eine provokante Frage, aber glaubst du, dass es überhaupt möglich wäre, dass die polnische Gesellschaft die UPA – und insbesondere den Erlass über die Verleihung des Ehrennamens „<em>Helden der UPA</em>“ – in einem anderen Licht betrachtet?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, die UPA ist ein Trigger. Es gibt solche Reizwörter, fast wie Zauberwörter. Für die Ukrainer ist das ähnlich emotional aufgeladen wie das Bild des an der polnischen Grenze ausgeschütteten ukrainischen Getreides. Die UPA ist ein emotionaler Trigger, der in der polnischen Gesellschaft fast ausschließlich negative Reaktionen hervorruft. Natürlich gab es viele Stimmen unter polnischen Liberalen und Linken, die der Gesellschaft zu erklären versuchten, dass sich diese Geste nicht gegen Polen richtete.</em></p>
<p><em>Ich persönlich glaube, dass es hier um ein bestimmtes Modell des Nationalismus geht, das sich gegen uns selbst wenden kann – gegen Polen ebenso wie gegen Ukrainer. Der integrale Nationalismus geht davon aus, dass man im Namen der Nation unschuldige Menschen, Zivilisten und Angehörige nationaler Minderheiten töten darf.</em></p>
<p><em>Ich glaube nicht, dass man die UPA ausschließlich mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung bringen kann. Vielleicht tragen daran auch die polnischen Liberalen und Linken eine gewisse Mitschuld, die behauptet haben, die Unterstützung für die UPA sei in der Ukraine ein Randphänomen. Aber dann stellt sich die Frage: Wenn die polnische Gesellschaft früher erkannt hätte, dass die Unterstützung für die UPA in der Ukraine zum Mainstream gehört, wäre die Bereitschaft, der Ukraine 2022 zu helfen und sie zu unterstützen, ebenso groß gewesen? Ich weiß es nicht.</em></p>
<p><em>Ich weiß auch nicht, wie sich der ukrainische Kanon, in dem die UPA einen Platz hat, mit dem polnischen Kanon vereinbaren lässt, zu dem Katyn, der Warschauer Aufstand und Wolhynien gehören. Nachdem der ukrainische Präsident Petro Poroshenko 2015 </em><a href="https://zakon.rada.gov.ua/laws/show/314-19#Text"><em>das Gesetz „Über den rechtlichen Status und die Ehrung des Andenkens der Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“</em></a><em> unterzeichnet hatte, das unter anderem die Kämpfer der Karpaten-Sitsch, der UVO, der OUN und der UPA als Unabhängigkeitskämpfer anerkennt, reagierte Polen mit einem </em><a href="https://isap.sejm.gov.pl/isap.nsf/DocDetails.xsp?id=WMP20160000726"><em>Beschluss des Sejm „Zum Gedenken an die Opfer des von ukrainischen Nationalisten in den Jahren 1943–1945 an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik verübten Völkermords“</em></a><em>.</em></p>
<p><em>So werden diese Beschlüsse ständig gegeneinander ausgespielt – eine Reaktion auf die nächste, immer im Kreis. Ich glaube, jetzt wird es wieder genauso sein. Die Regierung Tusk hatte die staatliche Finanzierung eines geplanten </em><a href="https://www.gov.pl/web/obrona-narodowa/wicepremier-w-kosiniak-kamysz-utworzymy-muzeum-pamieci-ofiar-rzezi-wolynskiej"><em>Museums zum Wolhynien-Massaker in Chełm</em></a><em> zunächst gestoppt, das die Partei Recht und Gerechtigkeit eröffnen will. Aber wenn nun zum Beispiel ein Roman-Shukhevych-Museum entsteht, werden die Polen sagen: „Warum dürfen wir kein Museum zum Wolhynien-Massaker errichten, wenn sie ein </em><a href="https://www.karpaty.info/en/uk/lv/lw/lviv/museums/shukhevych/"><em>Roman-Shukhevych-Museum</em></a><em> haben?“ Und das wird den Konflikt nur weiter verschärfen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Roman-Shukhevych-Museum in Lwiw ist eine lokale Initiative und untersteht dem Stadtrat. Es handelt sich nicht um ein staatliches, sondern um ein lokales Projekt, was die Situation angesichts der Wahl von Ort und Zeitpunkt noch komplizierter macht.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, aber </em><a href="https://www.kyivpost.com/post/79357"><em>das Pantheon</em></a><em> ist bereits eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Pantheon ist tatsächlich ein Projekt von nationaler Bedeutung. Die Werchowna Rada hat vor Kurzem für seine Errichtung gestimmt. Und die einzige öffentlich geäußerte kritische Stimme, die ich wahrgenommen habe, war <a href="https://ukrainesolidaritycampaign.org/2026/06/03/andriy-melnyk-leader-of-the-organization-of-ukrainian-nationalists/">die von John-Paul Himka</a>.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich kann mich nicht zu Entscheidungen äußern, die die Ukraine im eigenen Land trifft. Aber ich kann sagen, dass es in Polen zahlreiche kritische Biografien über Roman Dmowski gibt. Polnische Liberale und Linke kritisieren ihn ständig. Ich habe </em><a href="https://oko.press/strajk-kobiet-zawiesil-tablice-ronda-praw-kobiet-policja-zablokowala-ludzi-a-ludzie-radiowoz"><em>am Frauenstreik</em></a><em> teilgenommen und mich dafür eingesetzt, dass der Roman-Dmowski-Kreisverkehr (Rondo Romana Dmowskiego) in Kreisverkehr der Frauenrechte (Rondo Praw Kobiet) umbenannt wird.</em></p>
<p><em>Ähnlich war es am ukrainischen Unabhängigkeitstag – übrigens hat kein einziges ukrainisches Medium darüber berichtet, ich weiß nicht, warum. Damals wurde ein Marsch der von Grzegorz Braun geführten rechtsextremistischen, antisemitischen und antiukrainischen Konfederacja Korony Polskiej (Konföderation der Polnischen Krone) </em><a href="https://www.rmf24.pl/regiony/warszawa/news-stop-inwazji-czy-polska-dla-wszystkich-demonstracje-w-warsza,nId,8013597"><em>blockiert</em></a><em>. Ich war ebenfalls dort. Wir blockierten den Marsch, damit seine Teilnehmer nicht bis zu dem ukrainischen Konzert gelangen konnten. Dort waren ausschließlich Polen. Ukrainer gingen zwar vorbei, aber sowohl der Marsch als auch seine Blockade waren Teil eines innerpolnischen Konflikts.</em></p>
<p><em>In der Ukraine berichten die Medien, genau wie in Polen, vor allem über die Rechte. Was </em><a href="https://holka.org.ua/en/deputy/volodymyr-viatrovych/"><em>Volodymyr Viatrovych</em></a><em> sagt, wird von allen zitiert. Was </em><a href="https://instytutpileckiego.pl/en/instytut/rada-naukowa/prof-dr-hab-grzegorz-motyka?setlang=1"><em>Grzegorz Motyka</em></a><em> sagt, ebenso. Aber wir Frauen … Ich ging als polnische Staatsbürgerin zur Blockade des Braun-Marsches, weil ich mit einem Nationsverständnis nicht einverstanden bin, das auf Hass aufgrund nationaler Zugehörigkeit beruht – auch auf Hass gegen Ukrainer. Denn wenn niemand protestiert, bedeutet das, dass alle dieses Modell akzeptieren.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Lass uns zum Abschluss darüber sprechen, was Hoffnung macht. Nachdem Karol Nawrocki Volodymyr Zelenskyyj den Orden des Weißen Adlers aberkannt hatte, begannen viele Menschen in den sozialen Medien symbolisch ihre eigenen Medaillen, Auszeichnungen und anderen Ehrungen „<em>zurückzugeben</em>“. In diesem Zusammenhang hast du mehrere Beiträge über Dinge veröffentlicht, die du unter keinen Umständen zurückgeben willst …</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Meine persönlichen Orden.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich erinnere mich an eine Matratze von deinem Historikerkollegen aus Lwiw, an eine Kosakenfigur von einer Studentin und an eine Postkarte von befreundeten Freiwilligen, die in deiner Wohnung lebten. Diese war im Winter und Frühjahr 2022 zu einer regelrechten Koordinationszentrale für humanitäre Hilfe geworden. Können persönliche Beziehungen die Folgen autoritärer Tendenzen in der Weltpolitik überwinden, die wiederum auch Wissenschaft und öffentliche Debatten beeinflussen? Was braucht es dafür? Vielleicht etwas kritisches Denken und Empathie. Aber was noch?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, ich habe die Matratze bei meinem Kollegen gelassen und ihm gesagt, er solle sie nicht zurückgeben. Dafür schenkte er mir eine Grafik, die ich ebenfalls nicht zurückgeben werde. Ich habe eine ganze Menge solcher kleinen Erinnerungsstücke von Freunden, von Menschen, die bei mir gewohnt haben oder denen ich geholfen habe. Und das ist sehr schön. Hier, siehst du, hängen am Schrank Zeichnungen von Kindern aus Zhovkva.</em></p>
<p><em>Ich freue mich, dass ich mit diesem Beitrag meine Haltung zeigen konnte. Ein bisschen wollte ich mich, weißt du, auch über kleingeistige Politiker lustig machen. Zelenskyj hat diesen Orden nicht wegen Wolhynien erhalten, sondern weil er Präsident eines Landes ist, in dem wirkliche Menschen gegen ein wirkliches Übel kämpfen.</em></p>
<p><em>Für mich sind meine Freunde, Bekannten und Kollegen in der Ukraine die wirklichen Orden – und all das, was wir gemeinsam tun können. Ich schätze es sehr, dass ich, wenn ich in die Ukraine komme, immer bei jemandem zu Hause übernachte und nicht in einem Hotel. Ich wünsche mir sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt. Meine Freunde in der Ukraine sind mir außerordentlich wichtig. Ich bin ihnen für alles sehr dankbar.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im August 2026. Die ukrainische Fassung erschien unter dem Titel <a href="https://commons.com.ua/uk/rozmova-pro-masovi-vbyvstva-na-volyni-1943-1945/">„Shliakh do prymyrennia mozhlyvyi lyshe pislia zasudzhennia zlochyniv“: rozmova podruh pro masovi vbyvstva na Volyni u 1943–1945 rokakh“</a> in der Online-Zeitschrift Spilne/Commons am 11. Juli 2026. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Pavlo Shopin, Drahomanov-Universität). Internetzugriffe zuletzt am 27. Juli 2026. Titelbild: <a href="https://tysol.pl/wiadomosci/chelm-upamietni-sprawiedliwych-ukraincow,176539#goog_rewarded">Exhumierung der Opfer aus Massengräbern im Dorf Wola Ostrowiecka im Kreis Luboml in Wolhynien, 1992</a>. Foto: Archiv des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (AIPN), Public Domain.)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2026 07:18:23 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</strong></h1>
<h2><strong>Wolhynien und geostrategische Imperative</strong></h2>
<p>Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „<em>Helden der UPA</em>“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als Opfer verurteilt. Der polnische Präsident Karol Nawrocky entzog seinem ukrainischen Amtskollegen den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Wolodymyr Selenskyj schickte den Orden umgehend zurück. Dies taten auch mehrere andere ukrainische Politiker, darunter drei frühere Staatspräsidenten der Ukraine.</p>
<p>Während die ukrainische Öffentlichkeit über die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, einer Militäreinheit den Ehrennamen „<em>Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)</em>“ zu verleihen, geteilter Meinung war, stieß die Entscheidung Nawrockis, dem ukrainischen Staatsoberhaupt den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, in der Ukraine auf nahezu einhellige Ablehnung. Ein Krieg um das Überleben der Nation ist für die Ukrainer wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um die ganze Komplexität ihrer konfliktreichen Geschichte zu erklären. Ebenso wenig ist er für die Polen der richtige Zeitpunkt, die lebenswichtige Unterstützung zu untergraben, die ihr Land der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression gewährt.</p>
<h3><strong>Ein vergifteter Diskurs</strong></h3>
<p>Vor einigen Tagen wurde in der Weichsel bei Warschau die Leiche eines ukrainischen Jugendlichen gefunden. Nach Angaben der polnischen Behörden gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Der Junge war offenbar von der tückischen Strömung mitgerissen worden. An dem Vorfall selbst war wenig Außergewöhnliches, denn in Polen, der Ukraine und anderen Teilen der Welt fallen immer wieder Hunderte Menschen der Gewalt der Natur und ihrer eigenen Schwäche oder Unvorsichtigkeit zum Opfer. Außergewöhnlich war in diesem Fall – wie auch in mehreren ähnlichen Fällen – vielmehr die eigentümliche Aufregung in den sozialen Medien, gleichermaßen auf ukrainischer und auf polnischer Seite. Beide Sprachen ähneln einander genug, um eine zweisprachige Debatte zu ermöglichen. Ein gegenseitiges Verständnis ist damit allerdings nicht unbedingt verbunden.</p>
<p>In den Kommentaren zeichnen sich zwei entgegengesetzte Narrative ab. Sie sind so deutlich und so vehement, dass kaum Zweifel an der Beteiligung russischer Trolle an der zunehmend provokanten Auseinandersetzung bestehen. Wie in den meisten vergleichbaren Fällen bemühen sie sich keineswegs um Aufklärung, sondern versuchen vielmehr, das Wasser zu trüben, Hass zu schüren und Misstrauen zu vertiefen. Auf ukrainischer Seite suggerieren sie, die polnischen Behörden verheimlichten die Wahrheit und deckten die Täter eines Verbrechens. Auf polnischer Seite beschränken sie sich auf Verleumdungen und Beschimpfungen. Jede Nachricht über einen toten oder zusammengeschlagenen Ukrainer wird mit Schadenfreude, Beifall und hämischem Jubel aufgenommen: „<em>Geschieht ihm recht!</em>“, „<em>Die sollen sich verpissen!</em>“, „<em>Sollen sie doch alle dorthin gehen!</em>“</p>
<p>Erstaunlicherweise schenken Googles Kontrollinstanzen, die im ukrainischen Internet ziemlich aufmerksam auf vermeintliche oder tatsächliche Beleidigungen Russlands und der Russen reagieren, der grassierenden antiukrainischen Hassrede in Polen nur wenig Beachtung. Dies ist wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass ein solcher fremdenfeindlicher Diskurs in der polnischen Gesellschaft normalisiert und weitgehend gesellschaftsfähig geworden ist. Der scheinbar nebensächliche Fall eines ertrunkenen ukrainischen Jungen und die folgende hässliche Debatte veranschaulichen die tiefe Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen – nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern bedauerlicherweise auch an der gesellschaftlichen Basis. Das Problem besteht jedoch nicht allein darin, dass große Teile der polnischen Gesellschaft in unterschiedlichem Maße fremdenfeindliche Ansichten vertreten. Es liegt auch darin, dass sich der vernünftige Teil der Gesellschaft gegenüber den aggressiven Ukrainophoben auffällig zurückhält, während es die liberale Regierung versäumt, die rechtlichen Mittel gegen solch grassierende Hassrede konsequent anzuwenden. Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass eine derart ungehemmte Rhetorik gegen irgendeine Bevölkerungsgruppe – insbesondere gegen Juden – in einer demokratischen Gesellschaft geduldet würde.</p>
<p>Die jüngsten symbolischen Gesten ukrainischer wie polnischer Politiker haben offensichtlich zu einer weiteren Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen beigetragen und den Gegensatz zwischen den wechselseitigen Fehlwahrnehmungen der gemeinsamen Vergangenheit und den gegenwärtigen Entwicklungen in beiden Gesellschaften weiter verschärft.</p>
<h3><strong>Düstere Schatten Wolhyniens</strong></h3>
<p>Die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, wurde 1942/43 in der Westukraine von der bereits vor dem Krieg im Untergrund tätigen Organisation Ukrainischer Nationalisten gegründet. Ihr erklärtes Ziel bestand darin, sämtliche Besatzungsmächte auf ukrainischem Boden – vor allem die Sowjets und die Deutschen – zu bekämpfen und die unvermeidlichen Nachkriegswirren sowie das erwartete Machtvakuum zu nutzen, um den lang gehegten Traum von einem unabhängigen ukrainischen Staat zu verwirklichen. Man stellte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger nach dem Muster des Endes des Ersten Weltkriegs vor: 1918 hatten ukrainische Nationalisten auf den Trümmern des Habsburgerreiches eine unabhängige Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, waren letztlich jedoch den weitaus stärkeren und besser vorbereiteten Polen unterlegen.</p>
<p>Dieses historische Trauma und die falsche Analogie zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bestimmten in hohem Maße ihre spätere Politik und ihre Fehlkalkulationen. Einerseits weigerten sie sich, die Legitimität der polnischen Herrschaft über die westukrainischen Gebiete anzuerkennen – insbesondere nachdem die Polen ihr Versprechen gebrochen hatten, den Ukrainern in ihrem neu gegründeten beziehungsweise aus ukrainischer Sicht wiedererrichteten Staat Autonomie zu gewähren. Andererseits setzten die radikalsten Gruppierungen auf die damals in Europa recht populäre „<em>integrale</em>“, also totalitäre Spielart des Nationalismus. Sie suchten opportunistische Bündnisse mit revisionistischen Mächten der Zwischenkriegszeit, die die internationale Ordnung infrage stellten, um den Ukrainern ein Zeitfenster für den Aufbau eines unabhängigen Staates zu eröffnen.</p>
<p>1929 gründeten Veteranen der nationalen Befreiungskriege von 1918 bis 1920 aus der Zentral- und der Westukraine die im Untergrund tätige Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die schon bald unterschiedlichste Sabotage- und Terrorakte gegen den polnischen Staat verübte. Dadurch verschlechterte sich die Lage der ukrainischen Minderheit nur noch weiter, zumal die polnische Regierung zunehmend diskriminierend und repressiv vorging. 1943/44 gipfelte die tief verwurzelte polnisch-ukrainische Feindschaft in einer von der UPA angeführten ethnischen Säuberung der polnischen Bevölkerung in der westukrainischen Region Wolhynien. Dabei wurden etwa 80.000 polnische Zivilisten getötet, nachdem sie sich erwartungsgemäß geweigert hatten, das Gebiet auf ein Ultimatum der UPA hin zu verlassen. Doch auch auf ukrainischer Seite forderte der Konflikt einen hohen Blutzoll: Rund 30.000 ukrainische Zivilisten wurden bei sogenannten Vergeltungsaktionen, nicht selten bei „<em>präventiven Vergeltungsaktionen</em>“ der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa, und verschiedener Selbstverteidigungseinheiten ermordet.</p>
<p>Die gesamte Geschichte ist Fachleuten wohlbekannt, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit, der über Jahrzehnte systematisch einseitige nationalistische Darstellungen dieser historischen Tragödie vermittelt wurden. Daher überrascht es kaum, dass die massiv dämonisierte UPA und sämtliche ihrer Anführer als Todfeinde der polnischen Nation gelten und im öffentlichen Diskurs wie in der kollektiven Vorstellung häufig mit den deutschen Nationalsozialisten gleichgesetzt werden. Das Verhältnis der UPA zu den deutschen Besatzungsbehörden war – anders als die frühere taktische Zusammenarbeit bestimmter OUN-Kreise mit Deutschland – vielfach feindselig und von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. 1941 verhafteten die Deutschen Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko und zahlreiche weitere führende Mitglieder der OUN; einige Nationalisten wurden ermordet, andere in Konzentrationslager deportiert.</p>
<p>Die ukrainische Sicht auf die OUN und insbesondere auf die UPA unterscheidet sich erheblich von der polnischen Sicht. Obwohl die Ukrainer selbst während des Krieges wenig Neigung zu Diktatur und Autoritarismus zeigten und sich zunehmend von den antipolnischen „<em>Exzessen</em>“ der UPA in Wolhynien distanzierten, würdigen sie deren Kampf gegen Deutsche und Sowjets als Beispiel für patriotischen Widerstand, Selbstaufopferung und unbeirrbaren Einsatz für die nationale Sache. Sie stimmen darin überein, dass Kriegsverbrechen verurteilt und die Täter bestraft werden müssen. Dies sollte sich jedoch auf konkrete Einheiten, Befehlshaber und Täter beziehen und nicht auf die gesamte Untergrundarmee und die gesamte nationale Widerstandsbewegung. Eine solch differenzierte und historisch kontextualisierte Sicht auf die UPA entwickelte sich in der Ukraine mit der Zeit, kollidierte aber mit der vorherrschenden sowjetischen Dämonisierung des „<em>ukrainischen Nationalismus</em>“, die der in Polen dominierenden Sichtweise ähnelt.</p>
<p>Tatsächlich sorgten die russische Invasion von 2014 und vor allem der Großangriff von 2022 dafür, dass das UPA-Narrativ von nationalem Widerstand und patriotischer Selbstaufopferung in der gesamten Ukraine hochaktuell wurde, weit über die als „<em>nationalistisch</em>“ geltenden westlichen Regionen hinaus. Die von Moskau so verhassten Symbole der UPA und die Namen ihrer Anführer fanden zunächst in der Zentralukraine und allmählich auch im stark russifizierten Südosten Verbreitung. Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, der Eliteeinheit der Armee den Namen „<em>Helden der UPA</em>“ zu verleihen, ging mit Sicherheit nicht auf seine eigene Initiative zurück und spiegelte wahrscheinlich auch keine persönliche Bewunderung für die UPA wider. Wie die meisten Ostukrainer weiß Selenskyj über die UPA kaum mehr als das, was ihm die heute vollständig diskreditierte, gehässige sowjetische Propaganda vermittelt hat. Vielmehr kam er damit bereitwillig einem von der Militäreinheit selbst geäußerten Wunsch nach. Das Problem besteht jedoch darin, dass der ukrainische Heldenmythos um die UPA frontal auf den in Polen entwickelten dämonischen Mythos derselben Organisation prallt. In beiden Ländern werden diese Mythen politisch instrumentalisiert, in der Ukraine zur Mobilisierung gegen den äußeren, russischen Feind, in Polen dagegen zur Mobilisierung der eigenen Wählerschaft gegen innenpolitische, liberale und kosmopolitische Gegner.</p>
<h3><strong>Politisches Kapital des Nationalismus</strong></h3>
<p>Karol Nawrocki, der die Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr vor allem mit Unterstützung rechtsextremer und ultranationalistischer Wähler gewann, scheint sich der Wirksamkeit dieses Instruments sehr wohl bewusst zu sein. Wahrscheinlich reagierte er deshalb so aggressiv auf Selenskyjs Fehltritt: Er verurteilte nicht nur dessen unglückliche Entscheidung, sondern drohte auch damit, ihm den von seinem Amtsvorgänger verliehenen Orden abzuerkennen. Da Selenskyj dieser Erpressung erwartungsgemäß nicht nachgab, blieb Nawrocki kaum etwas anderes übrig, als seine Drohung wahr zu machen. Dadurch verschärfte sich der Konflikt weiter. Selenskyj schickte den Orden seinem polnischen Amtskollegen per Post zurück, und zahlreiche weitere ukrainische Amtsträger – darunter drei ehemalige ukrainische Präsidenten, die keineswegs zu Selenskyjs Freunden zählen – folgten seinem Beispiel.</p>
<p>Der Streit schien weiter zu eskalieren, als Wolodymyr Selenskyj den üblichen Abflugort für seine Auslandsreisen vom polnischen Rzeszów ins moldauische Chișinău verlegte, der hochrangigen Ukraine Recovery Conference in Danzig vom 25. und 26. Juni fernblieb und stattdessen Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko mit der Leitung der ukrainischen Delegation beauftragte. Zugleich legte er dem Parlament <a href="https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/06/28/8041492/">einen Gesetzentwurf über das Nationale Pantheon der Ukraine</a> vor und erklärte unmissverständlich: „<em>Die Namen aller Helden, die in verschiedenen Jahrhunderten und Epochen für die Ukraine gekämpft und die Ukraine inspiriert haben, werden zusammengeführt und für immer mit großem Anfangsbuchstaben in unserer Geschichte verankert werden – mit großem Respekt und großer Aufmerksamkeit seitens des Staates – einer Ukraine, die sich selbst achtet, ihre Menschen schätzt und das Eigene verteidigt – ihr Recht, ukrainisch zu sein. Einer Ukraine, <strong>in der uns niemand jemals vorschreiben wird, wie wir leben, wie wir sprechen, wen wir lieben, wem wir dankbar sein sollen oder welche Helden wir ehren sollen</strong>.</em>“ (Hervorhebung von M. R.)</p>
<p>Nawrockis Präsidialamt reagierte umgehend und verschärfte den Ton noch weiter. „<em>Hat die ukrainische Gesellschaft jemals darüber nachgedacht, ob ihre kleptokratischen Eliten tatsächlich der Europäischen Union beitreten wollen?</em>“, schrieb Marcin Przydacz, Leiter des Büros für Internationale Politik des polnischen Präsidenten, auf X.</p>
<p>„<em>Oder ist es vielleicht leichter</em>“, fuhr er in einem beißenden Ton fort, der an russische Propaganda im Stile von Putins Pressesprecherin Maria Sacharowa oder des stellvertretenden Leiters des Sicherheitsrats Dmitri Medwedew erinnerte, „<em>im Schutz trüber Verhältnisse zu stehlen – die Menschen mit dem Versprechen eines prowestlichen Kurses zu ködern und zugleich allen anderen die Schuld an den ausbleibenden Fortschritten in den Verhandlungen zuzuschieben? Natürlich ist es einfacher, historische Spannungen zu provozieren und zu schüren </em>[!]<em>, damit man sich nicht für das Ausbleiben von Reformen, für den fehlenden wirksamen Kampf gegen die Korruption, für das Ausbleiben einer wirklichen Deoligarchisierung, für das Ausbleiben wirklicher Verbesserungen für Unternehmer, für die mangelnde Rechtsstaatlichkeit, für den mangelnden Ausbau der Infrastruktur und für vieles andere verantworten muss, was diese Eliten in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zustande gebracht haben … Wollen sie </em>[der EU]<em> wirklich beitreten, oder verbreiten sie lediglich Lügen und täuschen ihre eigenen Wähler, die von einer solchen Regierung zunehmend enttäuscht sind?</em>“</p>
<p>Die Vertreter der Europäischen Union haben sich bislang aus diesem „<em>diplomatischen</em>“ Schlagabtausch herausgehalten, während der Kreml hämisch frohlockt und Beifall spendet, so wie auch seine Trolle den Streit im Internet feiern. Bisher haben lediglich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Außenminister Radosław Sikorski, beide politische Gegner Nawrockis, ihre Stimme erhoben und zur Zurückhaltung aufgerufen. Sie erinnerten daran, dass Krieg herrsche und dass jeder derartige Konflikt Moskau in die Hände spiele. In der ukrainischen Gesellschaft, die dem Nachbarland und seiner Bevölkerung nach wie vor überwiegend positiv gegenübersteht, fand dieser Appell großen Anklang. Noch ist jedoch ungewiss, ob die ukrainischen Politiker auf Fachleute und Intellektuelle hören und ihre provokativen Gesten und ihre Rhetorik mäßigen werden.</p>
<p>Noch weniger ist abzusehen, ob all dies irgendeinen Eindruck auf den polnischen Präsidenten machen wird. Seine gesamte politische Laufbahn – von seiner umstrittenen Übernahme der Leitung des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig und seiner Leitung des berüchtigten Instituts für Nationales Gedenken bis zu seinem Wahlsieg im vergangenen Jahr, den er mit starker Unterstützung rechtsextremer Nationalisten und Neofaschisten errang – war von narzisstischem Chauvinismus, konfrontativer Rhetorik und wohlkalkulierter Ukrainophobie geprägt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Weg fortsetzt, der ihm bereits Erfolge gegen seine liberalen Rivalen eingebracht hat, und dabei die polnische Gesellschaft mit Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und historisch genährtem Ressentiment vergiftet.</p>
<p>Von moralischen Einwänden einmal abgesehen, zahlt sich eine solche Politik offenbar aus. <a href="https://www.gazetaprawna.pl/wiadomosci/kraj/artykuly/11268262,nowy-ranking-zaufania-politykow-mocny-awans-i-jeszcze-wiekszy-spadek.html">Die jüngste Meinungsumfrage</a> verzeichnet einen Anstieg der Popularität des Präsidenten um 8,4 Prozentpunkte – von 46,4 auf 54,8 Prozent –, nachdem seine Zustimmungswerte seit seinem Amtsantritt langsam, aber stetig gesunken waren. Dieses Ergebnis garantiert ihm und seiner Partei noch keinen Sieg bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr, belegt jedoch eindeutig, dass der Nationalismus nach wie vor ein wirksames Instrument politischer Mobilisierung ist. Seine gemäßigten Rivalen, die auf antiukrainische Anschuldigungen verzichteten, schnitten in derselben Umfrage deutlich schlechter ab. Nur 38 Prozent der Befragten erklärten, Ministerpräsident Donald Tusk zu vertrauen, während 58 Prozent ihm misstrauten; bei Radosław Sikorski waren es 42,6 gegenüber 51 Prozent. Diese Ergebnisse überraschen kaum, denn <a href="https://www.polsatnews.pl/wiadomosc/2026-06-25/polacy-o-relacjach-z-ukraina-wiekszosc-obwinia-zelenskiego">einer weiteren Umfrage</a> zufolge machen die Polen mit überwältigender Mehrheit Wolodymyr Selenskyj und nicht Karol Nawrocki für die gegenwärtige Krise verantwortlich: 62 gegenüber 19 Prozent.</p>
<p>Der Historiker Sławomir Łukasiewicz, Professor an der Katholischen Universität Lublin (KUL), <a href="https://wiez.pl/2026/06/24/zapasc-zaufania-na-linii-polska-ukraina">wirft eine interessante Frage</a> nach dem Zeitpunkt von Nawrockis Angriff auf: Warum begann er ausgerechnet jetzt, im Mai und Juni, obwohl es zuvor mehrere ebenso geeignete Gelegenheiten gegeben hatte, die „<em>antibanderistische</em>“ Karte auszuspielen? Im Januar dieses Jahres benannte Wolodymyr Selenskyj eine weitere Einheit der ukrainischen Streitkräfte, das 190. Ausbildungszentrum der Truppen für unbemannte Systeme der Streitkräfte der Ukraine, nach Wassyl Kuk, dem letzten Oberbefehlshaber der UPA. Im März billigte die Regierung den Bau des Nationalen Pantheons und organisierte dort schließlich die Umbettung Andrij Melnyks, des Anführers der rivalisierenden OUN-Fraktion, der 1964 in Luxemburg gestorben war. Wolodymyr Selenskyj, der an der offiziellen Zeremonie teilnahm, betonte die „<em>historische Kontinuität</em>“ zwischen der UPA und den heutigen ukrainischen Streitkräften, die „<em>heldenhaft</em>“ gegen denselben Feind kämpfen. Außerdem kündigte er die künftige Umbettung von Jewhen Konowalez an, des Gründers und seit 1929 amtierenden Anführers der OUN, der 1938 in Rotterdam von einem sowjetischen Agenten ermordet worden war. Nichts davon löste in Warschau größere Aufregung aus; erst im Mai thematisierte Karol Nawrocki Selenskyjs Fehltritt.</p>
<p>Möglicherweise hatte Nawrocki schlicht den Rückgang seiner Zustimmungswerte bemerkt und beschlossen, diese im Vorfeld der Parlamentswahl des kommenden Jahres mit dem bewährten Mittel öffentlicher Angriffe auf die Ukraine und die UPA wieder zu steigern, wie Łukasiewicz andeutet. Es könnte jedoch auch an der Formulierung gelegen haben: Die Namen Kuk, Melnyk oder Konowalez sagen einem durchschnittlichen Polen ohne weitere Erläuterung wenig, während das Kürzel „<em>UPA</em>“ wie ein rotes Tuch wirkt. Wird es zudem mit dem Wort „<em>Helden</em>“ verbunden – statt mit Banditen, Teufeln oder Verbrechern –, stellt dies den Mythos von der UPA als Verkörperung des ursprünglichen Bösen radikal infrage.</p>
<p>Jedenfalls ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich ein populistischer Politiker dieses Typs mit etwas Geringerem als der vollständigen und bedingungslosen Übernahme der radikalen polnischen Version der gemeinsamen Geschichte zufriedengeben wird. Dies liegt weit außerhalb von Selenskyjs Macht und wäre selbst in Polen kaum vollständig zu erreichen. Was die Ukrainer in dieser schwierigen Lage tatsächlich tun können, ist daher nicht, den polnischen Präsidenten zu beschwichtigen – was ohnehin vergeblich wäre –, sondern ihm nach Möglichkeit keine zusätzlichen Trümpfe für seinen Kampf gegen seine innenpolitischen „<em>Feinde</em>“ zuzuspielen: die amtierende liberale Regierung unter Donald Tusk und ihren gemäßigten und verantwortungsbewussten Außenminister Radosław Sikorski.</p>
<p>Die traurige Wahrheit lautet, dass Liberale, die an die Vernunft und den Bürgersinn der Menschen appellieren, bei freien Wahlen häufig Radikalen unterliegen, die die Emotionen und elementaren Instinkte der Menge ansprechen. Eine neue rechtsextreme Koalition, die im kommenden Jahr in Polen an die Macht gelangen könnte, wäre für die Ukraine womöglich noch verheerender als Nawrocki selbst.</p>
<h3><strong>Das Wichtigste zuerst: Überleben</strong></h3>
<p>Selenskyj mag unerfahren sein, doch er besitzt eine gute Intuition und scheint schnell zu lernen. Spätestens nach dem Eklat mit Trump und Vance im Oval Office im vergangenen Jahr und nachdem er des Weißen Hauses verwiesen worden war, begriff er rasch und zutreffend, dass Solidarität, Gerechtigkeit, internationales Recht und demokratische Werte in Trumps Welt schlicht nicht existieren und es daher sinnlos ist, sich auf sie zu berufen oder auf sie zu vertrauen. Er hat gelernt, wie er mit Trump umgehen muss, und vielleicht wird er auch lernen, wie er mit Nawrocki umzugehen hat – obwohl dies schwieriger sein dürfte, denn Nawrocki ist nicht nur narzisstisch, sondern auch ideologisch getrieben. Schlimmer noch: Die Ukraine – das heißt der dämonisierte, als urwüchsig dargestellte und essentialisierte „<em>ukrainische Nationalismus</em>“ – scheint im Zentrum seiner eigentümlichen Ideologie der Hexenjagd zu stehen.</p>
<p>Ukrainische Amtsträger wären gut beraten, in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung um die hochkomplexe, verworrene und umstrittene Geschichte der UPA Zurückhaltung zu üben und ihre Erforschung den Historikern, die Beurteilung der mutmaßlichen Verbrechen den Juristen sowie die Würdigung und das Gedenken den lokalen Gemeinschaften zu überlassen – vorzugsweise nichtstaatlichen Akteuren. Dafür sprechen sowohl normative als auch praktische Gründe.</p>
<p>In normativer Hinsicht passt die Verherrlichung der UPA heute nicht zu unserem ideologischen Selbstverständnis. Ebenso wenig entspricht sie unserer Vorstellung von akzeptablen politischen Praktiken. Ihre vorbehaltlose Heroisierung und pauschale Reinwaschung sind ebenso falsch und verfehlt wie ihre pauschale Dämonisierung und Verunglimpfung. Die Geschichte ist zu komplex und zu nuancenreich, als dass sie ohne ausführliche Erläuterung, Klärung und historische Kontextualisierung verstanden werden könnte. Selbst Ukrainer erfassen sie womöglich nicht vollständig – ganz zu schweigen von Ausländern, die im besten Fall nichts über die Ukraine wissen, häufiger jedoch „<em>irgendetwas gehört</em>“ haben, das sich letztlich auf russischen Propagandamüll und westliche orientalisierende Klischees reduzieren lässt.</p>
<p>In praktischer Hinsicht verfügen die Ukrainer weder über die Zeit noch über die Mittel, sämtliche Stereotype zu bekämpfen und all die Zusammenhänge und Nuancen zu erklären, die den meisten Menschen unbekannt sind und mit denen sie sich gewöhnlich auch gar nicht befassen wollen. Mit Stereotypen zu leben ist bequem, zu lernen ist anstrengend, und vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen erfordert Mühe. Dies ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe, für die die verarmte und blutende Ukraine keine Kräfte erübrigen kann.</p>
<p>Für die Ukrainer hat eindeutig Vorrang, den genozidalen Krieg zu überleben, den Russland gegen sie als Nation führt. Überleben bedeutet unter anderem, knappe Ressourcen nicht für zweitrangige Angelegenheiten und derzeit unlösbare Probleme zu vergeuden. In diesem tödlichen Kampf sind die Ukrainer in hohem Maße auf ihre Freunde und Partner angewiesen. Sie sollten diese weder durch tatsächliche noch durch vermeintliche Respektlosigkeit vor den Kopf stoßen. Das Wichtigste zuerst – alles andere kommt später, nach dem Krieg.</p>
<p><strong>Mykola Riabchuk</strong>, Kyjiw</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykola_Rjabtschuk">Der Autor</a> ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des <a href="https://pen.org.ua/en">PEN Ukraine</a>, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der <a href="https://www.nas.gov.ua/UA/Pages/default.aspx">Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine</a>. 2014–2023 war er Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteleurop%C3%A4ischer_Literaturpreis_Angelus">Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas</a>. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden.</p>
<p>Eine englische Fassung des Beitrags wurde unter dem Titel <a href="https://desk-russie.info/2026/07/07/mnemonic-wars-and-geostrategic-imperatives.html">„Mnemonic Wars and Geostrategic Imperatives“</a> am 7. Juli 2026 auf Russian Desk veröffentlicht. Pavlo Shopin übersetzte ins Deutsche.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2026. Titelbild: Wolodymyr Selenskyj legt am 19. Dezember 2025 im Sejm in Warschau einen Kranz am Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen polnischen Parlamentarier nieder. Quelle: <a href="https://www.president.gov.ua/news/volodimir-zelenskij-proviv-zustrich-iz-karolem-navrockim-u-v-102101">Offizielle Website des Präsidenten der Ukraine</a>.)</p>
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		<title>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 05:51:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel „Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen  [...]</p>
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<h1><strong>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds </strong></h1>
<h2><strong>Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel</strong></h2>
<p><em>„Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen Tafeln, die an die <u>Opfer der deutsch-faschistischen Eroberer</u> erinnerten. Seit dem Sommer 1943 hatte das JAK Dokumente über die Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion gesammelt. Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann gelang es dennoch nicht, ein geplantes <u>Schwarzbuch</u> zu veröffentlichen. Die Argumentation war die übliche: Das Schicksal der Juden darf gegenüber dem einfachen sowjetischen Bürger nicht hervorgehoben werden. Das spezifische Leid der Juden während des Zweiten Weltkriegs wurde weder in den Schulen und Hochschule noch in der Kunst thematisiert.“ </em>(<a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/die_drei_leben_des_meir_schwartz">Anja Schindler, Die drei Leben des Meir Schwartz – Das Schicksal meines Vaters</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2018)</p>
<p>Spuren, Geräusche, Schatten, Bilder erscheinen in Alpträumen, lassen nicht mehr in Ruhe schlafen, verhindern Vergessen, belasten ein Leben lang. Menschen, die Schlimmstes erlebt haben, Deportation, Folter, Hunger und Zwangsarbeit, den Tod anderer Menschen, aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, erleben immer wieder, dass andere meinen, es müsste doch endlich einmal ein Schlussstrich gezogen werden, das sei doch alles <em>„Geschichte“ – </em>eine euphemistische Formel dafür, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Ob eine solche Formel die persönliche oder gar die kollektive Psyche tatsächlich entlastet, darf bezweifelt werden. Wäre sie erfolgreich, sodass letztlich nur die Überlebenden und ihre Nachgeborenen mit ihrem Leid, ihrer Erinnerung allein blieben, gäbe es nicht immer von Neuem eine Debatte darüber, warum nicht endlich einmal Schluss sein möge, mit all diesen Beschuldigungen, Erinnerungen, Aufrufen zum gemeinsamen Gedenken.</p>
<h3><strong>Gesteuerte Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p>Man mag in diesem Sinne den Namen „Buchenwald“ unterschiedlich belegen, als Ort der Shoah und des Terrors der Nazis gegen jede Opposition, als Gedenkstätte, die regelmäßig von Schulklassen aufgesucht wird, um dort mehr oder weniger freiwillig etwas über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu erfahren, oder auch als Ort einer staatlich gesteuerten Gedenk- und Geschichtspolitik, wie dies in DDR von Beginn an geschah. Buchenwald war der Ort, den Jugendliche vor allem aus dem Süden der DDR anlässlich ihrer Jugendweihe gemeinsam aufsuchten, um sich zum revolutionären und antifaschistischen Erbe der DDR zu bekennen. Der Besuch war Teil des Vorbereitungsjahres zur Aufnahme in die FDJ. Im Norden der DDR fuhr nach Sachsenhausen oder Ravensbrück.</p>
<p>Buchenwald war der ideologische und mystifizierte Ort, an dem sich sowjetisch-kommunistisches, antifaschistisches Gedenken über die vier Jahrzehnte der DDR kristallisierte. Ostdeutsche Unschuld stand westdeutscher Schuld gegenüber. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/deutschland-ns-vergangenheit-schweigen-familien-li.3499427">Gespräch vom 30. Juni 2026 mit der Süddeutschen Zeitung</a> sagte Ines Geipel: <em>„Im Osten gab es offiziell ja keine Nazi-Täter. Laut Staatsmythos hockten sie allesamt im Westen. Die DDR war damit ein lupenreines Opferkollektiv. Das war das große Entlastungsangebot der kommunistischen Staatspartei gegenüber der eigenen Bevölkerung. Bei Lichte besehen wurde es zur inneren DDR-DNA mit frappierender Langzeitwirkung. In der Realität jedoch waren mehr als 30 Prozent der Ostdeutschen am Kriegsende in Naziorganisationen gewesen, anderthalb Millionen in der NSDAP. Eine Belastung, die im Grunde die zweite deutsche Diktatur mit ermöglichte. Denn die kampferprobten, erfahrenen Kommunisten und SPDler aus der Weimarer Republik wurden oft genug durch Altnazis in der zwangsvereinten Partei ersetzt. Und Auschwitz? Das war einzig ein Problem des Westens.“ </em></p>
<p>Gefeiert und geehrt wurde der Widerstand der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald, während alle anderen, nicht zuletzt auch die dort inhaftierten und ermordeten Jüdinnen und Juden in der DDR mehr oder weniger aus dem offiziellen Gedenken verschwanden. Aber auch die kommunistischen Häftlinge mussten sich der DDR- und Parteiführung beugen, die das Exil in Moskau überlebt hatte und jede innerparteiliche Opposition, gleichviel ob real existent oder nur vermutet, auszuschließen bestrebt war. Dabei half den <em>„Moskauern“</em> die Verstrickung der im Lager inhaftierten Kommunisten in Kollaborationen mit der SS. Im Lager regelten sie interne Auseinandersetzungen mit der SS, nicht zuletzt indem sie in den sogenannten <em>„Spritzkommandos“ </em>mordeten. Der bekannteste Überlebende der Buchenwalder Kommunisten war Walter Bartel, den die DDR- und SED-Führung zur Ikone ihres Bildes vom heldenhaften kommunistischen Widerstand in Buchenwald machte.</p>
<div id="attachment_8154" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8154" class="wp-image-8154 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-768x1252.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1200x1956.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1256x2048.jpg 1256w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer.jpg 1514w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8154" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ines Geipel hat mehrfach, 2019 in <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/ines-geipel-umkaempfte-zone-9783608115185-t-1196">„Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“</a>, 2026 in <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> die Engführung von Erinnerungskultur in der DDR zum Thema gemacht. Am 19. März 2026 sprach sie bei der Vorstellung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse in einer Veranstaltung des Mitteldeutschen Rundfunks davon, es gebe <em>„eine Gravitation um diesen Ort“</em> und zitierte damit den Titel des ersten Kapitels: <em>„Gravitation in Kreisen“</em>. Sie sehe ihr Buch als eine Unterstützung der Gedenkstätten, die bei einer AfD-Regierung wohl geschlossen würden. Ein Motiv ihrer Recherchen und ihres Schreibens sie jedoch auch die Aussage gewesen, 1989 habe man der DDR auch noch den <em>„roten Antifaschismus genommen“</em>. Sie selbst schreibt als Nachfahrin von Tätern, des Vaters (in der DDR) und der Großväter (im NS-Deutschland). Sie kennt das Schweigen, Be- und Verschweigen in der Familie. Sie kennt die <em>„hochgradige Ambivalenz und Vielfalt der Opfer und die Vielfalt der Täter“</em>, in der NS-Zeit wie in der Zeit der SED-Herrschaft: <em>„Wir Ostdeutschen haben mit unserer belasteten Geschichte genauso eine Tätergeschichte wie der Westen.“</em></p>
