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	<title>Prävention Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Reale Basis</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/reale-basis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 May 2024 06:29:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Reale Basis Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Kinderpolitik „Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Reale Basis</strong></h1>
<h2><strong>Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Kinderpolitik</strong></h2>
<p><em>„Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als <u>Staat</u> eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis (…).“ </em>(Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW 3)</p>
<p>Es lohnt sich immer wieder, Karl Marx und Friedrich Engels zu lesen. Man darf nur nicht den Fehler machen, ihre Analysen als Handlungsanweisung zu verstehen, denn das kann – wie wir wissen – fatale Folgen haben. Ihre Analysen haben aber die Kraft, Entwicklungen der damaligen wie der heutigen Zeit einmal aus einer tiefergehenden Perspektive zu betrachten. Dies tun beispielsweise Ulrike Hermann oder Kohei Saito, deren Gedanken ich unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/">„Jenseits des Kapitalismus – Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik“</a> vorgestellt habe. Darin enthalten sind auch Hinweise auf die <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/da/20/8f/oa9783839456644.pdf">Perspektiven der Konvivialistischen Manifeste</a> (veröffentlicht im transcript-Verlag).</p>
<p>Die Frage läge eigentlich nahe: wo ist nun diese <em>„reale Basis“</em>, von der die beiden sprechen? Wie sieht sie aus? Wer schafft sie, mehr oder weniger frei- oder unfreiwillig oder gar gezwungen? Was können wir kontrollieren, was nicht? Auf die aktuelle Kinderpolitik bezogen bedeutet dies, dass es einfach nicht ausreicht, das Gute zu wollen. Manche verstricken sich in gutem Glauben im Spiel der Interessen, sodass die Realität oder wenn man so will die <em>„reale Basis“</em> ihrer <em>„Kontrolle entwächst“</em>.</p>
<h3><strong>Das Elend der Kindergrundsicherung</strong></h3>
<p>Das Ziel einer Kindergrundsicherung sollte eigentlich allen einleuchten: Aufwachsen ohne materielle Sorgen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Bildung, Kultur, Sport. Das hat nicht nur mit Geld zu tun, eine der Zauberformeln kinderpolitischer Grundsatzerklärungen heißt: weniger Bürokratie = weniger Armut. Mitunter verweist jemand Gebildetes auf Estland. Dort erhalten die glücklichen Eltern drei Tage nach der Geburt von ihrer Gemeinde eine Gratulationsmail, verbunden mit der Bitte, die Kontonummer zur Überweisung des Kindergeldes mitzuteilen. Es wäre nicht schwer, das auch in Deutschland umzusetzen, wäre da nicht die alles beeinträchtigende deutsche Misstrauenskultur, es könnte jemand eine Leistung erhalten, der sie nicht verdient. Bei den Zuschüssen zu den Energiepreisen wird ein Kollateralnutzen für Bestverdienende gerne in Kauf genommen, beim Bürgergeld für die ein oder andere arme Familie jedoch nicht. Die Lösung: mehr Kontrolle, mehr Sanktionen und damit nicht weniger, sondern mehr Bürokratie. Auch das gehört zur <em>„realen Basis“</em>.</p>
<p>Die Einführung einer Kindergrundsicherung wurde im Koalitionsvertrag der sogenannten Ampel als gemeinsames Projekt verankert. <a href="https://web.de/magazine/politik/armutsforscher-20-milliarden-euro-kindergrundsicherung-38409792">Christoph Butterwegge</a>, einer der wichtigsten Armutsforscher in Deutschland, und die <a href="https://www.diakonie.de/informieren/infothek/2023/august/gutachten-zur-kindergrundsicherung-wer-bei-den-kindern-spart-zahlt-spaeter-drauf">Diakonie</a> hatten unabhängig voneinander einen Bedarf von etwa 20 Milliarden EUR errechnet. Bundesfamilienministerin Lisa Paus, die vielleicht eines Tages – sofern man sich überhaupt noch an sie erinnern wird – als eine der ungeschicktesten Minister:innen dieser und vergangener Regierungen in die Geschichte eingehen dürfte, hatte vor einiger Zeit 12 Milliarden EUR Bedarf genannt, musste diese Zahl zurücknehmen, weil sie nicht erklären konnte, wofür sie das Geld bräuchte, und gab sich mit 2,4 Milliarden EUR zufrieden, die sie die grüne Bundestagsfraktion als Erfolg verkaufen ließ. Aber die Geschichte war nicht zu Ende, denn die nächste Zahl, die sie nannte, waren 5.000 neue Stellen, die erforderlich wären, um den in der Tat höchst unübersichtlichen Verfahren für die Verteilung von Unterstützungsleistungen für Kinder ein Ende zu bereiten. Auch diese Zahl gilt nicht mehr. Nun hat sie weder die Chuzpe noch die Unterstützung eines Andy Scheuer, dies vielleicht zu ihrer Entlastung. In der FAZ reagierter Katja Gelinsky angesichts des Desasters der Familienministerin mit der Forderung, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schafft-das-familienministerium-ab-familien-brauchen-kein-nanny-ministerium-19699169.html">das Familienministerium einfach abzuschaffen</a>. Wir bräuchten kein <em>„Nanny-Ministerium“</em>.</p>
<p>Eigentlich müssten Grüne (und SPD) das Gesetzgebungsverfahren für die Kindergrundsicherung in Hoffnung auf andere Mehrheiten auf die nächste Legislaturperiode vertagen. Es ist weder etatreif noch verspricht es eine für Kinder und Familien spürbare Entlastung. Der Clou ist jedoch der Sturmlauf von FDP und CDU/CSU gegen die Kindergrundsicherung, durchaus vergleichbar ihrem Sturmlauf gegen das Bürgergeld (das – offen gesagt – in seiner Ausgestaltung auch nicht viel besser ist als Hartz IV). Und damit sind wir bei der Frage nach der Infrastruktur für Kinder. CDU/CSU und FDP fordern, die Mittel für die Kindergrundsicherung sollten in Bildung investiert werden statt in Sozialleistungen. Was da geschehen soll, bleibt unklar, aber es klingt erst einmal gut. Christoph Butterwegge hat am 19. April 2024 in der Süddeutschen Zeitung in seinem Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/kindergrundsicherung-kindergeld-soziale-absicherung-1.6563858">„Wie meinen, Frau Paus?“</a> jedoch die hinter dieser wohlmeinenden Forderung steckende Heuchelei entlarvt: <em>„Bildung gerät zur Ideologie, wenn sie nicht als Mittel zur Bekämpfung der Kinderarmut genutzt, sondern als Mittel zur Verhinderung einer kostenträchtigen Armutsbekämpfung missbraucht wird.“</em></p>
<p>Das eine tun, das andere nicht lassen – das wäre die Botschaft, die Wirksamkeit verspricht. Noch besser wäre es sicherlich, einen auskömmlichen Mindestlohn (ob 15 EUR reichen wie sie die Linke fordert, ließe sich diskutieren, meines Erachtens nicht) zu schaffen, prekäre Ein-Euro-Jobs in auskömmlich finanzierte Arbeitsverhältnisse zu überführen und dies durch den Abbau von Privilegien zu refinanzieren, die Kindern nun einmal gar nichts nützen, beispielsweise pauschale Kinderfreibeträge und Inflationsausgleiche für hohe und höchste Einkommen, Ehegattensplitting, Kerosinsteuer, Dienstwagenprivileg und einiges mehr. Auch die Einführung einer Vermögenssteuer ist nach wie vor tabu und wird allenfalls leise von der ein oder anderen sozialdemokratischen Unterorganisation gefordert, natürlich auch von der Linken, aber wer hört schon auf diese Partei?</p>
<p>Unzureichender Mindestlohn führt zu höheren Sozialausgaben. Es gibt eine Fülle solch verdeckter Subventionen für Wirtschaftsunternehmen. Wer das Geld hat, kann – so dokumentierte es Ingo Malscher in der ZEIT unter dem Titel <a href="https://www.zeit.de/2024/18/steuer-finanzamt-coach-selbststaendig">„Gier ist geil“</a> – alle seine Luxusausgaben, vom handgenähten Anzug über den Luxusurlaub und den Restaurantbesuch bis zu welchen luxuriösen Ausgaben auch immer, von der Steuer absetzen, natürlich auch die Kosten für die Finanzberatung, die dieses ermöglicht. Cum-Ex und andere Steuervermeidungs- und Steuerbetrugsmodelle kommen hinzu. Norbert Walter-Borjans hatte in seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Finanzminister CD’s aus der Schweiz angekauft, denen Daten über Steuerhinterziehung zu entnehmen haben. Als CDU und FDP die Regierung wieder übernahmen, schafften sie diese Einnahmequelle umgehend ab. Norbert Walter-Borjans arbeitet inzwischen ebenso wie die ehemalige Kölner Staatsanwältin Anne Brorhilker, die beste Expertin Deutschlands zur Aufdeckung des Cum-Ex-Schwindels, für das Team von <a href="https://www.finanzwende.de/">„Finanzwende“</a>.</p>
<p>Geld wäre in Hülle und Fülle vorhanden, Deutschland ist ein reiches Land, selbst dann noch, wenn deutlich mehr als bisher in die Ausrüstung des Militärs investiert werden muss. Das bestehende System müsste allerdings vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wirtschaftsunternehmen ließen sich durch einen Bürokratieabbau, der diese Bezeichnung verdient, sicherlich leichter entlasten als durch Dumpinglöhne. Allein die Zeitersparnis wäre schon ein Geldwert für sich. Aber wie das so ist – der Bürokratieabbau, und ganz besonders der Bürokratieabbau durch Digitalisierung, wird in der Regel ebenso rhetorisch verkündet wie die Forderung nach besserer Bildung. Und das seit Jahrzehnten. Man könnte fast unken, dass manche Parteien die Unübersichtlichkeit deutscher Behördenzustände geradezu brauchen, weil sie ja sonst ihre vollmundigen Parteiprogramme nicht mehr aufschreiben könnten. Ergebnis: Arme Menschen bleiben arm, arme Kinder sowieso.</p>
<h3><strong>Die Rückabwicklung der Kinderbetreuung</strong></h3>
<p>Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie ihre Arbeitsstelle gekündigt habe. Ihr Ehemann habe jetzt viele Termine im Ausland, sie müsse sich daher mehr um die Kinder kümmern. Ihr Beruf: Erzieherin in leitender Position. Kein Einzelfall.</p>
<p>Was geschieht da eigentlich? Wir erleben eine Rückabwicklung der Kinderbetreuung mit massiven Folgeschäden für die wirtschaftliche Entwicklung. Und weil Eltern, vor allem Frauen, ihre Kinder zunehmend wieder selbst betreuen müssen, wird auch die Armut von Erwachsenen wie von Kindern steigen. Die Auswirkungen auf die Rente der betroffenen Frauen sind damit noch nicht berücksichtigt. Und das geschieht, obwohl von den demokratischen Parteien immer wieder betont wird, wie wichtig ihnen die diversen Rechtsansprüche auf eine Betreuung der Kinder von 0 bis 10 Jahren wären. Sind die demokratischen Parteien in einem Landtag in der Opposition, tun sie das sehr laut, in Regierungen werden sie oft kleinlaut.</p>
<p>Ein Blick in die Geschichte: In den 1960er Jahren, auch noch in den 1970er Jahren, stritten sich die politischen Parteien in Westdeutschland darüber, ob Jungen und Mädchen, katholische und evangelische Kinder, Kinder aus finanziell unterschiedlich gut oder schlecht ausgestatteten Elternhäusern gemeinsam lernen dürften. Sicherlich, es gab Horte, die schon eine lange Tradition in Deutschland hatten, weil sie bereits im 19. Jahrhundert die Betreuung der Kinder von Arbeiterinnen sicherstellen sollten, damit die Kinder nicht auf den Straßen herumlungerten. In der DDR war das anders. Dort gab es eine umfassende Betreuung von Kindern, eine Infrastruktur, von der die östlichen Bundesländer nach wie vor profitieren. Dies war wiederum Anlass genug, dass CDU und CSU im Westen mit der Einführung staatlich unterstützter Kinderbetreuung die unmittelbar bevorstehende Einführung des DDR-Sozialismus an die Wand malten. Manche meiner Leser:innen erinnern sich sicherlich noch an den Brief von Franz Josef Strauß, in dem er ankündigte, jede gesetzliche Regelung für Kinder und Jugendliche zu verhindern, damit die linken Sozialarbeiter nicht die intakten Familien kaputtmachten. Bis in die 1970er Jahre gab es im Westen den despektierlichen Blick auf sogenannte <em>„Doppelverdiener“</em> und <em>„Schlüsselkinder“</em>. Das Wort von den „<em>Alleinerziehenden“</em> traute sich damals noch niemand in den Mund zu nehmen. Der Makel einer Scheidung oder eines nicht ehelich geborenen Kindes färbte auf die Kinder ab.</p>
<p>Es ist das Verdienst von Ursula von der Leyen und Jürgen Rüttgers, dass die CDU (mit nachhallendem Knurren auch die CSU) ihren Frieden mit einer ganztägigen Kinderbetreuung machten. Zumindest rhetorisch. Zwischenzeitlich versuchte die CSU zwar, eine scheinbare Wahlfreiheit einzuführen, indem Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuten, ein <em>„Betreuungsgeld“</em> erhalten sollten, scheiterte damit jedoch ebenso kläglich wie später mit der Maut für Ausländer (gemeint waren Österreicher, getriggert wurden Türken) auf deutschen Autobahnen. Heute verlangt nur noch die AfD ein solches <em>„Betreuungsgeld“</em>, Kinderbetreuung hält sie für überflüssig, die Frau gehört ins Haus.</p>
<p>Heute fordert nicht zuletzt die Wirtschaft mehr und verlässliche Kinderbetreuung. Mit gutem Grund. Vielleicht lohnt sich ein Rückblick in die im Jahr 2011 im Auftrag der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann von der Firma Prognos erstellte bildungsökonomische Studie <a href="https://www.schulministerium.nrw/sites/default/files/documents/Langfassung-Prognos-Studie.pdf">„Fiskalische Wirkungen des Ganztags in Nordrhein-Westfalen“</a>. Die Studie belegt, dass sich die für den Ganztag ausgegebenen Finanzmittel mit der Zeit amortisieren und die Produktivität steigt, weil sich vor allem das Arbeitsverhalten von Frauen verändert, die bei verlässlicher Betreuung ihre Arbeitszeiten aufstocken oder überhaupt erst einmal eine Arbeit aufnehmen, im Übrigen auch mit Langzeitwirkungen auf eine auskömmliche Rente (die vor allem von der CSU propagierte Mütterrente ist dagegen nur ein Tropfen auf den heißen Stein). Darüber hinaus schafft Ganztagsbetreuung eine ganze Menge Arbeitsplätze. Sybille Stöbe-Blossey hat die Verknüpfungen des Ausbaus von Ganztagsbetreuung und einer aktivierenden Beschäftigungspolitik mehrfach differenziert dargestellt. Ein <a href="https://www.uni-due.de/imperia/md/content/iaq/20231026_stoebe-blossey.pdf">Vortrag vom 26. Oktober 2023</a> nennt beispielsweise die einzelnen Aspekte.</p>
<p>Das Prognos-Gutachten belegt allerdings auch, dass von den zusätzlichen Einnahmen dank Ganztag vor allem der Bundeshaushalt und die Sozialkassen profitieren, in geringem Maße auch die Landeshaushalte. Zahlen müssen die Kommunen. Bisherige Bundesprogramme lassen sich daher insgesamt als eher halbherzig charakterisieren. Pressestellen sprechen zwar gerne von einem <em>„Schritt in die richtige Richtung“</em>, sagen aber leider nie, wie das Ziel aussehen könnte und sollte. Wie die Kommunen mit steigenden Kinderzahlen, gerade im Hinblick auf die steigende Zuwanderung, nicht nur aus der Ukraine, in Kindertageseinrichtungen und Schulen umgehen, bleibt eine ungelöste Frage. <em>   </em></p>
<h3><strong>Bund, Länder und Kommunen – ein Mexican Standoff</strong></h3>
<p>Die kommunale Infrastruktur ist eine grundlegende Herausforderung. Manches Problem ist hausgemacht. Zu erinnern wäre an Cross-Border-Leasing-Geschäfte der Vergangenheit, überflüssige und scheinbar prestigeträchtige Bauvorhaben wie bestausgestattete Stadthallen, Schwimmhallen in jedem Stadtteil und Müllverbrennungsanlagen. Sanierung wurde lange Jahre vernachlässigt, sodass sich der Sanierungsbedarf alleine von Schwimmbädern inzwischen auf über <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/929946/dd8ccc993328b3616955f94c1f7dd3b0/230125-BV.pdf">8,5 Milliarden EUR</a> aufsummiert hat. Das Bundesbauministerium hat im Jahr 2023 <a href="https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/Webs/BMWSB/DE/2023/06/startschuss_sanierung_schwimmbaeder.html">400 Millionen EUR für diesen Zweck bereitgestellt</a> (im Jahr 2022 waren es 476 Millionen EUR). Immer schwieriger wird es für viele Kommunen, Eigenanteile zu erbringen, denn sie werden erheblich mit Sozialleistungen belastet, gerade auch im Zusammenhang mit Zuwanderung, sodass ihnen einfach die Spielräume fehlen, nachhaltig in ihre Infrastruktur zu investieren, die sie dann aber mangels Finanzmitteln entweder verkommen lassen oder erforderliche Bau- und Sanierungsvorhaben auf Eis legen.</p>
<p>Bund, Länder und Kommunen schieben sich gerne gegenseitig die Verantwortung zu. Während Bundesregierung und Landesregierung auf ihren Schuldenbremsen beharren, werden sie nicht müde, die Kommunen für ihr Beharren auf dem Konnexitätsprinzip zu kritisieren, das jedoch Bundestag und Landtage beschlossen haben und die Landesregierungen über ihre Kommunalaufsicht durchsetzen lassen. In dieser Konstellation erinnert das Aufeinanderzeigen von Bund, Ländern und Kommunen an eine Art Mexican Standoff.</p>
<p>Zur Infrastruktur gehören auch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, die so lange geöffnet sein sollten, dass Mütter und Väter gleichermaßen einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen können. Im Jahr 1996 wurde im Kontext einer Reform des Abtreibungsrechts ein Rechtsanspruch für die Betreuung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren in einer Kindertageseinrichtung eingeführt, 2013 folgte der Rechtsanspruch auf die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Am Freitag vor der Bundestagswahl im September 2021 stimmte der Bundesrat dem vom Bundestag beschlossenen <a href="https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-rechtsanspruch-ganztagsbetreuung-grundschulen-178966">Ganztagsförderungsgesetz</a> zu. Es soll jetzt ab 2026 schrittweise ein Rechtsanspruch auf die Betreuung von Kindern im Grundschulalter bis zur vierten Klasse eingeführt werden. Dass Eltern auch für vielleicht zehn- bis zwölfjährige Kinder eine Betreuung bräuchten, wurde bisher nicht bedacht, auch nicht, dass Ganztagsprogramme manchen Teenagern Bildungserlebnisse eröffnen könnten, die sie in der Familie oder in ihrer Gemeinde nicht finden. Die Länder sind jetzt gehalten, Ausführungsgesetze zu schaffen, doch verzögert sich dieser Prozess erheblich, vor allem in den westdeutschen Flächenländern. Die ostdeutschen Bundesländer haben ihre bekannten Hortstrukturen, die Stadtstaaten haben ordentlich ausgebaute Systeme. Hamburg dürfte den Spitzenplatz verdienen.</p>
<p>Aber Vorsicht: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Es ist alles Obst, aber es gibt entscheidende Unterschiede. Der Rechtsanspruch auf eine Kinderbetreuung von Kindern unter sechs Jahren bezieht sich in der Regel auf den Vormittag, nicht mehr und nicht weniger. Der Rechtsanspruch auf eine Betreuung von Grundschulkindern bis zur vierten Klasse bezieht sich auf insgesamt acht Stunden täglich, Unterricht einschließlich. Hinweise aus Wohlfahrts- und Wirtschaftsverbänden, dass eine verlässliche Ganztagsbetreuung bis zu zehn Stunden täglich erforderlich wäre, damit Eltern sorglos einer Ganztagsbeschäftigung nachgehen könnten, verhallten ungehört. Und ob die Arbeitszeiten der Eltern zu den in der Regel zwischen acht Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags anberaumten Betreuungszeiten passen, ist eine weitere offene Frage.</p>
<h3><strong>Quantität vor Qualität?</strong></h3>
<p>Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 72 SGB VIII) enthält ein <a href="https://www.agj.de/fileadmin/files/publikationen/Fachkraeftegebot.pdf">Fachkräftegebot</a>. Dies müsste in Kindertageseinrichtungen wie in Ganztagsgrundschulen umgesetzt werden. Inzwischen wissen jedoch alle, die in irgendeiner Art für Bildung und Betreuung von Kindern politisch verantwortlich zeichnen, dass es einen enormen Fachkräftemangel gibt, der sich auch in den nächsten Jahren nicht auflösen wird. Die Kinderbetreuung – übrigens auch der Unterricht von Kindern in der Schule – wird in einem hohen Maße von Menschen übernommen werden (müssen), die keine grundständige pädagogische Ausbildung haben. Es käme niemand auf die Idee, einen Mangel an Richter:innen oder Staatsanwält:innen durch Personen ohne juristische Ausbildung, einen Mangel an Ärzt:innen durch Personen ohne medizinische Ausbildung, einen Mangel an Polizist:innen durch Bürgerwehren zu kompensieren. Aber Bildung und Betreuung – das können doch offenbar wohl alle. Der Vollständigkeit halber: Bei Pflegeberufen gibt es ähnliche Annahmen. Hinzu kommt, dass gut ausgebildete Menschen, die in den Schulen oder in den Kindertageseinrichtungen (oder in der Pflege) tätig sind, sich inzwischen immer öfter eine andere Beschäftigung suchen, aus welchen Gründen auch immer. Bezahlung (vor allem bei Erzieher:innen und Pflegekräften) und Arbeitsbedingungen (dies auch bei Lehrer:innen) sind offenbar nicht attraktiv genug.</p>
<p>Studien wie die <a href="https://steg.dipf.de/de/ueber-steg/">Bundesstudie StEG</a> oder die <a href="https://www.bildungsbericht-ganztag.de/cms/front_content.php?idcat=37&amp;lang=1">Bildungsberichterstattung Ganztag</a> in Nordrhein-Westfalen (beide leider inzwischen eingestellt) belegen, dass eine professionell organisierte und kontinuierlich angelegte Kinderbetreuung präventiv wirkt. Ich könnte weitere Studien benennen, denn mit dem Ausbau des Ganztags für Schulkinder in den 2000er Jahren entstand in den Hochschulen ein Boom von Studien, die mehr oder weniger alle zum guten Ergebnis kamen: Kinder entwickeln soziale Kompetenzen, schließen Freundschaften mit Kindern, die sie sonst nicht kennenlernen würden. Möglich werden Förderprogramme, die – in den Ganztagsschulen – Hausaufgaben überflüssig machen, in der Kindertageseinrichtung helfen, die deutsche Sprache leichter zu lernen. Aber leider nicht immer, denn letztlich hängt die Qualität der Ganztagsbetreuung, die – nach einem Begriff von <a href="https://pub.uni-bielefeld.de/person/21770">Hans-Uwe Otto sel. A.</a> und <a href="https://www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/t_coelen/">Thomas Coelen</a> – als <em>„Ganztagsbildung“</em> konzipiert werden könnte und sollte, angesichts des unzureichenden finanziellen Engagements von Bund und Ländern, von der Postleitzahl ab. Die Frage <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/300067/gleichwertige-lebensverhaeltnisse/"><em>„gleichwertiger Lebensverhältnisse“</em></a> ist nicht nur eine Frage zwischen West und Ost, sondern auch zwischen reichen und armen Städten und Gemeinden, oft sogar eine Frage zwischen ärmeren und reicheren Stadtteilen.</p>
<p>Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, in Ganztagsgrundschulen am Nachmittag mehr Leseförderung zu ermöglichen, beispielsweise über eine Schulbibliothek, in der Kinder Bücher entdecken könnten, die sie sonst nicht kennenlernten. Theaterbesuche, eine Theatergruppe, Gruppen- und Klassenorchester, all dies wäre möglich. Zumindest in der Theorie und dort, wo die Einrichtungen kompetent geleitet und von den jeweiligen Kommunen verlässlich unterstützt werden. Es gibt dies alles. In Schulen kommt die verlässliche Zusammenarbeit von Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften hinzu. Einen ausgezeichneten curricularen Rahmen bieten die nordrhein-westfälischen <a href="https://www.kita.nrw.de/kinder-bilden/bildungsgrundsaetze/leitfaden-bildungsgrundsaetze-fuer-kinder-von-0-bis-10">Bildungsgrundsätze von 0 bis 10</a>. Diese umfassen im Grunde alle Lebensbereiche. Und sie enthalten Hinweise zur <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinderrecht-ganztagsbildung/">Kinderbeteiligung</a>! Auch dafür gibt es im Ganztag hervorragende Modelle. Das haben diejenigen, die die Lehrpläne der Grundschulen schreiben, zwar noch nicht gemerkt, aber wer weiß, der Tag wird vielleicht kommen. Einige Wohlfahrtsverbände, beispielsweise die Diakonie, haben einen eigenen Qualitätsrahmen entwickelt, das Institut für Soziale Arbeit in Münster das Qualitätsentwicklungsinstrument <a href="https://quigs-nrw.de/">QUIGS</a>. Inhaltlich ist Nordrhein-Westfalen durchaus Vorbild, in der Umsetzung leider nicht (mehr).</p>
<p>Einige Studien widmeten sich der vor allem von PISA-hörigen Politiker:innen gepflegten Frage, wie sich die Schulnoten im Ganztag betreuter Kinder entwickeln. Signifikante Ergebnisse gibt es zu dieser Frage nicht. Dies liegt allerdings auch daran, dass es zu viele Faktoren gibt, die sich auf Schulnoten und Schulleistungen auswirken und in ihren Wirkungen nicht im Einzelnen ausdifferenzieren lassen. Der Ganztag ist eben auch nur einer von vielen Faktoren. Aber immerhin gibt es Hinweise, dass eine gute Ganztagsbetreuung die Übergangsquoten zu Gymnasien nach der vierten Klasse erhöht. Kurz: Vieles wäre möglich, manches geschieht, es kann jedoch keine Rede davon sein, dass dies flächendeckend so erkannt und umgesetzt wird. Denn dazu sind die Rahmenbedingungen des Ganztags in Schule und Kindertageseinrichtungen zu labil.</p>
<h3><strong>Fachkräfte – gesucht und unauffindbar</strong></h3>
<p>Manche Kommunen helfen sich angesichts des Fachkräftemangels, indem sie Betreuungszeiten reduzieren. <a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebinger-oberbuergermeister-boris-palmer-zu-kitas-100.html">Boris Palmer ging in Tübingen voran und kommunizierte diese Notwendigkeit öffentlich</a>. Das war ehrlich, aber eine Lösung konnte auch er nicht anbieten, zumal die baden-württembergische Landesregierung keine Anstalten macht, die Personalausstattung und die Arbeitsbedingungen in KiTas und Schulen zu verbessern. Die Beschäftigten, die in einer KiTa oder einer Ganztagsschule ganztägig arbeiten wollen, brauchen oft einen Zweitjob. Dies ist eine der Paradoxien der Ganztagsentwicklung. Für die Kinder gilt der Ganztag, das Personal arbeitet oft genug in Teilzeit und angesichts der ohnehin schlechten Bezahlung entweder in prekären Arbeitsverhältnissen oder mit einem Zweitjob.</p>
<p>Nun ja, sagen viele, sicherlich guten Glaubens, die Kassen sind leer (siehe oben), und helfen sich mit der Ansage, man müsse erst einmal die Quantitäten einer flächendeckenden Kinderbetreuung schaffen, bevor man sich um die Qualität kümmern könne. Das hat man vor 20 Jahren auch schon gesagt, aber die Qualität, die man für die Zukunft versprach, kam nie. Es gab zwar im pressetauglichen Giffey-Jargon ein „Gute-KiTa-Gesetz“, der Bund ließ sich jedoch von den Ländern abhandeln, dass damit auch Beitragsfreiheit geschaffen werden könne, mit dem Ergebnis, dass Wahlgeschenke an bestverdienende Familien möglich wurden, das Gesetz sich – wen wundert es – jedoch nicht in der Qualität der Angebote auswirkte.</p>
<p><a href="https://www.dji.de/themen/ganztagsschule.html">Das Deutsche Jugendinstitut</a> (DJI) hat vor etwa fünf Jahren errechnet, dass man für einen Ganztagsplatz in der Grundschule zusätzlich etwa 4.000 EUR pro Platz bräuchte, für zusätzliches Lehrpersonal, für sozialpädagogisches Personal und für Ergänzungskräfte, beispielsweise für Sport und Kultur, für die Gestaltung von Ausflügen, die Nutzung außerschulischer Lernorte. Andere Berechnungen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Personal zur Umsetzung der Inklusion ist darin noch nicht eingerechnet. Die nordrhein-westfälischen Grünen haben die vom DJI errechnete Zahl in ihr Wahlprogramm für die Landtagwahl 2022 hineingeschrieben, es gibt Hinweise aus informierten Kreisen, dass in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU diese Zahl auch vereinbart worden sei. Inzwischen dürfte der Bedarf angesichts Inflation und Tarifabschlüssen auf etwa 5.000 EUR gestiegen sein. Zumindest gehen die Wohlfahrtsverbände von einem solchen Anstieg aus.</p>
<p>Geschehen ist bisher nichts und es sieht auch nicht danach aus, dass etwas geschieht. Es hat alles etwa den Anschein des Mannes, der in einer Heinrich-Böll-Geschichte am Telefon immer den Satz sagen muss: <em>„Es muss etwas geschehen.“</em> Es war beispielsweise in Nordrhein-Westfalen nicht einmal möglich, dass für die Beschäftigten im Nachmittagsbereich der Grundschulen, in der offenen Ganztagsgrundschule (OGS), eine Art Inflationsausgleich gezahlt wurde. Für die Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen gab es einen solchen Ausgleich in Höhe von zehn Prozent, in der OGS blieb es bei den ohnehin jährlich vorgeschriebenen drei Prozent für Tarifsteigerungen.</p>
<p>Nun könnte der Bund vielleicht helfen (die nach wie vor unsinnige Kompetenzverteilung im Bildungsbereich wäre eine weitere Frage, ist aber nicht Gegenstand dieses Essays). Ein großer Erfolg war das in den Jahren 2003 bis 2009 laufende <a href="https://www.ganztagsschulen.org/de/service/izbb-programm/izbb-programm_node.html">Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“</a> (IZBB). Das Bundesprogramm umfasste immerhin vier Milliarden EUR. Einige Länder, beispielsweise Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, nutzten es sehr produktiv, um die Infrastruktur für die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen zu verbessern. Andere Länder, beispielsweise Niedersachsen und Baden-Württemberg, kassierten das Geld, sorgten aber nicht für zusätzliches Personal. Dies überließen sie den Schulen. Erst einige Jahre später kam Baden-Württemberg auf die Idee, den Ganztag mit zusätzlichem Ehrenamt zu gestalten (sie nannten das <a href="https://www.jugendstiftung.de/"><em>„Jugendbegleitung“</em></a>). Das Programm wurde mit der Zeit modifiziert, weil sich der ursprüngliche Zweck so nicht erreichen ließ. Auch für die Umsetzung des Rechtsanspruchs hat der Bund zwei Milliarden EUR bereitgestellt, und – das ist neu – er will auch einen bescheidenen Anteil zu den Betriebs- und Personalkosten beitragen. Ob dieser Anteil mehr als ein Tropfen auf den berüchtigten heißen Stein ist, bleibt abzuwarten. Viel hängt davon ab, ob die Länder sich über diesen Anteil refinanzieren oder ob sie auch ihre Beiträge für die Finanzierung des Personals erhöhen.</p>
<p>In Nordrhein-Westfalen und in Hamburg gibt es für die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen ein Trägermodell. Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe – so steht es in dem einschlägigen nordrhein-westfälischen Erlass – ist eine <em>„zentrale Grundlage“ </em>(ein Verdienst des damaligen Abteilungsleiters <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">Klaus Schäfer</a>). Die Schule und ein Träger der freien Jugendhilfe arbeiten auf der Grundlage von Kooperationsverträgen zusammen. Eine Chance, diese Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule weiterzuentwickeln böte das vom Bundesbildungsministerium aufgelegte <a href="https://www.bmbf.de/bmbf/de/bildung/startchancen/startchancen-programm.html">„Startchancenprogramm“</a> mit 20 Milliarden EUR über zehn Jahre für sozialpädagogische Fachkräfte in sogenannten <em>„Brennpunktschulen“</em> über. Dieses Programm ließe sich gut mit der Förderung von Ganztagsprogrammen koppeln, beispielsweise über <a href="https://www.wuebben-stiftung-bildung.org/programme/familiengrundschulzentren/">Familiengrundschulzentren</a>, die in den offenen Ganztagsgrundschulen eine Fülle psychosozialer Beratungsbedarfe auffangen könnten. Leider scheint dies nicht zu funktionieren (in anderen Ländern im Übrigen auch nicht). Ein Gedanke der Vorgängerministerin im nordrhein-westfälischen Schulressort, Yvonne Gebauer (FDP), das zu ihrer Zeit schon angekündigte Programm nach dem Muster der flächendeckend eingeführten Familienzentren in den Kindertageseinrichtungen, über Familiengrundschulzentren umzusetzen, ist offenbar den aktuellen Hausleitungen in Schul- und Jugendministerium (einmal CDU, einmal Grüne) unvertraut. Stattdessen pflegen die beiden Ministerien zwei konkurrierende Programme der Familiengrundschulzentren. Im Schulministerium ressortieren immerhin OGS und Familiengrundschulzentren in einem Referat, allerdings ist für das Startchancenprogramm eine andere Abteilung zuständig.</p>
<p>In den 16 Bundesländern, bei den westdeutschen Flächenländern auch innerhalb der Länder, ist ein erschreckender Flickenteppich entstanden. Es gibt Länder und Kommunen, in denen für die Betreuung von Kindern in Kindertageseinrichtungen und Schule kein Elternbeitrag gezahlt werden muss, es gibt andere, in denen dies der Fall ist, allerdings mit unterschiedlicher Höhe. Es gibt Einrichtungen mit Fachpersonal, andere, in denen es kein Fachpersonal gibt.</p>
<p>Dennoch wird immer wieder von den Ministerien betont, Kinder bräuchten bessere Bildung. Nicht ohne Grund, zumal es inzwischen – offenbar nicht nur pandemiebedingt – Kinder in den fünften Klassen sogar von Gymnasien kaum wissen, wie man einen Stift hält. Die Zahl der Kinder, die am Ende der Grundschulzeit weder richtig lesen noch schreiben können, ist erschreckend hoch, sie liegt im Durchschnitt bei etwa 25 Prozent, womit deutlich ist, dass es Stadtteile gibt, in denen diese Zahl erheblich höher liegt. Auch dies ist ein Faktor, der die Arbeitszufriedenheit der dort tätigen Lehr- und Fachkräfte beeinträchtigen dürfte. Inzwischen gibt es angesichts der unzureichenden Finanzierung Jugendhilfeträger, die die Ganztagsbetreuung von Schulkindern aufgeben und sich nur noch auf die Betreuung von Kindern unter sechs Jahren konzentrieren.</p>
<p>Der Fachkräftemangel in Ländern und Kommunen ist ein Fachkräftemangel mit Ansage. <a href="https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/fruehkindliche-bildung/projektnachrichten/fachkraefte-radar-fuer-kita-und-grundschule-2023-ergebnisse-kita-fachkraefte">Die Bertelsmann-Stiftung wird nicht müde, jedes Jahr den Fachkräftemangel in Kita und Grundschule zu beziffern</a>. Geschehen ist – ich wiederhole mich – in den vergangenen zwanzig Jahren nichts. Aufwendige Werbekampagnen oder martialisch geframte <em>„Fachkräfteoffensiven“</em> erweisen sich als wirkungslos, zumal sie oft ein Bild der pädagogischen Berufe vermitteln, das nicht den Realitäten entspricht. Die Zahl der Studien- und Ausbildungsplätze wurde nicht erhöht, nach wie vor gibt es zu wenige Standorte, beispielsweise für zukünftige Lehrkräfte in Förderschulen. Letztlich ist eine immer weiter um sich greifende Entprofessionalisierung pädagogischer Berufe zu befürchten. Und wenn die Qualität sinkt, sinkt auch die Motivation von Eltern, ihre Kinder zur Ganztagsbetreuung anzumelden. Manche Frauen übernehmen die Betreuung ihrer Kinder dann wieder selbst (übrigens auch eine Variante von Long-COVID, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-unsichtbaren/">Jutta Allmendinger wies darauf bereits zu Beginn der Lockdowns hin)</a>. Zu Lasten ihrer Berufstätigkeit. Sie fehlen dann in anderen Berufen, manche davon auch eben in den pädagogischen Berufen. Zur Erinnerung: all dies konstituiert die <em>„reale Basis“</em>, von der Marx und Engels sprachen.</p>
<h3><strong>Privatisierung und Klassismus</strong></h3>
<p>Tragfähige Lösungen hat die Politik keine, vielleicht will sie auch keine und manche glauben immer noch geradezu magisch an das Konrad Adenauer zugeschriebene Diktum: <a href="https://www.focus.de/politik/experten/ruettgers/neuer-generationenvertrag-adenauer-kinder-bekommen-die-leute-immer_id_3578157.html"><em>„Kinder bekommen die Leute immer</em></a><em>“</em>. Erhöhung des Kindergeldes – das muss doch motivieren, Kinder in die Welt zu setzen! Wer das wirklich glaubt, leidet unter heftigem Realitätsverlust. Feststellbar ist jedoch eine erhebliche Privatisierung der Verantwortung für Bildung und Betreuung. Dazu gehören ein Trend vor allem vermögender Familien, ihre Kinder in Privatschulen anzumelden, sowie ein Boom der Nachhilfeinstitute, die aber auch wiederum nur diejenigen in Anspruch nehmen können, die es sich leisten können.</p>
<p>Die Eltern, deren Kinder ohne Probleme studieren können, hatten immer schon unter dem heuchlerischen Siegel sozialer Gerechtigkeit die Möglichkeit, selbst geringste Studiengebühren zu verhindern. Sie sprachen von armen Kindern, meinten aber in der Regel die eigenen wohlsituierten Kinder. Betreuung von kleinen Kindern, Schulkindern und Teenagern ist für Eltern jedoch ausgesprochen teuer und kann sich auf mehrere 100 EUR im Monat pro Kind belaufen. Und die Freizeit? Christoph Butterwegge verweist mit Recht darauf, dass es früher preiswert war, mit den Kindern in ein Hallenbad zu gehen, diese jedoch inzwischen oft geschlossen sind, dafür die Eintrittspreise in kommerziellen Spaßbädern für Familien mit geringen Einkommen nicht mehr finanzierbar sind: <em>„Die Gesellschaft hat die Kindheit privatisiert und kommerzialisiert.“</em></p>
<p><a href="https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb09/institute/prof-i-r/meier-graewe">Uta Meyer-Gräwe</a> referierte in der <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/april/kitas-in-der-krise-wirtschaft-in-gefahr">Aprilausgabe 2024 der Blätter für deutsche und internationale Politik</a> in ihrem Essay „Kitas in der Krise, Wirtschaft in Gefahr“ den <em>„Aufschrei von 30 Dax-Vorständen, CEOPs und Personalverantwortlichen, die ihr Geschäftsmodell durch den Mangel an Betreuungsplätzen in Kitas und Schulen akut bedroht sehen.“</em> Sie stellte zwei Fragen und beantwortete sie gleich selbst: <em>„Doch hat sich diese sehenden Auges zuspitzende Care-Katastrophe von der Wiege zur Bahre in den Verhandlungen um den Bundeshaushalt 2024 auch nur in einem einzigen Redebeitrag im Deutschen Bundestag eine Rolle gespielt? Nein. Gibt es eine Task Force im Bundeskanzleramt, die sich dieses Dramas annimmt? Nein.“</em></p>
<p>Das hat strukturelle Ursachen. Wenn die FDP in ihrer bedrohlichen Umfrage-Lage und die CDU/CSU in ihrer gemütlichen Oppositionsrolle sich vehement gegen eine Aufweichung der sogenannten <em>„Schuldenbremse“</em> äußern, verfehlen sie ebenso wie Bundesregierung und Landesregierungen ihren Auftrag. Care-Berufe, Bildungsberufe, pädagogische Berufe zählen einfach nicht als wirtschaftsrelevant. Die Beschäftigten haben auch weder Traktoren noch Lokomotiven. Uta Meyer-Gräwe: <em>„Einmal mehr zeigt sich, wie fatal es ist, wenn lediglich die Produktion von Maschinen, Autos und Rüstungsgütern als Investitionen betrachtet werden, wohingegen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsausgaben als Konsumausgaben gelten, die vor allem in Krisenzeiten unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden.“</em></p>
<p>Angesichts der heiligen <em>„Schuldenbremse“</em> steht inzwischen mehr oder weniger alles unter Vorbehalt, sodass sich die Frage stellt, ob und wie der Staat überhaupt noch in irgendeiner Form Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nehmen will. Wer sich mit Steuersparmodellen und schwer nachweisbarer Steuerhinterziehung – von Cum-Ex bis hin zur Verlagerung auf Auslandskonten in Luxemburg oder auf irgendwelche Inselstaaten – zu helfen weiß, profitiert und inszeniert sich als <em>„Leistungsträger“</em>. Hedge-Fonds-Manager ist ein attraktiver Berufswunsch, Erzieher:in oder Pfleger:in eher nicht. Wolfgang M. Schmitt hat diesen schon im Bildungssystem vermittelten Klassismus in seinen Besprechungen zu den Filmen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=NwVRJU9YdEk">„Fuck you Goethe“</a> und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=vl2YZsSKoG4">„Chantal im Märchenland“</a> treffend beschrieben.</p>
<p>Erlaubt ist schließlich die These, dass die Beteiligung von Menschen an Wahlen oder auch anderen Formen des öffentlichen Lebens sinkt, je prekärer die Arbeitsverhältnisse und Einkommen sind. Dies belegen die niedrigen Wahlbeteiligungen in entsprechenden Stadtteilen, in denen oft genug auch viele migrantische Familien (die meisten mit deutscher Staatsangehörigkeit!) zu Hause sind. Es sinkt einfach die Zuversicht, dass man es schaffen könne. Ausnahmen bestätigen die Regel, insbesondere dann, wenn es sich ungeachtet der prekären Finanzlage um gebildete Eltern handelt. Sehr lesenswert zu diesem Thema sind die Bücher von Undine Zimmer <a href="https://undinezimmer.de/blog/buch/">„Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie“</a> (Frankfurt am Main, Fischer, 2013) und <a href="http://www.christian-baron.com/">Christian Baron</a> „Ein Mann seiner Klasse“ (Berlin, Claassen, 2020).</p>
<h3><strong>Die Faulen und die Fleißigen</strong></h3>
<p><a href="https://www.mafaalani.de/">Aladin El-Mafaalani</a> vertrat in einem Gespräch mit Leila Al-Serori, das die <a href="ttps://www.sueddeutsche.de/politik/geburtenrate-el-mafaalani-demografischer-wandel-babyboomer-fachkraefte-kita-kinder-1.6495061">Süddeutsche Zeitung am 29. März 2024</a> veröffentlichte, die These, dass eine höhere Erwerbsbeteiligung von Müttern den Fachkräftemangel in manchen Bereichen erheblich lindern könnte. Vorschläge, den Fachkräftemangel vorwiegend mit mehr Zuwanderung zu lösen oder einfach darauf zu setzen, dass die Geburtenrate stiege, hülfen nicht. Würden mehr Kinder geboren, verschärfe sich natürlich auch die Belastung von Kindertageseinrichtungen und Schulen. Abgesehen davon sind die neugeborenen Kinder nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt zu finden wie sich das manche Politiker:innen in ihrem grenzenlosen Optimismus erhoffen. <em>„Wir hätten noch weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt, weil neben vielen Rentnern auch viele Kinder versorgt werden müssten. Vor allem Mütter würden ausfallen, der Fachkräftemangel sich massiv verschärfen. Frauen arbeiten vermehrt in der Pflege, in Kitas und Schulen – man kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn noch mehr Fachkräfte ausfallen und gleichzeitig mehr gebraucht werden, denn wir bräuchten dann ja mehr Kita- und Schulplätze. Dazu würden die Folgen für den Wohnraum kommen, der jetzt schon knapp ist. Wir sind also in einer enorm schwierigen demografischen Phase.“ </em></p>
<p>Wenig hilfreich sind auch die üblichen Vorschläge, alle müssten eben mehr arbeiten, in der Regel von Politiker:innen vorgetragen, die sich selbst eigentlich nie groß um Kinderbetreuung und Altenpflege kümmern mussten. Der Bundesfinanzminister schwärmte zuletzt, man müsse mehr <a href="https://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-maybrit-illner-ampel-christian-lindner-ricarda-lang-1.6862144"><em>„Lust auf die Überstunde“</em></a> machen, ein Modell, das – wie <a href="https://www.zeit.de/2024/19/arbeitsmoral-deutschland-arbeitszeit-wirtschaft">Carla Neuhaus in der ZEIT</a> vermerkt – sich nach wie vor am männlichen Vollzeitmodell orientiert. Die angestrebte Steuerfreiheit für Überstunden soll es natürlich nur für Vollzeitkräfte geben, damit diese nicht ihre Arbeitszeit reduzieren, um bisher steuerpflichtige Arbeitszeit in steuerfreie Überstunden zu verwandeln.</p>
<p>Julia Wertheim nennt all dies – ebenfalls in der ZEIT – <a href="https://www.zeit.de/kultur/2024-02/arbeitsmoral-faulheit-deutschland-job-leistung/komplettansicht">„Eine ganz faule Geschichte“</a> – es ist wieder einmal der Versuch einer Spaltung der Gesellschaft in <em>„Faule“</em> und <em>„Fleißige“</em>, anders gesagt ein Versuch der <em>„Moralisierung“</em> der Debatte mit Schuldzuweisungen an Menschen, die gerne arbeiten wollen, aber nicht dürfen oder aufgrund der Rahmenbedingungen nicht arbeiten können, Kranke und Zugewanderte gehören dazu, aber auch viele Frauen, die Teilzeit nicht wählen, weil sie nicht mehr arbeiten wollten, sondern aus den Gründen der Doppelbelastung mit Familie und Beruf sowie der fehlenden öffentlichen Kinderbetreuung.</p>
<p>Besonders beliebt ist zurzeit die Anprangerung der angeblich fehlenden Bereitschaft der sogenannten <em>„Generation Z“</em> zu arbeiten. Abgesehen davon, dass die Erhöhung von Arbeitszeiten auch die Forderung nach mehr Kinderbetreuung nach sich ziehen wird, die schon jetzt nicht gewährleistet werden kann, zeugt das Generation-Z-Bashing von einer unerträglichen Arroganz. Es ist mehr als berechtigt, wenn junge Menschen fordern, dass ihre Arbeitsplätze menschen- und familienfreundlich gestaltet werden, dass ihre Chef:innen sich nicht patriar- beziehungsweise matriarchalisch verhalten, sondern sie als Kolleg:innen akzeptieren und ihnen Gestaltungsspielräume ermöglichen. Niemand darf sich über mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von Ehrenämtern beschweren, wenn freie Zeit ausschließlich von Arbeitszeit in Anspruch genommen wird. Die Betreuung von Kindern und Eltern beziehungsweise Großeltern – oft sogar gleichzeitig – kommt nun einmal für viele dazu. Das wissen junge Menschen, vor allem die jungen Frauen.</p>
<p>Klaus Hurrelmann hat sich im Gespräch mit Julia Bell <a href="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/karriere/generation-z-in-der-arbeitswelt-das-hat-es-nicht-mal-bei-den-68ern-gegeben-11558312.html">am 23. April 2024 im Tagesspiegel</a> (auch zuvor im Handelsblatt erschienen) zu diesem Thema geäußert. Heute haben junge Menschen eine hohe <em>„Marktmacht“</em>: Sie brauchen keine Traktoren, um ihre Interessen zu bekunden (abgesehen davon: Erzieher:innen und Altenpfleger:innen habe Traktoren und Lokomotiven nur im Spielzeugformat). <em>„Sie wollen arbeiten und etwas erreichen, aber eben zu ihren Bedingungen. Ich rate Unternehmen übrigens auch dazu, sich klarzumachen: Nur weil jemand im Einstellungsprozess bestimmte Forderungen stellt, heißt das nicht, dass er oder sie sich später nicht auf Kompromisse einlassen wird.“</em> Klaus Hurrelmann ist optimistisch: <em>„Die Forderungen der Gen Z werden ein besseres Arbeitsklima für alle zur Folge haben. Und wenn ihre Ansprüche erst mal umgesetzt sind, dann ist diese Generation auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sobald die Gen Z erst mal richtig ernst genommen wird, werden alle anderen von ihr profitieren, etwa von ihrer digitalen Intuition. Bis dahin müssen Arbeitgeber aber stark sein.“ </em></p>
<p>Nicht nur am Rande: Erinnert sich noch jemand an die Aufdeckung der skandalösen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie während der Corona-Pandemie? Und was hat sich im Pflegesektor verändert? Dazu lohnt sich vielleicht ein Blick in frühere Beiträge im Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-kapitalismus-und-die-pandemie/">„Der Kapitalismus und die Pandemie“</a> mit einer Vorstellung von Büchern von Christoph Butterwegge und Michael Klundt sowie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/who-cares/">„Who Cares?“</a> über eine (autobiographisch inspirierte) Dokumentation von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-glueck-der-aussenseiter/">Frédéric Valin</a> zum Pflegebereich. Was sich in der Pandemie zeigte, gilt nach wie vor. Das Image sozialer Berufe leidet angesichts der fehlenden Bereitschaft zu nachhaltigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erheblich. Nach wie vor.</p>
<p>Es gäbe auch noch eine weitergehende Lösung, Engpässe in der Kinderbetreuung und Arbeitsbedingungen aneinander anzupassen. In einem von David Gutensohn protokollierten Gastbeitrag für die ZEIT bekennt Carsten Maschmeyer, der sich bisher nicht gerade als profilierter Sozialpolitiker ausgewiesen hat: <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2024-01/viertagewoche-arbeitszeitmodell-carsten-maschmeyer/komplettansicht"><em>„Ich als Investor fürchte mich nicht vor der Viertagewoche“</em></a>. Das starre Beharren auf der Fünftagewoche und der Glaube, dass Produktivität mit Überstunden steige, sei einfach falsch. Eine Viertagewoche mit 32 Stunden reduziere die Fehleranfälligkeit in Randstunden (nicht nur am Montagmorgen, auch am Freitagnachmittag oder am späten Nachmittag), reduziere überflüssige Meetings, verringere die Zahl von Burn-Out-Fällen, mache Arbeit attraktiver: <em>„Unternehmen sollten nach Leistung und nicht nach Anwesenheit bezahlen.“ </em>Das gerade begonnene bundesweite Pilotprojekt mit 50 größeren wie kleineren Unternehmen sei ein Schritt in die richtige Richtung. <em>„</em><em>Wer in Zukunft noch erwartet, dass alle Angestellten an fünf Tagen arbeiten und dazu am besten nur noch in Präsenz und nicht im Homeoffice, wird erst den Wettbewerb um die Talente und dann den um alle anderen Fachkräfte verlieren. Ich als Chef eines Unternehmens kann mit meiner Verantwortung vielleicht nicht nur an vier Tagen in der Woche arbeiten, aber fast alle anderen können das.“ </em>Gute Ergebnisse hat wohl auch der <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2023-02/vier-tage-woche-produktivitaet-pilotprojekt">Feldversuch mit 61 Unternehmen in Großbritannien</a>. Es habe unter anderem weniger Fehlstunden gegeben. 56 Unternehmen wollen die Viertagewoche beibehalten.</p>
<p>Kurz: Es geht um auskömmliche Bezahlung sozialpädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, Ganztagsschulen und Pflege, familienfreundliche Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen, eine gut ausgestattete und qualitativ anspruchsvolle Kinderbetreuung, alles finanzierbar mit dem Geld, das der Staat bisher an diejenigen verschwendet, die es gar nicht brauchen, während diejenigen, die es dringend bräuchten, sich noch beschimpfen lassen müssen, sie wären nicht fleißig genug. Neoliberalismus und Klassismus sind ein wirkmächtiges Paar. Sie sind die <em>„reale Basis“</em> einer scheiternden und illusionären Kinderpolitik.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2024, Internetzugriffe zuletzt am 6. Mai 2024, Titelbild: © Stiftung SPI / Thomas Richert.)</p>
