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	<title>Verschwörungstheorie Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Where is the End, the End, my Friend</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/where-is-the-end-the-end-my-friend/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Feb 2025 14:22:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Where is the End, the End, my Friend  Kosmologische Reflexionen in der Science Fiction „Auf den ersten Blick in den Nachthimmel erscheint das Kosmologische Prinzip ziemlich abwegig. (…) Das Kosmologische Prinzip ist also plausibel. Aber eine unanfechtbare Wahrheit ist es nicht.“  (Tobias Hürter / Max Rauner, Die verrückte Welt der Paralleluniversen, München / Zürich,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Where is the End, the End, my Friend  </strong></h1>
<h2><strong>Kosmologische Reflexionen in der Science Fiction </strong></h2>
<p><em>„Auf den ersten Blick in den Nachthimmel erscheint das Kosmologische Prinzip ziemlich abwegig. (…) Das Kosmologische Prinzip ist also plausibel. Aber eine unanfechtbare Wahrheit ist es nicht.“  </em>(Tobias Hürter / Max Rauner, Die verrückte Welt der Paralleluniversen, München / Zürich, Piper, 2009)</p>
<p>Wie man auch immer <a href="https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/kosmologie/das-kosmologische-prinzip/"><em>„das Kosmologische Prinzip“</em></a> definieren mag, verändert sich die Sicht auf die Welt, in der räumlichen Ausdehnung bis hin zu dem, was möglicherweise hinter den Grenzen unseres Universums zu finden wäre, wenn es die nun gibt, oder auch in der Zeit, vor dem Urknall, unmittelbar danach und in der Zukunft. Wie auch immer stellt sich die Frage, wie das Ende der Menschheit, des Planeten Erde oder gar des Universums geschehen mag. Pro und Contra oder besser: Viele Pros, viele Contras und sehr viel dazwischen. Eine Fundgrube für Science und Fiction, erst recht für die kosmologische Science Fiction. Und wer sind dann wir, die Menschen? Oder anders gefragt: Wo sind wir? Im Raum, in der Zeit?</p>
<p>Die Menschheit wird auf der Erde ein Ende erleben. Spätestens wenn sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufbläht. Aber bis dahin kann viel geschehen, der Einschlag eines Kometen zum Beispiel. Es wäre nicht das erste Mal. Zurzeit, zu Beginn des Jahres 2025, wird debattiert, <a href="https://www.zeit.de/wissen/2025-02/asteroid-2024-yr4-einschlag-erde-gefahr-astronomie">ob im Jahr 2032 möglicherweise ein Asteroid die Erde treffen könnte</a>, kleiner als der, der vor 65 Millionen Jahren einschlug, aber dennoch mit verheerenden Auswirkungen, etwa vielleicht so wie das Tungusische Ereignis, dass es schon mehrfach in die Literatur geschafft hat (Karlheinz Steinmüller beschrieb dies in seinem Beitrag zum Science Fiction Jahr 2023, Berlin, Hirnkost, 2023). We should look up! In den USA ist das sogar politisches Programm, nicht in dem Sinne, dass die Erde besser geschützt werden sollte, sondern Evakuierung der Menschheit zum Mars – das ist die Politik gewordene Fantasie eines Milliardärs und seines Präsidenten, die neue <em>„New Frontier“</em>, die neue <em>„Manifest Destiny“. </em>Die kosmologische Science Fiction jedoch wagt sich viel weiter hinaus und spekuliert nicht nur über das Ende der Menschheit und des Planeten Erde, sondern gleich über das Ende des Universums.</p>
<h3><strong>Der Mensch im Kosmischen Kalender</strong></h3>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignright wp-image-5708 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-724x1024.jpg 724w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-768x1086.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002-800x1131.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Kosmischer-Kalender-002.jpg 905w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" />Wie lange dauert ein Menschenleben? Wie lange wird die Menschheit existieren, wie lange die Erde, die Sonne, das Universum? Gibt es ein ewiges Leben für Menschen, Intelligenz oder das Universum? Oder endet alles irgendwann im Nichts? Wann begann das Leben auf der Erde und wann wird es enden? Ist das Universum für intelligentes Leben ausgerichtet? Können Zivilisationen am Ende des Universums überleben? Können Superzivilisationen den Sprung in ein neues Universum überstehen und vielleicht sogar die Bedingungen in einem neuen Universum gestalten?</p>
<p>Dies sind Fragen nicht nur der Science-Fiction-Literatur, sondern auch der wissenschaftlichen Kosmologie der Gegenwart. Der Austausch zwischen Wissenschaft und Literatur gehört zu den philosophisch anregenden Diskursen der Gegenwart. Es sind Themen der Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen, die zum Standardrepertoire der großen Weltreligionen gehören, die sich seit dem Aufsatz <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1969Obs....89..193R/abstract">„The Collapse of the Universe: An Eschatological Study“</a><em> (</em>1969) von Sir Martin Rees auch in der wissenschaftlichen Kosmologie niedergeschlagen haben. Science-Fiction-Literatur bearbeitete solche Themen schon zuvor mit bemerkenswertem philosophischem Tiefgang.</p>
<p>Kosmologische Science-Fiction Literatur bearbeitet, wenn sie gut ist, ähnliche Narrative wie die Weltreligionen. Als Lehre von den letzten Dingen werden Fragen nach dem Tod, der Auferstehung oder Wiedergeburt, der Eingang ins Nirwana, das ewige Leben, das Jüngste Gericht bis hin zum Aufstieg zu einem Leben an der Seite eines Gottes oder gleich mehrerer Götter behandelt. Dabei gehen diese fundamentalen kulturellen Lehren der Menschheit davon aus, dass die menschliche Seele nach dem Vergehen der körperlichen Hülle ewig weiterlebt, in eine Gemeinschaft körperloser Wesen aufgenommen wird und dass ein Weiterleben in einer in der Regel als „Paradies“ beschriebenen Wirklichkeit möglich ist.</p>
<p>Schauen wir einmal auf die großen Zeiträume, die die Menschen überblicken können.</p>
<p>Das Universum entstand nach allgemeiner wissenschaftlicher Kenntnis vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren aus dem Urknall. Wenn man die Zeit nach dem Urknall auf einen Jahreskalender, also einen Zeitraum von zwölf Monaten, überträgt, dann beginnt das Universum im Januar, die Milchstraße entsteht im März, die Sonne und die Planeten im August, erstes Leben auf der Erde im September. Und wann beginnt die Geschichte des Menschen? Der Homo sapiens erscheint auf der Bildfläche der Erde vor sechs Millionen Jahren, in einer Jahresdarstellung am 31. Dezember um 09:11 Uhr. Eine Sekunde vor Mitternacht, in dieser Darstellung, in der Realgeschichte im Jahre 1492, „entdeckt“ Christopher Kolumbus Amerika. Die Menschheit ist also nach kosmischen Maßstäben gemessen im Alter eines Neugeborenen, unbedarft und schutzbedürftig.</p>
<p>Wenn es intelligente Zivilisationen außerhalb der Erde geben sollte, dann hätten diese eigentlich genug Zeit gehabt, das Universum zu entdecken und zu besiedeln. Wo sind sie? Das <a href="http://www.leben-im-all.de/Fermi_Paradoxon.php">Fermi-Paradoxon</a> ist noch immer ungelöst.</p>
<p>Die menschliche Lebenserwartung im zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts liegt in Deutschland bei Männern bei ungefähr 78 Jahren und bei Frauen bei 83 Jahren. Das biblische Alter von 100 Jahren erreichten von den im Jahre1900 geborenen lediglich ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Von den im Jahre 2000 geborenen Einwohnern Deutschlands könnten nach Prognosen bereits etwa die Hälfte das hundertste Lebensjahr erreichen.</p>
<p>Die Lebenserwartung von Menschen ist, verglichen mit kosmischen Ereignissen, derart gering, dass alle Zeiten des Homo sapiens völlig unbedeutend sind. Auch die Zeit der menschlichen Kultur ist nur dreihunderttausend Jahre alt, seitdem der Homo sapiens von Afrika aus, wo die ältesten kulturellen und technologischen Zeugnisse gefunden wurden, in die Welt gewandert ist. Die Zeit der Dinosaurier auf der Erde wird dagegen mit ungefähr 170 Millionen Jahren angegeben. Ihre Existenz wurde durch einen Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren abrupt beendet. Alles Leben auf der Erde ist von kosmischen Ereignissen abhängig.</p>