<p>Manche versuchen, ihren Unwillen an einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Täterschaft oder der Täterschaft ihrer Vorfahren zu kompensieren, indem sie die Gruppe, der sie selbst angehören, heroisieren oder die öffentliche Aufmerksamkeit einfach auf ein anderes Erinnerungsfeld umlenken, das doch – so werden sie nicht müde zu betonen – viel dringlicher wäre. <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/rothberg_bpb_LESEPROBE.pdf"><em>„Multidirektionale Erinnerung“</em></a> lautet das von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in die Debatte eingeführte Zauberwort der Ab- und Umlenkung des Erinnerns. Jede Erinnerung hat selbstverständlich ihren Grund, ihre Berechtigung, doch gefährlich wird es, wenn Verbrechen gegeneinander aufgerechnet werden wie in den letzten Jahren die Verbrechen der Shoah mit den Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und eine Art Hierarchie der Opfer, Hierarchie des Gedenkens entstehen soll, die sich letztlich in dem Anliegen begründet, dass das schon so lange Erinnerte, konkret die Shoah, mit der Zeit doch aus der allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden möge.</p>
<p>So geschah es nach 1945 schon sehr früh im sowjetischen Machtbereich, in der Sowjetunion, daher natürlich auch in der DDR: Nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis wurde als Gegenstand der Erinnerung akzeptiert. Jede andere Erinnerung, jedes andere Gedenken, wurde geradezu im doppelten Sinne des Wortes ausgeschlossen. Paul Merker wurde aus der SED ausgeschlossen, inhaftiert und verurteilt, weil er als einziger <em>„im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und späteren Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)“</em> war, <em>„der die jüdische Frage in den Mittelpunkt der kommunistischen Theorie und Praxis setzen wollte und konnte.“</em> Die Verurteilung von Paul Merker vollzog sich im Rahmen von Stalins <em>„Kampagne gegen den ‚Kosmopolitismus‘“</em> sowie im Wissen um das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Während Walter Ulbrecht und Wilhelm Pieck argumentierten, der Sieg über den Nationalsozialismus als <em>„Entschädigung“</em> der Juden zu werten wäre, wies Paul Merker darauf hin, dass Juden <em>„nur verfolgt wurden, da sie Juden waren“</em> und daher <em>„hätten sie die gleichen Anrechte auf eine Wiedergutmachung wie alle anderen Nationen.“</em> Das Urteil gegen Merker wurde 1956 aufgehoben, er <em>„durfte auch als Lektor in Berlin arbeiten“</em>. <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> bezeichnet den <em>„Fall Merker“</em> als <em>„Wendepunkt im Verhältnis der DDR zur jüdischen Frage.“</em> (alle Zitate in diesem Absatz nach Jeffrey Herf, Ein antisemitisches Gerichtsurteil, in: Anetta Kahane / Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR – Jüdisch sein zwischen Anpassung, Dissidenz, Illusionen und Repression</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021)</p>
<p>Die AfD verfährt nach diesem sowjetisch-kommunistischem Muster, wenn sie die Zeit von 1933 bis 1945 aus dem nationalen Gedenken so weit wie möglich streichen will, zunächst wohl durch rhetorische Abwertung, schließlich im Falle einer Übernahme der Regierung mit der Streichung von Zuwendungen aus den Landeshaushalten für die Gedenkstätten. Sie will ausweislich ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt 2026 die Völkerschlacht von Leipzig des Jahres 1813 und die Reichsgründung von 1871 zum Momentum des Gedenkens erheben. Vorbild würde das deutsche Kaiserreich, möglicherweise mit dem Subtext eines antifranzösischen Ressentiments, das die Aussöhnung der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs im Jahr 1963 konterkariert. Bismarck statt Adenauer? In dieser Absicht spiegelt sich durchaus die sowjetische Sicht des Gedenkens, die sich in der DDR durchsetzte. Die Shoah verschwindet aus dem offiziellen Gedenken. Dieses sollte ausschließlich dem kommunistischen Widerstand gelten<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">. Der sich in der Regel als Antizionismus tarnende sowjetische Antisemitismus</a> konnte sich frei entfalten, weil die Shoah aus dem öffentlichen Gedenken mehr oder weniger eliminiert wurde.</p>
<h3><strong>Kollektive Verantwortung</strong></h3>
<div id="attachment_8155" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8155" class="wp-image-8155 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8155" class="wp-caption-text">Foto: NoRei.</p></div>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ hätte angesichts der Fülle des Materials eine 1.000seitige Monographie werden können, die nur noch von Spezialisten rezipiert worden wäre. Ines Geipel ist es jedoch gelungen, auf etwa 300 Seiten ein sehr gut lesbares, eingängiges und im besten Sinne aufklärerisches Buch zu schreiben. Ines Geipel erzählt die Geschichte des Erinnerns an die Shoah in der DDR als eine Geschichte, die alle, die in der DDR aufwuchsen, gleichermaßen prägte. Auf jeder Seite des Buches bietet sie zugleich unmittelbaren Einblick in ihre Quellen. Unter ihrem Text sehen wir – in grauen Kästen – Auszüge aus den Akten.</p>
<p>Es geht Ines Geipel nicht um eine Schuldzuweisung im Sinne einer angenommenen <a href="https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559884/kollektivschuld/"><em>„Kollektivschuld“</em></a> <u>aller</u> Deutschen, gleichviel ob Ost oder West. Diese Abgrenzung ist meines Erachtens wichtig, weil sich die geschichtspolitischen Ansichten rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Akteure immer wieder auf die Annahme beziehen, man wolle den Deutschen eine solche <em>„Kollektivschuld“</em> verordnen. Sie nutzen den Begriff der <em>„Kollektivschuld“</em> als Kampfbegriff, um ihre Gegner zu diffamieren. Sie spiegeln darin den antifaschistischen Anspruch von SED und DDR, die den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland eine <em>„Kollektivschuld“</em> zuwiesen, während die Deutschen in der DDR mit der sowjetischen Befreiung und der Staatsgründung am 7. Oktober 1949 per se auch von jeder Mitschuld befreit worden wären. Im sozialistischen, antifaschistischen <em>„Sein“</em> habe gemäß der berühmten Formel von Karl Marx das faschistische <em>„Bewusstsein“</em> keinen Ort mehr. Wer etwas anderes behaupte, könne nur als Agent des imperialistischen Westens und Wiedergänger der Nazis bewertet werden.</p>
<p>Ines Geipel differenziert die Frage der <em>„Schuld“</em> durchaus im Sinne der wegweisenden Vorlesung von Karl Jaspers aus dem Wintersemester 1945/1946 in Heidelberg: <a href="https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/die-schuldfrage">„Die Schuldfrage“</a>: Jaspers unterschied zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld. Karl Jaspers schrieb allerdings auch: <em>„Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit“</em>. Das wäre in etwa die <em>„politische Schuld“</em>, die die in einem verbrecherischen Staat lebenden Menschen miteinander teilen, auch wenn sie persönlich keine unmittelbar <em>„kriminelle“</em> Schuld träfe. Auftrag sei daher eine Art <em>„moralische Umkehr“</em>, die wiederum im <em>„metaphysischen“</em> Sinne, je nach religiöser Identität, vor Gott Bestand haben könne. Yfaat Weiss, Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig, reflektiert diese Frage der <em>„kollektiven Haftung“</em> in ihrem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a> (in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Februar 2026) im Hinblick auf die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen seit der Staatsgründung bis hin zu Israel nach dem 7. Oktober. Zuschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Eingeständnisse von Schuld und Verantwortung konterkarieren einander. Möglicherweise wäre in diesem Rahmen eine kontrastive Analyse der emotionalen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sowie der DDR und den arabischen Ländern ein spannendes Kapitel historischer Forschung, das noch geschrieben werden sollte. „Landschaft ohne Zeugen“ bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine solche Analyse.</p>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ ist gerade wegen der offen an- und ausgesprochenen Vergangenheiten in der eigenen Familie ein höchst persönliches Buch. Zugleich lässt das Buch die persönlichen und kollektiven Verstrickungen jedes einzelnen Menschen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik der DDR deutlich erkennen. Wer in der DDR aufwuchs, sich arrangierte oder in Konflikt mit den Behörden kam, dürfte ähnliche Verstrickungen berichten können, vorausgesetzt man begänne nachzufragen und nachzuforschen. Vielleicht ist das persönliche Zeugnis sogar die einzig angemessene Form, sich einer Vergangenheit und ihren Geschichtsbildern, ihren psychischen Folgen wie ihren Untiefen zu nähern und zu stellen. Was erleben 13-, 14jährige junge Menschen, wenn sie sich anlässlich ihrer Jugendweihe auf der staatlich verordneten Busreise nach Buchenwald diesen Untiefen nähern, auf dem <em>„Zeitplateau“</em> der Vergangenheit? Schafft es Überblick? Oder bleibt nur das Eingeständnis des Unwissens, einer Art von Verlorenheit in einer Geschichte, in der man den eigenen Ort noch nicht gefunden hat? <em>„Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten.“</em></p>
<h3><strong>Erinnern – ein schmerzhafter und nie abschließbarer Prozess</strong></h3>
<p>Schon der Titel des Buches beschreibt das Dilemma jeder Erinnerungskultur: Wer kann überhaupt noch etwas bezeugen? Viele Zeugen, Zeuginnen erzählen ihre Sicht der Dinge, oft unwissend, oft auch ungeachtet der eigenen Täterschaft oder der Täterschaften ihrer Eltern und Großeltern. Andere können nichts mehr bezeugen, weil ihre Lebensäußerungen, Tagebücher, Briefe, Protokolle aus Prozessen nur noch rudimentär oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Buchenwalderzählungen in der DDR sind ein Paradebeispiel einer solch selektiven Erinnerungskultur, offiziell wie halb offiziell. Im Untertitel des Buches erscheint das Dilemma, er erinnert an das Buch <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/loest,-erich-durch-die-erde-ein-ri%C3%9F-ein-lebenslauf-detail">„Durch die Erde ein Riss“</a> von Erich Loest, der in der DDR inhaftiert wurde, weil er sich nicht dem Geschichts- und Erinnerungsdiktat der Partei unterwarf. Ohnehin ist Erich Loest für Ines Geipel eine wichtige Gewährsperson. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Im Februar 2023 wurde sie mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet</a>. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Tagebucheintrag von Erich Loest aus dem Jahr 2008: „<em>Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“</em></p>
<p>Erich Loest hatte sich in seinem Buch „Jungen, die übrig blieben“ (1950) mit seiner eigenen Vergangenheit in Hitlerjugend und in der Wehrmacht auseinandergesetzt, ein in der DDR nicht gerade populäres Projekt. Es gibt jedoch keine Zukunft ohne das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Das sahen die Apologeten der staatlich fixierten Erinnerungs- und Geschichtspolitik anders. Ines Geipel beginnt konsequent mit ihrem eigenen Erleben als junges stotterndes Mädchen bei der Jugendweihe und – zwei Jahre später – ihrer Begegnung mit Walter Bartel höchstselbst, der staatlich inszenierten Ikone des kommunistischen Widerstands in Buchenwald: „<em>Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen.“ </em>Die ersten Seiten des Buches lassen erahnen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache zu finden: <em>„In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren.“</em></p>
<p>Ines Geipel erfährt sich im Verlauf ihrer Recherchen und ihres Schreibens selbst, auch im Spiegel der wechselnden Identitäten ihres Vaters, der als Stasi-Agent im Ausland wirkte, ihrer Nazi-Großväter. Aber: „<em>Es gab mich und das Unflüssige, Verhakte. Das heißt ein paar Möglichkeiten, die Wörterfrage zu stellen und mit der nicht durchzukommen, sie nicht lösen zu können.“</em> Im Schreiben verflüssigt sich <em>„das Unflüssige“</em>, löst sich das <em>„Verhakte“</em>. Bei der Lektüre des Buches kann man Ines Geipel geradezu zusehen, wie sie recherchiert, versucht das Recherchierte zu ordnen, aufzuschreiben. Der <em>„Riss“</em> heilt nicht, aber er wird von Seite zu Seite klarer benannt. Er geht durch die ganze Familie, durch die einzelnen Menschen selbst, auch durch die Täter von und in Buchenwald, nicht nur die SS-Täter, auch die Buchenwald-Kommunisten in ihrer Konkurrenz zu den sogenannten <em>„Moskauern“</em>, den Kommunisten, die wie Walter Ulbricht in Moskau nicht nur die NS-Verfolgung, sondern auch den Terror und die Paranoia Stalins überlebt hatten. Die <em>„Moskauer“</em> übernahmen nach dem Sieg der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR die Herrschaft. Nur ihre Biographie zählte. Auch das gehört zu den Traumata in der DDR, die Andreas Petersen in seinem Buch <a href="https://andreaspetersen.ch/die-moskauer/">„Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte“</a> sezierte.</p>
<p>Im Grunde blieb der SED-Nomenklatura gar nichts anderes übrig als sich von all denen abzugrenzen, die nicht in Moskau überlebt hatten, sondern an anderen Orten, auch von denen, die Konzentrationslager überlebten. Zumindest in der Anfangszeit. Erich Honecker, der 1971 mit Moskauer Unterstützung Walter Ulbricht ersetzte, war kein <em>„Moskauer“</em>, sondern hatte in einem deutschen Gefängnis überlebt. Ein fundamentales Misstrauen gegen wen auch immer war der Beweggrund der <em>„Moskauer“</em>, die Buchenwald-Kommunisten zu schikanieren. Unter den Opfern des Moskauer Exils waren viele deutsche Kommunistinnen und Kommunisten. Aber das zählte nicht. Sie wurden als angebliche Nazi-Agenten geführt.</p>
<h3><strong>Erlösungserzählungen</strong></h3>
<p>Wer bezeugt das Unsagbare, das Unbeschreibbare? <em>„Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht.“ </em>Es geht! Ines Geipel schuf die Voraussetzungen. Sie arbeitete sich als Historikerin durch die Archive, suchte, was die Nazis nicht geschreddert, die SED nicht dem Vergessen anheimgegeben hatten, hinterfragte die Lücken. Wie in ihren anderen Büchern bringt sie den Inhalt der Kapitel in deren Titeln mit einem Wort auf den Punkt: <em>„Wundbrand“</em>,<em> „Gedächtnisbeton“</em>,<em> „Notsprache“</em>,<em> „Gedächtnissiegel“</em>. Sie verwendet oft polsyndetische Reihen, ohne Verb, Synonyme suchend, um den richtigen Begriff zu finden, den es vielleicht angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge auch gar nicht geben kann, sich dem doch irgendwo erschließbaren wahren Sachverhalt geradezu spiralförmig nähernd, ihn umkreisend. Gelegentlich reihen sich Äußerungen aus den Akten unverbunden, dokumentarisch aneinander, Bruchstücke der Erinnerung, aus denen sich Schlussfolgerungen ziehen lassen, die je nach Vorgeschichte und Stimmung der Lesenden nicht immer die gleichen sein mögen: <em>„Wörter wie unbewohnbare Räume“, </em>„<em>Monumentenwörter“</em>,<em> „Zeichenzombis“</em>. Das Buch endet im Kapitel <em>„Gedächtnissiegel“</em> mit einem symbolisch deutbaren Schild: <em>„Ich will Richtung Mahnmal. Vorn an der äußersten Kante, am Rand des Steinfeldes, noch mal eine rauchen und ins Tal schauen. Auf dem Weg querstehend ein kleineres Gebäude. Im Fenster ein etwas in die Jahre gekommenes Schild: ‚Aus technischen Gründen bleibt die Ausstellung ‚Die Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald‘ bis auf Weiteres geschlossen.“</em></p>
<p>Ein historisches Buch über Buchenwald mag sich an Vorbildern orientieren. Aber: <em>„Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, Gyorgy Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch.“</em> Es gibt einen britischen Parlamentsbericht, der die frühe Legendenbildung in der DDR konstatiert: <em>„Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten.“</em> Was hatte es mit dem <em>„Spritzenkommando“</em> auf sich? Was hat es mit der <em>„Geschichte des ‚Abspritzens‘“</em> – der Injektion einer tödlichen Giftspritze – auf sich? Welche Häftlinge beteiligten sich? Zeugenaussagen gibt es. Ines Geipel zitiert eine Auswahl über mehrere Seiten. Ein zentrales Dokument ist die <em>„Akte Buchenwald“</em>, die <em>„Walter Bartel im Mai 1950 als Verteidigungs- oder eher Entlastungsschrift seines einstigen Lagergenossen Ernst Busse verfasst hatte. Der war Wochen zuvor, am 29. März 1950, von den Sowjets zu einer Besprechung in ihr Hauptquartier nach Karlshorst beordert worden. Von da war er nicht mehr zurückgekommen. Niemand wusste etwas. Das musste Walter Bartel zutiefst beunruhigt haben. Die Zeiten waren hochkarätig und undurchschaubar.“ </em>Es gab <em>„Säuberungen“</em> im Kreis der ehemaligen <em>„Lagerkommunisten“</em>, initiiert von den <em>„Moskauern“</em>. <em>„Widerstandsbiographie und Schuldbiographie“</em> vermischen sich.</p>
<p><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/nackt-unter-wolfen/978-3-7466-3026-7">„Nackt unter Wölfen“</a> von Bruno Apitz ist der vielleicht bekannteste Buchenwald-Roman. Bruno Apitz <em>„hatte Zeugnis ablegen und die Dilemmata um den roten Lagerwiderstand in den Roman aufnehmen wollen. (…) Keine reine Größe, nichts mit Heldenstatus, keine Siegerpose.“</em> Daraus wurde nichts. Der Roman hatte ein ähnliches Schicksal wie Stefan Heyms „Fünf Tage im Juni“, ursprünglicher Titel „Der Tag X“, über die Ereignisse rund um den 17. Juni 1953. <a href="https://www.quintus-verlag.de/Autoren/Krenzlin-Leonore/">Leonore Krenzlin</a> hatte sich schon 1965, <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?p=6069">Dieter Schiller</a> 1990 zur wechselvollen Geschichte dieses Romans geäußert. Sie haben diese Texte in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?portfolio=rueckblick-auf-ein-verlorenes-land">„Rückblick auf ein verlorenes Land – Studien und Skizzen zur Literatur der DDR“</a> (Gransee, Edition Schwarzdruck, 2019) veröffentlicht. Der Beitrag von Leonore Krenzlin wurde für diesen Zweck aktualisiert. So berichtet sie in einer Fußnote: <em>„Wie Heym in seinen Erinnerungen berichtet, mußte jedoch die erste Auflage von 300000 Exemplaren eingestampft werden, weil er einen Text von Stalin aus dem Jahr 1925 zitiert hatte, in dem es hieß ‚Entweder wir, die ganze Partei, erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder sie werden uns durch Aufstände kritisieren‘“</em>. Dies war jedoch nur ein Detail in der gesamten Zensurgeschichte des Romans.</p>
<p>Inzwischen gibt es von beiden Büchern (halbwegs) kritische Ausgaben, die die gestrichenen Stellen der ursprünglichen Fassungen und zum Teil den hochkomplizierten Prozess der Verhandlungen zwischen Autoren und Staat nutzen. Auf dieser Basis sollte auch die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ im Jahr 2015 beruhen. Ein ausführlicher Vergleich wäre sicherlich von Interesse, um die verdeckten Botschaften verschiedener Phasen der Entstehung und Rezeption des Buches zu ermitteln (ein meines Erachtens durchaus angemessener Begriff). Ines Geipel bietet in ihrem Buch so ganz nebenbei einen Beitrag zur Geschichte der Zensur in der DDR anhand eines populären Romans. Mindestens genau so interessant wie das Aufgeschriebene ist eben das Nicht-Aufgeschriebene, ebenso interessant wie das Veröffentlichte das Nicht-Veröffentlichte.</p>
<p>„Fünf Tage im Juni“ war der Versuch eines realistischen, fast schon dokumentarischen Romans zur Zeitgeschichte, „Nackt unter Wölfen“ eher der Versuch einer Heldenerzählung aus einer gar nicht so weit zurückliegenden, aber immerhin durch die Gründung der DDR zu ihrem guten Ende gekommenen Vergangenheit. Ines Geipel beschreibt die Reaktion des zeitgenössischen Publikums: <em>„Das Publikum las ‚Nackt unter Wölfen‘ nicht als Fiktion, sondern als pure Realität, als Gefühlsschleuse in die faktische Welt des Lagers. Ein Erlösungsbuch, das das Bild von Buchenwald insbesondere in Ostdeutschland auf gravierende Weise prägte.“ </em>Die DDR-Rezeption setzte sich im vereinigten Deutschland fort, augenfällig in der Verfilmung des Romans im Jahr 2015. Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://www.bebra-wissenschaft.de/vzgesamt/titel/bruno-apitz.html">Lars Försters politische Biographie von Bruno Apitz</a>, die 2015 im Bebra-Verlag erschien: <em>„Nicht zuletzt wurde Bruno Apitz mitten in diesem Rezeptionsschub von Neuherausgabe, Film und Dokumentation mit Verve zum ‚Oppositionellen dreier deutscher Staaten‘ umgedeutet.“</em></p>
<p>Erlösung – das ist der Wunsch, das ist die Hoffnung, immer wieder, wenn es um Erinnerung oder Gedenken geht. Erlösung ist mehr als Versöhnung oder Wiedergutmachung, denn wer erlöst wird, braucht keine Versöhnung mehr und muss auch nichts mehr wiedergutmachen. Hier sollten ein Buch, ein Ort möglicherweise zu einer kollektiven Erlösung beitragen, die nicht mehr in Frage gestellt werden konnte. Dazu musste manches verschwiegen werden, so der Transport von 200 Kindern am 26. September 1944 nach Auschwitz, die dort ermordet wurden. Was geschah nun wirklich mit dem dreijährigen Kind im Roman, dem dreijährigen Stefan Jerzy Zweig? Er und elf andere Kinder waren aus einer Deportationsliste gestrichen worden, aus welchen Gründen auch immer: <em>„Erzählt wurde allein die heroische Kindsrettung, die ausschließlich der kommunistische Lagerwiderstand ermöglicht hatte. Eine Entkopplung vom Realen, ein Umschreiben, Amalgamieren, das das Kind zum Symbolkind und den Text zur idealen Projektionsfläche machte.“ </em>Nicht erzählt wird die Geschichte des sechzehnjährigen Sinto Willy Blum, der, als er von der bevorstehenden Deportation seines zehnjährigen Bruders Rudolf erfuhr, sich freiwillig ebenfalls für den Transport meldete.</p>
<p>Cheflektor des Romans war im Grunde irgendwie Walter Ulbricht höchstselbst, dem die bestallten Zensoren und schließlich der Autor sich selbst zensierend folgten: <em>„Die überreizte Macht in Berlin brauchte eine lupenreine Buchenwald-Version.“ </em>Die Stasi war mit ihrem <em>„Archiv zu NS- und Kriegsverbrechen“</em> und der 1967 gegründeten <em>„Abteilung 11“</em> absolute Herrscherin über die Quellen: Sie war <em>„zum alleinigen Gedächtniskontrolleur im Hinblick auf den Nationalsozialismus geworden. Sie entschied, wer sich erinnern durfte, wann man sich erinnern durfte.“ </em>Und die Bevölkerung der DDR machte mit: <em>„Die Ostdeutschen lasen sich mit ‚Nackt unter Wölfen‘ in einen solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten. Vom umstrittenen Tun der Lagerkommunisten war keine Rede mehr.“</em></p>
<p>Die Geschichte der beiden Romane und die Geschichte der Äußerungen der Erinnerungsikone Walter Bartel ähneln einander auffällig. Geschichte wird in ihren Erzählungen formatiert, normiert, sodass es immer schwerer wird, den realen Hintergrund zu erschließen, es sei denn, die Stasi und ihre Organe ließen nicht locker, um dann doch irgendwann irgendetwas zu finden, dass die Autoren vernichten konnte. Auch die Geschichten, in denen dies nicht gelang, sind Teil der Geschichte der DDR. Die Gruppe der KZ-Häftlinge war ein willkommenes Opfer. Ines Geipel referiert neben mehrere Biografien, die von Walter Bartel, Ernst Busse, Erich Reschke. Busse und Reschke wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und <em>„am 11. Juni 1951 in die Sowjetunion deportiert.“</em> All dies geschah in der Zeit der Prozesse gegen Rudolf Slánsky in der Tschechoslowakei, gegen die angeblich gegen Stalin verschworenen Ärzte in der Sowjetunion.</p>
<p>Walter Bartel überlebte, er wurde nur degradiert. Doch mit der Zeit wurde er zur staatlich fixierten Stimme der Erinnerung, wie sie die SED wünschte: <em>„Ich sehe Walter Bartel 1976 vor uns auf der Bühne sitzen, höre seine Sätze. Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? (…) Wer war dieser Mann?“</em> Zumindest lässt sich erahnen, wie er in der DDR überlebte: Letztlich wurde <em>„die Realität der Legende geopfert“</em>. So geschah es mit Buchenwald und der Shoah in der DDR, die DDR-Führung erzählte sich <em>„eine Geschichte wie aus einem Guss, unhintergehbar, kompakt. Mit ihr konnte man sich gut fühlen, vollständig.“</em></p>
<h3><strong>Die kurzen Sommer der Erinnerung</strong></h3>
<p>Es ist eine Stärke des Buches von Ines Geipel, dass es keine fertigen Antworten bietet, sondern eine Fülle von Fragen stellt, die sich eigentlich alle Deutschen stellen könnten, um sich ihrer Verantwortung in der Geschichte bewusst zu werden. Es sind Fragen, die sich nicht nur für kommunistische Überlebende stellen, sondern auch für die vielen andere, die nicht inhaftiert wurden, die im Alltag überlebten, weil sie nicht so genau hinschauten. Die Stiftung Topographie des Terrors hat im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel <a href="https://www.topographie.de/ausstellungen/der-holocaust-was-wussten-die-deutschen">„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“</a> konzipiert. Kurator war der Historiker Christian Schmittwilken. Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art an diesem Ort, einem früheren Zentrum des nationalsozialistischen Terrors, an dem das Reichssicherheitshauptamt stand. Wer diese Ausstellung sieht, wer das Buch von Ines Geipel liest, wird Fragen über Fragen mit nach Hause nehmen, denen sich möglicherweise Deutsche, die im Westen, und Deutsche, die im Osten aufgewachsen sind, unterschiedlich stellen werden. Aber wie wäre es, wenn sich West- und Ostdeutsche darüber austauschten?</p>
<p>Ines Geipel hat die Fragen dokumentiert, die sich denjenigen stellen, die in der DDR mit der dortigen offiziellen Buchenwald-Erzählung aufgewachsen sind. Es sind auch Fragen nach der Integrität der Staatsgründer, der Kommunisten der frühen DDR: Was ist mit den Kapos? Wer spielte welche Rolle? Wer kooperierte mit wem, welche Kommunisten kooperierten mit SS-Schergen? Die Buchenwald-Geschichte wird durch die Buchenwalderzählungen im Schweigen der Täter und der Opfer, in den Familien gebrochen und so sah sich die SED veranlasst, eine einzige staatlich verordnete Buchenwalderzählung zu propagieren, die Erzählung von kommunistischen Helden, die wiederum den eigenen DDR-Antifaschismus als unverrückbar, immer schon gepflegt fixierte und nach wie vor als Garantie des Erfolgs des sozialistischen deutschen Staates auf dem Weg zum Kommunismus gelten sollte.</p>
<p>Die Versuche, sich diesen Fragen zu entziehen oder sie gar nicht erst aufkommen zulassen, ähneln sich im Westen wie im Osten. Es gab unterschiedliche Strategien des Verschweigens. Es bleiben – so Ines Geipel – die Bilder der Eliminierung der Shoah aus dem kollektiven Gedächtnis, vergleichbare Wirkungen in Ost und West: <em>„Das Übertünchte, das Aufgesetzte. Im Westen die Quizsendungen, im Osten die kommunistische Aufladung. Dabei war die Erfahrungswelt der Deutschen bis Kriegsende erst einmal eine gemeinsame, geeinte. Unter Hitler hatten alle gelebt. Der Westen, der nach Hitler schneller dick wurde und offenbar früher bewegte Bilder hatte, zumindest als Familienkultur. Der Osten, der sich mit einer Doppelung rumzuschlagen hatte, mit einer scharfen Verdichtung, bei der eine Gesellschaft im Extrem auf eine andere Gesellschaft im Extrem gesetzt, geschoben wurde. Der politische Stauraum, das Komprimierte, die Schichten, die Schnitte, das vielfach Ausweglose der fünfziger Jahre des Ostens. Sein genuiner Basisraum, das Gesellschaftsbecken. Jede Akte, die ich im Archiv aus den fünfziger Jahren aufschlage, ist ein Angst-Text, ein Verlust-Text.“</em></p>
<p>Es ist jedoch nicht nur eine deutsche Geschichte. Die Geschichte von Buchenwald, die eine Geschichte des Umgangs mit den Verbrechen der Vergangenheit ist, hat auch eine internationale Dimension. Jorge Semprún, der als spanischer Kommunist (die Nazis nannten Leute wie ihn <em>„Rotspanier“</em>) Buchenwald überlebte, dem Kommunismus abschwor, viel gelesener Buchautor und spanischer Kulturminister wurde, sprach in seiner Rede zur Entgegennahme des <a href="https://stadt.weimar.de/de/weimar-preis.html">Weimar-Preises der Stadt Weimar</a> am 3. Oktober 1995 beispielhaft über das Schicksal der deutschen Schauspielerin <a href="https://www.memorial.de/themen-projekte/historische-aufarbeitung/gedenken-carola-neher">Carola Neher</a>. Sie wurde <em>„zu zehn Jahren Straflager verurteilt und verschwindet in den finsteren Tiefen des GULAG.“ </em>Dort starb sie am 26. Juni 1942. Es ließe sich auch auf Manès Sperbers Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ verweisen, in der das Elend der gegenseitigen Diffamierungen, Denunziationen, Morde unter kommunistischen Kämpfern, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten, sinnfällig wird. Die Zeugnisse der Kommunisten, die von Stalins Leuten verfolgt wurden, erwecken in ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Stalins und der Kommunistischen Partei mitunter den Eindruck der Verstrickung in einer Art Theodizee.</p>
<p>Semprún hat seine Erinnerungen an das Ungeheuerliche ein Leben lang in seinen Büchern zu ordnen gesucht, Buchenwald war sein Lebensthema. Literarische Reminiszenzen gaben seinen Büchern eine Struktur, so Baudelaire, den Semprún in „Adieu, vive clarté“ (Paris, Gallimard, 1998) im Titel und in drei von vier Kapitelüberschriften zitiert. Die erste mag er als seinen Auftrag formuliert haben: <em>„J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“</em>. Das Buch endet mit den prophetischen Versen Baudelaires <em>„Bientôt nous plongerons dans les froides ténèbres: / Adieu, vive clarté de nos étés trop courts!“</em> (Die Verse entstammen den Gedichten <a href="https://www.poetica.fr/poeme-592/charles-baudelaire-chant-automne/">„Chant d’automne“</a> und <a href="https://fleursdumal.org/poem/159">„Spleen“</a> aus den „Fleurs du mal“.) Bleiben nur Gedichte, bleibt nur Literatur? Auch das Buch von Ines Geipel mag als Sachbuch gelten – es wurde auf der Leipziger Buchmesse für den Sachbuchpreis nominiert. Es bietet jedoch viel mehr, denn es vereinigt die Qualitäten eines Sachbuchs und eines literarischen Werks – der ohnehin merkwürdige Begriff der Belletristik passt hier allerdings nicht –, weil die Autorin die Ergebnisse ihrer Recherchen immer wieder selbst in Frage stellt, nicht im Grundsatz, wohl aber in den für die Würdigung einer Lebensgeschichte wichtigen Details.</p>
<p>Die Lebensgeschichte eines Walter Bartel darf durchaus als tragisch bezeichnet werden. Ich empfehle einen Besuch des Pariser Friedhofs du <a href="https://www.paris.fr/dossiers/bienvenue-au-cimetiere-du-pere-lachaise-47/">Père-Lachaise</a>. Ganz weit hinten rechts findet sich eine Mauer, an der die Aufständischen der Commune de Paris erschossen wurden, vor der heute die Mahnmale an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu sehen sind. Auf der anderen Seite des Weges befinden sich die Gräber der Generalsekretäre der französischen kommunistischen Partei und kommunistischer Dichter wie beispielsweise Louis Aragon. Eine Idee, die humanistisch gedacht war, wurde zu einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie, die GULAG und Stasi hervorbrachte. Auch dies ist eine Tragik des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Verschwindet die Erinnerung – wie in den Baudelaire-Gedichten – in dem Dunkel eines ewig erscheinenden Winters? Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/gerber-jan">Jan Gerbers</a> Buch <a href="https://edition-tiamat.de/books/das-verschwinden-des-holocaust">„Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung“</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2025): <em>„Jan Gerber verweist darauf, dass eine Voraussetzung der Universalisierung des Holocaust seine Entkernung war. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde sowohl geographisch als auch historisch entkontextualisiert.“ </em>Dies vollzog die SED-Führung mit Buchenwald. Wer die Geschichte dieser Geschichtsklitterung verfolgt, sollte eigentlich auch erkennen, welche zerstörerischen Potenziale – Ines Geipel verweist ausdrücklich darauf – die Infragestellung der Singularität von Auschwitz aus welchen Gründen auch immer in sich birgt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, aktualisiert am 5. Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 10:14:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow „Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</strong></h1>
<h2><strong>Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow</strong></h2>
<p><em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es gesunken, umso leidenschaftlicher wieder aufleben wird.“</em> (Hans Kelsen, Verteidigung der Demokratie, 1932)</p>
<p>Das Zitat von Hans Kelsen verfehlte am 28. April 2026 im Plenarsaal des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld seine Wirkung nicht. Die <em>„Fahne“</em>, von der Hans Kelsen spricht, ist die <em>„Fahne“</em> der Demokratie. Was ist jedoch, wenn in der gespaltenen Gesellschaft jeder für sich in Anspruch nimmt, der <em>„Fahne“</em> der Demokratie treu zu sein?</p>
<p>Über diese Frage diskutierten <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=182733552">Christina Morina</a>, Professorin für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld und <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a>, Professor für Internationale Politische Ökonomie an der Universität Siegen, unter dem Titel „Spaltungslinien – Der Rechtspopulismus und die Zukunft der Demokratie“. Es moderierte <a href="https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/philosophie/abteilung/personen/zanetti/">Véronique Zanetti</a>, Professorin für Politische Philosophie an der Universität Bielefeld, die das Kelsen-Zitat in den Abend einbrachte. Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung steht für das Versprechen, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, in diesem konkreten Fall Geschichts- und Politikwissenschaften.</p>
<p>Der vorliegende Essay verbindet die Perspektive eines Augenzeugen mit der eines Juristen. Den beiden Diskutanten und ihren Disziplinen begegne ich mit großem Respekt. Die folgenden Beobachtungen sind in diesem Geist zu lesen. Zugleich prägt die juristische Perspektive die Wahrnehmung dessen, was an einem solchen Abend gesagt und was offengelassen wird. Wenn in der historischen oder politikwissenschaftlichen Sprache diskutiert wird, fehlt dem Juristen regelmäßig das Normative, das Definierte. Dieser Essay verfolgt unter anderem das Ziel, diese disziplinäre Leerstelle zu füllen.</p>
<p>So viel lässt sich vorausschicken. Der Abend hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Das ist nicht einem qualitativen Mangel der Veranstaltung zuzuschreiben, sondern Symptom einer strukturellen Schwierigkeit der behandelten Thematik. Debatten über gesellschaftliche Spaltungen war ihrerseits oft genug selbst von Spaltungen geprägt: einer disziplinären, einer begrifflichen und einer diskursiven.</p>
<p>Der weitere Aufbau folgt dieser Beobachtung. Zunächst rekonstruiere ich die beiden Vorträge in ihrer jeweiligen Logik. Im Anschluss zeichne ich die Diskussion mit Moderation und Publikum nach, in der die juristischen Grundfragen wiederholt an die Oberfläche kamen. Daran schließe ich die Vertiefung dreier Fragen an, die aus der Perspektive des Verfassers offenblieben und vertiefungswürdig sind.</p>
<h3><strong>Christina Morina: Den Rechtsstaat absichern</strong></h3>
<div id="attachment_8115" style="width: 199px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8115" class="wp-image-8115 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp" alt="" width="189" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp 189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-200x317.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag.webp 350w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a><p id="caption-attachment-8115" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Mit Christina Morinas Vortrag sollte eine historische Perspektive in die Debatte eingebracht werden. Sie näherte sich der Thematik über die Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus und stellte zunächst ihren persönlichen Bezug her: In die Zeit ihres einjährigen Aufenthalts in New York, wo sie an der <a href="https://www.newschool.edu/NSSR/">New School for Social Research</a> eine Gastprofessur innehatte, fielen die Wahl und die Einführung von Donald Trump in seine zweite Amtszeit als US-amerikanischer Präsident. Die mit dieser Erfahrung eng verbundene Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus reflektiert sie in ihrem Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben“</a>, das im Mai 2026 im Siedler Verlag erschienen ist. Ihr vorheriges Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-tausend-aufbrueche/buch/9783827501325">„Tausend Aufbrüche“</a>, für das sie mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2024 ausgezeichnet wurde, nimmt die Demokratievorstellungen der Deutschen in West und Ost seit den 1980er Jahren jenseits politischer Eliten in den Blick.</p>
<p>Aus dieser doppelten Beobachtungsperspektive – der amerikanischen und der deutsch-deutschen – erkennt Christina Morina, dass die Annahme, die politische Ausrichtung <em>„national und sozial“</em> hätte sich historisch erledigt, sich als falsch erwiesen hat. Auch das öffentliche Kenntlichmachen der rechtspopulistischen Parteien als rechtsextrem, rassistisch oder faschistisch habe keine abschreckende Wirkung entfalten können. Stattdessen lehne die Bevölkerung mehrheitlich ein AfD-Verbot tendenziell ab, da man diejenigen persönlich kenne, die diese Partei wählen, die man eben nicht für extremistisch halte. Beim Erfolg der AfD handele es sich zwar nicht um ein rein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen, ihre besondere Verankerung in den ostdeutschen Bundesländern lasse sich aber auf unterschiedliche Demokratietraditionen und -vorstellungen in Ost- und Westdeutschland zurückführen. Während die westdeutsche, bundesrepublikanische Erfahrung die einer parlamentarischen Demokratie sei, habe sich in Ostdeutschland ein straßen- und basisdemokratisches Verständnis etabliert, das maßgeblich durch die Friedliche Revolution bedingt wurde. Da die AfD diese ostdeutschen Demokratievorstellungen programmatisch aufgreife, bestehe eine direkte Verbindung von ostdeutscher Erfahrung und Erfolg der Partei. Die Partei adressiere die ostdeutschen Themen und Erfahrungen explizit, etwa in Wahlslogans wie <em>„Vollende die Wende“</em>. Damit mache sich die AfD zur einzig genuin deutsch-deutschen Partei.</p>
<p>An diese Perspektive knüpfte Christina Morina eine begriffliche Überlegung, mit der sie das eigentlich Populistische am Populismus zu fassen versucht. Populismus setze voraus, dass Demokratie mit einem einheitlichen Volkswillen einhergehe. Wer diese Voraussetzung teile, verfolge die eigenen Interessen als allgemeingültige. Das stehe im Widerspruch zur Idee einer Streitdemokratie, in der die Auseinandersetzung um den richtigen Weg konstitutiv sei. Davon ausgehend ergibt sich nicht nur die Frage, was die Wähler populistischer Parteien falsch machten, sondern auch spiegelbildlich, was diese Parteien richtig machten. Die AfD spreche programmatisch breite Wählerschichten an und verbinde dabei Elemente, die im klassischen Schema unvereinbar erschienen. Christina Morina brachte diese Charakterisierung später in der zugespitzten Formulierung auf den Punkt, es handele sich um eine <em>„neoliberalnationalsozialistische“</em> Partei, die Widersprüche in sich vereine und in viele Gesellschaftsschichten hineinsende.</p>
<p>Die historisch-soziologische Forschung, so Christina Morina, habe nach den Konstellationen der Vergangenheit zu fragen. Da die unmittelbare Erfahrung historischer Ereignisse verblasse, stelle sich die Frage, wie Gesellschaften aus ihrer Geschichte lernen können. In ihrem Vortrag unternahm sie deswegen den Versuch, die Ermöglichungsbedingungen des Rechtspopulismus zu erklären, indem sie jene Konstellationen rekonstruierte, die in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt haben. So müsse wohl auch der in den 1920er Jahren vorangetriebene „Menschenrechtsdiskurs“ als eine Ermöglichungsbedingung für den Nationalsozialismus gesehen werden, gegen den sich eine völkisch-nationale Reaktion formierte, an die die NSDAP anknüpfen und profilieren konnte. Die Stabilität einer politischen Ordnung hänge eben nicht allein von ihren Institutionen ab, sondern von den Ideen und Erwartungen, die in der Bevölkerung wirkmächtig sind.</p>
<p>Diese Überlegungen führten Christina Morina zu ihrer zentralen Frage und Botschaft des Abends: Wer übernimmt die Verantwortung für die liberale Demokratie und wie kann sich eine Demokratie gegen Bewegungen wehren, die sie ablehnen? Zur Beantwortung griff sie auf einen Vergleich der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland zurück. Die amerikanische Verfassung sei zwar die erste gewesen, die das Prinzip der Gewaltenteilung verfasst habe, enthalte zugleich aber demokratische Defizite, die sich nicht zuletzt im Wahlsystem zeigten. Ein Parteiverbotsverfahren kenne sie nicht. Was die liberale Demokratie in den USA gegenwärtig stütze, sei deshalb weniger das institutionelle Gefüge als eine über 250 Jahre gewachsene Zivilgesellschaft, die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Demgegenüber stelle das Grundgesetz der Bundesrepublik die rechtlichen Werkzeuge bereit, sich auch unterhalb der Schwelle eines Parteiverbots mit antidemokratischen Tendenzen auseinanderzusetzen. Die Lehre aus der Weimarer Republik, in der weder der politische Wille noch die rechtlichen Mittel zur Verhinderung des Nationalsozialismus vorhanden waren, sei in <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/253611/streit-um-die-streitbare-demokratie-ein-rueckblick-auf-die-anfangsjahrzehnte-der-bundesrepublik/">das Konzept der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> nach Karl Loewenstein</a> eingeflossen. Die Werkzeuge müssten genutzt werden, denn <em>„ein zahnloser Rechtsstaat ist kein Rechtsstaat“</em>.</p>
<h3><strong>Philip Manow: Ökonomisch links, gesellschaftspolitisch konservativ – Ein eklektisches Programm</strong></h3>
<div id="attachment_8116" style="width: 192px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.beck-shop.de/manow-spaltungslinien/product/40247852"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8116" class="wp-image-8116 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg 182w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-200x330.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck.jpg 260w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></a><p id="caption-attachment-8116" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Vortrag von Philip Manow beleuchtete eine politikwissenschaftliche Perspektive auf die Thematik des Populismus und der gesellschaftlichen Spaltungslinien. Ziel seiner Ausführungen war, den Populismus und seine Ursachen mit dem analytischen Instrumentarium seiner Disziplin zu erklären. Methodisch geschah dies, indem er die gesellschaftlichen Konfliktdimensionen und ihre strukturellen Grundlagen anhand von Modellen erläuterte. Den Anlass für die Vertiefung des Themas bildete sein Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien“</a>, das im Mai 2026 im Verlag C.H. Beck erschienen ist.</p>