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		<title>Das Kind im Mittelpunkt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-kind-im-mittelpunkt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Sep 2023 05:29:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Kind im Mittelpunkt Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin Ein Grundsatz der Kinder- und Jugendhilfe ist die Zusammenarbeit von öffentlichen und freien Trägern. § 4 SGB VIII enthält die gesetzlich verbriefte Vorschrift: „Die öffentliche Jugendhilfe soll mit der freien Jugendhilfe zum Wohl junger Menschen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Das Kind im Mittelpunkt</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin</strong></h2>
<p>Ein Grundsatz der Kinder- und Jugendhilfe ist die Zusammenarbeit von öffentlichen und freien Trägern. <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__4.html#:~:text=Sozialgesetzbuch%20%28SGB%29%20-%20Achtes%20Buch%20%28VIII%29%20-%20Kinder-,Wohl%20junger%20Menschen%20und%20ihrer%20Familien%20partnerschaftlich%20zusammenarbeiten.">§ 4 SGB VIII</a> enthält die gesetzlich verbriefte Vorschrift: <em>„Die öffentliche Jugendhilfe soll mit der freien Jugendhilfe zum Wohl junger Menschen und ihrer Familien partnerschaftlich zusammenarbeiten.“</em> Es gibt in der Kinder- und Jugendhilfe einige Aktive, die beide Seiten in sich vereinen.</p>
<div id="attachment_3704" style="width: 293px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3704" class="wp-image-3704 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-283x300.jpg" alt="" width="283" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-200x212.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-283x300.jpg 283w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-400x424.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-600x637.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-768x815.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-800x849.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-965x1024.jpg 965w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-1200x1273.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg.jpg 1309w" sizes="(max-width: 283px) 100vw, 283px" /><p id="caption-attachment-3704" class="wp-caption-text">Annette Berg. Foto: privat</p></div>
<p>Eine davon ist Annette Berg, gelernte Erzieherin und studierte Sozialpädagogin. Sie ist Mitglied der SPD. Sie hat auf ihrer ersten Stelle in Wuppertal ein Jugendstadtteilzentrum für die Kirchengemeinde und das Diakonische Werk aufgebaut. Im Jahr 2000 wechselte sie nach Monheim (Kreis Mettmann, in der Nähe von Düsseldorf auf dem Weg nach Köln), ab Januar 2000 zunächst als Jugendpflegerin und Leiterin der Abteilung Jugendförderung, ab November 2000 als Leiterin des Jugendamtes, eine Funktion, die sie ab September 2014 auch in Essen erfüllte. Von Oktober 2016 bis September 2020 war sie Beigeordnete in Gelsenkirchen und dort für Kultur, Jugend, Schule, Sport und Integration zuständig. Seit Oktober 2020 ist sie Direktorin der <a href="https://www.stiftung-spi.de/">Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“</a> in Berlin.</p>
<p>Schon zu Beginn ihrer Tätigkeit sprach sie beispielsweise <a href="https://www.businesstalk-kudamm.com/digitales/bildung-profitiert-vom-einsatz-multiprofessioneller-teams-anette-berg-stiftung-spi/">im Businesstalk Kudamm</a> engagiert über ihre Ziele und Veränderungen in Bildung und Jugendhilfe. Für den Demokratischen Salon haben wir im Anschluss an das <a href="https://vimeo.com/854643918">Fachgespräch „Den unsichtbaren Armutsrucksack leichter machen“ vom 2. Juni 2023</a> über die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen 25 Jahren gesprochen, nicht zuletzt über das Glanzstück ihrer Monheimer Zeit, das <a href="https://www.monheim.de/kinder-jugend/moki-monheim-fuer-kinder/">Projekt „Monheim für Kinder“</a>, das später die Blaupause für verschiedene aufeinander aufbauende Landesprogramme in Nordrhein-Westfalen wurde, die inzwischen unter der Bezeichnung <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark – NRW schafft Chancen“</a> landesweite Verbreitung finden. Die Vorläuferprogramme trugen die Namen „Kein Kind zurücklassen“ und „Kommunale Präventionsketten“.</p>
<h3><strong>Biographische Aspekte </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sehen Sie Ihre verschiedenen kommunalen Erfahrungen im Vergleich?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Monheim war ein kleines feines Jugendamt. Als ich anfing, gab es eine eher noch traditionell ausgerichtete Jugendhilfe, die mit dem Eintritt der Kinder in die Grundschule begann. Alles was davor war, wurde nicht so sehr beachtet. Alles war sehr von den Hilfen zur Erziehung (HzE) geprägt. Die Aufgabe in Monheim war die Weiterentwicklung des Jugendamtes über neue Perspektiven, insbesondere über das Thema Armut. Dies begründete sich auch aus der Haushaltslage der Stadt und der sozialen Situation der Kinder. Es wurde eine neue Struktur für das Jugendamt entwickelt, natürlich basierend auf dem SGB VIII. Die präventive und strategische Ausrichtung war aber etwas ganz Neues. Dazu gleich mehr.</em></p>
<p><em>In Essen war das Jugendamt wesentlich größer. Die Aufgaben stellen sich natürlich unabhängig von der Größe. Aber allein durch die Größe und die stadtteilorientierte Herangehensweise gab es einen anderen Fokus. Es ging darum, Bestehendes noch einmal anders auszurichten, in enger Zusammenarbeit mit den freien Trägern. Die Bezirke der Stadt sind einzelnen Trägern zugeordnet, die dort dann Hauptanbieter sind. In Essen ging es uns vor allem darum, den roten Faden zu finden. Wie kann man die Ziele besser ausrichten, auch das weiterentwickeln, was ich in Monheim aufgebaut hatte. Allerdings war ich in Monheim auch Mitglied des Vorstands und hatte daher einen breiteren Blick auf die Entwicklungen. In Essen konnte ich mich als Amtsleiterin vor allem auf das eigentliche Jugendamt konzentrieren. In Teilen gab es auch schon eine Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe. Für Schule war allerdings eine andere Amtsleitung zuständig.</em></p>
<p><em>In Gelsenkirchen stand die politische Arbeit im Mittelpunkt, mit Schwerpunkt auf Jugend, Kultur, Bildung, Sport und Integration. Mir ging und geht es immer zuerst um die Sicherung der Zukunftschancen für Kinder. Darauf sollte die Arbeit ausgerichtet werden. Die Situation in der Stadt Gelsenkirchen spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle, denn Gelsenkirchen hat eine hohe Armutsquote und dazu eine schwierige Haushaltslage. Die fachlich-inhaltliche Arbeit verband sich mit der politischen Arbeit, der Arbeit im Verwaltungsvorstand, mit dem Rat, um so eine Basis für eine gute Politik für Kinder zu schaffen. Es ging um die Grundlagen, im Hinblick auf die wachsende Bevölkerung gerade auch im Zusammenhang mit der Integrationspolitik.</em></p>
<p><em>Der Wechsel nach Berlin beruhte auf meinem eigenen Entscheidungsprozess. Mir ging es darum, dass ich die 20 Jahre im Öffentlichen Dienst, in der Kommunalverwaltung, in einen größeren Bezug bringe, das heißt, dass ich über die Stiftung SPI die Chance sah, auch anderen Kommunen Lösungsmöglichkeiten zu eröffnen. Auch wieder mit dem Fokus der Verbesserung der Lebensbedingungen für Kinder. Die Stiftung SPI hat etwa 800 Mitarbeiter:innen, eine sehr weite Streuung in Berlin, auch in Brandenburg. Wir haben auch Beziehungen in andere Bundesländer. Wir sind ein Sozialunternehmen, eine gemeinnützige Stiftung der Arbeiterwohlfahrt des Landes Berlin. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf vielleicht kurz einwerfen, dass jeder der zwölf Berliner Bezirke größer ist als fast jede nordrhein-westfälische Großstadt. Gelsenkirchen und Mönchengladbach haben jeweils etwa 260.000 Einwohner:innen, Bonn etwa 330.000, Pankow hat etwa 410.000, Neukölln etwa 330.000, Marzahn-Hellersdorf etwa 290.000.</p>
<p>Sie haben nach Ihrem Wechsel von einem freien Träger zu einer Kommune im Jahr 2000 einen Wechsel von der Seite der öffentlichen Träger zu einem freien Träger gewagt, zurück zu Ihren Ursprüngen in Wuppertal, aber diesmal in einer leitenden und weitreichend verantwortlichen Position.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Die andere Seite, ja. Die Stiftung hat enge Verbindungen zu den Kommunen und zu den Landesbehörden. Meine enge Kenntnis der Strukturen und Verwaltungsabläufe, der Entscheidungsstrategien und Prozesse in den Kommunen hilft mir natürlich sehr. Das ist für unsere Kooperationspartner immer wichtig, weil das Wissen um die internen Abläufe oft doch einige Schwierigkeiten macht, wenn man nur eine Seite kennt.</em></p>
<h3><strong>Wie Monheim zur Hauptstadt für Kinder wurde</strong></h3>
<div id="attachment_3705" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3705" class="wp-image-3705 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-300x189.jpg" alt="" width="300" height="189" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-200x126.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-300x189.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-320x202.jpg 320w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-400x252.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-600x378.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-700x441.jpg 700w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-768x484.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3705" class="wp-caption-text">Als Leiterin des Jugendamtes entwickelte Annette Berg das Konzept &#8222;Hauptstadt für Kinder&#8220; Hier zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein Daniel Zimmermann (l.) und dem Koordinator Kinderschutz Jürgen Meyer (r.). Foto: privat</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das lässt sich durchaus in der Breite der Zuständigkeiten sehen. Ich selbst habe das Glück gehabt, dass ich die Offene Ganztagsschule (OGS) in Nordrhein-Westfalen zunächst in der Jugendabteilung und dann nach einer Umorganisation in der Schulabteilung vorantreiben durfte. Das gibt schon einen breiteren Blick als wenn ich immer nur eine Seite kennengelernt hätte. Sie haben in Gelsenkirchen auch eine große Breite der Zuständigkeiten kennengelernt und darüber hinaus mit Monheim und Gelsenkirchen in Verwaltungsvorständen einer Großstadt und einer Mittelstadt arbeiten können. Monheim hat etwa 40.000 Einwohner:innen.</p>
<p>Eine wichtige Sache ist natürlich immer die Ressourcenfrage. Ich habe immer gesagt, dass die Stadt Gelsenkirchen eine Meisterin in der Erschließung von Ressourcen war und ist. Das war unter Ihrem Vorgänger Manfred Beck (Grüne) so, das haben Sie fortgesetzt. Gelsenkirchen hatte immer viel Fantasie und Kreativität.</p>
<p>Aber schauen wir einmal näher hin. Mit dem Berliner Viertel in Monheim fing es an.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ja, damit fing es an. Der Titel „Monheim für Kinder“ entstand im Verlauf. Als ich die Leitung des Jugendamtes übernahm, gab es einen sehr prominenten Jugendhilfefall, der in der Boulevardpresse breit diskutiert wurde. Es ging um den sogenannten „Brummi-Andi“, einen Jugendlichen, der LKW entwendet und in Holland einen Polizisten überfahren hat. Ich habe festgestellt, dass wir nicht nur diesen, sondern auch andere vergleichbare, wenn auch nicht so spektakuläre Fälle hatten. </em></p>
<p><em>Es gab zudem einen starken Anstieg der HzE-Fälle, der Hilfen zur Erziehung, und Monheim war Nothaushalts- und Haushaltssicherungskommune. Wir durften keinen Haushalt beschließen, der nicht vom Kreis Mettmann als Aufsichtsbehörde genehmigt war. Wir durften nur pflichtige Leistungen erbringen, keine freiwilligen Leistungen, und die HzE-Fälle fraßen als pflichtige Leistungen das Budget auf. Es gibt immer eine große Diskussion in der Kinder- und Jugendhilfe, was freiwillige Leistungen sind. Darunter versteht man oft die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Prävention. Die pflichtigen Leistungen sind dann die Hilfen zur Erziehung, die Kindertageseinrichtungen mit ihrem Rechtsanspruch, Leistungen, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Wir können im Nothaushalt nicht einfach beschließen, bestimmte Projekte zu finanzieren. Der Aufwand ist hoch, ein solches freiwilliges Projekt zu begründen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und damit sind wir beim Knackpunkt: ein Nothaushalt erschwert präventive Programme erheblich, während interventive Leistungen, die erst erfolgen, wenn das berühmte Kind in den Brunnen gefallen ist, pflichtige Leistungen sind, die aber vielleicht gar nicht erforderlich gewesen wäre, wenn man zuvor präventiv tätig geworden wäre. Mag kompliziert klingen, ist aber der Kern der Probleme zur Konzeption und Durchsetzung einer präventiv ausgerichteten Politik. MoKi ist nun einmal ein klassisches präventives Programm und daher auch eine freiwillige Leistung der Kommune.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Genau das war der Punkt. Wir haben uns die HzE-Fälle angeschaut und festgestellt, dass die die Leistung bedingende Problemlage bereits in der frühen Kindheit vorlag, die Leistung</em> <em>oft nicht lange genug gewährt wurde, es manchmal auch gar kein passendes Angebot gab oder die Eltern nicht früh genug zum Jugendamt gekommen waren. Manchmal begann die Hilfe bei einem vierzehnjährigen Teenager, aber man sah, dass die Probleme schon beim dreijährigen Kind bestanden hatten. Unsere Idee: Die Hilfe muss früher ansetzen und das heißt, dass uns die Eltern schon früher mit unseren Hilfsmöglichkeiten sehen können. Wir haben dann ein Konzept mit dem Titel „Kinderinfoladen“ entwickelt, im Berliner Viertel in Monheim, ein sozialer Brennpunkt, der auch im Landes- und Bundesprogramm „Soziale Stadt“ anerkannt war.</em></p>
<p><em>Dieses Projekt „Kinderinfoladen“ wurde als präventive Leistung von der Kommunalaufsicht nicht genehmigt. Wir waren aber sehr ambitioniert. Gleichzeitig wurde die </em><a href="https://www.iss-ffm.de/themen/alter/projekte-1/langzeitstudie-zur-lebenssituation-und-lebenslage-armer-kinder"><em>AWO-ISS-Armutsstudie</em></a><em> veröffentlicht, damals unter der Leitung von Gerda Holz. Die AWO Niederrhein hatte mit Jürgen Otto eine neue Leitung. Wir hatten auch festgestellt, dass etwa 90 Prozent der Hilfefälle aus Familien im Sozialhilfebezug kamen. Aus unseren Gesprächen entwickelte sich die Idee eines gemeinsamen Projekts mit dem Ziel, Kinder aus Armutsfamilien möglichst früh zu erreichen. Wir landeten damit beim </em><a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/organisation/lvrdezernate/jugend_1/landesjugendamt_1/landesjugendamt_1.jsp"><em>Landesjugendamt Rheinland</em></a><em>, beim Landesjugendhilfeausschuss, und so wurde diese Idee als Projekt des Landesjugendhilfeausschusses Rheinland gefördert. Parallel dazu konnten wir mit dem Kämmerer der Stadt Monheim, Max Hermann, übereinkommen, dass das Projekt ein Beitrag für ein Haushaltssicherungskonzept sei, weil es dafür sorgte, dass Familien zu einem späteren Zeitpunkt geringere Kosten verursachten, weil sie dann bestimmte Hilfen eben nicht mehr brauchen würden. Das sah dann auch die Kommunalaufsicht so. </em></p>
<p><em>So nahmen die Dinge ihren Lauf und „Monheim für Kinder“ startete im Jahr 2001 als Modellprojekt des Landesjugendhilfeausschusses Rheinland. Wir haben mit Kindertageseinrichtungen im Berliner Viertel begonnen. Wir haben Beratung in der KiTa aufgebaut, frühe Hilfen implementiert. Daraus entstand das erste Familienzentrum in Nordrhein-Westfalen. </em></p>
<h3><strong>Die Dinge nehmen ihren Lauf – Parteien übergreifend</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ab 2005 sorgte das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Jugendminister Armin Laschet (CDU) dafür, dass die Idee der <a href="https://www.familienzentrum.nrw.de/">Familienzentren</a> landesweit implementiert werden konnte. 2010 übernahm wieder eine rot-grüne Regierung, die die Familienzentren weiter ausbaute und – dies war eine Idee der damaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) – das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ auf den Weg brachte, das dann aber nach dem neuerlichen Regierungswechsel im Jahr 2017 unter anderem Namen – „Kommunale Präventionsketten“ – aufgegriffen wurde und etwas später in das Programm „kinderstark“ überführt wurde. Hannelore Kraft vertrat die These, dass Investitionen in die Prävention spätere Investitionen in die Intervention verringern. Das ist ungeachtet der Namensänderungen ein hervorragendes Beispiel für politische Kontinuität in diesem wichtigen Thema. Und Sie können sagen: in Monheim fing es an.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Durch den Beschluss des Landesjugendhilfeausschusses wurde die Politik aufmerksam. Wir sind viel herumgefahren, haben das Projekt vorgestellt, immer wieder darüber geredet.</em> <em>Ich sehe immer noch die damaligen Kolleg:innen mit langjähriger Erfahrung in den Jugendämtern vor mir, die sich anhörten, was wir uns in dem kleinen, feinen Monheim ausgedacht hatten. </em><a href="https://idw-online.de/de/news82176"><em>2004 erhielten wir mit dem Projekt den ersten Deutschen Präventionspreis</em></a><em> der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, des Bundessozialministeriums und des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und fünf Jahre später erschien der 13. Jugendbericht mit dem Generalthema „Gesundes Aufwachsen“. Ich sehe da viele Zusammenhänge, in der Aufmerksamkeit nicht nur der Jugendministerien, sondern auch der Sozial- und Gesundheitsministerien. Präventive Kinder- und Jugendhilfe sorgt für physisch und psychisch gesunde Kinder.</p>
<div id="attachment_3706" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3706" class="wp-image-3706 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2.jpg 414w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3706" class="wp-caption-text">DieKinder stehen im Mittelpunkt, so wie hier beim Sportevent im Rahmen von &#8222;MoKi&#8220;. Foto: privat</p></div>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Es war ein ganz großer Erfolg. Die zugrundeliegende präventive Idee wurde mit dem Präventionspreis noch bekannter. Die Präventionskette, wie wir das dann nachher nannten, wurde zum Standard. Wir blieben auch nicht bei der KiTa stehen, sondern gingen in den frühkindlichen Bereich, mit den „Frühen Hilfen“. Wir wollten eine die Lebensbiographie begleitende Struktur im Stadtteil schaffen. Mittlerweile wurde MoKi in fünf Etappen aufgebaut, die Frühen Hilfen, die KiTa, dann die Grundschule, der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule und der Übergang von der Schule in den Beruf. Ich bin stolz darauf, dass ich das mitgestalten durfte. Es hat sich zu einer Strategie entwickelt – Monheim als Hauptstadt für Kinder. Die Fokussierung auf die Zukunftschancen für Kinder ist in der integrierten Sozialplanung heute nicht mehr wegzudenken </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Am Anfang stand eine wissenschaftliche Studie. Gab es auch eine Evaluation?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>MoKi wurde durch das ISS, unter Federführung von Gerda Holz, </em><a href="https://www.iss-ffm.de/forschung-beratung/beratung/praeventionsketten"><em>evaluiert</em></a><em>. Die Wirkung von MoKi, die Wirkung einer präventiv ausgerichteten Politik wird immer wieder diskutiert. Zum Beispiel: Habt ihr weniger Heimunterbringung? Das ist natürlich schwierig zu belegen. Es gibt kaum Vergleichsdaten und viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, beispielsweise in Folge von steigenden Inobhutnahmen unbegleiteter Geflüchteter. Aber immerhin konnten wir feststellen, dass der Anstieg der Heimunterbringungen nicht linear zum Anstieg auf Bundesebene verlief, sondern darunter lag. Eindeutig klar ist, dass es zu Beginn unseres Projekts nur minimale Leistungszahlen für Kinder unter sechs Jahren gab. Weil unsere Arbeit mit vielen ambulanten Maßnahmen einherging, hat sich das inzwischen sehr verbessert. Es ging ja darum, früh bei den Eltern und den Kindern anzusetzen. Das ist wohl gelungen, in den Grundschulen sanken manche Unterstützungsbedarfe messbar. </em></p>
<p><em>Wir konnten auch feststellen, dass gerade in sozial benachteiligten Stadtquartieren die Übergangsquoten ins Gymnasium nachweislich gesteigert werden konnten. Es ist außerdem gelungen, das Eintrittsalter in Kindertageseinrichtungen zu senken. Vor allem aus migrantischen Familien kamen die Kinder oft erst im Alter von fünf Jahren in die KiTa. Wir haben erreicht, dass mehr Kinder früher und länger in die KiTa gehen. Die Verweildauer konnte von einem auf zwei oder sogar auf drei Jahre erhöht werden. Weitere Punkte lassen sich in den Studien von Gerda Holz nachlesen. </em></p>
<p><em>MoKi ist ein sehr filigranes System. Wir haben uns angeschaut, wie Schuleingangsuntersuchungen wirken, wie Wohnungssituationen aussehen, dabei natürlich die Frage gestellt, wie wir mit Wohnungsgesellschaften reden können, um die Verhältnisse für Kinder zu verbessern. Es geht um eine integrierte Herangehensweise. Alles, was Kinder betrifft, wird auf die Kinder ausgerichtet. Es ist uns auch gelungen, in die Schule hineinzuwirken, beispielsweise über die Offene Ganztagsschule (OGS). Zu vermitteln, welche Chancen darin für die Kinder liegen, war ein interessanter Weg. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Schulleiter aus dem Berliner Viertel, der zunächst gar nicht so aufgeschlossen war. Er hat erwartet, dass die Kinder in der Ganztagsgruppe lernen, einen Aufsatz zu schreiben. Dabei hat er nicht daran gedacht, dass die Kinder noch gar nicht genug Deutsch konnten. Wir mussten darüber sprechen, wie wir erreichen, dass Kinder Schule können. Das ist eine genuine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Das eine geht ohne das andere nicht, wenn wir für jedes Kind den bestmöglichen Schulabschluss erreichen wollen. </em></p>
<p><em>Wir haben ein Ampelsystem entwickelt, sodass die Schule sehen konnte, wie sich zum Beispiel das Sozialverhalten von Kindern aus MoKi-KiTas entwickelte. So konnten wir sehr schnell reagieren, wenn sich etwas veränderte, die Ampel zum Beispiel von grün auf gelb sprang. Wir haben in einigen Schulen sogar eine eigene MoKi-Kraft etabliert. Das war natürlich nur möglich, weil die Stadt sagte, MoKi ist unser Ding. Es gab auch eine Förderung über die </em><a href="http://www.sw-nrw.de/nachrichten/home/"><em>Stiftung Wohlfahrtspflege</em></a><em>, aber MoKi war in der Stadt und im städtischen Haushalt inzwischen etabliert. Wir waren auch darin ziemlich gut, Mittel über Dritte zu akquirieren. Kreativität in der Entwicklung von Lösungen und in der Akquise von Fördermitteln.</em></p>
<h3><strong>Am Anfang steht die Vision</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich höre immer wieder von manchen Seiten, es gebe doch so viele Programme, könnte man die nicht zu einem Programm zusammenfassen? Das ist natürlich Unsinn, weil diese Programme unterschiedliche Adressat:innen, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Themen und auch unterschiedliche Interessen von Seiten der Mittelgeber:innen spiegeln. Aber wie schafft man es als Stadt, in den vielen Programmen den Überblick zu erhalten und das zu nutzen, was einem nützt?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ich glaube, entscheidend ist, dass man sich klarmacht, wie integriertes Handeln, integriertes Management funktioniert. Bei MoKi ging es zunächst um die Reduzierung von Heimunterbringungen sowie um die Schaffung lebensbegleitender, Entwicklung fördernder Hilfen. Sie brauchen eine gute Analyse der Situation vor Ort und Klarheit über Ihre Ziele, Ihre Vision. Das ist das Handlungsleitende. Meiner Erfahrung nach ist es sehr effektiv, sich klarzumachen, was man erreichen will. Dann findet sich die Finanzierung. Wir haben in Monheim mit unserem Ansatz natürlich auch Politik gemacht, sodass das auch für das Land interessant wurde. So konnten wir uns in diesem Kreislauf bewegen. Das ist eine planungsvolle, strukturierte, strategische Vorgehensweise. Man muss erst einmal wissen, was man will.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Braucht man eine eigene Stelle für das Fundraising?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Eine Fundraisingstelle hatte ich nie. Aber es hat ja auch etwas mit Bewegung für die ganze Stadt zu tun. Wenn ich Politik mache, überzeuge ich andere Menschen. Wenn ich es gut mache. Dann gibt es auch Ressourcen. Es kann auch nicht sein, dass wir immer nur additiv denken. Wenn ich ein Ziel habe, muss ich darüber nachdenken, ob das, was ich mache, auch zu diesem Ziel führt. Das hat viel mit Kommunikation, mit Überzeugungsarbeit zu tun. Für mich war das immer meine Arbeit. Und wenn ich mal jemanden hatte, der Förderprogramme heraussuchte, war das eine Hilfe. Aber es war eben wichtig, dass viele auf das gleiche Ziel hinarbeiteten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine wichtige Unterstützung bieten – wenn sie sie bieten – die kommunalen Spitzen, die Oberbürgermeister:innen, Bürgermeister:innen, die Räte. Da gibt es sicherlich auch Widerstände?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Widerstände gibt es immer. Aber wenn die eine Tür zu ist, kann man fast immer eine andere öffnen. Dazu gehört auch Beharrlichkeit, eine gute Beteiligung, Einbindung. Man ist gut beraten, möglichst viele mitzunehmen, indem man Wirkungsmodelle vorstellt, auch im Verlauf. In Monheim würde niemand mehr in Frage stellen, dass man Zukunftschancen für Kinder aufbauen muss. Auch im Land Nordrhein-Westfalen nicht mehr. Das ist Standard.</em></p>
<p><em>Es gibt natürlich auch die Frage, was ist mit den anderen Kindern? Warum mache ich nur etwas für die armen Kinder? Wenn die Eltern nicht arbeiten, warum sollte ich die dann unterstützen? Die Eltern sind doch zu Hause, da sollen die sich doch um die Kinder kümmern. Solche Diskussionen erlebe ich öfter. Dahinter stehen ja auch Einstellungen. Deshalb sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, wie wir Zukunft für Kinder schaffen und nicht, wie wir die Eltern unterstützten wollen. Damit erreicht man einen parteiübergreifenden Konsens. Sie sehen es an den Parteizugehörigkeiten der Ministerpräsident:innen, Jugend- und Schulminister:innen der letzten 20 Jahre in Nordrhein-Westfalen. SPD, CDU, Grüne, FDP – alle waren und sind im Boot. </em></p>
<h3><strong>In Berlin: ein Institut für innovative soziale Arbeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu Berlin. Was sind die Hauptaufgaben der Stiftung SPI?</p>
<div id="attachment_3707" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3707" class="wp-image-3707 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3707" class="wp-caption-text">Jugendsozialarbeit in Brandenburg: die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist bei der Stiftung SPI zentral. © Stiftung SPI.</p></div>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Die Stiftung SPI wurde als gemeinnützige Stiftung öffentlichen Rechts 1981 durch den AWO-Landesverband Berlin gegründet. Wir haben fünf Geschäftsbereiche in Berlin und in Brandenburg. In Brandenburg haben wir kurz nach der Wende angefangen, die Jugendhilfe aufzubauen, in allen denkbaren Bereichen. Wir haben das Landesministerium begleitet. In Berlin haben wir den Geschäftsbereich Gesundheit, Wohnen und Beschäftigung, der Suchtberatung, Präventionsangebote zur Sucht und Wohnen für suchtkranke Menschen anbietet. Der Bereich Lebenslagen und Stadtentwicklung umfasst die Demokratiebildung, die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsradikalismus, wir begleiten die U18-Wahl in Berlin. Wir haben die Fachschule am Halleschen Ufer in Berlin-Kreuzberg. Diese wurde einmal von </em><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/marie-juchacz"><em>Marie Juchacz</em></a><em> geleitet, es gibt sie schon seit über 100 Jahren. Wir haben etwa 1.400 Studierende, Erzieher:innen, Heilpädagog:innen, im dualen Bereich sowie in Vollzeit. Es gibt Angebote für Fort- und Weiterbildung, Zusatzqualifikationen und so weiter. Wir haben einen großen Geschäftsbereich Strategien und soziale Integration, der für das Bundesfamilienministerium, für das Land Berlin, für die Kinderschutzkommission NRW große Programme begleitet. Ein Beispiel ist das jetzt beendete </em><a href="https://sprach-kitas.plattform-spi.de/"><em>SprachKiTa-Programm</em></a><em>. Viele bekannte Programme wie die Jugendstrategie der Bundesregierung werden von uns begleitet. </em></p>
<p><em>Wir verstehen uns als Institut für innovative soziale Arbeit. Meine Aufgabe als Direktorin, Institutsleiterin und Vorstandsvorsitzende ist einmal die strategisch-inhaltliche Ausrichtung, die Rahmung der Gesamtstiftung. Zu meinen Aufgaben gehören auch die Außenvertretung und die wirtschaftliche Sicherung. Wir sind eine sehr gesunde Stiftung. Eine besondere Stärke haben wir durch die Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Ausbildung. Das ist vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal der Stiftung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht suchen wir uns ein exemplarisches Projekt heraus, an dem deutlich wird, wie das Institut arbeitet. Ich schlage vor, dass wir über den Kinderschutz sprechen.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ein Mega-Thema. Als ich nach Berlin kam, gab es die schrecklichen Kinderschutzfälle in Lügde, auf dem Campingplatz. Der nordrhein-westfälische Landtag gründete in dem Zusammenhang eine </em><a href="https://www.landtag.nrw.de/home/der-landtag/ausschusse-und-gremien-1/fachausschusse-1/a041-kommission-zur-wahrnehmung.html"><em>Kinderschutzkommission</em></a><em>. Diese hat bei der Stiftung SPI ein </em><a href="https://www.stiftung-spi.de/service/projekte/detail/gutachten-nrw"><em>Gutachten</em></a><em> in Auftrag gegeben, zur Qualität und zu den Standards der Jugendämter in NRW. Für dieses Gutachten haben wir elf Jugendämter in Nordrhein-Westfalen analysiert und miteinander verglichen. Die Jugendämter sind unterschiedlich groß, es ging von einer großen Großstadt bis zu einem kleinen Kreisjugendamt. Die Landschaft ist in Nordrhein-Westfalen ja sehr vielschichtig, mit den 186 sehr unterschiedlich großen Jugendämtern. </em></p>
<p><em>Ergebnis war, dass es eigentlich keine standardisierten Formen von ASD-Arbeit gibt, nicht für die Ausstattung, nicht für das Qualitätsmanagement, nicht für die Anzahl an Fortbildungen. Es gibt natürlich vergleichbare Strukturen entsprechend dem SGB VIII, aber dort ist nicht beschrieben, wie die Qualität in den Jugendämtern gesichert wird. Wir haben das aufgeschrieben und empfohlen, eine landweite Fachaufsicht zu etablieren. Wir haben das „Expertisecluster“ genannt. In den Regionen sollte eine fachlich begleitete Stelle implementiert werden, die im Fall schwieriger Verläufe und Fragestellungen bereitsteht. Wir haben insbesondere das Modell des Kinderschutzbedarfsplans entwickelt. </em></p>
<p><em>Der Kinderschutz ist unseres Erachtens genauso wichtig wie etwa der Brandschutz. Brandschutzbedarfspläne müssen in jeder Legislatur überarbeitet werden – wie ist die Ausstattung, wie schnell ist man vor Ort? Das haben wir auf den Kinderschutz übertragen. Die Jugendämter sollen in jeder Legislatur dem Rat beziehungsweise dem Jugendhilfeausschuss einen Kinderschutzbedarfsplan vorlegen, sodass sich die örtliche Politik mit dem Thema auseinandersetzen und die erforderlichen Maßnahmen beschließen kann. Wo stehen wir? Welche Probleme gibt es? Wie gestalten sich Kinderschutzfälle in der Stadt? Wie lange ist die Verweildauer in den Hilfen? Mit all diesen Themen beschäftigen sich Jugendhilfeausschüsse fast gar nicht. Sie befassen sich mit Nachtragshaushalten, wenn man mal mit den Mitteln für die Hilfen zur Erziehung oder für unbegleitete minderjährige Geflüchtete nicht ausgekommen ist. Die Planung von Spielplätzen ist natürlich viel einfacher. Die Politiker:innen brauchen eine Basis, sich mit dem Kinderschutz zu beschäftigen, und sie müssen darin geschult werden. </em></p>
<p><em>Diese Idee haben wir publiziert und kommuniziert. Es gibt einige Kommunen in NRW, die das jetzt als Modell umsetzen wollen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann sind Sie in diesem Projekt an der Stelle, an der Sie nach der Studie von Gerda Holz im Jahr 2000 in Monheim angefangen haben.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Genau da sind wir. </em><strong> </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Immerhin müssen Schulen und KiTas nach der nordrhein-westfälischen Gesetzgebung inzwischen Kinderschutzkonzepte erstellen. Das sind natürlich noch keine kommunalen Konzepte.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Wir haben Kriterien entwickelt, das Thema kommunal strategisch aufzuarbeiten. Das Kinderschutzkonzept einer einzelnen Schule oder KiTa ist natürlich etwas Gutes, aber das muss in eine kommunale Strategie eingebunden werden. Sonst mache ich ein Kinderschutzkonzept, das ich zwar in der Schublade habe, aber habe nichts zu der Frage gesagt, was das eigentlich bedeutet. Was ist beispielsweise mit Fach- und Beratungsstellen in den Kommunen für den Kinderschutz? An wen wenden sich die Schulen, die Kindertageseinrichtungen, die Eltern oder auch die Kinder? Die Kinder haben nach der jüngsten </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/grosse-loesung-und-kinderrechte/"><em>Reform des SGB VIII</em></a><em> einen anlasslosen Beratungsanspruch. Es gibt schon einige gute Beispiele. Wir haben das damals in Essen aufgebaut, in Form einer der Fachdisziplin übergeordneter Kinderschutzberatung, nicht nur im ASD, sondern im Jugendamt.</em></p>
<p><em>Das Thema Kinderschutz wird im familiären Bezug <u>das</u> Thema des ASD. Wenn wir über präventiven Kinderschutz sprechen, über Beratung in der Kommune wäre zum Beispiel auch zu überlegen, ein Kinderschutzsiegel zu vergeben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beteiligt sich die Stiftung SPI an der Umsetzung der kommunalen Projekte?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ich hoffe, dass wir beauftragt werden, das erste Modell eines Kinderschutzbedarfsplans in Nordrhein-Westfalen begleiten zu dürfen. </em></p>
<h3><strong>Ressourcen für Gesamtkonzepte!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kindeswohlgefährdung wird oft auf das Thema der sexualisierten Gewalt reduziert. Dazu gehört jedoch viel mehr, auch der Bereich der Kinderarmut gehört dazu. In diesem Bereich haben wir zurzeit den Streit um die Frage, wie und zu welchen Kosten die Kindergrundsicherung eingeführt werden sollte. Auch mit der vorläufigen Einigung für den Bundeshaushalt 2024 ist das Thema noch nicht abschließend bearbeitet. Die andere Frage ist natürlich die, wie wir die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern und Eltern zielgenauer einbeziehen können. Hier schließt sich für mich der Kreis. Auch hier ist MoKi eine Blaupause.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Dem Thema der finanziellen Unterstützung konnten wir uns in den Kommunen nie richtig widmen, weil wir dafür keine Zuständigkeiten haben. Das, worüber wir sprechen können und müssen, sind die individuellen Folgen von Armut für Kinder. Die AWO-ISS-Armutsstudien geben Auskunft. Wer nicht genug Geld hat, hat möglicherweise eine weniger gute Wohnung, kann sich kein gesundes Essen leisten. Das hat Auswirkungen auf die Bildung, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Kultur, an Sport. Diese Lebenslagen müssen wir uns anschauen und die Unterstützung daran ausrichten. Das heißt beispielsweise in der Kultur, Möglichkeiten zu finden, dass Kinder daran teilhaben können, die sonst nie die Möglichkeit bekämen. Wir haben in diesen Familien oft Kinder, die noch nie in einem anderen Stadtteil waren, geschweige denn in einem Theater. In Monheim gab es Kinder, die noch am Rhein waren, obwohl der gerade einmal zwei Kilometer entfernt ist. Das hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. </em></p>
<div id="attachment_3708" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3708" class="wp-image-3708 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3708" class="wp-caption-text">Kulturangebote von jungen Menschen beim Colorossa-Festival im Lindenpark Potsdam. © Jona Freigang</p></div>
<p><em>Es gibt mehrere Wege, entweder man macht es in der KiTa, in der Schule, oder man motiviert Eltern, dass es etwas Schönes wäre, so etwas mit den Kindern zu machen. Das beruht ein wenig auf der Überzeugung, dass alle Eltern wollen, dass sich ihre Kinder gut entwickeln. Aber viele wissen nicht wie. Es geht deshalb darum, Bindung herzustellen. Je länger Kinder in Armut leben, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie eine schlechtere Schulbildung haben, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung. Es reicht nicht aus, den Eltern mehr Geld zu geben oder ihnen beizubringen, wie man damit gut umgeht. Das führt nicht dazu, dass Eltern mit ihren Kindern dann doch in den Zoo oder ins Theater gehen. In Gelsenkirchen haben wir ein Programm zum armutssensiblen Handeln in KiTas, mit der </em><a href="https://www.rag-stiftung.de/"><em>RAG-Stiftung</em></a><em>. Da gab es einen Zoo-Gutschein. Nach einem halben Jahr haben wir gefragt. Die Kinder waren nicht im Zoo. Es gab andere Gründe, schon der Weg zum Zoo war und ist ein Problem.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt Studien, die untersuchten, wer welche U-Bahn-Stationen in einer Stadt kennt. Die Zahl der Stationen, die Menschen aus armen Familien kannten, ist verschwindend klein.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Wir haben viele Familien, die aufgrund traumatischer Erfahrungen in einer schwierigen Situation leben. Die Eltern sind lange Zeit arbeitslos oder langfristig erkrankt. Es geht auch darum zu erkennen, was Kinder brauchen. Teil einer Strategie gegen Armutsfolgen ist die Stärkung der Empathie für das, was Kinder brauchen. Es gibt leider auch Eltern, die den ganzen Tag am Handy hängen und nicht mitbekommen, was die Kinder bräuchten. Die Kinder müssen im Mittelpunkt jeder Strategie stehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dafür muss ich auch manche Lehrer:innen und manche Erzieher:innen sensibilisieren.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Auch da gibt es blinde Flecken. Viele Familien kommen nicht so einfach auf Lehrer:innen und Erzieher:innen zu. Kinder aus armen Familien sind nicht immer von vornherein interessiert, vielleicht manchmal auch schmuddelig, und dann werden sie übersehen. Mir ist es wichtig, dass Eltern darin gestärkt werden, Bindungserfahrungen mit ihren Kindern zu haben und dass wir für alle Kinder die bestmöglichen Perspektiven entwickeln müssen, in der Gesellschaft und auch als mündige Bürger:innen. Das ist keine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Das Kind in den Mittelpunkt stellen – und das in einem integrierten kommunalen Gesamtkonzept – darum geht es. Dafür müssen wir die Ressourcen schaffen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 5. September 2023,Titelbild: © Stiftung SPI / Thomas Richert.)</p>
<p>P.S.: Am 1. Januar 2025 wechselte Annette Berg von der Stiftung SPI als Beigeordnete nach Wuppertal.</p>
<p><em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>60 Jahre Jugendhilfe &#8211; ein Jubiläum</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-jugendhilfe-ein-jubilaeum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Sep 2023 05:10:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>60 Jahre Jugendhilfe – ein Jubiläum Portrait des Kölner Trägers Netzwerk e.V. „Ziel von Netzwerk e.V. ist es, gemeinsam verantwortungsvoll zu handeln und zukunftsfähige Entscheidungen im Sinne der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) zu treffen. Im Arbeitskontext von Netzwerk e.V. bedeutet das konkret, dass sowohl in der schulischen als auch in der außerschulischen Bildung  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>60 Jahre Jugendhilfe – ein Jubiläum</strong></h1>
<h2><strong>Portrait des Kölner Trägers Netzwerk e.V. </strong></h2>
<p><em>„Ziel von Netzwerk e.V. ist es, gemeinsam verantwortungsvoll zu handeln und zukunftsfähige Entscheidungen im Sinne der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) zu treffen. Im Arbeitskontext von Netzwerk e.V. bedeutet das konkret, dass sowohl in der schulischen als auch in der außerschulischen Bildung – von der Kita über die Primarstufe bis hin zum Übergang Schule-Beruf – die Vermittlung und der Erwerb notwendiger Kenntnisse und Qualifikationen zur Umsetzung einer nachhaltigen Lebensweise ihren festen Platz haben. Bei der ganzheitlichen Kompetenzentwicklung stehen die Handlungsfelder der Zukunft, wie z.B. Bildung, Klimawandel, Landwirtschaft, Konsum, Lebensstile und soziale Gerechtigkeit, im Mittelpunkt unseres Handelns.“ </em>(Die Ziele von <a href="https://netzwerk.koeln/schule/videos/20_jahre_ogs_pls.mp4">Netzwerk e.V. laut eigenem Internetauftritt</a>)</p>
<p>Der Kölner Jugendhilfeträger Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung, kurz: Netzwerk e.V. feierte im August 2023 sein 20-jähriges Bestehen. Im Jahr 2003 ist der Verein durch die Verschmelzung zweier Jugendhilfeträger entstanden. Netzwerk e.V. ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe gemäß <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__75.html">§ 75 SGB VIII</a> und führt an mehr als dreißig Standorten in Köln, Rösrath und Mönchengladbach vielfältige Angebote zur Pädagogik und Bildung im Kindes- und Jugendalter durch.</p>
<p>Das 20-jährige Jubiläum von Netzwerk e.V. bietet den Anlass, das Engagement und die (Um-)Wege, die die handelnden Personen in den vergangenen Jahrzehnten gegangen sind, in diesem kurzen historischen Rückblick zu würdigen. Auf der Startseite seines Internetauftritts fasst Netzwerk e.V. die <u>Kernaussagen seines Leitbilds</u> zusammen:</p>
<ul>
<li>„<em>Durch überlegtes Handeln erhalten wir unsere Lebensgrundlagen und vermitteln dieses Ziel in unseren Einrichtungen und Projekten. </em></li>
<li><em>Alle Kinder, Jugendlichen und ihre Familien, alle Mitarbeiter*innen sind Teil von Netzwerk e.V. und erfahren Wertschätzung. Die Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen können mitgestalten und erfahren persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei liegen die Stärken jedes einzelnen im Mittelpunkt. </em></li>
<li><em>Wir setzen die zur Verfügung stehenden Mittel bewusst und sorgfältig ein. </em></li>
</ul>
<h3><strong>Die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V.</strong></h3>
<div id="attachment_3753" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3753" class="wp-image-3753 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-400x553.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-600x829.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-741x1024.jpg 741w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-768x1061.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-800x1105.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1112x1536.jpg 1112w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1200x1658.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1483x2048.jpg 1483w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-scaled.jpg 1853w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-3753" class="wp-caption-text">Niederschrift zur Gründung der Förderergemeinschaft. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die Geschichte von Netzwerk e.V. beginnt bereits mit der Gründung der beiden Vorgängervereine – die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. im Jahr 1960 und Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung e.V. im Jahr 1991. Der Verein wurde im Jahr 1960 als Förderergemeinschaft „Kinder in Not“ gegründet und 1961 und unter diesem Namen in das Vereinsregister des Amtsgerichts Düsseldorf eingetragen. Nach verschiedenen Namens- und Satzungsänderungen in den Jahren 1976 und zuletzt 1991 entstand schließlich die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. (kurz: ÖFG). Geschichte und Vorgeschichte zeigen exemplarisch, wie sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">die Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen 75 Jahren in (West)-Deutschland</a> entwickelte.</p>
<p>Den Anstoß zur Gründung des Vereins gab der junge Schaufensterdekorateur Johannes Wasmuth. Er prägte die ersten Aufbaujahre, während die strukturelle Weiterentwicklung bis hin zur Etablierung von noch heute bestehenden Einrichtungen von Netzwerk e.V. ohne den späteren Geschäftsführer, Pfarrer Wolfgang Kelm, nicht denkbar gewesen wäre.</p>
<p>Ausgangspunkt für die Gründung war die prekäre Situation obdachloser Kinder im Raum Düsseldorf und Neuss gegen Ende der 1950er Jahre. Johannes Wasmuth war Ende der 1950er Jahre zuerst in Neuss auf obdachlose Kinder gestoßen, die ihm beim Dekorieren zuschauten. Er kam mit ihnen ins Gespräch und erfuhr von ihren Lebensverhältnissen in einem Obdachlosenlager in der Nähe eines Bahngeländes. Hier fristeten die Kinder mit ihren Familien nach den Berichten der Kinder ein erbarmungswürdiges Dasein. Wasmuth unterstützte diese Kinder zusammen mit weiteren Helfer:innen bei ihren Hausaufgaben. Durch seine Aktivitäten wurde öffentlich wahrgenommen, dass Armut und Chancenlosigkeit für viele Menschen auch in einer reichen Stadt wie Düsseldorf den Alltag bestimmte.</p>
<p>Um den Familien zu helfen, wollte Johannes Wasmuth Ziel auf dem Bahngelände in der Nähe einer Obdachlosensiedlung eine Anlaufstelle für die von ihm und seinen Helfer:innen betreuten Kinder schaffen. In einem Memorandum weist die von ihm angestoßene Aktion „Kinder in Not“ noch vor der Vereinsgründung auf „<em>Elendssiedlungen mit Hunderten von Menschen, die in Baracken, abgewrackten Autos und Bretterverschlägen hausen</em>“ hin.</p>
<p>Johannes Wasmuth versuchte in dieser Zeit über Kunstauktionen Mittel für „Kinder in Not“ zu akquirieren und einflussreiche Personen für sein Anliegen zu gewinnen. Mit unterschiedlichem Erfolg, aber sein Engagement führte dazu, dass der damalige Ministerpräsident des Landes NRW, Franz Meyers, zu Beginn des Jahres 1960 die Schirmherrschaft übernahm und das Vorwort für eine dieser Kunstauktionen schrieb. Prominente Künstler spendeten ihre Kunstwerke und legten mit den Auktionen den Grundstein. Zusätzlich zu den auf den Kunstauktionen gewonnenen Mitteln wurden weitere Mittel vom Landschaftsverband Rheinland für den Bau von Kindergärten in vier nordrhein-westfälischen Städten, in Bonn, Mönchengladbach, Duisburg und Düsseldorf, bereitgestellt.</p>
<p>Die Verwaltung der Mittel und die Organisation der Aufgaben erforderten neue Strukturen. Dies gab letztlich den Impuls zur Gründung des gemeinnützigen Vereins, an der sich namhafte Personen aus Politik und Verwaltung beteiligten. Am 24. November 1960 wurde das Gründungsprotokoll erstellt und ein Beirat mit prominenten Persönlichkeiten aus ganz Nordrhein-Westfalen für die Förderergemeinschaft „Kinder in Not“ e.V. eingerichtet.  Die Aktivitäten fokussierten in den ersten Jahren auf Hilfen für obdachlose Menschen in Düsseldorf, später auf Unterstützungsangebote mit Schwerpunkten in den Städten Bonn und Köln.</p>
<p>Die Gründung eines Kindergartens in Bonn nahm der Vorstand zum Anlass, ein weiteres Memorandum zu veröffentlichen, in dem die Situation der Obdachlosen beschrieben und um Unterstützung gebeten wurde. Dieses zweite Memorandum, das mit einem Spendenaufruf verbunden war, nahm die damals weit verbreitete „Katholische Bildpost“ zum Anlass für einen Aufmacher in Form eines längeren Beitrags. Die große Resonanz dieser öffentlichkeitswirksamen Aktion führte zu einem Freundeskreis aus Förderern. Diese Förderer spendeten über Jahre hinweg regelmäßig Geld für die Aktivitäten des Vereins, und einige schlossen auch Erbschaften zugunsten der Förderergemeinschaft ab. Über die guten Kontakte von Johannes Wasmuth zur Künstlerszene kamen durch Fernsehauftritte des international bekannten Pantomimen Marcel Marceau weitere Gelder hinzu. All diese Zuwendungen sicherten dem Verein in den Anfangsjahren eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit.</p>
<h3><strong>Modellprojekte und erste Evaluationen</strong></h3>
<p>1962 wurde die Ökumenische Hausgemeinschaft in Bonn neue Basis des Vereins. Johannes Wasmuth hatte auf seiner Suche nach einem <em>„geistigen Zentrum“</em> für den jungen Verein Kontakt zu einer Hausgemeinschaft hergestellt, die sich aus Benediktinermönchen und evangelischen Theologen des „Laurentiuskonvents“, dem die späteren Geschäftsführer Wilfried Warneck und Wolfgang Kelm angehörten, zusammensetzte.</p>
<p>Nachdem der neue Sitz des Vereins zur Hausgemeinschaft in Bonn verlagert war, übernahm der evangelische Theologe Wilfried Warneck die Geschäftsführung, bis er im Jahre 1966 schließlich vom Pfarrer Wolfgang Kelm in dieser Funktion abgelöst wurde. Zur Unterstützung der Vereinsaktivitäten akquirierte Johannes Wasmuth weiterhin Mittel über Aktionen mit bekannten Künstler:innen und einflussreichen Persönlichkeiten. So konnte er beispielsweise Yehudi Menuhin für ein Wohltätigkeitskonzert gewinnen. Der Kontakt, den Wasmuth mit Yehudi Menuhin und dessen Familie aufgebaut hatte, sollte auch für die inhaltliche Arbeit der Förderergemeinschaft bedeutsam werden. Die Schwester von Menuhin, Hephzibah Hauser, war mit dem englischen Soziologen Richard Hauser verheiratet, der die Grundlage für die damals neue und zielführende Methode der aktivierenden Befragung in Obdachlosenunterkünften legte.</p>