<p>Blicken wir in die weite Zukunft: Die Sonne befeuert alle Lebenszyklen auf der Erde. Ohne sie wird alles Leben auf dem Planeten Erde sterben. Die Sonne entstand vor ungefähr 4,6 Milliarden Jahren und sie wird sich in ungefähr sechs Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen aufblähen, der alles Leben auf der Erde schon weit vor dieser Zeit ausgelöscht haben wird. Einige Milliarden Jahre weiter in der Zukunft wird aus der Sonne ein kalter und dunkler Weißer Zwerg werden. Für die Menschheit bedeutet dies, dass sie bereits lange vor dem Ende der Sonne zu einer raumfahrenden Zivilisation geworden sein und die Erde verlassen haben muss.</p>
<h3><strong>Zukunft der Menschheit – Zukunft des Kosmos</strong></h3>
<p>Eine andere Möglichkeit wäre es, die Erde selbst zu einem Raumfahrzeug umzubauen und sich ein anderes, junges Sonnensystem als Energiequelle zu suchen. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> hat darüber in seiner Novelle „Die Wandernde Erde“ (2000, 2018) geschrieben.</p>
<p>Unsere Nachkommen würden zu interstellaren Nomaden werden müssen, die von Sternensystem zu Sternensystem wandern. Cixin Liu hat dies für seine „Galactic Humans“ in dem dritten Band seiner Drei-Sonnen-Trilogie ausgearbeitet: „Jenseits der Zeit“ (2010, 2019). Die dafür anzusetzenden Zeiten erscheinen uns aus heutiger Sicht sehr lange zu sein, aus kosmischer Perspektive allerdings sind solche Zeiträume, verglichen mit dem Alter und der Lebenserwartung des Universums, immer noch äußerst gering.</p>
<p>Die Möglichkeiten für interstellare Zivilisationen, von einem ausgebrannten zu einem jungen Sternensystem zu emigrieren, werden im Laufe der Milliarden von Jahren immer geringer, bis zu dem Zeitpunkt, an dem <u>alle</u> Sterne erloschen sein werden. Gibt es dann überhaupt noch eine Lebensmöglichkeit für Zivilisationen in unserer Galaxis?</p>
<p>Die theoretische kosmologische Physik sagt: ja, Leben ist auch nach dem Erlöschen aller Sterne möglich – und zwar durch das Anzapfen der letzten Schwarzen Löcher. Wir sind jetzt in der Zeitbetrachtung von hunderttausend Milliarden Jahren angelangt. Das Universum ist kalt, dunkel, leer und lebensfeindlich, bis auf die letzten Zwergsterne, Neutronensterne und Schwarzen Löcher, die noch Energiequellen darstellen.</p>
<p>Noch weiter vorausgedacht in die Zeit von Billionen mal Billionen Jahren in der Zukunft, sieht <a href="https://www.stephen-baxter.com/">Stephen Baxter</a> in seinem tiefgründigen Buch „Deep Future“ (2001) die Bergleute des Schwarzen Loches am Werk. Sie sind in der Lage, Gravitationsenergie aus dem Schwarzen Loch anzuzapfen und für ihre Zwecke zu nutzen. Sie können Schwarze Löcher verschmelzen und dabei Gravitationsenergie gewinnen. Oder den sogenannten <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/astronomie/penrose-prozess/331">Penrose-Prozess</a> nutzen, bei dem aus einem rotierenden Schwarzen Loch Energie extrahiert werden kann.</p>
<p>Dies alles sind theoretische physikalische Konstrukte am Ende von allem, aber sicher ist, dass Schwarze Löcher die größte und langlebigste Energiequelle des Universums sind. Deshalb könnten intelligente Zivilisationen auch am Ende des Universums überleben und vielleicht wäre dies sogar die beste Zeit für Leben im Universum. Insgesamt betrachtet wird allerdings niemand und nichts dem <a href="https://www.cosmos-indirekt.de/Physik-Schule/Zweiter_Hauptsatz_der_Thermodynamik">zweiten Hauptsatz der Thermodynamik</a> entkommen können: die Entropie, also die Unordnung, wird sich im Universum zu einem Zustand größter Verteilung entwickeln.</p>
<p>Oder wird es eine Neugeburt des Universums geben?</p>
<p>Am Ende von allem wird nichts und niemand überleben können. Oder doch? Wir sind jetzt in Ewigkeitsbetrachtungen angekommen. Dennoch wird Leben auch am Ende von allem und darüber hinaus für möglich gehalten. Die Wissenschaft spekuliert darüber und die Science-Fiction-Literatur spekuliert darüber.</p>
<p>Alle Materie ist jetzt, am Ende von allem, in Energie umgewandelt. Aber ein wie auch immer geartetes Überleben in Form von Energiewesen erscheint den Vertretern der kosmologischen Physik noch immer möglich zu sein. Es wird sogar diskutiert, dass sich das Leben am Ende von allem einfach ein neues Universum nach seinen Wünschen konstruiert, die Naturgesetze nach dem eigenen Willen gestaltet und darin oder in einem verschachtelten Multiversum als körperlose Energiewesen auf ewig weiterleben kann.</p>
<h3><strong>Endzeitszenarien in der Wissenschaft</strong></h3>
<div id="attachment_5710" style="width: 197px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.dieter-von-reeken.de/#Fritz%20Heidorn"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5710" class="wp-image-5710 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Heidorn_Kurz_Ewig-187x300.jpg" alt="" width="187" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Heidorn_Kurz_Ewig-187x300.jpg 187w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Heidorn_Kurz_Ewig-200x320.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Heidorn_Kurz_Ewig.jpg 291w" sizes="(max-width: 187px) 100vw, 187px" /></a><p id="caption-attachment-5710" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die physikalische Wissenschaft von den kosmologischen letzten Dingen ist ähnlich spannend und spekulativ wie Science-Fiction-Erzählungen über das Ende von allem. Beide, Wissenschaft und Science-Fiction habe sich gegenseitig befruchtet und waren manchmal kaum noch zu unterscheiden. Ich habe darüber in meinem Buch „Kurz vor Ewig – Kosmologie und Science-Fiction“ (2016) geschrieben und Bezüge zu wichtigen Themen aus Wissenschaft und Literatur hergestellt.</p>
<p>Für die Diskussionen in der kosmologischen Wissenschaft werden unter anderen die Arbeiten von Freeman Dyson, Stephen Hawking und Frank J. Tipler als Meilensteine angesehen.</p>
<p><a href="https://www.ias.edu/scholars/dyson">Freeman J. Dyson</a> hat in seiner grundlagengebenden Studie: „Time Without End – Physics and Biology in an open Universe“ (1979) über ein offenes, unendliches Universum geschrieben: <em>„Es werden quantitative Schätzungen für drei Klassen von Phänomenen abgeleitet, die in einem offenen kosmologischen Modell vom Friedmann-Typ auftreten können. (1) Normale physikalische Prozesse, die mit sehr langen Zeitskalen ablaufen. (2) Biologische Prozesse, die sich ergeben, wenn sich das Leben an niedrige Umgebungstemperaturen anpasst nach einem postulierten Skalierungsgesetz. (3) Kommunikation per Funk zwischen Lebensformen die in verschiedenen Teilen des Universums existieren. Die allgemeine Schlussfolgerung der Analyse ist, dass ein offenes Universum sich nicht in einen Zustand des permanenten Stillstandes entwickeln muss. Leben und Kommunikation können ewig weitergehen und einen endlichen Energievorrat nutzen, wenn die angenommenen Skalierungsgesetze gültig sind.“</em></p>
<p>Als erste grundlegende wissenschaftliche Arbeit über das Ende des Universums wird der von mir bereits erwähnte Aufsatz des britischen Astronomen Sir Martin Rees angesehen: „The Collapse of the Universe: An Eschatological Study“<em> (</em>1969). Rees benutzt den unwissenschaftlichen Begriff der Eschatologie, der aus den Religionswissenschaften stammt, für seine mathematische Ableitung der theoretischen Abläufe beim Ende des Universums. Martin Rees hat außerdem mehrere populäre Sachbücher über diese Thematik geschrieben, von denen diese drei im Diskussionskontexts bedeutsam sind: „Vor dem Anfang – Eine Geschichte des Universums“ (1998), „Das Rätsel unseres Universums – Hatte Gott eine Wahl?“ (2003) und „Unsere Zukunft – Perspektiven für die Menschheit“ (2020).</p>
<p><a href="https://www.britannica.com/biography/Stephen-Hawking">Stephen Hawking</a> hat mit seinem Sachbuch-Bestseller <em>„Eine kurze Geschichte der Zeit“</em> (1988) das Thema der Raum-Zeit im Universum für das große Weltpublikum aufgeschlossen und populär gemacht.</p>
<p><a href="https://sse.tulane.edu/frank-j-tipler">Frank J. Tipler</a> wird im Gegensatz zu den beiden vorher genannten Autoren als kontrovers angesehen und die meisten seiner Wissenschaftskollegen lehnen seine Schlussfolgerungen ab, über die er in seinem Bestseller „Die Physik der Unsterblichkeit – Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten“ (1994) schreibt. Gegenwärtig allerdings nähern sich seine damals als abstrus angesehenen Schlussfolgerungen den Diskursen in Wissenschaft und Literatur wieder an und werden von vielen Menschen in Erwägung gezogen.</p>