<p>Im Zentrum seines Vortrags stand die These, dass der zeitgenössische Rechtspopulismus als Protest gegen die Globalisierung zu verstehen sei. Diese Globalisierung mache das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats poröser. Hinzu träten konstitutionelle Gründe, die das Phänomen verstärkten. Als paradigmatisches Globalisierungsprojekt führte er die Europäische Union an. Indem die Politik aus dem nationalen Rahmen heraustrete, entstünden Konfliktlagen, die sich nicht mehr in den klassischen verteilungspolitischen Kategorien fassen ließen. Unter Bezugnahme auf den <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-90037-7_9">Multi-Level-Governance-Ansatz</a> von Liesbet Hooghe und Gary Marks (2017) entwickelte er die These einer neuen Spaltungslinie: Die Reaktion auf transnationale Schocks der vergangenen Jahre, etwa die Eurokrise oder die Migration, sei als Folge der Globalisierung, konkret der europäischen Integration, zu deuten. Mit der Übertragung nationaler Souveränität gehe eine Einschränkung der Partizipation einher. Die Staaten verfügten zunehmend nicht mehr über die Handhabe, die entstehenden Probleme zu bewältigen; ihre Bevölkerungen reagierten darauf populistisch. Dabei träfen diese Schocks die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen – kulturell wie ökonomisch. Ferner träfen sie die Bevölkerung ungleich. Akademiker, so seine Selbstverortung, gehörten zu den Profiteuren der Entwicklung, weil ihre Fähigkeiten und Qualifikationen portabel seien. Dies gelte für andere Bevölkerungsgruppen, etwa Handwerker und lokale Kleinunternehmer nicht.</p>
<p>Daraus schließt Philip Manow, dass eine pro- oder antieuropäische Haltung sich nicht mehr im klassischen Schema von links und rechts verorten lasse, sondern vor allem in einer Mitte-Rand-Betrachtung. Die Mitte sei proeuropäisch, die Ränder seien es nicht. Der Grund dafür liege in der eigentümlichen Doppelnatur der EU als zugleich neoliberales (ökonomisch rechtes) und kulturell-progressives (gesellschaftspolitisch linkes) Projekt. Weil sie neoliberal sei, lehne <em>„die Linke“</em> sie ab; weil sie kulturell-progressiv sei, <em>„die Rechte“</em>. In Osteuropa stelle sich die Konstellation anders dar, weil der politische Raum dort anders strukturiert sei. Auch innerhalb Westeuropas beobachte man zunehmend eine Neuzusammensetzung ideologischer Positionen: Die ökonomische und die gesellschaftspolitisch-kulturelle Dimension entkoppelten sich zunehmend. In der westdeutschen, bundesrepublikanischen Sozialisierung sei es bislang üblich gewesen, dass beide Dimensionen parteipolitisch gleichlaufend besetzt seien. So sei etwa eine ökonomisch linke Partei in der Regel auch gesellschaftspolitisch links eingestellt gewesen. Diese Koppelung breche nun auf: Rechte Parteien rückten in ökonomischen Fragen nach links, linke Parteien in gesellschaftspolitischen Fragen nach rechts.</p>
<p>Den Schlusspunkt seines Vortrags bildete die Beobachtung, dass in Westeuropa ein großes, bislang unbesetztes Wählerreservoir linksautoritärer Wähler existiere, ohne dass eine Partei dieses Segment systematisch abdecke. Einer Wählerschaft also, die ökonomisch links und gesellschaftspolitisch konservativ eingestellt sei. Einzelne Akteure näherten sich dieser Position an, der Rassemblement National in Frankreich in seiner Solidarität mit dem Eisenbahnerstreik, der niederländische Politiker Geert Wilders mit ähnlichen Akzenten, schließlich auch das Bündnis Sahra Wagenknecht, das links und konservativ zugleich auftritt, im Übrigen auch in den USA Donald Trump mit seiner Anbindung an die eigene Wählerbasis im Arbeiter-Milieu. Eine systematische parteiliche Repräsentation dieses Wählersegments stehe jedoch aus. Die Tatsache, dass derzeit fast ausschließlich rechte Parteien diese Lücke zu füllen versuchten, sei eine der erklärungsbedürftigsten Konstellationen der Gegenwart. Und sie verbiete jene voreilige Diagnose, derzufolge Wähler rechtspopulistischer Parteien schlicht <em>„Globalisierungsverlierer“</em> seien, die Parteien wählten, welche ihren eigenen Interessen schadeten. Diese Lesart, die den Wählern letztlich Unverstand unterstelle, hält Philip Manow für eine nicht tragfähige Annahme.</p>
<p>Wie sich diese Konstellation in der konkreten Parteienlandschaft niederschlägt, illustrierte Herr Manow am Beispiel der AfD. Die häufig zu hörende Einordnung der Partei als <em>„neoliberal“</em> hält er für irreführend. Die AfD sei in ihrer Programmatik nicht neoliberal, sondern selektiv und strategisch. Eine Wählerschaft von über zwanzig Prozent bundesweit bringe Heterogenität zwangsläufig mit sich. Auf der einen Seite stünden Akteure aus dem Milieu der Handwerker und Kleinunternehmer, die eine Politik des Bürokratieabbaus verfolgten; auf der anderen Seite Akteure, die wirtschaftlich nicht liberal eingestellt seien. Historisch zeichne sich darin ein Wandel ab: Zur Zeit ihrer Gründung um Bernd Lucke sei die AfD eine gutbürgerliche deutsche Partei gewesen, heute sei sie proletarisiert und kleinbürgerlich. Daraus folge auch eine Programmatik, die die sozialpolitischen Interessen dieser Wählerschaft widerspiegele. Auch die häufig als widersprüchlich gedeutete Nähe zu Russland und China sei kein Beleg gegen den Nationalismus in der AfD, sondern Ausdruck nationalstaatlicher Interessen. Billiges russisches Gas für die deutsche Wirtschaft sei keine ideologische Position, sondern Versorgungspolitik. Die Position zur Ukraine ergebe sich aus derselben Logik. Hinter der Frage <em>„Was kümmert uns Putins Angriffskrieg, wenn es um unsere Versorgungssicherheit geht?“</em> stehe nicht Verwirrung, sondern eine kohärente Sicht: Der Vorrang nationaler Interessen vor einer liberalen globalen Werteordnung. Dass die Partei aus dem <em>„Schonraum der Opposition“</em> heraus agiere, ohne Regierungsverantwortung tragen zu müssen, erleichtere ihr diese eklektische Programmatik zusätzlich.</p>
<h3><strong>Die Diskussion: Zum Umgang mit Konflikten</strong></h3>
<p>Der Diskussion wurde ein großer Zeitraum eingeräumt, in dem die Teilnehmer zunächst mit der Moderatorin Veronique Zanetti und anschließend mit dem Publikum interagierten. Anlass zur kontroversen Diskussion bildete jedoch speziell eine Frage, die Philip Manow im Vortrag nur angedeutet hatte. Er hatte als Ursache des Populismus neben den transnationalen Schocks auch <em>„konstitutionelle Gründe“</em> genannt, ohne sie zu entfalten. In der Diskussion holte er das nach. Sein Ausgangspunkt war eine Beobachtung über das Verhältnis der Begriffe <em>„liberal“</em> und <em>„demokratisch“</em>. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob die elektorale Demokratie als Vorstufe der liberalen Demokratie verstanden werden kann. Nach Philip Manow sei das Verhältnis zwischen beiden nicht additiv, sondern stehe im Spannungsfeld zueinander. Je liberaler man die Ordnung gestalte, desto weniger elektoral responsiv werde sie. <em>„Liberal“</em> sei kein Add-on, welches alles schöner mache, sondern eine eigene normative Beladung, die den Spielraum demokratisch gewählter Mehrheiten einschränke. Führt man den Gedanken konsequent zu Ende, ließen sich demokratische Wahlen abschaffen, solange ein kompetentes Verfassungsgericht die <em>„richtigen“</em> Entscheidungen treffe. Diese paternalistische Haltung sei undemokratisch. Sie verkenne, dass es in der Demokratie um echte Konflikte gehe, hinter denen Gesellschaftsgruppen mit unterschiedlichen Interessen stünden. Die Transformationsländer hätten ihrerzeit besonders starke Verfassungsgerichte entwickelt. Diese haben dann nicht gesamtgesellschaftlich für Neutralität, sondern für die Interessen bestimmter Gesellschaftsgruppen zu einer bestimmten Zeit gestanden.</p>
<p>Christina Morina widersprach. Sie griff die Charakterisierung der Demokratie als <a href="https://www.jstor.org/stable/4544562">„<em>essentially contested concept</em>“</a> nach Walter Bryce Gallie auf, deutete sie aber anders. Es bestünden unterschiedliche Demokratievorstellungen – sie selbst hatte das im Vortrag mit Blick auf Ost und West entfaltet. Die wehrhafte Demokratie aufzurufen sei ein spezifisch bundesrepublikanisches Verständnis in der Tradition des <a href="https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742120359/38134.pdf"><em>„Verfassungspatriotismus“</em></a>, den Jürgen Habermas im Rückgriff auf Dolf Sternberger im Historikerstreit eingefordert habe. Dieses Verständnis führe zu einer geschichtspolitischen Asymmetrie, weil es die ostdeutsche Erfahrung der Friedlichen Revolution ausblende. Unsere Gesellschaft erhebe den Anspruch, aus der Geschichte gelernt zu haben. Ob damit auch die ostdeutsche Geschichte oder nur die westdeutsche gemeint ist, sei jedoch nicht beantwortet. Den Vorwurf der Justizialisierung erwiderte sie pointiert. Philip Manow bringe den Rechtsstaat in Stellung gegen die Demokratie. Etwa die Antidiskriminierung, die er als linkes Projekt einstufe, leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab und sei keine politische Option, sondern verfassungsrechtlicher Auftrag.</p>
<p>Aus dem Publikum traten zwei Wortmeldungen hinzu, die das Gespräch in entgegengesetzte Richtungen weiterführten. Die erste konfrontierte Philip Manow mit dem Vorwurf, seine Kritik an einer wertgeladenen Sichtweise auf den Rechtsstaat sei seinerseits nicht <em>„neutral“</em>. Modernisierungstheoretische Vorstellungen, wie er sie kritisiere, seien ideologisch aufgeladen, das gelte dann aber auch für seine eigene Position. Ob seine Argumentation nicht ebenfalls <em>„populistisch“</em> sei? Philip Manow ließ sich auf die Frage ein. Es gehe nicht um Neutralität, sondern um die Anerkennung, dass <em>„liberal“</em> ideologisch an die politikwissenschaftlichen Konzeptionen herangetragen werde. Wer das verkenne, halte die eigenen normativen Vorannahmen für selbstverständlich. Die zweite Wortmeldung, eine Juristin aus dem Publikum, sprang Philip Manow an einer entscheidenden Stelle bei: Er habe sich nicht ablehnend gegenüber dem Rechtsstaat geäußert, sondern Gradfragen zum Spielraum gestellt. Das Bundesverfassungsgericht habe die Politik an zu vielen Punkten gefesselt. Ebenso habe in den 1990er Jahren das ungarische Verfassungsgericht gegenüber der Politik eine patriarchalische Einengung geschaffen. Beide Entwicklungen, so ihre These, befeuerten einen Backlash, der aus der Überforderung der Gesellschaft entstehe. Sie verwies auf <a href="https://www.law.uchicago.edu/news/justice-ruth-bader-ginsburg-offers-critique-roe-v-wade-during-law-school-visit">Ruth Bader Ginsburgs Kritik an Roe v. Wade</a>, dem wegweisenden Abtreibungsurteil des U.S. Supreme Court von 1973. Ginsburg habe in einem Vortrag an der New York University 1992 argumentiert, das Urteil habe die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht beendet, sondern die Gegenbewegung erst hervorgerufen, die für längere Zeit den gesetzgeberischen Trend in die entgegengesetzte Richtung gewendet habe. „<em>Doctrinal limbs too swiftly shaped, experience teaches, may prove unstable</em>.“ Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, könnten die Konflikte verschärfen, die sie befrieden sollten.</p>
<p>Was ich im Folgenden entwickele, ist kein Gegenentwurf zu den Positionen des Abends, sondern die Vertiefung einer juristischen Perspektive. Vor allem drei Fragen sind in der Veranstaltung aufgeworfen worden, die nicht zu Ende geführt wurden: Die Frage nach der Verantwortung für die Demokratie, die Frage nach dem Verhältnis von Liberalität und Demokratie und die Frage nach den Grenzen verfassungsgerichtlichen Handelns. Sie hängen zusammen und erfordern eine differenzierte Betrachtung.</p>
<h3><strong>Verantwortung für die Demokratie – praktische Politik und das Recht</strong></h3>
<p>Wenn von der Verantwortung für die Demokratie gesprochen wird, bleibt regelmäßig offen, welche Verantwortung eigentlich gemeint ist. Der Begriff trägt im politischen Sprachgebrauch eine erhebliche Mehrdeutigkeit, ohne deren Aufschlüsselung sich die Frage, wer in welcher Hinsicht zur Übernahme aufgerufen ist, nicht sachgerecht beantworten lässt.</p>
<p>Eine erste Unterscheidung trennt die politische von der rechtlichen Verantwortung. Die politische Verantwortung lässt sich in zwei Richtungen aufgliedern. Rückwärtsgewandt geht es um die Ursachen, die populistischen Bewegungen ihren Aufstieg ermöglicht haben. Hier knüpft die Verantwortungsfrage an Philip Manows Analyse der transnationalen Schocks an. Die Beobachtung, dass das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats porös geworden ist und die Globalisierung die Bevölkerungen ungleich trifft. Vorwärtsgewandt geht es um die Sicherstellung politischer Handlungsfähigkeit, also um die Bedingungen, unter denen künftige Schocks abgefedert oder vermieden werden können. Diese beiden Dimensionen politischer Verantwortung sind Aufgaben der gewählten Parlamente und Regierungen, nicht der Justiz.</p>
<p>Die rechtliche Verantwortung ist anders strukturiert. Sie ist verfassungsrechtlich verteilt, gebunden an klar normierte Verfahren und Antragsberechtigte. Ein Parteiverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html">Art. 21 Abs. 2 GG</a>) wird vom Bundesverfassungsgericht auf Antrag entschieden, nicht durch politische Akklamation. Dieses und weitere Verfahren sind keine politischen Optionen, deren Anwendung allein vom Willen der Mehrheit abhängt, sondern Instrumente einer wehrhaften Demokratie, deren Einsatz an rechtliche Voraussetzungen geknüpft ist und deren Entscheidung nach justizförmigen Regeln erfolgt.</p>
<p>An dieser Unterscheidung wird sichtbar, was offenblieb. Christina Morina hatte von <em>„Maßnahmen unterhalb des Parteiverbots“</em> gesprochen, ohne diese näher zu bestimmen. Damit könnten andere rechtliche Instrumente mit niedrigerer Eingriffsintensität, etwa die Grundrechtsverwirkung (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_18.html">Art. 18 GG</a>) gemeint sein. Alternativ könnten sich diese Maßnahmen auf die Ausübung der Versammlungsfreiheit (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_8.html">Art. 8 Abs. 1 GG</a>), beispielsweise in Form von Demonstrationen gegen rechtspopulistische Parteien, also Akte politischer Selbstvergewisserung der Zivilgesellschaft beziehen. Die beiden Antworten liegen auf unterschiedlichen Ebenen und ihre Differenzierung ist wichtig, um nicht Gefahr zu laufen, die politische und die rechtliche Ebene zu vermengen. Wer Demonstrationen mit rechtlichen Instrumenten in eins setzt, verkennt die strukturelle Differenz zwischen politischer Willensbildung und rechtsförmigem Verfahren. Wer umgekehrt rechtliche Instrumente politisch instrumentalisiert, gefährdet ihre Legitimität.</p>
<p>Eine vergleichbare Klärung verlangt der de-facto-Ausschluss der AfD aus parlamentarischer Zusammenarbeit, die sogenannte <em>„Brandmauer“</em>. Solange eine Partei nicht durch das Bundesverfassungsgericht verboten wurde, gilt sie als verfassungsgemäß. Eine Selbstverständlichkeit der parlamentarischen Demokratie ist jedoch auch, dass niemand zur Zusammenarbeit gezwungen werden kann. Ein kategorischer Ausschluss als Programm steht aber in einem Widerspruch zu jener Streitdemokratie, die Christina Morina dem Populismus entgegenstellt, einer Demokratie also, in der unterschiedliche verfassungsmäßige Positionen miteinander ringen, nicht per se ausgeschlossen werden. Dies bedeutet letztlich, dass die Frage von Zusammenarbeit oder Nicht-Zusammenarbeit im konkreten Einzelfall politisch entschieden werden muss.</p>
<p>In diesem Licht gewinnt das Kelsen-Zitat, das die Moderation am Abend einführte, eine andere Bedeutung als die der Hingabe an einen unausweichlichen Untergang. <em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt“</em> verlangt nicht den schicksalsergebenen Verzicht auf die verfügbaren Mittel, sondern in erster Linie die Klarheit darüber, welcher <em>„Fahne“</em> man eigentlich folgt. Das Zitat verweist letztlich auf die Frage, die der gesamte Abschnitt umkreist: Welcher Demokratiebegriff, welcher Liberalitätsbegriff, welche Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit ist die Fahne, an der man festhalten will? Diese Frage präzise zu stellen ist Voraussetzung jeder sinnvollen Übernahme von Verantwortung, da unterschiedliche Verantwortungstypen verschieden auszubuchstabieren sind.</p>
<h3><strong>Liberal und demokratisch – ein prekäres Begriffspaar</strong></h3>
<p>Der Begriff der <em>„liberalen Demokratie“ </em>stand im Verlauf des Abends mehrfach im Zentrum, ohne dass eine wichtige Unterscheidung markiert wurde. <em>„Liberal“</em> trägt im politischen Sprachgebrauch eine doppelte Bedeutung und erst die Trennung dieser beiden Bedeutungsschichten erlaubt eine präzise Beschreibung dessen, wogegen sich rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich richten.</p>
<p>Die erste Bedeutung ist die rechtsstaatliche. Hier meint <em>„liberal“</em> den Schutz vor staatlicher Willkür, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz, die Bindung der vollziehenden und richterlichen Gewalt an Gesetz und Recht im Sinne von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html">Art. 20 Abs. 3 GG</a>. Dies ist die Liberalität, die Christina Morina im Sinn hat, wenn sie von der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> spricht. Es ist dieselbe Liberalität, deren Aushöhlung man in Ungarn und Polen zu Recht kritisierte, weil dort die Unabhängigkeit der Verfassungsgerichtsbarkeit und der ordentlichen Justiz angetastet wurde.</p>
<p>Diese rechtsstaatliche Liberalität findet im Grundgesetz ihren positivrechtlichen Anker in dem Begriff der <em>„freiheitlichen demokratischen Grundordnung“</em>. Sie ist der Maßstab, an dem sich Parteiverbot und Grundrechtsverwirkung orientieren. Als unbestimmter Rechtsbegriff ausgestaltet ist sie weder im Grundgesetz noch einfachgesetzlich abschließend definiert. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hat sie schrittweise ausgefüllt. Von der Negativabgrenzung sie sei das <em>„Gegenteil des totalen Staates“</em> (siehe hierzu auch <a href="https://beck-online.beck.de/Dokument?vpath=bibdata%2Fkomm%2Fmaunzduerigkogg_108%2Fcont%2Fmaunzduerigkogg.htm">Wolfgang Durner in Dürig/Herzog/Scholz Grundgesetzkommentar</a>), so 1952 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/1952/bvg52-059.html">Urteil zum Verbot der Sozialistischen Reichspartei</a> (SRP), 1956 über die Erweiterung durch den Sozialstaatsgedanken in der <a href="https://openjur.de/u/335396.html">Entscheidung zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands</a> (KPD) bis zum engeren Maßstab um das sogenannte Potentialitätsargument 2017 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/01/bs20170117_2bvb000113.html">Urteil zum Verbot der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands</a> (NPD). Die freiheitliche demokratische Grundordnung schützt damit den Kernbestand rechtsstaatlicher und demokratischer Strukturen.</p>
<p>Die zweite Bedeutung ist die gesellschaftspolitische. Hier meint <em>„liberal“</em> die Ausweitung von Minderheitenrechten, eine großzügige Migrationspolitik, die <em>„offene Gesellschaft“</em> <a href="https://fshh.rschr.de/pdf/Karl_Popper_Die_offene_Gesellschaft_und_ihre_Feinde_1_Der_Zauber_Platons_2025-04-06.pdf">im Sinne von Sir Karl Popper</a>. Es ist die Liberalität, die Philip Manow im Blick hat, wenn er von der EU als zugleich neoliberalem und kulturell-progressivem Projekt spricht. Ferner ist es jene Liberalität, gegen die sich die meisten rechtspopulistischen Bewegungen Westeuropas tatsächlich wenden, wenn sie sich an Migration, Diversität oder dem Tempo gesellschaftlicher Veränderung abarbeiten.</p>
<p>Im zusammengesetzten Begriff der <em>„liberalen Demokratie“</em> sind beide Bedeutungen verschmolzen und die Wucht der Verteidigungsrhetorik von welcher Seite auch immer speist sich aus dieser Mischung. Wer eine bestimmte progressive Gesellschaftspolitik ablehnt, zum Beispiel in den Kontexten Genderpolitik, Migration oder Anti-Diskriminierung, sieht sich rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, die Demokratie als solche anzugreifen. Diese Gleichsetzung ist analytisch nicht haltbar. Sie verkennt, dass es nichtdemokratische Rechtsstaaten gegeben hat – zu einem gewissen Grad lässt sich dies über das Deutsche Kaiserreich sagen – und dass umgekehrt eine Demokratie ohne progressive Gesellschaftspolitik denkbar bleibt, ohne deshalb ihre demokratische Substanz zu verlieren – Ungarn zum Beispiel mit der von Viktor Orbán ausgerufenen <em>„illiberalen Demokratie“</em>.</p>
<p>Wo die rechtsstaatliche Liberalität als Mittel angegriffen wird, um eine bestimmte gesellschaftspolitische Agenda durchzusetzen, ist die Kritik berechtigt. Aber die Zielrichtung ist entscheidend: Verfassungsfeindlichkeit im Sinne des Grundgesetzes setzt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine aktiv kämpferische, aggressive Haltung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung selbst voraus. Ein Ablehnen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit ist ein Indiz für Verfassungsfeindlichkeit, das die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seit dem SRP-Urteil entwickelt hat. Eine kritische Position zur Migration, zur Geschwindigkeit der Erweiterung von Minderheitenrechten oder zu einzelnen Aspekten progressiver Gesellschaftspolitik bewegt sich demgegenüber im Rahmen des politischen Diskurses der legitimen politischen Rechten. Sie ist von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html">Art. 5 Abs. 1 GG</a> gedeckt, auch dort, wo sie sich gegen Positionen wendet, die im Grundgesetz selbst verankert sind. Zugespitzt formuliert: Nicht alles, was als <em>„rassistisch“</em> etikettiert wird, ist verboten.</p>
<p>Die vorgenommene Differenzierung ist die Voraussetzung dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus jenseits moralischer Zuschreibungen geführt werden kann, also genau dort, wo das jahrelange Kenntlichmachen als <em>„rassistisch“, „faschistisch“ </em>und<em> „rechtsextrem“</em> nach Christina Morinas Beobachtung wirkungslos geblieben ist.</p>
<h3><strong>Die Verfassungsgerichtsbarkeit – Grenzfragen einer starken Institution</strong></h3>
<p>Die deutsche Verfassungsgerichtsbarkeit ist im internationalen Vergleich besonders stark. Diese Stärke ist eine institutionelle Antwort auf die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insofern Ausdruck einer historischen Lehre. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist aber kein neutrales Instrument und es ist wichtig sich mit diesem Spannungsverhältnis auseinanderzusetzen.</p>
<p>Dafür lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Eine der deutschen vergleichbare Verfassungsgerichtsbarkeit ist kein konstitutives Element eines Rechtsstaats. Italien kennt keinen Individualrechtsschutz vergleichbar der Verfassungsbeschwerde. Der amerikanische Supreme Court entscheidet nur in konkreten Fällen und kennt keine abstrakte Normenkontrolle. Wiederum andere Ordnungen verzichten ganz auf eine eigenständige Verfassungsgerichtsbarkeit. Die deutsche Lösung ist eine bewusste Wahl, deren Hintergrund auch akademisch reflektiert worden ist. Im sogenannten <em>„Hüterstreit“</em> hatten Carl Schmitt und Hans Kelsen gestritten, welche Institution die Verfassung schützen solle – der direkt vom Volk gewählte Reichspräsident mit politischer Autorität oder ein unabhängiges Gericht mit rechtlicher Bindung. Das Grundgesetz hat sich eindeutig für die Sichtweise von Hans Kelsen entschieden. Die Frage ist also nicht, ob es ein Verfassungsgericht geben soll, sondern wie weit es seine Kompetenzen ausschöpft, denn Verfassungsrecht ist politisches Recht.</p>
<p>Mit dieser Aussage ist die strukturelle Spannung benannt, die Philip Manow in der Diskussion angesprochen hat. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist Teil der Rechtsstaatlichkeit. Sie bindet die Legislative an die Verfassung und stellt sicher, dass auch parlamentarische Mehrheiten die Grundrechte und die fundamentalen Strukturprinzipien des Gemeinwesens nicht aushöhlen können. Versteht man Demokratie als Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip, so ist die Bindung gewählter Mehrheiten an die Auslegung der Verfassung durch ein Gericht eine Einschränkung des demokratischen Prinzips.</p>
<p>Diese Einschränkung ist ihrerseits demokratisch legitimiert: Das Verfassungsrecht ist selbst durch eine qualifizierte Mehrheit entstanden und es ist beabsichtigtermaßen weniger flexibel als das einfache Recht. In Zeiten schwieriger politischer Mehrheiten kann diese Einschränkung jedoch zur Lähmung führen. Je enger die verfassungsgerichtlichen Vorgaben, desto geringer der Handlungsspielraum demokratisch gewählter Mehrheiten. Diese Spannung besteht auch dann, wenn das Gericht maßvoll agiert und sie ist konstitutiv für jede Ordnung, in der ein Verfassungsgericht über die Auslegung verfassungsmäßiger Rechte entscheidet. Aber auch ein Hinweis auf die bloße Rechtsanwendung durch das Verfassungsgericht löst den Konflikt nicht auf. Soweit das Verfassungsrecht politisches Recht ist, ist die Verfassungsauslegung ein politischer Akt, nicht im parteipolitischen Sinn, aber im Sinn einer weltanschaulich geprägten Materie, die das Verhältnis von Bürger und Staat regelt. Der Rechtsstaat wird mithin nicht in Stellung gegen die Demokratie gebracht. Es geht um das Austarieren der spannungsbeladenen Grenzfälle des Verhältnisses von demokratischem Mehrheitsprinzip und rechtsstaatlicher Selbstbindung der demokratischen Gewalt an das Verfassungsrecht. Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit juristischen Entscheidens: Juristische Argumentationen versuchen nuanciert und abwägend zu sein. Gerichtliche Entscheidungen hingegen sind binär – verfassungsmäßig oder verfassungswidrig. Gerade in Grenzbereichen wird die Diskrepanz zwischen abgewogener Argumentation und binärem Spruch zum eigenen Problem.</p>
<p>In diesem Zusammenhang setzt die Beobachtung an, die die Juristin aus dem Publikum mit dem Verweis auf Ginsburg eingebracht hat. Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, können den Konflikt verschärfen, den sie befrieden sollten. Roe v. Wade ist das prominenteste Beispiel dafür, dass eine als Befriedung gemeinte Entscheidung den Backlash erst hervorrufen kann, wenn sie die gesellschaftliche Auseinandersetzung aus dem politischen Raum in den juristischen verlagert. Diese Beobachtung ist kein Argument gegen Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist ein Argument für ihre maßvolle Ausübung, da deren Legitimität nicht nur aus ihrer Rechtsbindung, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Vertrauen erwächst. Die Einschätzung, die <em>„Antidiskriminierung“</em> leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab, ist sachlich nicht falsch – ein Jurist würde eher vom Gleichbehandlungsgebot oder Diskriminierungsverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html">Art. 3 GG</a>) sprechen. Sie beantwortet aber nicht die Frage, an welcher Stelle die Konkretisierung dieses grundgesetzlichen Auftrags in die gesellschaftliche Auseinandersetzung gehört und an welcher Stelle das Gericht ihn rechtlich zu sichern hat, zumal der Gleichheitsbegriff des Grundgesetzes sich vom progressiven Anspruch, soziale Unterschiede zwischen Menschen zu minimieren, im Einzelfall durchaus zu unterscheiden vermag.</p>
<p>Vielleicht muss man die Frage aber auch anders formulieren: Was gehört eigentlich in eine Verfassung hinein? Eine Verfassung kann sich auf Staatsorganisation und groben Rahmen beschränken, oder sie kann bestimmte politische Inhalte festschreiben – das Beispiel der Schuldenbremse oder Einschränkungen in der Zusammenarbeit von Bund und Ländern zeigen, dass die zweite Möglichkeit nicht hypothetisch ist. Beide Wege sind legitim, aber sie haben unterschiedliche Konsequenzen. Je mehr politische Substanz in der Verfassung selbst kodifiziert ist, desto weniger bleibt der politischen Auseinandersetzung überlassen und desto stärker wird das Verfassungsgericht zum Schiedsrichter über Fragen, die ihrer Natur nach politisch sind. Die jüngste Stärkung des Bundesverfassungsgerichts durch die Aufnahme zentraler Strukturentscheidungen ins Grundgesetz, deren Änderung nun eine Zweidrittelmehrheit erfordert, sichert die institutionelle Unabhängigkeit ab. An der inhaltlichen Spannung zwischen verfassungsgerichtlichen Vorgaben und elektoraler Responsivität ändert sie nichts. Diese Spannung ehrlich zu benennen, ist keine Schwächung der Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist die Voraussetzung ihrer Legitimität.</p>
<h3><strong>Die Stärke der liberalen Demokratie: Pluralismus</strong></h3>
<p>Was hat das Gespräch zwischen Christina Morina und Philip Manow geleistet? Beide sprachen aus der Perspektive ihrer Disziplin über gesellschaftliche Spaltung in Zeiten des Rechtspopulismus zu sprechen und hat dabei die Zukunft der Demokratie in den Blick genommen. Beide hatten starke Thesen und überzeugende Argumente. Allerdings ist der Abend eine Beobachtung schuldig geblieben, denn der Diskurs über die Spaltung der Gesellschaft ist selbst gespalten. Er ist es disziplinär, weil historische und politikwissenschaftliche Perspektive ihre methodische Differenz nicht ohne Weiteres überwinden können. Und er ist es begrifflich, weil zentrale Wörter wie <em>„Demokratie“</em>, <em>„Liberalität“</em>, <em>„Verantwortung“</em>, <em>„Rechtsstaat“</em> mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzt werden können.</p>
<p>Neben diese mehrfache Spaltung tritt eine inhaltliche Leerstelle, die mit dem Titel der Veranstaltung in einem eigentümlichen Verhältnis steht. Der Titel <em>„Spaltungslinien“</em> versprach eine Topografie. Aber wo verlaufen sie eigentlich? Christina Morina benannte die Spaltung zwischen ostdeutscher und westdeutscher Demokratiesozialisation. Philip Manow hat eine benannt, als er von Akademikern und Nichtakademikern, von portablen und nicht portablen Fähigkeiten sprach. Der Begriff der Globalisierungsverlierer schwebte als Hintergrundannahme über beiden Beiträgen. Aber zwischen Stadt und Land, zwischen ärmeren und wohlhabenderen Milieus, zwischen staatsnahen und staatsskeptischen Bevölkerungsteilen, zwischen progressiver Moralkultur und pragmatischer Mittelschicht verläuft noch eine Vielzahl weiterer Spaltungslinien, die für die realitätsnahe Abbildung unserer Gesellschaft geradezu essentiell sind. Dabei kreuzen sich diese Linien und gerade in ihrer Überlagerung entscheidet, wer wo zu verorten ist. Wer nur die Bildungslinie nennt, sieht die Konstellation nicht, in der jemand akademisch gebildet, aber wirtschaftlich prekär, ostdeutsch sozialisiert und gleichwohl staatsnah ist – oder umgekehrt. Genau diese Überlagerung macht aber jene pauschalen Zuschreibungen unwirksam, deren Wirkungslosigkeit Christina Morina als Befund festgehalten hat.</p>
<p>Damit kehrt das Kelsen-Zitat zurück, mit dem die Moderation den Abend rahmte. Welcher Fahne treu bleiben, wenn das Schiff sinkt? Christina Morina hatte gegen Ende auf <a href="https://www.iwm.at/fellow/ivan-krastev">Ivan Krastev</a> verwiesen und dessen Frage in den Raum gestellt, warum es eigentlich die liberale Demokratie sein solle und worin die Stärke dieser Ordnung liege. Drei Antworten stehen zur Debatte und sie sind nicht ohne Weiteres miteinander identisch: Das demokratische Mehrheitsprinzip, die rechtsstaatliche Liberalität und die offene Gesellschaft im progressiven Sinn. Im politischen Sprachgebrauch werden sie miteinander verschmolzen und treten erst dort auseinander, wo sie in Konflikt geraten. Die Stärke der liberalen Demokratie liegt vermutlich nicht in ihrer moralischen Selbstgewissheit, sondern in ihrer Fähigkeit, echte Konflikte zwischen Gesellschaftsgruppen zivilisiert auszutragen, in jener Streitdemokratie also, von der Christina Morina im Kontrast zum populistischen Anspruch auf den einheitlichen Volkswillen sprach. Diese Streitdemokratie verlangt, dass alle Positionen, die nicht die hohe Schwelle aktiv-kämpferischer Verfassungsfeindlichkeit überschreiten, miteinander ringen können. Sie verlangt das auch dort, wo man die jeweils andere Position für falsch oder anstößig hält. Der Fahne der liberalen Demokratie treu zu sein, kann jeder politische Standpunkt für sich in Anspruch nehmen, unabhängig davon, ob er progressiv oder konservativ, links oder rechts argumentiert. Entscheidend ist nicht die Position, sondern die Bereitschaft, sich an die Spielregeln zu halten, die das Ringen um die richtige Lösung überhaupt ermöglichen.</p>
<p><strong>Matteo Gentile</strong>, Bielefeld</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 9. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer)</p>
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		<title>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 06:55:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dilemmata in der Praktischen Philosophie Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht „(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s  [...]</p>
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<h1><strong>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</strong></h1>
<h2><strong>Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht</strong></h2>
<p><em>„(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s moral standing within their social relations.” </em>(Luise Müller, <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/mopp-2020-0054/html">Domesticating Artificial Intelligence</a>, in: Moral Philosophy and Politics 9.2, 2022)</p>
<p>Wie verändern Künstliche Intelligenzen die Beziehungen von uns Menschen zueinander? Die Berliner Philosophin <a href="https://www.luisemueller.com/">Luise Müller</a> unterscheidet die Beziehungen von Menschen untereinander, zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschinen untereinander. Menschen können moralische Entscheidungen treffen, Maschinen können dies nicht. Tiere können domestiziert, dressiert und erzogen werden, sodass es aussehen kann, als wäre es eine moralische Entscheidung, dass ein Hund einen Menschen nicht ins Bein beißt. Im Hinblick auf Künstliche Intelligenzen erörtert Luise Müller die Möglichkeit einer Domestizierung, analog zu Tieren.</p>
<div id="attachment_7985" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7985" class="wp-image-7985 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7985" class="wp-caption-text">Luise Müller, Foto: privat.</p></div>
<p>Die an der FU Berlin tätige Philosophin Luise Müller engagierte sich zuvor an der Universität Hamburg und an der TU Dresden. Sie war Gastwissenschaftlerin am King’s College London und an der Columbia University. In ihrer Dissertation <a href="https://www.cambridge.org/core/books/abs/right-to-punish/right-to-punish/C89E78C88128A953DA913E1FA0F3343D">„The Right to Punish – Political Authority and International Criminal Justice“</a> (Cambridge University Press, 2024) befasste sie sich mit der Frage, was internationalen Gerichtshöfen die moralische und juristische Autorität gebe, einzelne Personen oder gar Staaten wegen internationaler Verbrechen zu verurteilen. Die Studie ist ein umfassender Beitrag zu den Grundlagen und zu Praxis und Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht. Sie enthält unter anderem eine ausführliche Beschreibung der Genese internationaler Strafgerichtsbarkeit von den Prozessen zum türkischen Völkermord an den Armeniern über die Nürnberger Prozesse bis hin zu dem insbesondere durch die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre ausgelösten Beschlüssen zur Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes.</p>
<p>Auch in ihren weiteren Veröffentlichungen geht es um staatliche beziehungsweise überstaatliche Interventionen und Menschenrechte, unter anderem in Bezug auf die <a href="https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/302/263">Gerechtigkeitstheorie von John Rawls</a> oder die Schriften von John Locke. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf Aspekte der Science Fiction, beispielsweise in ihrem Aufsatz „Interstellare Gerechtigkeit — Star Trek&#8217;s Ideal einer speziespluralistischen Gesellschaft“ (in: Katja Kanzler / Christian Schwarke, Hg., Weitersehen — Visionen für die Gegenwart, Wiesbaden, Springer VS, 2019). Luise Müller beteiligte sich als Expertin an der von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit kuratierten Reihe <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik/">„Star Trek und die Politik“</a>.</p>
<p>Ihr Engagement lässt sich mit den Begriffen „Praktische Philosophie“ oder „Praktische Anthropologie“ zusammenfassen. Letztlich geht es in diesem Kontext auch um Frage, welcher rote Faden Aspekte einer Regulierung Künstlicher Intelligenzen (oder Sozialer Medien) und einer internationalen Strafgerichtsbarkeit miteinander verbindet.</p>
<h3><strong>Ein interdisziplinärer Zugang zur Philosophie</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Philosophin, beschäftigen sich aber mit politischen, historischen, juristischen Themen, die auf den ersten Blick nicht der Philosophie zugeordnet werden. Wie verstehen Sie sich selbst als Wissenschaftlerin?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In erster Linie als Philosophin. Ich bin in der Praktischen Philosophie tätig und diese umfasst die Ethik, die Moralphilosophie. Da kommt man unweigerlich mit verschiedenen anderen Disziplinen in Berührung. Ich sehe mich in den angrenzenden Bereichen nicht als Expertin, tue mich auch manchmal schwer, umfangreiche Erkenntnisse der Nachbardisziplinen herauszuarbeiten, aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. </em></p>
<p><em>Ursprünglich habe ich auch Politikwissenschaften studiert und dort ein Grundwissen an Systematik und Aufbau der politischen Institutionen erworben. Hier sieht man natürlich die Unterschiede in der Herangehensweise gegenüber denjenigen, die nur Philosophie studiert haben. Ich verfüge über technisches Know-How, das erlaubt, eine andere Perspektive auf bestimmte Fragen einzunehmen. Die Stellen, auf denen ich bisher gearbeitet habe, waren alle interdisziplinär ausgerichtet.</em></p>
<p><em>Natürlich formen auch die Institutionen, in denen man arbeitet, sodass ich mich selbst in erster Linie als Philosophin bezeichnen würde. Das ist natürlich kein geschützter Begriff wie beispielsweise Ärztin. Philosophin können sich im Grunde alle nennen, ich würde daher das, was ich mache, als akademische Philosophie bezeichnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Lehrveranstaltungen bieten Sie an?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich habe gerade eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Normative Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ abgeschlossen, „normativ“ im Sinne der Regeln, die wir bräuchten, einhalten sollten, wenn wir uns mit KI befassen. Dazu gehören Fragen wie die, ob Künstliche Intelligenzen moralische Akteure sind oder ob wir einer KI moralisch etwas schulden. Es geht auch um systemische wie um existenzielle Risiken bei der Weiterentwicklung von KI, um domänenspezifische Fragen wie der nach KI in Kriegen, KI in der Demokratie, in den sozialen Medien. </em></p>
<p><em>Ich biete regelmäßig einen Kurs zur Einführung in die Praktische Philosophie an, den alle Studierenden der Philosophie im zweiten Semester besuchen müssen. Es geht von Aristoteles über Kant bis zu zeitgenössischer politischer Philosophie, Hannah Arendt zum Beispiel oder Jürgen Habermas. Ich biete auch Lektüreseminare zu bestimmten Denker:innen der Praktischen Philosophie an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Forschung und Lehre haben Sie sich nicht nur mit KI befasst, sondern auch mit der Rolle der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Das sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernte Gebiete. Aber wo würden Sie den roten Faden sehen?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Es ist immer interessant, wenn jemand die Außensicht spiegelt und nach einem solchen roten Faden fragt. Eine grundlegende Frage ist aus meiner Sicht die Legitimität. Damit meine ich die Frage, ob bestimmte Institutionen wie beispielsweise der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof legitimiert sind, in den Urteilen uns auch bestimmte Anweisungen zu geben, die wir befolgen sollten. Ähnlich ist es bei der KI. Inwiefern können wir sagen, dass Entscheidungen beim Einsatz von KI in staatlichen Strukturen Legitimität haben? Das umfasst nicht alles, wofür ich mich interessiere, aber es ist eine Perspektive, die ich als besonders wichtig sehe: Wann dürfen andere Personen über uns urteilen? Welche demokratischen Strukturen brauchen wir, um dies zu legitimieren?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind aus meiner Sicht Gründe, warum junge Menschen Philosophie studieren sollten!</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Viele denken, man könne heute mit Geisteswissenschaften keinen Blumentopf mehr gewinnen. Ein Kollege von mir sagte kürzlich, man sollte versuchen, mehr Doppelstudiengänge einzurichten, beispielsweise Computerwissenschaften und Philosophie, weil es dann eine besondere Kompetenz gibt, die auch bei Anstellungen später eine Rolle spielen könnte. Er meinte dies in der Annahme, dass sich zurzeit hier etwas ändert. Es reiche inzwischen nicht mehr aus zu programmieren, weil dies die KI immer mehr übernähme, aber die Philosophie ermögliche andere Zugänge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann weiß man, was man macht, und reflektiert es.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt ohnehin viele Fragen, die sich in den Disziplinen überlappen. Dazu braucht man in der Tat schon philosophisches Handwerkszeug.</em></p>
<h3><strong>Könnte man KI fehlerfreundlich gestalten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Künstliche Intelligenz ist ein Thema der Science Fiction. Ich möchte ein Beispiel nennen: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/">„Denial of Service“ von Aiki Mira</a>. In diesem Roman geht es unter anderem um die Evolution von KI, Evolution des Menschen, gegebenenfalls im Widerspruch mit der Evolution der KI, um die Möglichkeit der Entwicklung eigener ethischer Normen der KI, auf die Menschen keinen Einfluss mehr haben. Wie autonom ist KI, wie autonom wird sie werden? Was bedeutet das für die Evolution des Menschen? Aber auch Kulturzeitschriften befassen sich mit dem Thema. Die Zeitschrift Merkur hat in ihrer <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/ausgaben/heft-923/">Aprilausgabe 2026</a> einen Schwerpunkt mit sechs Beiträgen zur KI veröffentlicht. Durchweg stellt sich die Frage einer möglichen <em>„Autonomie“</em> der KI beziehungsweise danach, was von der <em>„Autonomie“</em> des Menschen bleibt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Man muss zunächst darüber sprechen, was mit „Autonomie“ überhaupt gemeint ist. Es gibt den sehr prägnanten Autonomiebegriff von Kant. „Autonomie“ bedeutet für ihn, dass ich mittels der Vernunft eigene Gesetze entwickeln kann, an die ich mich dann halte, nicht, weil ich bei Nicht-Beachtung sanktioniert würde, sondern weil ich das für richtig halte. Dieser Autonomiebegriff ist für die KI falsch. „Autonomie“ ist in Bezug auf KI ein technischer Begriff. KI kann bestimmte Dinge ohne menschliche Intervention erledigen, aber sie handelt im Unterschied zum Menschen nicht moralisch. </em></p>