<p>Damit war die Basis für die Arbeitsmethodik der kommenden Jahre geschaffen. Ziel war die Selbstaktivierung der von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen durch außenstehende Fachkräfte, die diese aktivierende Befragung durchführten. Ab 1964 führten Mitarbeitende des Vereins Modellprojekte für obdachlose Familien in Bonn und Köln durch. Neben der Arbeit in einer Obdachlosenunterkunft in Köln-Poll fand insbesondere das Engagement in der ehemaligen „Hacketäuerkaserne“ in Köln-Mülheim öffentliche Beachtung. Von Obdachlosigkeit Betroffene konnten mit Hilfe der Aktivierung ihr Schicksal nunmehr selbst in die Hand nehmen, während die Arbeit bis dahin- so formulierte es Wolfgang Kelm – als „<em>Faß ohne Boden</em>“ erschien.</p>
<p>Mit der erfolgreichen Anwendung der vom Soziologen Richard Hauser eingeführten Methode der katalytischen Aktivierung gelang es, die Bewohner:innen zu eigenen Aktivitäten zu ermuntern und zielgerichtete Angebote für Kinder zu etablieren. Von Mitarbeitenden des Vereins wurden Spielstuben eingerichtet, die als eine Art Verbindung von Kindergarten und sozialpädagogischem Zentrum konzipiert waren und durchaus als Vorstufen und Vorbilder für <a href="https://www.bildungsserver.de/Eltern-Kind-Zentren-Familienzentren-5689-de.html">Familienzentren</a> gesehen werden können, wie es sie inzwischen in mehreren Bundeländern gibt.</p>
<p>Die Arbeit des Vereins und die Methodik waren ein innovatives Element in der Obdachlosenarbeit und fanden bundesweit Beachtung, so dass „<em>bis Ende 1964 die Förderergemeinschaft nicht nur in der Bundesrepublik, sondern sogar auch im internationalen Bereich wohl bekannt (war)</em>“ Auch überregionale Medien wurden auf den Verein aufmerksam. Ilma Sturm berichtete beispielsweise am 18. Dezember 1971 enthusiastisch in der FAZ: „<em>Wir gewahren einen Koloß von Kunsthändler und einen schlanken Juden aus London; einen Inder und einen Benediktinermönch; eine zum Aufruhr blasende Sozialarbeiterin und eine ökumenische Hausgemeinschaft, einen Arzt und verschiedene Pfarrer (…), dazu zahlreiche Studenten und Leute vom Republikanischen Club, im Hintergrund Heinrich Böll, Yehudi Menuhin, Marcel Marceau, ein Universitätsinstitut und ein Amt.</em>“</p>
<p>Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit lag in dieser Zeit auf der regionalen und überregionalen Vernetzung sowie der wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung der neuen methodischen Ansätze. Die Veröffentlichungen von Ursula Adams und Gerd Iben entstanden während der Arbeit im Verlauf der Modellprojekte. Hinzu kamen Schulungen, Einzelberatungen und Praktika zur Verbreitung der Methoden, „<em>die sich zunehmend zu einer neuen ‚katalytischen‘ Sozialarbeit ausprägten</em>“.</p>
<p>Im Jahre 1965 wurde der Malteserhof in Römlinghoven bei Königswinter neuer Stammsitz des Vereins. Ein Jahr später übernahm Pfarrer Wolfgang Kelm die Geschäftsführung und Johannes Wasmuth zog sich aus dem operativen Geschäft zurück.</p>
<p>Auf Initiative der Förderergemeinschaft wurde im Herbst 1967 eine Bundestagung in Wiesbaden mit dem Thema „Hilfen für Kinder und Jugendliche in Notunterkünften“ durchgeführt und ein Beschluss gefasst, der Grundlage für die Bildung von Kommissionen für Spielstubenarbeit, Schülerhilfe, Kinder- und Jugendgruppen und Erwachsenenberatung war. Auch international vernetzte sich der Verein mit der Initiative „<a href="https://www.atd-quartmonde.org/qui-sommes-nous/notre-histoire/atd-quart-monde-ca-veut-dire-quoi/">Aide à toute détresse</a>“ (später: ATD Quart Monde) aus Frankreich und Organisationen aus England, Belgien und Holland. 1967 wurde gemeinsam die „Internationale Föderation“ (FIDAD) gegründet und 1970 wurde ein internationaler Kongress in Köln organisiert. 1971 wurde der Verein Mitglied in der „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“ (AGDF), ein Zusammenschluss von 20 christlich begründeten Organisationen mit dem Ziel einer innergesellschaftlichen Friedensarbeit.</p>
<h3><strong>Neubesinnung zu Beginn der 1970er Jahre </strong></h3>
<p>Der Theologe Otker Bujard und der Sozialwissenschaftler Prodosh Aich unternahmen in ihrem Buch „Soziale Arbeit, Beispiel Obdachlose – eine kritische Analyse“, eine Bestandsaufnahme der Obdachlosenarbeit am Beispiel der Förderergemeinschaft. Im Zentrum ihrer Analyse stand die Entwicklung der Arbeit und deren gesellschaftliche Ausrichtung. Sie beurteilten vor allem die Abhängigkeit von Finanzmitteln aus der öffentlichen Hand kritisch.</p>
<div id="attachment_3754" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3754" class="wp-image-3754 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-300x209.jpg" alt="" width="300" height="209" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-300x209.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-400x279.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-600x419.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-768x536.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-800x558.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1024x715.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1200x838.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1536x1072.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3754" class="wp-caption-text">Das Bahnhaus Mitte der 1970er Jahre. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die geplante Veröffentlichung dieses Manuskripts führte zu einem Rechtsstreit zwischen den Autoren und dem Verein bezüglich der Auftragsbedingungen und der Autorenrechte. Die geplante Vorstellung auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1971 fand trotz der bereits vorgenommenen Plakatierung des Buches aus diesem Grund nicht statt. Dies veranlasste den Geschäftsführer der Förderergemeinschaft, Wolfgang Kelm, den methodischen Ansatz und die Ziele des Vereins in der Veröffentlichung „Faß ohne Boden“ ausführlich darzulegen.</p>
<p>In diesem Werk wurden zehn Rundbriefe an die Förderer des Vereins in der Zeit von 1969 bis 1972 veröffentlicht, die Erfolge der bisherigen Arbeit und nicht zuletzt auch die finanzielle Lage des Vereins thematisierten. Diese Veröffentlichung kann als Statement für das Selbstverständnis und die Ausrichtung des Vereins in den kommenden Jahren gesehen werden.</p>
<p>Zu Beginn der 1970er Jahre wurde aufgrund der prekären finanziellen Situation eine mögliche Auflösung des Vereins diskutiert. In der Chronik des Vereins aus den 1980er Jahren heißt es: „<em>Vorstand diskutiert mehrmals kritische Situation: Zusammentreffen von finanziellen Schwierigkeiten und Kritik an der sozial- und gesellschaftspolitischen Situation (der Mitarbeiter) der FG, Auflösung des Vereins zum 31.03.1971 erwogen“. </em>Ab Mitte der 1970er Jahre standen jedoch bereits wieder zukunftsgerichtete Veränderungen auf der Agenda. Der Arbeitsschwerpunkt der Förderergemeinschaft hatte sich inzwischen zunehmend auf die Arbeit mit benachteiligten Menschen im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen verlagert.</p>
<p>Im Jahre 1975 wurde das Bürgerzentrum (später: „Bürgertreff“) in der Geldernstraße eröffnet – gedacht war es als Zentrum der Gemeinwesenarbeit zur Integration der Menschen im Stadtteil. Im gleichen Jahr konnte in einem der Bürgerhäuser in der Longericher Straße die bis heute bestehende Kindertagesstätte eröffnet werden.</p>
<div id="attachment_3756" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3756" class="wp-image-3756 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-300x220.jpg" alt="" width="300" height="220" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-200x147.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-300x220.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-400x294.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-600x441.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-768x564.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-800x588.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-1024x752.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-1200x882.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996.jpg 1342w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3756" class="wp-caption-text">Einweihung der Photovoltaikanlage 1996. © Netzwerk.</p></div>
<p>In der Mitgliederversammlung vom 12. März 1976 wurde nach längerer Diskussion der Beschluss gefasst, die Kölner Initiative „Soziale Dienste und Ökumene“ (SDÖ) aufzunehmen. Dies führte zu einer veränderten Vereinsstruktur und nach entsprechenden Satzungsänderungen wurde der Verein unter dem neuen Namen „Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste – „Kinder in Not“ e.V.“ in das Vereinsregister beim Amtsgericht Düsseldorf eingetragen.</p>
<p>Pfarrer Wolfgang Kelm wurde in diesem Jahr zum stellvertretenden Vorsitzenden und geschäftsführenden Vorstandsmitglied gewählt und die Geschäftsstelle nach dem Umzug des „Laurentiuskonvents“ in das nordhessische <a href="https://oeg-wethen.de/uber-uns-2/berichte/im-zeichen-der-vier-ks/">Diemelstadt-Wethen</a> verlegt.</p>
<p>Im Oktober 1977 startete in Köln-Bilderstöckchen in Trägerschaft der Förderergemeinschaft der Heilpädagogische Dienst (später: „Kinder- und Familienberatung“). In diesem Jahr gab es im Haushalt der Stadt Köln erstmalig eine eigene Kostenstelle und die Finanzlage des Vereins entspannte sich aufgrund des Spendenaufkommens der Förderer sowie durch eine größere Erbschaft.</p>
<p>Ein Jahr später konnte das „Bahnhaus“, die spätere Geschäftsstelle, in der Longericher Straße 138 angemietet werden. Im gleichen Jahr wurde eine Schreinerwerkstatt für 15 Jugendliche im Keller des Bürgerzentrums Geldernstraße gegründet. Hieraus entwickelten sich eine Ausbildungswerkstatt und die spätere Jugendwerkstatt Nippes mit Sitz in der Florastraße. In Mönchengladbach ging 1979 schließlich auch die Jugendwohngemeinschaft an den Start. Als stationäre Jugendhilfeeinrichtung betreut sie bis heute ganztägig junge Menschen und konnte im Jahr 2019 ihr 40-jähriges Bestehen feiern.</p>
<p>Ende der 1970er Jahre werden folgende Arbeitsschwerpunkte in Köln beschrieben:</p>
<ul>
<li>eine Kindertagesstätte in der Longericher Straße</li>
<li>das Bürgerzentrum mit Werkstatt für arbeitslose Jugendliche</li>
<li>das Bundesbahnhaus mit Sozialberatung</li>
<li>der Heilpädagogischer Dienst</li>
</ul>
<p>Dazu kamen in Mönchengladbach neben der Jugendwohngemeinschaft ein Bürgerbüro am Römerbrunnen und die Projektgruppe Bahnhofskaserne in Minden für die Betreuung von obdachlosen Menschen. Am Ende des Jahrzehnts hatten die Ausgaben der Förderergemeinschaft erstmals fast die Grenze von einer Mio. DM erreicht. Der Haushaltsentwurf des Vereins für 1979 sah Ausgaben in Höhe von 953.050 DM vor, darin enthalten waren auch die Mittel für die neu gegründete Jugendwohngemeinschaft in Mönchengladbach. Die Ausgaben wurden inzwischen zu einem immer größeren Anteil aus Mitteln der öffentlichen Hand refinanziert.</p>
<p>Der Geschäftsführer Wolfgang Kelm beschreibt im Rahmen einer Mitgliederversammlung am 10. Februar 1979 Innovation als „<em>Lebensgesetz unseres Vereins</em>“ und weiter, es sei nach der „<em>kühnen und risikoreichen Aufnahme neuer Projekte eine Konsolidierung durch Expansion (eingetreten)</em>“.</p>
<h3><strong>Die 1980er Jahre – Von einer Bürgerinitiative zum professionellen Trägerverein</strong></h3>
<p>Während zu Beginn der 1980er Jahre die immer wieder prekäre Finanzlage des Vereins zum wiederholten Mal zum Anlass genommen wurde, die Weiterexistenz in Frage zu stellen, beispielsweise in einer Mitgliederversammlung am 27. April 1983 in Mönchengladbach, verbesserte sich die wirtschaftliche Lage bis Mitte der 1980er Jahre wieder deutlich. Im Jahre 1985 konnten in den neu angemieteten Räumlichkeiten in Köln-Nippes die Ausbildungswerkstatt und die Jugendwerkstatt Nippes ihre Arbeit aufnehmen.</p>
<div id="attachment_3757" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3757" class="wp-image-3757 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-300x170.jpg" alt="" width="300" height="170" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-300x170.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-400x226.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-600x339.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-768x434.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-800x452.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-1024x579.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-1200x678.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage.jpg 1237w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3757" class="wp-caption-text">Die Geschäftsstelle von Netzwerk mit Dachbegrünung. © Netzwerk.</p></div>
<p>In der Festschrift „25 Jahre Wagnis“ blickte Pfarrer Wolfgang Kelm im Jahre 1985 auf ein Vierteljahrhundert soziales Engagement und eine wechselvolle Vereinsgeschichte zurück und zog aber auch das bedauernde Fazit, dass es für Randgruppen noch immer „<em>keine Lobby</em>“ gäbe: <em>„Obdachlosigkeit ist vielfältiger und langfristiger als wir uns vor 25 Jahren träumen ließen. Neue Probleme treten hinzu. Dauerarbeitslosigkeit der Älteren, Chancenlosigkeit der Jungen. Die Hoffnung, in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren brauche bald niemand mehr zu fürchten, daß materielle Not ihm und seinen Kindern das Grundlebensmittel Wohnung entziehen könnte, ist zerstoben.“</em></p>
<p>Ende des Jahres 1986 arbeiten insgesamt 72 Mitarbeitende beim Verein, und der Umsatz belief sich mittlerweile auf ca. vier Mio. DM. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Professionalisierung als Trägerverein wurde auf der Mitgliederversammlung am 23. Mai 1991 im Haus Landeskirchlicher Dienste in Düsseldorf mit einer erneuten Satzungsänderung gelegt. Unter dem neuen Namen <em>Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. </em>lautete § 9 der Vereinssatzung nun: „<em>Der Vorstand kann eine(n) Geschäftsführer(in) einstellen. Der Vorstand kann den Geschäftsführer (die Geschäftsführerin) als seine(n) besondere(n) Vertreter(in) nach § 30 BGB bestellen</em>.“ Nach dieser Satzungsänderung und der finanziellen Konsolidierung des Vereins war damit der Weg frei für die Einstellung eines hauptamtlichen Geschäftsführers. Die Arbeitsschwerpunkte des Vereins konzentrierten sich inzwischen auf den Raum Köln, so dass auch die Verlagerung der Geschäftsstelle an diesen Standort überfällig war.</p>
<p>Im Jahre 1991, 30 Jahre nach der Vereinsgründung, befand sich die Geschäftsstelle des Vereins damit erstmals in Köln und wurde am 13. Dezember 1991 vom neuen Geschäftsführer Jochen Sander von der Meden und vom damaligen Bürgermeister Johannes Blum im alten Bahnhaus in der Longericher Straße 138 feierlich eröffnet.</p>
<p>Nach 30 wechselvollen und arbeitsreichen Jahren im Dienste des Vereins wurde Pfarrer Wolfgang Kelm damit als Geschäftsführer des Vereins abgelöst. In der Mitgliederversammlung vom 14. Mai 1992 erklärte Wolfgang Kelm auch seinen Rückzug aus dem Vorstand des Vereins. Anlässlich seines Abschieds wünschte er sich für das zukünftige Selbstverständnis des Vereins ein „<em>institutionelles ‚Biotop‘, weder nur kurzlebige Pflanzen (= spontane Initiativen) noch nur vieljähriges Gehölz (= routinierte Professionalität), sondern ein Miteinander, das sich gegenseitig herausfordert, stützt und belebt.</em>“ Ein Wunsch, der in den folgenden drei Jahrzehnten Realität werden sollte.</p>
<h3><strong>Seit 1991 mit Sitz in Köln: Konsolidierung</strong></h3>
<p>Im Jahr 1991, fast zeitgleich mit der Gründung des Vereins Natur &amp; Kultur, lag nach der Verlagerung der Geschäftsstelle in die Longericher Straße das organisatorische Zentrum der von der Förderergemeinschaft betriebenen Sozialen Dienste also erstmals in Köln. Zu den Einrichtungen, die bis zur Verschmelzung zu Netzwerk e.V. im Jahre 2003 bestehen bleiben sollten, gehörten damals:</p>
<ul>
<li>die Jugendwohngemeinschaft in Mönchengladbach</li>
<li>der Bürgertreff Bilderstöckchen</li>
<li>der Heilpädagogische Dienst und der Soziale Dienst</li>
<li>der Kindergarten in der Longericher Straße 153 sowie</li>
<li>die Jugendwerkstatt in der Florastraße 55–57</li>
</ul>
<p>Bis zum Jahr 2003 wurden weitere Kindertagesstätten in die Trägerschaft der ÖFG übernommen.</p>
<p>Durch die zunehmende Verlagerung der Arbeit auf den Raum Köln wurden, nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen, verschiedene überregionale Tätigkeiten aufgegeben. Dazu gehörte die Obdachlosenarbeit in der Bahnhofskaserne Minden und die Mitgliedschaft in der Aktionsgemeinschaft für den Frieden.</p>
<div id="attachment_3758" style="width: 214px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3758" class="wp-image-3758 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-204x300.jpg" alt="" width="204" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-200x294.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-204x300.jpg 204w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-400x589.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-600x883.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-696x1024.jpg 696w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-768x1130.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-800x1178.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1044x1536.jpg 1044w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1200x1766.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1391x2048.jpg 1391w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt.jpg 1458w" sizes="(max-width: 204px) 100vw, 204px" /><p id="caption-attachment-3758" class="wp-caption-text">© Netzwerk.</p></div>
<p>Am 24. Oktober 1997 fasste die Mitgliederversammlung den zukunftsweisenden Beschluss, das alte „Bahnhaus“ in der Longericher Straße 138 zu erwerben und zu sanieren. Mit dem Kauf des Bahnhauses und anliegender Grundstücke besaß der Verein erstmals Grundeigentum, das für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten eine bedeutende Grundlage werden sollte.</p>
<p>Ein großer Einschnitt für den Verein war die Schließung der 1985 gegründeten Ausbildungswerkstatt Nippes im Jahre 1999. Einsparmaßnahmen der öffentlichen Hand ließen nur noch den Weiterbetrieb der Jugendwerkstatt zu. Aus diesem Grund wurden die Räumlichkeiten der Geschäftsstelle im alten Bahnhaus vermietet und die Geschäftsstelle im Jahre 2000 – vorübergehend – in die nach der Schließung der Ausbildungswerkstatt frei gewordenen Räume in Köln-Nippes verlegt. Hier sollte sie für die Verwaltung und Organisation der Sozialen Dienste bis zur Fertigstellung des Neubaus in der Longericher Straße 136 im Jahre 2009 bleiben.</p>
<p>Bis 2003 erfolgte die Sanierung des Bahnhauses in Köln-Bilderstöckchen und der Abriss der neben dem Gebäude befindlichen alten Halle. Anstelle der Halle wurde in einer Neubaumaßnahme ein weiteres Gebäude errichtet, das nach Fertigstellung im Jahre 2003 an das Raphaelshaus Dormagen vermietet wurde. Hier werden in der „Edith-Stein-Gruppe“ bis heute 10 Mädchen und Jungen in einer 5-Tages-Gruppe untergebracht und betreut.</p>
<p>In der Jahreshauptversammlung am 2. Dezember 2002 stimmten die Mitglieder schließlich dem Verschmelzungsvertrag der Förderergemeinschaft mit Natur &amp; Kultur mit Wirkung zum 1. Januar 2003 zu. Natur &amp; Kultur beschloss am 14. Dezember 2002 gleichlautend. Die Vereinsarbeit wurde unter dem Dach von Netzwerk e.V. weitergeführt.</p>
<h3><strong>Eine neue Dimension: Natur- und Umweltschutz</strong></h3>
<p>Die Gründung des Vereins „Natur &amp; Kultur e.V.“ (später: „Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung“, kurz: „Natur &amp; Kultur“) erfolgte auf Initiative von Pädagog:innen, Naturwissenschaftler:innen und Künstler:innen, die sich für umweltbewusstes Handeln im Raum Köln engagierten.</p>
<p>Zu Beginn der 1990er Jahre waren ökologische Fragestellungen zunehmend in das öffentliche Bewusstsein gerückt, und im Rheinland bildeten sich erste umweltpädagogische Arbeitskreise. Es wurden immer mehr Projekte in Schulen und verschiedene kommunale Ökologievorhaben realisiert. Die Gründer:innen des Vereins hatten sich in unterschiedlichen Kontexten für ökologisch sinnvolles Handeln engagiert und sich zum Ziel gesetzt, diese Ansätze zu bündeln und hierfür eine organisatorische und finanzielle Basis zu schaffen.</p>
<p>Diese Aufgabe konnte nur mit der Unterstützung von Institutionen und Menschen realisiert werden, die sich mit diesen Zielen identifizierten und den Verein in den Anfangsjahren ideell, finanziell und ehrenamtlich unterstützten. Dazu gehörten auch Verantwortliche der Deutschen Bundesbahn, die im Jahre 1991 für einen symbolischen Mietpreis Räumlichkeiten auf dem Gelände des ehemaligen Bundesbahn-Ausbesserungswerks in Köln-Nippes zur Verfügung stellten. Der erste Sitz von Natur &amp; Kultur war somit in der Werkstattstraße 100 in Köln-Nippes verortet. Im Jahre 1999 konnten in Nippes schließlich zentrumsnahe Räumlichkeiten in der Steinbergerstraße 40 angemietet werden. In dieser neuen Geschäftsstelle wurden die Projekte und Angebote von Natur &amp; Kultur bis zum Umzug in die neu errichtete Geschäftsstelle von Netzwerk e.V. im Jahre 2009 weitergeführt.</p>
<div id="attachment_3764" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3764" class="wp-image-3764 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3764" class="wp-caption-text">Kompetenzteam Klimabildung Köln. Das Fot entstand am 5. August 2015 im Bürgerzentrum Ehrenfeld anlässlich einer Diskussionsveranstaltung mit den beiden Kandidat:innen für das Amt des:der Oberbürgermeister:in Henriette Reker (parteilos) und Jochen Ott (SPD). © Hacky Hagemeyer.</p></div>
<p>Zusammen mit dem Umweltamt der Stadt Köln und dem Schulministerium des Landes Nordrhein-Westfalen konnten bald nach der Gründung erste größere Projekte realisiert werden, die den Aufbau und die Weiterentwicklung des Vereins ermöglichten. Im Laufe der folgenden Jahre gelang es, sukzessive feste Planstellen zu schaffen und den Austausch mit regionalen und internationalen Partnerorganisationen zu intensivieren.</p>
<p>Am 30. November 2000 wurde von Natur &amp; Kultur das Stadtteilbüro für Nippes eröffnet. Es wurde im Rahmen der Lokalen Agenda 21 gegründet und hatte die Vernetzung der Initiativen und Akteur:innen im Stadtteil zum Ziel. Seit 2003 bringt Natur &amp; Kultur nunmehr als eine Einrichtung von Netzwerk e.V. seine Expertise im Projektmanagement mit dem Schwerpunkt „Nachhaltige Entwicklung“ ein. Der Ansatz einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung blieb der inhaltliche Schwerpunkt von Natur &amp; Kultur und wurde vor 20 Jahren die Grundlage für das Leitbild des neu entstandenen Jugendhilfeträgers Netzwerk e.V.</p>
<p>Natur &amp; Kultur hat seit 1991 zahlreiche innovative Projekte mit dem Schwerpunkt einer „Ökologischen Bildung“ bzw. einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ (BNE) konzipiert und durchgeführt.</p>
<p>Die im Laufe der letzten Jahrzehnte erarbeitenden Inhalte und Erfahrungen fließen nach der Verschmelzung beider Vorgängervereine in die Gestaltung der neuen Aufgabenfelder von Netzwerk e.V. ein. Folgende stichpunktartig dargestellte Inhalte wurden in den vergangenen 30 Jahren erarbeitet und finden sich bis heute in den Strukturen, Kooperationspartnerschaften und Angeboten von Netzwerk e.V.:</p>
<ul>
<li>Umweltbildung (seit 1994): Naturerlebnisangebote, Stadtteilerkundungen sowie Entwicklung und Durchführung von Rallys für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, Exkursionen für Schulklassen, Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für Multiplikator:innen, Entwicklung von Handreichungen für Lehrkräfte</li>
<li>Stadtökologie (seit 1994): Initiierung von Arbeitskreisen, Konzipierung und Präsentation von Ausstellungen, Entwicklung stadtökologischer Lernpfade, Bildungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Öffentlichkeitsarbeit</li>
<li>Energiesparen und Regenerative Energien (seit 1996): Ausrichtung von Kongressen mit Foren und Workshops für Schüler:innen und Lehrkräfte, Energiesparprojekte an Schulen, Zusammenarbeit mit Berufskollegs, theaterpädagogische Angebote, internationale Projekte und Workshops zu Regenerativen Energien</li>
<li>Kooperationen Schule – Wirtschaft zur Nachhaltigen Entwicklung (seit 1997)</li>
<li>Betriebsführungen in Wirtschaftsunternehmen, Messebesuche und Materialentwicklung für Schüler:innen und Lehrkräfte, Zusammenarbeit mit Hochschulen, Qualifizierungsmaßnahmen mit ökologischem Schwerpunkt zur beruflichen Bildung für Erwachsene und benachteiligte Jugendliche.</li>
<li>Klimaschutz-Bildung (seit 2010)</li>
<li>Erstellung des Klimaschutz-Bildungskonzepts für Köln und Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen zur Umsetzung des Konzepts, Gründung und Moderation des Kompetenzteams „KlimaBildung Köln“, Koordination und Jurybeteiligung bei der Mittelvergabe für Kleinprojekte im Raum Köln</li>
<li>Gesunde Ernährung (seit 2016): Analyse der Energieeffizienz und der Qualität bei der Zubereitung des Mittagessens in Offenen Ganztagsschulen in einem bundesweiten Projekt, Fachtagungen und Materialentwicklung für Multiplikator:innen, „Ernährungsparcours“ für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.</li>
</ul>
<h3><strong>Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung</strong></h3>
<div id="attachment_3763" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3763" class="wp-image-3763 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-300x212.jpg" alt="" width="300" height="212" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-200x141.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-300x212.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-400x283.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-600x424.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-768x543.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-800x566.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1024x724.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1200x849.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1536x1086.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3763" class="wp-caption-text">Arbeitsfelder von Netzwerk 2023. © Netzwerk.</p></div>
<p>Nach der Verschmelzung der beiden Vorgängervereine startete im Jahr 2003 der neue Jugendhilfeträger „Netzwerk – Soziale Dienste und Ökologische Bildungsarbeit e.V.“ mit 12 Einrichtungen in eine neue Zeit. Im Namen spiegelten sich die Arbeitsschwerpunkte und Ausrichtungen beider Vorgängervereine, die sich seit Beginn des gemeinsamen Weges um zahlreiche Facetten erweitert haben. Der Name symbolisiert zum einen die Weiterführung der inhaltlichen Schwerpunkte „Soziale Dienste“ und „Ökologische Bildung“ und zum anderen die Vernetzung und Kooperation mit zahlreichen Partnerorganisationen, um die erweiterten Vereinsziele gemeinsam zu verwirklichen.</p>
<p>Ausgangspunkt für die Verschmelzung der Vorgängervereine zu Netzwerk e.V. war die mehrjährige enge Kooperation beider Vereine im Rahmen verschiedener Projekte. Die sich ergänzenden Erfahrungen während der intensiven Zusammenarbeit führten zu dem Beschluss, beide Vereine strukturell miteinander zu verbinden. Die Verzahnung der beiden Standbeine „Soziale Dienste“ und „Ökologische Bildung“ versprach eine längerfristige Planungssicherheit und verringerte Abhängigkeit von zeitlich befristeten Projektvorhaben.</p>
<p>Es dauerte einige Jahre, bis sich erste sichtbare Synergieeffekte zeigten. Die Zusammenlegung der Verwaltung und die Orientierung des „neuen“ Jugendhilfeträgers Netzwerk e.V. am Leitbild einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ waren erste Schritte. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass es von einem formalen gemeinsamen Dach bis zu einem gemeinsamen Selbstverständnis aller Mitarbeitenden ein langer Weg war.</p>
<p>Die Einrichtungen und Angebote beider Vorgängervereine wurden in den Anfangsjahren organisatorisch unabhängig voneinander weitergeführt. So gab es zu Beginn der Geschichte von Netzwerk e.V. zwei Geschäftsstellen in Köln-Nippes: für die Einrichtung Natur &amp; Kultur in der Steinbergerstraße 40 und für die Sozialen Dienste in der Florastraße 55–57.</p>
<p>Es sollte bis zum Jahr 2010 dauern, bis in der Longericher Straße 136 eine gemeinsame Geschäftsstelle für die inzwischen deutlich gewachsenen Verwaltungsaufgaben und Organisationsstrukturen eingerichtet werden konnte. Mit dem Erwerb des Bahnhauses und des benachbarten Bahngrundstücks an der Longericher Straße durch die ÖFG in den 1990er Jahren waren hierfür die Voraussetzungen geschaffen worden.</p>
<div id="attachment_3760" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3760" class="wp-image-3760 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-300x218.jpg" alt="" width="300" height="218" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-300x218.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-400x290.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-600x435.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-768x557.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-800x580.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1024x742.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1200x870.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1536x1114.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3760" class="wp-caption-text">Arbeitsfelder von Netzwerk 2003. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die Errichtung der gemeinsamen Geschäftsstelle war ein Meilenstein in der Entwicklung. Anstoß für den Neubau war die Suche der Stadt Köln nach einem neuen Standort für das Kinderheim Köln-Sülz. In enger Abstimmung mit den Fachämtern der Stadt Köln wurde der Neubau in den Jahren 2007 bis 2010 in Regie und Verantwortung von Netzwerk e.V. errichtet. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss wurde der Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln (KiDS) auf Mietbasis zur Verfügung gestellt.</p>
<p>Netzwerk e.V. konnte damit endlich beide Geschäftsstellen im zweiten Obergeschoss zusammenlegen und den Erfordernissen gerecht werden, die sich durch die stark wachsende Mitarbeiterschaft ergaben. Für Workshops und Veranstaltungen steht seitdem ein eigener großer Seminarraum zur Verfügung, und es gibt ausreichend Platz für Lagerräume.</p>
<p>Allerdings musste der Verein im Laufe der 20-jährigen Geschichte von Netzwerk e.V. auch wichtige Einrichtungen aufgrund von Mittelkürzungen, Umstrukturierungen oder veränderten organisatorischen Rahmenbedingungen aufgeben. Dazu gehörten das Stadtteilbüro für Nippes und der Bürgertreff Bilderstöckchen, die beide in anderer Trägerschaft weitergeführt werden konnten. Der Heilpädagogische Dienst (später: Kinder- und Familienberatung) und der Soziale Dienst mussten demgegenüber nach 45 Jahren erfolgreicher Arbeit im Stadtteil Bilderstöckchen Ende 2022 aufgrund von Sparmaßnahmen und anderer Prioritätensetzungen durch die Kommune schließen. Beide Dienste haben in der Historie von Netzwerk e.V. eine tragende Rolle gespielt und waren maßgeblich an der positiven Entwicklung der Sozialstruktur im Stadtteil Bilderstöckchen beteiligt. Bis in die jüngste Zeit waren sie für viele Bürger:innen ein fester Anlaufpunkt – ein großer Verlust insbesondere für benachteiligte Menschen im Stadtteil. Weiterhin ist in Köln-Bilderstöckchen eine Sozialraumkoordinatorin in Trägerschaft von Netzwerk e.V. damit beauftragt, relevante Akteure vor Ort mit dem Ziel zu vernetzen, die Lebensbedingungen, Chancen und Perspektiven aller Einwohner:innen zu verbessern.</p>
<p>Am 12. Dezember 2008 verabschiedete die Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung, mit der ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat als Kontrollorgan für den Verein eingerichtet wurde und die Leitung der Geschäfte nunmehr auf zwei hauptamtlich beschäftigte Vorstände übertragen wurde. Damit wurde der erreichten Größe und den inzwischen gewachsenen professionellen Erfordernissen des Vereins Rechnung getragen. Im Rahmen der Satzungsänderung wurde auch der bis heute gültige Vereinsname modifiziert: „Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung, kurz: Netzwerk e.V.“</p>
<h3><strong>Und dann kam die OGS</strong></h3>
<div id="attachment_3761" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3761" class="wp-image-3761 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-300x252.jpg" alt="" width="300" height="252" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-200x168.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-300x252.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-400x336.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-600x505.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-768x646.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-800x673.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1024x861.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1200x1009.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1536x1292.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3761" class="wp-caption-text">Maskenbau und Maskenspiel im Offenen Ganztag. © Netzwerk.</p></div>
<p>Nach dem Start des Projekts <a href="https://www.ganztag-nrw.de/">„Offener Ganztag“</a> zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 wurde für das folgende Schuljahr an sechs Grundschulen für rund 300 Kinder eine Betreuungs- und Angebotsstruktur aufgebaut. In der Folgezeit kam es zu einer rasanten Entwicklung und Expansion des Vereins. Heute hält Netzwerk e.V. Ganztagsangebote in 26 Kölner Schulen bereit und die Teams sind in den meisten Schulen deutlich größer als die Lehrerkollegien.</p>
<p>Neben dem Bildungsauftrag kam auf Netzwerk e.V. in den Offenen Ganztagsschulen nun auch die Aufgabe zu, jeden Tag Hunderte von Kindern mit einem ausgewogenen Mittagessen zu versorgen. Entsprechend des Leitbildes war es für Netzwerk e.V. von Beginn an ein Anliegen, die Mahlzeiten für die Kinder hochwertig und frisch vor Ort zuzubereiten. Hierfür steht an jedem Standort ein kompetentes Team von Küchenkräften zur Verfügung.</p>
<p>Im Rahmen der Kooperation mit Offenen Ganztagsschulen kamen in den Folgejahren zusätzliche Jugendhilfeangebote hinzu, beispielsweise die Schulsozialarbeit und die Inklusionsbegleitung. Gleichzeitig wurden praxisnahe Projekte und Angebote zu einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ als Querschnittsaufgabe weiterentwickelt. Synergieeffekte, die sich die Verantwortlichen durch die Verschmelzung der beiden Vorgängervereine erhofft hatten, kamen somit wenige Jahre nach der Gründung zum Tragen.</p>
<p>Ziel der Arbeit in den Offenen Ganztagsschulen ist eine neue Lernkultur. Die Kinder nehmen am Unterricht teil und verbringen ihre Freizeit sowie einen Teil ihrer Ferien im Schulumfeld. Kinder und Jugendliche erhalten neben der formalen Bildung Zugänge zu non-formalen und informellen Bildungsangeboten. In Kooperationspartnerschaften mit Schulen steht damit nicht allein die klassische Vermittlung von Wissen im Vordergrund. Schule wird so immer mehr zu einem Ort des Lernens und des Lebens. Kinder und Jugendliche werden befähigt, eigene Handlungen kritisch zu reflektieren und eine Nachhaltige Entwicklung mitzugestalten. Mit der Aneignung von Schlüsselkompetenzen werden kognitive, praktische und kreative Fähigkeiten mobilisiert. Sie lernen mit unvollständigen und komplexen Informationen umzugehen, Entwicklungen vorausschauend zu analysieren und zu beurteilen, Perspektivenwechsel vorzunehmen und sich interdisziplinäre Erkenntnisse anzueignen.</p>
<p>Mit der OGS wuchs der Arbeitsbereich Schule. Im Jahr 2010 war der Verein, vor allem durch den Ausbau der Offenen Ganztagsschulen (OGS) auf über 400 Mitarbeitende angewachsen. Die Übernahme neuer Aufgaben in der Kooperation mit Schulen und das Hinzukommen neuer Verwaltungsaufgaben erforderten veränderte organisatorische Strukturen. Der in den Anfangsjahren von Natur &amp; Kultur aufgebaute Ganztagsbereich wurde als Fachbereich Schule unter dem Dach von Netzwerk e.V. als eigenständige Einrichtung geführt und weiterentwickelt. Im folgenden Jahrzehnt sollte dieser Bereich mit neuen Angeboten an der Schnittstelle Jugendhilfe und Schule weiter stark wachsen:</p>
<ul>
<li>Seit 2010: „Sicher Schwimmen“: In Kooperation mit der Stadt Köln und der KölnBäder GmbH begleiten Mitarbeitende von Netzwerk e.V. im Rahmen des Angebots „Sicher Schwimmen“ Kinder zum Schwimmunterricht. Ziel ist es, möglichst keine Kinder als Nichtschwimmer:innen nach der Grundschulzeit zurückzulassen.</li>
<li>Seit 2012: Schulsozialarbeit: Das Bildungs- und Teilhabegesetz ermöglichte es zahlreichen Grundschulen seit dem Jahr 2012, Schulsozialarbeiter:innen einzustellen. Mittlerweile unterstützen diese Fachkräfte die Kinder und Eltern ganztägig in zehn Schulen.</li>
<li>Seit 2012: Lernförderung: Für Kinder, deren Eltern auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, besteht die Möglichkeit unter festgelegten Rahmenbedingungen eine Lernförderung für ihre Kinder zu beantragen. Dieses Angebot wird seit dem Schuljahr 2012/2013 an verschiedenen Schulen von Mitarbeitenden von Netzwerk e.V. erfolgreich wahrgenommen.</li>
<li>Seit 2014: Inklusionsbegleitung: Als weiteres Jugendhilfeangebot kam im Schuljahr 2014/2015 die Begleitung von Schüler:innen mit Behinderung hinzu. Grundlage war eine Pilotphase für einen Inklusionspool, der auch an zwei Schulstandorten in Trägerschaft von Netzwerk e.V. installiert wurde. Pool bedeutet, dass sowohl ein Kind von mehreren Inklusionsbegleiter:innen als auch mehrere Kinder von einer Person begleitet und unterstützt werden können.</li>
</ul>
<h3><strong>Im Zeichen der Pandemie: neue Strukturen und Digitalisierung</strong></h3>
<div id="attachment_3762" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3762" class="wp-image-3762 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-3762" class="wp-caption-text">Lebensmittelpakete während der Corona-Zeit</p></div>
<p>Viele Vorhaben und Planungen aus den vergangenen fünf Jahren wurden durch die Corona-Pandemie geprägt oder auch unterbrochen. Am 13. März 2020 verhängte die Bundesregierung aufgrund der rasant steigenden Infektionszahlen den ersten Corona-Lockdown. Es sollten viele Monate mit Kontaktbeschränkungen folgen, die insbesondere für die Arbeit in Schulen und Kindertagesstätten zu einer großen Herausforderung wurde.</p>
<p>Die pädagogischen Mitarbeitenden mussten sich in schneller Abfolge auf immer neue Hygieneregeln zum Infektionsschutz einstellen. In Schulen und Kindertagesstätten wurden auch zu Lockdownzeiten Kinder von Eltern aus <em>„systemrelevanten“</em> Arbeitsfeldern in Notgruppen betreut und mit einem Mittagessen versorgt.</p>
<p>Die Arbeit mit Schutzmasken und face-shields sowie teilweise tägliche Testungen der Kinder brachte die Mitarbeitenden nicht selten an ihre Belastungsgrenze. Zusammen mit der Betriebsärztin konnte Netzwerk e.V. im eigenen Hause in den Jahren 2021 und 2022 Schutzimpfungen anbieten.</p>
<p>Im Zeitraum von 2019 bis 2023 gelang es trotz Corona, neue Angebote zu etablieren und bestehende Strukturen weiterzuentwickeln:</p>
<ul>
<li>Seit 2018: Praxis- und Fortbildungskonzepte für Mitarbeitende: In Onboarding-Seminaren werden neue Mitarbeitende – von Quereinsteiger:innen bis zu gestandenen Leitungskräften – auf ihr jeweiliges Einsatzgebiet vorbereitet. Für pädagogische Mitarbeitende im Offenen Ganztag wurde mit dem Netzwerk-Kompass ein Regel- und Anleitungswerk erstellt. In Inhouse-Qualifizierungskursen für Gruppenleitungen und Ergänzungskräfte im Offenen Ganztag wird Mitarbeitenden eine Vielzahl an Methoden und didaktischen Konzepten an die Hand gegeben.</li>
<li>Seit 2019: Institutionelles Kinder- und Jugendschutzkonzept: Ein Team rund um die „insofern erfahrenen Fachkräfte Kinderschutz“ (InsoFa) von Netzwerk e.V. ist seit 2019 mit der Erarbeitung eines „Institutionellen Kinder- und Jugendschutzkonzepts“ (ISK) befasst. Es wird aktuell in allen Einrichtungen des Vereins installiert.</li>
<li>Seit 2019: Praxisstelle für Dual-Studierende im Studiengang Soziale Arbeit: Netzwerk e.V. bietet den Dual-Studierenden in Kooperation mit verschiedenen Hochschulen eine Praxisstelle. Die Studierenden sammeln Praxiserfahrungen in den Einrichtungen des Offenen Ganztags, der Inklusionsbegleitung und in Kindertagesstätten.</li>
<li>Seit 2020 informiert die Nachhaltigkeitsmanagerin von Netzwerk e.V. über Zusammenhänge einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ und über Handlungsmöglichkeiten am jeweiligen Einsatzort. In einem Online-Newsletter werden die Mitarbeitenden über aktuelle Entwicklungen und Angebote von Netzwerk e.V. informiert.</li>
<li>Seit 2023: Social Media und Digitalisierung der Verwaltungsstrukturen: Seit Beginn des Jahres ist Netzwerk e.V. auf Instagram vertreten. Aktuelle Events, besondere Highlights sowie Veranstaltungen werden präsentiert und auch Werbung für die Mitarbeit bei Netzwerk e.V. gemacht.</li>
</ul>
<p>Eine digitale Personalakte und weitgehend papierlose Kommunikation mit Mitarbeitenden und Kooperationspartner:innen ist das Ziel der Steuerung der Verwaltungsaufgaben. Hierzu haben die Mitarbeitenden in der Verwaltung begonnen, sukzessive ein Personalmanagementprogramm einzuführen und ein professionelles Betriebsabrechnungsprogramm für Netzwerk e.V. auf den Weg zu bringen.</p>
<h3><strong>Jubliläumsjahr 2023</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-scaled.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-3759 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-300x49.jpg" alt="" width="300" height="49" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-200x32.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-300x49.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-400x65.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-600x97.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-768x124.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-800x129.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1024x166.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1200x194.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1536x249.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Im Jahr 2023 kann Netzwerk e.V. auf 20 Jahre Geschichte zurückblicken und begeht sein 20-jähriges Jubiläum! Zum Auftakt in das Jubiläumsjahr wurde am 24. März 2023 unter dem Motto „20 Jahre OGS“ zusammen mit Akteur:innen rund um den Fachbereich Schule im Rahmen des jährlich stattfindenden „Austauschforums Schule“ gefeiert. <a href="https://netzwerk.koeln/schule/videos/20_jahre_ogs_pls.mp4">Zu diesem Anlass wurde ein Kurzfilm präsentiert</a>, der die Kooperation zwischen Netzwerk e.V. und der Peter-Lustig-Schule in Köln Ossendorf portraitiert. Nach 20 Jahren ist <em>Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung </em>nunmehr zu einem gemeinnützigen Unternehmen herangewachsen, in dem über 900 Mitarbeitende Angebote für mehr als 6.000 Kinder und Jugendliche bereithalten.</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Ursula Adams, Nachhut der Gesellschaft, Freiburg i. Br., Lambertus-Verlag, 1971.</p>
<p>Prodosh Aich<strong>,</strong> Preis des aufrechten Gangs. Lebenserinnerungen eines Universitätslehrers aus den Jahren 1957–1987, Oldenburg, Acharyya Verlag, 2000</p>
<p>Otker Bujard, Prodosh Aich, Soziale Arbeit, Beispiel Obdachlose – eine kritische Analyse, Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 1972.</p>
<p>Gerd Iben, Kinder am Rande der Gesellschaft, München, Juventa Verlag, 1968 (Wissenschaftliche Arbeit von Dr. Iben in Verbindung mit dem Marburger Erziehungswissenschaftlichen Seminar unter Mitarbeit von Mitarbeitenden der ÖFG)</p>
<p>Wolfgang Kelm, Hg, Faß ohne Boden – Beiträge zum Obdachlosenproblem – Aus der Arbeit der Förderergemeinschaft „Kinder in Not“; Wuppertal, Jugenddienst-Verlag, 1973.</p>
<p>Wolfgang Kelm, 25 Jahre Wagnis; Die Arbeit der Förderergemeinschaft Kinder in Not e.V. 1960/1985, Köln, 1985.</p>
<p>Jana Muthny / Tobias Engelmann / Michael Scharp, KEEKS-Leitfaden für die klimaschonende Schulküche, Friedberg und Berlin, 2019</p>
<p>Christiane Reinecke, Wohlstand verpflichtet oder die Internationale der Moralisten, in: Sonja Levsen / Cornelius Torp, Hg., Wo liegt die Bundesrepublik? Göttingen, Vandenhoeck &amp; Rupprecht, 2016.</p>
<p>Dominique Simone Rychen; in: Inka Bormann / Gerhard de Haan, Hg., Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung, Berlin, Springer-Verlag, 2005.</p>
<p><strong>Friedhelm Meier</strong>, Köln</p>
<h3>Der Autor:</h3>
<p>Der Autor dieses Portraits, Friedhelm Meier, Jahrgang 1958, ist im ostwestfälischen Porta Westfalica geboren und aufgewachsen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung absolvierte er ein Studium der Biologie und forschte an der Universität Oldenburg zur Ökologie des Wattenmeeres. Er lebt heute mit seiner Ehefrau im Rheinland und war federführend an der Konzeptionierung und Durchführung zahlreicher Projekte und Veröffentlichungen zur Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung beteiligt. Friedhelm Meier war 1991 Gründungsmitglied des Kölner Jugendhilfeträgers „Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung e.V.“ und ist seit 2003 Geschäftsführer der Nachfolgeorganisation „Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung“.</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text folgt im Wesentlichen den Inhalten der zum 20. Jahrestag veröffentlichten Festschrift. Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 28. August 2023. Titelbild: Pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2023 05:32:20 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3577</guid>

					<description><![CDATA[<p>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer „Deutschland hat mit Blick auf sein öffentliches Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebot einen unübersehbaren Nachholbedarf. Zu lange und zu einseitig hat die ehemalige Bundesrepublik nahezu ausschließlich auf Familie und Schule als den fraglos gegebenen Stützpfeilern von Kindheit und Jugend gesetzt. Dabei war die  [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer</strong></h2>
<p><em>„</em><em>Deutschland hat mit Blick auf sein öffentliches Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebot einen unübersehbaren Nachholbedarf. Zu lange und zu einseitig hat die ehemalige Bundesrepublik nahezu ausschließlich auf Familie und Schule als den fraglos gegebenen Stützpfeilern von Kindheit und Jugend gesetzt. Dabei war die Familie vor allem für die Betreuung und Erziehung der Kinder, die Schule für die Bildung verantwortlich. Gemeinsam bildeten sie das Koordinatensystem für das mehr oder minder reibungslose Aufwachsen von Kindern in einer sich rasch wandelnden Welt.“ </em>(<a href="https://www.bmfsfj.de/resource/blob/112224/7376e6055bbcaf822ec30fc6ff72b287/12-kinder-und-jugendbericht-data.pdf">12. Kinder- und Jugendbericht, 2005</a>)</p>
<p>Die gesetzliche Kodifizierung der Jugendhilfe kann auf eine 100jährige Geschichte zurückblicken. Mit dem Kinder– und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) kann sie heute auf eine ausgereifte gesetzliche Grundlage im Sozialgesetzbuch verweisen. Doch der Weg dahin war schwer. Es lohnt sich daher, so etwas wie einen roten Faden in der Entwicklung zu suchen. Denn es waren spannende Auseinandersetzungen, bei denen es nicht allein um mehr Fachlichkeit, sondern auch um gesellschaftspolitische Kontroversen ging.</p>
<p>Längst ist die Kinder- und Jugendhilfe ein professionell handelnder zentraler Akteur der Ausgestaltung des Sozialstaatsgebots <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html">Artikels 20 GG</a>. Ihr Portfolio spiegeln bundesweite Zusammenschlüsse wie der <a href="https://www.deutscher-verein.de/de/">Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge</a>, die <a href="https://www.agj.de/">Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe</a> (AGJ) und – bezogen auf die Heimerziehung –der <a href="https://afet-ev.de/">Allgemeine Fürsorge- und Erziehungshilfetag</a> (AFET) sowie die <a href="https://igfh.de/">Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen</a> (IGFH), nicht zuletzt von Bedeutung gerade im Hinblick auf die Demokratiebildung ist der <a href="https://www.dbjr.de/">Deutsche Bundesjugendring</a> (DBJR) als Zusammenschluss der Kinder- und Jugendverbände. In diesen Organisationen haben sich nahezu alle Akteure der öffentlichen und freien Träger zusammengeschlossen.</p>
<p>Kinder- und Jugendhilfe ist in gesellschaftlichen Zusammenhängen verwoben und daher einem stetigen Wandel unterworfen. Ziele und Arbeitsweisen haben sich in den vergangenen 75 Jahren immer wieder an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen angepasst und anpassen müssen. Die umfangreichen Nachjustierungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes haben den eigenständigen Auftrag und ihre eigenständige Funktion im Rahmen der Sozialen Arbeit gestärkt. Das zu erreichen war kein leichter und selbstverständlicher Prozess. Es bedurfte erheblicher Überzeugungs- und Durchsetzungskraft.</p>