<p>Ein weiterer bedeutender theoretischer Physiker und Vertreter der Stringtheorie ist <a href="https://www.coasttocoastam.com/guest/kaku-michio-5587/">Michio Kaku</a>, der Inhaber der Henry Semat Professur am City College of New York ist. Kaku ist außerdem ein brillanter Didaktiker und sehr erfolgreicher Sachbuchautor, der selbst hochtheoretische Beiträge der Kosmologie anschaulich in seinen Vorträgen und Büchern vermitteln kann. Kaku hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, an dieser Stelle möchte ich auf eins besonders hinweisen: „Parallel Worlds – A Journey Through Creation, Higher Dimensions and the Future of the Cosmos” (2005, Deutsch: „Im Paralleluniversum. Eine kosmologische Reise vom Big Bang in die 11. Dimension“, 2023). Dieses Buch ist meiner Meinung nach <u>das</u> Standardwerk für wissenschaftliche Endzeitbetrachtungen des Universums.</p>
<p>Kann man über dermaßen große und kaum vorstellbare Zeiten und Zustände sinnvolle, nachzuvollziehende und spannende Erzählungen schreiben? Ja, man kann. In der Geschichte der Science-Fiction haben dies bereits einige Autoren gut hinbekommen. Poul Anderson mit „Tau Zero“, Frederic Pohl mit seinem Gateway-Zyklus, Arthur C. Clarke und Gentry Lee mit der Rama Tetralogie und Cixin Liu mit der Drei-Sonnen Trilogie.</p>
<h3><strong>Über Endzeit schreiben</strong></h3>
<p>Wie gelingt es, aus theoretischen Erkenntnissen, die in der Fachsprache der Kosmologie, der höheren Mathematik, abgefasst sind, eine epische Erzählung zu verfassen, in der die Conditio Humana, also Liebe, Leidenschaft, Glück, Ängste, Traurigkeit, Hoffnung, Zuversicht, Überwinden von Misserfolgen, Gelingen überzeugend dargestellt und in eine spannende Handlung eingebettet werden? Wie gelingt es, zu den erwähnten Grundlagenarbeiten der wissenschaftlichen Kosmologie, von Martin Rees oder Freeman J. Dyson, eine korrespondierende Epik zu schreiben?</p>
<p>Beide Arbeiten finden Sie im Internet, liebe Leserin, lieber Leser. Schauen Sie doch einmal in diese Texte hinein und versuchen Sie, ihren Inhalt zu verstehen.</p>
<p>Die Aufgabe eines guten Schriftstellers, der über Endzeitszenarien schreibt, ist also auch – und ganz besonders – eine didaktische. Es gilt, die Conditio Humana mit der Kosmologie derart zu versöhnen, dass normale Menschen die Tiefe der Erkenntnismöglichkeiten der Physik, die weit jenseits unseres Erfahrungshorizonts liegen, auf ihre eigene Sichtweise von Welt beziehen und bewerten können. Dies beginnt immer mit der Frage: Interessiert mich das überhaupt? Wenn ja, warum? Was kann ich damit anfangen? Welche Erkenntnisse ziehe ich aus solchen kosmologischen Narrativen? Ändert sich etwas für mein Alltagsleben? Macht es Vergnügen, solche Narrative zu lesen? Trägt das Lesen solche Stoffe irgendetwas zu meiner Lebensgestaltung bei?</p>
<p>Solche Fragen sind ein Beispiel praktischer Philosophie. Die Antworten können Beispiele tiefgehender Erkenntnisphilosophie sein und sind dicht an dem dran, was Harald Lesch so vorbildhaft in seinen ZDF-Fernsehsendungen wie <a href="https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/lesch-und-co">„Terra X Lesch &amp; Co“</a> als populärwissenschaftliche spannende und gut präsentierte Erkenntnisse der Kosmologie vorführt.</p>
<h3><strong>Die Paradox-Trilogie von Phillip P. Peterson</strong></h3>
<p>Jetzt ist ein deutscher Autor in den Kreis der Großmeister der wissenschaftsgestützten kosmologischen Science-Fiction Literatur eingetreten und hat ein Meisterwerk abgeliefert: <a href="https://www.raumvektor.de/">Phillip P. Peterson</a> schreibt mit diesen drei Bänden eine Eschatologie über die Rolle des Menschen im Universum: „Paradox 1: Am Abgrund der Ewigkeit“ (2015), „Paradox 2: Jenseits der Ewigkeit“ (2017), „Paradox 3: Ewigkeit“ (2019)</p>
<p>Philip P. Peterson ist das Pseudonym für den Schriftsteller Peter Bourauel, der Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat, mit einer Doktorarbeit über Strahlenschäden am Fusionsreaktor ITER promoviert wurde und der einige Jahre an der RWTH Aachen geforscht und als Ingenieur am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahret gearbeitet hat. Der Roman <em>„Transport“</em> (2014) war sein erster publizierter Roman, im Selbstverlag herausgegeben, und gleich ein Erfolg. Sein Buch „Paradox“ (2015) war der nächste Erfolg und erhielt im Jahr 2016 den Kindle-Storyteller-Award, eine Nominierung beim Kurd-Laßwitz-Preis und den dritten Platz beim Deutschen Science-Fiction Preis.</p>
<p>Peterson entschied sich nach diesem ersten Publikationserfolg, seine Berufstätigkeit als Ingenieur aufzugeben und sich voll und ganz dem Schreiben zu widmen. Seine Bücher sind mittlerweile so erfolgreich, dass er sein Einkommen mit der Veröffentlichung von Büchern als Self-Publisher und der Veröffentlichung in renommierten Verlagen sichern kann.</p>
<p>Peterson verfügt über eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung und Arbeitserfahrungen in der Luft- und Raumfahrt. So liegt es nahe, ihn nach der Auswahl seiner Romanthemen und seiner Arbeitsweise zu befragen. Wie kommt er zu den sogenannten Hard-Science-Fiction Themen der tiefen Kosmologie? Philip P. Peterson schreibt dazu in einem Interview mit mir vom 11. Januar 2025: <em>„Kosmologie hat mich schon immer interessiert. Als Jugendlicher habe ich „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking verschlungen, das mich unheimlich fasziniert hat. Seitdem habe ich jedes Buch über Kosmologie gelesen, das ich in die Finger bekommen habe. Später </em>im<em> Studium habe ich auch Vorlesungen über Kosmologie besucht. Ich denke gerne darüber nach, welche Position der Mensch im Universum hat und diese Frage kann man sehr gut literarisch bearbeiten. Ich habe mich früher fürchterlich über Science-Fiction-Romane aufgeregt, die Raumfahrt, Kosmologie oder Wissenschaft im Allgemeinen nicht richtig darstellen. Ein gutes Beispiel ist, wenn Raumschiffe sich in Action-Romanen wie Flugzeuge bewegen. Das ist nicht korrekt und als Ingenieur kann ich so etwas kaum ertragen. Leider haben viele Romane solche Schwächen und ich habe als Autor mit dem Anspruch begonnen, es besser zu machen und Technik und Wissenschaft realistisch darzustellen – auch wenn ich mir gerne künstlerische Freiheiten nehme. / Mein Wissen über Raumfahrt habe ich natürlich im Studium und bei meiner Arbeit als Ingenieur gelernt. Dazu kommt ein tiefes Interesse für diese Themen. Ebenso wie für Literatur. Ich habe Unmengen an Romanen, natürlich auch Science-Fiction gelesen und da lernt man schon bis zu einem gewissen Grad, was ein Buch lesenswert macht und was nicht. Natürlich muss man als angehender Autor auch seine Hausaufgaben machen. Bevor ich mit dem Schreiben meines ersten Romans begonnen habe, habe ich sehr viele Schreibratgeber gelesen und eine Autorenschule bei Bastei-Lübbe besucht. Auch muss man den Anspruch haben, sich selber permanent verbessern zu wollen.“</em></p>
<p>Auf die Frage, ob die wissenschaftliche Ausbildung und das Erzählertalent nicht eher ein Widerspruch seien, antwortet Peterson: <em>„Nein, das sehe ich anders. Der Mensch kann viele Talente haben und technisches Interesse und Talent als Erzähler schließen sich nicht aus. Im angloamerikanischen Bereich gibt es gerade in der SF viele Autoren mit technisch-mathematischen Hintergrund. Man denke nur an Stephen Baxter, Gregory Benford, Arthur C. Clarke, Isaac Asimov, Greg Egan und viele andere. Bei mir selber sehe ich eine gewisse Stärke darin, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen.“</em></p>
<p>Die Geschichte von „Paradox“ beginnt im Nachklang des Raumfahrtzeitalters der Apollo-Missionen und entwickelt sich zu einer Saga von unendlicher Weite in Zeit und Raum, die den derzeitigen Stand der kosmologischen Wissenschaften narrativ interpretiert und am Beispiel von vier Probanden menschliches Erleben in Endzeitzuständen darstellt. Der NASA-Astronaut Ed Walker und seine Crew, die Astronautinnen Wendy Michaels und Grace Cooper sowie der Physiker David Holmes sollen mit dem Raumschiff „Helios“ den Rand des Sonnensystems untersuchen, wo mehrere Raumsonden der Menschheit verlorengegangen sind. Dabei entdecken sie, dass das Sonnensystem von einer Sphäre umgeben ist und dass alle Sterne erloschen sind, weil sie durch eine Superintelligenz ebenfalls von Sphären verschlossen wurden.</p>