<p><em>Sie fragen, ob KI der Evolution des Menschen folgen könnte. Ich sehe jedoch den Fakt, dass wir als Menschen biologische Organismen sind und dies im Unterschied zu einer KI eine große Rolle spielt. Es gibt Untersuchungen der kanadischen Sozialwissenschaftlerin </em><a href="https://engineering.jhu.edu/faculty/gillian-hadfield/"><em>Gillian Hadfield</em></a><em>, die gerade zur Johns Hopkins University in Baltimore gewechselt ist. Ihre Forschung ist exzellent. Sie hat die Sozialität, die Entwicklung sozialer Normen in der KI und dies auch für menschliche soziale Bewegungen untersucht. Es ist meines Erachtens jedoch schwierig, jenseits von Science Fiction zu spekulieren, Entwicklungslinien vorherzusagen. Es gibt sehr unterschiedliche Hypothesen, aber diese Vielfalt zeigt uns schon, dass eine Vorhersage für die Zukunft nicht empirisch untermauert werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt in den USA Bestrebungen, den Menschen zu optimieren, beispielsweise durch Einsetzen eines Chips wie das von Elon Musk propagierte Neurolink. Das ist auch Thema bei Aiki Mira, wo es eine Art <em>„Hirn-Stadt-Interface“</em> gibt oder auch der Romane „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a> von Dave Eggers. Jedes der in diesen Romanen beschriebenen Tools hat einen realen Hintergrund, es fehlt eigentlich nur die flächendeckende und umfassende Umsetzung. Ein Peter Thiel moralisiert solche Entwicklungen, indem er sich für berufen fühlt, den Kampf gegen einen angeblichen <em>„Antichristen“</em> anzuführen. Letztlich geht es um Steuerung von Menschen durch Tools Künstlicher Intelligenz. Für viele Menschen – nicht nur in Deutschland – ist die KI allein schon wegen der Debatte über solche Möglichkeiten ein Schreckgespenst.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich glaube, Thiel und Musk geistern zurzeit immer wieder durch die Berichterstattung. Das erklärt vielleicht auch die Irritationen in der Öffentlichkeit, zumal Thiel und Musk sich auch in die Politik in den USA einmischen, Musk auch in die europäische Politik, beispielsweise, als er bei einem AfD-Parteitag zugeschaltet wurde. Ich glaube schon, dass er auf eine gewisse Weise größenwahnsinnig ist. Neuralink ist medizinisch natürlich interessant, wenn beispielsweise jemand, der querschnittsgelähmt ist, auf diese Weise seinen Körper wieder steuern kann. </em></p>
<p><em>Peter Thiel vertritt die klassische libertäre Ideologie aus dem Silicon Valley. Mit seinem in den letzten Jahren immer heftiger formuliertem Kampf gegen den „Antichristen“ pflegt er letztlich anti-demokratische Emotionen, weil aus seiner Sicht die Demokratie einer besseren Welt im Wege stehe. Zur Überwachung dient schließlich eine Software wie Palantir, die auch in demokratischen Staaten attraktiv zu sein scheint.</em></p>
<p><em>Verbreiteter sind aus meiner Sicht jedoch die verschiedenen </em><a href="https://www.iese.fraunhofer.de/blog/large-language-models-ki-sprachmodelle/"><em>Large Language Models</em></a><em>, die uns verschiedene Dinge erleichtern, Steuererklärungen, das Sortieren von e-mails, die Fehleranalyse bei bestimmten Codes. Das hat einen anderen Charakter als das mit libertären und anti-demokratischen Personen verbundene Schreckgespenst. Diese Funktionen werden von sehr vielen Leuten genutzt. Ich sehe das bei meinen Studierenden, die aus Schulen kommen, in denen sie sie auch schon genutzt haben. Diese Art von KI sollte uns viel mehr interessieren, weil sie eine viel größere Auswirkung auf unsere alltäglichen sozialen Praktiken zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Large Language Models machen vieles schnell verfügbar, was ich mir früher in Bibliotheken mühsam hätte zusammensuchen müssen, zu denen viele auch gar keinen Zugang hätten. In Suchmaschinen finde ich schon seit längerer Zeit zahlreiche thematisch für mich interessante Internetseiten, die ich mir dann anschauen konnte, mit den Large Language Models erhalte ich darüber hinaus eine ausformulierte Auswertung. Manche Debatten, die wir zurzeit über KI führen, erinnern mich aber auch an frühere Debatten über Gentechnik.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In den 1990er Jahren gab es viele Debatten darüber, ob alles, was wir können, auch ethisch erlaubt sein sollte. Jürgen Habermas hat sich zum Beispiel damit beschäftigt. Diese Frage spielt auch in der KI-Debatte eine wichtige Rolle. Es gibt die These, dass eine KI sich irgendwann selbst verbessern kann und wir die Kontrolle darüber verlieren. Die KI macht dann was sie will. In den letzten zwei bis drei Jahren gab es gefühlt alle zwei Wochen öffentliche Briefe mit prominenten Unterzeichner:innen, die ein KI-Moratorium forderten. Sie sagten, wir stünden kurz vor einer Intelligenzexplosion und sollten – wie bei der Atombombe – erst dafür sorgen, dass wir die Risiken besser abschätzen und Sicherheit gewährleisten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Moratorien halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Offene Briefe werden nicht viel nützen, das müssten schon Regierungen verlangen. Und dann möglichst alle. Es gibt Unternehmen, die Geld damit verdienen, es gibt aber auch ganz unterschiedliche Evaluationen zu den Risiken. Zwei Computerwissenschaftler aus Princeton, </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~arvindn/bio/"><em>Arvid Narayanan</em></a><em> und </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~sayashk/"><em>Sayash Kapoor</em></a><em>, sagen, KI ist eine normale Technologie wie die Erfindungen zur industriellen Revolution, beispielsweise die Dampfmaschine. Das bedeute nicht, dass die Entwicklungen der KI nicht gewaltig sein würden, aber es sei jetzt nicht die Art von existenziellem Risiko, das viele in der Debatte sehen. Es wäre nicht die Super-Ki, die eines Tages uns abschalten würde. Andere sagen, dass es eine enorme Transformation geben wird, wie wir arbeiten, lernen, uns sozial zueinander verhalten. Ich tendiere eher zu der ersten Sichtweise.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann liege ich mit meiner Analogie zur Gentechnik gar nicht so falsch. Ich erinnere mich gut daran, dass <a href="https://ernst.weizsaecker.de/lebenslauf/">Ernst-Ulrich</a> und <a href="https://baumev.de/wp-content/uploads/2025/10/Portaet-von-Weizsaecker_Ecoropa.pdf">Christine von Weizsäcker</a> in einem Aufsatz den Begriff der <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> eingeführt haben (in: Klaus Kornwachs, Hg., <a href="https://openlibrary.org/books/OL2581021M/Offenheit_Zeitlichkeit_Komplexita%CC%88t">Offenheit – Zeitlichkeit – Komplexität – Zur Theorie der Offenen Systeme</a>, Frankfurt am Main / New York, Campus, 1984). <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> bedeutet im Grunde Rückholbarkeit.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Der Begriff der Fehlerfreundlichkeit ist für die Debatte um die KI in der Tat interessant. Es gibt </em><a href="https://www.frontier-lab.com/"><em>Frontier Labs</em></a><em>, privatwirtschaftlich organisierte Institutionen, die sehr viel in die Sicherheitsüberprüfung von Large Language Modellen investieren, mit eigenen Forschungsgeldern und die auch sehr transparent damit umgehen, was sie beim Stress Testing gefunden haben, die schauen, wie resilient die Tools gegenüber schlecht meinenden Nutzern sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Philosophin wäre es dann eine Ihrer Aufgaben, über solche Dilemmata zu forschen und zu lehren?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Als Lehrende möchte ich Studierenden zeigen, dass es für viele Fragen, die sich im Alltag stellen, in der Kneipe, im privaten Umgang, intelligente Leute gibt, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Das können wir uns anschauen. Stellung nehme ich zu den Dilemmata eher selten. Ich sehe meine Rolle darin zu zeigen, dass es diese Dilemmata gibt und dass es unterschiedliche Zugänge und Ansätze gibt. Unsere Studierenden arbeiten nachher in ganz unterschiedlichen Bereichen, sodass das, was wir in den Seminaren besprechen, auch in die Öffentlichkeit gelangt. Es gibt natürlich auch Philosophinnen und Philosophen, die in den Medien stärker Stellung beziehen wie beispielsweise Jürgen Habermas. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ausbildung zur Philosophin oder zum Philosophen dazu befähigt oder berechtigt. </em></p>
<h3><strong>Individuelle und kollektive Schuld vor dem Internationalen Strafgerichtshof</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Hintergrund stellt sich natürlich immer die Frage, wann etwas verbrecherisch wird. Diese Frage wird im Hinblick auf Trump, Thiel oder Musk auch immer wieder in den Feuilletons mancher Zeitung aufgeworfen. Sie haben sich mit diesem Thema sich in Ihrer Dissertation zum <a href="https://www.icc-cpi.int/about/the-court">Internationalen Strafgerichtshof</a> beschäftigt: „The Right to Punish“.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Einer meiner Dozenten in London sagte mir einmal, dass in der juristischen Ausbildung es in der Zeit, in der er studiert hatte, gerade einmal eine Sitzung zum internationalen Recht gegeben habe. Die Hauptfrage habe gelautet, ob Internationales Recht überhaupt Recht sei. Das hat sich inzwischen etwas verändert, aber es bleibt der Punkt, dass Rechtssysteme davon abhängig sind, ob es sich um das Recht von demokratisch verfassten Staaten handelt. Das haben wir auf der Weltebene natürlich nicht. Es gibt verschiedene Institutionen, die einzelne Funktionen des Rechtssystems abbilden, die auch im nationalen Recht abgebildet werden können, aber es gibt keine Weltregierung, die sagen könnte, sie schaffe ein Weltrecht, dass dann auch weltweit angewandt werden kann. </em></p>
<p><em>Daher fand ich die Frage interessant, was mit der Legitimität geschieht, wenn wir eine internationale Institution haben, die formal von einigen Staaten anerkannt wird, von anderen nicht, und die internationales Recht anwenden will, wie es auch im nationalstaatlichen Kontext kodifiziert ist. Das ist sehr fragil. Man sieht es auch in den politischen Diskussionen um den Internationalen Strafgerichtshof. Putins Sprecher sagte beispielsweise, er erkenne den Haftbefehl nicht an. Ich erinnere mich auch an den Haftbefehl gegen Umar al-Baschir, der den Haftbefehl als ein Stück Papier bezeichnete, das man zusammenknüllen und aufessen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Machtfrage. Die sudanesische Regierung kündigte im Jahr 2020 an, Umar al-Baschir an den Internationalen Strafgerichtshof auszuliefern, geschehen ist dies bis heute nicht. Putin zu verhaften dürfte ohnehin sehr schwierig werden. Es ist auch völlig offen, ob jemand Benjamin Netanjahu verhaften wird. 2012 wurde der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor zu 50 Jahren Haft verurteilt, die er in Großbritannien verbüßt, es gab Prozesse gegen mehrere Akteure in Jugoslawien, unter anderem den während des Prozesses verstorbenen ehemaligen Präsidenten Slobadan Milošević, gegen Verantwortliche für das Massaker in Srebenica, Ratko Mladić, der 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sowie Radovan Karadžić, der 2019 ebenfalls zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es ist und bleibt eine Machtfrage, auch im nationalstaatlichen Kontext. Wir sind es in Europa, in Kanada, in den USA gewohnt, dass das Gewaltmonopol des Staates gilt.</em> <em>Die Polizei setzt Recht durch. Wie gut sie das macht, ist sicherlich manchmal eine berechtigte Frage, zum Beispiel zurzeit in den USA. Im internationalen Kontext gibt es dieses Gewaltmonopol nicht. Es gibt keine Polizei, die die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs durchsetzen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage, es einmal so zu formulieren: Wir haben im internationalen Recht im Rahmen der Gewaltenteilung eine Legislative, die eine Institution wie den Internationalen Strafgerichtshof oder auf europäischer Ebene den Europäischen Gerichtshof einsetzt, eine Judikative, das sind dann zum Beispiel der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof, aber keine Exekutive, die Beschlossenes umsetzt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Genau das ist die Machtfrage! Kein Staat der Welt möchte diese Macht abgeben. Man kann sich sogar aus verschiedenen UN-Institutionen herausziehen wie es die USA nicht nur unter Trump, auch schon vorher mehrfach gemacht hat. De facto liegt die Exekutive in der Hand der einzelnen Staaten. Der Internationale Strafgerichtshof ist auf die Mitwirkung der Länder angewiesen, die ihn anerkannt haben. Wenn Putin nach Deutschland käme, was er sicherlich nicht tun wird, müsste ihn die deutsche Polizei verhaften und nach Den Haag ausliefern. Als Oppositionspolitiker sagte Friedrich Merz noch, er werde Netanjahu bei einem Deutschlandbesuch wohl nicht verhaften lassen, inzwischen hat die Bundesregierung die Sprachregelung gewählt, ein Deutschlandbesuch Netanjahus stünde nicht an. Das ist gerade in einem Land wie Deutschland von Bedeutung, das von sich sagt, dass es die regelbasierte internationale Ordnung akzeptiert. Das passt natürlich nicht zusammen, wenn man dann in einem Fall eine Ausnahme macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es Verfahren in Deutschland gegen syrische Täter, beispielsweise gegen solche, die im Rahmen des Islamischen Staat Verbrechen begangen haben.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist das </em><a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/823410/c84f89d5f3edf3c3220f5412dd3e39aa/WD-7-132-20-pdf-data.pdf"><em>Weltrechtsprinzip</em></a><em>. Es ist aus dem Kampf gegen Piraterie entstanden. Hier gab es Lücken in der Exekutive, weil die Weltmeere nicht territorial eingehegt sind. Das entstand auch schon im 19. Jahrhundert. Es erlaubt einzelnen Staaten, für bestimmte Verbrechen auch Personen, die nicht ihre Staatsangehörigkeit haben, zu verhaften und zu verurteilen. Ein prominenter Fall war die von einem spanischen Staatsanwalt nach dem Weltrechtsprinzip beantragte Verhaftung von Pinochet im Jahr 1998 nach einem medizinischen Eingriff in London. Es kam jedoch nicht zu einem Prozess, Pinochet konnte nach Chile zurückkehren. In solchen Fällen spielt es eine Rolle, was eine solche Verhaftung für die Beziehung zwischen den beiden betroffenen Ländern bedeutet und wie sich die jeweiligen Länder bei Widerständen verhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihrer Dissertation herausgearbeitet, dass das internationale Strafrecht sich gegen bestimmte Personen richtet, nicht gegen Staaten. Das ist im Grunde ein Prinzip jeden Strafrechts. Verantwortlich für ein Verbrechen sind immer ganz bestimmte namhaft machbare Personen. Allerdings gibt es Ausnahmen, wenn beispielsweise eine Gruppe als <em>„terroristische Vereinigung“</em> eingestuft wird. Bis heute weiß niemand außer dem Todesschützen, wer die Morde der RAF begangen hat. Daher wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, sodass man RAF-Mitglieder für kollektiv begangenen Mord verurteilen konnte.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt vergleichbare Verfahren bei Mafia-Prozessen.</em> <em>Kollektive Schuld kann allerdings im Grunde nur moralisch konzeptionalisiert werden. Strafrechtlich ist das hochproblematisch, weil das Strafrecht massiv in die Autonomie und die Freiheit von einzelnen Personen eingreift. </em></p>
<p><em>Die Frage lautet: Wie kann ich eine Schuld bewerten, wenn das Verbrechen von jemandem begangen wird, der in einer Hierarchie von Kommandostrukturen handelt? Wie kann ich die persönliche Verantwortung einer Person in diesem Rahmen nachweisen? In den Protokollen des Internationalen Strafgerichtshofs ist dies sehr genau nachzulesen. Immer wieder wird gefragt, ob diese Person, die hier vor Gericht steht, den entsprechenden Befehl gegeben hat. Genauso war es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten sprachen von „summary punishment“, der Bestrafung aller Deutschen. Man hat sich dann aber dagegen entschieden und hat Individuen vor Gericht gestellt, denen nachgewiesen werden sollte und konnte, dass sie bestimmte Befehle gegeben haben, bestimmte Taten selbst begangen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Kollektivschuld“ </em>ist gerade aus deutscher Sicht ein hochproblematischer Begriff und wurde oft genug als eine Art Anti-Kampfbegriff verwendet, um nicht zuletzt bestimmte Formen der Erinnerungskultur zu diskreditieren, im Hinblick auf die Nazis ebenso wie im Hinblick auf die DDR. Karl Jaspers hat zwischen <em>„Kollektivschuld“</em> und <em>„kollektiver Verantwortung“</em> unterschieden. Darüber schrieb <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-yfaat-weiss">Yfaat Weiss</a> zuletzt in der Februarausgabe 2026 des Merkur: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a>. Sie bezieht sich auf Karl Jaspers‘ Aufsatz „Die Schuldfrage“, eine Vorlesung aus dem Wintersemester 1945/46, unter anderem mit den <em>„Unterscheidungen zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld“</em>.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich würde auf dieser Unterscheidung bestehen. Wenn wir es plausibel finden, dass das Strafrecht auf völkerrechtliche Verbrechen angewandt wird, müssen wir darauf achten, dass auch dann, wenn es spezifische Gruppen gibt, die eine besondere Verantwortung haben, die strafrechtliche Verfolgung eine andere und stringente Beweisführung braucht, die auf die persönliche Verantwortung des Angeklagten abzielt. Davon zu trennen ist die Verantwortung aller Menschen, beispielsweise aller Deutschen, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen und dass daran erinnert wird, welche Verbrechen Deutsche verübt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der stringente Nachweis einer Schuld war in Nürnberg schon allein deshalb plausibel, weil den Angeklagten damals die Todesstrafe drohte, die auch im Hauptprozess gegen die meisten Angeklagten verhängt wurde. Die Todesstrafe war damals in allen beteiligten Staaten möglich. Heute sieht dies anders aus, es gibt sie von den vier alliierten Staaten heute nur noch in den USA.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Die Todesstrafe gibt es beim Internationalen Strafgerichtshof auch nicht. Es geht um lange Haftstrafen, die auch verhängt wurden. Aber auch das ist schon Grund genug für eine stringente Beweisführung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Verkehrte Welten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:16:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Verkehrte Welten Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation „Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ (Sylvia Sasse,  [...]</p>
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<h1><strong>Verkehrte Welten</strong></h1>
<h2><strong>Die Slavistin Sylvia Sasse über politische Kommunikation</strong></h2>
<p><em>„Aneignung und Enteignung gehen Hand in Hand. So kann man sowohl die positiven Vorstellungen, die mit Widerstand und Opposition verbunden sind, als die eigenen ausgeben als auch dem Gegner beziehungsweise der Gegnerin genau das unterstellen, was man von sich selbst nicht preisgeben möchte.“ </em>(Sylvia Sasse, in: Verkehrungen ins Gegenteil, Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)</p>
<p>Die politischen Debatten unserer Zeit verstehen wir möglicherweise nur, wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass man dieselben Worte für einander diametral entgegenstehende Ziele einsetzen kann, für die Legitimierung einer liberalen Demokratie wie für die einer autoritären Diktatur. Einer der gängigen Begriffe, auf die soeben zitierte Bemerkung passt, ist der der <em>„Meinungsfreiheit“</em>, ein gängiges Verfahren die Täter-Opfer-Umkehr. Die Analyse der Strategien und Sprachspiele autoritärer Politiker, illiberaler Demokraten und ausgewiesener Diktatoren durchzieht die Forschungen der in Zürich lehrenden Slavistin und Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> wie ein roter Faden. Diese Analysen profitieren nicht nur von Philosophen wie Ludwig Wittgenstein oder John Searle, sondern auch von den in Deutschland weniger bekannten Konzeptualisten, mit denen sich Sylvia Sasse in ihrer literaturwissenschaftlichen Ausbildung intensiv befasste.</p>
<div id="attachment_7925" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.junius-verlag.de/index.php?lang=0&amp;cl=search&amp;searchparam=Sylvia+Sasse+Michail+Bachtin+zur+Einf%C3%BChrung"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7925" class="wp-image-7925 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Michail-Bakhtin-Junius-Verlag.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7925" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Sylvia Sasse wurde im Jahr 1968 in Magdeburg geboren. Sie wurde im Jahr 1999 an der Universität Konstanz mit der Arbeit „Texte in Aktion – Sprech- und Sprachakte im Moskauer Konzeptualismus“ (München, Wilhelm Fink, 2003) promoviert, sechs Jahre später an der FU Berlin mit der Schrift „Gift im Ohr – Zur Philosophie des Beichtens und Gestehens in der russischen Literatur“ (München, Wilhelm Fink, 2009) habilitiert. Zu ihrer Ausbildung gehörten Stationen in St. Petersburg und Moskau, Belgrad, Dubrovnik, Prag und Jalta sowie an der Universität Berkeley. Nach einer Professur an der HU Berlin wechselte sie im August 2009 auf den Lehrstuhl für Slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stand insbesondere <a href="https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Michail-Bachtin-zur-Einfuehrung.html">Michail Bachtin</a>, zu dessen Werk sie unter anderem eine Einführung veröffentlichte (Hamburg, Junius, 2018). In Aufsätzen und Interviews äußert sie sich regelmäßig zu aktuellen politischen Entwicklungen, beispielsweise zum russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder zum Auftreten von Donald Trump. Eine umfassende Analyse der Strategien autoritärer und totalitärer Politiker bietet sie in zwei Großessays, <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> und <a href="https://www.diaphanes.net/titel/subversive-affirmation-5893">„Subversive Affirmation“</a> (Zürich, Diaphanes, 2024). Gemeinsam mit der Übersetzerin und Kulturvermittlerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">Iryna Herasimovich</a> gibt sie die Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a> heraus, sie war eine der Initiator:innen der Online-Zeitschrift „<a href="https://novinki.de/">Novinki“</a> und gibt gemeinsam mit mehreren Kolleg:innen die ebenfalls online erscheinende Zeitschrift <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/">Geschichte der Gegenwart</a> heraus.</p>
<h3><strong>Literatur, Geschichte, Politik – untrennbare Geschwister</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der Herausgeber:innen von zwei Online-Zeitschriften, Geschichte der Gegenwart und Novinki.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Das Projekt Novinki entstand vor etwa 20 Jahren aus einer Initiative der Slavistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir wollten unsere Studierenden dazu bewegen, Texte zu verfassen, die nicht nur in der Schublade landen, sondern in denen sie ihre literaturwissenschaftlichen Kenntnisse für Gespräche, Reportagen, Rezensionen über Literatur aus Osteuropa nutzen können, die bisher nicht übersetzt wurde. Die Studierenden fanden die Idee toll und haben das Portal mitbegründet. Einige Gründer:innen sind später an andere Universitäten gewechselt und haben dort ebenfalls Redaktionen aufgemacht, zum Beispiel in Potsdam, in Zürich, in Wien, auch an der FU in Berlin. </em></p>
<p><em>Aber es ist weiterhin ein studentisches Projekt, immer verbunden mit Novinki-Seminaren an den jeweiligen Universitäten, manchmal auch gemeinsam von mehreren Hochschulen. Es läuft so gut, weil wir so viele sind. Ich bin selbst nicht mehr so sehr aktiv bei Novinki, das machen jetzt meine Assistierenden. </em><a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/bickhardt.html"><em>Philine Bickhardt</em></a><em> bietet gerade ein Podcast-Seminar an, in dem sie Autorinnen aus Ost- und Südosteuropa, aus der Ukraine, aus Bosnien und aus Serbien vorstellen. Die Studierenden lernen so auch Texte zu verfassen, die für das Hören gedacht sind. Wir arbeiten dabei mit erfahrenden Journalist:innen zusammen, die uns im Hinblick auf die einzelnen Textformen beraten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie finanzieren Sie das Projekt?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Überhaupt nicht. Wir machen es einfach aus dem laufenden Betrieb, weil es Seminare und Kurse im Rahmen des Studiums sind. Es gibt in den meisten Slavistiken Kurse für angewandte Slavistik, eine angewandte Literaturwissenschaft, die auch im Grunde für verschiedene wissenschaftliche oder journalistische Berufe vorbereitet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und Geschichte der Gegenwart?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Geschichte der Gegenwart haben wir 2016 gegründet, als Professor:innen aus den Geschichts- und Literaturwissenschaften. Es ging uns darum, mit unseren Fähigkeiten die Gegenwart zu lesen, zu analysieren und auch historisch einzuordnen. Wir wollten uns von den Formaten unabhängig machen, in denen wir in der Regel in den Medien auftauchen. Da haben wir vielleicht gerade einmal zwei oder drei Sätze und können die Überschriften ohnehin nicht bestimmen. Man ist immer die Stimme im Format eines anderen. </em></p>
<p><em>Unser Format kam sehr gut an. Wir haben Kolleg:innen angefragt, ob sie zu einem bestimmten Thema, zu dem sie gerade forschen, etwas in publizistischer Form schreiben wollten. Das war am Anfang gar nicht so einfach. Es ist schon eine Umstellung für Wissenschaftler:innen, einen Text auf vier Seiten mit etwa 12.000 Zeichen zu schreiben. Inzwischen haben wir jedoch sehr viele Einsendungen. Die Texte sind kurz und knapp und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Es ist ein Herzensprojekt. Wir publizieren jeden Sonntag. Wir machen das in unserer Freizeit und finanzieren eine Redakteurin über </em><a href="https://derkreativeflowblog.de/erfahrungsbericht-die-plattform-steady/"><em>Steady-Abos</em></a><em>. Die Redakteurin übernimmt die Korrespondenz mit den Autor:innen und das Proof-Reading. Wir lesen jeden Text mit dem Vier-Augen-Prinzip. Jeden Text lesen und kommentieren zwei Kolleg:innen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Müssen Sie auch Texte ablehnen?</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sehr regelmäßig. Manchmal sind die Einsendungen viel zu lang oder ein Meinungsstück. Wir wollen Analysen. Inzwischen kann man einen GdG-Text vom Stil durchaus erkennen, ein klarer Gedanke auf vier Seiten, historisch und auch mit aktuellem Material belegt. Es geht uns nicht, um eine Popularisierung von Wissenschaft. Wir wollen mit dem Wissen aus der eigenen Forschung die Gegenwart lesen und einordnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie verbinden Geschichte, Literatur, Künste, Filme, auch Pop-Kultur und Science Fiction. Meines Erachtens praktizieren Sie Geisteswissenschaften in ihrem besten Sinne.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>So sehe ich das auch. Es geht um Kontextualisierung, aber bei Novinki auch darum zu zeigen, welche Kontextualisierung die Künste selbst schon betreiben. Wir können als Wissenschaftler:innen von den Künsten lernen. Bei Geschichte der Gegenwart – das sagt schon der Titel – geht es darum, dass wir unsere Gegenwart nur verstehen können, wenn wir in die Geschichte hineinschauen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass einige von uns Historiker:innen sind. In den Geisteswissenschaften arbeitet man nicht ohne historisches Wissen. Im besten Sinne des Wortes ein interdisziplinäres Projekt. </em></p>
<p><em>In den Redaktionssitzungen beraten wir gemeinsam, über welche Themen jetzt gerade geschrieben werden sollte. Diskurse verselbstständigen sich mitunter und existieren nur noch als Diskurs. Aber was sind die wirklich wichtigen Themen. Das wirkt sich auch auf das Binnenklima aus, weil wir als Wissenschaftler:innen in unseren Treffen eben nicht nur über administrative Dinge in der Universität diskutieren, sondern über die Rolle, die unsere Wissenschaft in der Gegenwart spielt.  </em></p>
<h3><strong>Die neue Belarusistik in Zürich</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über die Reihe der 33 Bücher für ein anderes Belarus erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Neben Studierenden und Wissenschaftler:innen arbeiten Sie mit einer dritten Gruppe zusammen, Intellektuelle, die aus autoritär oder totalitär regierten Ländern fliehen oder aus Ländern, die vom Krieg betroffen sind, und sich im Westen neu einrichten mussten. Eine Ihrer Mitarbeiterinnen ist Iryna Herasimovich, eine zentrale Figur der belarusischen Kulturszene im Ausland. Ich habe mich sehr gefreut, sie bereits <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-ueberleben-der-belarusischen-kulturszene/">zwei Mal im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in Interviews</a> vorstellen zu dürfen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Iryna ist für uns ein Geschenk, mit all ihren Kompetenzen und ihrem Wissen über die belarusische Kulturszene. Wir sehen das als einen gegenseitigen Austausch, von dem wir beide profitieren. Iryna hat mit dafür gesorgt, dass wir jetzt in Zürich einen Hauch Belarusistik haben, die wir vorher nicht hatten. Sie arbeitet in einem meiner Forschungsprojekte über „Kunst und Desinformation“ und wir arbeiten gemeinsam an der Aktion </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de"><em>„33 Bücher für ein anderes Belarus“</em></a><em>. Das ist eine Aktion, die die Publikation von Büchern in europäischen Verlagen ermöglicht, die in Belarus nicht mehr erscheinen konnten und können. Viele zwangsliquidierte Verlage hatten noch Bücher in ihrem Bestand, die schon übersetzt oder schon gesetzt waren, wir vermitteln diese Bücher an belarusische Exilverlage oder an hiesige Verlage. Iryna Herasimovich hatte die Idee, ich unterstütze sie bei der Realisierung. Inzwischen sind 13 Bücher in acht verschiedenen Ländern auf Belarusisch erschienen: Romane, Gedichtbände, Tagebücher, ein Kinderbuch. Wir haben das Glück, dass das </em><a href="https://www.goethe.de/prj/gex/de/index.html"><em>Goethe-Institut im Exil</em></a><em>, der </em><a href="https://www.gmfus.org/"><em>German Marshall Fund</em></a><em> oder die </em><a href="https://litar.ch/"><em>Litar-Stiftung</em></a><em> in Zürich uns ein wenig unter die Arme gegriffen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einrichtung einer eigenen Belarusistik kann man nicht hoch genug wertschätzen. Ähnliches gilt für die Ukrainistik. Ein großes Problem – das berichten mir auch Osteuropa-Historiker:innen – ist die Dominanz des Russischen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Slavischen Seminare im deutschsprachigen Raum sind meist sehr klein. Eine Literaturwissenschaftlerin und ein Linguist müssen mehrere Sprachen oder Literaturen abdecken. Meist ist dies Ostslavistik plus eine andere Sprache beziehungsweise Literatur, zum Beispiel Polnisch oder Kroatisch. Ostslavistik beschränkte sich zumeist auf das Russische, und so war auch die Ausbildung oftmals nur Russisch plus&#8230; Dadurch entstand eine Slavistik, die vom Russischen dominiert war. Das betraf auch die Sprachausbildung, Belarusisch und Ukrainisch wurden kaum angeboten. Wer dann vielleicht eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebte, sollte eine zweite Sprache lernen, aber diese dann aus der Süd- oder Westslavistik. So lernt man als zweite Sprache Polnisch oder Tschechisch, aber nie Belarusisch, auch nie Ukrainisch, weil man sonst nicht breit genug ausgebildet gewesen wäre und in der Ostslavistik Russisch geradezu gesetzt war. Das ändert sich zurzeit, aber auch nicht so schnell. Aber diejenigen, die aus der Ukraine und aus Belarus emigriert sind, sorgen jetzt dafür, dass neues Wissen in die Slavistik hineinkommt. Sie haben den Vorteil, dass sie alle zweisprachig sind. Es ist natürlich traurig, dass sich die Slavistik auf diesem Weg erweitern muss. Aber sie diversifiziert sich und es ist gut, dass die Slavistik breiter aufgestellt ist als sie das vor einigen Jahren noch war, dank der Kolleg:innen, die aus den beiden Ländern flüchten mussten.   </em></p>
<h3><strong>Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaften</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ungarn, in der Türkei, erst recht in Russland, jetzt auch in den USA werden Hochschulen unter Druck gesetzt. Andererseits waren Hochschulen nicht immer fortschrittlich gestimmt. Die Nazis konnten sich auf die Hochschulen verlassen, sie hatten schon vor 1933 große Mehrheiten unter den Studierenden. Manche Hochschulen arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabern.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ich bin Slavistin und beobachte das in Osteuropa seit Jahren. Ich denke aber nicht, dass wir von einem einheitlichen Bild sprechen können. Es war furchtbar, dass kurz nach dem Angriff Russlands am 24. Februar 2022 auf die Ukraine russische Universitäten einen Brief geschrieben haben, dass sie diesen Krieg – den sie natürlich nicht so bezeichneten – unterstützen. Das hat wiederum dazu geführt, dass wir unsere Verbindungen zu russischen Hochschulen sistiert haben. An diesem Beispiel kann man sehen, wie in schnellster Zeit Universitäten sich an die staatlichen Ideologien anpassen können. In den letzten Jahren haben auch viele Wissenschaftler:innen Russland verlassen. Dadurch wurden Stellen frei, auf die dann systemgerecht nachbesetzt werden konnte. Die repressive Politik ermöglichte neue Karrieren. In diesem Kontext muss man das sehen: Karrieremöglichkeiten entstehen durch Flucht und Repression! Publikationsmöglichkeiten verschwinden, die Zensur in Russland ist massiv. Selbst bei Publikationen von Exilverlagen, die noch in Russland drucken, hat man schon vor zwei Jahren gesagt, dass man unter solchen Bedingungen nicht mehr lange publizieren kann.</em></p>
<p><em>In Serbien sieht es anders aus. Hier sehen wir Protest seit dem Einsturz des Bahnhofsdaches in Novi Sad am 1. November 2024. Hier gingen und gehen Studierende, Dozent:innen, Professor:innen auf die Straße. Dabei standen nicht Universitätsangelegenheiten im Mittelpunkt, sondern die Korruption des politischen Systems. Das fand ich beeindruckend. Über ein halbes Jahr wurde gestreikt. Die Studierenden haben sich in eigenen demokratischen Gruppen organisiert. Wir konnten das sehr gut beobachten, weil wir in Zürich eine starke Südslavistik haben, in der es viel Zusammenarbeit mit serbischen Universitäten gibt. Es war auch in Serbien nicht so einfach, auf die Straße zu gehen. Das Regime von Vučić ist mit vielen Restriktionen und sehr gewaltsam gegen die Protestierenden vorgegangen.</em></p>
<p><em>Ich bin erstaunt, dass es in den USA so wenig Proteste gibt, obwohl dort die Einschränkungen im Wissenschaftsbetrieb massiv sind. Es gibt Einschränkungen auf allen Ebenen, bis in </em><a href="https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-diese-200-woerter-sollen-aus-us-regierungsdokumenten-verschwinden-a-7b7dc461-a924-4548-a083-b11c4843a651"><em>die Wortwahl</em></a> <em>hinein. Die Finanzierung einzelner Programme und Studiengänge wurde sistiert, ganze Fachbereiche der Universitäten drohte man einzustellen. Es gibt inzwischen an vielen Hochschulen Denunziation, selbst an so renommierten Hochschulen wie in Berkeley, indem Studierende und Professor:innen zum Beispiel als „antisemitisch“ angezeigt werden. Es gibt massive Eingriffe des Staates, aber mit für mich wenig sichtbaren Protesten.</em></p>
<p><em>In den letzten Jahren konnten wir schon sehr stark beobachten, wie in der rechtspopulistischen Ideologie mit „Verkehrungen ins Gegenteil“ gearbeitet wird, gerade auch im Hinblick auf Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. Eines der ersten Statements in den USA war das „Restoring“ der Meinungsfreiheit nach der „Zensur“, die angeblich vorher stattgefunden hätte. Auf diesem Gedanken beruht die gesamte rechtspopulistische und rechtsextremistische Kommunikation. Das kann man in Russland beobachten, in Ungarn, in Polen, jetzt auch massiv in den USA. Das, was man selbst tut, die eigene Repression gegen Andersdenkende, wird als „Freiheit“ verkauft, während die Kritik der politischen Gegner an Populismus, Faschismus, Sexismus, Rassismus etc. als „Zensur“ betitelt wird.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu kommt, dass unter dem Label der <em>„Meinungsfreiheit“</em> wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet werden, nicht zuletzt im medizinischen Bereich unter einem Gesundheitsminister, der sich als ausgewiesener Impfgegner versteht und esoterische Heilmethoden propagiert. Oder Zuckerbergs Ankündigung, Beiträge nicht mehr löschen zu wollen, in denen die <em>„Unnatürlichkeit“</em> von Homosexualität verkündet werde.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das gehört auch in diese Kategorie. In den USA unterscheidet man auch „Free Speech“ und „Hate Speech“. Aber was was ist, das entscheidet dann Trump! Die eigene Meinung ist immer „Free Speech“, die Kritik des anderen „Hate Speech“. Auch der Einzug völlig pseudowissenschaftlicher Methoden hat Methode. Die Umstrukturierung der Wissenschaftslandschaft ist eines der ersten Projekte autokratischer Systeme. Inzwischen findet man in russischen Universitäten zum Beispiel ausgesprochene Quatsch-Wissenschaften. Mein Lieblingsbeispiel ist die „Destrukturologie“. Das ist eine angeblich forensische Linguistik, die an einer der Moskauer Universitäten gelehrt wird. Dort werden Gutachten erstellt, mit denen vor Gericht bewiesen werden soll, dass jemand eine „terroristische“ oder „extremistische“ „Ideologie“ vertritt. So werden auch Künstler:innen, die ein antiterroristisches feministisches Stück schreiben, von Gutachtern der „Destrukturologie“ analysiert, die dann zum Ergebnis kommen, dass diese Künstler:innen eigentlich „verkappte Terrorist:innen“ sind. Das Ziel ist, Feminismus als Terrorismus zu „desinterpretieren“. Die beiden Künstlerinnen </em><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/russisches-gericht-verurteilt-theatermacherinnen-zu-sechs-jahren-haft-102.html"><em>Jewgenija Berkowich und Swetlana Petrijtschuk wurden zu sechs Jahren Straflager verurteilt</em></a><em>, unter anderem auf der Grundlage eines solchen pseudowissenschaftlichen Gutachtens.</em></p>
<h3><strong>„Opportunistische Synergien“</strong></h3>
<div id="attachment_7923" style="width: 176px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html?lid=2"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7923" class="wp-image-7923 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg" alt="" width="166" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg 166w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-200x361.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz.jpg 277w" sizes="(max-width: 166px) 100vw, 166px" /></a><p id="caption-attachment-7923" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist höchst gefährlich. Ich befürchte offen gestanden, dass sich die USA zu einer Theokratie entwickeln könnten, gerade aufgrund des hohen evangelikalen Einflusses auf die republikanische Partei. Dazu kommt inzwischen das evangelikale Bündnis mit einem sehr konservativen Verständnis von Katholizismus, für das beispielsweise der US-Vizepräsident und der Außenminister stehen. Man betrachtet sich als eine geschlossene Gruppe, die immer recht hat, also haben alle anderen unrecht. Vance und Rubio haben zuletzt versucht, Papst Leo XIV. zu erklären, dass sich Nächstenliebe nur auf das nähere Umfeld beziehe. Papst Leo widersprach, aber das hindert die beiden natürlich nicht, die ICE gegen alle einzusetzen, die ihrer Ansicht nach nicht in die USA hineingehören. Man muss sich auch nur die Bildungspolitik in Florida anschauen, wo zahlreiche Bücher durch das Engagement der „Moms for Liberty“ – da haben wir wieder die „Verkehrung in das Gegenteil“ aus Lehrplänen und Schulbibliotheken – verschwunden sind, allerdings mit dem Nebeneffekt, dass diese Bücher auf dem Markt sehr begehrt geworden sind. <em>   </em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, mitunter klappt die Verkehrung ins Gegenteil nicht,</em> <em>weil natürlich auch die anderen nicht blöd sind und daraus einen PR-Gag machen konnten. Es sind allerdings inzwischen über 16.000 Titel, die in den unterschiedlichen Bundesstaaten verbannt worden sind. Interessant ist, dass es keine juristische, sondern eine politische Geste ist. Vor Gericht würde das nicht standhalten. Die Politik mischt sich seit Jahren massiv in die Bildungspolitik ein. Ungarn ist ein ganz guter Vergleichsfall, auch da wurden Bücher seit dem „Propaganda-Gesetz“ 2021, die zum Beispiel LGBTQ-Inhalte haben, in Plastikfolie eingeschweißt und durften nicht in der Nähe von Schulen oder Kirchen verkauft werden. </em></p>