<div id="attachment_2196" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2196" class="wp-image-2196 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2196" class="wp-caption-text">Bildungshaus Bad Aibling. Foto: Claudia Kohnle</p></div>
<p>Manche Kontroversen dauern nach wie vor an. Immer wieder geht es um die Frage der finanziellen Lastenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen, oft aber auch um die Verteilung der Aufgaben zwischen öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe, nicht zuletzt, weil seit den 2000er Jahren durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Schulkinder die Schule als dritter Partner beteiligt wird. Ein Beispiel, das mehr Beachtung verdiente, ist das erfolgreiche Modell einer Schule in Trägerschaft der freien Jugendhilfe, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/">Bildungshaus Bad Aibling</a>. Bildung, Erziehung, Betreuung im Spannungsfeld von Prävention und Intervention werde heute viel komplexer diskutiert als dies noch vor 100, 50 oder gar vor der 30 Jahren der Fall war. Ein kritischer Punkt ist die bisher leider gescheiterte <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradigmenwechsel-kinderrechte-in-kommunen/">Aufnahme der Kinderrechte gemäß der einschlägigen UN-Konvention in das Grundgesetz</a>. Weitere Debatten wurden und werden im Demokratischen Salon immer wieder in der Rubrik „Kinderrechte“ angesprochen und dokumentiert.</p>
<p>Eines ist seit der Herausbildung der <em>„Jugendwohlfahrt“</em> in den 1920er Jahren durch bedeutende Akteurinnen (!) wie zum Beispiel <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_B%C3%A4umer">Gertrud Bäumer</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Juchacz">Marie Juchacz</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marie-Elisabeth_L%C3%BCders">Marie Elisabeth Lüders</a> bis heute geblieben: der Grundgedanke eines <em>„Rechts auf Erziehung“</em>, der bereits 1922 im damaligen <a href="https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/v1a/feh/feh1p/kap1_2/kap2_143/para3_1.html">Reichsjugendwohlfahrtsgesetz</a> enthalten war. Das war ein entscheidender Durchbruch, der bis heute das Fundament der Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe und auch des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/">Kinder- und Jugendhilfegesetzes</a> (SGB VIII) prägt.</p>
<div id="attachment_3590" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3590" class="wp-image-3590 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-400x401.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-600x601.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-768x769.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-800x801.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1022x1024.jpg 1022w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1200x1202.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1533x1536.jpg 1533w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3590" class="wp-caption-text">Foto: privat</p></div>
<p>Über die Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe habe ich im Frühjahr und im Frühsommer 2023 mehrfach mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Sch%C3%A4fer_(Politiker)">Prof. Klaus Schäfer</a> (*1945) gesprochen. Klaus Schäfer hat seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe begleitet. Bis zu seinem Wechsel in das nordrhein-westfälische Sozialministerium im Jahr 1991 war er Geschäftsführer der AGJ. Zuletzt nahm er die Funktion des Staatsekretärs im Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Kultur und Sport in NRW wahr. Er wirkte in verschiedenen bundesweiten Gremien mit, unter anderem im Bundesjugendkuratorium, beim Deutschen Jugendinstitut und in den Sachverständigenkommissionen zur Erstellung des 14. und 15. Kinder- und Jugendberichts, deren stellvertretender Vorsitzender er war. Seit 2006 ist er Honorarprofessor an der Universität Bielefeld, Fakultät Erziehungswissenschaft.</p>
<p>In den Jahren 2003 bis 2005 arbeiteten wir im Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen eng zusammen, er als Abteilungsleiter, ich als Referatsleiter. Unser gemeinsames großes Projekt war die Offene Ganztagsschule im Primarbereich (OGS), die sich zu einer Erfolgsgeschichte der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule entwickelte.</p>
<p>Unser gemeinsamer Eindruck: es geht auch heute immer noch um das Wechselverhältnis von Kinder- und Jugendhilfe und gesellschaftlichen Entwicklungen. Besonders sichtbar wird dies an den steigenden Zahlen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), den Herausforderungen in der Bildungspolitik und vor allem auch in der frühen Bildung, um nur einige Aspekte zu nennen, sowie den aktuellen Debatten um <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wer-glaubt-an-dich/">Folgen und Prävention von Kinderarmut</a>.</p>
<h3><strong>Von der Fürsorge zum eigenständigen Erziehungsanspruch der Jugendhilfe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele Menschen denken: Kinder- und Jugendhilfe greift erst ein, wenn das sprichwörtliche Kind <em>„in den Brunnen gefallen ist“</em>.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es mag sein, dass diese Einschätzung noch in zahlreichen Köpfen der Menschen nachhallt. Und sicher ist es so, dass es manchmal gar nicht anders geht, wenn ich zum Beispiel an die Tätigkeit im ASD denke. Da kommen Kontakte mit den Eltern oft erst zustande, wenn diesen die Probleme und Herausforderungen „über den Kopf wachsen.“ Das Instrument der Inobhutnahme (§ 42 SGB VIII) ist hierfür ein gutes Beispiel. Doch für andere Handlungsfelder, wie zum Beispiel die Jugendsozialarbeit, die Schulsozialarbeit, die Familienberatung, die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen, die Kinder- und Jugendarbeit trifft diese Einschätzung nicht zu. Längst sind diese Felder Orte der Bildung und Erziehung, wie sie auch in ihrem pädagogischen Profil immer betonen. Sie sind aber auch Felder, in denen der präventive Charakter der Kinder- und Jugendhilfe greift. Aber eines ist mir wichtig: Die Kinder- und Jugendhilfe ist heute zentraler Akteur in der Gestaltung der Lebenswelten junger Menschen und ihrer Familien und seit Jahren in der kommunalen Verantwortungsebene ein enorm expandierender Bereich. </em></p>
<p><em>Hatte </em><a href="https://openlibrary.org/books/OL4322644M/Jugendhilfe_und_Jugendgesetzgebung_seit_1900"><em>Christa Hasenclever</em></a><em> noch 1978 festgestellt, dass die Jugendhilfe „eine noch weithin unbekannte und daher nicht populäre gesellschaftliche Funktion einnimmt“, so ist es heute unbestritten, dass die Kinder- und Jugendhilfe in der „Mitte der Gesellschaft“ und in jeder Hinsicht Begleiterin im Alltag junger Menschen und ihrer Familien ist. Da lohnt es sich, auf einen grundlegenden Durchbruch hinzuweisen: die gesetzliche Kodifizierung eines „Rechts auf Erziehung“ von Kindern und Jugendlichen. Das war 1922 keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis einer langen politischen Auseinandersetzung im Deutschen Reichstag. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielten dabei die freien Träger?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Na ja, die freien Träger in der Kinder- und Jugendhilfe waren (und sind es auch noch heute) eine richtige Macht. Nicht nur, weil etwa 70 % der Leistungen und Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe von ihnen wahrgenommen werden. Ihre Tätigkeit war auch bis zum Kinder- und Jugendhilfegesetz 1990 durch das Subsidiaritätsgebot geschützt, denn bevor der öffentliche Träger tätig werden konnte, war er verpflichtet, zunächst einen Träger der freien Jugendhilfe zu fragen, ob er nicht die erforderliche Leistung erbringen will. Aber auch die Eltern orientierten sich stark an den Ausrichtungen der freien Träger je nach ihrer Grund- und Werteorientierung. Das ist auch heute noch weitgehend so, auch wenn nicht mehr in dem Maße, wie dies vor 30 oder 40 Jahren der Fall war. </em></p>
<p><em>Aber in der fachlichen Gestaltung und in den Reformdiskussionen waren die freien Träger in ihrer Gesamtheit oftmals die Treiber, die Veränderungen wollten und in wichtigen fachlichen Grundsatzfragen weitgehend an einem Strang zogen. Daran wird auch heute kein Zweifel laut, auch wenn das Zusammenspiel der öffentlichen und freien Träger nicht mehr durch das Subsidiaritätsprinzip, sondern von einer „partnerschaftlichen Zusammenarbeit“, aber bei Beachtung der „Selbständigkeit der freien Jugendhilfe“ geprägt wird.</em></p>
<p><em>Aber ebenso wichtig waren, zum Beispiel in den Zeiten des Aufbruchs, die Initiativen, die sich herausbildeten und neue Impulse in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe einbrachten. Sie waren so etwas wie die Graswurzelbewegung der 1970er Jahre. Es war ein Jahrzehnt, in dem für die Kinder- und Jugendhilfe neue Maßstäbe in fachlicher struktureller und rechtlicher Hinsicht gesetzt wurden. Unzählige Projekte, zum Beispiel in der Gemeinwesenarbeit, der Stadtteilarbeit, den erzieherischen Hilfen, der Kinder- und Jugendarbeit etc. entstanden, oftmals durchaus außerhalb der klassischen Träger der Jugendhilfe. Sie waren zugleich auch Ausdruck einer Kritik an deren Arbeit. </em></p>
<p><em>„Innovativ“, „emanzipatorisch“ und „offensiv“ waren einige Schlagwörter der neuen Ansätze. Konkrete Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche wurden entwickelt und es bildete sich deutlich mehr Selbstbewusstsein in ihrem Anspruch, auch gesellschaftspolitisch zu agieren, heraus. Da ging auch vieles von den Hochschulen aus, vor allem bei der Prägung eines sozialpädagogischen Profils. Dieser Prozess war wichtig und er hat der Kinder- und Jugendhilfe gutgetan, wie sich an der weiteren Entwicklung zeigt. Es war ein Jahrzehnt einer grundlegenden Neuorientierung, in der Theorie wie in den Methoden und Angebotsformen. Es entwickelte sich ein grundlegend neues Profil ihres Handelns im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen, die die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit beeinflussten. Schon in dieser Zeit war der Begriff „Fürsorge“ kein für die Jugendhilfe kennzeichnender Begriff und entsprach auch nicht den fachlichen Herausforderungen. Für die Kinder- und Jugendarbeit galt er ohnehin nicht. Sie war – im Gegenteil – auch Teil neuer Jugendbewegungen wie zum Beispiel die Jugendzentrumsbewegung, die Lehrlingsbewegung und wirkte nicht zuletzt auch an den gesellschaftlichen Diskussionen um den „Jugendprotest im demokratischen Staat“ Ende der 1970er Jahre mit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei der Entwicklung der gesetzlichen Grundlagen gab es nicht nur Zustimmung, sondern auch erhebliche Widerstände.</p>
<div id="attachment_3587" style="width: 205px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/45373-den-sozialraumansatz-weiterdenken.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3587" class="wp-image-3587 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-195x300.webp" alt="" width="195" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-195x300.webp 195w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-200x307.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz.webp 213w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a><p id="caption-attachment-3587" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Klaus Schäfer </strong><em>In dieser Zeit war das geltende Jugendwohlfahrtsgesetz keine ausreichende gesetzliche Grundlage. Aber man nutzte die Schlupflöcher, die es vielfältig gab und die durch Bund, Länder und Kommunen gesetzten Richtlinien, die bereits auf neue Impulse eingingen. Aber um eine gesetzliche Reform durchzusetzen, reichte es nicht, denn zu stark wirkten immer wieder die Bremser. Kennzeichnend für diese Vergangenheit ist eine über 30 Jahre dauernde kontroverse Reformdebatte. Sowohl das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG), das 1953 nur unzureichend geändert wurde, als auch das Jugendwohlfahrtsgesetz, das das RJWG 1961 ablöste, waren keine grundlegenden, sondern allemal kleinere Veränderungen. Dennoch hatten sie eine Stärke aus der Sicht der Jugendarbeit: das Prinzip der „Einheit der Jugendhilfe“, das vor allem aus der Sicht der Jugendarbeit eine große strukturelle Bedeutung hatte. </em></p>
<p><em>Dennoch, trotz Änderungen zur Fürsorgeerziehung, zur Freiwilligen Erziehungshilfe, zur Stärkung der freien Träger und der Normierung der Heimaufsicht war die Unzufriedenheit über die Reformzurückhaltung sehr groß. Vor allem Teile der Kommunen und der Länder zeigten erhebliche Widerstände und kritisierten die ihnen übertragenen Aufgaben. Und wie immer wurde auch das Argument des Geldes als Bollwerk gegen die Reform genannt. Ein weiterer Streitpunkt war auch die gesetzliche Verpflichtung der Kommunen zur Errichtung von Jugendämtern. Die Kommunen betrachteten dies als einen Eingriff in ihre Organisationshoheit. Es waren Streitpunkte, die bereits 1922 eine besondere Rolle spielten. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahre 1967, das die Einführung der Jugendämter als Fachämter als verfassungskonform erklärte, kehrte dann etwas mehr Ruhe ein. Diese Entscheidung war zugleich aber auch ein Durchbruch zu einem Fachamt, das mit einem eigenen Ausschuss, dem Jugendhilfeausschuss ausgestattet wurde. Damit wurden auch die Träger der freien Jugendhilfe in die Gestaltung des Jugendamtes einbezogen.</em></p>
<h3><strong>Die Reformdebatten der 1960er, 1970er und 1980er Jahre</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Impulse gab es in anderen Bereichen?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es gab immer wieder Entwicklungen, die mit dem Begriff „Reformbewegung“ in Verbindung zu bringen waren – und auch heute noch sind. Ein Hintergrund war die Debatte um die „Bildungskatastrophe“ wie Georg Picht sie in seinem Bildungsgutachten bereits 1964 skizzierte. Ein Thema, welches die Jugendhilfe auch aus der alleinigen Betrachtung als „Fürsorge“ herausholen sollte. So wurde schon 1960 auf der Hauptversammlung der Arbeitsgemeinschaft für Jugendfürsorge und Jugendpflege (AGJJ) die gemeinsame Verantwortung von Jugendhilfe und Schule für die Jugend thematisiert und eine engere strukturell gesicherte Kooperation gefordert. </em></p>
<p><em>Es „wimmelte“ in dieser Zeit nur so von Vorschlägen, Empfehlungen und auch gesetzlichen Forderungen. Es kam zum Beispiel auch zu den ersten Ländergesetzen im Bereich der Kindergärten, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, denn für diesen Bereich war der Handlungsdruck besonders groß. Das alles konkretisierte sich in einer Ungeduld, die gegen Ende der 1960er Jahre, wie </em><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/autor_innen/autorenseite/10-christian-schrapper.html"><em>Christian Schrapper</em></a><em> es formulierte, so etwas wie „die Ruhe vor dem Sturm“ auslöste (nachzulesen in seinem 1999 erschienen Aufsatz „</em><em>Zwischen Aufbau und Umbruch“)</em><em>. </em></p>
<p><em>Das politische und gesellschaftliche Klima änderte sich massiv. Die Sehnsucht, konservative Strukturen zu verändern und die Formel </em><a href="https://willy-brandt.de/willy-brandt/publikationen/wir-wollen-mehr-demokratie-wagen/"><em>„Mehr Demokratie wagen“</em></a><em> (Willy Brandt, 1972), bestimmten auch die Forderungen der Kinder- und Jugendhilfe nach einer gesetzlichen Neuregelung. Denn in dieser Zeit wurde auch eine deutliche Kritik an der Praxis der Jugendhilfe laut, die vor allem an ihren repressiven Strukturen und Wirkungsweisen festmachte. Jugendhilfe bzw. Jugendwohlfahrt wie sie damals bezeichnet wurde, wurden von ihren Kritikern als „Instanz der sozialen Kontrolle“ gesehen. Somit wurden faktisch ihre Unterstützungsfunktionen konservativer gesellschaftlicher Verhältnisse betont. </em></p>
<p><em>Einen Anlauf für eine grundlegende gesetzliche Reform unternahm 1970 die damalige Bundesjugendministerin </em><a href="https://www.hdg.de/lemo/biografie/kaete-strobel.html"><em>Käthe Strobel</em></a><em> mit dem Einsetzen einer Sachverständigenkommission. Doch dieser Versuch, der über einem Diskussionsentwurf nicht hinausging, wurde nach Kontroversen zwischen Bund und Ländern 1974 nicht mehr weiterverfolgt. Ein neuer Versuch wurde dann – nach Vorläufen – 1977 unternommen, der eine breite Unterstützung der Praxis und der Träger fand. Der Gesetzesentwurf ging sehr weit auf Forderungen der Praxis ein, denn er beinhaltete neben einem fachlich begründeten neuen Verständnis der Angebote und Leistungen der Jugendhilfe vor allem auch einen stärkeren Einbezug der Jugendlichen bei Entscheidungen über Hilfe und Unterstützung. So räumte er ihnen eine klares Ablehnungsrecht ein (§ 8). Den dann folgenden Regierungsentwurf beschloss der Deutsche Bundestag 1980 mit Mehrheit der SPD/FDP Koalition. Die folgenden Beratungen im Bundesrat zeigten jedoch die deutliche Ablehnung seitens der meisten Länder, die dem Gesetz dann auch im Vermittlungsausschuss keine Chance gaben. Alternativ hatte das Land Baden-Württemberg einen Gesetzentwurf eingebracht, der zwar im Bundesrat angenommen, jedoch im Bundestag schließlich abgelehnt wurde. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das klingt doch sehr nach einer politischen und weniger nach einer fachlichen Debatte.</p>
<div id="attachment_3584" style="width: 197px" class="wp-caption alignright"><a href="https://75jahre.dbjr.de/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3584" class="wp-image-3584 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Bundesjugendring.jpg" alt="" width="187" height="266" /></a><p id="caption-attachment-3584" class="wp-caption-text">Ausführliche Informationen des Deutschen Bundesjugendrings über seine Geschichte erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ja so war das, denn fachliche Fragen spielten bei der Ablehnung so gut wie keine Rolle. Die Reformdebatte war immer auch verbunden mit einer gesellschaftspolitischen Richtungsdebatte. So wurden die Reformwilligen als eine Gruppe von Ideologen dargestellt, die im Kern eine andere Gesellschaftsordnung wollten. Zentraler Gegenstand war (und ist immer noch) die Kontroverse zwischen Elternrechten und den eigenständigen Rechten von Kinder- und Jugendlichen. Das war die ideologische Kontroverse, die die Reform verhinderte und Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts war. Anschaulich dokumentiert das der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß in seiner Ablehnung der Reform. Er schrieb an den Deutschen Bundesjugendring, dass die vorgesehene Jugendhilferechtsreform sowie die Neuregelung der elterlichen Sorge „weder so noch in anderer Form das Licht der Welt erblicken“ dürfe. Der Brief ist im </em><a href="https://jugendhilfeportal.de/material/50-jahre-deutscher-bundesjugendring-150-jugend-macht-demokratie/"><em>Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen des Deutschen Bundesjugendrings im Jahr 1979</em></a><em> abgedruckt. Diese Haltung setzte sich schließlich durch. </em></p>
<p><em>Nach dem Scheitern entstand eine Phase der Enttäuschung und der Diskussionen darüber wie es nun mit einem für die Zeit völlig unzureichendem Gesetz, dem JWG, weitergehen konnte. Ein Versuch von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Gei%C3%9Fler"><em>Heiner Geißler</em></a><em>, der 1982 Jugend- und Familienminister wurde, scheiterte dann aber schnell. Die Praxis befürchtete, dass mit dieser kleinen Reform, die Option auf eine grundlegende Reform aufgegeben würde. Zudem stand der Entwurf auch wegen der Kostenneutralität in der Kritik. Schließlich wurde er von Familienministerin </em><a href="https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/bundestagspraesidenten_seit_1949/suessmuth-244860"><em>Rita Süssmuth</em></a><em> 1985 zurückgezogen. Die dann folgende Reformdebatte, ausgelöst durch einen neuen Entwurf 1988, war dann endlich erfolgreich und endete in dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 bzw. 1991 als Achtes Buch des Sozialgesetzbuches. </em></p>
<p><em>Das alles ist Geschichte, spiegelt aber wider, wie stark einerseits die Bremser agieren und sich durchsetzen konnten, andererseits zeigt sie auch die Beharrlichkeit der Reformbefürworter in allen Lagern, ohne die der Erfolg nicht möglich gewesen wäre</em>.</p>
<h3><strong>Thema Heimerziehung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Heimerziehung war lange Zeit das zentrale Thema der Jugendwohlfahrt, in Form der Fürsorgeerziehung. Ihre Praxis stand seit vielen Jahren in der Kritik, nicht zuletzt ausgelöst durch die sogenannte „Heim-Bambule“.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Diskussion um die Heimerziehung beherrschte in den 1960er und 1970er Jahren die fachliche Debatte. Die „Heimkampagne“ mit ihren „systemsprengenden Formen“ des Protestes Ende der 1960er und auch noch in den 1970er Jahren spiegelte auch die große Enttäuschung über die sehr bescheiden ausgefallene Reform des RJWG im Jahre 1961 wider. Es waren vor allem Studenten (unter Leitung von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Mollenhauer"><em>Klaus Mollenhauer</em></a><em> von der Frankfurter Universität) die sich in Hessen gegen die Formen der Heimerziehung wandten, auch durch Besuche in Heimen. Druck machte zudem in Berlin das </em><a href="https://www.rauchhaus1971.de/"><em>Georg-von Rauch-Haus</em></a><em>, in dem sich „Trebegänger“, die sich den Heimen entzogen haben, trafen und unterkamen. Auch die „Sprengung“ von Einrichtungen in Fulda und Biedenkopf durch Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Andreas Baader waren Teil dieser „Heimkampagne“.</em></p>
<p><em>Bereits bestehende Zweifel an der Wirksamkeit der Fürsorgeerziehung wurden durch massive Klage über die für Jugendliche unzumutbaren Zustände der pädagogischen Praxis immer deutlicher. Trotz einiger Reformansätze, die Ende der 1960ziger Jahre umgesetzt wurden, blieb die Kritik an der Praxis der Einrichtungen bestehen. Zu stark war die Fürsorgeerziehung in dem Gedanken einer Anstaltserziehung verhaftet und tat sich mehr als schwer, sich daraus zu lösen. Obwohl vor allem </em><a href="https://afet-ev.de/"><em>der Allgemeine Fürsorge- und Erziehungstag</em></a><em> (AFET), wie auch Teile der Träger der freien Jugendhilfe in ihren Absichten auf eine Modernisierung der Fürsorgeerziehung abzielten, konnten sie sich nicht so weit durchsetzen, dass sich Reformansätze schneller realisieren ließen. Allerdings sank die Zahl der Unterbringungen deutlich, was auch ein Zeichen der Verunsicherung war. Mit dem SGB VIII wurden dann auch die Bezeichnungen geändert, aus der Fürsorgeerziehung wurde die Heimerziehung im Rahmen der Erzieherischen Hilfen – ausgestattet mit einem klaren Erziehungsauftrag – und neue offene Formen bildeten sich heraus.  </em></p>
<p><em>Doch immer wieder verfingen sich „alte“ Formen der Zwangserziehung auch noch in den 1990er Jahren. Die Diskussionen um die „Geschlossene Unterbringung“ oder auch die Übernahme oder zumindest eine Orientierung an den in den USA entwickelten „Boot-Camps“ spiegelten bis weit in den 2000er Jahre wider, dass sich politische Kräfte so richtig von dem repressiven Unterbringungsgedanken nicht hatten abbringen wollen. </em></p>
<p><em>Viele Akteure haben an den Veränderungen der Heimerziehung mitgewirkt, nicht zuletzt die Landesjugendämter, die bis 1990 als überörtliche Träger in einigen Ländern die Unterbringungskosten finanzierten. Auch das Deutsche Jugendinstitut wirkte an den vielen Reformimpulsen der Heimerziehung maßgeblich mit. Wie auch das ISA mit seinen Beiträgen zur Heimerziehung zahlreiche Impulse für eine veränderte, an den Bedürfnissen der in den Heimen untergebrachten Kinder und Jugendlichen entwickelt hatte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das dunkle Kapitel der Heimerziehung: Seit dem Runden Tisch Heimerziehung Ende der 2000er Jahre haben sich nahezu alle Träger auf den Weg gemacht, Geschichte und Praxis der Heimerziehung genauer zu untersuchen. Inzwischen gibt es auch einige <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-das-schweigen/">wissenschaftliche Untersuchungen zum Schweigen</a> der Opfer und Täter*innen, zum Beispiel eine Untersuchung von Friederike Lorenz zur Gewalt in zwei Jugendwohngruppen, mit der ich für den Demokratischen Salon gesprochen habe. Es sind immer die selben Muster, gleichviel ob es um Gewalt in Heimen oder um Gewalt im Kontext von Antisemitismus und anderen menschenfeindlichen Ideologien geht.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ja, das ist richtig und auch sehr aufwühlend. Es bestätigt aber auch die Kritik in den 1970er Jahren an der Fürsorgeerziehung. Die Diskussion um die Aufarbeitung der Schicksale von Betroffenen in der Fürsorgeerziehung zeigt das „schreckliche“ Gesicht damaliger Erziehungsformen der schwarzen Pädagogik und der Grenzverletzungen. Es ist ein schwieriger Prozess der Aufarbeitung und der Anerkennung des für viele Betroffene erlittenen Leids und Unrecht. </em><a href="https://www.aufarbeitungskommission.de/service-presse/service/glossar/runder-tisch-heimerziehung/"><em>Der „Runde Tisch Heimerziehung</em></a><em> in den 1950er und 1960er Jahren“ hat in seinem Abschlussbericht 2011 sehr detailliert das erlebte Leid der Betroffenen sichtbar gemacht und Betroffene zu Wort kommen lassen. Im Juli 2011 beschloss der Deutsche Bundestag weitgehend die Forderungen des Runden Tisches und forderte die Länder auf, die Umsetzung zügig zu realisieren. Im Zuge der weiteren Entwicklungen sind „Unabhängige Kommissionen“ bei einzelnen Trägern der Sozialen Arbeit (und den Kirchen) eingerichtet und Gutachten in Auftrag gegeben worden, die sich mit der Aufarbeitung der in den Heimen erlebten Übergriffe befassen. Viele stehen erst noch am Anfang einer sicher noch langwierigen Aufklärung. Es bleibt Empörung zurück und vor allem die Frage: Warum ist es den Trägern und schließlich auch der der Heimaufsicht (jedenfalls ab 1961) nicht gelungen, längst früher auf Missstände aufmerksam zu machen und offensiv die Praxis der „schwarzen Pädagogik“ anzugreifen und zu unterbinden? So bleibt es ein dunkles Kapitel der Heimerziehung zurück, das schwer wiegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier passt vielleicht ein Hinweis auf die Entwicklungen in der DDR. Der Zentrale Runde Tisch befasste sich nach dem Fall der Mauer schon sehr früh mit der Heimerziehung in den Jugendhöfen in der DDR. Seine Vorschläge wurden nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 leider nicht mehr berücksichtigt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Der Runde Tisch „Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren“, war zunächst ausschließlich auf die Situation in Westdeutschland ausgerichtet. Er wurde in einer Neuauflage mit der Aufarbeitung der Heimerziehung in der ehemaligen DDR beauftragt. Ein wichtiges Stichwort ist </em><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/342140/der-geschlossene-jugendwerkhof-torgau-eine-totale-institution/"><em>Torgau</em></a><em>, eine Einrichtung, in die vor allem Jugendliche mit politisch abweichenden Auffassungen eingewiesen wurden. </em></p>
<p><em>An dieser Stelle will ich festhalten, dass die Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe bis 1990 ausschließlich eine westdeutsche Geschichte ist und erst mit der Geltung des neuen Kinder- und Jugendhilferechts bereits 1990 in Ostdeutschland ein Prozess der Implementierung des Systems der Kinder- und Jugendhilfe Realität wurde. Seitdem haben sich in diesen Bundesländern und Kommunen enorme Entwicklungsprozesse auf allen Gebieten der Kinder- und Jugendhilfe ergeben, die das sozialpädagogische Profil deutlich stärkten.</em></p>
<h3><strong>Einheit der Jugendhilfe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Heimerziehung ist nur ein Bereich der Sozialen Arbeit, wenn auch ein teurer Posten. Wie ging es weiter?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Diskussionen hörten nicht auf. Die Jugendhilfe wollte nicht Teil eines Sozialgesetzbuches sein, sondern forderte ein Jugendgesetzbuch mit klaren und verbindlichen Normen, die Kinder und Jugendliche als Subjekte betrachten und nicht allein aus dem rechtlichen Blick der Eltern oder als ein Unterfall des Sozialen. Sie wollte die Sicherung der „Einheit der Jugendhilfe“, d. h. die Gleichwertigkeit von Kinder- und Jugendarbeit einerseits und den erzieherischen Hilfen andererseits. Und sie wollte ein Gesamtwerk jugendrechtlicher Regelungsbereiche. Das war aber leider nicht durchsetzbar. Stattdessen wurde das Kinder- und Jugendhilfegesetz als VIII. Buch Teil des Sozialgesetzbuchs. Na ja, daran haben wir uns bis heute gewöhnt, wenn auch das, was wir uns vorstellten, nämlich eine abstimmende und vernetzende „Kommunikation“ zwischen den Gesetzesbüchern im SGB bis heute nicht oder nur ansatzweise erreicht wurde. So haben, das ist jedenfalls mein Eindruck, die einzelnen Gesetze kaum abgestimmte Verbindungen zueinander, funktionieren nach ihren eigenen Logiken und werden in der behördlichen Praxis nur wenig miteinander verknüpft und es fehlt an ämterübergreifenden Kooperationen, die es Betroffenen schwer machen, mit dieser Art von Bürokratie klarzukommen. </em></p>
<p><em>Einen wesentlichen Beitrag für die Weiterentwicklung der Praxis leisten die Kinder- und Jugendberichte der von der Bundesregierung jeweils in einer Legislaturperiode eingesetzten Sachverständigenkommission. Sie setzen immer wieder Impulse. Beispielhaft will ich auf den Achten und den Elften Kinder- und Jugendbericht hinweisen, die mit ihrem Grundverständnis von „Lebensweltorientierung“ beziehungsweise der „Gesundheitsförderung“ deutliche Akzente für eine engeres Kooperieren und Abstimmen der verschiedenen Regelungsbereiche gesetzt haben. Auch der Zwölfte Jugendbericht mit dem Schwerpunkt Bildung ist besonders zu nennen. Aber im Prinzip gilt die Impulsfunktion für alle Berichte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber haben Kontroversen über die Ausgestaltung der Jugendhilfe nicht auch etwas mit den Zuständigkeiten zwischen Bund, Länder und Kommunen zu tun?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Natürlich. Immer wieder ist von Seiten der Kommunen zu hören, die bundesgesetzlichen Regelungen belasteten sie über Maßen und fordern vom Bund mehr Geld. Anders als bei Bundesgesetzen, spielt bei den Ländergesetzen das Prinzip der Konnexität eine große Rolle. Das heißt, dass die Übertragung von Aufgaben auf die Kommunen immer mit einer Finanzierungsverpflichtung des Landes verbunden sein muss. Andererseits will der Bund sich stärker in die Gestaltung einmischen, wie zum Beispiel in der Sprachförderung von Kindern in Tageseinrichtungen oder aber in der Qualitätsdebatte in Kindertageseinrichtungen, wozu er dann auch einen Finanzierungsbeitrag leistet. Doch es sind immer wieder zum Teil hitzige Diskussionen um die erforderlichen Geldmittel.  </em></p>
<p><em>Und es ist auch nachvollziehbar, wenn die Kommunen feststellen, sie seien an den Rand der Finanzierbarkeit gestoßen. Tatsächlich steigen die Aufwendungen für die Kinder- und Jugendhilfe stetig. Ich will nur einige Zahlen nennen, die die Dimension sichtbar machen. Lag noch in den 1970er Jahren der finanzielle Aufwand für die Jugendhilfe bundesweit insgesamt bei etwa vier Mrd. DM, so beträgt er heute knapp 60 Mrd. EUR. Selbst wenn die Vergleichbarkeit hinkt, da seit 1990 die neuen Bundesländer hinzugekommen sind und auch Preis- und Gehaltssteigerungen einzurechnen sind, belegt die Größenordnung doch, wie stark die Kinder- und Jugendhilfe gewachsen ist und immer noch wächst. </em></p>
<div id="attachment_2193" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2193" class="wp-image-2193 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2193" class="wp-caption-text">Im Bildungshaus Bad Aibling leben und lernen Kinder im Alter von 0 &#8211; 10 Jahren gemeinsam. Im Bild zu sehen: die Mensa. Foto: Claudia Kohnle</p></div>
<p><em>Natürlich machen die Kosten für die Kindertagesbetreuung und die der Hilfen zur Erziehung mit einem Anstieg von ca. 240 % bzw. von 135 % seit 2006 die größten Posten aus. Hiervon entfallen auf die Kommunen nahezu rd. 85 %, was die Belastungen der kommunalen Haushalte verdeutlicht. Aber auch andere Maßnahmen zeigen deutliche Anstiege, wie zum Beispiel die Eingliederungshilfen nach § 35 a, die vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die Inklusion weiter zunehmen werden. Das zeigt aber auch, dass die Kostendimensionen immer auch den Gestaltungsprozess der Kinder- und Jugendhilfe beeinflussen werden. Umso wichtiger ist es fachlich zu überzeugen und auch die Wirkung sozialpädagogischen Handelns – soweit es möglich ist – immer wieder herauszufinden.</em></p>
<p><em>Aber gerade die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Bund und Länder hatte mit der Föderalismusreform I im Jahre 2006 noch einmal zu einer grundlegenden Kontroverse geführt, da sowohl die Einrichtung von Behörden wie auch – etwas später im Jahr 2009 – die Verfahrensvorschriften durch die Länder eigenverantwortlich wahrgenommen werden konnten. Die Sorge um das Jugendamt als eigenständige Fachbehörde war in dem Konflikt groß. Aber die Kommunen und Länder respektierten weitgehend die bestehenden Strukturen.</em></p>
<h3><strong>Meilensteine: Einmischung und Bildungsauftrag</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein zentraler Punkt der Neu-Orientierung der Sozialen Arbeit in den 1970er und 1980er Jahren war die Forderung nach der <em>„Einmischung“</em> der Kinder- und Jugendhilfe in andere Politikbereiche.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ohne Zweifel, die Kinder- und Jugendhilfe hat einen Einmischungsauftrag, wenn Sie den Aufgabenkatalog des § 1 Abs. 3 SGB VIII lesen. Dort wird als eine Aufgabe formuliert „positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihren Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“ Hier ist, wenn Sie so wollen, die „Strategie der Einmischung“ verankert (so nannte es </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Mielenz"><em>Ingrid Mielenz</em></a><em>). Die Erkenntnis, dass die Jugendhilfe – will sie wirkungsorientiert Lebenswelten gestalten – sich zwingend in andere Felder, die die Lebenswelt von jungen Menschen positiv oder auch negativ beeinflussen, einmischen muss. Auch der </em><a href="https://www.dji.de/veroeffentlichungen/literatursuche/detailansicht/literatur/12730-8-jugendbericht.html"><em>Achte Jugendbericht</em></a><em> der Bundesregierung (1989) hatte dies mit dem Begriff der „Lebensweltorientierung“ unterstrichen. Damit wurden auch Entwicklungen in der Praxis aufgegriffen. Bildung und Erziehung allein als pädagogisches Handeln zu verstehen, ohne eine Veränderung in den Lebenswelten zu erreichen, entsprach nicht mehr den Alltagsherausforderungen des Aufwachsens. Das führte zu einer kritischen Beobachtung, denn Zuständigkeitsgrenzen vor allem in der öffentlichen Verwaltung zu überschreiten führt schon zwangsläufig zu Protesten derjenigen, in deren Bereiche eingegriffen wird. Dass dies in der Praxis oftmals gar nicht so einfach ist, zeigt die Praxis täglich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Folge des Einmischungsgedankens war die Aufnahme des Bildungsbegriffs, insbesondere im Kontext des Zwölften Kinder- und Jugendberichts 2005.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Na ja, darüber wurde schon in früheren Jahren diskutiert. Aber mit der PISA-Studie von 2001 gewannen die damit verbundenen Fragen wieder erheblichen Aufwind. Denn es wurde zugleich deutlich, dass das enge Bildungsverständnis der Schule längst nicht für eine optimale Bildungsförderung ausreicht. Da sprach vieles für die Kinder- und Jugendhilfe. Sie hatte immer wieder auf die Bedeutung der non-formalen und informellen Bildung hingewiesen, die schon aus strukturellen Gründen von der Schule nicht oder nur unzureichend behandelt wurde. </em></p>
<p><em>Die </em><a href="https://bundesjugendkuratorium.de/presse/bildung-ist-mehr-als-schule.html"><em>Leipziger Thesen</em></a><em>, eine Gemeinsame Erklärung des Bundesjugendkuratoriums (BJK), der Sachverständigenkommission des Elften Kinder- und Jugendberichts und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) sowie der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt Bildung traten nachdrücklich für ein erweitertes Bildungsverständnis ein und sahen die Notwendigkeit Jugendhilfe und Schule stärker miteinander zu verbinden. </em><em>Auch entstand das Bild von sogenannten „Bildungslandschaften“ (</em><a href="https://www.deutscher-verein.de/de/uploads/empfehlungen-stellungnahmen/dv-19-09.pdf"><em>Deutscher Verein 2009</em></a><em>) mit dem Ziel, letztendlich das Gemeinwesen „Kommune“ als eine Bildungslandschaft zu begreifen und die Vielfalt ihre Orte der Bildung systematischer zu sehen und zu gestalten.</em><em> Natürlich gab es auch Warnungen, dass auf Grund der besonderen strukturellen Stärke der Schule die Kinder- und Jugendhilfe Gefahr liefe, zum Instrument der Schule und ihrer Denkmuster zu werden. </em></p>
<p><em>Die strukturelle Verbindung im Rahmen eines Ressorts gab es bereits auch in anderen Ländern, wie z.B. in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Bereits in Bayern und Baden-Württemberg waren zudem die Kinder- und Jugendarbeit im Bildungsressort angesiedelt, ohne jedoch eine konkrete Verbindung zu den Schulabteilungen zu entwickeln. </em><em>Doch die Herausbildung der Ganztagsschule und der stärkere Einsatz der Schulsozialarbeit in einigen Ländern zeigen durchaus, dass es hier Erfolge für beide Seiten gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich muss leider sagen, dass es mir in meiner Zeit bis 2018 im nordrhein-westfälischen Schulministerium nicht gelungen ist, die Vorbehalte von Seiten der Schule zu beseitigen. Immer wieder geisterte das Wort von der <em>„Unterstützung“</em> der Schule durch Kinder- und Jugendhilfe durch die Debatten. Alles unter der Ägide der Schulleitungen. Und die Rede von der <em>„Multiprofessionalität“</em> ist mitunter recht scheinheilig. Die OGS war anders gedacht, ihr Ziel war die Entwicklung einer Kooperation auf Augenhöhe, aber auch da ist noch lange nicht alles Gold, was glänzt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong><em>: Ja, es war und es ist immer noch schwer, die beiden Professionen konstruktiv zusammenzubringen und ein Gesamtverständnis von Bildungsförderung zu schaffen, die unterschiedlichen Kompetenzen als etwas Zusammenhängendes verstehen. Dennoch haben wir Anfang der 2000er Jahre einiges an Zusammenhalt erreicht. Bedauerlicherweise lehrt uns die Zeit nach der Auflösung des Ressorts im Jahre 2005, dass es immer wieder herausfordernd ist, „Schule“ mit unseren Gedanken und Verständnissen nachhaltig zu erreichen. Das gilt auch für die Offene Ganztagsschule, die ich noch immer für einen wesentlichen Meilenstein – jedenfalls in NRW, Rheinland-Pfalz und Hamburg – halte. </em></p>
<p><em>Aber auch hier zeigt sich, dass wichtige Grundstrukturen in der Gestaltung von Schule immer noch allein in der Verantwortung der Schule liegen. Es gibt gute Beispiele der gemeinsamen Verantwortungswahrnehmung aber auch negative Entwicklungen, die wieder Bildung als Aufgabe der Schule reduzieren und Betreuung im Ganztag als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe sehen. Da muss noch mehr Verbindlichkeit geschaffen werden. Dieses aber fordert auch die Kinder- und Jugendhilfe heraus: Sie muss das „System Schule“ auch verstehen lernen und die besonderen gesetzlichen Strukturen zwischen Elternrecht und Schulrecht einordnen können.</em></p>
<h3><strong>Professionalisierung und Ehrenamtlichkeit </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Kinder- und Jugendhilfe gehört – wie zur gesamten Sozialen Arbeit – das Ehrenamt. Die Politik lobt es immer gerne, denkt aber offensichtlich nicht darüber nach, dass Ehrenamtler*innen auch der Betreuung und Unterstützung durch Hauptamtler*innen bedürfen. Und manchmal habe ich den Eindruck, als solle das Ehrenamt nur genutzt werden, um Kosten für im Hauptamt tätige Menschen zu senken.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ehrenamtlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe ist ein hohes Gut. Unzählige Menschen wirken in den Einrichtungen und Angeboten mit. Sie übernehmen nicht nur Verantwortung in den Vorständen der Träger, sondern sind auch bei den Initiativen und in den Feldern der Praxis zu sehen. Ohne die Beiträge und Leistungen der ehrenamtlich Tätigen, wäre die Kinder- und Jugendhilfe ein wesentliches Stück ärmer. In der Kinder- und Jugendarbeit kommt dem ehrenamtlichen Engagement junger Menschen noch ein ganz anderer Effekt hinzu: Hier haben das Mitwirken und das Übernehmen von Verantwortung viel mit der persönlichen Entwicklungsförderung zu tun und prägen ein gelingendes Aufwachsen in besonderer Weise. Zurecht hat daher das SGB VIII eine besondere Regelung in § 12 zur Förderung der Ehrenamtlichkeit in den Jugendorganisationen. </em></p>
<p><em>Aber eines muss man auch sehen: ehrenamtliches Engagement von Menschen hat viel mit der Identifikation mit den Zielen, der Philosophie oder der gesellschaftspolitischen Verortung der Organisation zu tun. Da wächst man in das Ehrenamt hinein. Ein Blick in die Praxis zeigt aber, dass dieser Zusammenhang mehr und mehr als Motiv geringer gewichtet wird. Das hat wohl auch etwas mit zunehmendem Individualismus zu tun. Sicher ist es aber auch so, dass für das ehrenamtliche Engagement an Unterstützung noch einiges getan werden muss. Gerade für junge Menschen ist der Aufwand oftmals hoch, was viele auch davon abhält, sich zu engagieren. Übrigens sieht das SGB VIII für die Jugendverbände ausdrücklich die Förderung der eigenverantwortlichen Tätigkeit vor (§ 12 SGB VIII) und meint damit auch das ehrenamtliche Engagement junger Menschen. </em></p>
<p><em>Professionalität und Ehrenamt widersprechen sich aber nicht, es sind zwei Seiten einer Medaille. Wir sind längst weit weg von der Zeit, in der ehrenamtliches Engagement als Ersatz für fehlende – oder nicht öffentlich finanzierte – Hauptamtlichkeit gesehen wurde bzw. gesehen werden konnte. Ich habe das im Übrigen nie so gesehen, wohl die mangelnde Förderung von Professionalität immer wieder kritisiert. Heute ist das anders. In den letzten 20 Jahren haben wir einen enormen Aufschwung der hauptamtlich Tätigen. So wurden im Jahre 2018/2019 insgesamt etwa 1,1 Mio. hauptamtliche Personen gezählt. (Zum Vergleich: Die Autoindustrie beschäftigte zum gleichen Zeitpunkt rd. 830.000 Personen.). Aktuell beklagen wir, dass Fachkräfte fehlen. Professionelle Tätigkeit wird also weit mehr gebraucht als derzeit vorhanden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Heute wird oft vor De-Professionalisierung gewarnt. Es gibt zu wenig Fachkräfte. Sind noch mehr ehrenamtlich tätige Menschen die Lösung? Oder senken wir einfach unsere Ansprüche an Professionalität? Das gilt in der Schule wie in der Sozialen Arbeit. Außerdem beansprucht Schule große Anteile Sozialer Arbeit für sich, sodass auch die Gefahr besteht, dass sich verschiedene Bereiche gegenseitig die Fachkräfte ausspannen.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Von De-Professionalisierung möchte ich nicht sprechen. Es gibt ein Strukturproblem in der Fachlichkeit, das ist richtig. Kurz gesagt: Die Ausbildungsplätze reichen nicht aus und die Nachfrage nach Tätigkeitsangeboten schwächelt auch. </em><a href="https://www.dji.de/themen/kinderbetreuung/der-unermuedliche.html"><em>Thomas Rauschenbach</em></a><em>, langjähriger Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), hatte in den letzten Jahren immer wieder </em><a href="https://www.dji.de/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detailansicht/article/1149-bildungsbericht-2022-fachkraeftemangel-draengendstes-problem-der-fruehen-bildung.html"><em>auf den drohenden Fachkräftemangel hingewiesen</em></a><em>. Heute ist er da und scheint kaum bewältigbar zu sein. Doch es liegt sicher auch an anderen Faktoren, dass einige Bereiche besonders vom fehlenden Nachwuchs betroffen zu sein scheinen. Das trifft zum Beispiel für den ASD zu, obwohl sich dessen Personal seit 2006 nahezu verdoppelt hat. Aber die Herausforderungen sind stetig und führen zunehmend dazu, dass sich Fachkräfte überfordert fühlen, auch wenn 2011 Fallobergrenzen eingeführt wurden. Auch in den Tageseinrichtungen für Kinder fehlt es an Personal, Betreuungszeiten wurden – jedenfalls in einigen Einrichtungen – verkürzt. Nicht zuletzt werden die Soziale Arbeit insgesamt und die Kinder- und Jugendhilfe im Besonderen weiter expandieren. Es bleibt ein langer Weg, um das Fachkräfteproblem zu lösen.</em></p>
<h3><strong>Wissenschaft und Praxis – das Institut für Soziale Arbeit (ISA)</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-3620 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-300x129.png" alt="" width="300" height="129" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-200x86.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-300x129.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002.png 329w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Norbert Reichel</strong>: Aus meiner Sicht zentral ist die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Dabei spielt das <a href="https://isa-muenster.de/"><strong>Institut für Soziale Arbeit (ISA)</strong></a> in Münster eine wichtige Rolle. Das ISA ließe sich meines Erachtens als Innovations- und Transformationsmaschine charakterisieren.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es ist keine besondere Weisheit, dass die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis ein hohes Gut sein sollte, das man pflegen und fördern muss. Theorien entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind Ergebnisse der Praxis und müssen auf die Praxis übertragen werden und auch übertragbar sein. Daher reicht allein ein theoretisch geprägtes Studium nicht aus. Es müssen praktische Erfahrungen hinzukommen. Diese aber werden zu wenig gemacht. Das mag bei Sozialarbeitern und Sozialpädagogen an der grundlegenden Veränderung des Anerkennungsjahres liegen. Es liegt aber sicher auch daran, dass die Studierenden zu wenig über die Praxis wissen. Vielleicht spielt auch die Bologna-Reform eine Rolle, die zu einer Verschulung des Studiums geführt hat. Es ist sicher ein sehr komplexes Phänomen. Hier haben die Universitäten und Hochschulen eine besondere Verantwortung.</em></p>
<p><em>Umso wichtiger sind die Felder der Praxisforschung. Sie ermöglichen für die bereits in der Praxis Tätigen einen präziseren Einblick in die Realität und können die eigenen Handlungsansätze und methodische Vorgehen nachdrücklich unterstützen. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Im Jahre 1997 veröffentlichte das ISA die </em><a href="https://www.bibsonomy.org/bibtex/b3750cc35553cfd7fdc698db6d874a40"><em>Studie „Kinder in Not“</em></a><em> als Ergebnis eines Praxisforschungsprojektes. Nach Veröffentlichung förderte das Land NRW beim ISA das </em><a href="https://isa-muenster.de/fileadmin/images/ISA_Muenster/Dokumente/SFWS-arbeitshilfe.pdf"><em>Projekt „Entwicklung eines sozialen Frühwarnsystems“</em></a><em>. Gemeinsam mit dem Land und sechs Kommunen wurden erste Erkenntnisse und Impulse über rechtzeitiges frühes Handeln entwickelt. </em></p>
<p><em>Daraus entstand ein neues Verständnis über frühzeitiges präventives Eingreifen der Kinder- und Jugendhilfe in ihren unterschiedlichen Bereichen. Im Kontext der weiteren Entwicklungen ist ein sehr differenziertes und fachlich kompetentes Konzept „Frühe Hilfen“ in der </em><a href="https://www.fruehehilfen.de/"><em>Struktur des „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“</em></a><em> entstanden, das heute nicht mehr wegzudenken ist. </em></p>
<p><em>An den Transformationsprozessen zwischen Theorie und Praxis wirken Viele mit: Universitäten, Hochschulen und Institute. Da ist das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sicher eine besonders wichtige Einrichtung. Aber nicht allein. Bezogen auf NRW ist das ISA für den Transformationsprozess ein wichtiger Partner schon damals zu meiner Zeit im Landesministerium gewesen. Dabei ist mir wichtig: Das ISA ist weder ein staatliches noch ein kommunales Institut, es ist ein freies Institut und daher nicht weisungsgebunden außer gegenüber dem eigenen Vorstand. In den Jahren des Großwerdens war uns immer wichtig, dass es politikunabhängig ist und bleibt und die Eigenständigkeit des ISA auch seitens des Ministeriums erhalten bleibt. So hat sich das Land bis heute verhalten, auch wenn zahlreiche Projekte gemeinsam mit dem ISA durchgeführt wurden bzw. das ISA beauftragt wurde. Die Eigenständigkeit der wissenschaftlichen Arbeit ist dabei ein unverzichtbares Gut und zugleich ihre Stärke bei der Entwicklung neuer – auch unkonventioneller – Lösungsansätze. </em></p>