<p>Hier arbeitet Peterson das erste Mal mit einem Begriff aus der Kosmologie, der <a href="https://www.golem.de/news/astronomie-mit-der-dyson-sphaere-die-energie-der-sonne-nutzen-2305-174127.html">Dyson-Sphäre</a>, die ein hypothetisches Solarkraftwerk ist, das einen Stern komplett umschließt und Energie gewinnt.</p>
<p>Jetzt beginnt eine unendliche Reise der vier Probanden, die zu den gottgleichen Maschinenintelligenzen am Ende von allem führt, die ganze Universen nach ihren Vorstellungen neu gestalten. Dabei nutzt der Autor in den Erzählsträngen den letzten Stand der kosmologischen Wissenschaften und arbeitet mit Begriffen wie <em>„Von-Neumann-Maschinen“</em>,<em> „Quantenteleportation“</em>,<em> „Manipulation von Gravitationsfeldern“</em>,<em> „Vakuumzerfall“</em>,<em> „Vakuumenergie“</em> und vielen anderen theoretischen Konstrukten der gegenwärtigen kosmologischen Physik. Die Liste ist außerordentlich lang, Peterson behandelt fast alle wichtigen Begriffe der Relativitätstheorie, der Quantenmechanik und nutzt den letzten Stand der kosmologischen Forschung.</p>
<p>Obwohl Peterson so vorbildhaft mit den kosmologischen Theorien und Begriffen jongliert, stehen diese nicht im Zentrum seiner Erzählung oder wären gar ein moralisches Fazit. In dem Interview mit mir vom 11. Januar 2025 sagt er über die Rolle von Science-Fiction: <em>„Im Zentrum guter Science-Fiction steht immer der Mensch. Viele Autoren und Leser meinen, es geht um die Technik oder um die Wissenschaft, aber das stimmt nicht. Es geht um die Frage, was Wissenschaft und Technik mit dem Menschen machen. Und der Mensch steht hier im Mittelpunkt.“ </em></p>
<h3><strong>Didaktiker der Kosmologie</strong></h3>
<p>Peterson präsentiert diese abstrakten Themen immer in einem nachvollziehbaren Erzählkontext, so dass die Leserinnen und Leser den Grundzusammenhang auch ohne Kenntnisse der höheren Mathematik verstehen können. Peterson erweist sich damit als brillanter Didaktiker der Kosmologie. Ich würde ihn in eine vergleichbare Kategorie exzellenter Didaktiker wie den Physiker Harald Lesch einordnen, der in seiner ZDF-Fernsehserie Terra X Lesch &amp; Co viele dieser Themen vorstellt, beispielsweise „Im Sog des Schwarzen Lochs“, „Unser kosmisches Schicksal“, „Vakuumenergie! Warum nutzen wir sie nicht“?</p>
<p>Abstrakte Physik ist interessant und sachlogisch in den Erzählkontext der Paradox-Trilogie eingebettet worden. Die Handlung ist nervenaufreibend spannend, zieht uns, ähnlich wie es Cixin Liu vorgemacht hat, in den Bann und lässt uns nicht mehr los. Liebe Leserin, lieber Leser: Sie werden vom dunklen Weltall und den Reisen darin gemeinsam mit Gleichgesinnten bis an das Ende von Raum und Zeit träumen und sich am frühen Morgen, wenn Sie wieder wach sind, fragen: Möchte ich mich auf eine solche Reise begeben? Möchte ich ein ewiges Leben bis an das Ende von allem führen?</p>
<p>Peterson geht im Vergleich mit den Romanen von Cixin Liu sogar noch einen Schritt weiter als dieser, indem er das anthropische Prinzip ausweitet zu einer gottgleichen Wirkmächtigkeit intelligenter Zivilisationen am Ende von Raum und Zeit. Das <em>anthropische Prinzip, </em>eingeführt im Jahre 1973 durch den Kosmologen Brandon Carter und heute in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen und philosophischen Ausprägungen benutzt, sagt im Grundsatz aus, dass unser Universum ist, wie es ist, weil wir sonst nicht da wären, um es zu beobachten. Man könnte auch sagen, dass das Universum uns die Idealbedingungen für unsere Existenz zur Verfügung stellt.</p>
<p>Im Gegensatz dazu führt Peterson in seinen drei Paradox-Büchern aus, dass die Zivilisationen am Ende des Universums neue Universen schaffen können, die nach ihren Bedürfnissen gestaltbar sind. Die letzten Zivilisationen wären dann gottgleich geworden und könnten innerhalb eines Multiversum-Ansatzes alles tun, was denkbar ist, sogar die Naturgesetze neu bestimmen.</p>
<p>Und dennoch gibt es in der Erzählung von Peterson etwas, um das uns seine intelligenten körperlosen Superintelligenzen am Ende von Raum und Zeit beneiden: Im 62. Kapitel von „Paradox 1“ beschreibt Philip P. Peterson unsere individuell geprägte menschliche, mit Widersprüchen klarkommende Kultur und unsere Lernfähigkeit: <em>„Kultur. Frei entwickelte Intelligenzformen entwickeln kulturelle Leistungen, zu denen wir niemals in der Lage sein werden, weil wir dazu nicht geschaffen wurden. Ihre Kunst, Musik, Philosophie, Religion und Literatur sind einzigartig und wiederholen sich auch bei anderen Lebensformen so gut wie nie. Diese Werte gilt es zu analysieren und aufzuzeichnen.“ </em>Er formuliert damit eine Botschaft über intelligentes Leben im Universum und schreibt, wozu es im galaktischen Maßstab dient. Damit stellt er Lernen und Kultur in seinen kosmologischen Ausflügen in die weiten Fernen von Raum und Zeit als Conditio Humana über Wissenschaft und Technik – und das gibt Hoffnung, die Hoffnung, dass wir Menschen vielleicht doch, auch angesichts unserer Bedeutungslosigkeit im Universum, etwas Gutes tun können.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li>Poul Anderson, Tau Zero, Gollancz, 2006.</li>
</ul>
<ul>
<li>Stephen Baxter, Deep Future, Gollancz, 2001.</li>
</ul>
<ul>
<li>Arthur C. Clarke und Gentry Lee, Rama II – Gateway Essentials, Gollancz, 2006.</li>
</ul>
<ul>
<li>Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit, Klett-Cotta, 2023.</li>
</ul>
<ul>
<li>Fritz Heidorn, Kurz vor Ewig: Kosmologie und Science Fiction, Lüneburg, Dieter von Reeken, 2016.</li>
</ul>
<ul>
<li>Michiu Kaku, Parallel Worlds – The Science of Alternative Worlds and Our Future in the Cosmos, Penguin, 2006.</li>
</ul>
<ul>
<li>Harald Lesch, Big Bang, zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann, 2003.</li>
</ul>
<ul>
<li>Harald Lesch, Kosmologie für helle Köpfe – Die dunklen Seiten des Universums, Goldmann, 2006.</li>
</ul>
<ul>
<li>Cixin Liu, Die wandernde Erde – Erzählungen, Heyne, 2019.</li>
</ul>
<ul>
<li>Cixin Liu, Trisolaris – Die Trilogie, Heyne, 2022.</li>
</ul>
<ul>
<li>Philipp P. Peterson, Transport, Books on demand, mehrere Bände lieferbar, 2017ff.</li>
</ul>
<ul>
<li>Philipp P. Peterson, Paradox – Am Abgrund der Ewigkeit, Bastei Lübbe, 2015.</li>
</ul>
<ul>
<li>Frederic Pohl, Gateway, Gollancz, 2022.</li>
</ul>
<ul>
<li>Sir Martin Rees, The Collapse of the Universe: An Eschatological Study, in: The Observatory, Vol. 89.</li>
</ul>
<ul>
<li>Frank J. Tipler, Die Physik der Unsterblichkeit, Piper, 1994.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 4. Februar 2025. Titelbild: CERN, Large Hedron Collider, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Views_of_the_LHC_tunnel_sector_3-4,_tirage_2.jpg">View of the LHC tunnel sector 3-4</a>, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Wie wirklich ist die Wirklichkeit?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-wirklich-ist-die-wirklichkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jan 2025 15:10:11 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Reflexionen zum Roman „Der Riss“ von Andreas Brandhorst „Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist es, dahinter zum Unmöglichen weiterzugehen.“ (Arthur C. Clarke, Zweites Gesetz) Science Fiction ist dafür bekannt, mitunter auch sehr seltsame Ideen zu behandeln. Manche ihrer Ideen werden von vielen Menschen als abgedreht  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Wie wirklich ist die Wirklichkeit?</strong></h1>
<h2><strong>Reflexionen zum Roman „Der Riss“ von Andreas Brandhorst</strong></h2>
<p><em>„Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist es, dahinter zum Unmöglichen weiterzugehen.“ </em>(Arthur C. Clarke, Zweites Gesetz)</p>
<p>Science Fiction ist dafür bekannt, mitunter auch sehr seltsame Ideen zu behandeln. Manche ihrer Ideen werden von vielen Menschen als abgedreht oder als verrückt angesehen. Manche Ideen dieser Literatur erinnern an verrückte Wissenschaft, Weird Science, oder an religiöse Wahnvorstellungen. Andere werden gar als völlig abstrus für ein normales Leben im Hier und Jetzt betrachtet. Dazu gehören die Diskurse über außerirdische Intelligenz, die Reisen durch Zeit und Raum und insbesondere die Frage, ob wir Menschen in der wirklichen Welt leben oder in einer Simulation, die von höheren Intelligenzen aus anderen Dimensionen gesteuert wird. Was ist die Wirklichkeit?</p>