<p><em>Es ist richtig, dass Sie es so deutlich benennen: Ohne diesen christlichen Fundamentalismus wären die Entwicklungen in den USA, aber auch die Macht von Putin in Russland so nicht möglich. Das Bündnis mit der russisch-orthodoxen Kirche hat Putin unglaublich viel Macht beschert. Ich bezeichne das in Anlehnung an die polnischen Sozial- und Geisteswissenschaftler:innen, </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autorin/agnieszkagraff/"><em>Agnieszka Graff</em></a> <a href="https://www.uni-goettingen.de/de/577872.html"><em>und </em><em>Elżbieta Korolczuk</em></a>,<em> als „opportunistische Synergie“. Religion und Politik spannen zusammen, um sich gegenseitig mehr Macht zu bescheren. Das ist auch in den USA zu beobachten, hinzukommen oft noch Firmen oder fundamentalistische Organisationen wie zum Beispiel Pro Life. In Russland zum Beispiel wurde 2022 der Krieg mit einer Plakatserie gegen Abtreibung beworben: „Beschütze mich heute, und ich werde dich morgen beschützen.“ Visualisiert wurde der Slogan auf der einen Seite mit dem Bauch einer Schwangeren und einem Ultraschallbild eines Fötus, auf der anderen Seite mit einem Soldaten mit Georgsband, über beide Bilder wird mittig das Z-Symbol gelegt. Die „eigenen Leute” zu schützen soll gelesen werden als: Den Fötus vor Abtreibung zu schützen lässt sich vergleichen mit einem Soldaten, der Russland vor Feinden verteidigt. Tatsächlich bedeutet es: Wenn du heute auf Abort verzichtest, kann dein Kind morgen an die Front gehen. Der christliche Fundamentalismus – in seinen unterschiedlichen Spielarten, katholisch, evangelikal, russisch-orthodox – geht mit den rechtspopulistischen Regierungen eine Allianz ein. Das wir meines Erachtens viel zu wenig diskutiert und von den Kirchen selbst zu wenig kritisiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist, dass diese Bewegungen Genderthemen immer wieder als eine Art Einstiegsdroge nutzen. Robert Fico hat dieses Thema in der Slowakei genutzt, um für eine Verfassungsänderung die Opposition zu spalten und deren christlichen Teil für sich zu gewinnen. Ihre Kieler Kollegin Martina Winkler hat dieses <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a> im Demokratischen Salon beschrieben. Der Kampf gegen Feminismus und Genderthemen wird erfolgreich als <em>„Verteidigung der Familienwerte“</em> verkauft. Auch das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Es ist die Einstiegsdroge, weil es eine Hysterie an der falschen Stelle erzeugt, es lenkt die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Bedrohung ab. Putin hat kein Problem, im Krieg Tausende von Menschen töten zu lassen, gleichzeitig wird Abtreibung als unpatriotisch markiert mit dem Ergebnis, dass viele private Kliniken Abtreibungen nicht mehr durchführen. Trump hat kein Problem, Kriege zu beginnen, bei denen eine Mädchenschule im Iran als „Kollateralschaden“ geduldet wird, Frauen im eigenen Land nach dem Kippen von </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/517442/50-jahre-roe-vs-wade-urteil-zum-us-abtreibungsrecht/"><em>„Roe vs. Wade“</em></a><em> 2022 in einigen US-Bundesstaaten sogar bei medizinischer Indikation von Abtreibungen die lebensnotwendige Hilfe verweigert. Dann stellt sich die Frage: Wo ist die Aufmerksamkeit größer? Welche Ereignisse werden zu Nachrichten, welche zu Medienkampagnen? Aufgesprungen sind die Medien auf angebliche permanente Cancel Culture und angebliche Bedrohung der Gesellschaft durch „Wokism“. Ich kann mich auf keine vergleichbare Aufmerksamkeit für den tatsächlich stattfindenden Bücherbann von rechts erinnern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand die Analysen von Adrian Daub zu diesem Thema sehr hilfreich. Schon der Titel seines Buches ist deutlich: <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/adrian-daub-cancel-culture-transfer-t-9783518127940">„Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2022). Liberale und Linke haben sich von dieser Panik überwältigen lassen und Rechtspopulisten all die Argumente geliefert, die diese brauchen, um ihre Art und Weise des Canceling – das sie natürlich nicht so nennen – im wahrsten Sinne des Wortes zu popularisieren.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Liberale Zeitungen, Boulevard-Presse etc. haben einfach mitgemacht, weil das Thema, wenn man es als Gefahr verkauft, Klicks generiert. Die Medien haben ihre Mitverantwortung am Aufbauschen von Cancel Culture und Wokeism, ein Thema, das eigentlich völlig vernachlässigbar wäre, nie kritisch reflektiert. Sie haben es geschafft, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit umzulenken und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Nun versucht man, sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, indem die Verantwortung für die Verbreitung rechter Narrative nun auch noch der Linken zuschiebt: </em><a href="https://www.zeit.de/2025/37/politische-extreme-polarisierung-linke-afd-protest/komplettansicht"><em>„Welchen Anteil hat die politische Linke am Aufstieg der Rechten?“</em></a><em> hieß es am 28. August 2025 in Die ZEIT. Oder als Reaktion auf diesen Titel beim SWR eine Diskussion unter dem Titel: </em><a href="https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/woke-und-weltfremd-ist-die-linke-schuld-am-rechtsruck-forum-2025-09-17-100.html"><em>„Woke und weltfremd – Ist die Linke schuld am Rechtsruck?“</em></a><em> und im Teaser: „Ist gesellschaftliche Spaltung der Preis für emanzipatorische Politik?“ Und dann im Schweizer Tagesanzeiger ein paar Wochen später: </em><a href="https://www.tagesanzeiger.ch/charlie-kirk-so-gefaehrlich-ist-die-radikale-linke-in-den-usa-152488322423"><em>„Ist die radikale Linke wirklich verantwortlich für den Anstieg der Gewalt in den USA?“</em></a><em>, die Frage wurde verbunden mit der Schuld am Mord an Charlie Kirk. Das ist eine permanente Ignoranz der eigenen medialen Rolle im Diskurs. Vielleicht hilft ein Blick nach Russland: Auch dort gibt es Kampagnen gegen Cancel Culture und Wokeism – als Merkmal des untergehenden und verkommenen Westens. Dies, ohne dass es in Russland jemals ein „Übermaß“ an Feminismus oder Gendertheorien gegeben hätte. Man kann also sogar die Gefahr von Cancel herausbeschwören, wenn in der eigenen Gesellschaft quasi jede andere Meinung verboten ist, es keine freien Medien gibt etc. Das ist eine perfekte Verkehrung ins Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Die Allianz von Kitsch und Macht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jonas Rosenbrück hat in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/donald-trumps-maennerfantasien-a-mr-79-10-5/">„Donald Trumps Männerfantasien“</a> in der Oktoberausgabe 2025 des Merkur den US-Präsidenten als eine <em>„inkognito campy Drag Queen“</em> analysiert, die in der Inszenierung all die Gegensätze vereint, die er ablehnt: <em>„Wer Donald Trumps Verhältnis zum dichten Knotenpunkt ‚Geschlecht‘ verstehen will, muss genau dieses Paradox zu denken versuchen: Trumps Hypermaskulinität – seine gewalttätige, misogyne, sadistische, konventionell-patriarchale Männlichkeit – ist die intime Kehrseite seines permanenten Flirts mit der eigenen Feminisierung, Homoerotisierung und entmannenden Regression. Das Übertriebene und Extreme dieser Hypermaskulinität ist Kern und Ergebnis ihrer Kompensationsfunktion: Hier wird ein fundamentaler Mangel hysterisch überspielt.“</em></p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Eine klassische „Verkehrung ins Gegenteil“. Man könnte es mit Freud auch auf eine klassische „Hassprojektion“ zurückführen. Das, was ich in mir selbst nicht verdränge beziehungsweise nicht akzeptiere oder das, was die Gesellschaft in mir nicht akzeptieren würde, projiziere ich in die Gesellschaft als Hassobjekt hinein. Aber Drag Queens, das ist der Unterschied, benutzen die weiblichen Klischees, in die sie sich kleiden, als subversives Stilmittel. Ich würde das eine subversive Affirmation nennen, darüber habe ich ein Buch geschrieben. Trump findet den Kitsch, mit dem er sich umgibt, die Maga-Ästhetik, doch toll. Das ist keine Subversion, sondern totale Affirmation. All die goldenen Säulen, goldene Fahrstühle, riesige Prachtbauten, der Ballsaal im Weißen Haus und nun auch noch der Trumpfbogen in Washington, das ist ästhetischer Größenwahn, eine Form der Kompensation. Vladimir Nabokov hatte dafür </em><a href="https://www.rowohlt.de/buch/vladimir-nabokov-nikolai-gogol-9783498046545"><em>in seinem Buch über Gogol</em></a><em> einen Begriff verwendet, der sich nur sehr schwer aus dem Russischen ins Deutsche übersetzen lässt: „poshlost“, so etwas wie „veredelte Gewöhnlichkeit“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Allianz von Kitsch und Macht. Passt auch auf Putin.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Nabokov sah die Pošlost’ seiner Zeit in den beiden totalitären Systemen, in der stalinistischen Sowjetunion und im deutschen Faschismus ungehemmt zutage treten. Poshlost’ basierte damals auf einer doppelten Täuschung. Der goldige Glanz verdeckte den Terror, er legte eine goldige und gepflegte Schicht über das, was nicht gezeigt werden sollte. Die goldige Oberfläche täuschte mit ihrem Bling Bling und ihrer pseudohaften Moral aber nicht nur über den Terror hinweg, sondern täuschte auch vor, dass das Goldige der ästhetische Wunsch des Volkes sei. Heute ist Poshlost‘ als Stil, der Oligarchie-Kapitalismus und Autokratie verbindet, zurückgekehrt. Putin, Trump, Orbán und Erdoğan ähneln sich in ihrer Vorliebe für obszönen Prunk.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sakralisieren es auch noch.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Sie sakralisieren sich auch selber. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Genderthema, das Eintreten gegen Abtreibungen, gegen die Cancel Culture, wären sozusagen im marxistischen Sinne der Überbau, mit dem sie ihre Machtfantasien populär und akzeptabel machen. Ebenso ihr Männlichkeitsbild, das beispielsweise Hegseth zuletzt vor den versammelten Generälen malte, im Grunde alle frisch aus dem Body-Building-Studio, alle mit Sixpack und dicken Muskeln, alles Pose.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Der gesamte MAGA-Stil, die künstliche Männlichkeit und die künstliche Weiblichkeit, verdeckt nichts mehr, er ist Ausdruck ihrer Ideologie, drunter ist nichts. Nabokov war noch der Meinung in den 1930er Jahren, dass Pošlost’ dann besonders wirksam und bösartig sei, wenn das Falsche und Künstliche nicht gleich in die Augen springt. Trump hingegen trägt die Pošlost’ offen zur Schau, sie zeigt damit seine kapitalistisch autokratische Kompetenz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die beste Karikatur dieses Stils sind einige Folgen der US-amerikanischen Serie „South Park“. Unter anderen taucht da Kristi Noem auf, die einerseits ständig Hunde erschießt, andererseits aber ebenso ständig ihr aufgespritztes Gesicht verliert, sodass eine ganze Gruppe von Kosmetiker:innen und Ärzt:innen ihr eine neue Botox-Dosis verpassen muss.</p>
<div id="attachment_7924" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.diaphanes.net/projekt/suche"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7924" class="wp-image-7924 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-200x320.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-400x640.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-600x959.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-640x1024.jpg 640w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-768x1228.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes-800x1279.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Subversive-Affirmation-Diaphanes.jpg 938w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7924" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch und die Autorin erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Interessant ist aus meiner Sicht, </em><a href="https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/so-stellt-sich-demokrat-gavin-newsom-gegen-donald-trump-112574681"><em>wie der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom damit umgeht</em></a><em>, indem er etwas macht, das ich in „Subversive Affirmation“ beschrieben habe. Er kopiert AI-Bilder, die Trump von sich selbst macht. Newsom als King, Newsom mit Supermankörper und amerikanischer Flagge, Newsom im Dschungel halb nackt mit US-Flaggenunterhose über Melania im weißen Kleid, Newsom mit Engel Hulk Hogan, Kid Rock und Tucker Carlson, die ihre Hände auf seine Schultern legen und ihn segnen&#8230;. Und Newsom sieht ja auch noch richtig gut aus&#8230;. Newsom verwendet die Maga-Ästhetik, macht sie lächerlich und ruiniert sein Anliegen, besonders gut und männlich auszusehen, weil er, als Newsom, natürlich viel besser aussieht. Ich finde es bemerkenswert, dass Newsom dieses Verfahren, das Künstler:innen und Aktivist:innen seit den 1960er Jahren verwenden, nun in den politischen Diskurs einführt. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.     </em></p>
<h3><strong>Die Welt verkehrtherum erzählt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihre beiden Bücher „Verkehrungen ins Gegenteil“ und „Subversive Affirmation“ sind wissenschaftlich fundiert, aber zugleich politische Statements. Sie bieten Details und konkrete Beispiele, präsentieren diese aber immer so, dass Ihre Leser:innen die Strukturen erkennen.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Beide Bücher</em> <em>hängen eng miteinander zusammen, eigentlich sollten die Verkehrungen das letzte Kapitel im Buch über „Subversive Affirmation“ werden, aber dann habe ich zwei Bücher draus gemacht, um den Unterschied zu markieren. In „Subversive Affirmation“ beschäftige ich mit künstlerischen Strategien, die durch Affirmation oder Imitation dasjenige, was sie wiederholen, kritisieren wollen. In dem anderen Buch, den Verkehrungen, geht es mir darum, zu zeigen, dass diese Imitation auch gänzlich unkritisch, mit täuschender Absicht, als Masterplot von Desinformation erfolgen kann. Ich habe diese beiden Bücher in Form eines wissenschaftlichen Essays geschrieben. Die Verkehrungen habe ich anlässlich des russischen Angriffskriegs geschrieben, aber es ging mir darum zu zeigen, dass wir es mit einem globalen Verfahren zu haben. Ich halte die „Verkehrungen ins Gegenteil“ für das zurzeit typische Verfahren, mit dem populistische Politiker:innen und Autokraten versuchen, uns die Welt zu erzählen. Und zwar umgekehrt zu erzählen. </em></p>
<p><em>Diese „Verkehrungen ins Gegenteil“ funktionieren immer nach dem gleichen Muster: Ich projiziere auf meinen politischen Gegner, was ich selber tue, und eigne mir gleichzeitig dessen Vokabular an, mit dem ich dann meine eigenen Handlungen beschreibe. Dabei entsteht ein performativer Widerspruch, in dem mein eigenes Tun nicht mit dem übereinstimmt, was ich sage. Wenn sich aber Menschen nur auf die Aussagen von Politikern konzentrieren, auf die Ebene der Erzählungen, dann bekommen sie nicht das ganze Bild und identifizieren sich mit den Aussagen, obwohl die gleichen Politiker genau das Gegenteil tun. Wenn zum Beispiel Trump sagt, er stelle die Meinungsfreiheit wieder her, sagen viele: „Super!“ Sehen aber nicht, dass er gerade die Zensur anzieht. Oder wenn Vance in Europa warnt, dort wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr, sagen viele: „Ja, darauf müssen wir wirklich achten!“ Sie fragen nicht, was derjenige tut, der diese Aussage macht.</em></p>
<p><em>Im Namen von Meinungsfreiheit zu sprechen, heißt aber nicht, auch Meinungsfreiheit zuzulassen. Auch Putin ist in seinen öffentlichen Aussagen für Meinungsfreiheit, die er, wie Vance, nicht bei sich, sondern in Europa gefährdet sieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitieren häufig George Orwell und seine Beschreibung der Phänomene „Doublethink“ und „Newspeak“. Interessant ist auch, dass die Gesellschaft, die Orwell in „1984“ beschreibt, in Ost und West ganz unterschiedlich zugeordnet wurde. Im Westen war es der Kommunismus sowjetischer Prägung, im Osten war es der angloamerikanische Kapitalismus. Es fällt vielen Leser:innen wohl schwer zu verstehen, dass Orwell eine Struktur beschrieb, die ganz unabhängig von den Inhalten der jeweiligen Ideologien funktioniert.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>:<em> Die heutige russische Auslandspropaganda ist geradezu besessen von Orwell. Da wird erzählt, es gäbe in Deutschland ein Wahrheitsministerium mit grünen Politiker:innen. Robert Habeck verkörperte in gewissem Maße das „Wahrheitsministerium“ schlechthin. Diejenigen, die sich russlandkritisch äußern, werden im Vokabular von Orwell beschrieben.</em> <em>Das sehen Sie aber zurzeit auch in den USA. Fox News bezeichnet alles, was von Biden oder den Demokraten kam, mit den Begriffen von Orwell. Orwell ging es um die Funktionsweise autokratischer Systeme, aber auch konkret um eine Kritik der Sowjetdiktatur. </em></p>
<p><em>Aber auch die Verkehrung, die Orwell beschreibt, wird in der aktuellen russischen Propaganda umgekehrt. Maria Sacharowa, die Sprecherin des Außenministeriums, wurde auf einer journalistischen Konferenz in Jekaterinenburg gefragt – ich paraphrasiere – es gebe Leute in Europa, die sagen, bei euch in Russland ist ja wieder „1984“ ausgebrochen. Sie antwortete, ja, das wäre natürlich eine große globale Lüge, denn Orwell habe nie Russland beziehungsweise die Sowjetunion beschrieben, sondern den westlichen Liberalismus. Es ist die Strategie der russischen Propaganda, Demokratien immer mit den Merkmalen von Autokratien oder totalitären Systemen zu beschreiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eben dies hat der US-amerikanische Vizepräsident in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz getan.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Ja, das ist eine globale Strategie von denjenigen, die selbst Autokraten sein wollen oder es schon sind. Das finden wir auch in der Schweiz, die Schweizer SVP beschreibt die EU immer als Diktatur, und Orbán oder Vučić betrachten Vertreter aus derselben Partei als Pfeiler der Souveränität, Kritik an Zensur und Korruption kommt keine.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die wahre Diktatur will dann die Antifa errichten, was auch immer das für eine Organisation sein soll.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Oder die internationale feministische Bewegung&#8230; In Russland wurde diese sogar als terroristische Organisation eingestuft. Das ist überhaupt das Prinzip. In Russland werden Kritiker:innen des Systems wahlweise als „ausländische Agenten“, „Extremisten“ oder „Terroristen“ markiert. Die beiden Künstlerinnen, die für sechs Jahre ins Gefängnis gesteckt wurden, weil sie ein anti-terroristisches Stück geschrieben hatten, stehen auf der „Terrorliste“, während auf der anderen Seite die Taliban im letzten Jahr in Russland von der „Terrorliste“ genommen wurden. Eine weitere Beschuldigung ist: „Faschisten“. Das hat auch schon Stalin gemacht, seine politischen Gegner im Inland hat er ebenfalls als Faschisten bezeichnet. Nikolaj Bucharin, der 1937 in den Schauprozessen unter Stalin zum Tode verurteilt worden ist, wurde nicht nur als „Volksverräter“, sondern auch als „Faschist“ bezeichnet. Besonders beliebt war der Vorwurf gegenüber ukrainischen und belarusischen Oppositionellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Faschismus“</em> ist so etwas wie der ultimative Vorwurf, der sich allein daraus legitimiert, dass man ja schon im <em>„Großen Vaterländischen Krieg“</em> gegen die <em>„Faschisten“</em> gekämpft hat. Und da man heute in der Ukraine gegen den – so heißt es ja immer wieder – <em>„kollektiven Westen“</em> kämpft, können das alles natürlich nur <em>„Faschisten“</em> sein. In den Prozessen der 1930er Jahre haben die Angeklagten auch noch alle gestanden, dass sie <em>„Faschisten“</em> wären. Wie dies psychologisch funktioniert, ist nur sehr schwer erklärbar, zeigt aber, dass selbst die Gegner der offiziellen Politik offenbar einsehen, dass ihre Ankläger recht haben.</p>
<p><strong>Sylvia Sasse</strong>: <em>Die Geständnisse während der Schauprozesse wurden erzwungen, aber gerade Bucharin hat in seinem Schlusswort verdeutlicht, dass er einfach alles gesteht, was man verlange. Damit hat er das Verfahren auch gleich lächerlich gemacht. Im Faschismuvorwurf zeigt sich meines Erachtens auch ein Unterschied zwischen dem Trump- und dem Putinregime. Denn während das Putinregime konsequent die Verkehrung ins Gegenteil anwendet, indem sie ihren imperialen Krieg als Bekämpfung des Faschismus (auch des Faschismus in Europa) uminterpretiert, und sich selbst als antifaschistisch inszeniert, hat Trump, der schon lange Zeit vom Far Left Fascism redete, nun damit begonnen, den Antifaschismus zu kriminalisieren. Aufbauend auf der Antifa-Verordnung, die bereits ein breites Spektrum politischer Äußerungen ins Visier nimmt, weist die NSPM-7, das NATIONAL SECURITY PRESIDENTIAL MEMORANDUM-7, die Bundesbehörden an, Ermittlungen gegen eine Reihe von Identitäten und Ideologien zu priorisieren, die sie unter den Begriff „selbsternannter Antifaschismus“ „the umbrella of self-described ‘anti-fascism’” subsumiert. Dazu gehören „Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antichristentum, die Unterstützung des Sturzes der Regierung der Vereinigten Staaten, Extremismus in Bezug auf Migration, Rasse und Geschlecht sowie Feindseligkeit gegenüber Menschen, die traditionelle amerikanische Ansichten zu Familie, Religion und Moral vertreten“.</em></p>
<p><em>Selbst hat Trump kein Problem damit, als Faschist bezeichnet zu werden, weil er dies nur als linken Hate Speech wertet, wie vor einiger Zeit im Oval Office im Gespräch mit dem neuen Bürgermeister Zohran Mamdani vorgeführt.   </em></p>
<p><em>Das Ziel dieser Umkehrungen ist, die Verwendung des Begriffs „Faschismus“ unbrauchbar zu machen, die Bedeutung zu entleeren, umzukehren oder als Hate Speech aufzuladen und als Instrument des Terrors einzusetzen. Denn in den besetzten Gebieten der Ukraine, ich habe das in meinem Buch beschrieben, wird der Faschismusvorwurf als doppelte Demütigung verwendet, nicht nur, weil es sich bei der Aussage um eine Lüge handelt, sondern weil diese Aussage als Sprechakt einer permanenten Terrorisierung verwendet wird, als reines Machtinstrument: Terror, Vergewaltigung, Folter wird durch den Faschismusvorwurf gerechtfertigt. Für die Russ:innen hingegen soll der Sprechakt als Rechtfertigung für Krieg und Gewalt dienen, als emotionale Entlastung, die dem Widerstand gegen das eigene, mit faschistischen Argumenten operierende Regime vorbeugt.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 17. März 2026, Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, aus der Serie The Space I&#8217;m In.)</p>
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		<title>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/lautes-schweigen-und-ein-hoffnungsschimmer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 05:35:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer Agnieszka Łada-Konefał über die deutsch-polnischen Beziehungen Ende 2025 „Die Debatte über Reparationen hat starken Einfluss auf die Stimmung der Polen. Die meisten Deutschen sind überzeugt, dass das Thema abgeschlossen ist. Dies ist eine der schwierigsten Trennlinien im Dialog zwischen unseren Gesellschaften.“ (Agnieszka Łada-Konefał, Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts, zur Präsentation  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8"><h1></h1>
<h1><strong>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer</strong></h1>
<h2><strong>Agnieszka Łada-Konefał über die deutsch-polnischen Beziehungen Ende 2025</strong></h2>
<p><em>„Die Debatte über Reparationen hat starken Einfluss auf die Stimmung der Polen. Die meisten Deutschen sind überzeugt, dass das Thema abgeschlossen ist. Dies ist eine der schwierigsten Trennlinien im Dialog zwischen unseren Gesellschaften.“ </em>(Agnieszka Łada-Konefał, Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts, zur Präsentation des Deutsch-polnischen Barometers 2025, zitiert nach: Christoph von Marschall, <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/deutsch-polnisches-barometer-sympathien-der-polen-fur-deutsche-auf-rekordtief-14860148.html">Deutsch-polnisches Barometer: Sympathien der Polen für Deutsche auf Rekordtief</a>, in: Tagesspiegel 17. November 2025)</p>
<p>Agnieszka Łada-Konefał bilanziert im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> jedes Jahr die jeweiligen Entwicklungen der deutsch-polnischen Beziehungen, insbesondere in Bezug auf das jährlich erscheinende <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025">Deutsch-polnische Barometer</a>. Im Jahr 2025 gab es drei Ereignisse, die deren Qualität hätten verändern können: die Bundestagswahl in Deutschland vom 23. Februar 2025 mit dem folgenden Regierungswechsel, die Wahl des von der PiS unterstützten Kandidaten zum neuen polnischen Staatspräsidenten am 1. Juni 2025 (Ines Skibinski kommentierte im Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zaghafte-regierung-weitreichende-folgen/">„Zaghafte Regierung – weitreichende Folgen“</a>) sowie die polnische Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union in der ersten Jahreshälfte. Doch was veränderte sich wirklich? Neu waren die zunächst von deutscher Seite eingeführten Grenzkontrollen, die von polnischer Seite mit Grenzkontrollen in der Gegenrichtung beantwortet wurden. Die Kontrollen dauern an. Ein Ende ist zurzeit nicht absehbar, ihre Wirkung ist umstritten.</p>
<p>Komplexe Gefühle bestimmen das deutsch-polnische Verhältnis in hohem Maße. Es gibt mehrere höchst kontroverse Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschland, nicht zuletzt der Streit um Nordstream II, angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vielleicht der prominenteste Punkt. Mehrere Studien belegen dies im Detail. Einige Studien wurden im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-2025/">„Polen 2025 – Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte“</a> vorgestellt, darunter mehrere in Herausgeberschaft des Deutschen Polen-Instituts wie beispielsweise das Polen-Jahrbuch 2025, das sich aus technologisch-wirtschaftlicher und politischer sowie aus soziologischer und psychologischer Sicht mit dem Thema „Energie“ befasste.</p>
<p>Ein kritischer Punkt im deutsch-polnischen Verhältnis ist und bleibt die Frage der Entschädigungen der noch lebenden etwa 50.000 bis 60.000 polnischen Kriegsopfer. Bisher ist keine Lösung in Sicht. Der deutsch-polnische Gesprächskreis der Kopernikus-Gruppe hat in einem <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/assets/Kopernikus-Gruppe/KG-Arbeitspapiere-de-und-pl/Arbeitspapier-Kopernikus-XXXVI-D-v2.pdf">Arbeitspapier vom 3. Dezember 2025</a> gefordert, dass diese humanitäre Geste endlich Wirklichkeit werden müsste. Dieses Papier erschien kurz nach den deutsch-polnischen Konsultationsgesprächen auf Regierungsebene, die keine neuen Initiativen verzeichneten.</p>
<h3><strong>Perspektiven der deutsch-polnischen Beziehungen</strong></h3>
<div id="attachment_7631" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7631" class="wp-image-7631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7631" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des DPI über das Deutsch-Polnische Barometer erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat sich aus Ihrer Sicht im Jahr 2025 in den deutsch-polnischen Beziehungen verändert?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Es hat sich verdächtig wenig verändert. Die Erwartungen waren viel höher als die Realität dann war. Mit der deutschen Bundestagswahl, der Wahl des neuen polnischen Staatspräsidenten, der polnischen Ratspräsidentschaft in der EU gab es jeweils die Hoffnung, eine Wende wäre möglich. Donald Tusk hat nach der Regierungsübernahme von Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz in Warschau eine neue Eröffnung der deutsch-polnischen Beziehungen angekündigt. Danach ist nichts passiert, keine Verbesserungen, keine konkreten Maßnahmen, keine gemeinsamen Initiativen. Auch in der Rhetorik der deutschen Regierung wurde Polen immer weniger wichtig. Die Hoffnung, dass es mit einem Wechsel im Präsidentschaftspalais zu einer Veränderung der polnischen Politik kommt, weil die Regierung einen Unterstützer in der Person des Präsidenten bekommt, wurde zerstört. Rafał Trzaskowski verlor die Wahl gegen Karol Nawrocki, der sich im Wahlkampf sehr antideutsch geäußert hatte. Auch in der polnischen Ratspräsidentschaft blieben die Initiativen aus. Von deutscher Seite war zu hören, dass man mehr erwartet hätte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die deutsch-polnischen Beziehungen waren auch Gegenstand des deutsch-polnischen Barometers, das Sie Ende November in Warschau und in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Ich möchte vor allem zwei Ergebnisse hervorheben: Das Deutschlandbild in Polen ist so schlecht wie noch nie seit Bestehen des Barometers, während sich das Polenbild in Deutschland im Vergleich der vergangenen 25 Jahre eher positiv entwickelt hat.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist die Richtung. Jahrelang haben wir uns beim Barometer gefragt, wie man das Polenbild in Deutschland verbessern könnte. Jetzt geht es eher darum, was man tun könnte, um diese Sintflut von negativen Werten gegenüber Deutschland in Polen zu stoppen. Das ist ein trauriger Moment. Die Werte sagen viel über den Stand der Beziehungen aus, über das Misstrauen auf der polnischen Seite. Man sollte allerdings darüber nachdenken, welche Faktoren dahinterstecken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Man könnte mit der anti-deutschen Rhetorik der PiS-Politiker beginnen. Das allein wäre jedoch zu einfach gedacht. Inzwischen ist eine Atmosphäre entstanden, in der Deutschland-Bashing gut ankommt, auch bei Leuten, die sich das jahrelang nicht erlaubt haben. Die andere politische Seite, die liberale, europäische Seite, die polnische Regierungskoalition hat darauf keine Antwort. Sie steht in der Defensive, sie will das Thema nicht ansprechen und überlässt das Feld ihren Kritikern. Aber auch die deutsche Regierung ist verantwortlich. Sie tut zu wenig und dies allein deshalb, weil die polnische Seite nichts tut. Andererseits erwartet die polnische Seite in mehreren Bereichen eine Initiative der deutschen Regierung: Beim Thema „Wiedergutmachung“ geht es nicht nur eine Geste, sondern um konkrete Taten. Ein zweiter Punkt ist ebenso wichtig, um die negativen Gefühle gegenüber Deutschland zu verstehen. Jahrelang hat Deutschland in der EU, zu Energie- und Migrationsfragen und in der Haltung zu Russland eine Politik betrieben, die Polen als falsch bezeichnete. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Polen Recht hatten. In Polen befürchten viele, dass Deutschland wieder zum business as usual zurückkehren wird, sobald der Krieg um die Ukraine beendet ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gefahr ist groß! Katja Gloger und Georg Mascolo haben in ihrem investigativen Projekt „Das Versagen“ (Berlin, Ullstein, 2025) ausführlich beschrieben, wie pazifistische und eher russlandfreundliche Kreise in der SPD und im linken Lager und wirtschaftsfreundliche Kreise in CDU und FDP gleichermaßen ignorierten, welche Politik Russland schon seit etwa 20 Jahren betrieb. Nordstream II ist da vielleicht nur das prominenteste Beispiel.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das merken und wissen die Menschen in Polen. Ein dritter Punkt auf der Liste ist die Einstellung der Deutschen gegenüber Polen in einer Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Deutschen benehmen sich immer noch oft gegenüber Polen wie Lehrer, aber auch die Polen verhalten sich noch oft wie Schüler, obwohl sie nicht so wahrgenommen werden wollen. Es ist einfach schwer, aus diesen Rollen herauszukommen. Die Polen sind damit sehr unzufrieden, weil sie selbstbewusster geworden sind, weil die wirtschaftliche Entwicklung in Polen so gut ist wie sie ist, weil die Polen Russland richtig eingeschätzt haben, weil sie auch in die Sicherheit investieren und daher stolz auf ihr Land sein können. All diese und sicherlich auch noch weitere Punkte führen dazu, dass die Ergebnisse des diesjährigen Deutsch-Polnischen Barometers so sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das Psychologie?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>:<em> Natürlich. Es geht aber auch noch weiter. Alle Dinge, die mit Deutschland zu tun haben, werden sehr emotional diskutiert. Die Deutschen hingegen argumentieren sehr unemotional. Polen ist in Deutschland präsent, aber eben nicht emotional. In Polen ist das Verhältnis zu Deutschland gespalten. Man kann im Barometer sehen, dass sich die Einstellungen je nach Parteipräferenzen deutlich unterscheiden. Viele Polen reagieren schon sehr empfindlich auf deutsche Äußerungen, deutsche Kritik, deutsche Manöver. Sie erwarten von Deutschland aber auch viel mehr als von anderen Ländern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht sprechen wir in diesem Kontext auch über die Perspektiven des Weimarer Dreiecks. Ich erinnere mich gerne an eine Veranstaltung des Deutschen Polen-Instituts in der französischen Botschaft Ende 2024, in der dies Thema war. Einer der Teilnehmer war Heiko Maas, der ehemalige Bundesaußenminister, der jetzt Präsident des DPIs ist. Damals war geplant, diese Veranstaltung fortzusetzen. Es gab eine Menge Optimismus. Als dann Friedrich Merz Kanzler wurde, hatte ich den Eindruck, dass er das Weimarer Dreieck ebenfalls wiederbeleben wollte. Er traf sich relativ früh in seiner Kanzlerschaft mit Emmanuel Macron und Donald Tusk. Ende 2025 habe ich jedoch den Eindruck, dass das Interesse am Weimarer Dreieck wieder in den Hintergrund gerückt ist.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das stimmt auf jeden Fall. Donald Tusk bleibt in der Defensive, weil er nicht das Bild des „deutschen Agenten“ haben will, als den ihn die Opposition immer wieder angreift. Er kann sagen, was er möchte, die PiS wird immer behaupten, das zeige wieder, wie sehr Tusk von Deutschland beeinflusst wäre. Auch Friedrich Merz hat gesehen, dass man die Erfolge nicht so schnell erzielen kann, weil Donald Tusk sich zurückhält. Da hat er dann auch andere Partner gefunden, mit denen er schneller zu einem Ergebnis kommt. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind einfach zu komplex und kompliziert, als dass es schnelle Veränderungen geben könnte. Das zeigt sich auch in der Debatte um die Entschädigungen für die polnischen Kriegsopfer, die in der deutschen Politik als „humanitäre Geste“ bezeichnet werden. Dazu kommen die Haushaltsverhandlungen in Deutschland. Ich denke, Kanzler Merz hätte mehr Mut haben sollen, denn ich glaube, dass die Wähler in Deutschland schon verstehen dürften, warum eine solche „humanitäre Geste“ wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich entnehme Ihrer Einschätzung, dass sowohl Friedrich Merz als auch Donald Tusk mutiger sein müssten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist mein Appell an die beiden, aber mein Optimismus hält sich in Grenzen.</em></p>
<h3><strong>Bildungsauftrag: Würdigung der polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs</strong></h3>
<div id="attachment_7565" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7565" class="wp-image-7565 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-200x122.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-600x365.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-768x467.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-800x486.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1024x622.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1200x729.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1536x933.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7565" class="wp-caption-text">Mahnmal für die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung im Berliner Tiergarten, in der Nähe von Reichstagsgebäude und Kanzleramt. Foto: ReLo.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: All diese Debatten und die deutsch-polnischen Beziehungen haben auch etwas mit einem übergreifenden Punkt zu tun: Das Gedenken an die Vergangenheit, das Geschichtsbild, letztlich Geschichtspolitik. Hier spielt das Denkmal an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung, des deutschen Überfalls auf Polen eine Rolle. Es wurde am 16. Juni 2025 im Berliner Tiergarten, nicht weit entfernt vom Reichstagsgebäude, eingeweiht. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Markus Meckel hat vorgeschlagen</a> (zunächst im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> dann im Tagesspiegel), das Gedenken auch auf die Opfer anderer Länder auszuweiten, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg überfallen und besetzt hatten, an die Millionen Opfer unter Juden, unter Ukrainern, unter den Menschen in Belarus und in den Baltischen Staaten. <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/debatte-um-die-erinnerung-an-die-deutschen-kriegsverbrechen-in-polen-deutschland-braucht-unbedingt-ein-polnisches-denkmal-14915411.html">Robert Traba hat im Tagesspiegel geantwortet</a>, dass diese Ausweitung auf alle Opfer nicht akzeptabel wäre, denn es sei unabdingbar, ganz spezifisch die polnischen Opfer zu würdigen. Ich denke, man sollte beides tun. Möglicherweise käme eine größere Gedenkstätte in Frage, an der der Opfer auch anderer Länder gedacht wird, jeweils spezifisch. Und die schon bestehenden Denkmäler für die ermordeten Juden und die ermordeten Sinti und Roma sind ja auch nicht weit von dieser Stelle entfernt. Wie schätzen Sie diese Debatte ein?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Ich stimme zu, dass man eigentlich beides tun solle. Im Sinne von Bildungs- und Informationsmaßnahmen. Dazu gehört eben auch das sichtbare Gedenken. Das geringe Bewusstsein in Deutschland gegenüber den Opfern in Polen und in den anderen mittel- und osteuropäischen Staaten muss thematisiert werden. Es gab auch Ideen, dass man dies auch tut. Umso erfreulicher ist es, </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btd/21/029/2102907.pdf"><em>dass der Deutsche Bundestag Ende des Jahres 2025 in einem Beschluss die Bundesregierung verpflichtet hat</em></a><em>, einen Gedenkort für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen einzurichten und auch die Arbeit an der Entstehung des Deutsch-Polnischen Hauses fortzusetzen. Bei der Art und Weise, wie die Deutschen in Polen die Menschen ermordeten und Polen als Nation vernichten wollten, sind die Erwartungen in Polen mehr als verständlich, dass der eigenen Opfer besonders gedacht werden soll. Es freut, dass schon 2026 ein Wettbewerb ausgeschrieben werden soll, in dem Künstler sich bewerben können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wesentlicher Punkt im Deutsch-Polnischen Barometer war auch diesmal wieder die ungeklärte Frage der <em>„Wiedergutmachung“</em>, der Entschädigung der noch lebenden etwa 50.000 bis 60.000 polnischen Kriegsopfer durch die deutsche Regierung. Würde eine deutsche Initiative in diesem Punkt Wesentliches ändern?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Jein. Die polnischen Erwartungen sind klar. Die meisten Polen erwarten, dass hier endlich etwas geschieht. Die humanitäre Geste für die noch lebenden Opfer wäre ein Schritt. Vor etwa einem Jahr hat Olaf Scholz eine Summe vorgeschlagen, die jedoch von Polen abgelehnt wurde. Donald Tusk wies sie als zu niedrig zurück, weil sie dem Leid der Polen nicht gerecht würde. Donald Tusk ist hier natürlich auch in einer Falle, denn die Erwartungen wurden in Polen sehr hochgeschaukelt, nicht zuletzt in den Wahlkämpfen. Die PiS spricht von Billionen, von Reparationen, die alle polnischen Opfer und Verluste begleichen sollen. Diese Summe ist natürlich extrem hoch. Ich will die Verluste nicht kleinreden, keine Entschädigung wird ausreichen, egal wie hoch sie auch immer irgendwann sein könnte, so wird es keine Summe geben, die die Polen wirklich zufriedenstellen kann. Es ist schon wichtig und richtig, wenn man die Opfer nicht nur mit dem Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin immateriell würdigt, sondern auch den noch lebenden Opfern mit einer Summe versorgt, die für sie zumindest eine kleine Unterstützung für die letzten Lebensjahre ist – wir sprechen wirklich nicht um große Summen für diejenigen, die ihre Kindheit beziehungsweise Jugend in schrecklichen Bedingungen verbracht haben . Dazu kommen gemeinsame Projekte zur Sicherheit gegenüber Russland. Das sind Dinge, die die liberale Seite in Polen zufriedenstellen könnten, aber man muss sich natürlich auf die Kritik von der rechten Seite einstellen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Kritik von rechts wird nicht aufhören.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Auf keinen Fall. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hat auch etwas damit zu tun, dass außenpolitische Forderungen formuliert werden, um innenpolitisch zu punkten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist der Fall. Man muss schon sehen, welchen Einfluss die Innenpolitik hat. Deutschland ist in Polen ein Thema, das polarisiert und mit dem man Politik machen kann. In Deutschland ist das anders. Bundeskanzler Friedrich Merz dürfte denken, dass es in Deutschland schwer zu verkaufen sein wird, wenn er Millionen nach Polen überweist, aber gleichzeitig in Deutschland mit dem Streit um die Rente oder das Bürgergeld unter Druck steht. Viele werden das nicht verstehen. Er befürchtet sicherlich die Kritik der AfD und anderer radikaler Parteien. Beide Regierungen befinden sich aus verschiedenen Gründen im Clinch, aber die Gründe liegen auch in beiden Fällen in der Innenpolitik. </em></p>
<h3><strong>Bildung, Begegnung und Tourismus</strong></h3>
<div id="attachment_7739" style="width: 219px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Der_polnische_Tourismussektor_in_den_Beziehungen_zu_Deutschland/title_8528.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7739" class="wp-image-7739 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-209x300.png" alt="" width="209" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-200x287.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-209x300.png 209w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-400x574.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag.png 418w" sizes="(max-width: 209px) 100vw, 209px" /></a><p id="caption-attachment-7739" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein großes Problem ist meines Erachtens, dass Polen, auch die anderen osteuropäischen Staaten in deutschen Schulen kaum eine Rolle spielen.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Genau das meine ich. Es geht um Bildungsmaßnahmen, nicht nur zu Polen, auch zu anderen Staaten der Region. In den Familien wird darüber in Deutschland nicht gesprochen. In den Schulbüchern, im Unterricht müsste das Angebot größer sein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In westdeutschen Schulen hat man sich zumindest bis in die 1990er Jahre kaum mit den Ländern östlich von Oder und Neiße beschäftigt. Im Zweifel beschäftigte man sich mit Russland, mit Peter dem Großen, vielleicht mit den Teilungen Polens zwischen den damaligen drei Großmächten Habsburg, Preußen und Russland, obwohl kaum jemand in der Schule wohl genau wusste, was da geschah. Diese deutsche Russlandfixierung ist inzwischen ein zentraler Gegenstand der Kritik von Seiten der Osteuropahistoriker in Deutschland, die aber auch selbst um Ressourcen kämpfen müssen. Das Polenbild in der DDR unterschied sich meines Erachtens nur marginal. Hier war in erster Linie die Sowjetunion als Vorbild von Interesse, sie wurde aber weitgehend mit Russland identifiziert.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Polen und andere osteuropäische Länder müssen in den Schulbüchern präsenter werden, auch die Erfolge in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Kunst. In Polen lernt man viel über deutsche Literatur. Das sollte auch in Deutschland so geschehen. Unsere Barometer-Studien zeigen allerdings auch, dass es in den Medien positive Entwicklungen gibt. In unserem Barometer berichten Menschen aus Deutschland, dass sie ihre Informationen über polnische Kultur und polnische Gesellschaft aus dem Fernsehen erhalten hätten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Große Chancen, sich kennenzulernen, bietet der Tourismus. Viele Deutsche verwiesen im Barometer auf ihre touristischen Erfahrungen in Polen. Das Deutsche Polen-Institut hat dazu ein eigenes Buch veröffentlicht, das Sie gemeinsam mit mehreren Kolleginnen und Kollegen herausgegeben haben: <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Der_polnische_Tourismussektor_in_den_Beziehungen_zu_Deutschland/title_8528.ahtml">„Der polnische Tourismussektor in den Beziehungen zu Deutschland“</a> (Wiesbaden, Harassowitz, 2025). Das Buch enthält Übersichten über Tourismusbehörden und -organisationen, Produkte und Szenarien, auch eine Vielzahl von Statistiken und Fallstudien, all das in einer übersichtlichen und ansprechenden Form präsentiert.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Wir wollten mit diesem Buch zeigen, welche große Rolle der Tourismussektor in Polen mit seinen vielfältigen Angeboten für die deutsch-polnischen Beziehungen spielt. Es ging auch um einen Vergleich zwischen der deutschen und der polnischen Tourismusbranche, um Ähnlichkeiten und Unterschiede. Die Barometer-Ergebnisse bestätigen, dass diejenigen, die persönliche Kontakte mit dem Nachbarland haben, auch ein besseres Bild von ihm haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist immer dasselbe. Die größten Vorbehalte gegenüber Menschen aus anderen Ländern, gegenüber Ein- und Zuwanderung erleben wir dort, wo man diese Menschen nicht trifft, weil dort kaum jemand wohnt, der eine internationale Familiengeschichte hat. Andererseits stimmt die These angesichts der Ergebnisse der jüngsten Kommunalwahlen in Duisburg oder in Gelsenkirchen auch nicht mehr so wie sie vielleicht noch in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern stimmt. Aber was sind die Kernergebnisse Ihrer Studie?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Besonders interessant sind aus meiner Sicht die im dritten Kapitel vorgestellten Szenarien für die deutsch-polnischen Beziehungen im Tourismus. Was kann sich im guten wie im schlechten Fall entwickeln? Was könnte geschehen, wenn die Regierungen sich nicht mehr verständigen, die internationale Situation nicht mehr mitspielt, beziehungsweise wie könnte es sich entwickeln, wenn sich alles zum Positiven entwickelt. Solche Szenarien zeigen sehr gut, wie fragil die Beziehungen sind, von wie vielen Faktoren sie beeinflusst werden, wie viel Pflege sie benötigen. Da geht es auch um die Aktivierung unentdeckter Potenziale, aber auch um möglicherweise verpasste Gelegenheiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Ziele deutscher Touristen unterscheiden sich. Es gibt Deutsche, die nach Polen fahren, weil ihre Vorfahren aus Polen beziehungsweise den heutigen polnischen Gebieten in Schlesien oder Pommern kommen. Dann gibt es diejenigen, die – oft auch in Gruppen wie in Schulklassen – die deutschen Vernichtungslager besuchen, zum Beispiel in Auschwitz oder in Majdanek. Eine dritte Gruppe sucht die vielfältige Natur, die Polen zu bieten hat bis hin zum Ökotourismus. Andere suchen eine Art Wellness und fahren gerne an die polnische Ostsee. Schließlich gibt es die klassischen Städtetouristen, die in Warschau, in Breslau Konzerte, Festivals, die Oper besuchen. Aber was nehmen all diese Gruppen von polnischer Geschichte mit?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Alle diese Kategorien sind wichtig. Das Buch umreißt diese Gruppen etwa so, in einigen Punkten noch detaillierter. Oft sind es Familienbesuche oder die Suche nach Entspannung, Ziele, die man nicht mit einer Bildungsreise verbindet. Andere wollen einfach Leute kennenlernen. Jeder Besuch hat ein anderes Ergebnis. Aber ich denke schon, dass jedes Mal, wenn jemand aus Deutschland sich in Polen aufhält, es Erfahrungen gibt, die etwas mit der Geschichte oder der Kultur zu tun haben. Selbst wenn man „nur“ mit dem Fahrrad durch Polen fährt, trifft man auf Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenksteine, auf Hinweise auf die Geschichte. Das sollte schon inspirieren sich zu fragen: Wie unterscheiden sich die Polen von uns? Oder in den großen Städten, bei einem Konzert, einem Festival sieht man die Straßennamen, Denkmäler, und könnte sich fragen, was diese bedeuten. Oder warum sehen wir an einer bestimmten Stelle moderne Wolkenkratzer? Wenn man nachschaut oder nachfragt, erfährt man, dass dort ein Stadtviertel zerstört wurde und später dort eben diese Hochhäuser hingebaut wurden. Das sind andere Fragen, als wenn man nach Auschwitz fährt oder nach Warschau, um sich dort mit dem Warschauer Aufstand 1944 oder dem Ghetto-Aufstand 1943 zu befassen. All das kann dazu beitragen, Polen besser zu verstehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn das mit dem Buch erreicht wird, wäre das schon eine tolle Sache. Und auf einer Reise lassen sich all diese konkreten Fragen heutzutage einfach beantworten. Das geht ganz einfach per Smartphone und das haben fast alle bei sich. Auch Übersetzungen sind dank KI inzwischen einfacher als sie das noch vor einigen Jahren waren. Aber Sie sprechen nicht die reisenden oder an einer Reise interessierten Menschen an, sondern befassen sich mit den Strukturen, die solche Reisen ermöglichen und gestalten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Wir wollen mit dem Buch insbesondere die Tourismusbranche ansprechen. Wir wollen über die Argumente sprechen, die dazu führen, dass jemand nach Polen fahren möchte. Und nicht zuletzt wollen wir für die Politik ein Zeichen setzen, dass man die Beziehungen zwischen unseren Ländern pflegen muss. Auch in einer Branche, die sich im Prinzip unabhängig von Politik entwickeln könnte, spielt Politik eine Rolle. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 29. Dezember 2025, Titelbild: Katowice, Rynek © pixabay)</p>