<p><strong>N</strong><strong>orbert Reichel</strong>: Das ISA hat fachliche Standards gesetzt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ohne Zweifel und das in bereits über 40 Jahren. Es gab den Anstoß zu mehreren Mädchenprojekten in einer Zeit, in der das nicht so einfach war, darunter die Zeitschrift </em><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogiksoziale_arbeit/zeitschriften/betrifft_maedchen/alle-ausgaben.html"><em>„Betrifft Mädchen“</em></a><em>, nach wie vor die einzige Fachzeitschrift für Mädchenarbeit. Erinnern will ich neben den schon genannten „Frühwarnsystemen“ und an das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ – heute bekannt unter dem Namen </em><a href="https://www.kinderstark.nrw/"><em>„kinderstark“</em></a><em> – oder an seine Impulse zur Ganztagsbildung, zu Ganztagsschulen und der Entwicklung von Familienzentren. Die regelmäßig erscheinenden Jahrbücher des ISA thematisieren aktuelle Themen und Herausforderungen, die auch in der Landespolitik berücksichtigt werden, so bei der Formulierung der Kinder- und Jugendberichte des Landes NRW. </em></p>
<p><em>Der Erfolg des ISA lässt sich auch daran messen, dass immer wieder Mitarbeiter*innen Professuren an verschiedenen Hochschulen übernahmen. Andere fanden eine Anstellung in den Kommunen, auch im Kinder- und Jugendministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Das macht sicher auch die Qualität eines Instituts aus, dass man nicht über den Dingen schwebt, sondern Teil der Entwicklungen ist und dann auch diese verändern und fachlich gestalten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zusätzlichen Schwung erhielt das ISA durch die Einrichtung der <a href="https://www.ganztag-nrw.de/">Serviceagentur „Ganztägig lernen“</a> (SAG) im Jahr 2007. Vor diesem Datum gab es zwar schon Vorläufer beim damaligen Landesinstitut für Schule und parallel dazu beim ISA, doch die Auflösung des Landesinstituts für Schule durch die damalige Landesregierung bewirkte etwas Gutes im Schlechten, vielleicht sogar etwas sehr Gutes: Das ISA wurde zum Sitz der SAG und interagierte von da an mit Schulen.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Das ist eine Aufgabe mit einer ganz besonderen Perspektive. Sie knüpft an die ersten Jahre der Diskussion um das Verhältnis von Jugendhilfe und Schule in den 1960er Jahren an. Sie sollte Motor der Ausgestaltung und der Qualität der Ganztagsschulen werden. Dass dies gelungen ist, ist ein besonderes Verdienst von Ihnen, Herr Dr. Reichel. Das war keineswegs selbstverständlich, dass ein solches Vorhaben gelingen kann. Sie haben dieser Stelle ihr fachliches Ausgangsprofil gegeben. Es wird bis heute von der Praxis von Schule und Jugendhilfe angenommen und genutzt. Aber man muss auch kritisch sagen: Dass es eines solchen Transformationsriemens bedarf, hat auch etwas damit zu tun, dass ein Schulministerium offensichtlich zu stark in der eigenen Logik arbeitet und wenig Blick für schulübergreifendes Handeln hat, wie es die Ausgestaltung der Ganztagsschule mit unterschiedlichen Partnern verlangt. Ich hoffe, dass das eines Tages überwunden werden kann. </em></p>
<h3><strong>Die Perspektiven </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Perspektiven oder auch Gefahren sehen Sie für die zukünftige Entwicklung der Sozialen Arbeit, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Kinder- und Jugendhilfe ist für ein gelingendes Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenkendes Handlungsfeld, welches gerade in Zeiten gravierender gesellschaftlicher Herausforderungen auch ein sozialer Stabilitätsfaktor sein kann. Die Aufgaben und Herausforderungen bleiben gewaltig. Es geht um Bildungsgerechtigkeit durch mehr Bildungsteilhabe für alle; es geht um die Überwindung der Armut von Kindern und ihren Familien und es geht um stabile und sichere Unterstützungen von jungen Menschen in ihrer Lebenswelt. Stichworte für Herausforderungen sind aber ebenso Inklusion und Diversität und das Ziel einer diversen Gesellschaft mit all ihren Chancen offensiv anzugehen; und es geht um die Erhaltung des sozialpädagogischen Profils der Handlungsfelder, denn dieses Profil ist ein großes Pfund, das die Kinder- und Jugendhilfe in das Aufwachsen junger Menschen einbringt. Als eigenständige Sozialisationsinstanz bringt sie die erforderliche Kompetenz und Professionalität mit. </em></p>
<p><em>Diese Aufgaben zu bewältigen wird kein leichter Prozess in einem instabilen sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. Doch die Chancen, diese Aufgaben anzugehen und zur Bewältigung einen Beitrag zu leisten sind im Prinzip gut, trotz Fachkräftemangel, trotz immer wieder das Kämpfen um die personellen und finanziellen Ressourcen, trotz der immer wieder auftauchenden Frage nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Leistungen und, und, und &#8230; </em></p>
<p><em>Die gesetzlichen Rahmungen sind gegeben und – das zeigt sich an den zahlreichen Änderungen des SGB VIII – auch weiterhin flexibel anpassungsfähig an sich verändernde Alltagsbedingungen. </em></p>
<p><em>Wenn wir in dieser Zeit auf eine 100jährige Geschichte der gesetzlichen Kodifizierung des Erziehungsgedanken durch das RJWG zurückblicken können, dann kann dieser Blick zurück auch ein Motor für weitere Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe im Wandel der Gesellschaft sein.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<ul>
<li>Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe, Hg., Einheit der Jugendhilfe – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe, Bonn 1998.</li>
<li>Ulrich Deinet u.a., Offene Ganztagsschule &#8211; Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder, Opladen, Barbara Budrich, 2018.</li>
<li>Deutscher Bundesjugendring, 50 Jahre Deutscher Bundesjugendring, 1979.</li>
<li>Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Empfehlungen zur Weiterentwicklung kommunaler Bildungslandschaften, 2009.</li>
<li>Christa Hasenclever, Jugendhilfe, Jugendhilfe und Jugendgesetzgebung seit 1900, Paderborn, Vandenhoeck und Ruprecht, 1978.</li>
<li>Friederike Lorenz, Der Vollzug des Schweigens, Wiesbaden, Springer Fachmedien, 2020.</li>
<li>Ingrid Mielenz, Die Strategien der Einmischung – Soziale Arbeit zwischen Selbsthilfe und kommunaler Politik, in: Neue Praxis, Sonderheft 6, 1981.</li>
<li>Regine Müller / Dirk Nüsken, Hg., Child Protection in Europe &#8211; Von den Nachbarn lernen &#8211; Kinderschutz qualifizieren, Münster, Waxmann, 2015.</li>
<li>Philipp-Emanuel Oettler, Julia Pudelko, Jugendhilfeplanung in Deutschland, Münster, Waxmann, 2023.</li>
<li>Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe, Olten und Freiburg i. Brsg., Walter-Verlag, 1964.</li>
<li>Christian Reutlinger / Benedikt Sturzenhecker, Hg., Den sozialraumansatz weiterdenken &#8211; Impulse von Ulrich Deinet für Theorie und Praxis als sozialpädagogik im Diskurs, Weinheim, Beltz Juventa, 2021.</li>
<li>Rainer Schone u. a., Kinder in Not &#8211; Vernachlässigung im Kindesalter und Perspektiven sozialer Arbeit, Münster, Votum, 1997.</li>
<li>Christian Schrapper, Zwischen Aufbau und Umbruch, Gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Selbstverständnis der Jugendwohlfahrt in den 60er Jahren, in: Markus Köster / Thomas Küster, Hg., Zwischen Disziplinierung und Integration, Paderborn, Ferdinand Schöningh, 1999.</li>
<li>Peter Wensierski, Schläge im Namen des Herrn, Stuttgart, DVA, 2006.</li>
<li>Matthias Wissmann, Rudolf Hauck, Hg., Jugendprotest im demokratischen Staat – Enquetekommission des Deutschen Bundestages, 1982 (die beiden Herausgeber waren Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der Enquetekommission, Matthias Wissmann für die CDU, Rudolf Hauck für die SPD).</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2023, alle Internetzugriffe zuletzt am 30. Juli 2023. Das hier dokumentierte Gespräch wird Ende 2023 auch im Jahrbuch des Instituts für soziale Arbeit in Münster (ISA) veröffentlicht, dort unter dem Titel „Zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik – 75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe &#8211; Ein Gespräch von Norbert Reichel mit Klaus Schäfer“. Das Jahrbuch erscheint wie alle Jahrbücher des ISA im <a href="https://www.waxmann.com/">Waxmann-Verlag</a>. Wir danken dem Waxmann-Verlag und dem ISA für die Genehmigung zur Vorab-Veröffentlichung. Titelbild: Pixabay. Wer durch Berlin fährt, wird vor allem in Pankow dieses Bild häufiger sehen.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wer glaubt an dich?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/wer-glaubt-an-dich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Jul 2023 04:06:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wer glaubt an dich? Impulse zur Milderung von Kinderarmut und ihren Folgen „Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in diesem Land jeder die gleichen Chancen hat. Sie hat mich dazu ermutigt zu träumen. Obwohl sie sich in den Warteräumen des Jobcenters nicht als vollwertiger Mensch und oft hilflos fühlte, habe ich sie nie auf  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Wer glaubt an dich?</strong></h1>
<h2><strong>Impulse zur Milderung von Kinderarmut und ihren Folgen</strong></h2>
<p><em>„Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in diesem Land jeder die gleichen Chancen hat. Sie hat mich dazu ermutigt zu träumen. Obwohl sie sich in den Warteräumen des Jobcenters nicht als vollwertiger Mensch und oft hilflos fühlte, habe ich sie nie auf andere oder auf den Staat schimpfen hören. ‚Du kannst alles im Leben erreichen, was du willst‘, hat sie zu mir immer gesagt – obwohl sie wusste, dass sie mir dann irgendwann bei den Hausaufgaben nicht mehr würde helfen können, obwohl sie nachts von all den Leckereien träumte, die nie in unserem Einkaufswagen lagen.“ </em>(Undine Zimmer, Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie, Frankfurt am Main, Fischer, 2013)</p>
<p>Der beste Kumpel, den man sich vorstellen kann, ein Papa, der gut trösten kann oder der Lieblingskletterbaum – es gibt so vieles, das zu einer erfüllten Kindheit beitragen kann. Kinder greifen dankbar auf, was sich ihnen bietet und suchen instinktiv nach positiven Erlebnissen. Doch nicht auf alle Erfahrungen, die zu einem gelingenden Aufwachsen beitragen, haben Kinder und Jugendliche Einfluss: Die Mitgliedschaft im Wunschverein ist zu teuer, ein verborgenes Talent wird nicht entdeckt, die chronische Krankheit der Mutter beschert schlaflose Nächte. Die Rede ist von Kinderarmut und ihren Folgen. Der Anteil der von Armut betroffenen Kinder ließ sich bisher nicht deutlich reduzieren. Daher stellt sich vielmehr die Frage: An welchen Stellen und mit welchen Mitteln können die Kinder, die Jugendlichen unterstützt werden? Und was brauchen sie wirklich?</p>
<h3><strong>Den unsichtbaren Armutsrucksack leichter machen</strong></h3>
<div id="attachment_3172" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3172" class="wp-image-3172 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Foto_Armutsrucksack-002.jpg 720w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-3172" class="wp-caption-text">Mit diesem Bild wurde die hier vorgestellte Veranstaltung beworben. © LVR</p></div>
<p>Unter dem Titel „Den unsichtbaren Armutsrucksack leichter machen – Welches Leben wollen wir für Kinder und Jugendliche?“ bot am 2. Juni 2023 ein virtuelles sozialpolitisches Fachgespräch von LVR und Demokratischem Salon den etwa 80 Teilnehmenden wichtige Impulse für die Armutsprävention. In dem Gespräch ging es nicht um die aktuelle Debatte um die Kindergrundsicherung, sondern um die möglichen Folgen von Armut, die sich sehr unterschiedlich auswirken und für deren Bewältigung unterschiedliche nachahmenswerte kommunale Modelle gibt. Die <a href="https://lvr.de/de/nav_main/jugend_2/jugendmter/koordinationsstellekinderarmut/koordinationsstellekinderarmut_1.jsp">Koordinationsstelle Kinderarmut</a> beim Landesjugendamt des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) sorgt dafür, dass Landesprogramme in den Kommunen umgesetzt werden können. Alexander Mavroudis leitet die Stelle und hat im Demokratischen Salon berichtet. Der programmatische Titel seines Berichts: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommunale-gestaltungsvisionen/">Kommunale Gestaltungsvisionen</a>.</p>
<p>Annette Berg (<a href="https://www.stiftung-spi.de/">Stiftung SPI – Sozialpädagogisches Institut Berlin</a>, vormals Beigeordnete beziehungsweise Amtsleiterin in Monheim, Essen und Gelsenkirchen), <a href="https://www.diakonie-rwl.de/kontakte/691">Heike Moerland</a>, (Leiterin des Geschäftsfelds Berufliche und soziale Integration des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.), Gerd Landsberg (bis Ende 2023 Hauptgeschäftsführer des <a href="https://www.dstgb.de/">Deutschen Städte- und Gemeindebundes</a>) und die Psychologin, Beteiligungspädagogin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/">Marina Weisband</a> diskutierten, wie Kindern und Jugendlichen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden kann. Aus der Perspektive des <a href="https://www.kinderstark.nrw/">Landesprogramms „kinderstark“</a> referierte Alexander Mavroudis (Leiter der LVR-Koordinationsstelle Kinderarmut). Autorin Undine Zimmer las aus ihrem Buch „Nicht von schlechten Eltern“ eindrückliche Passagen aus ihrer von Armut geprägten Kindheit vor, in der sie jedoch dennoch dank der Unterstützung ihrer Eltern ihren Weg fand. Norbert Reichel moderierte.</p>
<h3><strong>Mit Armutsbetroffenen sprechen und entscheiden</strong></h3>
<p>Wie Kommunen daran arbeiten, den möglichen Folgen von Kinderarmut frühzeitig entgegenzuwirken, erläuterte Alexander Mavroudis. Um kommunale Angebote für Kinder und Jugendliche gut abzudecken, seien Vernetzung, Abstimmung und Zusammenarbeit der Akteur*innen wichtig. Wie können wir helfen? Ist das, was wir anbieten, auch wirklich das, was gebraucht wird? Gibt es vielleicht einen Bedarf, der noch nicht entdeckt wurde? Diese Reflexionsfragen können Kommunen bei der Angebotsplanung helfen. Wie diese Angebote genau aussehen und was sie beinhalten, können die Adressat*innen jedoch selbst am besten beurteilen, schließlich kennen sie sich mit armutsbezogenen Themen aus. Heike Moerland vom Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. weist aus Sicht der freien Träger auf die Notwendigkeit der Abstimmung von Maßnahmen und Aktivitäten vor Ort hin. Die Stimme von Menschen mit Armutserfahrung sei zentral, um umzusetzen, was gebraucht werde, betont sie.</p>
<div id="attachment_3534" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3534" class="wp-image-3534 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-300x99.png" alt="" width="300" height="99" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-200x66.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-300x99.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-400x132.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-600x199.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-768x254.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-800x265.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-1024x339.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-1200x397.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild_Treppe_Armutspraevention-1536x509.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3534" class="wp-caption-text">Treppe der Armutsprävention. © LVR</p></div>
<p>Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass Menschen ihre eigene gesellschaftliche Position immer in Relation zu anderen bestimmen. Die Wahrnehmung, schlechter gestellt zu sein als andere, wirkt sich auf die eigene Lebenszufriedenheit aus. Arm in einem reichen Land – so fühlte sich Undine Zimmer, die, wie sie erzählt, <em>„über lange Zeit viele Mängel erfahren“</em> hat. Die Autorin versucht, aus der Perspektive des Kindes zu beantworten, was damals eine gesellschaftliche Teilhabe erschwert hat und was dafür notwendig gewesen wäre. Vor allem die Stigmatisierung war für sie schmerzhaft. Sie erinnert sich, dass Menschen mit Armutserfahrung als <em>„Asoziale“</em> wahrgenommen oder in Talkshows vorgeführt wurden. Sie fühlte sich in die Defensive gedrängt, musste ihre Eltern verteidigen. Doch diese gaben ihr Vorbilder, Wissendurst und Bildungshunger mit auf den Weg. Aus der Armut herausgeholfen haben ihr <em>„Menschen, die an mich geglaubt haben</em>“. Anstatt über Armutsbetroffene zu entscheiden, sollten sie wie Mündige behandelt werden, fordert Zimmer nachdrücklich.</p>
<p>Ähnlich formuliert es Diplom-Psychologin und Beteiligungspädagogin Marina Weisband. Ihr Ziel sei es, das Label von Armutsbetroffenen zu verändern. <em>„Ich bin ein wertvolles Mitglied meiner Gesellschaft“</em> – so könnte man aus der Kinder- und Jugendperspektive das Ziel ihres digitalen Projekts zur Schüler*innenpartizipation namens <a href="https://www.aula.de/">„aula“</a> zusammenfassen. Sie bemängelt, dass Schüler*innen von Lehrkräften allzu oft als zu kontrollierende Masse gesehen werden. Das Mitbestimmungskonzept aula befähigt sie, nicht nur <em>„Besucher*innen“</em>, sondern aktive Mitglieder der Schule zu werden. <em>„Wenn ich etwas tue, verändert sich etwas“</em>, ist der Lerneffekt des Partizipationsgedankens – Selbstwirksamkeit und der demokratische Geist werden aktiviert, Ressourcen entdeckt. Zentraler Erfolgsfaktor ist jedoch, dass die vorgebrachten Ideen verbindlich umgesetzt werden. Die Schule muss bereit sein, Macht abzugeben. Eben dies gilt auch für alle anderen Akteure, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.</p>
<p>Undine Zimmer und Marina Weisband stimmen darin überein, dass die gute Bildung ihrer Eltern ihnen sehr geholfen habe, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen und ihren Weg zu finden, ungeachtet fehlender finanzieller Ressourcen und sozialer Verbindungen. Diese hätten sie sich jedoch mit der Zeit aufbauen können. Daher sei es eine wesentliche Voraussetzung, dass genau danach gefragt wird, was Kinder wirklich brauchen. Eine Gießkannenförderung helfe nicht, es bedarf – so auch übereinstimmend die Diskussionsteilnehmenden aus Kommunen und freien Trägern – einer hohen Sensibilität für die Bedürfnisse und Möglichkeiten der betroffenen Kinder und Jugendlichen.</p>
<h3><strong>Armutssensibilität vs. Gießkannenförderung</strong></h3>
<div id="attachment_3535" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3535" class="wp-image-3535 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-300x251.jpg" alt="" width="300" height="251" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-200x167.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-300x251.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-400x334.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-600x501.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-768x641.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-800x668.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe-1024x855.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/LVR-Schaubild-Praeventionskette-2019-mit-Quellenangabe.jpg 1117w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3535" class="wp-caption-text">Präventionsketten. © LVR</p></div>
<p>Die Erhöhung des Kindergeldes, der Rechtsanspruch auf KiTa und Ganztagsschule – schaffen es diese populären Maßnahmen, Kinder aus der Armut zu holen? Finanzielle Armut ist nicht nur ein Kinder-, sondern ein Familienproblem, daher profitieren arme und armutsgefährdete Eltern natürlich von finanziellen Entlastungen. Doch Gerd Landsberg stellt die Frage, ob dies möglicherweise falsche Schwerpunkte sind. Hätten Kinder aus Armutslagen bessere Teilhabechancen, wenn mehr Geld in die Strukturen wie zum Beispiel in die Schulen fließen würde? Ist es notwendig, dass auch Besserverdienende Kindergeld erhalten? Hier könnte helfen, die Mittel viel stärker auf finanziell arme Familien zu fokussieren. Diese würden außerdem bei den unterschiedlichen Leistungen stark von einem Bürokratieabbau profitieren. Denn trotz des hohen Bedarfs werde nur ein Drittel des Bildungs- und Teilhabepakets ausgeschöpft, unterstreicht Heike Moerland. <em>„Erfolgreiche Bekämpfung von Kinderarmut erreicht man durch eine besserte Infrastruktur. Gute Kitas, Schulen, Jugendzentren und Sportvereine sind wichtiger für armutsbetroffene Familien als mehr Geld,“</em> ist sich Gerd Landsberg sicher.</p>
<p><em>„Schade, dass du nicht von deinem Urlaub berichten möchtest.“</em> Diese Feststellung einer Lehrerin kann ein Kind bloßstellen, dessen Eltern sich keine Urlaubsreisen leisten können. Eine andere Ansprache und ein anderer Blick auf die Kinder und Jugendlichen kann bereits viel verändern. Annette Berg, Vorstandvorsitzende der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut Berlin, blickt zurück auf das erfolgreiche Projekt <a href="https://www.monheim.de/kinder-jugend/moki-monheim-fuer-kinder/">Monheim für Kinder (MoKi)</a>, das sie seinerzeit als Leiterin des Jugendamtes Monheim begleitete. Das Wissen um Armutslagen, die besonderen Bedarfe armutsbetroffener Kinder sowie armutssensibles Handeln und Talentförderung sind aus ihrer Sicht von zentraler Bedeutung. Heute setzt sie diese Expertise in Berlin sowohl in der Praxis als auch in der fachlichen und strategischen Begleitung ein. Werden armutsbetroffene Familien nicht als Zielgruppe der Ämter, sondern als Akteur*innen und Expert*innen ihrer Situation wahrgenommen, wird deutlich, wo genau Unterstützung benötigt wird. In Familiengrundschulzentren und Familienbüros beispielsweise können Bedarfe, Sorgen und Nöte formuliert werden und Austausch stattfinden. Noch mehr solcher öffentlichen Orte wären wünschenswert. <em>„Dies muss allerdings mit einer Kulturveränderung der Systeme einhergehen“</em>, stellt Alexander Mavroudis klar. Nicht dass es diese nicht in manchen Kommunen schon gäbe, aber dennoch steht der Wille zu einer solchen Veränderung am Anfang in jedem Entwicklungsprozess.</p>
<p>In was soll investiert werden und wofür sollen Ressourcen zur Verfügung stehen? So lautet im Kontext Kinder- und Jugendarmut eine zentrale Frage, die sich unsere Gesellschaft stellen sollte. Armutsprävention ist nach Ansicht der Veranstalter eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. <em>„Finanzielle Armut lässt sich nicht beseitigen, doch Benachteiligung lässt sich abmildern“</em>, resümiert Mavroudis. Wichtige Elemente sind niedrigschwellige Zugänge, beispielsweise über Familienzentren in Kindertageseinrichtungen und Schulen oder über Familienbüros in Einkaufszentren und an anderen Orten, wo sich Menschen mit Kindern oder auch die Kinder selbst gerne aufhalten. Je einfacher der Zugang, umso eher lässt sich unnötige Bürokratie vermeiden, je individueller die Unterstützung, umso eher wird Hilfe zur Selbsthilfe, umso eher entsteht die Erfahrung der Selbstwirksamkeit.</p>
<p><strong>Natalie Deissler-Hesse</strong>, Köln</p>
<p>(Anmerkungen: Die Autorin ist Mitarbeiterin im LVR-Landesjugendamt in Köln. Erstveröffentlichung im Juli 2023, Internetzugriffe zuletzt am 22. Juni 2023. Das Buch von Undine Zimmer ist im Buchhandel als Taschenbuch erhältlich. Das Titelbild zeigt eine Tafel aus dem Bildungshaus Bad Aibling, das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> als <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/"><em>„</em>Paradies für Glückspilze&#8220;</a> portraitiert wurde.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Kommunale Gestaltungsvisionen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommunale-gestaltungsvisionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2023 05:47:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kommunale Gestaltungsvisionen Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis „Ich möchte unsere Geschichte von einem Leben mit Transferleistungen erzählen. Ich kann und will nicht für alle ‚Hartzer‘ oder ihre Kinder sprechen, ich kann nur das aufschreiben, was ich selbst erlebt und erfahren habe; wie es war, mit Eltern aufzuwachsen, die in  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Kommunale Gestaltungsvisionen</strong></h1>
<h2><strong>Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis</strong></h2>
<p><em>„Ich möchte unsere Geschichte von einem Leben mit Transferleistungen erzählen. Ich kann und will nicht für alle ‚Hartzer‘ oder ihre Kinder sprechen, ich kann nur das aufschreiben, was ich selbst erlebt und erfahren habe; wie es war, mit Eltern aufzuwachsen, die in dieser Gesellschaft als Außenseiter betrachtet werden. Ich glaube, dass es höchste Zeit ist, über eine Normalität zu sprechen, die gern an den Rand der Gesellschaft verbannt wird, obgleich sie für viele schon lange Realität ist und längst die gutbürgerliche Mittelschicht erreicht hat. (…) / Träumen erfordert viel Mut (…)“ </em>(Undine Zimmer, Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2013)</p>
<p>Die Armut von Kindern und Jugendlichen wird schon seit mehreren Jahren mit einem Anteil von etwa 20 Prozent angegeben. Im Jahr 2023 wird als eines der Instrumente zu ihrer Beseitigung die „Kindergrundsicherung“ diskutiert. Auf der einen Seite sollen verschiedene Transferleistungen zusammengefasst werden, sodass Eltern diese nicht mehr bei verschiedenen Behörden beantragen müssen, auf der anderen Seite wird eine noch nicht abschließend bezifferbare Erhöhung debattiert, eine Debatte, die durchaus analog zu früheren Debatten über einen Mindestlohn oder über das sogenannte „Bürgergeld“ betrachtet werden kann. Wenn die parlamentarischen Beratungen Erfolg haben, sind die ersten Zahlungen im Jahr 2025 zu erwarten. Lesenswert zur „Kindergrundsicherung“ ist ein <a href="https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2022/Positionspapier_Armutssensibles_Handeln.pdf">Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) vom Dezember 2022</a>.</p>
<p>Staatliche Transferleistungen für Kinder und Jugendlichen sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere sind Investitionen in die Infrastruktur des Umfelds von Kindern und Jugendlichen, die ihnen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Der Landschaftsverband Rheinland ist einer der Akteure in Nordrhein-Westfalen, die solche Programme umsetzen. Die beiden Landschaftsverbände mit Sitz in Köln und Münster sind auch Sitz der beiden Landesjugendämter in Nordrhein-Westfalen. Die Landschaftsverbände sind Kommunalverbände. Oberste Landesjugendbehörde ist das nordrhein-westfälische Kinder- und Jugendministerium.</p>
<div id="attachment_3189" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3189" class="wp-image-3189 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3189" class="wp-caption-text">Das Team der Koordinierungsstelle Kinderarmut, Alexander Mavroudis steht auf dem Bild ganz links. © Landschaftsverband Rheinland</p></div>
<p>Ein landesweites Programm zur Bekämpfung von Kinderarmut ist das <a href="https://www.kinderstark.nrw/">Programm „kinderstark“</a>. Programmmanager ist <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/metanavigation_5/nav_meta/kontakt/ansprechpersonen_3/cp_ansprechpersonen_detailseite_1285.jsp">Alexander Mavroudis</a>, der diese Aufgabe als Mitarbeiter des Landesjugendamts Rheinland wahrnimmt. Er leitet die <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/jugend_2/jugendmter/koordinationsstellekinderarmut/koordinationsstellekinderarmut_1.jsp">Koordinationsstelle Kinderarmut</a>. Die Koordinationsstelle gibt einen regelmäßig erscheinenden <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/jugend_2/jugendmter/koordinationsstellekinderarmut/presse_4/newsletteruebersicht_kinderarmut.jsp">Newsletter</a> heraus, der abonniert werden kann.</p>
<h3><strong>Was ist Armut?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was brauchen wir, um Armut zu bekämpfen?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ich befasse mich mit dem Thema seit etwa 2009. Der Grundansatz, der sich in dieser Zeit für uns als Landesjugendamt und das Team, mit dem ich arbeite, herauskristallisiert hat, ist, dass wir in der Armutsprävention eine Doppelstrategie brauchen. Armut hat viele Gesichter: Die möglichen Folgen von Armutslagen führen zu verschiedenen Effekten, bei der sozialen und kulturellen Teilhabe, beispielsweise bei der Teilnahme an Ausflügen für Kinder in der Schule, in der Größe von Wohnungen, der Ernährung. Der Kern des Ganzen sind letztlich sehr eingeschränkte finanzielle Verhältnisse, in die die betroffenen Kinder hineingeboren werden. Doppelstrategie heißt nun: Wir müssen uns die <u>Ursachen</u> anschauen – und wir müssen uns die <u>Folgen</u> anschauen, die diese Situation in den Familien bewirkt. Die Folgen könnte man als den manchmal unsichtbaren Armutsrucksack bezeichnen. Wir müssen – etwas überspitzt formuliert – also darauf hinwirken, dass Kinder, die in Armut aufwachsen, nicht in doppeltem Sinne arm dran sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie definiere ich Armut?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es gibt einen Berechnungsschlüssel, der besagt, ob das Geld, das einer Familie zur Verfügung steht, ausreicht, die Grundbedürfnisse zu befriedigen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Laut aktueller </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Armutsgrenze"><em>EU-Armutsdefinition</em></a><em> ist arm, wer weniger als 60 % des gewichteten Medianeinkommens zu Verfügung hat. Wir haben seit vielen Jahren eine relativ stabile Armutsquote von 20 Prozent. Die Folgen dieser statistischen Armut stellen sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich dar. Zum Beispiel hat das zur Folge, dass in den Städten – durch die in den letzten Jahren zum Teil sogar deutlich gestiegenen Mieten – Verdrängungsprozesse stattfinden. Menschen, die wenige finanzielle Ressourcen haben, können es sich kaum noch leisten, in Städten zu leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Mieten mögen auf dem Land niedriger sein, aber dafür steigen für diese Menschen die Kosten, um in die Stadt zum Arbeitsplatz zu pendeln.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Wenn sie denn eine Arbeit haben. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland einen im Vergleich zu anderen OECD-Staaten hohen </em><a href="https://www.oecd.org/berlin/presse/jungen-menschen-in-deutschland-faellt-der-aufstieg-in-die-mittelschicht-zunehmend-schwer.htm"><em>Niedriglohnsektor</em></a><em> haben. Das meine ich unter anderem mit den Ursachen von Armut, über die wir sprechen müssen. Letztlich geht es um die Frage, wie in der Gesellschaft Reichtum verteilt wird. Deutschland ist ein reiches Land, aber viele Menschen leben in prekären Verhältnissen. Das aber hat damit zu tun, dass die Ressourcen in dieser Gesellschaft ausgesprochen ungleich verteilt sind. Das hat etwas mit Einkommensverhältnissen zu tun, mit dem Lohnniveau in verschiedenen Arbeitsverhältnissen. Daran wird nicht gerüttelt. Dort müssten aber sozialpolitische Richtungsentscheidungen getroffen werden. Das betrifft vor allem Entscheidungsträger auf Bundesebene.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es geht nicht nur um die Frage, über die Runden zu kommen, sondern um die Frage, was Menschen brauchen, um einigermaßen gut leben zu können. Dazu gehört die Debatte um Mindestlöhne, aber auch die Frage, welche Ressourcen es für ein gutes Aufwachsen von Kindern braucht und welche Leistungen unsere Gesellschaft von daher für bedürftige Familien zur Verfügung stellen will. Insgesamt habe ich – auch wenn das nicht mein Spezialgebiet ist – aber den Eindruck, dass es hier keine gesellschaftlichen Mehrheiten für relevante Veränderungen gibt, denn sonst hätten wir nicht diese stabile Armutsquote, die sich seit Jahren nicht verändert. Es erfolgen immer nur kleine Korrekturen – die eigentlichen Ursachen bleiben unangetastet. </em></p>
<h3><strong>Mögliche Folgen der Armut</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bürgergeld und Kindergrundsicherung sind lobenswerte Konzepte, aber ob sie in der Form, wie sie dann beschlossen und umgesetzt werden, helfen, werden wir beobachten müssen. Ich bin nur sehr verhalten optimistisch. Offen gestanden: eher nicht. Aber ich lasse mich natürlich gerne von etwas anderem überzeugen. In deiner Arbeit hast du weniger mit der Sicherung einer finanziellen Grundausstattung einzelner Menschen zu tun als mit dem Umgang mit den Folgen einer unzureichenden Grundausstattung.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es geht um die <u>möglichen</u> Folgen. Das eine sind die Ursachen, das andere die <u>möglichen</u> Folgen. Dies ist das Handlungsfeld, in dem wir in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen viel bewegt haben. Es geht um die Kommunen, die Quartiere, und um die Spielräume, die die dort tätigen Akteure haben, um Armutslagen präventiv, das heißt frühzeitig und möglichst wirksam zu begegnen. Wichtig ist dabei: Die präventiven Maßnahmen führen nicht dazu, dass es weniger arme Kinder gibt oder weniger arme Familien. Was wir erreichen können ist, dass diese Kinder weniger arm dran sind, weil sie trotz begrenzter Ressourcen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, Zugang zu Sportvereinen, zu Kulturangeboten haben, in der Schule erfolgreich lernen können. Wenn ich von den <u>möglichen</u> Folgen spreche, bedeutet das, dass wir genau hinschauen müssen. Es kann, muss aber eben nicht sein, dass diese Kinder durchweg alle gleichermaßen unter den Folgen von Armut leiden. Das ist kein Automatismus. Die finanzielle Armut einer Familie ist zunächst einmal nur ein Hinweis, ein Indikator, dass wir genauer hinschauen müssen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Pauschale Zuschreibungen führen möglicherweise zu einer Art von Selffulfilling Prophecy, ein klassischer Priming-Effekt. Das Problem lässt sich nicht einfach lösen, in dem mehr Geld investiert wird.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Geld löst bestimmte Probleme, aber wir bewegen uns dann in einem anderen Kontext. Armut bedeutet nicht automatisch, dass wir ganz viel für diese Familien tun müssen, weil diese Familien ihr Leben nicht auf die Reihe bekämen. Ganz im Gegenteil: Die Leistungen dieser Familien sind oft enorm, müssen sie doch mit viel weniger Mitteln über die Runden kommen. Sie bemühen sich sehr um ihre Kinder. Sie haben nur eben begrenzte Ressourcen. Natürlich müssen Familien auch finanziell unterstützt werden, das ist keine Frage. Aber ich wehre mich gegen diesen Automatismus, der immer wieder unterstellt wird. Und wir müssen genau hinschauen, welche Ressourcen die Menschen haben, und das sind eben nicht nur finanzielle Ressourcen, die hier eine Rolle spielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du sprichst die Fähigkeit zu Resilienz an.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ja, finanzielle Armut</em> <em>bedeutet eben nicht, dass diese Menschen sozial schwach sind. Sie können ausgeprägte soziale Kompetenzen haben, weil sie darauf angewiesen sind, sich in ihren Milieus gegenseitig zu unterstützen. Wir müssen hier auch auf unsere Sprache achten, in der wir über diese Familien sprechen. Solche Zuschreibungen wie sozial schwach oder auch bildungsfern erfolgen leider viel zu oft, bis hin zu ausgeprägten Vorurteilen, auch bei Kolleg*innen in der Sozialen Arbeit.</em></p>
<p><em>Es geht also um die Anerkennung der Leistungen und damit zugleich darum, wie es gelingen kann, Menschen in Armutslagen in ihrer Resilienz zu stärken. Natürlich darf alles das nicht von dem Blick auf die Verhältnisse ablenken, im Sinne von jeder hat sein Glück selbst in der Hand. Ich nenne ein Beispiel, das die Möglichkeiten und die Grenzen von Resilienz zeigt, das Home-Schooling während der Pandemie. Hier spielt eine Rolle, wie groß eine Wohnung ist, ob das Kind einen ruhigen Platz für seine schulischen Aufgaben hat, wie die technische Ausstattung ist, wie der Zugang zum Internet funktioniert, welche Hilfen Eltern oder größere Geschwister geben können. Dies wurde jedoch viel zu wenig berücksichtigt. Die Familien wurden alleingelassen. </em></p>
<p><em>Finanzielle Armut wirkt sich auf das Alltagsleben aus. Das sind Familien, die eben nicht die Möglichkeit haben, mit ihren Kindern große Ausflüge zu machen, denn Mobilität kostet Geld. Das ist nicht überall so im Blick, Stichwort unsichtbarer Armutsrucksack. Ein weiteres Beispiel sind Kindergeburtstage. Haben die Familien das Geld für Geschenke, wenn ihre Kinder zum Geburtstag eingeladen werden? Und was ist mit dem eigenen Geburtstag, wenn ich die anderen Kinder einladen muss? Kann ich die Feier finanzieren, vielleicht einen Kinobesuch? </em></p>
<h3><strong>Armutssensibilität vs. Klassismus </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und dann oft genug auch noch der mitleidige oder mitunter verachtend-missbilligende Blick der anderen, letztlich <a href="https://demokratie.awo.org/demokratie-vor-ort/aktuelles-awo-demokratiepraxis/informationssammlung-ueber-klassismus/">Klassismus</a>.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Dazu gehört das immer wieder kolportierte Vorurteil, dass die von Armut betroffenen Menschen zusätzliches Geld nicht für ihre Kinder verwenden, sondern für ihre eigenen Bedürfnisse, für Tabak und Alkohol. Das ist vielfach widerlegt, auch durch Studien, aber das Vorurteil ist nicht aus der Welt zu bekommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Unterstützung in migrantischen Familien wird oft genug mit sogenannten <em>„Clan-Strukturen“</em> identifiziert. Natürlich gibt es diese, aber auf der anderen Seite gibt es in migrantischen Familien oft viel gegenseitige Unterstützung durch Großeltern, Tanten, Onkel, die auch die angesprochene Resilienz der Kinder fördern. Älteren migrantischen Frauen wird oft vorgeworfen, dass sie kaum Deutsch sprechen, Tochter oder Sohn übersetzen müssen. Kaum jemand sieht jedoch ihre Leistungen in der Familie, die dafür sorgen, dass die Kinder gut in der Schule zurechtkommen und sich – wie das so heißt – sozial <em>„integrieren“</em>. In eurer Arbeit müsst ihr solche Vorurteilsstrukturen im Grunde oft genug erst einmal auflösen.</p>
<div id="attachment_3190" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3190" class="wp-image-3190 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3190" class="wp-caption-text"><a href="https://undinezimmer.de/blog/buch/">Undine Zimmer, Nicht von schlechten Eltern</a>. © Undine Zimmer.</p></div>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Dafür gibt es viele Beispiele. Viele Fachkräfte in den verschiedenen Handlungsfeldern – ich eingeschlossen – sind nicht in Armut aufgewachsen. Deshalb müssen wir immer wieder nachfragen. Selbst wenn es von außen so scheint, dass vieles nicht gut läuft, muss ich mich letztlich immer wieder bei den Familien, den Kindern, den Jugendlichen rückversichern: was brauchen sie wirklich? Aber dies passiert oft genug zu wenig. Allein der Umstand, dass jemand – objektiv gesehen – nur über wenige Ressourcen verfügt, beantwortet nicht die Frage, was diese Familien brauchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bekomme ich das heraus? Ich stelle mir das ziemlich aufwändig vor.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Nicht wirklich. Es gibt viele Fachkräfte in den Frühen Hilfen, in den KiTas, in den Schulen, in der Kinder- und Jugendarbeit, Kinderärzt*innen, die bereits in Kontakt mit diesen Menschen sind. Die Frage lautet, wie sie diesen Kontakt gestalten, mit welchen Einstellungen und welche Wahrnehmungsmuster dabei wirken. Es geht um Armutssensibilität. Wir müssen erst einmal selbst reflektieren, wie sensibel wir für deren Lebenslage sind. Eigentlich ist das ein ganz banaler pädagogischer Grundsatz und gilt grundsätzlich. Bei Armut ist es exorbitant wichtig zu erfahren, was die betroffenen Menschen selbst regeln können und wo sie Unterstützung brauchen. Wir machen in unseren Seminaren die Erfahrung, dass viele Fachkräfte sagen, dass sie das gar nicht im Blick gehabt hätten. </em></p>
<p><em>Man kennt das auch aus der Schule. Wenn nach den Ferien oder nach dem Wochenende gefragt wird, was die Kinder Tolles gemacht hätten, impliziert das, dass alle Kinder die Möglichkeit hätten, etwas Tolles zu machen. Das hören die Kinder. Sie hören, was die anderen erzählen und erkennen, was sie selbst nicht erzählen können. Das macht etwas mit den Kindern, auch mit den Familien. Mit Armutssensibilität können wir die Ursachen der Armut natürlich nicht beseitigen, aber wir können den Menschen anders begegnen und zum Beispiel verhindern, dass wir sie ungewollt beschämen. </em></p>
<p><em>Die Geschichte mit dem unsichtbaren Armutsrucksack spielt hier eine Rolle. Viele Menschen wollen das, was ihnen Probleme bereitet, nicht unbedingt nach außen tragen, aber solche Stuhlkreise, wie ich sie eben am Beispiel der Schule beschrieben habe, sorgen dafür, dass es nach außen dringt. Fachkräfte müssen die Belastungen vorher erkennen und darauf eine angemessene Antwort finden. Das ist ein ganz entscheidender Ansatzpunkt, der auch gar nicht so viel Geld kostet. Es geht nicht um zusätzliche Aufgaben wie oft vermutet wird, sondern um die Einstellungen, wie die vorhandenen Aufgaben bearbeitet werden. Diese Kompetenz gehört auch in die Ausbildung.</em></p>
<p><em>Armutssensibilität meint eben nicht, ich habe entdeckt, dass du arm bist und weiß damit, was du brauchst, sondern es ist ein Hinweis, Familien, Kinder und Jugendliche anzusprechen und sich zu vergewissern, was sie wirklich brauchen. Reichen gruppenbezogene Zugänge oder muss ich bei manchen Kindern individuell vorgehen? Möglicherweise auch diskreter als das in Gruppen möglich ist.</em></p>
<h3><strong>Kommunen stärken</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen gibt es schon seit längerer Zeit verschiedene Förderprogramme, die immer wieder ihren Namen änderten, weil jede*r Minister*in einen eigenen Akzent setzen wollte. Es begann mit „Kein Kind zurücklassen“, wurde zu „Kommunale Präventionsketten“ und heißt jetzt <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark“</a>.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>:<em> Die Crux sind die unterschiedlichen politischen Rahmungen. Das ist immer eine Herausforderung. Den Entwicklungsprozessen hat es jedoch nicht geschadet. Im Kern ging es immer um das Gleiche, den Aufbau von Präventionsketten, um den Folgen von Armutslagen präventiv entgegenwirken zu können. Inzwischen beteiligen sich mehr als zwei Drittel der Kommunen und Jugendämter. Der Titel von Programmen spielt keine Rolle, der entscheidende Punkt in der Kommunikation mit den Kommunen ist es, dass die Kommunen ihre eigenen Schwerpunkte setzen. </em></p>
<p><em>Präventionsketten sind kommunale Initiativen. Das Land unterstützt die Kommunen auf ihrem Weg, daher muss die einzelne Kommune wissen, was sie braucht und will. Das klingt banal, ist es aber nicht. Der Vorteil bei dem Programm „kinderstark“ ist eindeutig: es ist langfristig angelegt. Es geht um die Weiterentwicklung von Strukturen. Es reicht eben nicht, mal für ein Jahr ein Projekt zu machen, in dem es dann für Kinder ein gesundes Essen gibt und nach dem Jahr weiß niemand, wie das gesunde Essen weiter finanziert werden soll. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde ist das ein Paradigmenwechsel. Ich definiere nicht von oben, was zu tun wäre, sondern lasse den Kommunen die Spielräume, ihre Möglichkeiten zu finden und das zu tun, was bei ihnen vor Ort wichtig ist.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das ist der Vorteil. Deshalb beteiligen sich auch so viele Kommunen. Das ist natürlich ein langer Prozess und lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag schaffen. Das erste Modell war „MoKi“ – </em><a href="https://www.monheim.de/kinder-jugend/moki-monheim-fuer-kinder/"><em>„Monheim für Kinder“</em></a><em>, entwickelt und durchgeführt in enger Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt</em><em>. Unterstützung im Prozess leistete das </em><a href="https://www.iss-ffm.de/"><em>Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik</em></a>, <em>namentlich</em> <a href="http://www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/VORTRAG_GERDA_HOLZ_ARMUTSPRAeVENTION.pdf"><em>Gerda Holz</em></a>.<em> Gerda Holz und das Institut haben den Begriff der „Präventionsketten“ maßgeblich geprägt. Seit 2002 wurde die Initiative in Monheim systematisch entlang der Biographie des Aufwachsens durchgeführt und weiterentwickelt. </em></p>
<p><em>Seitdem gab es auch in vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen vergleichbare Entwicklungsprozesse, fachlich begleitet durch die Landesjugendämter Rheinland und Westfalen und auch das Institut für soziale Arbeit in Münster Mit „kinderstark“ haben wir erreicht: wir brauchen keine Modelle mehr, sondern wir brauchen eine dauerhafte Unterstützung für die Kommunen, entwickelte Modelle umzusetzen. Für die Verantwortlichen in den Kommunen ist es wichtig, dass es diese Unterstützung von Seiten des Landes gibt. Und die Unterstützung des Landes sorgt dafür, dass sich Kommunen auf den Weg machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was heißt das jetzt in der einzelnen Kommune konkret?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das hängt immer davon ab, wo eine Kommune steht. Es geht nicht darum, immer wieder Neues zu erfinden, sondern darum zu schauen, was es schon an Gutem gibt und wie die Beteiligten besser miteinander zusammenarbeiten, sich aufeinander abstimmen könnten. Wenn ich eine Präventionskette aufbaue, muss ich erst einmal wissen, was es schon gibt. Das weiß aber oft niemand. Die Jugendämter wissen, was in der Jugendhilfe geschieht, die Gesundheitsämter, was im Gesundheitswesen passiert, die Schule weiß, was in der Schule geschieht, jeder Bereich natürlich nur im Rahmen seiner Zuständigkeiten. Abstimmung ist alles andere als selbstverständlich. Das heißt: du brauchst einen Überblick. Wer sind die Akteure? Was tun die bereits, was sollten sie tun? Du brauchst Lösungen, damit die Ämter systematisch zusammenarbeiten, ihre Planungen aufeinander abstimmen, die Akteure miteinander kommunizieren. Armut ist ein klassisches Querschnittsthema. Wir reden zunächst noch sehr abstrakt über Strukturentwicklung und den Aufbau von Vernetzungsstrukturen. Das betrifft noch nicht die Angebote für die „Endverbrauchern“. Letztlich sind das erst einmal Prozesse zur Organisationsentwicklung. </em></p>
<h3><strong>Familienzentren und Familienbüros</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen gibt es <a href="https://www.familienzentrum.nrw.de/">„Familienzentren“</a>. Die gibt es fast flächendeckend in den Kindertageseinrichtungen und inzwischen auch <a href="https://www.familiengrundschulzentren-nrw.de/">in einigen Grundschulen</a>. Es begann mit den Familiengrundschulzentren vor einigen Jahren in <a href="https://www.gelsenkirchen.de/de/Bildung/Ausserschulische_Bildung/Familienzentren/Familienzentren_in_Grundschulen.aspx">Gelsenkirchen</a>. Inzwischen gibt es auf Landesebene zwei Förderprogramme. In den „Familiengrundschulzentren“ erreicht man doch die <em>„Endverbraucher“</em>. Das wäre dann schon mehr als Organisationsentwicklung. <em> </em></p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das Familiengrundschulzentrum könntest du auch als einzelne Maßnahme umsetzen. Im Ansatz der Präventionsketten kommt etwas Grundlegendes hinzu: es muss eine gute Abstimmung und Zusammenarbeit der relevanten Ämter geben, die Maßnahme ist eingebettet in kommunale Planung. Das gilt genauso im </em><a href="https://www.ganztag-nrw.de/"><em>Offenen Ganztag</em></a><em>. Es geht uns nicht nur um die einzelne Offene Ganztagsschule. Wenn es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Ämtern gibt, wissen wir, in welchen Stadtteilen es wichtig ist, ein Familiengrundschulzentrum einzurichten, und wir können uns auch darüber verständigen, was wir eigentlich mit einem Familiengrundschulzentrum erreichen wollen und können. Die kommunale Planung kann darauf Einfluss nehmen, wie es gestaltet wird, wer welche Verantwortung übernimmt und welche Angebote letztlich den Kindern und den Familien angeboten werden. Das Ergebnis wäre ein Familiengrundschulzentrum, das nicht zufällig aufgrund des Engagements einer einzelnen Schulleitung oder OGS-Leitung arbeitet, sondern ein Baustein einer abgestimmten Unterstützungslandschaft im Quartier in einer Kommune ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht konkretisieren wir dies am Beispiel Sport. Früher, viel früher, um es offen zu sagen, gab es die klassische Straßenkindheit. Kinder trafen sich auf der Straße, spielten Fangen oder Fußball, fuhren Fahrrad oder Rollschuh. Heute gibt es das kaum noch. Wer sich bewegen will, muss sich an einen anderen Ort begeben. Und alles, was Kinder tun, ist hochgradig institutionalisiert und pädagogisiert, im Schulsport ebenso wie im Verein. Zu einem Sportverein haben aber auch nicht alle gleichermaßen Zugang. Die Sportwissenschaft sagt, dass Kinder am Tag mindestens eine Stunde regelmäßig Bewegung haben sollten, nicht nur toben, sondern auch bestimmte Bewegungsabläufe wiederholen und dies möglichst so, dass sie sich nicht selbst schädigen.</p>