<h3><strong>Leben in der Simulation: das Narrativ</strong></h3>
<p>Das Narrativ der simulierten Welt ist eines der interessantesten der Science Fiction, denn es transportiert tiefgehende philosophische Betrachtungen über die Wirklichkeit und berührt – als literarische Erzählung getarnt – Grundfragen der menschlichen Existenz nach dem Sein und dem Sinn des menschlichen Lebens. Im Alltagsleben ist die Wirklichkeit der Zustand der tatsächlichen Existenz, also das, wovon man weiß oder zu wissen glaubt. In der Philosophie streiten sich die gegensätzlichen Auffassungen der Vertreter des Materialismus und der des Idealismus. Materialisten bezeichnen die Materie, also die körperlichen Dinge als das Primäre der Weltauffassung, während die Idealisten das Bewusstsein, den Geist oder die Idee als das Primäre des Seins ansehen.</p>
<p>Unterschiede gibt es in Fragen der Glaubensvorstellungen. Gläubige Menschen glauben an die Existenz Gottes als höheres Wesen, das die Geschicke der Menschen lenkt oder beeinflusst, während Atheisten nicht an die Existenz Gottes glauben und Agnostiker sagen, dass sie nicht wissen können, ob Gott existiert oder nicht. Beweise haben wir Menschen weder für die eine noch für die andere Sichtweise, wir sind auf unseren Glauben angewiesen.</p>
<p>Wie erschließen wir uns unsere Welt, wie lernen Kinder, sich in der Welt zu orientieren? Das lernpsychologische Konzept des Konstruktivismus postuliert, dass menschliches Lernen durch Konstruktionsprozesse der sozialen Realität bestimmt werden, die den Menschen ihre eigene Interpretation der Welt ermöglichen. Die Lernenden konstruieren demnach also ihre jeweils eigene Sicht der Realität, in der sie dann agieren.</p>
<p>In welcher Realität leben wir? In einer wirklichen Welt, in einer durch höhere Wesen gesteuerten Welt, oder vielleicht sogar in einer Computersimulation, wie es der neue Roman von Andreas Brandhorst, „Der Riss“ (erschienen im Heyne-Verlag, 2024) nahelegt?</p>
<p>Schauen wir etwas genauer in die Welt der Literatur, die uns Hinweise auf Möglichkeiten der Wirklichkeitsbetrachtung liefert.</p>
<div id="attachment_5638" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5638" class="wp-image-5638 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Andreas_Brandhorst.jpg 1024w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5638" class="wp-caption-text">Andreas Brandhorst. Foto: Kristian Streich. Website von Andreas Brandhorst.</p></div>
<p><a href="https://www.andreasbrandhorst.de/">Andreas Brandhorst</a>, der deutsche Spezialist für komplexe und gut geschriebene Thriller und Science-Fiction-Themen, legt mit „Der Riss“ eine 640 Seiten starke Erzählung über die Aufdeckung der Tatsache vor, dass wir Menschen in einer Simulation leben. Auf der Webpage von Andreas Brandhorst findet sich ein Interview mit ihm, in dem er darüber spricht, was ihn zu der Beschäftigung mit diesem Thema angeregt habe, nämlich das Gedankenexperiment, welche Auswirkungen auf unsere Religion und unsere Philosophie die Entdeckung hätte, dass wir tatsächlich in einer Simulation leben würden. Der Autor führt aus, dass er einige wissenschaftliche Forschungen gefunden habe, die tatsächlich nahelegten, dass wir in einer Simulation leben, dieses aber nicht wirklich beweisen oder widerlegen könnten. In seinem Buch spielt eine künstliche Superintelligenz eine entscheidende Rolle.</p>
<p>Über die Genese von „Der Riss“ äußert sich Andreas Brandhorst in dem mit <a href="https://www.andreasbrandhorst.de/2024/10/25/wahrheit-oder-luege/">„Wahrheit oder Lüge?“</a> überschriebenen Interview: <em>„Wie bin ich auf die Idee gekommen, ‚Der Riss‘ zu schreiben? Ausgangspunkt war eine Mitteilung meiner Hacker-Freunde in Amsterdam – bei meinen Lesungen erzähle ich die Geschichte dahinter. Hier nur eine kleine Anmerkung: Es gibt tatsächlich Forschungsprojekte, die der Frage nachgehen, ob wir in einer Simulation leben und wie sich das erkennen ließe, und es werden hohe Summen in sie investiert. Aus verständlichen Gründen.</em> <em>Denn Zugriff auf den ‚Genesis-Algorithmus‘, wie er im Roman heißt, auf das Programm der Simulation, würde enorme Macht bedeuten.“ </em></p>
<p>Andreas Brandhorst greift damit ein Thema auf, das in der Science Fiction bereits seit langer Zeit ein Standardthema war und das in der Filmbranche Furore gemacht hat. Den größten Publikumserfolg erzielte die Matrix-Tetralogie, die in den Jahren 1999 bis 2021 erschien und ein großes Publikum begeisterte: „The Matrix“ (1999), „Matrix Reloaded“ (2003), „Matrix Revolutions“ (2003), „Matrix Resurrections“ (2021). Eine harmlosere Konsum-Variante der Simulation wird in dem Film „Die Truman Show“ (1998) gezeigt, während die Action-Variante „Total Recall“ (1990) eher den Trash bedient.</p>
<p>Das deutsche Fernsehen hat bereits im Jahre 1973 den zweiteiligen Fernsehfilm „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder gezeigt, der die erste Film-Adaptation des Romans „Simulacron-3“ (1964) von Daniel F. Galouye ist. Die zweite Filmadaptation des Buches hat Roland Emmerich mit „The 13th Floor – Bist du was du denkst?“ (1999) vorgelegt. In „Simulacron-3“ (1964) schildert Daniel F. Galouye schildert die Erlebnisse des Programmierers Douglas Hall, der mit dem Simulationscomputer TEAG arbeitet und eine simulierte Welt für Zwecke der Marktforschung untersucht und dabei entdeckt er, dass er selbst in einer Simulation lebt.</p>
<h3><strong>Was wäre wenn…?</strong></h3>
<p>Wie würden wir reagieren, wenn wir tatsächlich und definitiv wüssten, dass wir in einer Simulation lebten? Was würde sich ändern? Eigentlich nichts, oder? Denn wir können nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, auch wenn wir den Wissenschaften vertrauen, dass wir nicht von höherstehenden Wesen außerhalb unserer Verstehenswelt in irgendeiner Weise beeinflusst werden.</p>
<p>Und was genau unterscheidet den Glauben an Gott oder Götter von dem Glauben an eine künstliche und simulierte Welt? Oder ist dies einfach eine etwas schräge Weltsicht, in der die Erkenntnisebenen der Menschen wie die Schichten einer Zwiebel übereinanderliegen und doch untereinander unerreichbar sind?</p>
<p>Was unterscheidet diese Sichtweise von der Theorie des Multiversums, die gegenwärtig von der kosmologischen Wissenschaft präferiert wird? Und wo verläuft die Grenze zwischen sicherem Wissen, vermutetem Nicht-Wissen-Können und gewünschten Glaubensvorstellungen?</p>
<p><a href="https://www.andreasbrandhorst.de/2024/12/02/interview-zu-der-riss/">Andreas Brandhorst sprach darüber mit Roman Schleifer</a>: <em>„Frage: Zurück zum Riss: Angenommen, wir würden erkennen, dass wir in einer Simulation leben – wie würden sich das auf die Menschheit auswirken? AB: Genau das wird in »Der Riss« thematisiert. Darüber möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Frage: Würden sich moralische und ethische Werte ändern? AB: Religionen gehen ebenfalls davon aus, dass wir in einer ‚künstlichen‘ Welt leben, geschaffen von dem einen oder anderen Gott, der auch uns selbst erschuf. Hier gibt es deutliche Parallelen zur Simulationstheorie. Religionen haben unsere Welt verändert, sie bestimmen bei vielen Menschen Moral und Ethik. Die Erkenntnis, dass wir in einer Simulation leben, hätte vermutlich ähnliche Auswirkungen auf unser philosophisches ‚Standardmodell‘. Frage: Hat sich durch die Recherche in deinem Leben etwas geändert? AB: Ich habe, wie bei allen meinen Recherchen, Erkenntnisse hinzugewonnen. Das bedeutet mir viel. Frage: Wie würdest du reagieren, wenn du und damit deine Bücher nur computergeneriert sind? AB: Ich wäre immer noch ich selbst, und ich würde immer noch schreiben.“</em></p>
<h3><strong>Denkmodelle ohne Beweise</strong></h3>
<div id="attachment_5637" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5637" class="wp-image-5637 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Harald_Lesch_im_Studio.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5637" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Harald_Lesch_im_Studio.jpg">Harald Lesch im Studio</a>. Foto: ZDF/ Thorsten Eifler/ Dennis Burneleit. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Attribution 4.0 International</a> license.</p></div>