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		<title>Zwischen Drahomanow und Marx</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 15:28:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zwischen Drahomanow und Marx Das politische Leben der Lesja Ukrajinka An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren sozialistische Überzeugungen unter der jüngeren Generation ukrainischer Kultur- und Politikakteure eher die Regel als die Ausnahme. Viele ukrainische Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelten ihre ersten Erfahrungen politischer Teilhabe, im journalistischen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Zwischen Drahomanow und Marx</strong></h1>
<h2><strong>Das politische Leben der Lesja Ukrajinka</strong></h2>
<p>An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren sozialistische Überzeugungen unter der jüngeren Generation ukrainischer Kultur- und Politikakteure eher die Regel als die Ausnahme. Viele ukrainische Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelten ihre ersten Erfahrungen politischer Teilhabe, im journalistischen Schreiben und im Umgang mit polizeilicher Repression innerhalb der sozialistischen Bewegung. Doch nicht alle blieben zeitlebens Sozialisten; einige rückten im Verlauf ihres Lebens an das entgegengesetzte Ende des politischen Spektrums. Ein Beispiel hierfür ist Dmytro Dontsov, der seine lange politische Laufbahn als Mitglied der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei begann und sie als christlicher Traditionalist und ultrakonservativer Verschwörungstheoretiker beendete.</p>
<div id="attachment_7710" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7710" class="wp-image-7710 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-400x569.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons.jpg 562w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /><p id="caption-attachment-7710" class="wp-caption-text">Ivan Trush, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9F%D0%BE%D1%80%D1%82%D1%80%D0%B5%D1%82_%D0%9B%D0%B5%D1%81%D1%96_%D0%A3%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D0%BA%D0%B8_2_(%D0%86%D0%B2%D0%B0%D0%BD_%D0%A2%D1%80%D1%83%D1%88).jpg">Porträt von Lesja Ukrajinka</a>, 1900. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Über hundert Jahre zuvor, im Jahr 1922, tat Dmytro Dontsov dasselbe wie der Verfasser dieser Zeilen: Er schrieb und veröffentlichte einen Text zum Jubiläum von Lesja Ukrajinka, einen Essay mit dem Titel „Die Dichterin des ukrainischen Risorgimento“. Zu diesem Zeitpunkt hatte er marxistische Ansichten bereits aufgegeben und entwickelte nach und nach die Idee des <em>„aktiven Nationalismus“</em>, die auf der Ablehnung und Verurteilung von Sozialismus, Rationalismus, Materialismus und Demokratie beruhte – mit anderen Worten, einem vollständigen Bruch mit den Ideen, denen er selbst einst zugeneigt gewesen war. Eine Wertschätzung für das Werk von Lesja Ukrajinka und Taras Schewtschenko jedoch hatte er sich seit seiner Jugend bewahrt. Diese Wertschätzung war jedoch eigentümlich, da er diese Autorinnen und Autoren in Gegensatz zur gesamten vorausgehenden Tradition des ukrainischen sozialen und politischen Denkens stellte, die er verächtlich als „<em>Provenzalismus“</em> bezeichnete.</p>
<p>In Dontsovs Vorstellungswelt erscheint Lesja Ukrajinka als eine <em>„typische Gestalt des Mittelalters“</em> – eine Fanatikerin, eine Voluntaristin, eine Verfechterin eines kämpferischen Nationalismus, für die die Idee des Internationalismus <em>„unendlich fremd“</em> gewesen sei.</p>
<p>Der interessante Punkt besteht nicht darin, dass Dontsov seine eigene Weltanschauung auf Lesja projizierte – eine Auseinandersetzung mit einem längst verstorbenen ultrarechten Ideologen ist nicht das Anliegen dieses Textes. Auffällig ist vielmehr, dass der <em>„Endgegner“</em> in seinem Kampf gegen den <em>„Provenzalismus“</em> Mychajlo Drahomanow war, in dem er all jene Ansichten verkörpert sah, die er verachtete: Sozialismus, Säkularismus, Rationalismus, Universalismus, Föderalismus und den Glauben an sozialen Fortschritt. In Wirklichkeit jedoch war Mychajlo Drahomanow nicht nur Lesja Ukrajinkas Onkel; sie hing so sehr an ihm, dass sie eine Handvoll Erde von seinem Grab als Reliquie aufbewahrte (Odarchenko 1954, genaue Angaben jeweils im Quellenverzeichnis am Ende des Beitrags). Er spielte eine bedeutende und positive Rolle bei der Prägung ihres Weltbildes, und in vielerlei Hinsicht war sie seine ideologische Verbündete. Während ihr Onkel der Herausgeber der ersten ukrainischsprachigen sozialistischen Zeitschrift „Hromada“ war, wurde Lesja zur Mitbegründerin der ersten ukrainischen sozialdemokratischen Organisation im Russischen Imperium. Der Versuch, Drahomanow gegen seine vielleicht berühmteste Anhängerin auszuspielen, ist daher mindestens fehlgeleitet.</p>
<p>Obwohl Lesja Ukrajinka Drahomanows Schülerin war, war sie keineswegs dazu verpflichtet, ihr Leben lang innerhalb der Grenzen seiner Ideologie zu bleiben. Ziel dieses Beitrags ist es, die Entwicklung von Lesja Ukrajinkas politischen Ansichten anhand ihrer nichtfiktionalen Schriften – ihrer Korrespondenz und ihrer publizistischen Texte – nachzuzeichnen.</p>
<h3><strong>Zwischen zwei Imperien und zwei sozialistischen Traditionen</strong></h3>
<div id="attachment_7711" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7711" class="wp-image-7711 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-768x1025.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons.jpg 808w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7711" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D1%80%D0%B0%D0%B3%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D0%BE%D0%B2_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B9%D0%BB%D0%BE.2.gif">Mykhailo Drahomanow</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lesja Ukrajinka begann sich an der Wende der 1880er zu den 1890er Jahren ernsthaft für sozialpolitische Fragen zu interessieren – eine schwierige Zeit. Die ukrainische Bewegung war durch den Emser Erlass vom 30. Mai 1876 (der Erlass verbot die Verwendung der ukrainischen Sprache und die Verbreitung ukrainischsprachiger Literatur in Öffentlichkeit, Schulen und Hochschulen, Anmerkung des Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salons</span>), die Verbannung einiger Aktivisten und die erzwungene Emigration anderer, darunter Mychajlo Drahomanow, geschwächt worden. Hinzu kam die Stabilisierung der Autokratie unter der Herrschaft Alexanders III. (1881–1894), die von der Unterdrückung sowohl tatsächlicher als auch potenzieller revolutionärer Kräfte begleitet war.</p>
<p>Diejenigen ukrainischen Aktivistinnen und Aktivisten, die nicht ins Exil gingen oder ins Ausland flohen, konzentrierten sich auf unpolitische kulturelle Tätigkeiten und vermieden sorgfältig jede Aussage oder Handlung, die staatliche Repressionen hätte provozieren können. Für junge politisch engagierte Ukrainerinnen und Ukrainer wirkte ein solcher unpolitischer Kulturaktivismus allzu vorsichtig und zaghaft. Zudem stellte diese Haltung, wie Ivan Lysiak Rudnytsky zutreffend bemerkte, einen deutlichen Rückschritt gegenüber dem Aktivismus des vorangegangenen Jahrzehnts dar (Rudnytsky 1994).</p>
<p>Mychajlo Drahomanow war der wichtigste Inspirator und Ideologe der Politisierung der ukrainischen Bewegung jener Zeit. Nach seiner Emigration gab er die politische Tätigkeit nicht auf: In Genf veröffentlichte er die Zeitschrift Hromada und hielt gleichzeitig enge Kontakte zu führenden Mitgliedern der Kyjiwer Hromada. Doch Drahomanows politisierte Aufrufe, die sich in einer sozialistischen Rhetorik äußerten, erschienen den Kulturaktivisten, den sogenannten Kulturnyky, die staatliche Vergeltungsmaßnahmen befürchteten, zu scharf und zu unbedacht. Infolgedessen wurden Mitte der 1880er Jahre die Beziehungen zwischen Drahomanow und der Kyjiwer Hromada abgebrochen, und die Hromada stellte ihre ohnehin instabile finanzielle Unterstützung für seine Publikationsprojekte ein (Fedchenko 1991). Drahomanow pflegte weiterhin freundschaftliche Beziehungen zu einzelnen Kulturnyky aus der Naddnipro-Ukraine, die die Verbindung zu ihm nicht abgebrochen hatten, doch setzte er auf die ältere Generation der Hromada-Mitglieder keine Hoffnungen mehr und vertraute stattdessen zunehmend auf die Jugend.</p>
<div id="attachment_7712" style="width: 193px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7712" class="wp-image-7712 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881.jpg 354w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /><p id="caption-attachment-7712" class="wp-caption-text">Titelbild der Zeitschrift Hromada, 1881.</p></div>
<p>Unter dem Einfluss der Genfer Literatur begannen sich unter der gebildeten ukrainischen Jugend Kreise von Anhängerinnen und Anhängern Drahomanows zu bilden. In der Folge spaltete sich die Jugend in Kulturnyky, die der Alt-Hromada weiterhin verbunden blieben, und in „Politiker“. Die zentrale Figur bei der Schaffung und Unterstützung der Kreise der <em>„Politiker“</em> war Mykola Vasylovyč Kovalevskyi – ein Landsmann, gleichgesinnter Mitstreiter und Freund Mychajlo Drahomanows seit ihren Gymnasialjahren. Gemeinsam hatten sie in den 1860er Jahren an den Anfängen der Kyjiwer Hromada gestanden. Während des späteren Konflikts brach Kovalevskyi mit der Alt-Hromada und begann in der gesamten Ukraine Gelder zur Unterstützung seines emigrierten Freundes zu sammeln (Yakovliev 2013). Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Drahomanows Ideen unter der Jugend spielte auch Hanna Kovalevska, die Tochter von Mykola Vasylovyč und enge Freundin von Lesja Ukrajinka.</p>
<p>Die organisatorischen Erfolge der galizischen Radikalen hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf die Kyjiwer <em>„Politiker“</em>. Unter dem Einfluss Drahomanows und unter der Führung seiner Schüler Ivan Franko und Mychajlo Pavlyk gründeten sie 1890 die Zeitschrift Narod und die ruthenisch-ukrainische Radikale Partei. Die Anhänger Drahomanows im Russischen Imperium blickten hoffnungsvoll auf den Kampf ihrer galizischen Gleichgesinnten und glaubten, dass sich die galizische radikale Bewegung letztlich auch auf die ukrainischen Gebiete unter russischer Herrschaft ausweiten würde. Mykola Kovalevskyi sammelte regelmäßig Gelder zur Unterstützung von <em>Narod</em>, wo junge naddniprjanische Anhänger Drahomanows zu publizieren begannen (Tuchapskii 1923, Hrinchenko 1925, Yakovliev 2013).</p>
<p>Die Teilnehmer der Drahomanow-Kreise beschäftigten sich in erster Linie mit Selbstbildung, suchten jedoch zunehmend den Übergang zu praktischer Tätigkeit. Ihre Vorstellung davon, wie dies zu erreichen sei, blieb allerdings vage. Drahomanows Ideen zur Organisation lokaler Räte und zur Mobilisierung der Bauernschaft erschienen im Kontext des repressiven Polizeistaates, zu dem Russland bereits geworden war, unrealistisch. Gleichzeitig hielt der Marxismus Einzug ins Russische Imperium und verlagerte den Schwerpunkt von der Bauernschaft auf die Arbeiterklasse, die sich wesentlich leichter agitieren und organisieren ließ. Unter der gebildeten Kyjiwer Jugend verbreitete sich der Marxismus zunächst in der polnischen Studentengemeinschaft, die besseren Zugang zu entsprechender Literatur hatte. Unter den nicht-polnischen Studierenden war Bohdan Kistiakovskyj der erste, der den Marxismus propagierte. Er war durch polnische Studenten an der Universität Dorpat damit in Berührung gekommen, an die er nach seiner Exmatrikulation von der Universität Kyjiw wegen illegaler, mit der Drahomanow-Bewegung verbundener Aktivitäten gewechselt war (Bilous 2017).</p>
<p>Zu dieser Zeit schlossen sich viele ukrainische Studierende mit linken Ansichten, enttäuscht von der Passivität der Drahomanow-Kreise, der breiteren russischen sozialistischen Bewegung an. Spätere Historikerinnen und Historiker neigten häufig dazu, die Interaktion zwischen ukrainischen und russischen Sozialisten zu vereinfachen, indem sie behaupteten, <em>„die jüngere Generation habe den von Drahomanow eingeschlagenen Weg nicht fortgesetzt, sondern vielmehr die fertigen Formeln des internationalen Sozialismus aus russischen Quellen übernommen“</em>. Selbst der umsichtige und ausgewogen argumentierende Historiker Ivan Lysiak Rudnytsky war nicht völlig frei von solchen Vereinfachungen (Rudnytsky 1994). Meiner Ansicht nach legt jedoch der Fall Lesja Ukrajinkas – wie auch der vieler ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen – nahe, dass diese Schlussfolgerung nicht vollständig zutrifft. Drahomanows Ideen wurden weder verworfen noch vergessen, und nicht alle jungen Sozialisten des ukrainischen fin de siècle waren an russische Interpretationen des Sozialismus gebunden. Zudem gilt dies nicht nur für Aktivistinnen und Aktivisten innerhalb ukrainischer sozialistischer Organisationen, sondern auch für jene Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich schließlich gesamtrussischen linken Parteien anschlossen – Persönlichkeiten, die heute oft aus der ukrainischen nationalen Bewegung verdrängt werden, wenn nicht gar aus der ukrainischen nationalen Identität insgesamt.</p>
<h3><strong>Europäismus vs. Nationalismus</strong></h3>
<p>Der bedeutende Einfluss Mychajlo Drahomanows auf die philosophischen und politischen Ansichten Lesja Ukrajinkas wird von der überwältigenden Mehrheit der Forscherinnen und Forscher sowie der Kommentatorinnen und Kommentatoren zu ihrem Leben und Werk anerkannt – mit der möglichen Ausnahme der Anhänger von Dmytro Dontsov. Lesja Ukrajinkas Korrespondenz mit Drahomanow begann im Juni 1888, und lange Zeit blieb ihre Bekanntschaft aufgrund von Mychajlo Petrovychs Emigration und seiner Unfähigkeit, ins Russische Imperium zurückzukehren, vorwiegend brieflich. Abgesehen davon, dass die Familie Kosach Drahomanow vor seiner Emigration im Februar 1876 in Kyjiw getroffen hatte, begegnete Lesja ihrem Onkel zum ersten Mal persönlich im Sommer 1894 in Sofia – etwa ein Jahr vor seinem Tod (Kosach-Kryvyniuk 1970).</p>
<p>Schon durch die Korrespondenz mit ihrem Onkel hatte Lesja Ukrajinka viel zu lernen. Drahomanow verfügte über große Erfahrung im Umgang mit seinen jüngeren Anhängerinnen und Anhängern, und diese Erfahrung war vielfältig. In seiner Nichte sah er ein großes Potenzial und tat alles, um ihr zu helfen, die Fehler zu vermeiden, die andere Drahomanow-Unterstützer begangen hatten. Bereits im ersten erhaltenen Brief Drahomanows an Lesja, datiert auf den 5. Dezember 1890, forderte er sie auf, <em>„kritisch auf die ‚hausgemachte Weisheit‘ zu blicken“</em> (Drahomanow 1924).</p>
<p>Die <em>„hausgemachte Weisheit“</em> der ukrainischen Kreise, die in ihren eigenen Vorstellungen eingeschlossen blieben und im russischen Kontext agierten, stand in scharfem Gegensatz zu den Ideen des Europäismus<em>: „Wir haben keine anderen Aufgaben als jene, die in Europa bestehen; es gibt keine anderen Methoden. Der Unterschied ist lediglich ein quantitativer, nicht ein qualitativer (…). Es ist dieselbe Wissenschaft und dasselbe Ziel. Nun, widme dich der Wissenschaft und folge dann ihrem Beispiel.“</em> (Drahomanow 1924). Eine prägnante Definition von Drahomanows Prinzip des Europäismus lieferte später Mychajlo Drai-Khmara, der zwei Dimensionen dieses Konzepts hervorhob: <em>„sich im weiten Sinne mit der europäischen Kultur zu verbinden“ </em>und die nationalen Angelegenheiten im gesamteuropäischen Zusammenhang zu betrachten (Drai-Khmara 1924).</p>
<p>Drahomanows ablehnende Haltung gegenüber dem <em>„engen Nationalismus“</em> spiegelt sich auch in seiner Vorstellung von Kosmopolitismus wider. Er teilte nicht die Auffassung eines nationalen Nihilismus; daher unterscheidet sich sein Verständnis von Kosmopolitismus vom landläufigen und steht dem Konzept des Universalismus näher – dem Glauben an bestimmte Wahrheiten und Prinzipien, die für die gesamte Menschheit gelten.</p>
<p>Für Drahomanow existierten solche Prinzipien tatsächlich, und sie hatten einen übernationalen Charakter, waren jedoch weder un-national noch anti-national. Deshalb umfasst seine Idee des Kosmopolitismus die gleichberechtigte Wechselwirkung verschiedener Nationen, ohne dass die Entwicklung einer Nation zugunsten anderer unterdrückt wird. Er wies die Bedeutung der Entwicklung nationaler Kulturen nicht zurück; zugleich wandte er sich gegen nationale Autarkie, Selbstgenügsamkeit und Isolationismus. Stattdessen schlug er vor, nationale Bewegungen auf allgemeinmenschliche Prinzipien zu gründen – daher stammt seine berühmte Losung: <em>„Kosmopolitismus in den Ideen und Zielen, Nationalität im Boden und in der Form der kulturellen Arbeit“</em> (Drahomanow 1894).</p>
<p>Gleichzeitig erörterte Drahomanow mit Lesja Fragen des Sozialismus. In seinen Briefen an seine Nichte formulierte der Ideologe der Hromada-sozialistischen Bewegung seine Vorstellungen von der Sozialdemokratie: <em>„Sozialdemokratie besteht nicht in den letzten Idealen, sondern in der Organisation der Arbeiter, in der Erhebung von Forderungen wie dem Achtstundentag und im Widerstand gegen den Militarismus, insbesondere in Deutschland.“</em> (Drahomanow 1924). Dieser Gedanke klingt deutlich im berühmten Leitsatz von Eduard Bernstein an, dass das Endziel nichts, die Bewegung aber alles sei – zumal Bernstein und Drahomanow sich in der Schweiz zeitweise begegneten (Bernstein 1922).</p>
<h3><strong>Lesjas politischer Werdegang </strong></h3>
<div id="attachment_7719" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7719" class="wp-image-7719 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-300x149.png" alt="" width="300" height="149" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-200x99.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-300x149.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-400x198.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-600x298.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-768x381.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-800x397.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons.png 889w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7719" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:200-uah-2020-1.png">Lesja Ukrajinka auf einem Geldschein</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Aus Lesjas Briefen geht hervor, dass sie bereits mit der Sozialdemokratie vertraut war. So erwähnte sie etwa das <a href="https://www.spd.de/160-jahre/1891-erfurter-programm">Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie</a> (Brief an Mychajlo Drahomanow vom 5. Juli 1893). Es sei daran erinnert, dass die erste russische Übersetzung des Erfurter Programms von den Kyjiwer Marxisten unter der Leitung von Bohdan Kistiakovskyj angefertigt und 1894 in Kolomyja von Mychajlo Pavlyk veröffentlicht wurde (Bilous 2017).</p>
<p>Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Drahomanow im Unterschied zur Sozialdemokratie die Bauernschaft als die Hauptstütze der sozialistischen Bewegung in den ukrainischen Ländern betrachtete. In seinen Briefen an Lesja pries er die politische Handlungsmacht der Bauern, insbesondere im Vergleich zur Passivität anderer gesellschaftlicher Schichten<em>: „(…) dass sich wenigstens fünf harte und arbeitsame Seelen finden, bis die Köpfe der Bauern, die – entgegen allen Beispielen der Geschichte – mehr Licht in ihren Köpfen haben als die galizischen Akademiker und Professoren, erhellt werden. Pavlyk schickte mir manchmal Briefe von Bauern – Meliton Buchynskyj bleibt im Vergleich zu ihnen weit zurück“</em> (Drahomanow 1924).</p>
<p>Aus den Gesprächen mit ihrem Onkel entwickelte Lesja Ukrajinka eine kritische Haltung gegenüber der damaligen ukrainischen Realität – sowohl im Russischen Imperium als auch in Galizien. Zudem neigten Lesjas Altersgenossen dazu, die galizische Ordnung zu idealisieren und sich von den Erfolgen anderer, insbesondere von der <em>„neuen Ära“</em>, der Politik des polnisch-ukrainischen Kompromisses zu Beginn der 1890er Jahre, blenden zu lassen.</p>
<p>Auf ihrer Reise nach Wien zur Behandlung im Jahr 1891 besuchte Lesja Ukrajinka Galizien und erlebte das galizische politische Leben aus erster Hand, einschließlich der Wahlvorbereitungen und damit verbundener Aktivitäten. Sie war von ihren Beobachtungen beeindruckt und entwickelte ein Misstrauen gegenüber konservativen Ansätzen im politischen Kampf: <em>„Die alte ‘Politik’, die ‘Loyalität’, die krummen Wege zu einem hohen Ideal, die ‘Ehrfurcht vor nationalen Festtagen’, der ‘mäßige Liberalismus’, die ‘nationale Religiosität’ usw. usw. haben uns jungen Ukrainern schon so sehr ermüdet, dass wir froh wären, diesem ‘stillen Sumpf’ irgendwohin ins Reine zu entkommen.“</em> (Brief an Mychajlo Drahomanow, 17. März 1891).</p>
<p>In ihrem Artikel von 1895 fasste die ukrainische Dichterin die von ihr missbilligte <em>„opportunistische und rationale“</em> Politik der galizischen Narodniki wie folgt zusammen<em>: „(…) kämpft nicht mit der Hacke gegen die Sonne, eilt nicht voran, sondern knüpft langsam Beziehungen zur Regierung und zu stärkeren Parteien.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Sie war auch unzufrieden mit der Atmosphäre in den „politischen“ Kreisen der Naddnipro-Ukraine. Die Dichterin war vor allem durch die Zersplitterung dieser Kreise und ihre erzwungene Geheimhaltung enttäuscht, die die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht nur für Außenstehende und die verschiedenen <em>„Pharaonen“</em>, sondern sogar für Mitglieder anderer Kreise unsichtbar machte: <em>„Wir tun alles in hermetisch verschlossenen Kästen – man hört irgendein Geräusch, aber man weiß nicht, worum es geht, und wer in einen solchen Kasten gerät, wird sich darin nicht sehr wohl fühlen, denn es ist trotzdem eng und stickig, auch wenn der Kasten gut sein mag und die Menschen darin nicht schlechter sind“</em> (Brief an Mychajlo Drahomanow, 25. Juni 1893).</p>
<p>Zudem erinnerte die Atmosphäre der Kreise schmerzhaft an die kleiner politischer Sekten unserer Zeit, mit ihrem intensiven Gruppendruck und der Tendenz, schon bei der geringsten Abweichung von der allgemeinen Linie lautstark aus der Bewegung <em>„auszutreten“</em>. Dies betraf sowohl die Kulturnyky-Kreise um Oleksandr Konyskyj als auch die Kreise der „Politiker“ (Brief an Mychajlo Drahomanow, 5. April 1894). Auch nachdem sich diese Kreise später zu Parteien entwickelten, hielt die Sektiererei an – ebenso wie Lesja Ukrajinkas Abneigung dagegen (Brief an Olha Kosach und Mychajlo Kryvyniuk, 6. Dezember 1905).</p>
<p>Dennoch pflegte Lesja Ukrajinka enge Beziehungen zu den Mitgliedern der Kreise der <em>„Politiker“</em> und zu Mykola Kovalevskyi, der sie leitete. Eine Rede des ältesten Kyjiwer Anhängers von Drahomanows Ideen blieb Lesja Ukrajinka besonders in Erinnerung: <em>„(…) er sagte uns, dass wir so bald wie möglich und beharrlich unter dem ukrainischen Volk zu arbeiten beginnen sollten, um sein nationales Selbstbewusstsein zu stützen und zu erwecken, bevor es völlig erlischt, denn es flackert bereits kaum noch. Diese Arbeit musste legal und illegal sein, durch das gedruckte oder gesprochene Wort, mit Hilfe aller Mittel, außer trügerischer oder terroristischer.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Dank Kovalevskyi, dem galizischen Radikalen Mychajlo Pavlyk und ihrem Onkel schloss sie sich der Bewegung der Anhänger des Drahomanow’schen Sozialismus an, die auf beiden Seiten des Flusses Zbrutsch tätig war. Dennoch konnten weder Kovalevskyi noch Pavlyk an den Einfluss heranreichen, den Drahomanow auf Lesja Ukrajinkas Ideologie ausübte.</p>
<p>Lesja Ukrajinkas politische Ansichten wurden am stärksten durch ihr Jahr in Bulgarien geprägt, von Juni 1894 bis Juli 1895. Dort lernte sie endlich ihren Onkel und dessen Familie persönlich kennen, hatte uneingeschränkten Zugang zu Drahomanows umfangreicher Bibliothek und konnte mit Mychajlo Petrovych frei über all jene Themen sprechen, die sie beschäftigten. Das Jahr, das Lesja im fremden und zugleich vertrauten Haus der Drahomanows verbrachte, wurde – mit gutem Grund – von dem Forscher der Diaspora, Petro Odarchenko, hinsichtlich seiner Bedeutung für Leben, Werk und Weltanschauung der Dichterin mit Taras Schewtschenkos „drei Jahren“ verglichen (Odarchenko 1954).</p>
<p>Sie war die einzige Zeugin von Mychajlo Drahomanows plötzlichem Tod am 8. Juni 1895 und, so Odarchenko, schloss sie sogar persönlich die Augen des verstorbenen Onkels. Doch das traurige Ende ihres Aufenthalts in Sofia minderte den Einfluss dieser Zeit auf Lesja Ukrajinkas Denken nicht; vielmehr verstärkte es diesen in mancher Hinsicht emotional und schlug sich in ihrer Treue zum Andenken ihres Verwandten nieder.</p>
<p>Unter den dichterischen Werken aus Lesja Ukrajinkas früher Schaffenszeit war das am stärksten drahomanowsche die 1893 verfasste und Mychajlo Drahomanow gewidmete Dichtung „Robert the Bruce, King of Scots“. Dieses Gedicht ist der konzentrierteste und zugleich durchsichtigste allegorische Ausdruck der Ideen ihres Onkels: der Verrat des nationalen Adels (<em>„wir haben kein Rittertum, wir haben keine Herren“</em>)<em>, </em>die Erlangung der Freiheit durch einen Bauernaufstand sowie Abgeordnete aus dem Volk, die dem König ungehindert mit Ungehorsam drohen, sollte er von der Vereinbarung mit ihnen abweichen – und er erhebt keinen Einspruch.</p>
<p>Zudem wurde die Thematik des Gedichts selbst, ebenso wie das Bild der Spinne, die nach mehreren Rückschlägen unermüdlich ihr Netz weiterwebt und Robert the Bruce zum Weiterkämpfen inspiriert, Lesja Ukrajinka von Mychajlo Drahomanow nahegelegt (Brief an Mychajlo Drahomanow, 15. März 1892).</p>
<p>Mychajlo Drai-Khmara stellte fest, dass Olena Pchilka, die Mutter der Dichterin, und Mychajlo Drahomanow die entscheidenden Einflüsse bei der Formung von Lesjas Persönlichkeit waren: (Drai-Khmara 1924: 34).</p>
<p>Nichts wäre jedoch irreführender, als Lesja Ukrajinka zu einer bloßen Vermittlerin der Ideen ihres großen Onkels zu reduzieren. Erstens trägt eine solche Vorstellung einen deutlich sexistischen Beigeschmack. Zweitens stimmt sie schlicht nicht.</p>
<p>Mykola Zerov, ein Neoklassizist wie Drai-Khmara, unterschied zu Recht zwei große Typen ukrainischer Anhänger Drahomanows und ordnete Lesja Ukrajinka der zweiten Gruppe zu: <em>„Die einen, wie Pavlyk, blieben vollständig gefangen in seiner </em>(Drahomanows – M. L.)<em> markanten Persönlichkeit und fanden nie ihren eigenen Weg. Wenn sie sich voneinander unterschieden, dann nur im Temperament und im Grad ihrer Hingabe an den Drahomanow-Kult. Andere aber, wie Franko, nahmen nur das Wesen seiner Lehre in sich auf, entwickelten es jedoch auf ihre eigene Weise weiter, beeinflusst von anderen Kräften, und brachten schließlich Früchte hervor, die unverkennbar die ihren waren und mit einer individuellen, manchmal scharf konturierten Gestalt in die Geschichte eingingen.“</em> (Zerov 1990).</p>
<p>Diese Einschätzung mag Pavlyk gegenüber ungerecht sein, doch trifft sie ganz und gar auf Lesja Ukrajinka zu, deren Verehrung für ihren bedeutenden Verwandten niemals ihre eigene geistige Entwicklung einengte – im Gegenteil, Drahomanow selbst wäre bestürzt gewesen, wenn es anders gewesen wäre.</p>
<p>Dank Drahomanows Einfluss schärfte Lesja Ukrajinka ihre kritische Haltung gegenüber konservativer und eng nationalistischer Politik, ohne jedoch die nationale Identität abzulehnen. Nicht zuletzt durch ihre Bemühungen gab ihr ukrainischer literarischer Kreis die Bezeichnung als <em>„Ukrainophile“</em> auf und begann, sich schlicht Ukrainer zu nennen. Gleichzeitig fühlte sich Lesja zutiefst zur ethischen Dimension des Hromada-Sozialismus hingezogen, mit seiner Ablehnung derselben <em>„listigen und terroristischen Methoden“</em> und aller Formen des Opportunismus – ganz im Sinne von Drahomanows Überzeugung, dass <em>„eine reine Sache saubere Hände verlangt“</em>.</p>
<p>Seine unorthodoxe Spielart des Sozialismus bot fruchtbaren Boden, um neue sozialpolitische Ideen zu prüfen und aufzunehmen – und der Marxismus war unausweichlich Teil dieser Entwicklung.</p>
<h3><strong>Ukrainische Sozialdemokratie </strong></h3>
<p>Lesja Ukrajinkas Verhältnis zur Sozialdemokratie und zum Marxismus ist ein Thema, das reich an Möglichkeiten für Mythenbildung ist. Es ist weithin bekannt, dass sie gemeinsam mit Ivan Steshenko zu den Gründerinnen und ideologischen treibenden Kräften der sogenannten USD-Gruppe gehörte – der ersten ukrainischen sozialdemokratischen Vereinigung im Russischen Imperium. Sie bezeichnete sich selbst als Sozialdemokratin, wie ihre Freundin Liudmyla Starytska-Cherniakhivska in einem Gespräch mit Mychajlo Drai-Khmara bestätigte (Drai-Khmara 1924).</p>
<div id="attachment_7713" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7713" class="wp-image-7713 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-300x256.jpg" alt="" width="300" height="256" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-200x171.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-300x256.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-400x342.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-600x513.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-768x656.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-800x683.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902.jpg 865w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7713" class="wp-caption-text">Ukrainische Ausgabe des Kommunistischen Manifests. 1902.</p></div>
<p>In linken Kreisen ist zudem die verbreitete Auffassung anzutreffen, Lesja Ukrajinka sei die Autorin der ersten ukrainischen Übersetzung des Kommunistischen Manifests, das 1902 anonym in Lwiw erschien. In einem Brief an Ivan Franko vom 7. September 1901 äußerte Lesja ihr Interesse an der Veröffentlichung mehrerer sozialistischer Schriften in Galizien, darunter des Kommunistischen Manifestes sowie ihrer Übersetzung der Broschüre „Wer lebt wovon?” von Szymon Dikstein (Brief an Ivan Franko, 7. September 1901).</p>
<p><a href="https://medium.com/%D0%BC%D0%B0%D1%80%D0%BA%D1%81%D1%96%D0%B2-%D0%BA%D0%B0%D0%BF%D1%96%D1%82%D0%B0%D0%BB-%D1%83%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D1%81%D1%8C%D0%BA%D0%BE%D1%8E/%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D1%97%D1%84%D0%B5%D1%81%D1%82-%D0%BA%D0%BE%D0%BC%D1%83%D0%BD%D1%97%D1%81%D1%82%D0%B8%D1%87%D0%BD%D0%BE%D1%97-%D0%BF%D0%B0%D1%80%D1%82%D0%B8%D1%97-c8031e70e08e">Die ukrainische Übersetzung des Manifestes</a> erschien 1902 in Lwiw unter dem Impressum „Verlag der Ukrainischen Sozialistischen Partei“ – eine Bezeichnung, die die USD-Gruppe niemals verwendete. Darüber hinaus ist die Übersetzung selbst eher nachlässig und voller Russizismen und Polonismen; so bezeichnet der Übersetzer die Woche als <em>„nedilia“</em>, eine Verwendung, die Lesja selbst nie gebrauchte, da sie in ihren eigenen Schriften äußerst sorgfältig mit Sprache umging.</p>
<p>Gleichzeitig existierte zwischen 1900 und 1904 in der Naddnipro-Ukraine, vor allem am rechten Ufer, eine kleine Ukrainische Sozialistische Partei (USP) unter der Leitung von Bohdan Jaroshevskyj. Dies legt nahe, dass der Autor der Übersetzung des Manifestes von 1902 in Wirklichkeit Bohdan Jaroshevskyj war (Zhuk 1957).</p>
<p>Das Vorwort zu dieser Übersetzung wurde nur ein einziges Mal veröffentlicht – in einer russischen Ausgabe der Werke Lesja Ukrajinkas im Jahr 1957 – und nicht nach einem Autograph. All dies schließt nicht aus, dass Lesja das Manifest tatsächlich übersetzt und sich um seine Veröffentlichung bemüht haben mag, doch die Fassung, die 1902 in Lwiw erschien, stammt nicht von ihr. Solange das Manuskript ihrer Übersetzung nicht vorliegt, gibt es keinen Grund, etwas anderes anzunehmen.</p>
<p>Ende der 1890er Jahre begann sich Lesja Ukrajinka intensiv für die Sozialdemokratie und ihre theoretischen Grundlagen zu interessieren. 1897 studierte sie „Das Kapital“, war jedoch enttäuscht, da sie darin nicht das <em>„strenge System“</em> fand, von dem ihr so viel erzählt worden war (Brief an Olha Kosach, 11. September 1897). Dies schmälert ihren sozialdemokratischen Standpunkt jedoch keineswegs – viele Sozialisten hatten Schwierigkeiten mit dem „Kapital“, und niemand wurde deswegen aus der Bewegung ausgeschlossen.</p>
<p>Sie studierte ebenfalls die materialistische Geschichtsauffassung in der Interpretation von Marx und ihre Anwendung auf ukrainisches Material und gelangte zu Schlussfolgerungen über die Bedeutung des Klassenantagonismus in der ukrainischen Geschichte: „(Ich) <em>kann meine Ansicht über die Geschichte der Ukraine unter der Moskauer Herrschaft mit folgender marxistischer Paraphrase ausdrücken: ‘Wir sind nicht nur wegen des Klassenantagonismus zugrunde gegangen, sondern auch wegen dessen Fehlens’.“</em> (Brief an Mychajlo Kryvyniuk, 26. November 1902).</p>
<p>In ihren Briefen an den standhaften Drahomanowiten (Drahomanow-Anhänger) Mychajlo Pavlyk betonte Lesja, dass die Sozialdemokratie <em>„eine zu universelle Bewegung </em>(sei)<em>, als dass die ukrainische Nation darauf verzichten könnte.“</em> (Brief an Mychajlo Pavlyk, 7. Juni 1899). Ebenso sah sie nichts Problematisches darin, dass sich eine sozialdemokratische Fraktion von der radikalen Partei abgespalten und eine eigene Partei gegründet hatte; im Gegenteil, sie begrüßte dies, wenngleich sie viele Beschwerden über die galizischen Sozialdemokraten hatte (Brief an Mychajlo Pavlyk, 2. März 1899).</p>
<div id="attachment_7714" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7714" class="wp-image-7714 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-200x129.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-300x193.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-400x258.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-460x295.jpg 460w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-600x387.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-768x495.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-800x516.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7714" class="wp-caption-text">Postkarte von Lesja Ukrajinka an Ivan Franko vom 29. Mai 1902.</p></div>
<p>Erwähnenswert ist, dass kurz zuvor, 1896–1897, eine aufschlussreiche Debatte zwischen Lesja Ukrajinka und Ivan Franko stattfand. In seinem Artikel „Mit dem Ende des Jahres“, der die Kontroverse eröffnete, nahm der Kamenjar (Frankos Pseudonym, bedeutet „Steinhauer“) einen herablassenden Ton gegenüber den Drahomanowiten der Naddnipro-Ukraine an (die er in seiner Terminologie <em>„ukrainisch“</em> nannte) und wies ihre Kampferfahrungen von sich – eine Haltung, die Lesja Ukrajinka in ihrer Erwiderung entschieden zurückwies.</p>
<p>Franko beklagte, dass ukrainische Radikale Angst hätten, sich an illegalen Aktivitäten zu beteiligen, und <em>„nur mit Erlaubnis der Behörden“</em> handelten. Als Gegenbeispiel stellte er die galizischen Radikalen heraus und lobte ihre Bereitschaft, der <em>„Stiefmutter-Konstitution“</em> zu trotzen und direkt mit der Bauernschaft zu arbeiten – etwas, wozu ihren Pendants in der Naddnipro-Ukraine seiner Ansicht nach die Entschlossenheit fehlte. Schließlich diskreditierte Franko die Aktivitäten der ukrainischen linken Intelligenz als <em>„eine Art Tinktur radikaler Ideen, aber keinen wirklichen Radikalismus“</em>.</p>
<p>Am meisten empörte Lesja Ukrajinka letztlich der Vorwurf, die ukrainischen Radikalen täten angeblich nichts und hätten Angst, sich an illegalen Aktivitäten zu beteiligen. In den Jahren 1896–1897 <em>„landeten einige dieser Genossen in ‘freier Unterkunft’ – mit Erlaubnis der Behörden“</em>. Gemeint waren Mychajlo Kryvyniuk und Ivan Steshenko, die in diesem Zeitraum wegen ihrer Teilnahme an der Studentenbewegung inhaftiert worden waren. Gleichwohl beeinträchtigte diese Kontroverse ihre persönlichen Beziehungen zu Ivan Franko nicht wesentlich: Lesja Ukrajinka war fähig, zwischen Persönlichem und Politischem zu unterscheiden, zwischen den <em>„Freunden meiner Freunde“</em> und den <em>„Freunden meiner Ideen“</em>, wie sie selbst sagte (Brief an Ivan Franko, 14. August 1903).</p>
<p>Diese Ereignisse fanden in den frühen Jahren jener oben erwähnten Gruppe der Ukrainischen Sozialdemokratie statt. Die Gruppe arbeitete im Geheimen und wurde während ihres Bestehens nie enttarnt, sodass nur wenige Spuren über die Größe ihrer Mitgliedschaft erhalten sind. Zu ihren Kernmitgliedern gehörten mit Sicherheit Ivan Steshenko, Lesja Ukrajinka, Mychajlo Kryvyniuk und Lesjas Schwester Olha Kosach. Die Beteiligung anderer Personen, die oft als Mitglieder genannt werden, ist jedoch höchst zweifelhaft (Lavrinenko 1971).</p>
<p>Das genaue Entstehungsdatum der USD-Gruppe ist unbekannt. Forscherinnen und Forscher sowie Zeitgenossen haben unterschiedliche Jahre genannt – von 1893 bis 1897 (Fedenko 1959, Tulub 1929). Am wahrscheinlichsten wurde die Gruppe etwa 1896 gegründet, und zwar auf Initiative von Ivan Steshenko – der später Mitglied des Generalsekretariats der Zentralna Rada wurde und damals an der Historisch-Philologischen Fakultät der Universität Kyjiw studierte. Oleksandr Morhun erinnerte sich auch an Steshenko als den Anführer der <em>„radikalen Gruppe“</em> innerhalb der ukrainischen Studentenschaft in Kyjiw Mitte der 1890er Jahre: <em>„Die radikale Gruppe unter Steshenkos Führung begann, die unpolitische Haltung der Gemeinschaft und ihre Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Fragen in Frage zu stellen und der Gemeinschaft in dieser Hinsicht einen klareren Charakter zu geben“</em> (Morhun 1963).</p>
<p>Steshenko wurde von der Gruppe um Mykola Mikhnovskyj opponiert, der meinte, solche Fragen dürften nicht aufgeworfen werden. Daher erscheint die Behauptung über den Einfluss der Ideen der Bratstvo Tarasa (Taras-Bruderschaft) auf die USD-Gruppe (Holovchenko 1996) eher fragwürdig.</p>
<p>Bis 1896 existierten in Kyjiw bereits zwei andere sozialdemokratische Gruppen, die in den damaligen Untergrundkreisen als die <em>„polnische S.-D.-Gruppe“</em> und die <em>„russische S.-D.-Gruppe“</em> bezeichnet wurden. Der Kern der ersten Gruppe bestand jedoch aus litauischen Studenten der Universität Kyjiw, während die zweite von Bohdan Kystjakowskyj gegründet worden war und unter anderem jüdische und ukrainische Studierende derselben Universität einbezog, darunter auch den ehemaligen Drahomanowiten Pawel Tuchapskii. Diese beiden Gruppen schlossen sich 1897 gemeinsam mit einer weiteren Gruppe, die zuvor der Polnischen Sozialistischen Partei angehört hatte, zur Kyjiwer „Union des Kampfes für die Befreiung der Arbeiterklasse“ zusammen, die ihrerseits 1898 zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) beitrug (Bilous 2017: 53). An den Vorbereitungen zum ersten Parteitag war ein Mitglied der Union beteiligt, der belarussische Marxist Serhij Meržynskyj, mit dem Lesja Ukrajinka in einer engen Beziehung stand.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund liegt es nahe anzunehmen, dass die USD-Gruppe den Versuch darstellte, eine dritte sozialdemokratische Organisation in Kyjiw zu etablieren und den Abfluss der ukrainischen Jugend in gesamtrussische Bewegungen zu verhindern. Im Unterschied zu den anderen Gruppen schloss sich die USD weder der „Union des Kampfes“ noch der SDAPR an. Ihre Mitglieder arbeiteten weiterhin eigenständig und orientierten sich stärker an anderen ukrainischen sozialistischen Parteien – etwa der galizischen USDP (Ukrainischen Sozialdemokratischen Partei), der bereits erwähnten Ukrainischen Sozialistischen Partei (USP), deren Mitglieder Ukrainer polnischer Kultur waren, sowie der Revolutionären Ukrainischen Partei (RUP), unter deren vier Mitbegründern sich zwei Söhne bedeutender Kulturnyky der Alten Hromada befanden: Dmytro Antonowytsch und Mychajlo Rusow.</p>