<p>Eine Präventionskette könnte sich das Ziel setzen, dass alle Bereiche gemeinsam daran arbeiten, dass sich Kinder ausreichend und gleichzeitig sicher bewegen. Dazu sollen dann entsprechende Angebote geschaffen werden. Auf der anderen Seite gibt es Studien, die zu dem Ergebnis kamen, dass sich an solchen Sport- und Bewegungsangeboten nur die Kinder beteiligen, in deren Familien die Eltern schon darauf achten, dass sie an solchen Angeboten teilnehmen. Die anderen werden jedoch nicht erreicht. Im Kulturbereich, in der Musikschule, der Jugendkunstschule gilt das ebenso. Und in der Pandemie hat sich das verschärft. Finanzielle Grenzen kommen hinzu, Mitgliedsbeiträge, Ausrüstung und so weiter.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Zum einen geht es um die Zugänge. Es ist wichtig, dass Fachkräfte in den verschiedenen Einrichtungen Eltern offensiv und gezielt ansprechen, ob es nicht gut wäre, wenn ihre Kinder an einem solchen Angebot teilnähmen, und dafür zu sorgen, dass dies nicht an finanziellen Hindernissen scheitert. Das zweite wäre eine Aufgabe der Kommune: sie müsste sich darüber Gedanken machen, in welchen Lebensphasen Bewegung eine Rolle spielt oder spielen könnte. Dann fange ich in den Frühen Hilfen an, gehe in die KiTa, in die Schule, den Ganztag, die Jugendarbeit und stelle mir immer wieder die Frage, was dort für Bewegungs- und Gesundheitsförderung getan wird und was noch getan werden könnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aufsuchende Sozialarbeit?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Der Grundgedanke: es geht nicht darum zu sagen, wo es Angebote gibt und die Familien zu bitten, sie möchten dorthin kommen. Wir müssen die Angebote zu den Familien bringen, wir können nicht erwarten, dass alle von selbst zu uns kommen, sondern wir müssen niedrigschwellige Anlaufstellen, Beratungsstellen schaffen, in denen die Menschen von uns erfahren, wo sie finden, was sie brauchen. Das geht natürlich ganz einfach an Orten, an denen sich die Kinder ohnehin aufhalten, in der Kindertageseinrichtung, in der Schule. Das ist die Idee der Familiengrundschulzentren, aber auch zum Beispiel von Familienbüros.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist ein Familienbüro?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das ist so etwas Ähnliches wie ein Familienzentrum, nur eben nicht in der KiTa oder in der Schule. Es gibt Kommunen, die haben Familienbüros in der Innenstadt, in der Einkaufszone eingerichtet. Dort können Eltern hingehen, einfach einen Kaffee trinken, sich unterhalten, es gibt Spielecken für die Kinder. Dort erfahren die Eltern so nebenbei oder auch, wenn sie nachfragen, gezielt, wo es für ihre Kinder ein Sport- und Bewegungsangebot gibt und wie sie es realisieren können. In den Familienbüros arbeiten Fachkräfte, die angesprochen werden können, auch bei ganz anderen Fragen der Eltern, die erst einmal gar nichts mit den Kindern zu tun haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ärger mit dem Vermieter zum Beispiel? Oder mit dem Jobzentrum?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Genau dies. Die Grundidee ist, dass die Familien im Prinzip dort erst einmal alle ihre Alltagsthemen abladen können und dass die Fachkräfte dafür sorgen können, dass die Familien erfahren, wo ihnen geholfen wird, oder sie schaffen selbst ein solches Angebot. Es gibt Sprechstunden der Sozialberatung, der Verbraucherzentrale, die dann in den Familienbüros stattfinden. Letztlich ist es auch eine Art Lotsendienst, gut erreichbar, nicht irgendwo weit weg, sondern dort, wo sich Menschen ohnehin aufhalten. </em></p>
<p><em>Ähnlich ist es mit den Elterncafés, die es inzwischen an einigen Familiengrundschulzentren gibt. Damit wird ein Ort geschaffen, an dem Eltern sich einfach miteinander austauschen können und auch Expert*innen treffen, die auf bestimmte Problemlagen eingehen können. </em></p>
<p><em>So neu ist das alles nicht: wir hatten schon lange Konzepte der Öffnung von Schule, der Öffnung zum Sozialraum. An manchen Orten gibt es schon seit Jahrzehnten Bürgerzentren. Das Besondere an den Konzepten der Familienbüros ist die nachhaltig angelegte Systematik der Geh-Struktur. Es ist eben nicht so, dass dann irgendwo die Erziehungsberatungsstelle ist, zu der die Eltern gehen können, die Probleme bei der Erziehung haben. Das geschieht in der Regel dann doch nicht. Die einen wissen gar nicht, dass es eine solche Einrichtung gibt, andere haben Vorbehalte oder vielleicht sogar Angst, dorthin zu gehen – wegen der möglichen Verknüpfung mit dem Jugendamt. Es gibt immer noch das Bild, dass das Jugendamt eine Behörde ist, vor der man Angst haben muss. Dass das Jugendamt Familien unterstützen kann und soll, ist in der Öffentlichkeit nicht so verbreitet. Das sind eben die Leute, die einem die Kinder wegnehmen. Manchmal geschieht das auch, aber das ist nicht die Kernaufgabe eines Jugendamtes, das ja im besten Sinne den Auftrag hat, das gelingende Aufwachsen zu unterstützen. </em></p>
<p><em>Wenn Erziehungsberatung durch die Anbindung an ein Familienbüro dort erreichbar ist, wo Eltern sich ohnehin aufhalten, ist es leichter, sie zu erreichen und eine Beratung zu ermöglichen, die sich an den Bedarfen der Eltern orientiert. Auch wenn das Jugendamt Träger der Einrichtung ist, ermöglicht eine solch niedrigschwellige Erreichbarkeit in einem Ladenlokal im Quartier oder der Einkaufszone, dass die Menschen erreicht werden, ihnen geholfen werden kann – und die üblichen Vorurteile gegenüber dem Jugendamt erst einmal außen vor bleiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden Eltern und Kinder beteiligt, wenn ihr solche Strukturen aufbaut?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Da bin ich etwas vorsichtig. Das weiß ich nicht im Einzelnen. Ich vermute, bei der Konzeptentwicklung oft erst einmal nicht. Die Beteiligung setzt aber dann an, wenn – wir bleiben einmal bei den Familienbüros – geschaut wird, was die Familien brauchen. Das ist dann ein kontinuierlicher Beteiligungsprozess in dem Sinne, dass ausgehend von den erfahrenen Bedarfen das Unterstützungsangebot weiterentwickelt wird. Die grundsätzliche Entscheidung über die Einrichtung erfolgt auf der Grundlage von Sozialdaten. Wenn ein solcher Ort gut funktioniert, sieht eine Kommune, dass das auch in anderen Quartieren möglich ist.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit der neuen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/grosse-loesung-und-kinderrechte/">Kinder- und Jugendgesetzgebung</a> haben Kinder und Jugendliche das Recht auf anlasslose Beratung durch das Jugendamt.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Auch das ließe sich niedrigschwellig an die Familienbüros oder Familiengrundschulzentren andocken.</em> <em>Das sind Orte, die nicht mit Barrieren verbunden sind. Das spricht sich bei Kindern und Jugendlichen herum. Sie können sich dort beraten lassen, ohne dass das alle mitbekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In ländlichen Räumen ist das vielleicht noch eine andere Herausforderung. Das Jugendamt in der Kreisstadt ist dort meines Erachtens ohnehin keine geeignete Anlaufstelle. Ähnliche Erfahrungen gibt es mit den Jobcentern. Da wundert es nicht, wenn Mittel für die Unterstützung von Familien nicht abgerufen werden. Umso mehr kommt es sicherlich dort darauf an, in den KiTas, in den Schulen, in Einkaufszonen solche Anlaufstellen zu schaffen.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ich kenne einen Fall, in dem ein Familienbüro in der Kreisstadt eingerichtet wurde. Das kann man sicher so machen, aber idealtypisch betrachtet müssten Familienbüros in den kreisangehörigen Gemeinden eingerichtet werden, denn da leben die Menschen. Es ist schon ein großer Aufwand, wenn ich erst einmal ins Auto steigen muss – wenn überhaupt eins da ist – oder in den Bus – wenn er denn fährt –, um dann 20, 30 oder noch mehr Kilometer weit in die Kreisstadt zu fahren. Das macht niemand so einfach nebenbei. Es funktioniert auch nicht alles online, viele Familien haben gar nicht die Möglichkeit eines Online-Zugangs. Und wer weiß schon, wo man was suchen könnte. Vieles muss offen Face to Face besprochen werden. Letztlich geht es auch um Vertrauensbildung, und die funktioniert nicht virtuell.</em></p>
<h3><strong>Innovationsberatung durch den Landschaftsverband</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt dein Arbeitgeber, das LVR-Landesjugendamt, bei der Umsetzung der von dir vorgestellten Landesprogramme?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Unterstützung durch Beratung, Fortbildung und Wissenstransfer. Die Kommunen müssen Lösungen finden, je nach den dort gegebenen Rahmenbedingungen. Ich kann Kommune nicht anweisen, so oder so zu handeln, das will ich auch nicht tun. Ich sage, was aus meiner Sicht hilfreiche Bausteine sein könnten. Wir bieten Expertise an, können auf Erfahrungen anderer Kommunen verweisen, Kontakte schaffen. Wir machen Schulungen, Fortbildungen für Fachkräfte zur Armutssensibilität, zu den Erfahrungen von Familienbüros und anderen Beispielen. Ich kann werben und überzeugen. Und wir machen Lobbyarbeit, indem wir in der Fachöffentlichkeit auf die Lebenslagen von armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen hinweisen – wie zum Beispiel mit unserem gemeinsamen Fachgespräch am 02. Juni 2023. </em></p>
<p><em>Die Kommune schaut dann, welche Bausteine passen. Im Rahmen der Präventionsketten richten sie Koordinationsstellen ein. Sie brauchen eben jemanden, der sich in der Verwaltung darum kümmert. Die große Aufgabe ist es, Leitungen und Politik dafür zu gewinnen, dass das eine gute Sache ist. Politik und Leitungen setzen aber oft andere Schwerpunkte. Da gibt es Widerstände, zum Beispiel wegen begrenzter Ressourcen oder gewachsener Verfahrensabläufe. Wir arbeiten ja alle in versäulten Systemen. Es darf eben nicht heißen, da ist doch jemand anders zuständig. Wir müssen vielmehr erst einmal schauen, wie wir gemeinsam das Problem angehen, wer welche Expertise hat und wie wir das Problem gemeinsam lösen – losgelöst davon, wer dann was konkret umsetzt. Das ist für Verwaltungen schwerer getan als gesagt und erfordert Kulturentwicklung im Denken und Handeln.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde ist das was ihr tut so etwas wie Innovationsberatung und bei Konflikten auch Mediation.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es sind Impulse für die Organisationsentwicklung, immer orientiert an der Frage, was sich bewährt hat und erhalten werden soll – und was aus guten Gründen zukünftig anders gehandhabt werden sollte. Die eigentliche Organisationsentwicklung müssen die Kommunen selbst machen. Dafür braucht man Leitungen und Politik. Es reicht nicht, wenn einzelne Mitarbeiter*innen sagen, dass sie etwas verändern wollen. Das muss schon an der Spitze so entschieden werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und das Land unterstützt durch die Ressourcen der genannten Förderprogramme.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das Förderprogramm „kinderstark“ ist ein fachlicher und finanzieller Impuls, um den überzeugten Akteuren in den Kommunen Argumente zu geben, die Ziele umzusetzen. </em></p>
<h3><strong>Nachhaltigkeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Aber es ist Projektförderung, keine institutionelle Förderung?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Fördertechnisch ist das noch die Crux. Mit einjähriger Projektförderung kann man die gewünschte Strukturentwicklung nicht erreichen. Das Land verlängert das Programm aber immer wieder. Darin ist das Land verlässlich.</em></p>
<p><em>Das betrifft auch das Personal. Ich kann Personal nicht alle Jahre neu einstellen, wir brauchen ähnlich wie in den Frühen Hilfen, in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder im Offenen Ganztag die Sicherheit, dass die Mittel den Kommunen dauerhaft zur Verfügung stehen. Die Aufgabe der Koordination ist sehr anspruchsvoll. Diese Expertise lässt sich nicht immer wieder neu aufbauen, das muss langfristig gesichert sein. Für die Fachkräfte in den Koordinationsstellen machen wir Schulungen. Diejenigen, die sich beteiligen und Erfahrungen in der Koordinationstätigkeit gesammelt haben, sind dann so gut qualifiziert, dass sie sofort einen anderen Job finden, wenn sie in einer Kommune nicht mehr weiterkommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie nachhaltig wirkt das Programm?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Wir haben die ganze Spannbreite.</em> <em>Es sind in den letzten zwei bis drei Jahren viele Kommunen neu eingestiegen. Darunter sind einige, die erst einmal ein Familienbüro oder ein Familiengrundschulzentrum aufbauen wollen. Die gesamte Präventionskette ist noch gar nicht im Vordergrund. Die Überzeugung, dass eine Koordinationsstelle sinnvoll und hilfreich ist, muss sich entwickeln können. Das, was wir tun, ist Überzeugungsarbeit im besten Sinne. Manchmal gelingt es, manchmal ist es schwieriger. Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass das, was an Strukturen aufgebaut wurde, in vielen Kommunen schon sehr nachhaltig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf vielleicht zusammenfassen. Es begann mit „MoKi“, es entwickelte sich dann kontinuierlich weiter in den Kommunen, unterstützt durch verschiedene Landesprogramme und Programme der Landesjugendämter. Unbeschadet der diversen Namens- und Regierungswechsel von Seiten des Landes sehe ich, dass es doch Konsens zwischen den demokratischen politischen Parteien gibt, dass das, was wir eben besprochen haben, eine gute Sache ist, die weiterer und nachhaltiger Unterstützung bedarf. Die Grundstruktur wird akzeptiert, die Kommunen sind interessiert, die Kontinuität der Landesförderung und die internen Willensbildungsprozesse in den Kommunen sind zwei grundlegende Voraussetzungen für den dauerhaften Erfolg.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Für eine Kommune</em> <em>heißt das, sie braucht eine eigene Gestaltungsvision. Es geht eben nicht nur darum, aktuelle Krisen zu bewältigen. Ich brauche eine Idee, ein abgestimmtes Vorgehen; das hilft dann auch, leichter mit Krisen umzugehen, mit Flüchtlingsbewegungen, mit Pandemien, mit Armut, mit Inflation, mit all den Themen, die Menschen und Kommunen belasten. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der in der Politik anfängt, aber auch die Fachkräfte in den Einrichtungen betrifft. Sie müssen überzeugt sein, dass es sinnvoll ist nicht nur darauf zu achten, wer welchen Teil vom Kuchen bekommt, sondern dass die Zusammenarbeit zwischen Erziehungsberatung, Allgemeinem sozialen Dienst, Schule, KiTa, Gesundheitsamt, Job-Center – um nur einige zu nennen – ein wichtiger Qualitätsbaustein der eigenen Arbeit ist. </em></p>
<p><em>Und nicht zuletzt: ich brauche die zeitlichen Ressourcen, um das zu machen. Das fehlende Fachpersonal ist sicherlich ein Problem. Wenn ich das Anliegen der Präventionsketten aber als langfristigen Prozess sehe, kann ich relativ entspannt sagen: ich weiß zwar was ich alles tun möchte, kann vielleicht nicht alles heute machen, aber morgen oder übermorgen. Das ist eben eine langfristige Planung und ich muss wissen, wie meine Gestaltungsvisio aussieht, wo ich hinwill und in welchen Schritten das möglich ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann ein Kinderschutzkonzept, ein Konzept zur Armutsprävention, ein Konzept zum Ausbau des Ganztags in Schulen und Kitas, all dies planen, aber die Struktur, in der sich diese Planung vollzieht, scheint mir immer die gleiche zu sein.  <em> </em></p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Im besten Sinne ja. Es ist im besten Sinne immer die konzeptionelle Rahmung der Präventionskette. Ich denke beispielsweise an das neue </em><a href="https://www.kinderschutz-in-nrw.de/fachinformationen/gesetzliche-grundlagen/bundeskinderschutzgesetz-1-1/"><em>Landeskinderschutzgesetz</em></a><em>. Auch hier werden Koordinierungsstellen und Netzwerke eingerichtet, mit Landesfinanzierung, die sich wiederum in die kommunalen Strukturen einbetten müssen, von denen wir gesprochen haben. Die Akteure in den einzelnen Bereichen müssen die Bereitschaft haben, integriert zu denken und zu handeln.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, da hast sich in den letzten 30 Jahren einiges getan.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das denke ich auch. Aber wir müssen darauf achten, dass die verschiedenen Netzwerke in Nordrhein-Westfalen miteinander kooperieren und aufeinander abgestimmt sind. Ich nenne </em><a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kommunale-integrationszentren"><em>die Kommunalen Integrationszentren</em></a><em> (KI), </em><a href="https://www.regionale.bildungsnetzwerke.nrw.de/Regionale-Bildungsnetzwerke/index.html"><em>die Regionalen Bildungsnetzwerke</em></a><em>, die </em><a href="https://www.mags.nrw/uebergang-schule-beruf-startseite"><em>Unterstützungsleistungen im Übergang von der Schule in den Beruf</em></a><em> (KAoA) und andere. Das sind Bausteine einer integrierten Unterstützungslandschaft vor Ort, mit jeweilig verschiedenen Kompetenzen und Aufgaben. Das zu verbinden ist eine Aufgabe der Kommunen, für die wir beraten. </em></p>
<p><em>Sehr hilfreich wäre es natürlich – mal ganz vorsichtig ausgedrückt –, wenn die Abstimmung der Ressorts auch auf Landesebene – auf der Bundesebene gilt das natürlich genauso –funktioniert und dass Förderprogramme gut aufeinander abgestimmt sind. Ich nehme das Beispiel der Familiengrundschulzentren, für die es zwei Förderstränge gibt, einmal aus dem Jugendministerium, einmal aus dem Schulministerium, die nur bedingt gut aufeinander abgestimmt sind. Kommunen können natürlich von beiden Förderprogrammen profitieren, stehen dabei aber vor der Herausforderung, beide Förderstränge dann vor Ort so zu verknüpfen, dass die Maßnahmen sich gegenseitig ergänzen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war ein Plädoyer gegen Ressortegoismus.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das war ein Plädoyer für gute, integrierte Abstimmungsprozesse auf Landesebene. Auf Landesebene muss das geschehen, was wir von den Kommunen erwarten. Gleiches gilt für die Bundesebene, auch hier müsste das, was in den Ressorts geschieht, aufeinander abgestimmt sein, gerade bei dem Thema, das Anlass unseres Gesprächs war, der Armutsprävention. Armutsprävention ist ein Querschnittsthema, das verschiedene Ressorts und Politikfelder tangiert. Da ist noch viel Luft nach oben.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2023, Internetzugriffe zuletzt am 4. Mai 2023. Kontakt zu Alexander Mavroudis, Telefon 0221 809-6932, <a href="mailto:alexander.mavroudis@lvr.de">alexander.mavroudis@lvr.de</a>)</p>
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		<title>Das Leben rückwärts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Sep 2021 08:18:11 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Leben rückwärts Über Menschenwürde und Kinderrechte in der Pandemie „‚Nun, ich will dich gerne anstellen‘, sagte die Königin. ‚Zwei Groschen die Woche und anderntags Marmelade.‘ / Darüber musste Alice nun doch lachen, und sie sagte: ‚Ich will doch nicht, dass Ihr mich anstellt – und außerdem mag ich Marmelade nicht.‘ / ‚Es ist  [...]</p>
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<h2><strong>Über Menschenwürde und Kinderrechte in der Pandemie</strong></h2>
<p>„<em>‚Nun, ich will dich gerne anstellen‘, sagte die Königin. ‚Zwei Groschen die Woche und anderntags Marmelade.‘ / Darüber musste Alice nun doch lachen, und sie sagte: ‚Ich will doch nicht, dass Ihr <u>mich</u> anstellt – und außerdem mag ich Marmelade nicht.‘ / ‚Es ist sehr gute Marmelade‘, sagte die Königin. ‚Nun, heute habe ich jedenfalls gar keine Lust darauf.‘ / ‚Heute bekämst du auch keine, selbst wenn du Lust hättest, sagte die Königin, ‚denn die Regel heißt: gestern Marmelade und morgen Marmelade – aber niemals heute Marmelade.‘ / Aber manchmal <u>muss</u> es dann auch ‚heute Marmelade‘ sein‘, wandte Alice ein. – ‚Das kann es gar nicht‘, sagte die Königin, ‚weil es nämlich heißt: anderntags Marmelade; und heute ist ja dieser Tag und kein anderer Tag, nicht wahr?‘“ / ‚Das verstehe ich nicht‘, sagte Alice. ‚Es ist schrecklich verwirrend‘. / ‚Das kommt davon, wenn man rückwärts in der Zeit lebt‘, sagte die Königin freundlich; ‚anfangs wird man davon leicht ein wenig schwindlig.‘“ </em>(Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln, zitiert nach der Übersetzung von Christian Enzensberger, Insel Verlag 1963)</p>
<p>Texte zur Pandemie leiden darunter, dass sie zur Zeit des Schreibens aktuell sind, zur Zeit der Lektüre jedoch überholt. Ich wünsche mir, dass es diesem Text so ergeht und dass alle düsteren Analysen und Prognosen hinfällig sind. Dann schriebe ich einen historisch interessanten Text, eine Momentaufnahme. Wir werden sehen, ob es so kommt. Bisher war dies mit vergleichbaren Texten jedoch leider nicht der Fall.</p>
<h3><strong>Lasset uns testen</strong></h3>
<p>Marie Schmidt variierte „Alice hinter den Spiegeln“ und nannte ihren Essay „<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-masken-gesellschaft-1.4903903">Alice hinter den Masken</a>“ (erschienen am 12. Mai 2020 in der Süddeutschen Zeitung). Wir erinnern uns: die erste „Welle“ der Pandemie flaute ab, von einer zweiten, dritten oder vierten „Welle“, von möglichen Mutanten, die mit Buchstaben des griechischen Alphabets bezeichnet werden sollten, wollte niemand etwas hören. Die Rückkehr zum gewohnten Alltag, zur <em>„Normalität</em>“ – das versprachen die meisten Politiker*innen. Nur einige Virolog*innen und Karl Lauterbach warnten. Mit der <em>„Normalität“</em> ist es – wenn wir Marie Schmidt glauben wollen – wie mit Alices <em>„Marmelade“</em>: „<em>Normalität war vor der Krise und wird nach der Krise sein, aber heute gibt es niemals Normalität.“ </em>Und viele Kinder dürften den Eindruck gewinnen, sie lebten in einer Endlosschleife, <em>„rückwärts in der Zeit“</em>, eine Art Murmeltier-Gefühl, nur eines scheint gewiss, der nächste „Lockdown“.</p>
<p>Heute – im Spätsommer 2021 – wissen wir mehr als im Mai 2020. Es gab eine Fußballeuropameisterschaft mit Zuschauer*innen in den Stadien und beim Public Viewing, es gibt Urlaubsflüge in alle Welt – aber wie schaut es aus für Kinder und Jugendliche? Gilt für sie die UN-Kinderrechtskonvention? Der Vorrang des Kindeswohls vor allen anderen Anliegen? Zumindest verkünden viele Politiker*innen immer wieder, dass sie Schulen und Kindertageseinrichtungen als letzte schließen und als erste wieder öffnen wollten, <em>„möglichst“</em>, wie es der nach den Umfragen Ende Juni (noch) aussichtsreichste Kandidat auf das Bundeskanzleramt in seiner bewährt vorsichtigen Art verkündete.</p>
<p>Seit Anfang des Jahres 2021 verkünden die Landesregierungen einmütig für Schulen und Kita das Mantra: „Lasset uns testen“. Immerhin erinnert eines der Testformate ein wenig an Marmelade, der Lolly-Test. Es klingt ein wenig nach „Newspeak“, aber die Kinder, die Erzieher*innen, die Lehrer*innen, die Eltern, sie alle fügen sich, sie grummeln, aber es wird fleißig getestet.</p>
<p>Andererseits: Nichts Genaues weiß man nicht. Ob und wann Kinder unter 12 Jahren geimpft werden können? Ungewiss. Ob es normalen Schulbetrieb, Regelbetrieb in Kindertageseinrichtungen geben wird, und wenn ja, ab wann? Ebenso ungewiss. Long-COVID? Erstrecken sich Langzeitfolgen über einige Monate, über Jahre oder vielleicht auf Dauer? Ungeklärt. Und was ist mit all den Kollateralschäden des Lockdowns, der Maskenpflicht, des Abstandsgebots? All das, was der Bekämpfung der Pandemie dient, hat Nebenwirkungen, vor allem psychische, die sogar zur Hauptwirkung werden können. Über solche Folgewirkungen lesen wir zurzeit – im Sommer 2021 – fast täglich. Was ließe sich tun? Nichts Genaues weiß man nicht, teste sich wer kann.</p>
<h3><strong>Democracy First?</strong></h3>
<p>Vielleicht lohnt ein Blick ins Grundgesetz. Andreas Voßkuhle, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sprach in der Frankfurter Paulskirche über dessen „<em>Bildungsauftrag“</em> (nachlesbar in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“ Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“</em></p>
<p>Das Schlüsselwort ist <em>„Empowerment“</em>. Der <em>„Bildungsauftrag des Grundgesetzes“</em> ist Befähigung und Ermutigung zur Wahrnehmung eigener Verantwortung, zu Partizipation und Engagement in der Demokratie, unabhängig davon, ob in einer formalen Bildungsinstitution, auf dem informellen Weg über Medien, welcher Art auch immer, oder dem nicht-formalen Weg außerschulischer Bildung, in Jugend- und Erwachsenenbildung, in Volkshochschulen, Familienbildungsstätten oder Einrichtungen der offenen Jugendarbeit. <em>„Die Mütter und Väter des Grundgesetzes vermieden es, der jungen Bundesrepublik einen paternalistischen Erziehungsauftrag zu verordnen; der Staat sollte nicht besserwisserisch belehren, von oben herab elitär bevormunden.“ </em></p>
<p>Die <a href="http://www.kmk.org">Kultusministerkonferenz</a> (KMK) beschloss 2018 Empfehlungen zur Demokratie und zu den Menschenrechten. Diese geben der „Partizipation“ und – auch wenn der Begriff selbst nicht verwendet wird – dem <em>„Empowerment“</em> einen großen Stellenwert. Historische und politische Bildung sollen einander kongenial ergänzen. <a href="https://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens">Der Beutelsbacher Konsens</a> fordert mitnichten Neutralität, sondern klare Kante. KMK 2018: <em>„Werden in der Schule kontroverse Thematiken behandelt, haben Lehrkräfte die anspruchsvolle Aufgabe, den Unterrichtsgegenstand multiperspektivisch zu beleuchten, zu moderieren, bei Bedarf gegenzusteuern, sowie Grenzen aufzuzeigen, wenn diese überschritten werden. Voraussetzung für die Umsetzung des Beutelsbacher Konsenses ist somit eine Grundrechtsklarheit und ein entsprechendes Selbstbewusstsein der Lehrkräfte.“</em></p>
<p>Die KMK ist mit ihren Empfehlungen fortschrittlicher als ihr allgemein nachgesagt. Aber sie ist auch verantwortlich für die schon lange wirkende schleichende Entpolitisierung von Bildungspolitik, nicht zuletzt eine Folge der sogenannten „empirischen Wende“ nach Erscheinen der ersten PISA-Studie. Was Bildung leistet, dokumentieren PISA, VERA, IGLU? Doch was wissen wir über Demokratie, „Empowerment“? Die Chance zur Beteiligung an einer neuen Runde der <a href="https://www.iea.nl/studies/iea/iccs">International Civic and Citizen Educationship Study</a> (ICCS) hat die KMK leider verpasst.</p>
<p>Verfassungsauftrag ist nicht die Vermittlung sogenannter Kulturtechniken, so wichtig das sein mag. Das Grundgesetz schreibt nicht vor, wie viele Fremdsprachen jemand beherrschen, über welche naturwissenschaftlichen Kenntnisse jemand verfügen oder wie sich das Gymnasium von anderen Schulformen unterscheiden solle. Verfassungsauftrag ist Persönlichkeitsbildung. Bildung muss endlich wieder politisch verstanden werden. Was beschloss die KMK? <em>„</em><em>Eine rechtsstaatlich verfasste Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie musste und muss immer wieder erlernt, erkämpft, gelebt und verteidigt werden.“ </em></p>
<h3><strong>Pandemische Bildungspolitik</strong></h3>
<p>Nur schade, dass die 16 Bildungsminister*innen der 16 Länder mehr oder weniger im Einklang die von ihnen beschlossenen Grundsätze ignorieren. Es war nicht wichtig, ob sich Kinder und Jugendliche in der Schule wohl fühlten, ob sie gerne lernten und in der Schule gemeinsam aufwachsen konnten, Hauptsache, es wurde geprüft. Und so trafen sich junge Menschen in Messehallen, um an weit voneinander entfernten Tischen das, was sie sich – oft nur mit Hilfe der Eltern und boomender Online-Nachhilfeinstitute – selbst haben beibringen müssen, prüfungsordnungsgemäß abzuliefern. Wie gesagt: „Lasset uns testen“.</p>
<p>In den Jugendministerien sah es nicht anders aus. Es wurde in einem Bundesland als großer Erfolg verkauft, dass alle Kinder bis zur Sommerpause 2020 zwei Tage – nicht zwei Tage in der Woche, sondern zwei Tage in sechs Wochen – ihre Kindertageseinrichtung besuchen durften und dass den Eltern erlaubt wurde, die Kinderbetreuung gemeinsam mit Nachbar*innen selbst zu organisieren. Der Besuch der KiTa wurde für viele so etwas wie ein Zoobesuch. Zur Erinnerung: der Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung für Kinder über 3 Jahren wurde 1996 eingeführt, der Rechtsanspruch für Kinder unter 3 Jahren 2013, der Rechtsanspruch für Grundschulkinder ist für das Jahr 2026 geplant.</p>
<p>Manche Politiker*innen sagten sehr deutlich, dass es bei der Sicherung des Präsenzunterrichts in den Schulen darum gehe, dass Eltern ungestört von betreuungs- und beschulungsbedürftigen Kindern ihren Beruf ausüben könnten, im Betrieb, im sogenannten Home-Office. Hauptsache, die Wirtschaft läuft, einschließlich der Rüstungsbetriebe, nach deren Berechtigung im Vergleich zu Schulen ein Journalist im Herbst 2020 den Pressesprecher der Bundesregierung fragte. Der wich aus, aber das ist letztlich Inhalt seiner Jobbeschreibung.</p>
<p>Karl Lauterbach behielt recht: <em>„Als ich zu Beginn der Pandemie davor gewarnt habe, dass wir anderthalb Jahre keinen regulären Unterricht werden haben können, bin ich ausgelacht worden. Monatelang habe ich darauf gedrängt, in Luftfilter, Digitalunterricht, zusätzliches Lehrpersonal und gute Konzepte für Wechselunterricht zu investieren. So etwas hätte aber eben Geld gekostet. Das war es der Gesellschaft offenbar einfach nicht wert.“ </em>(Karl Lauterbach, zitiert nach: Ulrich Bahnsen: Zu Unrecht verdächtigt, in: Die ZEIT 2.6.2021)</p>
<p>Karl Lauterbach wird oft mit Kassandra verglichen. Ich vergleiche ihn lieber mit dem von Jeff Goldblum verkörperten Chaostheoretiker Dr. Ian Malcom in „Jurassic Parc“, der vor sich hin seufzt: <em>„I hate being right all the time.“</em> Der wirtschaftliche Erfolg eines Themenparks ist eben wichtiger, und mit den spektakulären Nachzüchtungen finden sich Kriminelle ein, die die Echsen – so im fünften Film – als Waffe einsetzen möchten und sie daher – je gefährlicher, desto teurer – an diverse Warlords dieser Welt versteigern. Das Ergebnis: am Ende des fünften Films sind die Saurier, auch die gefährlichen, frei, denn sie haben ja auch ein Recht auf Leben, befindet ein junges Mädchen, das wie die Saurier auf dem Wege des Klonens auf diese Welt gekommen ist. Der sechste Film, der für 2022 angekündigt ist, wird daran anknüpfen. Meine Frage: was geschieht nach der Delta-Variante? Das griechische Alphabet hat viele Buchstaben.</p>
<h3><strong>Kollateralschäden</strong></h3>
<p>Die Kollateralschäden für junge Menschen sind erheblich. Viele liegen verletzt am Rande der Strecke, die der Drache „Pandemie“ bereits zurückgelegt hat. Diese sich in Deutschland abzeichnenden Kollateralschäden sind noch die harmlose Variante der sozialen Folgen der Pandemie. Wir sind auf dem Weg zu einem Bildungsproletariat, weltweit, auch in Deutschland, in Europa. Weltweit haben bereits etwa 33 Millionen Kinder, Jugendliche, Studierende ihren Bildungsweg abgebrochen. Armut steigt, Reichtum wächst, so Ergebnisse der von OXFAM am 25. Januar 2021 vorgestellten Studie „<a href="https://www.oxfam.de/ueber-uns/publikationen/oxfams-bericht-covid-19-auswirkungen-ungleichheitsvirus">Das Ungleichheitsvirus</a>“.</p>
<p>Inzwischen gibt es weitere Studien, denen wir entnehmen, dass jedes vierte Kind unter Depressionen leidet. Die Akutstationen der Psychiatrie sind überfüllt, Wartezeiten für eine psychotherapeutische Behandlung werden immer länger, all dies ein Ergebnis der Politik der Krankenkassen. Jahrzehntelang wurde die Zahl der Kassensitze für Psychotherapeut*innen knappgehalten und es sieht nicht so aus, als wären Politik und Krankenkassen geneigt, dies zu ändern. Offenbar kennen sie den umfassenden <a href="https://leitbegriffe.bzga.de/systematisches-verzeichnis/allgemeine-grundbegriffe/gesundheit/">Gesundheitsbegriff der WHO</a> nicht, der physische <u>und</u> psychische Gesundheit benennt.</p>
<p>Ich wage nicht vorherzusagen, ob wir tatsächlich die von manchen beschworene „<a href="https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/gesellschaft/wir-generation-corona-e161730/">Generation Corona</a>“ – so auch der Titel eines 2021 bei Beltz / Juventa erschienen Sammelbandes, herausgegeben von Dieter Dohmen und Klaus Hurrelmann) bekommen, aber ich wage zu sagen, dass wir dringend eine Bestandsaufnahme brauchen, die deutlich über Infektionszahlen und Impfstofflieferungen hinausgeht. Wir müssen über den Anstieg von Hartz-IV-Empfänger*innen unter den Kulturschaffenden und den Soloselbstständigen sprechen, über Insolvenzen in der Gastronomie, von Textilgeschäften. Und „Education First“! Es geht um verhinderte Bildungschancen. Ich benutze bewusst den Begriff „verhindert“ und nicht den in der Regel verwendeten Begriff „verpasst“. Die Kinder, die Jugendlichen, deren Eltern trifft keine Schuld. Solche Schuldzuweisungen, wie wir sie aus Vergangenheit und Gegenwart kennen, sind nicht mehr und nicht weniger als das Eingeständnis eigener Inkompetenz.</p>
<p>Erstaunlich mag sein, dass zunächst nur vier Dinge in der Bildungspolitik eine Rolle spielen:</p>
<ul>
<li>Die Frage nach einem flächendeckenden Einsatz von Luftfiltern, der vor allem von Eltern gefordert wird: ob Luftfilter helfen, ist umstritten. Immerhin machen sie Lärm.</li>
<li>Die digitale Ausstattung der Schulen: die Frage ist berechtigt, warum die KMK zwar 2016 eine Strategie mit dem anspruchsvollen Titel „<a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2016/2016_12_08-Bildung-in-der-digitalen-Welt.pdf">Bildung in der digitalen Welt</a>“ beschlossen hat, die Länder seitdem jedoch kaum an deren Umsetzung gearbeitet haben.</li>
<li>Die Bürokratie: die Bundeskanzlerin machte am 26. Januar 2021 in Davos die Bürokratie für alles, was im Jahr 1 der Pandemie nicht geschah, verantwortlich. Es ist allerdings schon bemerkenswert, wenn Politiker*innen sich über eine Bürokratie beklagen, die sie geschaffen haben. Bürokratie bietet viele Instrumente, mit denen Probleme angegangen werden können, aber ohne Vorgaben und Spielräume – beide Begriffe gehören zusammen – geht es nicht. Bürokratie baut niemand ab, indem Personal abgebaut wird, sondern indem Vorgaben und Spielräume klar definiert werden. Auskömmliche Personalausstattung kommt hinzu, doch fehlt diese in vielen Kommunen.</li>
<li>Der vierte Punkt klingt pädagogisch, ist es aber nicht: die sogenannten „Aufholprogramme“, die Bund und Länder inzwischen kurz vor der Sommerpause 2021 auf den Weg brachten, betreffen fast ausschließlich sogenannte Kernfächer, Deutsch, Mathematik, Fremdsprache. Alles andere ist wohl Nebensache. Abgesehen davon: es geht nur um die Klassen, in denen Prüfungen anstehen.</li>
</ul>
<h3><strong>Der Schlaf der Ahnungslosen</strong></h3>
<p>Das Jahr 2020 wurde verschlafen, vorsorgende Politik Fehlanzeige. Und so gibt es immer wieder denkwürdige Nachrichten, beispielsweise die, dass drei Kinder auf dem Sofa sitzen und gemeinsam Papas Smartphone nutzen, weil es kein anderes Gerät gibt, dass ein Kind in der Woche <u>eine</u> digitale Unterrichtsstunde hatte (die Sportstunde?). Das sind keine polemisch genutzten Einzelfälle, das sind reale Begebenheiten, die sich endlos fortsetzen ließen. Der eigentliche Skandal liegt jedoch darin, dass Schulen, die in der Lage sind, ein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/education-first-2/">differenziertes Hybridkonzept</a> durchzuführen, von der Schulaufsicht daran gehindert wurden.</p>
<p>Schule ist offenbar in den Köpfen mancher Politiker*innen zu einer Qualifikationsmaschine verkommen, Kindertageseinrichtungen und außerunterrichtlichen Ganztagsangebote zu einer bloßen Betreuungsmaschine. Aber vielleicht ist das nur ein Trend, den es ohnehin schon gab und den die Pandemie nun sichtbar macht. <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/auf-dem-holzweg-in-der-deutschen-bildungspolitik-stehen-schon-lange-nicht-mehr-inhalte-im-vordergrund/26783422.html">Hannes Soltau</a> war nicht der einzige, der <em>„Kreativität, Neugierde und Fantasie“ </em>vermisste. Sein Fazit in einem am 10. Januar 2021 im Tagesspiegel veröffentlichten Artikel<em>: „In effizienz-, kompetenz- und outputorientierten Schulen ächzen Lehrerinnen und Lehrer seit Jahren unter einem enormen Druck durch Evaluationsmethoden, Digitalisierungsvorhaben, Vergleichbarkeitswahn und latenter PISA-Fixiertheit.“</em></p>
<p>Vielleicht hätten die für Bildung verantwortlichen Minister*innen auf einen ihrer großen Vorgänger hören sollen, der am 18. Juni seinen 90. Geburtstag feierte, den ehemaligen bayerischen Kultus- und Wissenschaftsminister <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/hans-maier-kulturpolitik-csu-bayern-1.5325061?sc_src=email_2497205&amp;sc_lid=204089197&amp;sc_uid=6F8bKIwSxF&amp;sc_llid=40694&amp;utm_medium=email&amp;utm_source=emarsys&amp;utm_content=www.sueddeutsche.de%2Fkultur%2Fhans-maier-kulturpolitik-csu-bayern-1.5325061&amp;utm_campaign=Prantls_Blick_200621">Hans Maier</a>: <em>„Ich habe da immer die Ursprungsbedeutung von ‚schola‘ im Kopf behalten: Muße. Die große Expansion der Bildungszugänge und -abschlüsse hat neben viel Gutem auch Negatives mit sich gebracht: Man hat die Schule fast nur noch als Hinführung zu einem größeren Lebenszeiteinkommen betrachtet. Aber das ist falsch: Schule muss auch in sich einen Wert haben.“</em></p>
<h3><strong>Eine vorläufige Bestandsaufnahme</strong></h3>
<ul>
<li>Wir erleben – zu Beginn des Schuljahres 2021/2022 – Kinder, die in der Kindertagesstätte zwei Jahre lang weder kontinuierlich sprachlich gefördert wurden noch grundlegende Regeln des alltäglichen Lebens erlernten. Zu diesen Alltäglichkeiten gehört nicht nur regelmäßige Hygiene (Stichwort Händewaschen), sondern auch vieles andere, von der Verkehrserziehung bis zu ordentlichen Tischsitten, die ein beträchtlicher Anteil von Kindern nicht mehr zu Hause lernt, dazu gehört friedlicher und konstruktiver Streit, auch die Erfahrung einer Streitschlichtung.</li>
<li>Wir erleben Kinder, die zwei Jahre lang weder flüssig lesen noch schreiben gelernt haben. Vor allem diejenigen, die dringend Förderung in der Schule bräuchten, haben den Anschluss verloren und werden ihn wahrscheinlich nie wiedererlangen. Kinder, die nicht genug Deutsch haben lernen können, um dem Unterricht folgen zu können, haben in den beiden Jahren Vieles wieder verlernt. Gelegenheit, das Gelernte zu erproben, hatten sie nicht.</li>
<li>Es gibt Kinder und Jugendliche, die 20 bis 30 Kilo zugenommen haben, weil sie sich kaum bewegt und dank fehlender Verpflegung in der Schule fehlernährt haben. Abgesehen davon bieten das gemeinsame Mittagessen, vielleicht auch das gemeinsame Frühstück, sowie die gemeinsamen Aktivitäten im unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Schulsport Gelegenheit zur Entwicklung grundlegender sozialer Fertigkeiten und Verhaltensmuster, die in der Einsamkeit des sogenannten „Homeschooling“ nicht entwickelt und nicht gepflegt werden können.</li>
<li>Der rudimentäre Sportunterricht, der, vor allem in den Grundschulen, ohnehin schon durch viele fachfremde Lehrkräfte leidet, lässt sich nicht per Videokonferenz mit Yoga-Matte kompensieren. Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag, Schwimmunterricht fielen aus, Bäder und Sportanlagen blieben gesperrt. Die Zahl der Kinder, die mit Eintritt in die weiterführende Schule nicht sicher schwimmen gelernt haben, dürfte sich deutlich erhöht haben. Die eine Stunde Bewegung, die jeder Mensch nach den Erkenntnissen der Sport- und Gesundheitswissenschaft täglich haben sollte? Undenkbar.</li>
<li>Das Klassenorchester, der Besuch des Jugendtheaters, einer Gedenkstätte, der Weg in die Natur, das Praktikum im Betrieb, im Krankenhaus oder Altenheim – all dies fand nicht statt und so verschwindet ein wesentlicher Teil von Schule. Schule als Lebensraum scheint der Vergangenheit anzugehören. Ganztagsangebote fanden nur sporadisch statt, sodass wir uns von dem Ziel einer kohärenten Ganztagsbildung weit entfernt haben.</li>
<li>Wenn ich berichte, das Abholen eines Zeugnisses würde zum Wandertag erklärt, könnte der Eindruck entstehen, ich verfasse eine Satire. Ist es nicht. Wandertage, Ausflüge, Klassenfahrten gehören zum Bildungsangebot jeder guten Schule, sollten sie zumindest. Es müssen ja nicht gleich Skifreizeit oder Klassenfahrt in eine europäische Hauptstadt sein, in der Umgebung jeder Schule gibt es viel zu entdecken, doch nicht einmal das haben Kinder und Jugendliche kennenlernen dürfen. Nur am Rande: es gab schon immer in Hamburg-Wilhelmsburg oder in Köln-Chorweiler Kinder, die nicht wussten, dass es in ihrer Stadt einen Zoo gibt.</li>
<li>Es gibt Kinder, die ihre Lehrer*innen kaum, einige die sie nie gesehen haben, sie nicht einmal mehr mit Namen kennen, aber sämtliche Figuren ihres Lieblingscomputerspiels voneinander unterscheiden können. Ein gutes Gedächtnis haben diese Kinder – das wäre doch ein Potenzial – aber wie holen sie auf, was sie nicht haben lernen können? Wie gewinnen sie Vertrauen zu Lehrer*innen, die sich im sogenannten „Lockdown“ nicht um sie gekümmert haben. <a href="https://www.sueddeutsche.de/bildung/corona-schule-bildungsferne-familien-1.4998516">Boris Hermann</a> schreib darüber in einem Text mit dem sarkastischen Titel: <em>„Große Pause“</em>.</li>
<li>Schule ist für die Schüler*innen auch ein Diskursraum, ein Reflexionsraum, in dem sie über Dinge nachdenken und diskutieren können, von denen sie zu Hause nie erführen und die im Alltag vielleicht keine so große Rolle spielen. Dieser Diskursraum ist für die Schüler*innen weitgehend verschwunden. Das gilt nicht nur für besonders begabte Schüler*innen, sondern für alle.</li>
<li>Last not least: in Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen schwindet jeder Bildungsanspruch. Es bleibt bei Betreuung, korrekt formuliert im Jargon der Ministerien „Notbetreuung“, zu der nur Zugang hat, wer in für „systemrelevant“ erachteten Berufen tätig ist. In Berlin gibt es immerhin eine 28seitige Liste, wer dazugehört. Nur so viel: Künstler*innen und Kulturschaffende gehören nicht dazu.</li>
</ul>
<h3><a href="https://www.demokratischer-salon.de/beitrag/die-unsichtbaren"><strong>Die Unsichtbaren</strong></a></h3>
<p>Die MaLisa-Stiftung veröffentlichte im Mai 2020 Ergebnisse der Studie „<a href="https://malisastiftung.org/frauen-sind-die-wahren-heldinnen-in-der-krise-erzaehlen-uns-maenner">Wer wird gefragt? Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung</a>“. Auftragnehmerinnen war das <a href="https://www.imf.uni-rostock.de/">Institut für Medienforschung der Universität Rostock</a>. Die Autorinnen haben 174 abendliche TV-Informationssendungen der zweiten Aprilhälfte 2020 in ARD, ZDF, RTL und Sat 1 analysiert. Ein Daten-Forscher hat für denselben Zeitraum insgesamt 79.807 Artikel mit Corona-Bezug in den Online-Ausgaben von 13 Printmedien analysiert. In den TV-Formaten war nur eine von fünf Expert*innen weiblich (22%). Die Ergebnisse: In der Online-Berichterstattung wurden Frauen nur zu rund 7 Prozent als Expertinnen erwähnt. Als Mediziner*innen kamen vor allem Männer zu Wort, obwohl die Hälfte aller Ärzt*innen in Deutschland weiblich ist. Selbst von den im TV befragten Ärzt*innen ohne Leitungsfunktion war nur eine von fünf weiblich.</p>
<p>Jutta Allmendinger hat schon im Mai 2020 über „<a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/familie-corona-krise-frauen-rollenverteilung-rueckentwicklung/komplettansicht">Retraditionalisierung</a>“ gesprochen. Sie wies darauf hin, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzierten, viele ihren Beruf bereits aufgegeben haben, damit sie die Betreuung und Beschulung ihrer Kinder und mitunter auch ihrer Eltern überhaupt leisten konnten:<em> „Retraditionalisierung ist daher ein fast noch verharmlosendes Wort. Es ist zu schmusig, zu nett. Es geht um den Verlust der Würde von Frauen, von Respekt, von Rechten.“</em> Und die Rechte der Kinder?</p>
<p>Es häufen sich die Berichte über Benachteiligungen von Kindern aus Familien, die nicht über die Ressourcen verfügen, das sogenannte „Home-Schooling“ zu praktizieren, in denen die erforderlichen Geräte nicht bereitstehen, über junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz mehr finden, auch nicht über die Finanzmittel verfügen, um sich ein Zimmer an einem anderen Ort, beispielsweise in einer deutschen Großstadt leisten zu können. Die <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/monitor-jugendarmut-corona-1.5057661">Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit</a> dokumentierte solche Entwicklungen in ihrem Monitor Jugendarmut 2020.</p>
<p>Kai von Klitzing schreibt in dem vom Bielefelder transcript-Verlag 2020 herausgegebenen Sammelband „Jenseits von Corona“ über „Kindheit in Zeiten von Corona“. Er beginnt mit zwei Szenen aus unterschiedlichen Milieus. Die erste Szene endet mit dem Satz: <em>„Trotz allen</em> (sic!) <em>Luxus hat Anna die Abgeschiedenheit im von den Eltern bereitgestellten Familienluxus als Gefängnis erlebt.“ </em>Die zweite Szene<em>: „Seine Sprache hat sich verschlechtert, und er ist schwer zu verstehen. Von den in der ersten Schulklasse erworbenen lexikalischen Fähigkeiten ist nichts mehr übriggeblieben.“</em></p>
<p>Kai von Klitzing fragt mit Recht nach der Umsetzung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom November 1989, die verlangt, dass <em>„das Wohl des Kindes (…) vorrangig zu berücksichtigen ist.“ </em>Sein Fazit: <em>„Insbesondere junge Kinder trugen und tragen die höchste Last im Rahmen der gesellschaftlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. (…) Die Einsamkeit, der viele Menschen unterworfen sind, stellt ein wesentliches Risiko für frühe Eltern-Kind-Beziehungen dar. (…) Die Situation von Kindern in westlichen industrialisierten Ländern mag noch erträglich sein im Vergleich zur Situation von Kleinkindern und Eltern aus Regionen der Welt, in welchen Armut, Hunger, Krieg und Migration vorherrschen.“ </em>Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die <a href="https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-sozial-und-organisationspaedagogik/forschung/laufende-projekte/juco-und-kico-befragungen-von-jungen-menschen-und-eltern-waehrend-der-corona-pandemie/">JuCo und die KiCo-Studien</a> der Universitäten Hildesheim, Frankfurt am Main und Bielefeld, die im Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ entstanden.</p>
<p>Eine weitere Schwachstelle hat die <a href="https://ijab.de/fileadmin/redaktion/PDFs/Ergebnisse_der_Corona_Befragung_final_06_10_2020.pdf">Fachstelle für internationale Jugendarbeit</a> mit einer Befragung unter Einrichtungen der Internationalen Jugendarbeit dokumentiert. Jugendreisen, Freiwilligendienste und auf einzelne Menschen bezogene sogenannte Individualmaßnahmen sind durch die Corona-Krise hochgradig bedroht. Dies kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche keine Möglichkeiten mehr finden, Altersgefährt*innen aus anderen Ländern, Orte des Gedenkens oder des Engagements kennenzulernen oder sich selbst zu engagieren. Wer eine besondere individuelle Unterstützung braucht, ist voraussichtlich auf sich allein gestellt, auch weil das zuständige Personal entlassen werden musste. Absehbar ist eine schleichende Nationalisierung und Regionalisierung des Blicks junger Menschen auf die zukünftige Entwicklung Europas und der Welt. Die konkrete Begegnung von Mensch zu Mensch lässt sich eben nicht digitalisieren.</p>
<h3><strong>Menschenwürde im Container</strong></h3>
<p>Physische Distanz bringt psychische Distanz mit sich. Elisabeth von Thadden veröffentlichte ihr Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ (München, C.H. Beck, 2018) <u>vor</u> der Pandemie. In Texten zur Pandemie finden wir Begriffe wie „Kasernierung“ und „Verschlusssache“, so bei Frank Schulz-Nieswandt in dem 2020 vom Bielefelder transcript-Verlag herausgegebenen Sammelband „Die Corona-Gesellschaft“ in Bezug auf ältere Menschen. Kindern und Jugendlichen erging es nicht besser, aber dafür mussten sich vor allem Jugendliche immer wieder anhören, sie handelten unverantwortlich, wenn sie sich dann einmal doch zu einer Party verabredeten. Fußballfans mussten sich das während der Europameisterschaft nicht anhören.</p>
<p>Als Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, in seiner bekannt provokanten Art darauf verwies, dass Menschen geschützt würden, die ohnehin wenige Monate später gestorben wären, gab es – angesichts seiner Formulierungen auch mit Recht – einen gewaltigen „Shitstorm“. Als Wolfgang Schäuble etwa zur selben Zeit darüber sprach, dass das Leben nicht der höchste Wert wäre, erging es ihm nicht besser. Kaum jemand sprach in dieser Debatte darüber, dass Boris Palmer in Tübingen dafür sorgte, dass Menschen über 60 zum Preis einer Busfahrkarte mit dem Taxi fahren durften, damit sie vor einer Ansteckung in einem öffentlichen Verkehrsmittel geschützt würden, Mitarbeiter*innen der Altenpflege regelmäßig testen ließ und das Gesundheitsamt aus anderen Behörden systematisch verstärkte, all dies erfuhren außerhalb Tübingens nur diejenigen, die seinen am <a href="https://www.zeit.de/2020/34/coronavirus-herbst-christian-drosten-boris-palmer-tests/komplettansicht">12. August 2020 in der ZEIT</a> erschienenen Artikel lasen.</p>