<p>Der Wissenschaftsdidaktiker Harald Lesch hat in einer Sendung der Reihe „Terra X Lesch &amp; Co“ aus dem Jahre 2017 die Frage behandelt, ob wir in einer Matrix leben. Diese ernst gemeinte, spannende und tiefgründige Erläuterung des Themas in einer populären Fernsehsendung des ZDF enthält viel davon, was Leserinnen und Leser guter Science-Fiction-Literatur fasziniert: die Auseinandersetzung mit einer scheinbar unsinnigen, aber philosophisch tiefgehenden Frage, die den Sinn unseres Lebens berührt. Philosophie für das Alltagsleben, sozusagen.</p>
<p>Was also ist die Wirklichkeit? Das, was wir für Wirklichkeit halten, oder gibt es eine weitere, vielleicht mehrere oder gar unendlich viele Schichten von Wirklichkeit? Lesch bezeichnet dies als <em>„infinitiven Regress“,</em> also als endlosen Rückgang in einer unendlichen Reihe. Der <em>„infinite Regress“</em> wird in der Philosophie als Versuch definiert, eine Position zu widerlegen, indem gezeigt wird, dass diese Position zu einer absurden, weil unendlichen Folge führt. Vorstellbar wäre eine unendliche Matrjoschka, die russische Puppe, die in unendlichen vielen Lagen in sich selbst verschachtelt ist. Harald Lesch erwähnt die Vorstellung des Urknalls, der den Anbeginn der Zeit darstellt und die – in dieser Sicht sinnlose – Frage generiert, was davor war. Jede solcher Fragen führt zu einer unbefriedigenden Antwort, die neue Fragen generiert, aber immer wieder dieselbe Antwort gibt: Wir wissen es nicht und wir können es nicht wissen. Und das gilt besonders für die Frage, ob wir in einer Simulation leben.</p>
<p>Immerhin erscheint es Tröstens wert zu sein, wenn wir mit René Descartes erklären: <em>„Ich denke, also bin ich – cogito ergo sum“</em> und dies als Beleg nehmen, dass wir tatsächlich sicher sein können, in irgendeiner Realität leben, die wir selbst beeinflussen (können oder könnten). Wir können auch auf Immanuel Kant verweisen, der in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ gesagt hat, dass unsere Vernunft auch Fragen stellen kann, von denen wir von vornherein wissen, dass wir darauf keine sinnvolle Antwort bekommen werden. Das Denken des Menschen ist eben nicht immer zielorientiert, sondern manchmal auch verwirrend und abstrus, aber diese Fähigkeit zeichnet uns als kreative Wesen aus.</p>
<p>Andreas Brandhorst sagt an mehreren Stellen, dass es Belege oder Anzeichen dafür gäbe, dass wir in einer Simulation leben könnten. Er spricht sehr vorsichtig über diese Möglichkeit, legt aber keine Beweise dafür vor, dass dies der Fall ist, denn es gibt keine Beweise, dass wir in einer Simulation leben. Was es gibt, sind Hypothesen, also theoretische Annahmen, dass wir in einer Simulation leben könnten – und diese Annahmen gehen auf eine theoretische philosophische Studie des schwedischen Philosophen und Zukunftsforschers Nick Bostrom zurück, der mit den Mitteln der formalen Epistemologie über Bioethik und Technikfolgenabschätzung gearbeitet hat, über Superintelligenz, existenzielle Risiken und das anthropische Prinzip. Die erwähnte Studie heißt: „Are you living in a computer simulation?“ (erschienen in Philosophical Quarterly 2003, Vol. 53, No. 211). Darin schreibt Bostrom, dass mindestens einer der drei folgenden Annahmen wahr sein müsse:</p>
<ol>
<li>Die menschliche Spezies wird sehr wahrscheinlich aussterben, bevor sie ein „posthumanes“ Stadium erreicht.</li>
<li>Es ist extrem unwahrscheinlich, dass eine posthumane Zivilisation eine signifikante Anzahl von Simulationen ihrer Evolutionsgeschichte (oder Variationen davon) durchführt.</li>
<li>Wir leben mit ziemlicher Sicherheit in einer Computersimulation.</li>
</ol>
<p>Bostrom fasst die Grundüberlegung seiner Studie in diesem Satz zusammen: <em>„Die Wirklichkeit kann also viele Ebenen enthalten. Selbst wenn es notwendig ist, dass die Hierarchie an einem bestimmten Punkt endet – der metaphysische Status dieser Behauptung ist etwas unklar – kann es Platz für eine große Anzahl von Realitätsebenen geben, und die Anzahl könnte im Laufe der Zeit zunehmen.“</em></p>
<p>Warum also beschäftigt uns die Frage, ob wir in einer Simulation leben oder nicht? Wenn wir nur mit dem Hier und Jetzt des Alltagslebens beschäftigen, könnte uns diese Frage völlig egal sein. Wenn wir uns für Philosophie und Sinnfragen des Lebens interessieren, werden wir solchen Glaubensfragen und allen Erkenntnissen der Wissenschaften ein gewisses Grundinteresse entgegenbringen. Dann berührt diese Frage den Kern unserer menschlichen Existenz und kann einen Beitrag zur Standortbestimmung und Lebensgestaltung leisten, ebenso wie unsere Haltungen zu Glaube, Spiritualität und Philosophie beeinflussen.</p>
<p>Science-Fiction-Literatur kann in diesem Fall einen wichtigen Beitrag zur Erkenntnisgewinnung leisten – neben dem Lesevergnügen, das gute Erzählungen immer bereitstellen. Es gibt bemerkenswerte historische Science-Fiction-Erzählungen zum Thema einer simulierten Wirklichkeit, die lange vor der Zeit von Computern und virtueller Realität entstanden sind. Ähnlich wie in anderen Fällen naturwissenschaftlich-technischer Entdeckungen und industrieller Umsetzungen in der Geschichte der Menschheit – Raumfahrt, Kosmologie, Erderkundung, Umweltprobleme, Naturzerstörung, Digitalität, Lebensverlängerung, Maschinenwesen – hat die Science-Fiction-Literatur auch hier weit vorausgedacht und die Türen des scheinbar Unmöglichen in den Bereich des Möglichen bei Menschen bis hin in ihr Alltagsleben geöffnet.</p>
<h3><strong>Simulacron-Drei</strong></h3>
<p>Das Standardwerk für die Simulation der Wirklichkeit ist der Roman „Simulacron-3“ (1964) von Daniel F. Galouye aus dem Jahr 1964. In dieser Erzählung schildert der Autor, entsprechend dem damaligen Zeitgeist, dass mit Hilfe eines Computers ein modernes Meinungsforschungsinstrument namens <em>„Simulektronk“</em> erfunden wurde, um die Verkaufsaussichten neuer Produkte zu erforschen, bevor diese in die Serienproduktion gehen. <em>„Der Simulator ist das elektromathematische Modell eines durchschnittlichen Gemeinwesens. Er erlaubt Verhaltensvoraussagen auf weite Sicht. Diese Vorhersagen sind noch um ein Vielfaches präziser als die Ergebnisse einer ganzen Armee von Meinungsforschern – Schnüfflern –, die unsere Stadt durchkämmen.“</em></p>
<p>Der Computer TEAG konstruiert dazu eine perfekte Simulation der Wirklichkeit, bevölkert von vielen tausend elektronischen Kunden, die die neuen Produkte testen und bewerten. Alles läuft gut bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Direktor von TEAG, Douglas Hall, auf den Gedanken kommt, dass auch seine Wirklichkeit eine Simulation sein könnte und Nachforschungen anstellt. Schließlich steigt er in die höhere Wirklichkeitsebene auf und trifft seine Freundin Jinx, die ihm am Ende der Erzählung sagt: <em>„Es wird dir hier gefallen, Doug, obwohl es vielleicht nicht so drollig ist wie in deiner Welt. Hall hatte einen Sinn für das Romantische, als er den Simulator programmierte. Die Attrappennamen wie Mittelmeer, Riviera, Pazifik, Himalaja und so weiter verraten doch immerhin sehr viel Phantasie.“</em></p>
<p>„Simulacron-3“ ist der Vorläufer für die nachfolgenden großen Verfilmungen wie <em>Matrix</em>, aber nicht das erste Werk, das sich mit dem Thema einer Simulation der Wirklichkeit beschäftigt. Als frühestes Werk zu diesem Thema wird die Kurzgeschichte „Pygmalion´s Spectacles“ von Stanley G. Weinbaum aus dem Jahre 1935 angesehen (1949 erschienen in: „A Martian Odyssey and Others“, ebenso in: The Greatest Works of Stanley G. Weinbaum, e-artnow, 2018). Die Erzählung beginnt mit dem Satz: <em>„Aber was ist Realität? fragte der gnomenhafte Mann. Er deutete auf die hohen Häuserwände, die sich rund um den Central Park auftürmten, mit ihren unzähligen Fenstern, die wie die Höhlenfeuer einer Stadt der Cro-Magnon-Menschen leuchteten. Alles ist Traum, alles ist Illusion; ich bin deine Vision, wie du die meine bist.“</em></p>
<p>Weitere erwähnenswerte frühe Erzählungen über eine simulierte Wirklichkeit in der Science-Fiction sind: „The Tunnel under the World“ (1955) von Frederik Pohl und Philip K. Dicks „Time out of Joint“ (1959). Später tauchen Modelle einer simulierten Wirklichkeit in unterschiedlichen Formaten wieder auf, zum Beispiel als „Holodeck“ auf den Raumschiffen von Star Trek, die sogar räumliche Begrenzungen aufheben. Der Raum, in dem sich die jeweiligen Nutzer aufhalten, ist unendlich groß. So sind Ausritte, Schiffstouren und Flüge, der Wechsel von einem Raum in den nächsten, die Erforschung ganzer Planeten und nicht zuletzt der Test von neuen Verfahren möglich.</p>