<p>Lesja Ukrajinka verfasste eine kritische Analyse des „Entwurfs des Programms der Ukrainischen Sozialistischen Partei“, und ihre Briefe an Mychajlo Kryvyniuk zeigen, dass sie die Entwicklung und die inneren Auseinandersetzungen innerhalb der RUP genau verfolgte. Sie kritisierte insbesondere die RUP-Zeitung Haslo dafür, dass sie als Motto den oben erwähnten Satz von Eduard Bernstein übernahm: <em>„Das Endziel ist nichts, die Bewegung ist alles.“</em> Dies lässt Rückschlüsse auf ihre Position innerhalb der breiteren zeitgenössischen Debatte zwischen dem reformistischen Flügel der internationalen sozialistischen Bewegung, vertreten durch Bernstein, und dem revolutionären Flügel zu. Lesja Ukrajinka stellte fest, dass <em>„die Redaktion Bernsteins antirevolutionäre Haltung völlig missverstanden hat“</em>, und fügte später hinzu, dass ihr <em>„der Artikel in Volja</em> (dem Organ der galizischen USDP – Red. von Spilne/Commons) <em>gegen den Bernsteinianismus von Haslo“</em> gefallen habe (Briefe an M. Kryvyniuk, 14. März 1902 und 22. April 1902). Wie später deutlich wird, wichen ihre Ansichten jedoch auch erheblich von denen vieler linker Kritiker Bernsteins ab.</p>
<p>Die Briefe Lesjas werfen zudem Licht auf das Ende der USD-Gruppe. Im Dezember 1905 schrieb sie an ihre Schwester Olha und an Mychajlo Kryvyniuk über die Verhandlungen der USD mit der RUP. Diese wurde auf ihrem Parteitag in Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (USDRP) umbenannt und übernahm offiziell sozialdemokratische und föderalistische Positionen. Da die USDRP jedoch autonome Gruppen in ihrer Struktur nicht zuließ, trat die USD nicht als Kollektiv der Partei bei. Nur einige wenige Mitglieder der USD – unter ihnen Lesja Ukrajinka – erklärten sich bereit, unabhängig voneinander an der Herausgabe der neuen sozialdemokratischen Zeitung <em>Pratsia</em> mitzuwirken (Brief an Olha Kosach und Mychajlo Kryvyniuk, 6. Dezember 1905).</p>
<p>Die Zeitung erschien jedoch aus verschiedenen Gründen nie. Einer davon war die Verhaftung von Petro Djatlów, der als ihr Redakteur vorgesehen war. Ausgerechnet ein Satz aus seinem Nachruf auf Lesja Ukrajinka – später auf ihrem Grabstein eingraviert – löste vor Kurzem Empörung in der <em>„patriotischen Öffentlichkeit“</em> aus.</p>
<h3><strong>Revolutionäre Ethik und der Geist des Sozialismus</strong></h3>
<div id="attachment_7716" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7716" class="wp-image-7716 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-300x142.jpg" alt="" width="300" height="142" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-200x94.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-300x142.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-400x189.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-600x283.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons.jpg 689w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7716" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D1%80%D0%B0%D0%B3%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D0%BE%D0%B2_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B9%D0%BB%D0%BE.2.gif">Gedenktafel für Mykahailo Drahomanow in Sofia, Bulgarien</a>. Foto: Иван. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Ideologisch entstand die USD-Gruppe an der Schnittstelle zwischen marxistischem Einfluss und Drahomanows Variante des Sozialismus. Ihre frühen Publikationen spiegelten bereits sowohl eine kritische Haltung gegenüber Drahomanow als auch die Suche nach Alternativen wider. Eine der ersten Veröffentlichungen der Gruppe war die anonyme Broschüre „Mychajlo Petrovych Drahomanow (Ukrainischer Emigrant)“, die 1897 erschien. Darin wurden Drahomanows bedeutende Beiträge zur ukrainischen Bewegung anerkannt – insbesondere sein Aufruf zur Schaffung unabhängiger ukrainischer sozialistischer Organisationen. Zugleich enthielt die Broschüre eine marxistische Kritik an seinen sozialpolitischen Ansichten.</p>
<p>Der Verfasser beziehungsweise die Verfasserin der Broschüre – wer auch immer es war – weist auf den bäuerlichen Charakter des Sozialismus von Mychajlo Drahomanow hin und argumentiert, dass mit dem Fortschreiten des Kapitalismus das Bauerntum allmählich seine soziale Homogenität verliere – falls es diese überhaupt je besessen habe. Die Broschüre behauptet, dass die Problemstellung <em>„das Bauerntum im Allgemeinen“</em> vage und unergiebig sei: <em>„(…) über das Schicksal des Bauerntums im Allgemeinen zu klagen, heißt nichts Bestimmtes zu sagen; das moderne Klassenprinzip der Soziologie verlangt, genau anzugeben, die Interessen welcher Klasse von Bauern der Patriot zu verteidigen wünscht, denn nur unter solchen Bedingungen kann seine Sympathie für die Bauern irgendeine reale Bedeutung haben.“</em> (zitiert nach Fedenko 1959).</p>
<p>Lesja Ukrajinka erkannte ebenfalls die Notwendigkeit unterschiedlicher Herangehensweisen unter verschiedenen Umständen. Während auf dem Land die Assimilation der Ukrainer nur langsam voranschritt und sich die Sozialdemokraten auf strikt sozialistische Propaganda konzentrieren konnten, war es unter den städtischen Arbeiterinnen und Arbeitern auch notwendig, das nationale Bewusstsein zu fördern – <em>„damit sie nicht zu Fremden in ihrem eigenen Land werden und gegen ihre eigenen Brüder gestellt werden.“</em> Mit anderen Worten: um einer Vergrößerung der kulturellen Kluft zwischen Stadt und Land in der Ukraine vorzubeugen (Ukrajinka 2021: 504).</p>
<p>Im <a href="https://commons.com.ua/uk/dodatok-vid-vporyadnika-do-ukrayinsko/">Nachwort zur Broschüre Wer lebt wovon</a> vermittelt Lesja die Ideen des Klassenkampfes, des Internationalismus und der Selbstorganisation der Arbeiter in möglichst zugänglicher Form. Sie entwirft ein Ideal der Selbstorganisation der Arbeiterschaft <em>„von unten“</em> – von der lokalen bis zur internationalen Ebene – das Drahomanows Vorstellung eines <em>„freien Bundes“ </em>bemerkenswert nahekommt. Ebenso anerkannte sie unterschiedliche Methoden im Kampf für die Rechte der Arbeiter: <em>„sei es durch Bitte oder durch Drohung (mehr durch Drohung als durch Bitte) oder durch Verschwörung oder durch die Waffe.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Vor allem zeigte sich der Einfluss des drahomanowschen Sozialismus in Lesja Ukrajinkas Vorstellungen von der Ethik des politischen Kampfes. Dies wird besonders deutlich in ihrer Reaktion auf den Artikel „Politik und Ethik“ von Mykola Hankewytsch, dem Führer der galizischen USDP. Lesja verwarf die dualistische Sichtweise <em>„entweder Opportunismus oder Fanatismus“</em> und betonte, dass weder eine Partei noch ein einzelner Denker den Anspruch auf absolute Wahrheit erheben könne. Sie suchte einen Weg jenseits dieser Gegenüberstellung, und dabei wiesen ihr die Ideen Drahomanows den Weg: <em>„Zum Glück gibt es noch den Weg des festen, auf Kritik gegründeten Glaubens und des brennenden, unersättlichen Durstes nach weiterer Wahrheit.“</em> (Ukrajinka 2021). Zugleich hielt sie weiterhin am Grundsatz ihres Onkels fest, dass <em>„eine reine Sache reine Hände erfordert“</em>, und sie betrachtete Politik nicht als etwas von Natur aus Unreines. Nicht die Politik verderbe die Menschen, sondern die Menschen verdürben die Politik.</p>
<p>Lesja Ukrajinkas Abneigung gegen Fanatismus und den Anspruch auf absolute Wahrheiten führte zu ihrer Ablehnung des Terrors. Sie betrachtete die Revolution mit Gleichmut und war der Ansicht, dass Massenbewegungen sowohl progressiven als auch reaktionären Zielen dienen können – sie verwies etwa auf die Französische Revolution und den Aufstand in der Vendée. Zwar setzte sie beide Phänomene nicht gleich, doch hielt sie die Niederschlagung der Französischen Revolution für schlimmer als die Niederschlagung des Vendée-Aufstands. Zugleich erkannte sie an, dass der menschliche Fortschritt ungleichmäßig verläuft und intensive revolutionäre Phasen nicht ausschließt (Ukrajinka 2021). Sie war jedoch überzeugt, dass der Terror von seinen Anhängern – sowohl von Revolutionären als auch von Reaktionären – fetischisiert werde, vom <em>„blutrotfingrigen Sanson“ </em>(gemeint ist Charles-Henri Sanson, ein Pariser Scharfrichter unter König Ludwig XVI. und während der Französischen Revolution, der nahezu 3.000 Hinrichtungen vollstreckte; im Dialog zwischen einem Montagnarden und einem Girondisten in Lesja Ukrajinkas „Drei Minuten“ wird er als <em>„rotfingrig“</em> bezeichnet, Anmerkung der Redaktion von Spilne/Commons) bis zu Murawjow dem <em>„Henker“</em> (Michail Murawjow-Wilenski, genannt der <em>„Henker“</em>, war ein russischer Generalgouverneur, der für die brutale Niederschlagung der Aufstände von 1863–1864 in Polen, Belarus, Litauen und Wolhynien verantwortlich war, Anmerkung der Redaktion von Spilne/Commons. <em>„Und wenn es darum geht, die Ethik eines Henkers zu beurteilen, so soll man seine Hinrichtungen beurteilen, nicht seinen Monarchismus, Republikanismus, Aristokratismus, Bürgertum usw.“</em> (Ukrajinka 2021). Lesja Ukrajinka hätte sich weder mit Lew Trotzkij und dessen „Terrorismus und Kommunismus“ (1921) identifiziert noch den Immoralismus Dontsovs akzeptiert.</p>
<p>Sie bezeichnete den Terror als eine entartete Form der Revolution und lehnte ihn aus universalistisch-ethischen Gründen ab. Zugleich war Lesja Ukrajinka weder Pazifistin noch Anhängerin gewaltlosen Widerstands. In einem unvollendeten Entwurf zu ihrem Essay über die Staatsordnung rechtfertigt sie den Einsatz von Gewalt zur Verteidigung der Freiheit gegen Angreifer und betrachtet eine solche Verteidigung nicht als Verletzung der Freiheit irgendeiner Person (Ukrajinka 2021). Eine moralische Gleichsetzung von Opfer und Henker, von Angreifer und Angegriffenem, war ihr völlig fremd.</p>
<h3><strong>Kosmopolitische Ideen, nationale Wurzeln</strong></h3>
<p>Apropos Drahomanows Föderalismus und der Frage der Eigenstaatlichkeit: Lesja Ukrajinkas Auffassungen über das Verhältnis zwischen ukrainischen und russischen Sozialisten unterschieden sich erheblich von dem stereotypen Bild der ukrainischen Linken als russophil – einem Bild, das leider bis heute manche allzu bereitwillig übernehmen. Zunächst einmal stand sie, wie alle engagierten Sozialisten, der russischen zaristischen Autokratie und ihrer repressiven Politik scharf ablehnend gegenüber. Diese Haltung kommt in ihrem Gedicht „Die Stimme einer russischen Gefangenen“ deutlich zum Ausdruck: <em>„Ja, Russland ist riesig – Hunger, Unbildung, Verbrechen, Heuchelei, endlose Tyrannei, und all diese großen Leiden sind riesig, kolossal, grandios.“</em> (Ukrajinka 2021). Aus diesem Grund mochte sie das Vorgehen ukrainischer Revolutionäre, die sich gesamtrussischen Organisationen im Kampf gegen die zaristische Autokratie anschlossen, vielleicht nicht ausdrücklich billigen, doch gewiss verstand sie ihre Motivation. Sie wurden sowohl vom Willen getragen, dem Imperialismus Widerstand zu leisten, als auch von der Enttäuschung über das Fehlen eines aktiven Widerstands innerhalb der ukrainischen Bewegung.</p>
<p>Im Nachwort zu Diksteins Broschüre verwendete Lesja Ukrajinka die Losung <em>„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“</em> Doch sie präzisierte sie: <em>„Vereinigt euch als Freie mit den Freien, als Gleiche mit den Gleichen!“</em> An anderer Stelle der Broschüre fügte sie zudem die folgenden Worte hinzu: <em>„(…) ohne sich in ein fremdes System zu verwandeln und ohne feindlich gegenüber den Arbeitern anderer Nationen zu sein.“</em> (Ukrajinka 2021). Die nationale Frage innerhalb der Sozialdemokratie beschäftigte Lesja vielleicht am meisten, und in einem ihrer Briefe an Pawlyk äußerte sie sogar den Wunsch, einen ausführlichen Aufsatz zu diesem Thema zu verfassen, in dem sie insbesondere den Beziehungen zwischen den ukrainischen, russischen, polnischen und anderen sozialdemokratischen Organisationen besondere Aufmerksamkeit widmen wollte (Brief an Mychajlo Pavlyk, 7. Juni 1899). In ihrer Beurteilung des „Entwurfs des Programms der USP“ deutete sie ein mögliches Format solcher Beziehungen an, das ein föderales Organisationsprinzip für eine gesamtreichsweite Partei vorsah: <em>„Uns scheint, dass eine solche Vereinigung unserer Sache kaum dienlich wäre, und wir würden vielmehr auf natürliche Weise eine gewisse Absonderung wünschen, das heißt eine Teilung in Fraktionen, die den nationalen Gliederungen des russischen Staates eher entsprechen.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Lesja Ukrajinka betonte die Eigenständigkeit der ukrainischen Organisation gegenüber der russischen und allen anderen, und sie bestand darauf, dass das Bündnis der Sozialdemokraten im Kampf gegen die Autokratie strikt gleichberechtigt sein müsse, ohne Dominanz einer Gruppe über die andere. In ihrer Kommentierung der Initiative der galizischen Zeitung Zoria, Bolschewiki und Menschewiki miteinander zu versöhnen, schrieb sie: <em>„Es ist an der Zeit, den Standpunkt einzunehmen, dass ‘Brudernationen’ lediglich Nachbarn sind, die zwar durch dasselbe Joch verbunden, ihrem Wesen nach jedoch keine identischen Interessen haben. Daher ist es besser, wenn sie wenigstens Seite an Seite agieren, aber jede für sich und ohne sich in die Innenpolitik des Nachbarn einzumischen.“</em> (Brief an Mychajlo Kryvyniuk, 3. März 1903). Darüber hinaus wies Lesja die Vorstellung einer bedingungslosen Zusammenarbeit mit der russischen revolutionären Bewegung zurück. Sie war der Ansicht, dass eine solche Zusammenarbeit nur möglich sei, wenn die russischen Revolutionäre die nationale und kulturelle Eigenart der Ukrainer anerkennen und berücksichtigen würden. Solange dies nicht geschah, hielt sie es für unter ihrer Würde, sich den Russen als Genossin anzudienen. Zugleich erklärte sie sich bereit, Vertreterinnen und Vertreter der russischen revolutionären Emigration bei Übersetzungen zu unterstützen – jedoch nur unter der Bedingung, dass sie als unabhängige Übersetzerin auftreten könne (im selben Brief).</p>
<p>Um das Thema der Nationalität abzurunden: Lesja Ukrajinka kannte die Idee der Eigenstaatlichkeit sehr wohl, betrachtete sie jedoch nicht als Selbstzweck. Für die nähere Zukunft hielt sie es für am angemessensten, ein föderalistisches Programm zu unterstützen – zumindest während des fortdauernden Kampfes gegen die zaristische Autokratie, der nach ihrer Auffassung im Rahmen des gesamten Imperiums und in Zusammenarbeit mit Sozialisten anderer Nationen stattfinden sollte. Sollte sich jedoch die <em>„brüderliche Union“</em> als nicht allzu brüderlich erweisen – das heißt, sollte das Recht des ukrainischen Volkes auf freie Entwicklung innerhalb der neuen Föderation nicht gewährleistet sein – so stellte sich Lesja Ukrajinka einer vollständigen staatlichen Trennung nicht entgegen (Ukrajinka 2021).</p>
<h3><strong>Fazit</strong></h3>
<div id="attachment_7717" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7717" class="wp-image-7717 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-400x570.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka.jpg 561w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /><p id="caption-attachment-7717" class="wp-caption-text">Illustration von Volodymyr Vasylenko zum Gedicht &#8222;Morgendämmerungslichter&#8220; von Lesja Ukrajinka.</p></div>
<p>Lesja Ukrajinkas politische Ansichten wurden stark durch ihren Onkel Mychajlo Drahomanow geprägt, von dem sie vor allem eine kritische Perspektive auf die ukrainische Realität, ein Verständnis für die Bedeutung politischer Tätigkeit und die Fähigkeit lernte, ein Gleichgewicht zwischen nationalen und universalen (<em>„kosmopolitischen“</em>) Werten zu finden. Vorstellungen wie die Aufmerksamkeit für die ethische Dimension des politischen Kampfes – ein Kernbestandteil von Drahomanows Sozialismus –, ein im Europäismus verankertes Weltbild sowie die Geringschätzung nationaler Abschottung blieben für Lesja Ukrajinkas literarisches und politisches Schaffen ihr Leben lang zentral.</p>
<p>Doch bereits zu Lebzeiten ihres Onkels setzte sich Lesja Ukrajinka intensiv mit verschiedenen Strömungen des sozialpolitischen Denkens auseinander, unter denen der Marxismus einen herausragenden Platz einnahm. Sie als überzeugte Marxistin zu bezeichnen, wäre zwar eine Übertreibung, doch übernahm sie zweifellos die Bedeutung des klassenbasierten Ansatzes zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene aus dem Marxismus und wandte ihn auf den ukrainischen Kontext an – von der Analyse zeitgenössischer Politik bis hin zu Fragen der Geschichte und Literatur. Ihr Marxismus war jedoch weder dogmatisch noch rein reformistisch; sie begegnete der Revolution mit ruhiger Unterscheidungsfähigkeit, frei von Fanatismus ebenso wie von Angst.</p>
<p>Natürlich beschränkten sich die Einflüsse, die Lesja Ukrajinkas Weltanschauung prägten, nicht nur auf Drahomanow und Marx. In ihrem Aufsatz „Die Utopie in der Dichtung“ sind deutlich Spuren Friedrich Nietzsches und von Georges Sorels Konzept des revolutionären Mythos zu erkennen. Doch gerade das unterstreicht Lesjas intellektuelle Redlichkeit, ihre umfassende geistige Entwicklung und ihre kritische Urteilskraft – denn sowohl der Marxismus als auch Drahomanows Ideen stellen ihrem Wesen nach gerade solche Qualitäten über unkritische Bewunderung oder Dogmatismus.</p>
<p>Im Kern war Lesja Ukrajinkas politische Philosophie in den Idealen Drahomanows verwurzelt, doch verband sie auf harmonische Weise Marxismus mit dem Hromada-Sozialismus und den ukrainischen nationalen Bestrebungen. Ihre Perspektive zeigt erstens, dass Marxismus und Drahomanows Denken durchaus miteinander vereinbar waren, und zweitens, dass die ukrainische Sozialdemokratie des frühen 20. Jahrhunderts weder ein bloßer Ableger russischer Modelle war noch außerstande, die nationale Frage sinnvoll zu behandeln.</p>
<p>Heute neigen manche Autorinnen und Autoren dazu, die Begeisterung der ukrainischen Intelligenzija für den Sozialismus jener Zeit herunterzuspielen und sie als kurzlebige Mode, als Phase jugendlicher Rebellion oder als Ausdruck vermeintlicher Naivität und Unerfahrenheit sowohl dieser Persönlichkeiten als auch der ukrainischen Bewegung insgesamt darzustellen. Für Lesja Ukrajinka jedoch waren sozialistische Ideale ein Grundpfeiler der Weltkultur – ein Denkrahmen, durch den die ukrainische Wirklichkeit verstanden und zum Besseren verändert werden konnte. Anders als viele heutige Kommentatorinnen und Kommentatoren stellte sie die nationale Identität nicht in Gegensatz zum Sozialismus – weder zu Drahomanows Variante noch zur breiteren sozialdemokratischen Tradition. Diese beiden Lesja so teuren Ideale gegeneinander auszuspielen und das eine zu fördern, während das andere verschwiegen wird, bedeutet, sich von jenen Morgendämmerungslichtern abzuwenden, die Lesja Ukrajinka und ihre gleichgesinnten Zeitgenossen entzündet haben – im Streben nach sozialer wie auch nationaler Befreiung.</p>
<h3><strong>Quellen</strong></h3>
<ul>
<li>Bernstein, Eduard. (1922). Spomyny pro Mychajla Drahomanowa ta Serhiia Podolynskoho [Erinnerungen an Mychajlo Drahomanow und Serhij Podolynskyj]. In <a href="https://elib.nlu.org.ua/view.html?id=8937">Z pochyniv ukraïnskoho sotsiialistychnoho rukhu. Mychajlo Drahomanow i zhenevskyi sotsiialistychyi hurtok (Aus den Anfängen der ukrainischen sozialistischen Bewegung: Mychajlo Drahomanow und der Genfer sozialistische Kreis)]</a> (S. 154–161). (Ukrainisch)</li>
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</ul>
<p><strong>Mykhailo Liakh</strong>, zurzeit Streitkräfte der Ukraine</p>
<div id="attachment_7715" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7715" class="wp-image-7715 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-300x196.jpg" alt="" width="300" height="196" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-200x130.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-300x196.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-400x261.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-600x391.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-768x501.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-800x522.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1024x668.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1200x782.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1536x1001.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7715" class="wp-caption-text">Mykhailo Liakh. Foto: privat.</p></div>
<p>Mykhailo Liakh trat 2020 in das Promotionsprogramm für Geschichte an <a href="https://www.ukma.edu.ua/eng/">der Nationalen Universität „Kyjiwo-Mohyla-Akademie“</a> ein. Mit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2022 brach er das Studium ab und schloss sich den Streitkräften der Ukraine an. Der Artikel wurde erstmals am 2. März 2021 auf <a href="https://commons.com.ua/ru/mizh-dragomanovim-i-marksom-politichne-zhittya-lesi-ukrayinki/">der Website der Zeitschrift „Spilne / Commons“</a> auf Ukrainisch veröffentlicht. Dort ist auch eine <a href="https://commons.com.ua/en/mizh-dragomanovim-i-marksom-politichne-zhittya-lesi-ukrayinki/">englische Version</a> verfügbar. Übersetzung aus dem Ukrainischen ins Deutsche von <strong>Pavlo Shopin</strong>, Drahomanov Universität Kyjiw.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Dezember 2025. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Polen 2025</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-2025/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 08:55:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen 2025 Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte „Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” (Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023) Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10"><h1></h1>
<h1><strong>Polen 2025</strong></h1>
<h2><strong>Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte</strong></h2>
<p><em>„Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” </em>(Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023)</p>
<p>Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte, Gesellschaft oder Politik beschäftigt, sollte einen Blick in die lange Geschichte des Landes wagen. Der Historiker <a href="https://www.rees.ox.ac.uk/people/dr-jaroslaw-kuisz">Jarosław Kuisz</a> versucht dies in der zitierten Studie in drei Kapiteln, die jeweils unterschiedliche Zeitfenster öffnen. Das erste Fenster öffnet sich im Jahr 2015 mit dem Wahlsieg der PiS, deren Vorsitzender Jarosław Kaczyński damals ankündigte, er und seine Partei bräuchten drei Legislaturperioden, um Polen in ihrem rechts-konservativen Sinne zu verändern. Die dritte Legislaturperiode blieb der PiS zwar vorerst verwehrt, doch die Wahl des von der PiS nominierten neuen Präsidenten Karol Nawrocki im Mai 2025 könnte auf einen neuerlichen Wahlsieg der PiS im November 2027 hindeuten. Das zweite Fenster öffnet sich im Jahr 1989, das dritte über einen Zeitraum von über 150 Jahren, im Grunde sogar noch weiter auf die 123 Jahre, in denen Polen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zwischen drei europäisch-kontinentalen Großmächten aufgeteilt war.</p>
<p>Ein souveräner Staat wurde Polen als Zweite Polnische Republik erst wieder im Jahr 1918. Deren Souveränität konnte Polen im August 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg aufgrund des sogenannten „Wunders an der Weichsel“ verteidigen. Mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt vom 23. August 1939 wurde Polen erneut zwischen zwei Großmächten aufgeteilt: Am 1. September 1939 überfielen Truppen des damaligen Deutschen Reichs Polen, am 17. September 1939 ließ Stalin das damalige Ostpolen besetzen und rückte bis zum Bug vor. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschoben die Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion und USA die polnischen Grenzen dauerhaft nach Westen. Stalin konnte die im September 1939 besetzten Gebiete behalten. Polen erhielt die deutschen Gebiete östlich der sogenannten Oder-Neiße-Linie, die von deutscher Seite erst endgültig mit dem 2+4-Vertrag im Jahr 1990 als polnische Westgrenze anerkannt wurde.</p>
<h3><strong>2025 – ein Schlüsseljahr?</strong></h3>
<p>Ohne Kenntnis der wechselvollen polnischen Geschichte lässt sich der lange Schatten polnischer Vorbehalte gegenüber Deutschland nicht erklären. Jarosław Kuisz spricht psychologisierend von einem <em>„Trauma“</em> (so auch in dem von ihm gemeinsam mit Karolina Wigura geschriebenen Essay <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/posttraumatische-souveraenitaet-t-9783518127834">„Posttraumatische Souveränität“</a>, der 2023 bei Suhrkamp erschien). Die andere Seite ist das deutsche Unverständnis, oft auch gepaart mit Desinteresse am östlichen Nachbarn.</p>
<p>Das Jahr 2025 darf aufgrund der Wahlergebnisse in Polen und in Deutschland durchaus auch als ein Schlüsseljahr bezeichnet werden, nicht unbedingt, weil sich ein seit Jahren langsam abzeichnender negativer Trend in den deutsch-polnischen Beziehungen verstärken könnte, wohl aber weil das Jahr 2025 grundlegende Hinweise gibt, worauf Politiker:innen beider Länder angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen achten müssten, um die Zukunft der Europäischen Union nicht zu gefährden.</p>
<div id="attachment_7631" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7631" class="wp-image-7631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7631" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Polen-Instituts über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die besondere Bedeutung der Entwicklungen im Jahr 2025 belegt das am 18. November 2025 erschienene 25. <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025">Deutsch-Polnische Barometer</a>, nach wie vor die einzige bilaterale Langzeit- und Vergleichsstudie dieser Art (<a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/dr-jacek-kucharczyk">Jacek Kucharczyk</a>, <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/institut/ansprechpartner/dr-agnieszka-lada-konefal">Agnieszka Łada-Konefał</a>, Gemeinsame Herausforderungen, unterschiedliche Sichtweisen, Deutsches Polen-Institut / Instytut Spraw Publicznych, Darmstadt/Warszawa 2025, auf der Internetseite sind auch <a href="https://www.deutsch-polnisches-barometer.de/">vorangegangene Ausgaben</a> verfügbar, auf der Projektseite kann man selbstständig Daten zusammenstellen, analysieren, vergleichen und Trends im Zeitvergleich erforschen).</p>
<p>Ebenso aufschlussreich sind weitere Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts, die wie in den vergangenen Jahren im <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/index.ahtml">Harassowitz Verlag</a> erschienen:</p>
<ul>
<li>Das „Jahrbuch Polen 2025“ des Deutschen Polen-Instituts befasst sich mit dem Thema „Energie“. Gegenstand sind nicht nur die Frage einer nachhaltigen Energiepolitik, die Zukunft von Kohle, Atomkraft und Erneuerbaren, sondern auch gesellschaftliche Energien. Solche gesellschaftlichen Energien spiegeln sich in den jeweiligen Einstellungen gegenüber den Nachbarländern.</li>
</ul>
<ul>
<li>Małgorzata Kopka Piąntek und Agnieszka Łada-Konefał schließen gemeinsam mit fünf weiteren Autor:innen in dem ebenfalls vom Deutschen Polen-Institut herausgegebenen Band „Osteuropakompetenz in Polen – Ressourcen, Institutionen, Tendenzen“ unter anderem an das „Jahrbuch Polen 2023“ an, dessen Rahmenthema „Osten“ war. Sie fragen nach Wissen und Einstellungen in Polen gegenüber den östlichen Nachbarn, die ebenso wie Polen seit 1989 ihre Unabhängigkeit von der zuvor sie beherrschenden Sowjetunion erkämpften.</li>
</ul>
<p>Ergänzend lohnt sich der regelmäßige Blick in die online erscheinenden Polen-Analysen und Podcasts des Deutschen Polen-Instituts.</p>
<p>Hervorzuheben ist schließlich die im Harassowitz-Verlag 2023 und 2025 in zwei Bänden erschienene Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Diese Studie entstand mit Mitteln der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung. Die Autoren analysieren mit den Methoden der Diskurslinguistik und der Wissenssoziologie sieben Medienereignisse, die in Polen und in Deutschland allein schon durch die jeweils gewählte Sprache Gefühle triggerten, die sich durchaus im Sinne der Analyse von Jarosław Kuisz aus lange wirkenden historischen Entwicklungen erklären lassen.</p>
<p>All diese Veröffentlichungen bieten im Jahr 2025 ebenso wie in den vergangenen Jahren eine Fülle von Material, das in Polen und in Deutschland nicht nur wahrgenommen und nach Kenntnisnahme ad acta gelegt, sondern beherzigt werden sollte, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Vielleicht wird es so mit der Zeit möglich, die vielen fatalen Fehlurteile und Fehleinschätzungen aufzulösen. Deutschland und Polen müssen sich als verlässliche Bündnispartner anerkennen, möglichst und weitestgehend im europäischen Kontext, den nicht zuletzt das mit Frankreich gebildete Weimarer Dreieck symbolisieren sollte, dessen wechselvolle Geschichte die Höhen und Tiefen der Beziehungen nicht nur dieser drei Länder spiegelt. Die gemeinsame Zukunft kann nur in einem freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Europa liegen, gerade in einer Zeit, in der in Russland und in den USA autoritäre Tendenzen die Welt in Unglück zu stürzen drohen.</p>
<p>Im ersten Halbjahr 2025 hatte Polen die Präsidentschaft in der Europäischen Union inne. Sie war weitgehend vom Krieg um die Ukraine und von den nach wie vor ungelösten Fragen des Umgangs mit illegaler Migration geprägt. Gegen Ende der polnischen EU-Präsidentschaft wurde in Polen ein neuer Präsident gewählt. Die regierende Koalition unter Führung von Donald Tusk hoffte, dass der von ihr unterstützte Kandidat Rafał Trzaskowski die unter dem von der PiS gestellten Andrzej Duda gepflegten Blockaden beenden könnte. <a href="aender-analysen.de/polen-analysen/351/die-innenpolitische-situation-in-polen-nach-den-praesidentschaftswahlen-2025/">Diese Hoffnung erfüllte sich nicht</a>, weil die rechts von der PiS angesiedelte Konfederacja ein starkes Ergebnis einfuhr und im zweiten Wahlgang den PiS-Kandidaten unterstützte, nicht zuletzt aber auch, weil manche Wähler:innen der Regierungsparteien sich enttäuscht von diesen abwandten. Sie rechneten ihr an, dass sie ihre Wahlversprechen nicht durchsetzte, obwohl dies in fast allen Fällen ausschließlich am Verhalten des Präsidenten lag. Mit einer Ausnahme: In der Frage der Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen versagte einer der Koalitionspartner, der Dritte Weg (Trzecia Droga), die Zustimmung.</p>
<p>Sogenannte <em>„Familienwerte“</em>, zu denen neben der Frage der Schwangerschaftsabbrüche auch die Einstellungen zu LGBTIQ*-Themen zählen, spalten das links-liberale Lager (das in Polen so links nicht ist, sondern weitgehend eher dem Spektrum entspricht, das in Deutschland CDU, CSU, FDP und SPD vertreten). Der Hype der <em>„Familienwerte“</em> ist inzwischen in vielen Ländern nichts Außergewöhnliches mehr. In der Slowakei beispielsweise gelang es dem dortigen Regierungschef Robert Fico im Herbst 2025, die Opposition über das Thema behaupteter <em>„Familienwerte“</em> – Stichwort: es gibt nur zwei Geschlechter – zu spalten und eine letztlich anti-europäisch gedachte Verfassungsänderung durchzusetzen. Martina Winkler sah in diesem Vorgehen ein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a>. Eine entscheidende Rolle spielen in diesem Rahmen immer die Kirchen (in Polen die katholische Kirche, in anderen Ländern evangelikale Kirchen oder die russisch-orthodoxe Kirche). Bei anderen Themen, nicht zuletzt in der Frage der <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/352/migrationspolitik-in-polen-wo-sind-wir-und-wohin-gehen-wir/">Flüchtlingspolitik</a>, gibt es keine großen Unterschiede zwischen den polnischen Parteien. Einigkeit besteht in der Unterstützung der Ukraine ebenso wie in einer weiterhin wachsenden Skepsis gegenüber Geflüchteten, nicht zuletzt gegenüber aus der Ukraine geflohenen Menschen.</p>
<h3><strong>Kernaussagen des deutsch-polnischen Barometers 2025</strong></h3>
<p>Es lohnt sich, alle Verlautbarungen, Kommentare und Veröffentlichungen über polnisch-deutsche Zustände und Entwicklungen mit den Ergebnissen des Deutsch-Polnischen Barometers zu spiegeln. Eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung spielen Parteipräferenzen und Informationsquellen. Selbst die eindeutig pro-europäischen Kräfte in Polen können sich bestimmten Stimmungen nicht verschließen, sodass <em>„die polnische Regierung (…) bei der Zusammenarbeit mit Deutschland im europäischen Kontext sehr vorsichtig ist, um nicht den Unmut des antideutsch eingestellten Teils der Wählerschaft zu wecken, obgleich ihre eigenen Anhänger für antideutsche Narrative nicht besonders empfänglich zu sein scheinen.“</em> Es besteht durchaus die Gefahr einer Selffulfilling Prophecy, sodass sich negative Einstellungen gegenüber dem Nachbarland in Polen verstärken könnten, während auf deutscher Seite weiterhin steigendes Desinteresse vorzuherrschen droht.</p>
<p>Politische Präferenzen und mediale Informationsquellen beeinflussen mehr oder weniger alle Werte. Es gibt ein eindeutiges Rechts-Mitte/Links-Gefälle, ebenso einen deutlichen Unterschied im Hinblick auf den Konsum öffentlicher beziehungsweise sozialer Medien. Wie weit all diese Ergebnisse mit allgemeinen Stimmungslagen zusammenhängen und diese möglicherweise auf Polen beziehungsweise auf Deutschland projiziert werden, wäre eine interessante Frage, der nachzugehen sich mit Sicherheit lohnen würde.</p>
<p>Das deutsch-polnische Barometer dokumentiert einen verschlechterten Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. In der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 in den Räumen des Berliner Tagesspiegel wies Agnieszka Łada-Konefał darauf hin, dass das Deutschlandbild in Polen die schlechtesten, das Polenbild in Deutschland jedoch die besten Werte seit 25 Jahren aufweist. Es gab in der Diskussion zu dieser Vorstellung unterschiedliche Interpretationen. Einerseits ist das polnische Selbstbewusstsein gestiegen, Deutschland ist nicht mehr ein Vorbild wie es das vielleicht einmal war, andererseits spielt die nicht nur gefühlte deutsche Dominanz in Europa eine entscheidende Rolle. Besonders kritisch zu sehen ist die deutsche Weigerung, sich mit dem von Deutschen den Menschen in Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügten Leid ernsthaft auseinanderzusetzen. Die polnische Forderung nach Reparationen, die eine hohe Bedeutung für Wahlerfolge der PiS hat, ist nur ein Zeichen für dieses in Polen empfundene Unbehagen.</p>
<p>Nur noch 32 Prozent der Pol:innen hegen Sympathie für Deutsche. Dies ist gegenüber einem mehrjährigen Aufwärtstrend ein starker Rückgang. Etwa 25 Prozent hegen sogar ausgesprochene Abneigungen. Diese Werte korrelieren mit der politischen Einstellung: Anhänger:innen der PiS (Prawo i Sprawiedliwość), der Konfederacja (Konfederacja Wolność i Niepodległość) und der Partei Krone (Konfederacja Korony Polskiej) haben häufiger Vorbehalte gegenüber Deutschland als Angehörige der Regierungsparteien. Ein Vergleich mit der Bewertung anderer Länder ordnet dies ein. Abgesehen von <em>„Türken“</em>, die auch synonym mit der Religion des Islam gewertet werden können, werden die beiden Nachbarländer Deutschland und Ukraine am schlechtesten bewertet. <em>„Die Zuneigung der Polen zu den Deutschen ist damit deutlich geringer als zu den Tschechen (55 %), Briten (50 %), Amerikanern (48 %) oder Franzosen (43 %). Dagegen übersteigt sie den Prozentsatz der Wohlgesinnten gegenüber Ukrainern (22 %) und Türken (21 %).“</em></p>
<p>Die Akzeptanzwerte für Menschen aus dem Nachbarland sind in Deutschland deutlich besser als in Polen. Sie <em>„stieg im Vergleich zur Umfrage von 2022 um mehrere Prozentpunkte und ist somit die höchste seit Beginn unserer Untersuchung.“</em> Die Sympathiewerte sind in Deutschland mit etwa 42 Prozent stabil, die Abneigung sank deutlich auf neun Prozent. Diese Werte könnten jedoch auch als Zeichen eines wachsenden Desinteresses gedeutet werden, je weiter Polen entfernt zu sein scheint. Höhere Sympathiewerte gibt es interessanterweise in Grenzregionen. <em>„Noch überraschender ist, dass die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) (55 %) sowie der Freien Demokratischen Partei (FDP) (61 %) häufiger Sympathien für die Polen äußern als die Wähler von anderen Parteien.“</em></p>
<p>Interessant ist auch der Vergleich mit den Einstellungen zu Russland: <em>„In den neuen Bundesländern ist die Sympathie für die Russen doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern (30 % zu 15 %), und auffallend hoch auch bei den Anhängern der AfD (38 %) und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) (27 %). Befragte, die einen Migrationshintergrund angeben, sympathisieren ebenfalls häufiger mit den Russen (26 %) als Befragte ohne Migrationshintergrund (15 %). Eine ähnliche Tendenz bezüglich der Sympathie ist im Verhältnis zu den Türken zu beobachten, während dies bei den Ukrainern nicht der Fall ist.“ </em>Das eher positive Verhältnis zu Russen und das eher negative Verhältnis zu Ukrainern dürfte miteinander korrelieren. Schwer erklärbar ist vielleicht die Sympathie für Türken (wer wird überhaupt als Türke wahrgenommen?), die möglicherweise mit der Einschätzung Erdoğans und mit geteilten sogenannten <em>„Familienwerten“</em> (nur zwei Geschlechter, gegen Schwangerschaftsabbrüche, Familienarbeit als Aufgabe der Frauen) zusammenhängen könnten.</p>
<p>Die Beziehungen der beiden Länder zueinander bewertet etwa die Hälfte der befragten Pol:innen und Deutschen als gut, doch ist auch dies ein deutlicher Rückgang gegenüber 2024. Etwa ein Drittel der befragten Pol:innen sieht die deutsche Europapolitik positiv, etwa die gleiche Zahl betrachtet Deutschland als Ursache von Problemen und Konflikten. Von deutscher Seite liegen positive und negative Bewertungen Polens etwa auf derselben Höhe. Interessant ist die unterschiedliche Bewertung der USA nach der Wiederwahl Trumps. Während etwa zwei Drittel der Deutschen eine Verschlechterung für ihr Land erwarten und nur ein Viertel sich hoffnungsvoll oder neutral äußert, erwarten nur etwa 35 % der Pol:innen eine Verschlechterung für ihr Land, während immerhin 46 % die weiteren Entwicklungen hoffnungsvoll oder neutral bewerten.</p>
<p>Die im Jahr 2025 eingeführten Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen werden in beiden Ländern mehrheitlich positiv bewertet.</p>
<h3><strong>Polnische Energiewenden und das Jevons-Paradoxon</strong></h3>
<div id="attachment_7632" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Jahrbuch_Polen_36_%282025%29/title_8456.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7632" class="wp-image-7632 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-200x274.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-400x548.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-600x822.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-747x1024.jpg 747w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-768x1053.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-800x1097.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz.jpg 1063w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7632" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das „Jahrbuch Polen 2025“ enthält eine kurze Einführung von Andrzej Kaluza und Julia Röttjer mit dem provokanten Titel „Mehr als nur der Strom aus der Steckdose“. Es folgen in einem ersten Teil sieben Beiträge, darunter zwei Interviews, unter der Überschrift „Der polnische Energiemix“. Der zweite Teil enthält vier Beiträge zum Thema „Politik &amp; Gesellschaft“. Den Band illustrieren zahlreiche Tabellen und Auszüge aus Originaldokumenten und Statements verschiedener Akteure. Die Umschlaggestaltung übernahm <a href="http://www.lexdrewinski.com/bio.html">Lex Drewinski</a>, der viele Jahre im Bereich Grafikdesign an der Fachhochschule Potsdam und an der Kunstakademie in Szczecin lehrte.</p>
<p>Der Beitrag von Wojciech Jakóbik zur Transformation in der polnischen Energiewirtschaft (<a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/346/polen-energiewirtschaft-transformation/">der Beitrag erschien auch in den Polen-Analysen</a>) enthält einen Satz, dessen Inhalt auch die weiteren Beiträge programmatisch durchzieht, aber andererseits auch immer wieder angesichts diverser Positionierungen der Parteien in Frage gestellt wird: <em>„Die Energiewende Polens ist eine Tatsache.“ </em>Die Grundlagen der Debatten in Deutschland und in Polen ähneln einander, allerdings lohnt sich die Lektüre des Buches vor allem deshalb, weil es belegt, dass offenbar so mancher EU-Staat versucht, das Energieproblem für sich selbst und unabhängig von anderen zu lösen, so eben auch Polen und Deutschland, vielleicht nicht so extrem wie Ungarn oder die Slowakei mit ihrer Konzentration auf russisches Gas.</p>
<p>Zu den im Buch dokumentierten Tabellen gehört beispielsweise eine über die Länder der Europäischen Union mit den höchsten Strompreisen im Jahr 2024. Am teuersten ist Strom in Deutschland, mit 39,5 Cent pro Kilowattstunde fast doppelt so teuer wie in Polen (21,1 Cent). Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in Polen keine Debatte über Strompreise gäbe. Donald Tusk spricht von einem <em>„Dilemma“</em>: <em>„Wir wollen billige Energie, wir wollen mit dem Rest der Welt konkurrieren, wir wollen eine wirklich wettbewerbsfähige Wirtschaft haben. Wir wollen, dass sich die Menschen auch in Polen über die Energiepreise sicher fühlen.“</em> Gefordert und debattiert werden unter anderem auch Technologien, deren <em>„praktische Umsetzung noch in weiter Ferne scheint oder die heute noch völlig hypothetisch sind“</em>. Interessant ist die von Kacper Szulecki zitierte <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959378015000758">Studie von Bruce Tranter und Kate Booth</a>, <em>„dass der sogenannte ‚Techno-Optimismus‘, also der Glaube an die Lösung von Umweltproblemen primär durch Fortschritt und Wissenschaft, in der Regel mit einem geringeren Umweltbewusstsein einhergeht.“</em></p>
<p>Nachhaltige Entwicklung ist in der polnischen Gesetzgebung – so Kacper Szulecki – verankert, aber dennoch bremst der Staat immer wieder, sodass sich inzwischen auch eine Art <em>„Klimafatalismus“</em> verbreitet habe, für den die <em>„Gemengelage zwischen Regierung und Wirtschaft“</em> die Verantwortung trage. Die Energiekonzerne hatten beispielsweise die drei in Polen stattfinden Weltklimagipfel (2008 in Posen, 2013 in Warschau, 2018 in Kattowitz) gesponsert. Ewelina Kochanek konstatiert: <em>„Polen besitzt seit vielen Jahren keine durchdachte und inhaltlich gefestigte Energiestrategie, die eine auf Jahrzehnte gerichtete Perspektive einnimmt.“</em> Dies gelte auch für das zentrale Dokument zur <em>„Energiepolitik Polens bis zum Jahr 2040“</em>. Man befindet sich aber wohl in guter Gesellschaft. Ewelina Kochanek beschreibt, dass die deutsche Energiewende einerseits in ihren ursprünglichen Zielen bewundert wurde, doch mit der Zeit die deutsche Wankelmütigkeit zunehmend irritiert. Deutschland trug in der EU zu einer Energiewende als <em>„Basis des Europäischen Grünen Deals“</em> bei, vertrat aber schließlich auch die Anrechnung der Kernenergie als umweltschonende Energie<em>. „Das am häufigsten kritisierte Element der Energiewende sind die hohen Kosten der Transformation“</em>, in Polen wie in Deutschland.</p>