<p>Wer Boris Palmer und Wolfgang Schäuble in gelassener Stimmung zugehört hätte, wäre zu einem anderen Ergebnis gekommen als die lautstarken Kritiker*innen. Beide setzten zwei Werte miteinander in Beziehung. Der Blick in das Grundgesetz lohnt sich immer, in Artikel 1, Absatz 1 lesen wir: <em>„D</em><em>ie Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“</em> Artikel 2 Absatz 2 lautet: <em>„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“</em> Es geht eben nicht nur um das physische Überleben, sondern auch um ein Leben in Würde. Eine Hierarchie der Grundrechte gibt es nicht. Nur am Rande: das entspricht dem Gesundheitsbegriff der WHO.</p>
<p>Und damit sind wir wieder bei Andreas Voßkuhle. Warum werden Kinder und Jugendliche nicht gefragt, wenn es darum geht, wie sie lernen möchten, auch in schwierigen Bedingungen wie sie eine Pandemie nun einmal mit sich bringt? Warum sprechen wir nur über die Ansteckungsgefahr durch das Virus, nicht aber über die psychischen und letztlich auch physisch bemerkbaren Kollateralschäden? Warum fehlt uns die Fantasie, von der <a href="https://reggio-deutschland.de/reggio-paedagogik/">Loris Malaguzzi</a>, der Vater der Reggio-Pädagogik sprach: <em>„Nur wenn Gefühl und Fantasie erwachen, blüht die Intelligenz.&#8220;</em></p>
<p>Aber vielleicht bietet die Pandemie doch eine Chance. Es wäre die Chance für eine Debatte über Schule ohne lästige und nervige Debatten über Schulstrukturen. Im Vordergrund sollten Inhalte stehen, nicht nur Deutsch, Mathematik, Englisch, auch Demokratie und historisch-politische Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und soziale Gerechtigkeit, Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus – all dies sind die Themen, die unsere Gesellschaft im Kern betreffen, all dies ist Thema vieler Fächer, sollte es zumindest sein.</p>
<p>Die Empfehlungen der KMK bieten ausgezeichnete Grundlagen, hier hat die KMK Gutes aufgeschrieben. Es wäre schön, wenn Bund und Länder Taten folgen ließen. Es gäbe eine große Chance für eine Bildungsreform, die den Namen verdient. Wenn wir diese Chance jetzt verpassen, wird es böse enden. Es ist im Grunde wie mit der Klimakrise. Das Verfassungsgericht hat gesprochen: Kinderrechte zuerst, nicht nur damit es täglich Marmelade gibt! Aber vielleicht alles nur Konjunktive, denn in jeder Welle grüßt das Murmeltier und wir alle leben <em>„rückwärts“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Der Essay wurde im Juli und August 2021 geschrieben und im Dezember 2021 auch als Beitrag zum Jahrbuch des Instituts für soziale Arbeit e.V. vom Waxmann-Verlag veröffentlicht, das Sie im Buchhandel oder über die <a href="https://www.waxmann.com/waxmann-buecher/?tx_p2waxmann_pi2%5bbuchnr%5d=4487&amp;tx_p2waxmann_pi2%5baction%5d=show">Internetseite des Verlages</a> erhalten können. Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im September 2021. Für alle zitierten Internetseiten gilt: Zugriff am 28. Juli 2021. Titelbild: Pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Bildungsreform oder Bildungsproletariat?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Jan 2021 08:19:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bildungsreform oder Bildungsproletariat? Zwei Szenarien sich abzeichnender Kollateralschäden der Pandemie „Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia) Das zurzeit öffentliche Debatten wie  private Gespräche beherrschende Thema ist ein Lehrstück für die Folgen  [...]</p>
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<h2><strong>Zwei Szenarien sich abzeichnender Kollateralschäden der Pandemie</strong></h2>
<p><em>„Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.“ </em>(Theodor W. Adorno, Minima Moralia)</p>
<p>Das zurzeit öffentliche Debatten wie  private Gespräche beherrschende Thema ist ein Lehrstück für die Folgen einer Politik, die stets ad hoc zu reagieren versteht, mitunter wirksam, aber stets hilflos vor dem nächsten Rückschlag. Es ist ein Lehrstück für eine Politik, die weder vorausschauend noch nachhaltig ist. Sicherlich: es ist ein Ritt auf dem Drachen, der sich nur reiten lässt, wenn die Reiter*innen wissen, wie sie die Hilfsmittel, die sie zur Verfügung haben, zielgenau und wirksam einsetzen. Ein Wechsel der*des Reiter*in ist eher nicht anzuraten. Der Drache ist so schnell, dass er weit davongaloppiert, bevor jede*r neue Ersatzreiter*in überhaupt die Chance hätte aufzusitzen. Und unversehens sind aus einem Drachen mehrere geworden.</p>
<h3><strong>Ein Ritt über den Bodensee</strong></h3>
<p>Vielleicht trifft die Metapher des Ritts auf einem Drachen den Charakter der Pandemie. Wir brauchen geschickte Reiter*innen. Aber auch diejenigen, die nicht reiten, sollten sich in Acht nehmen, vom Drachen nicht überrannt zu werden. Politiker*innen versprechen gerne Erfolg und schreiben sich selbst Problemlösungskompetenz zu. Oft reicht ein Versprechen, dass Bürger*innen ihnen vertrauen. Doch der Drache Pandemie bietet eine Vielzahl ungehaltener und unhaltbarer Versprechen, die niemand hätte geben dürfen, weil sich eben nicht voraussehen ließ und lässt, ob sie sich überhaupt halten lassen. Das Verb „versprechen“ hat eben zwei Bedeutungen.</p>
<p>Und was ist mit all den Drachen, deren Wirkungen wir nicht unmittelbar wahrnehmen, sondern in einer Zukunft für möglich halten, die wir als ferne bezeichnen. Ich denke an Klimaschutz, Biodiversität, Antisemitismus, Sexismus und Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit, gerechte Löhne nicht nur für deutsche Gewerkschaftsmitglieder, sondern weltweit in all den Ländern, deren Produkte auch deutsche Gewerkschaftsmitglieder in diversen Billigketten gerne kaufen. Es ist – um im Bild zu bleiben – kein Ritt über den Bodensee, es ist ein Ritt über sämtliche Ozeane dieser Welt. Wir wissen nie, an welcher Stelle das Eis zu brechen droht.</p>
<p>Ich muss es nicht betonen, oder etwa doch? Wir sind noch lange nicht auf der anderen Seite des Sees und wissen auch nicht was uns dort erwartet. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir wie beim Ritt über den Bodensee plötzlich verwundert feststellen, was uns gelungen ist. Rückschläge, Einbrüche, Stürze sind jederzeit möglich. Absehbar ist jedoch, welche Kollateralschäden die aktuellen Drachenreiter*innen bei ihrem Ritt schon verursacht haben, für Kultureinrichtungen und selbstständige Kulturschaffende, für Sportvereine, für Restaurants und Cafés und viele andere Orte der Begegnung, des Austauschs, für die Innenstädte, für unser Verhältnis zu älteren Menschen und nicht zuletzt für unser Verhältnis zu Kindern.</p>
<p>Die Kollateralschäden für junge Menschen sind erheblich. Viele liegen verletzt am Rande der Strecke, die der Drache bereits zurückgelegt hat. Diese sich in Deutschland abzeichnenden Kollateralschäden sind noch die harmlose Variante der sozialen Folgen der Pandemie. Wir sind auf dem Weg zu einem Bildungsproletariat, weltweit, auch in Deutschland, in Europa. Weltweit haben bereits etwa 33 Millionen Kinder, Jugendliche, Studierende ihren Bildungsweg abgebrochen. Armut steigt, Reichtum wächst, so Ergebnisse der <a href="https://www.oxfam.de/ueber-uns/publikationen/oxfams-bericht-covid-19-auswirkungen-ungleichheitsvirus">von OXFAM am 25. Januar 2021 vorgestellten Studie „Das Ungleichheitsvirus“</a> (eine Zusammenfassung und Bewertung bieten <a href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/armut-corona-oxfam-kinder-1.5183057">Bastian Brinkmann und David Pfeiffer am 25. Januar 2021 in der Süddeutschen Zeitung</a>).</p>
<p>Die von den Vereinten Nationen für 2030 beschlossenen „Sustainability Development Goals“ (SDG) werden – so sieht es aus – nicht erreicht. Erreichtes ist bedroht. Auch in Europa werden wir dies spüren, einerseits durch Migration aus armen Ländern, andererseits, weil viele junge Menschen auch bei uns mehrere Jahre Bildungszeit und damit so gut wie jede Chance auf ein selbstbestimmtes auskömmliches Leben verlieren, wenn wir nicht umgehend gegensteuern. Doch diese Gegensteuerung erscheint in weiter Ferne. Gebetsmühlenartig wiederholen deutsche Bildungsminister*innen ihr Mantra von einer baldigen Schulöffnung, noch ein Versprechen. Wie sie die Schüler*innen unterstützen könnten, die bereits grundlegende Bildungsinhalte verpasst haben und – wenn sich nichts ändert – nie wieder aufholen können, ist nicht ihr Thema. Vielleicht delegieren sie dieses Thema mehr oder weniger bewusst auf Sozial- und Innenminister*innen der Zukunft. Die einen wären für die dann erforderlichen Sozialprogramme zuständig, für ein Hartz IV 2.0, 3.0 oder 4.0, die anderen für die Bekämpfung der nicht unwahrscheinlichen Rebellionen, Aufstände samt allen denkbaren Extremismen. Mich erinnert das ständige Versprechen, bald würden Schulen und Kindertageseinrichtungen „geöffnet“, an das Mantra einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll: „Es muss etwas geschehen.“</p>
<p>Auch in den kommenden Monaten werden immer wieder Kinder und Jugendliche, einzelne Klassen nach Hause geschickt werden, Schulen und Kindertageseinrichtungen geschlossen. Flächendeckende Schließungen von Kindertageseinrichtungen und Schulen sind auch im Schuljahr 2021/2022 noch möglich, es sei denn, dass wir jetzt ein System entwickeln, das vorbeugt. Ein solches System müsste sich an Inzidenzen der Pandemie sowie an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientieren, es müsste differenzierte Reaktionen auf neuerliche Ausbrüche der Pandemie ermöglichen.</p>
<p>Ich möchte auf der Grundlage einer Analyse der aktuellen (bildungs-)politischen Diskurse ein pessimistisches und ein optimistisches Szenario vorstellen. Bei dem pessimistischen Szenario komme ich mir mitunter vor wie Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) in „Jurassic Park“, der vor sich hin seufzt, er hasse es, immer recht zu behalten. Das optimistische Szenario nennt jedoch Elemente, Prolegomena einer wirksamen Gegensteuerung, einer Bildungsreform, die ihren Namen verdient.</p>
<h3><strong>Lasset uns testen</strong></h3>
<p>Eines der prominenten Beispiele ungehaltener und unhaltbarer Versprechen ist das Versprechen des amtierenden deutschen Bundesgesundheitsministers, dass es angesichts der bis zum Sommer 2020 gewonnenen Erkenntnisse nicht mehr notwendig sein werde, Friseure zu schließen. Was wurde geschlossen? Friseure. Viele ähnliche Versprechen durchziehen die gesamte Pandemie, eines davon lautet: Schulen und Kindertagesstätten werden als erste geöffnet, sie werden bald geöffnet, so schnell wie möglich. Nicht für alle, aber sie werden geöffnet. Problem gelöst.</p>
<p>Ob es bei diesen Öffnungsdebatten um Kinder und Jugendliche geht, wage ich zu bezweifeln. Manche Politiker*innen sagten sehr deutlich, dass es bei der Sicherung des Präsenzunterrichts in den Schulen darum gehe, dass Eltern ungestört von betreuungs- und beschulungsbedürftigen Kindern ihren Arbeitsplatz besuchen könnten. Hauptsache, die Wirtschaft läuft, einschließlich der Rüstungsbetriebe, nach deren Berechtigung im Vergleich zu Schulen ein Journalist kürzlich den Pressesprecher der Bundesregierung fragte. Der wich aus, aber das ist letztlich der wesentliche Inhalt seiner Jobbeschreibung.</p>
<p>Auch die Politikerin, die zurzeit versucht, die Zweifel an ihrer Dissertation zu vertagen, um ein Amt zu erlangen, das vor allem ihre Partei in der größten Stadt Deutschlands retten soll, gab ein Versprechen ab. Sie versprach, Kindertagesstätten und Schulen sollten so schnell wie möglich geöffnet werden, vor allen anderen Einrichtungen. Ihre Ankündigung ist auch ein Herzensanliegen der für Schule und Kindertageseinrichtungen in den Ländern zuständigen Minister*innen, der für Kinder und Jugendliche zuständiger Minister aus einem westlichen Bundesland versprach im Herbst 2020, er wolle auf keinen Fall mehr Kindertagesstätten schließen lassen. Auch Schulen müssten offen bleiben.</p>
<p>Und damit die Öffnung gelingt – so die zitierte Politikerin – soll mehr getestet werden. Wir erinnern uns: Tests waren in den vergangenen Jahrzehnten eines der wesentlichen Instrumente der Bildungspolitik in Deutschland. Groß angelegte Testbatterien sorgten dafür, dass Schulen beschäftigt waren. Schulinspektionen, mitunter euphemistisch „Qualitätsanalyse“ genannt, suchten Schulen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auf und nahmen umfangreiche Berichte zur Kenntnis. Diese Testbatterien belasteten Lehrer*innen erheblich. Jetzt also ständige, möglichst tägliche Corona-Tests, vielleicht nach dem Muster der Slowakei? Dort muss jeder Berufstätige vor Aufsuchen des Arbeitsplatzes einen negativen Test vorweisen, täglich. Ein Modell auch für Schule und KiTa?</p>
<h3><strong>Unhaltbare Versprechen – Falsche Prioritäten</strong></h3>
<p>Ob die Versprechen, Schulen und Kindertagesstätten als erste und sobald wie möglich zu öffnen, haltbar sind, weiß heute niemand. Niemand! Wir wissen nicht, ob Geimpfte andere Menschen noch anstecken können, wir wissen nicht, wie die diversen Mutationen wirken, alles offene Fragen. Daher ist es richtig, wenn ein Ministerpräsident, der sich für ein höheres Amt auf Bundesebene befähigt glaubt, sagt, es wäre schwer, Ausstiegsszenarien zu entwickeln, wenn niemand wisse, wie sich die Infektionslage weiterentwickele. So weit richtig und trotzdem falsch, wie jede halbe Wahrheit.</p>
<p>Es wäre durchaus denkbar, ein schrittweises Ausstiegsszenario an Inzidenzen zu orientieren. Australien hat damit gute Erfahrungen gemacht. Aber da die australischen, neuseeländischen oder taiwanesischen Erfahrungen in der Entwicklung einer deutschen oder europäischen Strategie kaum eine Rolle spielen, bleibt es bei der bisherigen Politik von der Hand in den Mund. Erlaubt ist auch die Frage, warum es die Stadt Rostock mit ihrem dänischen Bürgermeister geschafft hat, dass dort die Inzidenz immer im grünen Bereich lag. Alle Entscheidungen auf Bundes- und Länderebene werden jedoch ad hoc getroffen, und immer wieder warnt die ein oder andere Kassandra – die beiden bekanntesten Kassandren sind Männer – und so ganz unrecht haben die nun einmal nach den bisherigen Erfahrungen nicht. Glücklicherweise ist keine der Kassandren in Deutschland ein Savonarola, Jan van Leiden oder – ich nenne keine Namen der Zeitgeschichte, jede*r Leser*in mag ergänzen.</p>
<p>Wir brauchen eine Bestandsaufnahme, die deutlich über Infektionszahlen und Impfstofflieferungen hinausgeht. Wir müssen ernsthaft über drohende Insolvenzen und einen Anstieg von Hartz-IV-Empfänger*innen aus den Bereichen der Kulturschaffenden, der Gastronomie, der Textilgeschäfte oder der vielen Soloselbstständigen sprechen. Und es geht um verhinderte Bildungschancen. Ich benutze bewusst den Begriff „verhindert“ und nicht den in der Regel verwendeten Begriff „verpasst“. Die Kinder, die Jugendlichen, deren Eltern trifft keine Schuld. Schuldzuweisungen, wie wir sie aus der Vergangenheit und Gegenwart kennen, sind nicht mehr und nicht weniger als das Eingeständnis eigener Inkompetenz.</p>
<p>Die fehlende digitale Ausstattung von Schulen fällt bei der anstehenden Bestandaufnahme inzwischen als erstes ein. Sie ist inzwischen allen bekannt, aber aus meiner Sicht nur die Spitze des Eisbergs. Ursache für die versäumte Digitalisierung der Schulen ist nicht die Bürokratie, wie die Bundeskanzlerin am 26. Januar 2021 in Davos meinte. Es hilft auch nichts, alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie zu zentralisieren. Sicherlich ist es richtig, die Vernetzung der Daten der Gesundheitsämter zu fördern. Falsch ist es jedoch – wie vor Kurzem beschlossen – allen Gesundheitsämtern eine einzige Software aufzuzwingen, auch denen, die bereits gut funktionierende Programme in Eigeninitiative geschaffen haben. Die Datenverluste und der Zeitverlust für zusätzliche Schulungen der kommunalen Mitarbeiter*innen wären erheblich. Falsch ist es, in einem laufenden Verfahren die Vergabe von Impfstoffen den Kommunen zu entziehen und zu zentralisieren – wie in einem Bundesland geschehen.</p>
<p>Es wirkt ohnehin etwas merkwürdig, wenn Politiker*innen sich über eine Bürokratie beklagen, für die sie verantwortlich sind und die sie selbst geschaffen haben. Bürokratie bietet viele Instrumente, mit denen Probleme angegangen werden können, aber ohne entsprechende Vorgaben und Spielräume – beide Begriffe gehören zusammen – geht es nicht. Bürokratie baut man*frau nicht ab, indem Personal – wie es so heißt – „abgebaut“ wird, sondern indem Vorgaben und Spielräume klar definiert werden. Es ist und bleibt die Aufgabe der Parlamente, entsprechende Entscheidungen zu treffen, zum Datenschutz, zu Ausschreibungsverfahren, zu Forschungsaufträgen und nicht zuletzt zu Prioritäten im Haushalt von Bund, Ländern und Gemeinden.</p>
<p>Auch der Sommer 2020 wurde verschlafen, vorsorgende Politik Fehlanzeige. Und so gibt es immer wieder denkwürdige Nachrichten, beispielsweise die, dass drei Kinder auf dem Sofa sitzen und dort gemeinsam Papas Smartphone nutzen, weil es kein anderes Gerät gibt, dass ein Kind in der Woche eine digitale Unterrichtsstunde hatte, eine Sportstunde. Das sind leider keine polemisch genutzten Einzelfälle, das sind reale Begebenheiten, die sich endlos fortsetzen ließen. Der eigentliche Skandal liegt jedoch darin, dass Schulen, die in der Lage sind, ein differenziertes Hybridkonzept durchzuführen, von der Schulaufsicht daran gehindert wurden. Ich habe über einen solchen Fall berichtet: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/education-first-2/">Education First!</a> Aber immerhin sollen alle Prüfungen wie gehabt stattfinden.</p>
<p>Hannes Soltau veröffentlichte am 10. Januar 2021 im Tagesspiegel einen Artikel mit dem bezeichnenden Titel <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/in-der-deutschen-bildungspolitik-stehen-schon-lange-nicht-mehr-inhalte-im-vordergrund-6167473.html">„Auf dem Holzweg – In der deutschen Bildungspolitik stehen schon lange nicht mehr Inhalte im Vordergrund“</a>. Ich erlaube mir, sein Fazit zu zitieren<em>: „In effizienz-, kompetenz- und outputorientierten Schulen ächzen Lehrerinnen und Lehrer seit Jahren unter einem enormen Druck durch Evaluationsmethoden, Digitalisierungsvorhaben, Vergleichbarkeitswahn und latenter PISA-Fixiertheit.“</em> Daher verwundert es nicht, dass die Abschlussprüfungen offenbar den Schulminister*innen besonders am Herzen zu liegen scheinen, <em>„Kreativität, Neugierde und Fantasie“</em> der Kinder jedoch keine Rolle zu spielen scheinen.</p>
<p>Es entsteht der Eindruck, dass die Schule in den Köpfen mancher Politiker*innen zu einer Qualifikationsmaschine verkommen ist so wie die Kindertageseinrichtungen und außerunterrichtlichen Ganztagsangebote als reine Betreuungsmaschine verstanden werden. Aber vielleicht ist das nur ein Trend, den es ohnehin schon gab und den die Pandemie nun öffentlich sichtbar macht.</p>
<h3><strong>Zukunftsszenario für September 2021 – die pessimistische Variante</strong></h3>
<p>Wie wird das Schuljahr 2021/2022 beginnen? Bei der Debatte um die Öffnung von Schulen und Kindertageseinrichtungen geht es nicht um das Ob und Wann, sondern um das Wie, auch um das Wie für den Fall, dass nicht alle Schulen geöffnet werden können, einige möglicherweise wieder schließen müssen oder für den Fall, den niemand wünscht, der aber auch nicht abwegig ist, dass es weitere flächendeckende über mehrere Monate währende Schulschließungen geben wird. Ein Ob und Wann können die Schul- und Jugendminister*innen nach der Vielzahl in der Vergangenheit versäumter Entscheidungen nicht versprechen, das Wie hätten sie schon lange vorbereiten können und damit die heutige Debatte um das Ob wäre in vielen Regionen obsolet. Aber verpasst ist verpasst.</p>
<p>Ich bin überzeugt, dass es viele gute Schulen und viele engagierte Lehrer*innen gibt, denen es gelingt, ihre Schüler*innen gut zu erreichen, sie zu unterstützen und das Schlimmste zu verhindern. Aber sie alle haben Grenzen in ihren Spielräumen, in ihrer Wirkung, sie alle müssen mit den Alltäglichkeiten schlechter Infrastruktur kämpfen und werden es nicht schaffen, <u>allen</u> Schüler*innen das zu bieten, was ein Normalbetrieb bieten könnte. Manche werde es alleine gut schaffen, manche mit Abstrichen, aber es wird auch viele geben, die gnadenlos ins Hintertreffen geraten. Die 20 – 25 Prozent, die in diversen Vergleichsstudien regelmäßig die Anforderungen nicht erfüllen, mögen einen Vorgeschmack auf das Desaster geben, das uns erwartet, ein Bildungsproletariat.</p>
<ul>
<li>Wir werden zu Beginn des Schuljahres 2021/2022 – Normalbetrieb vorausgesetzt – Kinder erleben, die in der Kindertagesstätte etwa zwei Jahre lang weder kontinuierlich sprachlich gefördert worden sind noch grundlegende Regeln des alltäglichen Lebens erlernt haben. Zu diesen Alltäglichkeiten gehört nicht nur regelmäßige Hygiene (Stichwort Händewaschen), sondern auch vieles andere, von der Verkehrserziehung bis hin zu ordentlichen Tischsitten, die ein beträchtlicher Anteil von Kindern nicht mehr zu Hause erlernt haben, dazu gehört friedlicher und konstruktiver Streit, wenn nötig eben auch die Erfahrung einer Streitschlichtung.</li>
<li>Wir werden Kinder erleben, die zwei Jahre lang weder flüssig lesen noch schreiben gelernt haben, dann aber in die dritte oder zweite Klasse versetzt werden. Es wird Kinder und Jugendliche in allen Klassenstufen geben, die zwei Jahre lang nur rudimentären Unterricht hatten. Vor allem diejenigen, die dringend Förderung in der Schule bräuchten, werden den Anschluss verloren haben und ihn wahrscheinlich bei der Fortsetzung der bisherigen Strategien nie wiedererlangen. Kinder, die noch nicht genug Deutsch haben lernen können, um dem Unterricht folgen zu können, werden in den beiden Jahren Vieles wieder verlernt haben. Gelegenheit, das Gelernte zu erproben, hatten sie nicht.</li>
<li>Es gibt Kinder und Jugendliche, die 20 bis 30 Kilo zugenommen haben, weil sie sich kaum bewegt und sich dank fehlender Verpflegung in der Schule fehlernährt haben, mit allen kurz- und langfristigen gesundheitlichen Folgen. Abgesehen davon bieten das gemeinsame Mittagessen, vielleicht auch das gemeinsame Frühstück, sowie die gemeinsamen Aktivitäten im unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Schulsport Gelegenheit zur Entwicklung grundlegender sozialer Fertigkeiten und Verhaltensmuster, die in der Einsamkeit des sogenannten „Homeschooling“ nicht entwickelt und nicht gepflegt werden können.</li>
<li>Der rudimentäre Sportunterricht, der ohnehin schon durch viele fachfremde Lehrkräfte, vor allem in den Grundschulen, litt, lässt sich nicht per Videokonferenz mit Yoga-Matte kompensieren. Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag, Schwimmunterricht fielen aus, Bäder und Sportanlagen blieben gesperrt. Die Zahl der Kinder, die mit Eintritt in die weiterführende Schule nicht sicher schwimmen gelernt haben, dürfte sich deutlich erhöhen. Die eine Stunde Bewegung, die jeder Mensch nach den Erkenntnissen der Sport- und Gesundheitswissenschaft täglich haben sollte, fehlte.</li>
<li>Außerunterrichtliche Angebote, das Klassenorchester, der Besuch des Jugendtheaters, von Gedenkstätten und anderen außerschulischen Lernorten, der Weg in die Natur, die Praktika in Betrieben, Krankenhäusern und Altenheimen – all dies fand nicht statt und so verschwindet ein wesentlicher Teil von Schule, Schule als Lebensraum scheint der Vergangenheit anzugehören. Ganztagsangebote fanden nur sporadisch statt, sodass wir uns von dem Ziel einer kohärenten Ganztagsbildung weit entfernt haben.</li>
<li>Wenn ich berichte, das Abholen eines Zeugnisses würde zum Wandertag erklärt, könnte der Eindruck entstehen, ich verfasse eine Satire. Ist es nicht. Es geschieht. Wandertage, Ausflüge, Klassenfahrten gehören zum Bildungsangebot jeder guten Schule, sollten sie zumindest, doch auch all das findet zurzeit nicht statt. Es muss ja nicht gleich die Skifreizeit oder die Klassenfahrt in eine europäische Hauptstadt sein, in der Umgebung jeder Schule gibt es so viel zu entdecken, doch nicht einmal das haben Kinder und Jugendliche kennenlernen dürfen. Nur am Rande: es gab schon immer in Hamburg-Wilhelmsburg oder in Köln-Chorweiler Kinder, die nicht wussten, dass es in ihrer Stadt einen Zoo gibt. Diese Zahl wird steigen, auch in anderen Vierteln.</li>
<li>Es gibt Kinder, die ihre Lehrer*innen kaum, einige sogar nie gesehen haben, sie noch nicht einmal mehr mit Namen kennen, aber sämtliche Figuren ihres Lieblingscomputerspiels voneinander unterscheiden können. Ein gutes Gedächtnis haben diese Kinder – das wäre sogar ein Potenzial – aber wie holen sie das auf, was sie nicht haben lernen können? Wie gewinnen sie Vertrauen zu ihren Lehrer*innen, die sich im sogenannten „Lockdown“ nicht um sie gekümmert haben.</li>
<li>Schule ist für die Schüler*innen auch ein Diskursraum, ein Reflexionsraum, in dem sie über Dinge nachdenken und diskutieren können, von denen sie zu Hause nie erführen und die im Alltag vielleicht keine so große Rolle spielen. Dieser Diskursraum ist für die Schüler*innen weitgehend verschwunden. Das gilt nicht nur für besonders begabte Schüler*innen, sondern für alle.</li>
<li>Last not least: in Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen schwindet jeder Bildungsanspruch. Es bleibt bei Betreuung, korrekt formuliert im Jargon der Ministerien „Notbetreuung“, zu der nur Zugang hat, wer in für „systemrelevant“ erachteten Berufen tätig ist. In Berlin gibt es immerhin eine 28seitige Liste, wer dazugehört. Nur so viel: Künstler*innen und Kulturschaffende gehören nicht dazu.</li>
<li>Ein Lehrerverbandspräsident meinte, die Kinder müssten ein Jahr freiwillig wiederholen dürfen. Das scheint einigen Schulminister*innen zu gefallen. Wie die von mir – und eben nicht nur von mir – skizzierten Fehlentwicklungen jedoch aufgefangen werden könnten, dazu kein einziges Wort, nur das aus drei Worten bestehende Mantra: Öffnen, öffnen, öffnen, testen, testen, testen, Präsenzunterricht, Präsenzunterricht, Präsenzunterricht.</li>
</ul>
<h3><strong>Ein anderes Zukunftsszenario – die optimistische Variante</strong></h3>
<p>Schule soll Kindern Freude am Lernen, am Entdecken von Neuem, am Experiment vermitteln, ihnen helfen, die eigenen Fähigkeiten und Interessen zu erkunden, zu erproben und auszuweiten. Das sollte unstrittig sein, sollte.</p>
<ul>
<li>Digitalisierung ist eine Voraussetzung, wird alleine jedoch nicht ausreichen. Gute Bildung ist mehr als die Bereitstellung von Technologie. Selbst wenn Schulen mit allen digitalen Feinheiten, alle Schüler*innen, das gesamte Schulpersonal, Lehrer*innen ebenso wie Sozialarbeiter*innen mit Geräten ausgestattet sind und jede Fehlfunktion von einer kompetenten Systemadministration unverzüglich beseitigt wird, selbst dann hat die Schule ihren eigentlichen Zweck noch lange nicht erfüllt.</li>
<li>Das, was wir jetzt brauchen, ist ein individuell an den jeweiligen Problemlagen ausgerichtetes Förderkonzept. Es bringt überhaupt nichts, wenn Kinder, die ein bis zweijährige Rückstände erlitten, mit Kindern, die ein oder zwei Jahre jünger sind und gut durch die Krise gekommen sind, in einer Klasse lernen. Erforderlich sind individuelle Förderkurse in kleinen Gruppen mit schrittweiser Wiedereingliederung in ihre bisherigen Klassen. Das kann durchaus ein Jahr dauern, bei manchen Kindern auch länger.</li>
<li>Ferienkurse noch in diesem Sommer wären ein Anfang, allerdings auch nur ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, und es wäre ein Segen für die Kinder, die ohnehin nicht in Urlaub fahren können. Wie Ferienkurse ermöglicht werden, sollte jetzt mit Schulträgern und Schulen erörtert werden. Die Sprachcamps zum Erlernen der Bildungssprache Deutsch sind ein gutes Vorbild. Ferienkurse müssen nicht unbedingt in den Schulen stattfinden, vielleicht sind andere Lernorte sogar besser geeignet, denn die Schulträger brauchen die Ferien, um die Schulen für die Zukunft pandemiegerecht auszurüsten, Luftfilter einzusetzen, die Voraussetzungen für eine umfassende digitale Infrastruktur zu schaffen, Ausbauten im Hinblick auf das neue Bundesprogramm zur Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz vorzunehmen und vieles mehr.</li>
<li>Die von mir vorgeschlagenen Kleingruppen haben das Ziel, dass die teilnehmenden Schüler*innen mit der Zeit in den Regelbetrieb ihrer Klassen integriert werden. Und damit die Schüler*innen den Kontakt zu ihren Klassenkamerad*innen nicht verlieren, sollten sie schon zu Beginn an Sport, Musik, Kunst und außerschulischen Angeboten, dem Besuch der außerschulischen Lernorte teilnehmen. Ich denke, dass es innerhalb eines Jahres gelingen mag, das Verpasste, Versäumte aufzuholen und wieder zu einem normalen Schulbetrieb zurückzukehren (wohlgemerkt: als Hybridbetrieb). Aber das eine Jahr darf kein Dogma sein.</li>
<li>Es ist für die Seele der Bildung grundlegend, dass wir allen Schüler*innen die Möglichkeit geben, dass sie den Besuch außerschulischer Lernorte, das Klassenorchester, außerunterrichtlichen Schulsport, Sozial- und Betriebspraktika, den Besuch von Gedenkstätten und nicht zuletzt die Schule als Diskurs- und Reflexionsraum genießen und erleben können. Hier erfahren Schüler*innen die Anregungen, die sie sonst nirgendwo bekämen, hier können sie sich im Gespräch, in der Begegnung mit anderen Menschen, mit Fremdem und Fremden, mit im Alltag nicht sichtbaren Situationen ihre eigene Identität ausbilden und erproben. Ganztagsangebote könnten so wieder zur Ganztagsbildung werden.</li>
<li>Aus den Erfahrungen der beschriebenen Elemente ließe sich ein Gesamtkonzept individueller und individualisierender Lernzeiten ableiten. Es gibt Schulen, die dies beherrschen, aber es ist ein Modell für alle. Der Hybridbetrieb würde dazu beitragen, dass Schüler*innen, die eher weniger Anleitung und Unterstützung brauchen, einen höheren Anteil an Selbstlernphasen haben, während andere, die eher mehr brauchen, selbstverständlich diesen ständigen Kontakt mit ihren Lehrkräften genießen dürfen.</li>
<li>Das alles wäre individuelle Förderung im besten Sinne. Dass es für diese individuelle Förderung sowie den hybriden Schulbetrieb eine umfassende und begleitende Fortbildung der Lehrer*innen geben und dass dies auch in den Kindertageseinrichtungen für die dort tätigen Erzieher*innen erfolgen sollte, ist eigentlich selbstverständlich. Es wäre aber hilfreich, wenn Ministerien, Lehrerverbände und Personalräte sich möglichst bald, möglichst noch in diesem Frühjahr darüber verständigen, dass dies der richtige Weg ist. Wenn sie sich jedoch in endlosen Mitbestimmungsverfahren verzetteln und die Ministerien wie zurzeit üblich nicht mit den Verbänden und schon gar nicht mit Betroffenen sprechen, wird das schwierig und jede Schule ist auf sich selbst angewiesen.</li>
<li>Ich halte es für dringend erforderlich, die Lernstände der Kinder zu analysieren, gegebenenfalls mit vielen Einzelgesprächen, um dann die Förderangebote durchzuführen. Das ist eine grundlegende Aufgabe der Lehrer*innen. Damit Lehrer*innen auch die Zeit haben, dies zu tun und sich um die erforderlichen Kleingruppen zu kümmern, müssen wir sie entlasten. Wir sollten all das aussetzen, was sie belastet und in der aktuellen Situation ohnehin kaum helfen dürfte. Ich plädiere für ein Moratorium sämtlicher bundes- und landesweiter Tests, von PISA, IGLU, VERA und wie sie alle heißen sowie ein Aussetzen aller Schulinspektionen, am besten für die nächsten drei Jahre. Andere Reformvorhaben, beispielsweise zur Veränderung der Schulstruktur, zur Veränderung der Schulaufsicht, die immer wieder zu dem Repertoire reformbewegter Bildungspolitiker*innen und Wissenschaftler*innen gehören, sollten ebenfalls ausgesetzt werden.</li>
<li>Das Moratorium für Reformen sollte sich jedoch nicht auf einen inhaltlichen Diskurs beziehen. Wir sollten die Zeit nutzen, einen gesellschaftlichen Dialog zu initiieren, in dem wir darüber sprechen und streiten, was wir lernen wollen, was Kinder und Jugendliche in der Schule lernen wollten, wie wir die Vielfalt unserer Gesellschaft auch in den Schulen abbilden können. Dazu sollten wir nach Modellen wie der Planungszelle auch Bürger*innen beteiligen, die vielleicht gar nichts unmittelbar mit Schule zu tun haben. Vor allem aber sollten wir die Kinder und Jugendlichen selbst beteiligen.</li>
</ul>
<h3><strong>Die Chance, die wir nicht verpassen sollten </strong></h3>
<p>Vielleicht bietet die Pandemie sogar eine Chance. Es wäre die Chance für ein Debattieren über Schule ohne lästige und nervige Debatten über die richtige oder falsche Schulstruktur. Ein richtig oder falsch gibt es ohnehin nicht, denn im Vordergrund sollten Inhalte stehen, nicht nur die Klassiker Deutsch, Mathematik, Englisch, auch Demokratie und historisch-politische Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und soziale Gerechtigkeit, Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus – all dies sind die Themen, die unsere Gesellschaft im Kern betreffen und verändern, all dies ist Thema vieler Fächer, sollte es zumindest sein. Einige Empfehlungen der KMK bieten bereits ausgezeichnete Grundlagen, hier hat die KMK Gutes getan. Nur leider gibt es ein Manko: diese KMK-Empfehlungen wurden bei der Ausgestaltung von Lehrplänen, Aus- und Fortbildung von den Minister*innen, die sie beschlossen haben, in der Regel ignoriert.</p>
<p>Der Kern einer Bildungsreform, die den Namen verdient, besteht meines Erachtens aus folgenden Elementen:</p>
<ul>
<li>eine inhaltliche Debatte darüber, was wir in der Schule lernen sollten, und welche Bildung wir in Kindertageseinrichtungen brauchen,</li>
<li>individuelle Förderung in Form individualisierender Lernzeiten, die nun wirklich kein Kind mehr zurücklassen,</li>
<li>Infrastruktur und Know-How für hybride Lernformen, in denen Schüler*innen den Spielraum haben, ihr eigenes Lerntempo zu finden,</li>
<li>eine Reform von Aus- und Fortbildung, die sich an den vorgenannten Kriterien orientiert, mit einer durchgängigen Gelegenheit zur Supervision für Lehrkräfte und alle in Schule wirkenden Fachkräfte.</li>
</ul>
<p>Es gibt eine große Chance für eine solche Bildungsreform, die den Namen verdient. Wenn wir diese Chance jetzt verpassen, kann es jedoch böse enden. Es ist im Grunde wie mit der Klimakrise. Viel Zeit bleibt nicht!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2021, Internetlinks wurden am 15. September 2022 auf ihre Richtigkeit überprüft. Titelbild: Pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Dezemberblues 2020</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Dec 2020 05:47:28 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dezemberblues 2020 Eine Polemik und viele viele viele Fragen In meinen bisherigen Essays zur Pandemie habe ich mich um eine möglichst sachliche Darstellung der vielen verschiedenen Aspekte bemüht, die eine kohärente Strategie schaffen, fördern oder auch verhindern könnten. Einige satirische Spitzen sind davon unbenommen.  Meine bisherigen Texte zur Pandemie referieren vielfältige Forschungsergebnisse und Statements,  [...]</p>
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<h2><strong>Eine Polemik und viele viele viele Fragen </strong></h2>
<p>In meinen bisherigen Essays zur Pandemie habe ich mich um eine möglichst sachliche Darstellung der vielen verschiedenen Aspekte bemüht, die eine kohärente Strategie schaffen, fördern oder auch verhindern könnten. Einige satirische Spitzen sind davon unbenommen.  Meine bisherigen Texte zur Pandemie referieren vielfältige Forschungsergebnisse und Statements, die verschiedene Buchverlage, Zeitungen und Organisationen in dieser Zeit jenseits der dominanten Disziplin unserer Zeit, der Virologie veröffentlicht haben. Viele Dinge, die damals aufgeschrieben wurden, gelten weitestgehend nach wie vor.</p>
<p>Doch am 14. Dezember 2020 – einem Tag nach der Verkündung des zweiten sogenannten <em>„harten Lockdown“</em> durch Bundeskanzlerin und Ministerpräsident*innen – halte ich einen weniger sachlichen Ton für angebracht, mit einem Hauch von Blues, einem Schuss Polemik, alles gewürzt mit einer Prise Sarkasmus, nicht wegen der Entscheidungen, sondern weil die Frage beantwortet werden sollte, was in den vergangenen Monaten nicht entschieden und nicht bedacht worden ist.</p>
<p>Die vergangenen Monate – ich bin versucht, das gesamte Jahr 2020 zu nennen, zu dessen Beginn der Bundesgesundheitsminister noch davon überzeugt war, dass die Entwicklung in China uns nicht beträfe – sind eine Zeit, in der politische Ad-Hoc-Entscheidungen, Entscheidungen von der Hand in den Mund, die sich nicht immer an Infektionszahlen, oft genug an Stimmungslagen diverser Gruppen der Bevölkerung orientierten, mit einer Fülle verpasster Gelegenheiten einhergehen. Es sind meines Erachtens weniger die Entscheidungen, die jetzt unser alltägliches Leben erschweren und zumindest die berufliche Zukunft großer Teile der Bevölkerung gefährden, als die Entscheidungen, die nicht getroffen wurden. Manche dieser Gefährdungen, die jetzt absehbar sind, gäbe es bei frühzeitigen und angemessenen Entscheidungen möglicherweise gar nicht.</p>
<p>Ein solcher Rückblick hat nichts mit Vergangenheitsbewältigung oder nachtragender Schuldzuweisung zu tun. Wir brauchen einen solchen Rückblick, um die Zukunft überhaupt gestalten zu können. Wir brauchen nicht nur eine langfristige Strategie zur deutlichen Senkung der Infektionszahlen, sondern auch eine umfassende Analyse, welche Gelegenheiten wir verpasst, welche Entscheidungen nicht getroffen, auf die lange Bank geschoben, aus welchen Gründen auch immer verhindert wurden.</p>
<h3><strong>Stubenarrest für alle</strong></h3>
<p>In der Süddeutschen Zeitung erschien am 14. Dezember ein <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/shutdown-lockdown-angela-merkel-weihnachten-schuld-foederalismus-bundesregierung-pandemie-corona-1.5146602">Artikel von Stefan Braun mit dem Titel „Das haben sich alle gemeinsam eingebrockt“</a>. Der Titel erweckt den Eindruck, als hätten wir alle verdient, was jetzt geschieht, unterschiedslos. Es geht mir nicht um diesen konkreten Artikel. Er ist meines Erachtens ein Symptom für die dominierende Kommunikationsstrategie der verantwortlichen Politiker*innen und vieler Medien. Zur Ehrenrettung des Autors: er nennt in der Tat einige der Versäumnisse der vergangenen Monate und schließt somit in seine Philippika das Gros der verantwortlichen Politiker*innen mit ein, was diese in der Regel, selbst dann, wenn sie den Gestus affektierter Bescheidenheit pflegen, eher vermeiden.</p>
<p>Mir fällt aber auch auf, dass sich der Autor in das <em>„sich“</em> offenbar nicht sich selbst mit einbezieht, denn sonst hätte er <em>„uns“</em> geschrieben. Ich habe den Eindruck, dass dieser Artikel etwas sichtbar macht, das sich wie ein roter Faden durch die meisten politischen Statements der letzten Wochen zieht. Der Titel klingt sehr nach einer Gardinenpredigt mit unbestimmten Adressat*innen. Verantwortlich für die steigenden Infektionszahlen sind offenbar auch all diejenigen, die sich an die Regeln zur Vermeidung weiterer Ansteckungen gehalten und jegliche Kontakte, selbst zu engen Vertrauten und Verwandten drastisch eingeschränkt oder sogar gemieden haben. Sie sind offenbar genauso verantwortlich für die Einschränkung unser aller Freiheit(en) wie all diejenigen, die sich offensichtlich nicht eingeschränkt haben. Diese Einschränkungen verfolgen das Prinzip der Sippenhaft oder wenn man*frau so will der Kollektivstrafe.</p>
<p>Im Grunde passt dieses Vorgehen – Strategie darf man*frau das nicht nennen – zum Begriff des <em>„Lockdowns“.</em> Der Begriff wurde aus dem amerikanischen Strafvollzug entnommen und den Einschluss aller Häftlinge in ihre Zellen, wenn Unruhe, Aufstände oder andere einen geordneten Strafvollzug beeinträchtigte Ereignisse unterbunden werden sollen. Dann wird auch die Bewegungsfreiheit derjenigen auf ihre Zelle beschränkt, die keinen Anlass für eine solche Maßnahme gegeben haben. Etwas weniger martialisch formuliert: Stubenarrest für alle.</p>
<h3><strong>Präventionsparadox und optimistischer Fehlschluss</strong></h3>
<p>Ich gestehe, dass ich als jemand, der sich seit März sehr strikt an die Kontaktbeschränkungen gehalten hat, der keine Urlaubsreisen unternommen hat, Freund*innen und Verwandte während der bisherigen <em>„Lockdown“-</em>Zeiten, ob <em>„light“</em> oder <em>„hart“</em> – unklar, warum das eine eigentlich in englischer das andere in deutscher Sprache ausgesprochen wird –, nur per Telefon oder per Skype oder Zoom gesehen hat, anhaltend sauer, aufgebracht, wütend werden könnte, wenn ich nicht auch die Gabe hätte, mich schnell wieder zu beruhigen und die Argumente rational abzuwägen. Dies tue ich, indem ich – am 14. Dezember 2020 – dieses Statement schreibe und versuche, diejenigen zu benennen, die für die aktuelle Lage aus meiner Sicht verantwortlich sind, wie gesagt nicht wegen ihrer Entscheidungen, sondern wegen der Entscheidungen, die sie nicht getroffen haben.</p>
<p>Ich spreche nicht von denjenigen als Hauptverantwortlichen, die offenbar ohne das Zusammenstehen beim Glühwein keine Adventszeit feiern können, nicht von denjenigen, die auf ihren Strandurlaub nicht verzichten wollten, nicht von denjenigen, die – wenn ihre Stammlokale geschlossen sind – meinen, sich in engen unbelüfteten Wohnungen oder Garagenpartys zusammenfinden zu müssen.</p>
<p>Das Verhalten dieser Menschen ist leicht erklärbar. Ihr Verhängnis ist das sogenannte <a href="https://leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/praeventionsparadox/"><em>„Präventionsparadox“</em></a> . Gefährdet sind die anderen, nicht ich, die Zahlen steigen in den USA, in Frankreich, in Brasilien, aber nicht bei uns, sie sinken sogar, sie bedrohen die Menschen in den Städten, nicht die auf dem Land, die im Westen, nicht die im Osten, die in Bayern, nicht die an den Küsten und so ist ja alles in Ordnung. Ich könnte noch einige dieser Fehlschlüsse hinzufügen. Mit solchen Sätzen pflegten viele eine Variante des <em>„optimistischen Fehlschlusses“,</em> jenes <em>„Zwillings der Hypochondrie“</em> &#8211; so <a href="https://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/04/Hypochondrie/komplettansicht">Christian Heinrich am 31. Mai 2020 in ZEIT Online</a>. Und in der Tat: Sorglosigkeit aufgrund <em>„optimistischen Fehlschlusses“ </em>ist nicht mehr und nicht weniger als die andere Seite der<em> „Hypochondrie“.</em></p>
<p>Dieses Verhalten kennen wir aus unser aller Alltag. Es gibt viele Bürger*innen, die trotz besseren Wissens mit überhöhter Geschwindigkeit durch Innenstädte oder über Autobahnen und Landstraßen rasen, Kette rauchen, Alkohol in großen Mengen konsumieren, oder sich gelegentlich den ein oder anderen Joint, die ein oder andere Line reinziehen. Mein Großvater pflegte immer zu sagen: <em>„Gut dass wir nicht so sind.“ </em>Er zwinkerte dabei mit den Augen, aber viele meinen das todernst, im wahrsten Sinne des Wortes: unbegrenztes Rasen, Rauchen, Saufen, Kiffen als Menschenrecht. Und wehe den Politiker*innen, die versuchen, solch ungesundes Verhalten einzuschränken!</p>
<p>Es hatte schon etwas Absurdes, als vor dem 13. Dezember 2020 öffentlich über Alkoholverbote – Stichwort Glühwein – gestritten wurde, als würde ein solches Verbot unsere Zivilisation dem Untergang weihen. Und vielleicht lohnt es sich auch darüber nachzudenken, warum diejenigen, die sich am lautesten gegen Verbote von Rasen, Rauchen, Saufen wehren, gleichzeitig ebenso laut ein Verbot vehement vertreten, das Kiff-Verbot. Ich nenne das Ablenkung vom eigentlichen Problem, Symbolpolitik.</p>
<h3><strong>Der verschlafene Sommer </strong></h3>
<p>Ich spreche hier in dieser Polemik von den Politiker*innen, die nicht in der Lage waren und es auch nach wie vor nicht zu sein scheinen, vorausschauend zu denken geschweige denn vorausschauend zu handeln.</p>
<p>Ich darf eine (sicherlich unvollständige) Liste von Fragen auflisten, die wir stellen könnten:</p>
<ul>
<li>Warum müssen Theater, Restaurants, Fitnessstudios und vergleichbare Einrichtungen, die in gute Hygienekonzepte und Durchlüftung ihrer Räume, in Trennwände zwischen den Besucher*innen, Anmeldesysteme und vieles mehr investiert haben, genauso schließen wie diejenigen, die das nicht getan haben? Warum wurden diese guten Beispiele nicht im Frühjahr und im Frühsommer zertifiziert und die anderen, die dies nicht taten, zunächst beraten, dann aufgefordert und schließlich vorsorglich geschlossen? Auch eine staatliche Unterstützung bei entsprechenden Investitionen wäre sicherlich hilfreich gewesen.</li>
<li>Warum werden Schulen, die sich schon lange auf Hybridunterricht vorbereitet haben, von den zuständigen Ministerien gegängelt? Warum beharren die Schulminister*innen bis zum letzten Augenblick auf Präsenzunterricht vollständiger Klassen? Warum setzten sie Lehrer*innen dem Infektionsrisiko in großen Gruppen aus? Die Ausrede, dass dann Schüler*innen, die zu Hause keine lernfördernden Voraussetzungen vorfänden, benachteiligt würden, wirkt doch recht scheinheilig, denn es gibt Schulen, die gerade für diese Schüler*innen Konzepte haben, verlässlichen Unterricht zu ermöglichen. Warum werden solche Konzepte nicht allen Schulen zugänglich gemacht? Die Sommerpause hätte Gelegenheit geboten, dies zu tun. Oder fürchteten die Schulminister*innen, dass bei einer Aufweichung der harten Linie &#8222;Präsenzunterricht um jeden Preis&#8220; die digitalen Versäumnisse der Vergangenheit ans Tageslicht getreten wären? Wenn dies so gewesen wäre, hätte das etwas von der Politik, die wir mit dem Namen eines großen Laufvogels bezeichnen.</li>
<li>Warum haben es die Schulminister*innen seit Vorliegen des sogenannten „Digitalpaktes“ – das war 2016 – bis heute nicht geschafft, Schulen auf den Stand zu bringen, mit denen ein digitales Unterrichten ohne Probleme möglich wäre? Warum haben sich die Länder jahrelang – und dann auch noch mit Erfolg – wehren können, die Kosten für die Umsetzung zu einem angemessenen Betrag zu übernehmen? Warum versuchen die Länder systematisch, alle Kosten auf Bund oder Kommunen abzuwälzen? Nicht einmal ein verbindliches Fortbildungsprogramm, vor allem für die Lehrkräfte, die noch nie mit digitalen Werkzeugen gearbeitet haben, soll durchsetzbar gewesen sein? Und warum haben die Länder, denen aus dem Kreis der IT-Wirtschaft zeitnah nach dem 2016er Beschluss geeignete Vorschläge vorgelegt wurden, es bis heute nicht geschafft, ein abgestimmtes und bundesweites Programm für Ausstattung und Fortbildung ins Werk zu setzen?</li>
<li>Warum setzen Bund und Länder darauf, dass alle Unternehmen, die Gesundheitsämter und Schulen mit digitalen Werkzeugen ausstatten könnten, mit jeder Kommune einzeln verhandeln müssen? Das Ergebnis hängt dann davon ab, wie kundig und wie engagiert die jeweiligen kommunalen Spitzen sind, und nicht zuletzt davon, ob genug (gesundes) Personal vorhanden ist, dies umzusetzen. Dabei dürfte eigentlich klar sein, dass es für Unternehmen wenig interessant ist, für eine Handvoll Schulen oder ein einzelnes Gesundheitsamt mit jeder Kommune einzeln zu verhandeln. Zur Illustration nur eine Zahl: allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 396 öffentliche Schulträger (nur Städte und Gemeinden, ohne Kreise, ohne Ersatzschulträger). Da verhandeln Unternehmen lieber mit einem Staat, der dies zentral organisiert, und so wundert sich der Bundesgesundheitsminister, dass in Nigeria ein in Deutschland entwickeltes System erfolgreich verwendet wird, das in Deutschland selbst nur in einigen wenigen Gesundheitsämtern verwendet wird.</li>
<li>Warum gibt es in Deutschland kein flächendeckendes WLAN? In Portugal oder im Negev – ich nenne beispielhaft Orte auf dieser Welt, denen deutsche Selbstverliebtheit das nicht zutraut – funktioniert es, nicht aber in Deutschland, wo sich Unternehmen und Politiker*innen fragen, ob wirklich <em>„jede Milchkanne“</em> (O-Ton Bundesbildungsministerin) angeschlossen werden müsste und damit die vielen Orte abhängen, die leider etwas ländlicher liegen. Abgesehen davon: ich kenne eine Großstadt im Westen, in der Schulen mit mehreren Standorten an einem Standort schnelles und verlässliches Internet haben, am anderen nicht.</li>
<li>Was geschieht, wenn die Infektionszahlen bis Mitte Januar nur unwesentlich oder gar nicht sinken? Was geschieht, wenn sich die Impfungen länger hinziehen als wünschenswert? Was geschieht, wenn viele Bürger*innen sich nicht impfen lassen (können)? In welchen Schritten werden Wirtschaft, Kultur und Amateursport wieder hochgefahren? Nach welchen Kriterien? Niemand vermag in die Zukunft zu schauen, aber wenn einem prominenten Ministerpräsidenten, der auch gerne Bundeskanzler wäre, für den Misserfolgsfall nach den Beschlüssen vom 13. Dezember nichts anderes einfällt als zu mutmaßen, dass der <em>„harte Lockdown“</em> gegebenenfalls auch für die Zeit nach dem 10. Januar 2021 verlängert werden müsste, wird die Geduld der Bürger*innen überstrapaziert: <em>„Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.“ </em>Am 9. Dezember sagte der zitierte Ministerpräsident noch etwas anderes: <em>&#8222;Deshalb schlage ich diesen End-Lockdown für Deutschland vor.&#8220;</em></li>