<h3><strong>Auf dem Weg zu Post- und Transhumanismus</strong></h3>
<p>Zurück zu Andreas Brandhorsts Roman „Der Riss“: Brandhorst hat einen transhumanistischen Nahe-Zukunft-Thriller vorgelegt, der trotz mancher Längen im Mittelteil ein grandioses Gedankengebäude im Spannungsfeld von Mensch – Computerintelligenz – Wirklichkeit beschreibt und Zukunftsszenarien entwickelt, die ein tiefgehendes philosophisches Konzept abbilden, nämlich die Hypothese, dass der Mensch eine hyperintelligente Maschinensuperintelligenz entwickelt, die dem Homo sapiens nachfolgt und die die Fehler der Menschheitsentwicklung durch Simulationsmöglichkeiten anderer Entwicklungsstränge ausradieren möchte. Die Erzählung beginnt als Abenteuerreise im Möglichen des Hier und Jetzt und endet als Diskursfeld im Unmöglichen der Zukunft, denn die Nachfolger der Menschheit, die Superintelligenzen, erweisen sich als gottgleiche Wesen, die ihre Eltern, die Menschen, auf einen besseren Weg führen wollen – und daran – fast – scheitern. <em>„Es ist die Suche nach einer Menschheit, die nicht den Keim des Untergangs in sich trägt, Egoismen überwindet und Andersartigkeit begrüßt, anstatt sie abzulehnen.“</em></p>
<p>Die Erzählung von Andreas Brandhorst beginnt als spannungsgeladenes Abenteuer einfacher Menschen und endet als quasi-religiöse Offenbarung der letzten Tage der Menschheit. Damit kann es als eschatologisches Werk – der Lehre von den letzten Dingen – mit den Offenbarungen der großen Religionen oder den Werken der wissenschaftlichen Kosmologie verglichen werden. Literatur im Einklang mit Religion, Philosophie und Wissenschaft, das wäre mein Fazit für dieses Buch.</p>
<p>Im Grunde genommen hat Andreas Brandhorst eine interessante Erzählung begleitend zum neuen Buch des Transhumanismus-Forschers Ray Kurzweil geschrieben, der mit „Die nächste Stufe der Evolution – Wenn Mensch und Maschine eins werden (2024, englischer Originaltitel: „The Singularity Is Nearer) ein Nachfolgewerk zu seinem Bestseller „Menschheit 2.0. Die Singularität naht“ (2005, englischer Titel: „The Singularity Is Near“) vorgelegt hat. Kurzweil bestätigt darin noch einmal, dass wir seiner Meinung nach im Jahr 2045 die Verwirklichung der Singularität, das heißt die Verschmelzung von menschlicher und maschineller Intelligenz, erreichen werden. Ray Kurzweil ist ein technisches Genie, er hat sich in zahlreichen Forschungsfeldern hervorgetan und ist der führende Vertreter der Theorie des Posthumanismus. Gegenwärtig ist Ray Kurzweil, im Alter von 76 Jahren, der Leiter der technischen Entwicklung bei Google LLC.</p>
<p>Der Begriff der <em>„technologischen Singularität“</em> ist von dem Science-Fiction-Schriftsteller Vernor Vinge in seinem Essay „The Coming Technological Singularity – How To Survive in the Post-Human Era“ (1993) zuerst benutzt worden. Vernor Vinge schreibt im Abstract dazu: <em>„In dreißig Jahren werden wir die technologischen Mittel haben, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Kurz danach wird die menschliche Ära beendet sein. ‚/ Ist ein solcher Fortschritt vermeidbar? Wenn nicht zu vermeiden, können die Ereignisse so gelenkt werden, dass wir überleben können? Diesen Fragen wird nachgegangen. Einige mögliche Antworten (und einige weitere Gefahren) werden vorausgesagt.“ </em>In diesem Kontext halte ich „Der Riss“ für eines der wichtigsten Literatur-Beiträge des Jahres 2024 zur Diskussion der technologischen Zukunft der Menschheit.</p>
<h3><strong>Versuch einer Antwort auf die Frage: Leben wir in einer Simulation?</strong></h3>
<p>Ich denke: nein! Die Frage und ihre Beantwortung kann dem individuellen Interesse daran überantwortet werden, denn es gibt keinerlei Belege für die Grundannahmen, lediglich eine dramaturgische Vorliebe des Erzählens in der Literatur und im Film. Die Grundthese des Lebens in der Simulation stammt von dem Schriftsteller Daniel F. Galouye, sie ist in zwei frühen Science-Fiction-Filmen von Rainer Werner Fassbinder und von Roland Emmerich zeitgemäß umgesetzt und dann im großen Hollywood-Kino mit den Matrix-Filmen effektiv mit faszinierenden Tricktechniken in Szene gesetzt worden. Andreas Brandhorst hat dem Thema die transhumanistische und kosmologische Krone aufgesetzt und das Thema somit (vorerst einmal, im Juli 2025 erscheint sein nächster Roman: „Origin“) abschließend bearbeitet.</p>
<p>Was bleibt der geneigten Leserin und dem geneigten Leser übrig? Wie so oft hilft vielleicht ein Antwortversuch auf die vier wichtigen Fragen der Philosophie von Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft):</p>
<ul>
<li><em>„Was kann ich wissen?“</em> Wir leben nicht in einer Simulation, sondern erschaffen unsere eigene, komplexe und widersprüchliche Realität, für die wir dann auch verantwortlich sind. Dies bedeutet, dass wir darüber wachen müssen, wie wir die Singularität in den nächsten Jahrzehnten gestalten werden, also die &#8211; wie immer geartete &#8211; Verbindung von Menschen und künstlicher Maschinen-Intelligenz.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Was soll ich tun?“</em> Menschlich weiterleben wie bisher nach dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: Handle nur nach der Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Was darf ich hoffen?“</em> Dass die Zukunft durch uns Menschen gestaltbar ist.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>„Was ist der Mensch?“</em> Ein denkendes und mitfühlendes Wesen. Was ist eine künstliche Maschinen-Intelligenz? Das ist eine der Hauptfragen der Entwicklung des Homo sapiens im 21. Jahrhundert.</li>
</ul>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Januar 2025. Titelbild: CERN, Large Hedron Collider, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Views_of_the_LHC_tunnel_sector_3-4,_tirage_2.jpg">View of the LHC tunnel sector 3-4</a>, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>)</p>
<p><strong> </strong></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Identitätsstiftender Antisemitismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Sep 2024 05:39:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Identitätsstiftender Antisemitismus Antisemitismuskritische Bildung und Forschung nach dem 7. Oktober „Die Gewalt lebt von Schweigen und Indifferenz. Im öffentlichen Sprechen über Antisemitismus geht es eher um Hass und Straftaten als um die strukturelle Verankerung des Antisemitismus in allen gesellschaftlichen und sozialen Systemen.  Bei Fragen, ob eine Situation antisemitisch sei, zeigt sich ein Widerspruch: Die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Identitätsstiftender Antisemitismus</strong></h1>
<h2><strong>Antisemitismuskritische Bildung und Forschung nach dem 7. Oktober</strong></h2>
<p><em>„Die Gewalt lebt von Schweigen und Indifferenz. Im öffentlichen Sprechen über Antisemitismus geht es eher um Hass und Straftaten als um die strukturelle Verankerung des Antisemitismus in allen gesellschaftlichen und sozialen Systemen.  Bei Fragen, ob eine Situation antisemitisch sei, zeigt sich ein Widerspruch: Die historischen Traditionen der Diffamierung, Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung werden nicht mit der Wirklichkeit der Gegenwartsgesellschaft verbunden.“ </em>(Marina Chernivsky, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-ruptur/">Die Ruptur</a>, in: Jüdische Allgemeine 31. Januar 2024)</p>
<p>Die Psychologin Marina Chernivsky gründete im Jahr 2015 das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment, seit 2023 als <a href="https://zwst-kompetenzzentrum.de/">Kompetenzzentrum Antisemitismuskritische Bildung und Forschung</a> bezeichnet. 2017 gründete sie die Beratungsstelle OFEK e.V. Im Demokratischen Salon hat sie in <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wehrhaft-und-emanzipiert/">„Wehrhaft und emanzipiert“</a> ihre Arbeit und das zugrundeliegende Bildungs- und Forschungsverständnis beschrieben. Sie war Mitglied im Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages, der 2017 seinen Bericht veröffentlichte, und ist in verschiedenen Beratungsgremien in Bund und Ländern.</p>