<p>Kernenergie war und ist in Polen ein Thema, das mal mehr, mal weniger konfliktträchtig zu sein scheint, durchaus ähnlich wie in den Debatten in Deutschland, auch wenn es in Polen jeweils immer nur um ein einziges Kernkraftwerk ging, die Zahl der Kernkraftwerke in Deutschland bis zur Stilllegung der letzten Meiler im Frühjahr 2023 jedoch deutlich höher war. Ursprünglich gab es in Polen Planungen für ein Kernkraftwerk in Źarnowiec, dessen Geschichte Piotr Wróblewski ausführlich beschreibt. Er spricht vom <em>„Traum von einem polnischen Atomkraftwerk“ </em>als Symbol für Fortschritt und Unabhängigkeit. Allerdings gab es auch in Polen große Demonstrationen gegen die Planungen. Gegen Źarnowiec opponierte auch die oberschlesische Kohlelobby. Der Staat profitierte vom Kriegsrecht 1981, als man Gegner einfach verhaften ließ. 1990 wurden die Planungen für Źarnowiec aufgegeben, das polnische Kernenergieprogramm wurde 2009 neugestartet, es gab einen neuerlichen Zwischenstopp nach der Katastrophe von Fukushima, doch inzwischen gibt es in der Bevölkerung nach Umfragen wieder eine relativ hohe Zustimmung zur Kernenergie. Zurzeit gibt es Planungen für ein Kernkraftwerk an der Ostsee in Liubatowo-Kopalino, das 2036 (beziehungsweise angesichts vorhersehbarer Verzögerungen 2040) fertiggestellt werden soll. Die PiS unterstützte dieses Vorhaben als Regierungspartei zunächst nicht, denn sie befürchtete, die Kernenergie werde die Kohle als Energieträger verschwinden lassen. Das hat sich inzwischen geändert. Im Parlament schließen inzwischen weder die Linke (Lewica), die auf Erneuerbare setzt, noch die PiS mit ihrer Sympathie für die Kohle den Bau des Kernkraftwerks aus.</p>
<p><em>„Tschernobyl ist lange her“</em>, konstatiert Agnieszka Hreczuk. Auch Fukushima! Agnieszka Hreczuk betont aber auch die hohe Naivität in Bevölkerung und Politik. Es gebe keinerlei Bewusstsein für Kosten und Dauer, sodass das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nur rhetorisch auflösbar zu sein scheint. Es bleibt wie es ist: Michał Hetmański, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der <a href="https://instrat.pl/en/about-instrat/">Instrat-Stiftung</a>, kommentiert dies in seinem Gespräch mit Krzysztof Story mit dem lapidaren Satz: <em>„Wir leben in einer Welt, in der ‚schmutziger‘ Strom auch teurer Strom ist.“ </em></p>
<p>Das <em>„Dilemma“</em> der Energiepolitik analysieren Michał Orszewski, Chefredakteur der Krakauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza, und der Bauingenieur und Umweltjournalist Piotr Sergej anhand des Buches „The Coal Question“ von William Stanley Jevons (1835-1882, es gibt eine Neuauflage des Buches aus dem Jahr 2017 über die CreateSpace Independent Publishing Platform). Der Titel ihres Beitrags: „Das Jevons-Paradoxon – Von der Vergeblichkeit des Energiesparens“. Jevons <em>„fand heraus, dass die Erfindung effizienterer Dampfmaschinen nicht zu einer Verringerung des Kohleverbrauchs in Großbritannien geführt hatte. Ganz im Gegenteil: James Watts sparsamerer Dampfmaschinentyp wurde so populär, dass es binnen kurzem zu einer erhöhten Nachfrage nach Kohle in den Bergwerken kam.“</em> Dieses Paradox wirke auch in der <em>„Geschichte des Automobilwesens“</em>. Steigende Benzinpreise führen zu einer Nachfrage nach sparsameren Autos. Werden sparsamere Autos gebaut, sinken die Preise zunächst, es werden größere und schwerere Autos gebaut und die Wirkung der Energieeinsparung verpufft. Dies ließe sich auch auf die Förderung der E-Mobilität übertragen. Sogenannte „Verbrenner“ werden mit der Zeit verschwinden, die mit der E-Mobilität verbundenen Strombedarfe werden jedoch steigen. Orszewski und Sergej formulieren ein beunruhigendes Fazit: <em>„Unser Planet kann sich zweifellos keine globale Mittelschicht leisten. Die Mittelschicht ist in ihrer Masse energieintensiv und pflegt eine Reihe kostspieliger Gewohnheiten, die mit einem schonenden Umgang mit Energie nichts gemein haben: großzügige Einfamilienhäuser in den Vorstädten, möglichst zwei Autos davor, Urlaub in wärmeren Gefilden, Skifahren, Mobilität.“</em> Anders gesagt: Solange niemand den Mut hat, eine Energiewende zu fördern, die auch Verzicht – eigentlich eine klassische konservative Eigenschaft – fordert, wird das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nicht auflösbar sein, weder in Polen noch in Deutschland noch in der EU.</p>
<h3><strong>Identitäten, Mythen, Ressentiments </strong></h3>
<p>Der zweite Teil des „Jahrbuchs Polen 2025“ befasst sich mit <em>„gesellschaftlichen Energien“.</em> Dazu gehören auch skurrile Phänomene wie Para-Religion und Esoterik, mit denen sich Olga Drenda befasst. Sie konstatiert die hohe <em>„Popularität esoterischer Publikationen“</em>, nennt vier <em>„Orte geheimer Energie in Polen“</em>, die in frühe Vorzeiten zurückwiesen, aber auch etwas mit Hippie-Bewegungen, Panslawismus und Katholizismus zu tun haben. Es gibt synkretistische Elemente wie Verbindungen zu Hindu-, Germanen- oder Slawen-Mythen, Wunderheilungen und kosmischen Strahlungen, letztlich polnische Varianten der New-Age-Bewegungen, die wir in aller Welt finden. Dies mag vielleicht ein Nebenschauplatz sein, doch könnte es auch mit der Sympathie mancher Parteien mit fundamentalistischen Spielarten einer Religion korrelieren. Die polnische Partei Krone vertritt einen theokratischen Staat, in dem Jesus Christus König ist. In den USA gibt es im Integralismus katholischer Politiker (zu denen der Vizepräsident und der Außenminister gehören) sowie einigen evangelikalen Bewegungen ähnliche Vorstellungen. Es würde sich auch lohnen, Parallelen zum Iran und zu einigen radikal sunnitischen Bewegungen oder auch die Vorstellungen radikaler israelischer Parteien zu untersuchen. Theokratische Politik scheint weltweit attraktiv zu werden.</p>
<p>Zofia Oslislo-Piekarska befasst sich mit dem Thema „Die Vergangenheit erschürfen – Steinkohle als Identitätsstiftung“, vor allem in Oberschlesien. Dies war auch schon Thema im Jahrbuch 2021. Der Journalist Józef Krzyk schrieb über den <em>„Abschied von der Kohle“</em>; der sich für manche <em>„wie das Ende der Welt“</em> anfühlte. In Zabrze gibt es ein Kohlebergbaumuseum und die Guido-Grube, <em>„die europaweit längste unterirdische touristische Route“</em>. Im Jahrbuch 2025 können wir eine Fotostrecke mit Produkten aus Kohle der Firma Brokat bewundern: <em>„</em><a href="https://pracowniabrokat.pl/sklep-kolekcja/klasyczna/"><em>Schmuck aus Kohle</em></a><em> – das war der Hit! Handlich und dazu noch ein ausgesprochen oberschlesisches Geschenk.“</em> Die Bergbaukultur – so Zofia Oslislo-Piekarska – findet sich wieder <em>„auf der Ebene der Identität.“</em> Sie referiert mehrere literarische und literaturwissenschaftliche Autor:innen, auch Filmschaffende, die die <em>„Entstehung der oberschlesischen Mythologie“</em> erfassen: <em>„Die Identität ist zu einer Frage der persönlichen Entscheidung geworden, was die Menschen ermutigt hat, ihre Wurzeln zu erforschen und eine Verbindung zu ihrem Heimatort aufzubauen.“</em> Die heute mögliche Mobilität, weite Reisen und Wohnortwechsel <em>„bewirken oft eine Reflexion über die eigene Identität und lösen den Wunsch aus, in den ‚eigenen‘ Raum zurückzukehren, der oft auch ein mythischer ist.“</em> Dies betrifft eben auch die nach wie vor gegebene Wertschätzung des Berufs des Bergmanns und der Bergbaukultur, ein Phänomen, das im Ruhrgebiet und in der Lausitz nicht unbekannt sein dürfte.</p>
<p>Eine andere Variante gesellschaftlicher Energien, die sich vielleicht am besten mit dem Begriff des Ressentiments beschreiben lassen, dokumentiert Philipp Fritz, Auslandskorrespondent der WELT und der einzige deutsche Autor im Jahrbuch. Er beginnt mit dem Motto <em>„TKM“</em>, kurz für <em>„teraz, kurwa, my“</em>, deutsch etwa <em>„Jetzt, verdammt noch mal, sind wir dran“</em>. In Polen grassiert offensichtlich ständig das Gefühl, andere, nicht zuletzt Deutschland, aber auch Großbritannien, die Niederlande, Österreich, <em>„überholen“</em>, <em>„jagen“</em> (<em>„gonić“</em>) zu müssen, eine Wortwahl, die es auch in anderen Ländern gibt und die auf einen aggressiveren politischen Stil verweist. Damit einher geht ein gewandeltes Bild von Deutschland, das polnischen Erfolg verspricht: <em>„Ambitionslosigkeit, Misserfolg und eine verfehlte Russlandpolitik stehen heute für Deutschland, so, wie die Begriffe „Exportweltmeister‘ und ‚Ordnung‘“</em>. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis der frühen 1990er Jahre habe sich verkehrt, nicht nur bei der PiS, die sich in ihren Wahlkämpfen regelmäßig mit ausgesprochen deutschkritischen bis deutschfeindlichen Parolen profiliert. <em>„Das spielt Europa feindlich gesinnten Akteuren in die Hände. Diese Wahrnehmung deutscher Fehler oder Lebenslügen – es lässt sich nicht oft genug sagen – ist nicht an die PiS oder die (…) Bürgerkoalition (…) von Tusk gebunden. Sie hat sich parteiübergreifend durchgesetzt.“</em> Dies bestätigt auch das deutsch-polnische Barometer 2025. Die positiven Bewertungen der deutschen Europapolitik haben sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. Sie sanken von 62 Prozent auf 32 Prozent. Auf deutscher Seite ist die Zahl derjenigen, die sich kein Urteil zur polnischen Europapolitik erlauben möchten, deutlich gestiegen und <em>„größer als die der positiven und negativen Meinungen zur polnischen Europapolitik.“</em> Gleichgültige Deutsche stehen sich radikalisierenden Pol:innen gegenüber?</p>
<p>Versöhnlich wirkt im zweiten Teil des Jahrbuchs 2025 der Beitrag des DJ Piotr Mulawka über „Kraftwerk &amp; Co – Die deutsche elektronische Musik und ihr Einfluss auf Polen.“ Der Beitrag stellt auch polnische Musiker:innen und Musikfestivals vor, die es wert wären, in Deutschland und anderswo rezipiert zu werden, ähnlich wie in es bereits in den 1970er Jahren polnischen Jazzmusiker:innen gelang.</p>
<h3><strong>Emotionen, Appelle, Triggerpunkte</strong></h3>
<div id="attachment_7633" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_I/title_7338.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7633" class="wp-image-7633 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7633" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die im „Jahrbuch Polen 2025“ beschriebenen Energiewendedebatten unterscheiden sich in Polen und in Deutschland nur graduell. In anderen Debatten ist es komplizierter. Dies dokumentiert die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szeczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Der erste Band präsentiert Theorie und Methode und das Medienereignis Nordstream, der zweite Band dokumentiert sechs weitere Ereignisse, die in der polnischen und in der deutschen Presse unterschiedlich thematisiert wurden. Es handelt sich um die deutsche Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ und die darin erkennbare Auffassung von Geschichte, das Thema LGBTQ*, die Frage von Reparationszahlungen Deutschlands an Polen für das im Zweiten Weltkrieg verursachte Leid, der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Auschwitz, die Flüchtlingspolitik und die polnische Rechtsstaatlichkeit.</p>
<p>Im Grunde weisen all diese Debatten auf etwas hin, das Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser in ihrer Studie über die deutsche Gegenwartsgesellschaft <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848"><em>„Triggerpunkte“</em></a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) nannten. Innenpolitische Konflikte lassen sich zwar mitunter in Diskussionsrunden wie sie Mau, Lux und Westheuser zu Forschungszwecken einrichteten ebenso entschärfen wie über <a href="https://dev.mehrdemokratie.de/">Bürgerräte</a> in politischen Prozessen. Im außenpolitischen Rahmen ist dies erheblich schwieriger. Hier spielen Mentalitäten und Einstellungen eine Rolle, die sich nicht so einfach miteinander versöhnen lassen, nicht zuletzt weil man im Allgemeinen einfach zu wenig über das jeweilig andere Land weiß oder auch gar nichts wissen will und daher nicht versteht, was andere umtreibt: <em>„Die Deutschen tun sich schwer damit, die Geschichte der Völker Mittel- und Osteuropas nachzuempfinden und damit auch ihre heutige Befindlichkeit zu verstehen.“</em>.</p>
<p>Es war das Ziel der Studie, <em>„aufzuzeigen, wie Affekte als Zeichenkomplexe und affektive Praktiken in medialen Diskursen in Deutschland und Polen konstruiert werden.“</em> Die Analyse befasst sich mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in einem Beitrag auch mit Titelseiten von Magazinen, die <em>„als Instrumente der Gruppenkonstruktion bzw. -integration“</em> verwendet werden, beispielsweise wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel in Fotomontagen PiS-naher polnischer Zeitungen und Zeitschriften in Posen gezeigt wird, mit denen ihre Politik in die Nähe der NS-Politik gerückt werden soll. In einem Bild ist sie beispielsweise in der Haltung zu sehen, in der Hitler sich mit Mussolini über eine Karte beugte. (Ähnliche Bilder, zum Beispiel Angela Merkel in SS-Uniform, waren auch in den Medien anderer Länder, beispielsweise in Griechenland während der EURO-Krise, zu sehen). Deutschland eignet sich aufgrund der beiden von ihm verursachten Weltkriege immer noch als geeignetes Feindbild, auch dies ein Beispiel für die Dauer und Übertragbarkeit einmal entstandener Vorbehalte.</p>
<p>Im Falle des Streits um die Ostseepipeline Nordstream war vom <em>„Pakt-Putin-Schröder“</em> die Rede. In den polnischen Medien wurde die dubiose Rolle des ehemaligen Stasi-Mitarbeiters Matthias Warnig bei den Verhandlungen zwischen Deutschland und Russland über die Pipeline hervorgehoben. So erschien <em>„Deutschland als Verbündeter Russlands und seiner Gaspolitik.“</em> Die Rede war auch davon, dass Nordstream eben nicht – wie Angela Merkel stets betonte und sogar kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 auch noch Olaf Scholz – ein <em>„rein wirtschaftliches Projekt war“.</em> Es handele sich aus polnischer Sicht um <em>„Trojanisches Gas“</em>. Das Vorgehen Deutschlands und Russlands bestätigte – so die Kommentare in polnischen Medien – den <em>„Topos des Deutschen als ewigen Feindes“</em> und von <em>„Polen als Opfer der deutsch-russischen Komplizenschaft“</em>. Die Studie fasst die <em>„agonalen Punkte“</em> (beziehungsweise <em>„Triggerpunkte“</em> im Sinne der Studie von Steffen Mau) wie folgt zusammen: Polen wurde bei den Verhandlungen und Entscheidungsprozessen übergangen, die polnischen Interessen wurde ignoriert, sodass Nordstream zu einer Gefahr nicht nur für die europäische Energiepolitik, sondern letztlich zu einer Gefahr für die Sicherheit Polens geworden ist. Ausführlich hat die historischen Kontexte Martin Schulze Wessel in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-fluch-imperiums/product/34659704">„Der Fluch des Imperiums“</a> (München, C.H. Beck, 2023) analysiert. Polen musste sich in seiner Geschichte immer wieder – wie auch die baltischen Staaten oder die Ukraine – zwischen den Ansprüchen und Bedrohungen durch die jeweiligen deutschen und russischen Staaten orientieren. Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ belegt, wie sich dies in den verschiedenen Debatten der vergangenen zwei Jahrzehnte immer wieder aufs Neue bestätigt.</p>
<h3><strong>Monologische Ressentiments</strong></h3>
<div id="attachment_7634" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_2/title_7463.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7634" class="wp-image-7634 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7634" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Studie listet sogenannte <em>„Stigmawörter“</em> ebenso wie bestimmte <em>„Phrasen“</em> und Kombinationen von Wörtern oder Sätzen, die Emotionen triggern sollen, mit denen die eigene Identität gestärkt werden soll, denn kaum etwas einigt mehr als ein gemeinsames Feindbild. Dazu eignet sich Deutschland aufgrund der langen Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ebenso wie Russland als Nachfolger der Sowjetunion. Polen ist das in seiner Souveränität bedrohte und verfolgte Land schlechthin. Der lange Schatten der deutsch-polnisch-russischen Beziehungen wird immer deutlicher sichtbar, etwa nach dem Motto, es war immer so und wird auch immer so sein: <em>„Historische Vergleiche beziehen sich in erster Linie auf das im polnischen historischen und politischen Denken präsente Erfahrungsmuster des ‚Geopolitischen Fluchs‘.“</em></p>
<p>Durchweg werden in Polen Beiträge emotionaler gestaltet als in Deutschland, wo die Zeitungen und Zeitschriften sprachlich zumindest den Anschein von Objektivität wahren möchten. Aber in beiden Fällen gilt, das in Diskursen nicht nur <em>„Wissen“</em>, sondern auch <em>„Macht“</em> produziert wird. So könne vor allem bei dem Streit um die Rechtsstaatlichkeit in Polen <em>„von einem diskursiven Krieg gesprochen werden“</em>, denn in diesem Diskurs <em>„wird wie in keinem anderen der untersuchten Diskurse das Ringen um Geltungsansprüche und Machtverhältnisse so erkennbar.“</em> Die in den verschiedenen Kontexten provozierten Emotionen sind vielfältig: Angst, Ärger, Ekel, Empörung, Enttäuschung, Scham, Überraschung, Verachtung, Wut und Zorn. <em>„Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass unter Affekt bzw. Emotion in der vorliegenden Studie nicht der Ausdruck subjektiven Erlebens oder ein angeborener Verhaltensmechanismus verstanden wird, sondern ein diskursives Konstrukt, das seine jeweilige spezifische Realisierung in einer konkreten sozialen Praxis erfährt und dem eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben werden kann.“</em></p>
<p>Auf deutscher Seite sah dies anders aus. Die deutschen Medien pflegten eine betont sachlichen Ton und kritisierten durchweg die hohe Emotionalität der polnischen Medien. Sie schafften es auf diese Art und Weise, die polnischen Interessen im Polen-Bild ihrer Leser:innen zu delegitimieren. <em>„Während die polnischen Medien eine starke Affinität zur Emotionalisierung von Inhalten aufweisen, bleibt der deutsche Pressediskurs eher emotionsneutral und sachorientiert, was nicht zuletzt auf tief verwurzelte Unterschiede in den medialen Kulturen der beiden Länder hindeutet.“ </em>Im deutschen Journalismus gelten <em>„Emotionen als potenzieller Störfaktor“</em>.</p>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ konstatiert <em>„nationale Monologe“</em> in Deutschland und in Polen. Dies gilt nicht nur für die Nordstream-Debatte, sondern auch für die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der deutschen TV-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“, die in Polen als <em>„Geschichtsfälschung“</em> und Versuch der <em>„Relativierung der Schuld und der Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg“</em> wahrgenommen wurde. Die Frage der Reparationen, die die PiS in ihren Wahlkämpfen immer wieder auf die Tagesordnung stellt, lässt jedoch auch die deutsche Seite nicht kalt: <em>„Im Diskurs um Kriegsreparationen dominieren auf deutscher Seite Emotionen wie ANGST vor neuen Konflikten und die Abwehr gegen Forderungen, während auf polnischer Seite verstärkt die EMPÖRUNG über das Ausblieben materieller Wiedergutmachtung und ENTTÄUSCHUNG über rein symbolische Gesten vorherrschen.“ </em>Ein Thema war in Polen auch eine angenommene Benachteiligung Polens gegenüber Frankreich und den Juden. Die Deutschen – so wird in polnischen Medien immer wieder angedeutet – versuchen sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, beispielsweise durch <em>„sprachliche Entnationalisierung“</em>, indem sie nicht die Deutschen als Täter benennen, sondern die <em>„Nazis“</em>, als handele es sich bei diesen um eine von den Deutschen unabhängig zu denkende Gruppe. Der Besuch Angela Merkel in Auschwitz wurde <em>„als Gelegenheit genutzt, um tief verankerte Fragen nach Schuld und der Verantwortung Deutschlands für die NS-Verbrechen zu thematisieren.“</em> In diesem Kontext hätte die deutsche Seite eigentlich verstehen müssen, welche Erinnerungen die <a href="https://www.polish-online.com/atelier-polen/barack-obama-verargert-die-polen/">Bemerkung Barack Obamas anlässlich einer Ehrung des polnischen Widerstandskämpfers Jan Karski von den <em>„polnischen Konzentrationslagern“</em></a> wecken musste. Immerhin entschuldigte sich das Weiße Haus. <em> </em></p>
<p>Auch hier lohnt sich eine Spiegelung der Ergebnisse der Studie durch die Ergebnisse des deutsch-polnischen Barometers 2025: <em>„Während die große Mehrheit der Deutschen der Meinung ist, dass aktuelle und künftige Themen im Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen stehen sollten (70 %), wird diese Ansicht von weniger als jedem zweiten Befragten in Polen geteilt (48 %). Entsprechend verweisen doppelt so viele Polen (34 %) wie Deutsche (16 %) auf den Vorrang der Aufarbeitung der Vergangenheit.“ </em>Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Einstellungen von Seiten der Anhänger:innen der polnischen Regierungsparteien beziehungsweise der PiS, der Konfederacja und der Partei Krone sowie je nach Medienkonsum. Eher rechts orientierte Menschen legen mehr Wert auf die Aufarbeitung der Vergangenheit als auf die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, eher liberal oder links eingestellte Menschen sehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen bedeutend. Männer sowie Menschen mit niedrigerem Bildungsstand halten es ebenfalls für wichtiger, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der Forderung, man müsse sich mehr mit der polnischen Vergangenheit beschäftigen als mit Gegenwart und Zukunft, und der Abneigung gegenüber Deutschen. In diesem Kontext sind auch die Forderungen nach Reparationen zu bewerten.</p>
<p>Ein Unbehagen an mangelnder Bereitschaft und mangelndem Interesse von deutscher Seite für die polnische Geschichte und nicht zuletzt für das von Deutschen verursachte Leid ist in Polen durchweg festzustellen. Gelegentliche Statements des Bundespräsidenten oder vereinzelte Besuche deutscher Spitzenpolitiker:innen an in Polen gelegenen Gedenkstätten der NS-Verbrechen reichen nicht aus. Der Geschichtsunterricht in deutschen Schulen wäre ein eigenes Thema. Sollte die AfD irgendwann einmal Einfluss auf Lehrpläne und Schulbücher erhalten, dürften die von Deutschen an den Menschen in Polen verübten Verbrechen einen noch geringeren Stellenwert erhalten als dies ohnehin schon der Fall ist. Nicht nur unter AfD-Anhänger:innen gilt in Deutschland auch hier die Forderung nach dem so oft zitierten <em>„Schlussstrich“</em>.</p>
<h3><strong>Polen zwischen Deutschland und Russland</strong></h3>
<div id="attachment_7635" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Osteuropakompetenz_in_Polen/title_8462.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7635" class="wp-image-7635 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7635" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von <a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/malgorzata-kopka-piatek-kopka-piatek">Małgorzata Kopka Piąntek</a> und Agnieszka Łada-Konefał herausgegebene Band „Osteuropakompetenz in Polen“ untersucht die Folgen der wechselvollen Geschichte Polens anhand der Arbeiten polnischer Denkfabriken (Agata Włodkowska), Universitäten und Hochschulen (Małgorzata Nocuń), der Bedeutung des Russischunterrichts in Polen (Elźbieta Źak), den polnischen Medien (Agnieszka Lichnerowicz), dem Verhältnis zu Migration und Minderheiten (Magdalena Lachowicz). Piotr Pogorzelski verfasste einen übergreifenden Beitrag: „Die Kultur Osteuropas in Polen – Präsent, aber nur marginal“: <em>„Eingangs sei demnach klargestellt: Die Polen wissen insgesamt wenig über die Kultur ihrer Nachbarn, egal, ob über Tschechen, Litauer oder Deutsche.“ </em>(Dies ließe sich sicherlich auch über die Deutschen und Russen und so manch andere Länder sagen, im Grunde ein europäisches Phänomen, das sich von Land zu Land unterscheidet, weil es letztlich immer irgendwo ein reaktivierbares Feindbild gibt.) Die beiden Herausgeberinnen stellen fest: <em>„Abgesehen von der Sicherheitsfrage ist der Osten das einzige Thema, das die polnische Gesellschaft, die politische Klasse und Fachleute im Allgemeinen nicht polarisiert.“ </em>Nicht zuletzt angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022.</p>
<p>Gegenüber den östlichen Nachbarn sei in Polen ein <em>„kolonialer Blick“ </em>feststellbar. <em>„Man könnte sogar die These wagen, dass sie auf diese Weise den durch westliche Partner hervorgerufenen Minderwertigkeitskomplex reflexartig abreagieren. Eine solche Haltung spiegelt sich gleichfalls in den Aktivitäten einiger Wissenschaftler und anderer Fachleute wider.“ </em>Die Sorge um Angriffe Russlands auf Staaten der EU und der NATO hat allerdings noch ein weiteres Element: die Sorge, dass nach Ende des Krieges <em>„Deutschland gegenüber Russland früher oder später zum business as usual zurückkehren wird.“</em> Die Sorge ist nicht grundlos, denn immerhin haben Parteien, die die Westbindung Deutschlands grundsätzlich in Frage stellen, bei den letzten Wahlen zum Deutschen Bundestag etwa ein Viertel der Stimmen erreicht, und einige führende Politiker:innen, vor allem aus den östlichen Bundesländern, werden nicht müde, eine solche Re-Normalisierung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Russland einzufordern. Insofern ist es realistisch – so Agata Włodkowska in ihrem Beitrag, <em>„dass die nächste große Debatte über die Ost-West-Beziehung nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges stattfinden wird.“ </em></p>
<p>Ein besonders kritisches Thema ist die Frage der Migration. Polen verfolgt einen ausgesprochen restriktiven Kurs, nicht zuletzt aufgrund der Praxis Russlands und von Belarus, Geflüchtete über die polnische Ostgrenze in die EU zu schleusen, um die dortigen Stimmungen in der Bevölkerung zu beeinflussen, eine Praxis, unter der auch Finnland und die baltischen Staaten leiden. Auf der anderen Seite – dies berichtet Magdalena Lachowicz – gibt es in Polen für die ukrainische und belarusische Diaspora ein großes Netzwerk an Unterstützungsorganisationen. Im Jahr 2024 wurde ein <em>„Institut für die sprachliche Vielfalt der Republik Polen“</em> gegründet.</p>
<p>Zu den kritischen Punkten gehört auch die Frage nach den sogenannten Lehren aus der Geschichte. Die beiden Herausgeberinnen vermerken, dass der Beitritt Polens und anderer Länder des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs zur NATO im Jahr 1999 und zur Europäischen Union im Jahr 2004 möglicherweise nicht bewirkt habe, dass die bei den neuen Mitgliedern vorhandene <em>„Perspektive auf den Osten (…) tatsächlich angemessen genutzt wurde.“ </em>Deutschland und Russland ließen sich lange <em>„von gegenseitiger Faszination und der gegenseitigen Bereitschaft, die jeweiligen Einflusssphären in Europa zu respektieren“</em>, leiten.</p>
<p>Dies ist die eine Seite, eine andere ist die Frage, was Polen selbst dazu beigetragen haben könnte, einen abwertenden Blick auf alles, was sich östlich der jeweiligen Grenzen befindet, zu etablieren und zu verstetigen. Dazu gehört die in mehreren Beiträgen angesprochene Analyse des polnischen <em>„Prometheismus“</em>, die <em>„Selbstaufopferung zum Wohle anderer“. </em>Agata Włodkowska sieht im <em>„Prometheismus“</em> <em>„ein wichtiges Instrument der polnischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit“</em>. Adam Balcer habe 2013 sogar von der <em>„Tendenz zu einer Orientalisierung des Ostens“</em> gesprochen. Agnieszka Lichnerowicz spricht von einer <em>„Giedroyc-Doktrin“</em>: <a href="https://www.dekoder.org/de/gnose/jerzy-giedroyc/">Jerzy Giedroyc</a> (1906-2000), der 53 Jahre lang bis zu seinem Tod in Paris die Zeitschrift „Kultura“ herausgab, <em>„distanzierte sich von der normativen Perspektive, lehnte jedweden polnischen Paternalismus ab (der bis heute in der Solidarität eines Teils der Polen mitschwingt) und gab dem Pragmatismus den Vorzug vor Messianismus, Emotionen und Ideologien.“</em> Polen müsse – so Agata Włodkowska – nicht nur sein Verhältnis gegenüber Deutschland, sondern auch seine Sicht auf die östlichen Nachbarn, insbesondere Belarus und die Ukraine klären, indem es <em>„ein Bündnis mit Ukrainern und Belarusen“</em> suche.</p>
<p>Auf der anderen Seite – so Małgorzata Nocuń – war Polen für Russen, Ukrainer, Belarusen auch <em>„ein Fenster zur Welt“</em>. (Dies gilt auch für die DDR, wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung“</a> belegt, die ebenfalls 2025 bei Harassowitz erschien). Allerdings gab es auch differenzierende Einschätzungen, insbesondere gegenüber der Sowjetunion. Diese <em>„wurde folglich in einer Doppelrolle wahrgenommen: als Unterdrücker, der brutal seine Macht ausübte und Polen seiner Freiheit beraubt, und als Heimat der Freidenker und Dissidenten.“</em> Eine solche Ambivalenz sieht Agnieszka Lichnerowicz beispielsweise in einer Äußerung von Adam Michnik, der sich als <em>„antisowjetischen Russophilen“</em> bezeichnete. Es gibt Studien des <a href="https://mieroszewski.pl/en/the-centre/about-us">Juliusz-Mieroszewski-Dialogzentrums</a>, die <em>„die Akzeptanz und das Verständnis für die kulturelle Nähe zum russischen Volk bei gleichzeitiger Missbilligung des Vorgehens des Putinregimes (die sich nach der Annexion und Besetzung der Krim nach 2014 verschärfte)“</em> dokumentieren.  Fehleinschätzungen der Absichten Putins gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen.</p>
<p>In Polen gab es in Wirtschaft und Hochschulen durchaus Nachfrage nach Osteuropaexpertise. Allerdings gibt es seit 2022 einen Wandel, weil <em>„der polnische Arbeitsmarkt“</em> in Unternehmen <em>„mit zugewanderten Menschen aus der Ukraine und Belarus gesättigt ist“</em>. Entscheidender war jedoch nicht zuletzt für den Wahlerfolg der PiS im Jahr 2015, dass in Polen sich ein Gefühl der Kolonisierung durch den Westen durchgesetzt habe. Ivan Krastev und Stephen Holmes hatten unter anderem in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light That Failed“</a> (die deutsche Ausgabe erschien 2019 bei Ullstein) die Oberlehrerolle des Westens kritisiert, die zunehmend bei den neuen EU-Mitgliedern, insbesondere in Polen, Widerstand erzeugt habe.</p>
<p>Die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 veränderte viel. Dieser Krieg wird – so Agnieszka Lichnerowicz – in Polen nicht als ein Krieg wie jeder andere wahrgenommen. Dies belegen zahlreiche Vergleiche mit dem Überfall Deutschlands auf der Westerplatte, dem Warschauer Aufstand, dessen Niederschlagung durch die deutsche Wehrmacht die Sowjetarmee auf dem anderen Ufer der Weichsel abwartend zusah bis hin zur Vernichtung der europäischen Juden in den von den Deutschen auf polnischem Gebiet eingerichteten Lagern. Die Lage bleibt fragil, auch im Hinblick auf aktuelle und zukünftige Entwicklungen.</p>
<p>Kritische Themen waren in jüngster Zeit die Proteste polnischer Bauern gegen ukrainische Getreideimporte, die Russland (mit hoher Wahrscheinlichkeit) zuschreibbaren Drohnenflüge auf polnischem Gebiet, die deutschen Grenzkontrollen, die Polen durch eigene Grenzkontrollen beantwortete, allerdings nicht unbedingt in Reaktion auf das deutsche Vorgehen als auf die Präsenz privater Milizen, die verhindern wollten, dass Deutschland Geflüchtete wieder nach Polen zurückschickt. Letztlich werden die verschiedenen aktuellen Entwicklungen immer wieder durch den Rekurs auf den langen Schatten der polnischen Geschichte im Spannungsfeld zwischen Russland und Deutschland überformt. Es gibt Tendenzen, sich zu isolieren, bei gleichzeitigen großen Mehrheiten für die Mitgliedschaft in EU und NATO.</p>
<h3><strong>Die Wirkung ständiger Wiederholungen</strong></h3>
<p>Die Autor:innen des deutsch-polnischen Barometers 2025 kommen letztlich zu der folgenden Einschätzung: <em>„Es zeigt sich, dass eine andauernde Rhetorik mit Blick auf Reparationsfragen und die Vergangenheit in den gegenseitigen Beziehungen direkte Auswirkungen auf das Deutschlandbild insgesamt hat, einschließlich seiner Politik und Gesellschaft. Polen, die der Meinung sind, dass in den Beziehungen zu den Deutschen zunächst die historischen Fragen geklärt werden sollten, bewerten die gegenseitigen Beziehungen weniger positiv als diejenigen, die auf die Bedeutung von Gegenwart und Zukunft verweisen.“ </em></p>
<p>Ständige Wiederholungen wirken. Fintan O’Toole, Advising Editor des New York Review of Books, formulierte in seiner <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/11/20/the-lingering-delusion-107-days-kamala-harris/">Analyse des Buches „107 Days”</a>, in dem Kamala Harris die Gründe ihres Scheiterns im Wahlkampf gegen Donald Trump zu analysieren versuchte, die These: <em>„Trump understands that we have entered a political era in which the alternative to radicalism is redundancy. </em><em>If the Democrats do not grasp the potency of his insight, that alternative awaits them.”</em> Man könnte auch sagen: Revolutionen brauchen keine Gewalt, sondern sie sind das Ergebnis solch ständiger Wiederholungen. Eben dies gilt auch in vielen anderen Kontexten, in Europa, in Polen, in Deutschland. Wenn Politiker:innen lange und oft genug behaupten, dass beispielsweise Migration die Wurzel allen Übels wäre, steigt auch die Zahl der Menschen, die diese Ansicht teilen. Dem zu widersprechen wird immer schwieriger, auch migrationsfreundliche Parteien und Organisationen, stimmen in den Chor der Migrationsgegner ein. Man muss sich schon intensiv mit den Kontexten beschäftigen, eben auch mit historischen Entwicklungen im Sinne der von Fernand Braudel (1902-1985) konstatierten <em>„longue durée“. </em>Jazek Kucharczyk und Agnieszka Łada-Konefał sehen die polnischen und deutschen Einstellungen als eine Art kommunizierender Röhren: <em>„Die Verantwortung dafür sollte jedoch nicht allein der Rhetorik der polnischen Rechten zugeschrieben werden. Gedeihen konnte diese nämlich erst vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen prorussischen Haltung führender deutscher Politiker sowie einer kontroversen Migrationspolitik, was beides in Polen auf allgemeines Unverständnis stieß und zu einer nachhaltig reservierten Haltung gegenüber Deutschland und den Deutschen führte.“ </em></p>
<p>Der lange Schatten der versagten und ständig bedrohten polnischen Souveränität im Spiel von Großmächten überträgt sich auf die Zeiten nach 1989, nach 2015 und wirkt auch heute nach. Andererseits ließe sich die These formulieren, dass eine Analyse der polnischen Erfahrungen und Entwicklungen auch auf andere Staaten Ost- und Südosteuropas übertragen ließe, in den Worten von Jarosław Kuisz: <em>„Polish national populism makes a special demand for recognition in the European and regional context centered on the issue, typical for the dramatic history of Central and Eastern European conturies, of restored sovereignty.“ </em>Innen- und außenpolitische Ansichten, Perspektiven und Entwicklungen sind eng miteinander verwoben. Der Osteuropahistoriker Adam Balcer begründete dies in seinem in den Polen-Analysen des Deutschen Polen-Instituts herausgegebenen Polen-Analysen veröffentlichten Beitrag <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/polen-aussenpolitik-ostpolitik-geschichtspolitik-identitaetspolitik-ukraine/aussenpolitik-geschichte-identitaet/">„Die polnische Außenpolitik im Schatten von Geschichte und Identität“</a>.</p>
<p>Gefährlich ist das laut deutsch-polnischem Barometer 2025 sinkende Interesse am jeweiligen Nachbarland: <em>„Vergleicht man die aktuellen Antworten der polnischen Befragten mit denen aus dem Jahr 2022, so ist ein deutlicher Rückgang der Prozentsätze bei allen Kategorien mit Ausnahme der sozialen Medien zu erkennen. Dies könnte die Tatsache widerspiegeln, dass Informationen über Deutschland weniger verfügbar sind (im Vergleich zu zahlreichen anderen Informationen), oder auch ein abnehmendes Interesse der Polen an Deutschland festgestellt werden muss.“</em> Dies bedeutet noch nicht, dass in Polen mit Deutschland vorwiegend negative Gefühle verbunden sein müssen, erhöht aber nicht zuletzt aufgrund der hohen Bedeutung der sozialen Medien die Wahrscheinlichkeit. Umgekehrt gibt es auf deutscher Seite stabile Werte für das Interesse an Polen, allerdings sind die Faktenkenntnisse eher gering einzuschätzen. Es ist leider kaum davon auszugehen, dass in deutschen Schulen und Hochschulen in Zukunft ein differenziertes Bild von Polen und anderen osteuropäischen (eigentlich müsste man sagen: mitteleuropäischen) Ländern vermittelt werden dürfte. Dies liegt nicht zuletzt an engen zeitlichen und finanziellen Ressourcen.</p>
<h3><strong>Versöhnliche Zukünfte?</strong></h3>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ endet versöhnlich mit einer Vision des ehemaligen polnischen Außenministers und Mitglied des Europäischen Parlaments <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_7208.ahtml">Bronisław Geremek (1932-2008), dem das Deutsche Polen-Institut 2023 einen eigenen Band widmete</a> (er erschien ebenfalls bei Harassowitz): <em>„Ich wünsche mir, dass zwischen Polen und Deutschen nicht nur ein Gefühl der Interessengemeinschaft existiert, sondern auch eine emotionale Bindung, die unser Vertrauen zueinander ausdrückt.“ </em></p>
<p>In einer Rede vom 4. Oktober 2025 im polnischen Parlament, dem Sejm, erinnerte <a href="http://markusmeckel.eu/lebenslauf/">Markus Meckel</a> (*1952), im Jahr 1990 Außenminister der einzigen demokratischen DDR-Regierung, an den 60. Jahrestag der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunft-braucht-weisheit-und-mut/">Ostdenkschrift der EKD und den Brief der katholischen Bischöfe</a>. Am 18. November 2025 gedachten die deutschen und polnischen Bischöfe des 60. Jahrestags dieses Briefwechsels mit einer Kranzniederlegung am Denkmal für Kardinal Bolesław Kominek, einer der maßgeblichen Initiatoren des Briefwechsels (<a href="https://www.dbk.de/themen/historischer-briefwechsel#c12965">weitere Informationen zu diesem Treffen auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz</a>). Papst Leo XIV. hatte in einem Gruß an polnische Pilger auf dem Petersplatz am 16. November 2025 an die Versöhnungsbotschaft der polnischen an die deutschen Bischöfe nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.</p>
<p>Markus Meckel plädiert für einen weiteren Schritt zur Gestaltung des am 16. Juni 2025 eingeweihten Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper, dem Ort, an dem Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen verkündete: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">„Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?“</a> Der Text erschien wenige Tage nach seiner Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> auch im Berliner Tagesspiegel. Markus Meckel schlug eine erweiterte Inschrift vor, die aller von Deutschen in Osteuropa ermordeten und verschleppten Menschen gedenke: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>. Die Würdigung und das Gedenken der Opfer des deutschen Vernichtungskrieges sollte sich auch sprachlich spiegeln und daher auch in<em> „Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch“</em> zu lesen sein.</p>
<p>Dieser Text blieb nicht unwidersprochen. Der Tagesspiegel gab <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Robert Traba</a> (*1958), mit Markus Meckel Ko-Vorsitzender des Rates der <a href="https://sdpz.org/die-stiftung/uber-uns">Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit</a>, Raum, seine Skepsis gegenüber dem Vorschlag von Markus Meckel zu Papier zu bringen: <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/debatte-um-die-erinnerung-an-die-deutschen-kriegsverbrechen-in-polen-deutschland-braucht-unbedingt-ein-polnisches-denkmal-14915411.html">„Deutschland braucht unbedingt ein polnisches Denkmal“</a>. Ein übergreifendes Denkmal werde dem polnischen Leid nicht gerecht und impliziere Opferkonkurrenzen. Er beklagt mit Recht die Ignoranz deutscher Schulbücher, die im Jahr 2018 das <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften</a> festgestellt hat. <em>„</em><em>Ich vermute, dass der deutsche Durchschnittsbürger heute mehr über den polnischen Antisemitismus weiß als zum Beispiel über die Ermordung der polnischen Eliten, die Vernichtung Hunderter polnischer Dörfer, die Vertreibung Hunderttausender polnischer Bürger 1939, um an ihrer statt im Rahmen der Aktion ‚Heim ins Reich‘ Deutsche anzusiedeln, über die Arisierung polnischer Kinder oder die mehr als drei Millionen polnischen Zwangsarbeiter, die für das ‚Tausendjährige Reich‘ arbeiten mussten.“</em></p>
<p>Markus Meckel und Robert Traba haben beide recht. Wir brauchen beides, das Nationen übergreifende Gedenken an die Gräuel des deutschen Vernichtungskrieges ebenso wie das spezifische Gedenken an die Opfer jeder einzelnen Nation, jeder einzelnen Gruppe. In diesem Kontext wäre auch die Lektüre des neuen Buches von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“</a> (München, C.H. Beck, 2025) von Interesse. Am besten wäre es sicherlich, die oben bereits genannten Bücher von Jarosław Kuisz und dieses Buch von Martin Schulze Wessel im Kontext zu lesen und die Lektüre weiterer Bücher, beispielsweise über die baltischen Staaten oder Belarus, anzuschließen.</p>
<p>Nach dem Wahlsieg von Donald Tusk gab es eine kurze Phase der Renaissance des Weimarer Dreiecks. Ob sich diese in den nächsten Monaten und Jahren fortsetzen wird, bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, deren Beantwortung letztlich auch von der Stabilität beziehungsweise Labilität der jeweiligen Regierungen abhängen dürfte. Während der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 wurde im Übrigen sehr deutlich gesagt, dass ein entscheidender Punkt der Umgang mit den polnischen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland sei. Namen und Adressen sind bekannt, sodass es einfach wäre, von deutscher Seite das erfahrene Leid dieser Menschen ideell <u>und</u> finanziell zu würdigen. Das wäre ein erster Schritt.</p>
<p>Am 4. August 2024 reagierte die vom Deutschen Polen-Institut und der <a href="https://krzyzowa.pl/de/">Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung</a> eingesetzte Kopernikusgruppe auf die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahlen und der polnischen Präsidentschaftswahl mit der Erklärung <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/themen-projekte/politik/kopernikus-gruppe/kopernikus-apell">„Es gibt keine Alternative für die deutsch-polnische Zusammenarbeit!“</a>: <em>„Notwendig ist es, schnellstmöglich und auf eine die polnische Seite überzeugende Weise die strittigen Fragen zu klären, die die beiderseitigen Beziehungen belasten und die antideutschen Narrative in Polen stärken. Man kann keine guten Beziehungen zum Nachbarn errichten, ohne sich offen und ehrlich mit der schwierigen Geschichte auseinanderzusetzen, darunter auch mit dem Erbe der antipolnischen Politik Preußens und Deutschlands seit Mitte des 18. Jahrhunderts, und ohne eine Wiedergutmachung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu leisten. Notwendig ist es auch, die Präsenz polnischer Sprache, Geschichte und Kultur im deutschen Bildungssystem zu vergrößern und die polnische Bevölkerung in Deutschland aktiv zu unterstützen. Unmittelbar sollte außerdem – im Geist der europäischen Solidarität – das Problem der wieder eingeführten Grenzkontrollen gelöst werden. Sie verursachen erhebliche Schäden für Image und Wirtschaft, vor allem aber widersprechen sie der Idee der europäischen Integration.“</em> Man kann es nicht oft genug wiederholen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. November 2025, Titelbild: pixabay.)</p>
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