<li>Mit Recht verlangen einige Politiker*innen, auch im Deutschen Bundestag, und Wissenschaftler*innen jetzt ein langfristiges Konzept. Allerdings muss sich der Politiker, der die nach Umfragen zurzeit kleinste Oppositionspartei anführt, bei seiner Philippika für eine langfristige Planung – der ich zustimme – auch fragen lassen, warum er in der Vergangenheit nichts Konstruktives zur Bekämpfung der Pandemie beigetragen, sondern lieber alle Maßnahmen grundsätzlich in Frage gestellt hat, weil er offenbar je nach Publikum der Versuchung erlegen ist, auch bei selbsternannten <em>„Querdenker*innen“</em> Stimmen abzuwerben. Diese Strategie misslang ihm doch schon bei der Migrationspolitik.</li>
<li>Warum dankt ein*e Bildungsminister*in den Eltern, den Schüler*innen für ihr Verständnis, übersieht aber, was Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen leisten? Warum keine Anerkennung, kein Dank für all die Engagierten, die sich im Sommer auf eine zweite Welle vorbereitet haben? Ein großes Unternehmen wie die Telekom vergibt Gratifikationen für die Mitarbeiter*innen, für Bildung und Betreuung zuständige Minister*innen sagen nicht einmal Danke. Und wo bleibt das versprochene zusätzliche Personal, wo bleibt die angemessene Bezahlung von Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen?</li>
<li>Wie können Schul- und Familienminister*innen Garantien für Betreuung und Unterricht geben, ohne etwas dazu zu sagen, wie das funktionieren soll? Was versprach der Bundesgesundheitsminister am 1. September 2020? Hier der O-Ton: <em>„Man würde mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch mal passieren.“</em> Sie werden jetzt vor Weihnachten 2020 wortbrüchig, nicht weil Politiker*innen es mit der Wahrheit nicht so genau nähmen, sondern weil sie meines Erachtens geglaubt haben, sie könnten sich durch die Pandemie hindurchmogeln und die Verantwortung an die Menschen in den Kindertageseinrichtungen, in den Schulen, in den Gesundheitsämtern rückdelegieren.</li>
<li>Was ist mit all den Künstler*innen, die seit März ohne Einkommen dastehen, aber auch von den Wirtschaftshilfen nicht profitieren, weil sie weder Umsätze noch Fixkosten haben, abgesehen von der Miete für ihre Wohnung, die schon immer gleichzeitig ihr Büro war, aber auch immer schon nicht unter die Kriterien für die steuerliche Absetzung eines Arbeitszimmers fiel? Offenbar vermögen die Beamt*innen in den Wirtschaftsministerien sich solche Arbeitsformen überhaupt nicht vorzustellen, sondern halten immer noch den klassischen VW-Arbeiter (männlich!) oder mittelständisch-patriarchalischen Unternehmer (auch männlich!) für das Maß aller Dinge? Wie kompetent ist ein Wirtschaftsminister, der im November 2020 das Einkaufen zur <em>„patriotischen Pflicht“</em> erklärte, um dann am 14. Dezember 2020 dafür zu werben, dass die Deutschen zum Weihnachtsfest Gutscheine verschenken sollten? Und wie nachvollziehbar ist es, die Fußballbundesliga und andere Profisportarten mit dem Hinweis auf Freiheit der Berufsausübung weiter zu betreiben, dies aber anderen Branchen, Kulturschaffenden, der Gastronomie und Hotellerie oder auch der Sexarbeit zu untersagen? Viele der Menschen, die in diesen Branchen arbeiten, erleiden das, was Fußballprofis nicht erleiden: ein Berufs- und Beschäftigungsverbot.</li>
<li>Und warum arbeiten sich die Regierungen in Bund und Ländern an selbsternannten <em>„Querdenkern“</em> und anderen unappetitlichen Gesell*innen ab statt mit denjenigen zu reden, die die für die Bekämpfung der Pandemie erforderlichen Einschränkungen grundsätzlich akzeptieren, die aber überzeugt werden müssen, dass die Maßnahmen ihnen nicht schaden und die mit Recht auch die Berücksichtigung ihrer jeweiligen Lebenslagen einfordern? Die Auswirkungen der Pandemie und der jeweiligen Maßnahmen auf Frauen, Kinder, alte Menschen, Künstler*innen, Behinderte, Obdachlose – es ist mir peinlich, eine solche Liste in einem Atemzug aufzuschreiben – erhalten in den Medien erheblich weniger Aufmerksamkeit als die verwirrten Ansichten von Verschwörungstheoretiker*innen und Impfgegner*innen. Anders kann ich mir die gebetsmühlenhafte Wiederholung des Mantras nicht erklären, dass die Impfung freiwillig ist. Oder geht es dabei nur um das vorsorgliche Eingeständnis, dass nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehen wird? Honni soit qui mal y pense.</li>
</ul>
<h3><strong>Vorausschauende Politik? Bisher Fehlanzeige</strong></h3>
<p>Das sind nur einige Punkte, die mir am 14. Dezember 2020 spontan einfallen. Es gäbe sicherlich noch einige mehr, und ich gehe davon aus, dass meinen Leser*innen vieles ein- und auffallen wird, das mir weder ein- noch auffiel. Mein Fazit: Politik lebt von der Hand in den Mund, handelt im Grunde „end of the pipe“, reaktiv, nicht gestaltend, vorausschauende Planung Fehlanzeige. Schlechte Luft? Erhöhen wir die Schornsteine! Stau auf der Straße? Bauen wir noch eine Autobahn!</p>
<p>Der gesamte Sommer wurde verschlafen. Und das geht offenbar so weiter: die politisch Verantwortlichen wurschteln sich durch die Pandemie, als wäre es der groß angelegte Versuch einer Katastrophenübung, nach deren Bewältigung für alle Bürger*innen das Paradies auf Erden ansteht. Aber was ist mit weiteren zukünftigen Pandemien, die wir nicht ausschließen können, was ist mit zukünftigen Wirtschaftskrisen, was mit Klimaschutz und Artenvielfalt? Was ist mit der Ungleichheit und Armut, nicht nur in unserem wohlhabenden Land, gerade auch im Verhältnis zwischen Nord und Süd auf diesem Planeten? Was ist mit Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus, der Attraktivität von Verschwörungstheorien?</p>
<p>Und wann reift die Erkenntnis, dass und wie die Pandemie die Fehlentwicklungen des Neoliberalismus, den fast alle, auch die sich sozialdemokratisch nennenden Parteien, gemeinsam für das <em>„Ende der Geschichte“</em> hielten, sichtbar macht und verschärft? Aber darüber möchte wohl kaum jemand offen sprechen. Es ist doch so viel leichter, den Bürger*innen pauschal und kollektiv ein schlechtes Gewissen einzureden und dabei zu murmeln, dass man*frau sich eben gerade nicht in Vergangenheitsbewältigung ergehen solle.</p>
<p>Und warum werden alle Bürger*innen – unterschiedslos – behandelt wie eine Horde ungehorsamer Kinder oder für den Fall, dass Politiker*innen die Bürger*innen, die sie gewählt haben, für Erwachsene halten, wie eine Horde aufgebrachter Häftlinge, die ihren „<em>Lockdown“</em> nun wirklich verdient hätten? Strafe muss sein! Auch wenn der Vergleich nicht unbedingt passt: im Grunde ist eine solche Kommunikationsstrategie genauso effektiv wie die Forderung nach einem Kopftuchverbot für den Kampf gegen islamistischen Terrorismus.</p>
<h3><strong>Ein Nachtrag vom 17. Dezember 2020</strong></h3>
<p>Die ZEIT veröffentlichte am 17. Dezember 2020 ein <a href="https://www.zeit.de/2020/53/viola-priesemann-max-planck-institut-corona-forschung/komplettansicht">Portrait der Physikerin Viola Priesemann</a>, die Modellierungen möglicher Entwicklungen erstellt. Das Ergebnis zeigt, dass möglicherweise &#8211; aus meiner Sicht sehr wahrscheinlich &#8211; ein völliger Stillstand des öffentlichen und privaten Lebens für einen Zeitraum von vielleicht vier bis sechs Wochen auch die Pandemie zum Stillstand hätte bringen können. Stattdessen gab es in der sogenannten &#8222;Ersten Welle&#8220; sehr schnell Debatten über die &#8222;Lockerungen&#8220;, die den Bürger*innen signalisierte, dass es so schlimm doch nicht sein könne, wenn prominente Politiker*innen die Einschränkungen zumindest zum Teil wieder aufheben wollten. Ergebnis: man*frau ging es eben lockerer an und erlaubte sich &#8211; auch ohne staatlichen Segen &#8211; eben &#8222;Lockerungen&#8220;. Und daran erinnerten sich alle im Oktober 2020. So schlimm wird es schon nicht kommen, die Politiker*innen versprechen uns doch Weihnachten und Sylvester! Funktionierte nicht.</p>
<p>Zu allen Entscheidungen, die in der Vergangenheit nicht getroffen wurden, gesellen sich die Entscheidungen, die zwar getroffen, aber ständig prominent in Frage gestellt werden. Auch das ist eine Folge des hochherrschaftlichen der 17 Regierungschef*innen in Deutschland und der fehlenden öffentlichen Debatte. Die Bundeskanzlerin hat es wenigstens versucht, als sie die Zahl von 19.200 Infektionen pro Tag zu Weihnachten in die Debatte einführte, um für einen &#8222;harten&#8220; Kurs zu werben. Vielleicht wäre es gut gewesen, von Anfang an, nicht nur Virologie, sondern auch andere Wissenschaften, und darunter eben auch Mathematik und Physik zu Rate zu ziehen und dies in der Öffentlichkeit vorzustellen. Auch in allen mit der Pandemie befassten Ministerien gibt es Menschen, die sich mit solchen Modellierungen auskennen. Und warum kein Mathematikunterricht in den Schulen, der solche Berechnungen verständlich macht? Vielleicht hätte das geholfen. Jetzt könnte es zu spät sein, denn zu viele Menschen werden die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel nutzen, um sich trotz eindringlicher Appelle dies nicht zu tun, in größeren Gruppen treffen. Die Art und Weise, wie die Pandemie von Anfang an kommuniziert wurde, hat die Zweifel, die manche an ihrer Existenz oder Reichweite haben, selbst hervorgebracht. Wie gesagt: <em>&#8222;Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.&#8220;     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p><u>(</u>Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2020, alle in diesem Text aufgeführten Internetseiten wurden am 15. September 2022 auf Richtigkeit überprüft. Titelbild: Pixabay.)</p>
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		<title>Ein Lehrstück des Wissensmanagements</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 31 Oct 2020 04:33:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Lehrstück des Wissensmanagements Debatten in Zeiten der Corona-Krise – Teil I „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“ (WHO-Definition von Gesundheit, deutsche Übersetzung: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10"><h1><strong>Ein Lehrstück des Wissensmanagements</strong></h1>
<h2><strong>Debatten in Zeiten der Corona-Krise – Teil I</strong></h2>
<p><em>„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“</em> (WHO-Definition von Gesundheit, deutsche Übersetzung: <em>„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“</em>)</p>
<p>Aus dem Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation ließen sich nicht nur Maßnahmen zum Infektionsschutz, sondern auch Programme für die soziale Weiterentwicklung einer Gesellschaft ableiten. Physisches und soziales Wohlergehen könnten geistige und seelische Gesundheit fördern, im Gleichgewicht. Ob dieses Gleichgewicht in der Corona-Krise des Jahres 2020 immer bedacht wurde und wird, ist Gegenstand zahlreicher Aufsätze, Essays, Stellungnahmen und wird in Zeitungen und Fachzeitschriften offen und kontrovers debattiert. Allerdings haben diese Debatten mitunter eine Schärfe erreicht, dass man*frau den Eindruck haben könnte, als stünden sich – die folgende Metapher hat Konjunktur – verfeindete Völkerstämme unversöhnlich auf dem gesellschaftlich-politischen Schlachtfeld gegenüber. Während die einen den Ernst der Lage betonen und diverse Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens mit dem Ziel der Verhinderung weiterer Erkrankungen verlangen und umsetzen, wehren sich andere gegen eben diese Einschränkungen mit dem Argument, sie wären übertrieben oder gar nicht erforderlich.</p>
<h3><strong>Die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen</strong></h3>
<p>Wissenschaft dient nicht nur sich selbst, sondern auch der Vorbereitung und Analyse politischer Entscheidungen. Aufgabe von Politiker*innen ist es, über Für und Wider möglicher Maßnahmen zu entscheiden. Zurzeit dominiert eine wissenschaftliche Sparte, die eigentlich als Teildisziplin betrachtet werden müsste, die Virologie. Es gibt in der Politikberatung Gremien, die mehr als diese eine Teildisziplin in sich vereinigen, wie beispielsweise den Deutschen Ethikrat und die Leopoldina, doch scheint auch bei diesen eine einzige Teildisziplin zu dominieren. Diese Dominanz, dieser Tunnelblick ist Teil des gesamten Problems, sodass manche schon glauben möchten, das Grundgesetz wäre durch das Infektionsschutzgesetz außer Kraft gesetzt und die Definition der WHO für Gesundheit beschränke sich auf das <em>„physical well-being“</em>.</p>
<p>Einen umfassenden Überblick über die wissenschaftlichen Disziplinen, die zurzeit nur im Hintergrund Aufmerksamkeit zu finden scheinen, bietet der transcript-Verlag. Er hat im Spätsommer 2020 zwei lesenswerte Sammelbände veröffentlicht. Michael Volkmer und Karin Werner haben den Band „Die Corona-Gesellschaft“ (Untertitel: „Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft“) herausgegeben, Bernd Kortmann und Günther G. Schulze den Band „Jenseits von Corona“ (Untertitel: „Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft“).</p>
<ul>
<li>Der Band „Die Corona-Gesellschaft“ enthält einschließlich Vorwort 40 Essays, an denen sich 25 Männer und 20 Frauen aus diversen deutschen und österreichischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Verlagen beteiligten. Ihre Disziplinen umfassen fast das gesamte Spektrum der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Philosophie und Psychologie haben ebenso ihren Platz wie verschiedene Kulturwissenschaften.</li>
<li>Der Band „Jenseits von Corona“ enthält einschließlich Vor- und Nachwort 31 Essays, geschrieben von 21 Männern und 13 Frauen, ebenfalls vorwiegend geistes- und sozialwissenschaftlich orientiert, darunter auch Vertreter*innen der Theologie, der Psychiatrie, der Literaturwissenschaften. Dieser Band hat ein Titelbild, das die öffentliche Debatte anschaulich illustriert.</li>
</ul>
<p>Ein Autor ist in beiden Bänden vertreten. Der Band „Jenseits von Corona“ präsentiert ein die öffentliche Debatte anschaulich illustrierendes Titelbild. Eine dem Virus nachgebildete Kugel pendelt von der linken Bildseite kommend in Richtung von vier anderen Kugeln, sodass jede*r Leser*in sofort erkennt: das Pendel wird auch bald zur anderen Seite ausschlagen. Es ließe sich spekulieren, ob sich aus dem Pendel eine Art Perpetuum Mobile ergibt, sodass immer wieder neue, in ihrer Intensität gleichwertige Phasen der viralen Infektion, von Warnung und Entwarnung entstehen, oder ob sich die Pendelbewegungen irgendwann erschöpfen, sodass alles wieder in den ursprünglichen Ruhezustand zurückkehrt.</p>
<p>Mehr oder weniger regelmäßig veröffentlicht die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ Essays zur Pandemie, beispielsweise zum Mindestlohn und zum Parlamentarismus in den beiden Ausgaben des September 2020, zum Rassismus gegen Asiat*innen in der ersten Oktoberausgabe 2020, to be continued. Im August 2020 erschien eine Ausgabe mit dem Titel „Corona-Krise“. In der Zeitschrift äußern sich Jurist*innen, Bildungs-, Sozial- und Politikwissenschaftler*innen und Historiker*innen.</p>
<p>Die Zusammenstellung von Texten ersetzt kein Seminar. Der Austausch von Positionen, Rede und Gegenrede lassen sich bei der Lektüre der Beiträge nicht erleben. Möglicherweise trägt die Arbeit von Rezensent*innen dazu bei, einen solchen Austausch im Kreise der Leser*innen zu eröffnen, möglicherweise gelingt es, eine solche Debatte in die gängigen Medien hineinzutragen, die zurzeit im Wesentlichen gelegentlich auf die ein oder andere neu erschienene Studie, in der Regel auf Zwischenergebnisse beschränkt, die dann nach wenigen Tagen wieder an Aufmerksamkeit verliert. Wir brauchen jedoch grundsätzliche, interdisziplinäre, partizipative Debatten, Material gibt es in Hülle und Fülle, dies belegen zahlreiche Studien verschiedener Disziplinen, die inzwischen auch in diversen Medien vorgestellt und kommentiert werden. Letztlich bieten die diversen Veröffentlichungen zur Corona-Pandemie im Zusammenhang ein Lehrstück des Wissensmanagements.</p>
<h3><strong>Risiken der Komplexität – die Verantwortung der Politik</strong></h3>
<p>Gerd Folkers formuliert die Aufgabe in „Jenseits von Corona“ unter dem Titel „Beseitigung des Zweifels“: <em>„Die Zahlenbasiertheit der Entscheidungen hat der Bewältigung der Krise, soweit, hervorragende Dienste geleistet. Jetzt gilt es, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was genau die Zahlen benennen und wo Zweifel an der Zuordnung angebracht ist.“</em> Eva von Contzen und Julika Griem im selben Band: <em>„Als Politikberatung ist Wissenschaftsberatung auf Vereinfachung angewiesen. Aber wir lernen gerade in einem Intensivkurs, wo auf Komplexität beharrt und diese erklärt werden muss.“ </em>In diesen kurzen Sätzen wurde der entscheidende Gedanke zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik formuliert. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, politische Entscheidungen zu treffen. Wissenschaft präsentiert immer nur Unvollständiges, Vorläufiges, Widerlegbares, das Rezipient*innen wissenschaftlicher Ergebnisse in größere Zusammenhänge einordnen, in Beziehung zu anderen, gegebenenfalls auch widerläufigen Ergebnissen bringen müssen.</p>
<p>Wissenschaftliche Konsense – wie beispielsweise über die Auswirkungen von Klimakrise und Rückgang der Biodiversität – sind davon unbenommen, aber die Tragweite der einzelnen daraus folgenden politischen Entscheidungen, Wirkungen und Nebenwirkungen, Kollateralnutzen – auch diesen gibt es, beispielsweise in der Corona-Krise der Rückgang von anderen Infektionskrankheiten, die Rückkehr bedrohter Tierarten an verlassene Strände – und Kollateralschäden müssen bei der Vorbereitung politischer Entscheidungen bedacht werden. Wirkungen haben in der Regel nicht nur eine Ursache, es gibt viele Ursachen, Wirkungen sind – dies ist der Fachbegriff – nur „multifaktoriell“ erklärbar. Es ist ein großes Verdienst, der beiden Bände des transcript-Verlages, für die Interdisziplinarität zu werben, mit der allein eine „multifaktorielle“ Analyse möglich wird.</p>
<p>Evelyn Moser vermutet in der Corona-Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ einen <em>„Rückzug des Politischen“</em>. „<em>Mit Verweis auf Fremdexpertise griff die Politik umfassend in die Gesellschaft ein, anstatt einer sachlichen Begrenzung erfolgte lediglich eine Begrenzung in der Zeitdimension, etwa durch die Bezugnahme auf das Infektionsschutzgesetz und den Ausnahmecharakter der Lage:“</em> Der Wissenschaft wird eine in der öffentlichen Debatte um Corona eine Aufgabe zugewiesen, die sie nicht hat und auch nicht erfüllen kann.</p>
<p>Wenn eine komplexe Debatte über „Zweifel“ und „Risiken“, das Verhältnis von Ursachen und Wirkungen – beides im Plural zu formulieren erfolgen soll, müsste die nächste Frage lauten: Wer erhält Gehör? Wer hat Einfluss auf die Entscheidungen der Politiker*innen? Und wie lässt sich dies in der Öffentlichkeit vermitteln, damit niemand den Eindruck hat, ihr*ihm würden wichtige Informationen vorenthalten. Evelyn Moser: <em>„Erklärt die Politik selbst Solidarität buchstäblich über Nacht nicht nur zum höchsten gesellschaftlichen Prinzip, sondern instrumentalisiert sie zudem für die Vermittlung und Durchsetzung einschneidender Regulierungsmaßahmen, entsteht unweigerlich Reibung.“</em></p>
<p>Wenn <em>„Denunziation“</em> oder <em>„Exklusion“</em> zum gängigen Modus des Mit- und Gegeneinanders in einer Gesellschaft wären, nimmt <em>„die Politik sich selbst die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit Gegner*innen – jenen, die abweichende, aber grundsätzlich als legitim erachtete Positionen vertreten. Übrig blieb stattdessen die binäre Unterscheidung, zwischen jenen, die Regierungsentscheidungen unterstützten, und dem widerständigen Rest, der den Rationalitätsanforderungen nicht entsprach.“</em></p>
<p>Evelyn Moser beschreibt einen Prozess der Entpolitisierung. Der*die einzelne Bürger*in erfährt ihre*seine <em>„Nicht-Existenz als öffentliche Person und damit den Ausschluss von der Beteiligung an der Gemeinwohlgestaltung.“</em> So wie die Corona-Krise zumindest zu Beginn kommuniziert wurde, trifft die Analyse von Evelyn Moser zu: „<em>Das Politische verschwindet, sobald Pluralismus mittels universeller Vernunftkriterien in Homogenität überführt wird und Entscheidung als letztgültig einrasten. Was dann bleibt, sind allein kollektiv verbindliche Regeln.“</em> Ich hätte vor den Begriff der <em>„universellen Vernunftkriterien“</em> das Wort „scheinbar“ eingefügt, denn wer definiert, was „Vernunft“ ist? Letztlich kann Politik zu einer Spielart von Moral werden, sodass die Frage entsteht, ob Politik und Wissenschaft im Duett zum Religionsersatz mutieren.</p>
<p>Politiker*innen dürfen in dieser Komplexität auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als delegierten sie ihre Aufgaben an Externe, sei es an Wissenschaftler*innen, sei es an die Bürger*innen, beispielsweise, in ihren Eigenschaften als Verbraucher*innen. In der Tat besteht eine Mitverantwortung jedes*jeder Einzelnen, aber Politiker*innen können das, was nicht gelingt, nicht ausschließlich auf Fehlverhalten jedes*jeder Einzelnen zurückführen. Dies wäre eine unzulässige Form der Rückdelegation. Sie dürfen auch nicht den Eindruck erwecken, als gäbe es nur eine einzige unabänderlich feststehende Lösung. Politiker*innen riskieren in dieser Komplexität natürlich auch Fehlentscheidungen. Das jedoch gehört sozusagen zu ihrer Berufsbeschreibung.</p>
<h3><strong>Diffuse Gefühle</strong></h3>
<p>Da es immer Menschen gibt, die das Gefühl haben, dass sie unter den Wirkungen von Krisen leiden, weil die verantwortlichen Politiker*innen die jeweiligen Krisen nicht bewältigt hätten, entsteht das Bedürfnis, Verantwortliche zu suchen. Damit muss noch keine Schuldzuweisung verbunden werden. Frank Biess schreibt in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über „Corona-Angst“: <em>„Globale Ereignisse wie die Corona-Pandemie unterlaufen selbstzufriedene Fortschrittsnarrative und lassen die Ungewissheit der Welt erscheinen.“</em> Damit sind jedoch viele Menschen überfordert. Dies war schon in der Zeit <em>„der ‚Asiatischen Grippe‘ 1957/58 und der ‚Hongkonggrippe‘ von 1968 bis 1970“</em> der Fall.</p>
<p>Die Tatsache, dass damals <em>„zwischen 20 000 und 30 000 Menschen, weltweit eine bis zwei Millionen Menschen“</em> starben, wurde – so Frank Biess – nicht weiter beachtet, doch inzwischen kam es „<em>zu einer deutlichen kulturellen Aufwertung der Angst“</em>. So <em>„traf die Corona-Pandemie auf eine Gesellschaft, für die der vorzeitige Tod generell unakzeptabel war.“ </em>Frank Biess formuliert die These, dass <em>„Epidemien und Pandemien (…) die Krisenhaftigkeit der Globalisierung in sinnlich erfahrbare Körperängste“</em> überführten.</p>
<p>Ute Frevert, Leiterin eines Forschungsbereichs mit dem programmatischen Titel „Geschichte der Gefühle“, dekonstruiert in ihrem Beitrag zu „Jenseits von Corona“ die Gefühle <em>„Angst, Solidarität, Vertrauen“.</em> <em>„Angst war das allgegenwärtige Grundgefühl, das die anderen Gefühle besänftigen und in Schach zu halten suchten.“</em> Allerdings <em>„war das weniger Solidarität als Empathie. Denn Solidarität geht über das in den letzten Jahren so beliebte Mit-Fühlen weit hinaus, verlangt nach einer aktiven Handlung, die sich nicht im Beifallklatschen erschöpft.“ </em>Solidarität wäre dann etwas, das auch von Politiker*innen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber*innen von Kranken- und Altenpflegepersonal, von Erzieher*innen und Mitarbeiter*innen in Gesundheits- und Jugendämtern verlangt werden könnte, die über die Personalausstattung und Vergütung der von ihnen für „systemrelevant“ erklärten Berufsgruppen entscheiden.</p>
<p>Ute Frevert belegt, dass der Konsens über Solidarität geringer ist als politisch vermutet. Es entstand beispielsweise <em>„der neue Volkssport der Abstandsbeschämung, im Englischen heißt er <u>social distancing shaming</u>“</em>, der nicht nur zu Distanzierung und Beherbergungsverboten führte, sondern zu offenem Rassismus. Dies betraf <em>„Besitzer von Ferienwohnungen und Häusern“</em> in anderen Bundesländern, in Mecklenburg-Vorpommern mit eindeutigen Verschiebungen auf unverarbeitete <em>„Ost-West-Spannungen“</em>, aber auch <em>„Deutsche asiatischer Herkunft“</em>, denen auf offener Straße <em>„Abwehr, Misstrauen, manchmal sogar blanker Hass“</em> begegneten. Als die Infektionszahlen Ende September 2020 in Berlin zu steigen begannen, wurden die Berliner*innen öffentlich beschimpft. Vermutete Verantwortliche wurden geradezu <em>„in Sippenhaft genommen“</em>.</p>
<p>Die Invektiven des amerikanischen Präsidenten gegen das „China-Virus“ taten das Ihrige hinzu. Verschwörungstheorien kamen hinzu, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident erntete immerhin öffentliche Kritik, als er die Corona-Ausbrüche in Fleischereibetrieben ausschließlich auf die südosteuropäischen Arbeiter*innen zurückführen wollte. <em>„Fremde“</em>,<em> „Juden“ </em>wurden und werden pauschal verdächtigt, Bill Gates, der kein Jude ist, wird beispielsweise von vielen Gegner*innen als „Jude“ apostrophiert, Antisemit*innen und Rassist*innen werden ermutigt, sich öffentlich und offen zu ihrer Menschenfeindlichkeit zu bekennen, einer der Kollateralschäden des Pandemie-Managements.</p>
<p>Verschwörungstheorien sind im Übrigen keine „westliche“ Erfindung. Susan Sontag zitiert in „Aids und seine Metaphern“ (1988/1989) eine afrikanische Version: <em>„Eine in Afrika weit verbreitete Version bezüglich der Herkunft der Krankheit lautet folgendermaßen: Das Virus ist in einem CIA-Laboratorium in Maryland fabriziert worden, von dort nach Afrika gelangt und durch homosexuelle amerikanische Missionare, die aus Afrika nach Maryland heimkehrten, in sein Ursprungsland zurückgekommen.“</em> Ähnliche Vermutungen gab es in sowjetischen Medien und fanden ihren Weg in die britische Presse. Susan Sontag: <em>„Aber die Geschichte wird noch immer aufgewärmt – von Mexiko bis Zaire, von Australien bis Griechenland.“</em></p>
<p>In dieser diffusen Stimmungslage kann <em>„Vertrauen“</em> verspielt werden. Shalini Randeria in „Jenseits von Corona“: <em>„Neben der Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs, zu dem weltweit ein gerechter Zugang gewährleistet werden muss, könnte sich letztendlich auch die öffentliche Akzeptanz und das Vertrauen in eine Impfung gegen Covid 19 als entscheidend dafür herausstellen, wie wir in Zukunft mit dem Corona-Virus leben werden.“ </em>Die deutsche Bundesregierung hat schon sehr deutlich verkünden lassen, dass es keine Impfpflicht geben wird. Ob diese Ansage eher daher rührt, dass es möglicherweise nicht genügend Impfdosen geben wird, mag vermutet werden. Vertrauen fördernd ist sie nicht, zumal sie in unmittelbarer Reaktion auf aggressiv auftretende Impfgegner*innen publiziert wurde, die sich in ihrer Ablehnung damit sogar bestätigt fühlen dürften.</p>
<p>Die Diffusion der Gefühle hat Folgen nicht nur für die Sicht auf vergangene Krisen und Pandemien, die Wissenschaftler*innen für seriös erklären, sondern auch für Verschwörungstheorien, die den <em>„Wahrheitsbeweis (…) in die (falsche) Analogie und die (falsche) Generalisierung verschoben“</em>. Diese lassen sich nicht ohne Weiteres widerlegen, wenn Befürworter*innen und ihre Gegner*innen sich lediglich ein „Wahr“ oder „Falsch“ entgegenrufen. Im Gegenteil: Möglicherweise rächt sich, dass die potenzielle Popularität von Verschwörungstheorien nicht von Anfang an in die Debatte einbezogen worden ist.</p>
<h3><strong>„Konjunkturen des Rechthabens“ und Verschwörungsglaube </strong></h3>
<p>Und so erhalten Verschwörungstheorien Konjunktur. Es gibt in den Bänden „Die Corona-Gesellschaft“ und „Jenseits von Corona“ mehrere Hinweise auf Parallelen, Analogien und Unterschiede zu Pandemien vergangener Zeiten, durchaus im Bewusstsein des <em>„Konstruktionscharakter(s) des Vergleichens“ </em>(Angelika Epple in „Die Corona-Gesellschaft“): <em>„Es geht darum, welche Vergleichsgegenstände einbezogen werden sollen, wenn die Politik Entscheidungen zu fällen hat.“</em> Es entstehen <em>„Konjunkturen des Rechthabens“</em> – so Sybille Krämer in „Jenseits von Corona“: jede*r hat die Chance, das, was er*sie schon immer als Ursache jedweder Ungerechtigkeit betrachtete, auch für die Corona-Krise verantwortlich zu machen, die Globalisierung, den Staat, Bill Gates oder George Soros, den Jüdischen Weltkongress und <em>„kann nun ein neues Kettenglied, wenn nicht gar eine ‚Perle‘ einfügen: Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise.“ </em></p>
<p>Im Grunde geht es um die Suche nach Schuldigen, möglichst leicht identifizierbar und daher mit dem bestimmten Artikel zu bezeichnen. „Verantwortung“, die als Begriff wertneutral verstanden werden kann, wird – wie in kryptoreligiösen Theorien üblich – ausschließlich als „Schuld“ bewertet. Magnus Striet gibt seinem Essay in „Jenseits von Corona“ den Untertitel „Ein theologischer Versuch im Zeichen der Pandemie“. Und in der Tat geht es um die Frage, wer zu erklären vermag, was geschieht und was geschehen sollte. Wissenschaft könnte dazu beitragen. <em>„Man vertraut nicht mehr auf einen Gott, der wunderwirkend in die Naturverläufe eingreift. Überhaupt muss zumindest solange, wie man Naturwissenschaften betreibt, auf das Konzept eines allmächtigen Gottes, dem möglich ist, Unregelmäßigkeiten im Naturverlauf zu provozieren, verzichtet werden. Vorsichtiger formuliert: Es mag einen allmächtigen Gott geben. Die Welt aber ist so zu beschreiben, als ob es ihn nicht gäbe. Naturwissenschaften setzen als Minimum ihrer Möglichkeit eine relative Verlässlichkeit der zu erklärenden Phänomene voraus.“</em></p>
<p>Ähnlich Herfried und Marina Münkler im selben Band: <em>„Die wissenschaftliche Prognostik hat in der modernen Gesellschaft die Rolle übernommen, die das Gottvertrauen in der alten Gesellschaft hatte. Über die Folgen des geschwundenen Vertrauens in sie müssen wir nachdenken.“</em> Da aber Wissenschaften nie unabänderliche Glaubenssätze verkünden können, wenn sie nicht zum Religionsersatz mutieren wollen, werden im guten Falle moderate Religionen, im schlechten Falle kryptoreligiöse Verschwörungstheorien attraktiv.</p>
<p>Michael Butter hat in seinem Buch „‘Nichts ist wie es scheint‘ – Über Verschwörungstheorien“ (Berlin, Suhrkamp, 2018) dieses Dilemma beschrieben: <em>„Wenn Verschwörungstheoretiker also behaupten, dass alles miteinander verbunden ist, es keinen Zufall gibt und dass alles, was geschieht, so von jemandem beabsichtigt wurde, geben sie einer zutiefst menschlichen Neigung Ausdruck, die evolutionär sinnvoll, aber eben auch irreführend wird.“</em> Auf Corona bezogen bedeutet dies beispielsweise, dass nicht das die Krankheit verursachende Virus, sondern der Impfstoff, als dessen Hauptinteressent und -verteiler Bill Gates benannt wird, den Körper der Gläubigen infizieren wird. Das könnte plausibel klingen, wenn – und das ist bei Verschwörungstheorien immer die erste Voraussetzung – die grundlegende Prämisse der Gedankenkette akzeptiert beziehungsweise geglaubt wird.</p>
<p>Strukturell unterscheiden sich Verschwörungstheorien nicht von religiösen Überzeugungen. Michael Butter versteht in seinem Beitrag zu „Jenseits von Corona“ Verschwörungstheorien als <em>„Reaktion auf Unsicherheit und Kontrollverlust.“</em> Er verweist auf Ergebnisse psychologischer Forschung, <em>„dass Menschen, die Ambivalenzen oder Unsicherheit schlecht akzeptieren können oder sich ohnmächtig fühlen, besonders empfänglich für Verschwörungstheorien sind. (…) Verschwörungstheorien schaffen so die Sicherheit, die Wissenschaft und Politik nicht bieten können.“ </em></p>
<p>Verschwörungstheorien werden – so Michael Butter – <em>„besonders gefährlich“</em>, wenn sie <em>„von Regierenden artikuliert werden, die entweder von ihrer Richtigkeit überzeugt sind oder sie strategisch einsetzen.“</em> Donald Trumps Rede vom „China-Virus“ erfüllt diese Bedingung. Ob Trump selbst daran glaubt, ist irrelevant, entscheidend ist die Wirkung. Seriöse Wissenschaft wird durch ein solches Vorgehen delegitimiert. Mit wissenschaftlichen Ergebnissen zur Klimakrise gehen Trump und vergleichbare Politiker – in der Regel fast alle Männer – ebenso um.</p>
<p>Immerhin: <em>„In Deutschland gibt es über das politische Spektrum hinweg noch immer eine breite Mehrheit, die Verschwörungstheorien ablehnt und der Wissenschaft vertraut.“ </em>Die Debatte um die Feinstaubbelastung um den Jahreswechsel 2018/2019 belegt allerdings, dass auch deutsche Medien und deren Nutzer*innen anfällig für sogenannte „alternative Fakten“ sind, die sich nachher als unhaltbar herausstellen. Andererseits deutet das Tempo, in dem die Unhaltbarkeit von alternativen Thesen und Fakten erwiesen und akzeptiert wurde, darauf hin, dass Michael Butter mit seiner optimistischen Einschätzung Recht behalten könnte. Trotz Internet und sogenannten sozialen Netzwerken <em>„glauben jedoch noch immer noch deutlich weniger Menschen an Verschwörungstheorien als vor 100 oder 200 Jahren.“ </em>In Deutschland, in anderen Ländern könnte es anders aussehen.</p>
<p>Gleichwohl sollten wir uns nicht nur mit der beschriebenen diffusen Gefühlslage befassen, wenn wir darüber nachdenken, warum Verschwörungstheorien zurzeit ein größeres Publikum erreichen. Herfried Münkler (in „Die Corona-Gesellschaft“) versucht ihre Attraktivität damit zu erklären, dass die bisherigen Lösungsansätze für Konflikte – „Frieden als Lösung nahezu aller Probleme“ – angesichts der Pandemie nicht mehr zureichen. „<em>Diese Paradoxie zu begreifen oder überhaupt in Paradoxien zu denken, hat einen erheblichen Teil der Bevölkerung intellektuell überfordert (…). Verschwörungstheorien sind eine strukturelle Leugnung des paradoxen; indem sie auf einer linearen Beziehung zwischen intendierter Ursache und Wirkung bestehen, verlangen sie zu einer beobachteten Wirkung auch einen Verursacher.“</em> Das mag etwas arrogant gegenüber der Bevölkerung klingen, ist es im Grunde auch, aber Politiker*innen sind ebenso Teil der Bevölkerung und ähnlich <em>„überfordert“</em>.</p>
<p>Über Jahrzehnte standen Auf- und Abrüstung von Militär, Friedensverhandlungen und internationale Verträge im Mittelpunkt der politischen Bemühungen. Auseinandersetzungen um Handelsinteressen wurden zu „Handelskriegen“ hochgejazzt. Und gleichzeitig ist die Hilflosigkeit der Politik vor allem von NATO, USA und EU bei den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Zeit nach dem sogenannten Arabischen Frühling sichtbar. Wie soll diese Generation von Politiker*innen dann mit einem unsichtbaren Gegner fertigwerden? Martialisches Vokabular fiele von vornherein als geeignetes Gegenmittel aus, doch auch dieses hat Konjunktur.</p>
<p>So weit die Analyse. Was dies für die einzelnen Menschen bedeutet, die sich auf Demonstrationen und anderweitig gegen die verhängten Maßnahmen engagieren, ist eine andere Frage. Möglicherweise verstärkt die Form der Kritik an dem Verhalten dieser Menschen das Problem, das die Kritik beseitigen möchte. Ein <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/corona-querdenker-konstanz-demonstration-1.5056095">Gastbeitrag von Christoph Brauer, Johannes Pantenburg, Johanna Puth und Benedikt Sepp in der Süddeutschen Zeitung</a> versuchten diese Frage zu beantworten: <em>„Denn viele dieser Wissensmanufakteure sind keine hartgesottenen Verschwörungstheoretiker. Sie sind eher von der Komplexität, der Wandelbarkeit und Mehrdeutigkeit der akademischen Wissenschaft verunsichert. Sie klammern sich an die Hoffnung, dass gesunder Menschenverstand und Intuition der akademischen Epistemologie überlegen seien. Dabei sind sie vom nachvollziehbaren Wunsch getrieben, die alte Normalität wiederherzustellen. Sie jetzt mit Fachbegriffen und Nazi-Vorwürfen von oben herab widerlegen zu wollen, würde den Großteil der ‚Querdenker‘ jedoch tatsächlich zu jenen Verschwörungstheoretikern machen, als die sie jetzt schon gesehen werden.“ </em></p>
<p>Die Autor*innen beschließen den zitierten Absatz mit dem Wunsch nach einer „<em>kluge(n) Informationspolitik vonseiten der Regierung und Wissenschaft (…), um den Großteil dieser Menschen ohne subjektiven Gesichtsverlust auf den Boden der Tatsachen zurückkommen zu lassen.“ </em>Ob dies angesichts der allgemeinen Diskussionskultur überhaupt (noch) möglich ist, wäre eine weitere Frage. Oder ist dieser Zug längst abgefahren? Die Art und Weise, wie der Berliner Innensenator und drei Teilnehmende der Berliner Corona-Demonstration miteinander in einem <a href="https://www.zeit.de/2020/41/corona-demonstration-berlin-rechtsextremismus-verbot/komplettansicht">Streitgespräch der ZEIT</a> zu kommunizieren versuchten, stimmt mich offen gestanden nicht sehr hoffnungsfroh.</p>
<h3><strong>Ambiguitätstoleranz und „Risikopolitik“</strong></h3>
<p>Ambiguitätstoleranz ist ein sperriges Wort. Noch viel schwieriger ist es, sich ambiguitätstolerant zu verhalten. Sybille Krämer schreibt in „Jenseits von Corona“: <em>„Wenn der Zusammenhang der Welt gerade darin besteht, dass jedes Ereignis notwendige Begleitfolgen und mögliche Kollateralschäden hat, die nicht in der Absicht derjenigen standen, die dieses Ereignis intendierten, und falls dies einen Kern der Ambivalenzen des Realen ausmacht, dann bedeutet dies, der vertrauten Geste des Rechthabens, des Immer-schon-gewusst-Habens, die ruhige Aufmerksamkeit für das Reale entgegenzusetzen.“</em></p>
<p>Andreas Reckwitz plädiert in seinem Essay mit dem programmatischen Titel „Risikopolitik“ (in „Die Corona-Gesellschaft“) dafür, dass Politik von vornherein abwägen müsse, welche Haupt- und Nebenwirkungen ihre Maßnahmen haben könnten. Vergleiche mit <em>„historisch lange vergangenen Seuchen wie der mittelalterlichen Pest“</em> erklärt er für <em>„irreführend“</em>. Er schreibt mit Bezug auf Niklas Luhmann (1991): <em>„Entscheidend ist jedoch, ob man Epidemien oder andere negative Ereignisse als <u>Gefahr</u> von außen oder als beeinflussbares <u>Risiko</u> betrachtet.“ </em>Konsequenz: <em>„Die Politik des Negativen muss also häufig eine Risiko- und Folgenabwägung betreiben. Die größte Gefahr der Risikopolitik wäre damit ein Maximalismus, der absolute Sicherheit in einem Bereich anstrebt und damit andere Risiken systematisch unberücksichtigt lässt. Bildlich gesprochen: Am Ende stirbt man aus Angst vor dem Tod.“</em></p>
<p>Die Frage liegt nahe, wie in diesem Kontext repressive Maßnahmen wie Ausgangssperren, Begrenzungen der Bewegungsfreiheit, Maskenpflicht, Schließungen von Geschäften, Restaurants und Schulen zu bewerten sind. Stefan Hirschauer, Professor für Soziologie und Gender Studies, in „Die Corona-Gesellschaft“: <em>„Die allgemeine Erhöhung körperlicher Distanz ist nur ein physischer Ausdruck für ein akutes Wissensdefizit. (…) / Bei der Behebung dieses Defizits muss sich die Gesellschaft mühsam auf die Zeithorizonte und die Streitkultur bei der Generierung wissenschaftlichen Wissens einstellen.“</em> Wenn eine öffentliche Debatte sich jedoch auf Fragen des Infektionsschutzes beschränkt, werden viele Menschen den Eindruck haben, es werde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Und so schwindet mit der Zeit die Akzeptanz von Maßnahmen. Alternativen scheint es nicht zu geben, sodass sich viele Menschen diese Alternativen selbst schaffen.</p>
<p>Markus Gabriel fragt in „Jenseits von Corona“ mit Recht danach, „<em>welche politischen Akteure sich in den kommenden Jahren die Deutungshoheit über die Corona-Krise sichern werden, da wir derzeit noch im Modus von Infektionsschutzgesetzen und Ausnahmezuständen regiert werden.“</em> Diese Frage ist auch in der Zeit zwischen Niederschreiben dieser Sätze, ihrer Veröffentlichung und meiner Rezeption nicht weniger aktuell. An dem Tag, an dem ich die ersten Sätze dieses Essays schrieb, lagen die täglichen Infektionszahlen erstmals nach Monaten wieder über 4.000, inzwischen liegen sie bei etwa 14.000, Tendenz steigend.</p>
<p>Welche Risiken bestehen? Welche Risiken sind wir schon eingegangen? Welche Risiken haben wir (noch) nicht bedacht? Das sind Fragen, die sich Politiker*innen stellen müssen, nicht nur in der guten Absicht des deutschen Gesundheitsministers, der im März 2020 darauf hinwies, dass wir nach Ende der Pandemie einander <em>„viel</em> <em>zu verzeihen“</em> hätten. Erforderlich ist eine Analyse, welche Nebenwirkungen die Gesellschaft langfristig beschädigen und welche möglicherweise auch Vorteile mit sich brachten. Gefährlich ist auf jeden Fall eine Aufteilung der Welt in <em>„Gefährder“</em> und <em>„Gefährdete“.</em> Gabriele Klein und Katharina Liebsch in „Die Corona-Gesellschaft“: <em>„Aus Vorerkrankten werden ‚Gefährdete‘, aus Kindern ‚Gefährder‘. Neue Klassifikationen von Körpern kommen hinzu, so z.B. ‚Corona-Infizierte‘, ‚Getestete‘ und ‚Geheilte‘.“</em></p>
<h3><strong>Ist die Corona-Krise auch eine Verfassungskrise?</strong></h3>
<p>Franz Mauelshagen weist in „Die Corona-Gesellschaft“ darauf hin, dass wir im Grunde <em>„nur die alten Mittel, die sich in der europäischen Geschichte schonmehr als einmal bewährt haben“</em>, anwenden: <em>„Die Mittel der Staatsgewalt“</em>. Er zitiert Thomas Hobbes‘ Bild des <em>„Leviathan“</em> und fordert, dass repressive Maßnahmen <em>„die Ausnahme bleiben“</em>. Gefahr droht, wenn das „Vertrauen in die Stabilität unserer politischen Systeme“ schwindet. <em>„Wo es wankt, droht Instabilität. Und wo der Ausnahmezustand in Permanenz überführt werden soll, da ist die Demokratie in Gefahr.“</em> Es folgen die zurzeit gängigen Beispiele von Ungarn über Polen bis hin zu den USA.</p>
<p>Ist diese Gefahr so neu? Oder verstärkt die Corona-Krise lediglich Tendenzen, die in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin schon debattiert wurden. Jedes Mal, wenn eine Partei in den Deutschen Bundestag einzog, die dort nicht schon 1949 vertreten war, wurde für die Zukunft Unregierbarkeit vermutet. Bildeten mehr als zwei Parteien die Regierung oder wurde eine Minderheitsregierung ins Amt gewählt, wurde der baldige Zusammenbruch dieser Regierung prognostiziert. Nichts davon geschah.</p>
<p>Viel entscheidender ist ein anderer Diskurs. Stefan Marschall schreibt in der Ausgabe von “Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Parlamentarismus“ (Ausgabe vom 14. September 2020) über <em>„Entparlamentarisierungsdiskurse, festgemacht am Informationsungleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative“</em> sowie <em>„die Krisendominanz der Exekutive“</em>, die sich zurzeit in der Corona-Krise zeige. Es geht damit meines Erachtens um Praxis und Praktikabilität von Gewaltenteilung. Von einer Art <em>„Ermächtigung“</em> der Regierung, wie wir sie zu Beginn der Corona-Krise in Ungarn feststellten, sind wir in Deutschland weit entfernt. Es gibt in Deutschland auch nicht – wie in den USA – einen „Supreme Court“, der die Kompetenzen einer dritten legislativen Kammer hätte und damit jeden Beschluss von Kongress und Senat aushebeln könnte. Gerichte haben auch in Deutschland mehrfach der Exekutive Grenzen gezeigt, dabei aber stets die Entscheidung über die Umsetzung ihrer Monita an die Parlamente zurückverwiesen.</p>
<p>Diskutiert wird auch die Frage, ob es eine Art „Notparlament“ geben könnte, das den Deutschen Bundestag oder einen Landtag auf eine geringe Zahl von Abgeordneten reduziere. Stefan Marschall verweist auf den aus 48 Mitgliedern aus Bundestag und Bundesrat (im Verhältnis 32:16) bestehenden „Gemeinsamen Ausschuss“, der <em>„für den Fall des militärischen Angriffs auf das Bundesgebiet“</em> gebildet werden könnte. Der Bundestagspräsident sowie das Land Berlin schlugen vor, dass für den Fall einer Pandemie vergleichbar ein <em>„Notparlament“</em> eingerichtet werden könnte. <em>„Diese Initiative wurde durch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Abgeordnetenhauses </em>(in Berlin)<em> geprüft, aber letzten Endes als rechtlich problematisch eingestuft.“</em></p>
<p>Stefan Marschall spricht aber nicht ohne Grund von <em>„Tendenzen einer ‚Exekutivierung‘ der deutschen Politik.“</em> Die Exekutive sei in der Corona-Krise <em>„abermals gestärkt worden“</em>. Zur Folge habe dies, dass vor allem die Rechte der Opposition nicht mehr in dem Maße wie erforderlich ausgeübt werden könnten. <em>„Die ‚Stunde der Exekutive‘ ist vor allem keine ‚Stunde der Opposition‘. Sie ist keine Zeit der parlamentarischen Kontrolle und der kritischen Diskussion (…).“ </em>Im Oktober 2020 fordern Abgeordnete verschiedener Parteien eine Rückgabe der Entscheidungskompetenz an die Parlamente. Die zurzeit entscheidende Runde der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident*innen ist sicherlich ein wichtiges Konsultationsgremium, Entscheidungskompetenzen hat sie nicht, obwohl sie gerade diesen Eindruck erweckt. Im Grundgesetz ist eine solche Runde nicht vorgesehen. Über Gesetze entscheidet der Bundestag, bei die Länder betreffenden Gesetzen auch der Bundesrat.</p>
<p>In „Jenseits von Corona“ und in der Corona-Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ kommen zwei ehemalige Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts zu Wort, Hans-Jürgen Papier und Andreas Voßkuhle. Hans-Jürgen Papier kommt zu dem Schluss: <em>„Für den epidemischen Notstand von nationalem Ausmaß fehlt indes nach wie vor eine rechtlich hinreichende Vorsorge.“</em> Dies liege auch daran, dass das 2002 in Kraft gesetzte Infektionsschutzgesetz von regional begrenzten Infektionslagen ausging. <em>„Die gegenwärtige Besonderheit ist aber, dass die Corona-Pandemie Deutschland insgesamt und die ganze Welt erfasst.“</em></p>
<p>Zu prüfen sei regelmäßig Berechtigung und Rechtmäßigkeit der <em>„Aufrechterhaltung oder Wiedereinführung“</em> von Maßnahmen der Regierung(en). Vor allem geht es um <em>„Eingriffe in das Eigentum und in die Berufsfreiheit“</em>, die als <em>„ausgleichspflichtige Sozialbindungen“</em> bezeichnet werden könnten und daher <em>„Entschädigungsregelungen von Verfassungs wegen</em>“ nach sich ziehen müssten. Massiv betroffen sind im Hinblick auf die <em>„Berufsfreiheit“ </em>so unterschiedliche Gruppen wie Künstler*innen, Besitzer*innen und Mitarbeiter*innen in Hotellerie, Sexarbeiter*innen.</p>
<p>Hans-Jürgen Papier nennt <em>„berechtigte Zweifel, ob die rechtfertigungsbedürftigen Beschränkungen – gerade in den Zeiten einer Lockerung – vonseiten der Entscheidungsträgerinnen und -träger immer richtig und plausibel begründet werden können.“ </em>Als Beispiele nennt er Quadratmeterregelungen und Benennung von Branchen, die öffnen dürfen oder geschlossen bleiben müssen. Inwieweit Einschränkungen des Flugverkehrs oder wirtschaftliche Folgen für Restaurants, Bars, Kultureinrichtungen als Eingriffe in das Eigentumsrecht betrachtet werden könnten, wird von interessierter Seite vorgetragen. Beherbergungsverbote wurden kaum 24 Stunden nach Verkündung von Gerichten kassiert. Es gilt das „<em>Übermaßverbot“</em>.</p>
<p>Andreas Voßkuhle nähert sich in „Jenseits von Corona“ der Frage nach den verfassungsrechtlichen Grundlagen grundsätzlich. Ein rechtspositivistischer Zugang ist nicht praktikabel: <em>„Wir wissen wenig und trotzdem müssen wir handeln.“</em> In diesem Sinne besteht geradezu eine <em>„Paradoxie der Prävention“</em>: <em>„Je zutreffender die Prognose ist und je effizienter die auf ihrer Grundlage getroffenen Maßnahmen, desto unklar ist, ob es letzterer wirklich bedurft hätte.“ </em>Es gehe schließlich darum, <em>„Rationalitätsdefizite immer wieder selbst zum Thema zu machen und dadurch einen dauerhaften gemeinwohlbezogenen Reflexions- und Argumentationszusammenhang zu kreieren. Genau in diesem Punkt unterscheidet sich die dem Rationalitätsideal verpflichtete gesellschaftliche Ordnungsbildung grundlegend von anderen bekannten Formen der Ordnungsbildung, die z.B. auf Gewaltandrohung, charismatischer Führung oder Rekurs auf quasi-instinktiv wirksame Traditionsbildung beruhen können.“</em></p>
<p>Dies ist im Grunde ein konstruktivistischer Ansatz. Wir brauchen <em>„Strategien im Umgang mit Unsicherheit“</em>. Entscheidungen können sich als falsch oder als unwirksam herausstellen, Nebenwirkungen sind möglich und sogar wahrscheinlich. Sybille Krämer und Andreas Voßkuhle sprechen beide von Demut, Sybille Krämer nennt es <em>„epistemische Demut“</em>, Andreas Voßkuhle hofft darauf, dass <em>„diese Demut unsere Neigung zur retrospektiven Besserwisserei etwas relativieren würde und unser Vertrauen in den rationalen Umgang mit Nichtwissen stärken sollte“. </em>Aber dies ist möglicherweise weniger eine Frage des Verfassungsrechts als eine Frage der politischen Kommunikation. Solange Politiker*innen dazu neigen, sich selbst ultimative Problemlösungskompetenz zuzubilligen, fehlt diese <em>„Demut“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2020, Internetlinks wurden am 18. September 2022 auf ihre Richtigkeit überprüft. Titelbild: Pixabay.)</p>
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