<p>Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin <a href="https://www.fh-potsdam.de/hochschule-netzwerk/personen/friederike-lorenz-sinai">Friederike Lorenz-Sinai</a> veröffentlicht sie regelmäßig Studien zum Antisemitismus. Friederike Lorenz-Sinai forscht und lehrt an der Fachhochschule <a href="https://www.fh-potsdam.de/">Potsdam</a>. In <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-das-schweigen/">„Über das Schweigen“</a> hat sie im Demokratischen Salon über Dynamiken in institutionellen Gewaltsystemen und die Ausformung von Schweigepraktiken gesprochen, die sie in ihren Forschungen zu Gewaltakten in Jugendwohngruppen und zu antisemitischen Übergriffen untersucht hat.</p>
<p>Das Kompetenzzentrum ist Mitglied im <a href="https://kompetenznetzwerk-antisemitismus.de/">Kompetenznetzwerk Antisemitismus</a>. Eine wichtige Einrichtung ist die in vier Sprachen agierende Beratungsstelle <a href="https://ofek-beratung.de/about">OFEK e.V.</a>. OFEK berät Betroffene von Antisemitismus und begleitet Institutionen im Umgang mit Antisemitismus. OFEK veröffentlicht regelmäßig Beratungsstatistiken und Stellungnahmen. Das Kompetenzzentrum versendet einen Newsletter, in dem aktuelle Ergebnisse, Forschungsaufrufe und Veranstaltungen vorgestellt werden.</p>
<p>Im Juni 2024 veröffentlichten Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ den Essay <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antisemitismus-2024/549359/der-7-oktober-als-zaesur-fuer-juedische-communities-in-deutschland/">„Der 7. Oktober als Zäsur für jüdische Communites in Deutschland“</a>.</p>
<h3><strong>Es ist existenziell</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat sich bei OFEK seit dem 7. Oktober verändert?</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Ich tu mich bei solchen Fragen immer etwas schwer, gleich operationalisiert darüber zu sprechen, was sich in der Beratungspraxis verändert hat. Das sprunghaft gestiegene Beratungsaufkommen kam nicht aus dem luftleeren Raum, sondern ist Resultat gesellschaftlicher Zustände. Grundsätzlich richten sich gezielte genozidale Terroranschläge gegen eine bestimmte Gemeinschaft. Auf diese Weise fühlen sich alle Angehörigen dieser Gemeinschaft mitgemeint. Der Anschlag hat Jüdinnen und Juden weltweit an die Verwundbarkeit ihrer Existenz erinnert. Diese Erfahrung berührt tiefe Schichten im jüdischen Bewusstsein und scheint existenziell, offenbar unabhängig davon, ob wir dies wissenschaftlich erforschen oder aus dem Blickwinkel des Beratungsgeschehens betrachten.</em></p>
<p><em>Als beratende Institution mit Community-Bezug, musste OFEK sofort darauf reagieren und im Krisenmodus arbeiten. Die Vergegenwärtigung der Größe des Ereignisses kam dennoch in Schüben. Wir haben eine sprunghaft gestiegene Inanspruchnahme der Beratung erlebt, als Resultat der sich verdichtenden antisemitischen Bedrohung aber auch einer globalen Verunsicherung und noch heute noch andauernden Normalitätsverschiebung. Solche Ereignisse verändern immer etwas auf Dauer, individuell wie kollektiv. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche sagen – meines Erachtens mit Recht –, dass mit dem 7. Oktober etwas ausgebrochen ist, das latent immer schon da war.</p>
<p><strong>Friederike Lorenz-Sinai</strong>: <em>Ja, antisemitische Bedrohung bricht nicht auf einmal aus oder steigt plötzlich an. Es gab schon vorher einen Alltagsantisemitismus und eine konstante Gefährdungslage durch antisemitischen Terror. Eine kurze Sortierung unserer Studien. Da ist zum einen die Studie, die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert wird. In dieser Studie fragen wir nach der Bedeutung des 7. Oktobers, nach den Auswirkungen auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. Auf den viersprachigen Forschungsaufruf hin haben wir bisher mit fast hundert Personen narrative Interviews und Gruppendiskussionen geführt. Einige Interviewpartner:innen haben zudem für die Studie dreimonatige Selbstbeobachtungen durchgeführt. Damit wollen wir Veränderungen im zeitlichen Verlauf verstehen. Aktuell führen wir für diese Studie noch Interviews mit Jugendlichen und Gruppendiskussionen mit jüdischen Schülerinnen durch. Zudem führen wir seit dem Jahr 2018 unsere Bundesländerstudienreihe durch, in der wir Lehrkräfte und ehemalige jüdische Schüler:innen nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus fragen, sowie Studien zu Antisemitismus an Gedenkstätten und im Kontext der Polizei.</em></p>
<p><em>Im Vergleich dieser empirischen Datenlage vor und nach Oktober 2023 wird der Einschnitt des 7. Oktobers sehr deutlich. Zugleich gibt es aber auch Kontinuitäten an Antisemitismuserfahrungen, die sich durchziehen. Die Befunde zeigen, dass mit dem Massaker in Israel eine weitere Dynamik für Jüdinnen und Juden in Deutschland einsetzt. Interviewpartner:innen berichten von Reaktionen aus ihrem nichtjüdischen Umfeld, von Bekannten, von Freund:innen, von Kolleg:innen. Sie erleben teilweise zugewandte, empathische, unterstützende Gesten und heben diese als wichtig und haltgebend hervor. Was jedoch überwiegt ist das Erleben von Indifferenz bis hin zur Bedrängung; Studienteilnehmende erfahren, dass sich Personen aus ihrem nahen Umfeld berufen fühlen, rigorose Statements zu formulieren und Israel die Schuld für den Angriff der Terrororganisationen und seine Konsequenzen zuzuschieben. Teilweise beginnen solche Konfrontationen schon am Abend des 7. Oktobers in der Bar, bei privaten Treffen und auf social media. Während die Studienteilnehmer:innen noch dabei sind, die Informationen aus Israel zu erfassen, ihren Schmerz zu bewältigen, teilweise in großer Sorge um direkt betroffene Angehörige und Bekannte in Israel sind, erleben sie, wie zugleich Personen, die in keinerlei persönlichem Verhältnis zu Israel oder Gaza stehen, starke Emotionen an die Ereignisse herantragen. Oft erfolgt dies in Kombination mit geringer Kenntnis der politischen und historischen Hintergründe der Lage im Gazastreifen, in Israel und den weiteren involvierten Ländern.</em></p>
<p><em>Insbesondere schmerzt viele Interviewte, dass sich von ihnen geschätzte Personen, die sich ansonsten zu jeder Form von Gewalt und Unrecht äußern, ausschweigen oder die Gewalt relativieren, sobald Israelis die Betroffenen sind.  Die Infragestellung und das Schweigen zu Kriegsverbrechen wie dem Einsatz systematischer sexualisierter Gewalt als Mittel des Terrors, zu den Geiselnahmen von Kindern und Erwachsenen, zum gezielten Beschuss ziviler Gebiete in Israel führt zu einer einschneidenden Differenzerfahrung in den Beziehungen zum nichtjüdischen Umfeld, aber auch im Vertrauen in gesellschaftliche Grundwerte und in die Rolle von Menschen-, Kinder- und Frauenrechts-Organisationen.</em></p>
<p><em>Nach dem 7. Oktober wird zudem eine anti-israelische Positionierung zum Trend, wird sozusagen en vogue. Das hat eine jahrzehntelange Tradition, aber es wird jetzt unübersehbar, für uns in der Wissenschaft insbesondere in Aufrufen zum Boykott israelischer Kolleg:innen und Universitäten sowie in den zahlreichen offenen Briefen, von denen die ersten bereits im Oktober von Wissenschaftler:innen verfasst und unterschrieben wurden.</em></p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>:<em> Es hat definitiv eine Radikalisierung stattgefunden. Antisemitisches und Antizionismus haben sich normalisiert. Antisemitismus kommt nun aus allen Richtungen. Studienteilnehmende thematisieren die veränderte Qualität antisemitischer Übergriffe. Es merken auch jene, die sonst nicht zwingend mit dem Thema befasst waren und Antisemitismus nicht als Teil ihres Lebens geordnet haben. Die gesellschaftliche Verschiebung spiegelt sich also in der Lebenswelt der Betroffenen wider. Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten für Jüdinnen und Juden, sich öffentlich zu zeigen. Einige Studienteilnehmer:innen sagen, solange ich mich im beruflichen und öffentlichen Rahmen oder auf social media nicht sichtbar als Jüdin oder Jude zeige, bin ich relativ sicher, muss aber diese Bedrängungen und Positionierungen ertragen. Das eine ist die Ebene der Übergriffe, von denen Interviewpartner:innen berichten – Beleidigungen, von Angesicht zu Angesicht, am Telefon oder in den sozialen Medien, Nötigung auf der Straße, auf der anderen Seite die Ebene der Diskriminierung, zum Beispiel am Arbeitsplatz –  Sicherheitsbedürfnisse werden übergangen oder man wird aufgefordert, eine anti-israelische Position einzunehmen oder mit anti-israelischen Organisationen zusammenzuarbeiten. Eine dritte Ebene ist die Verzerrung, die Verschiebung des Diskurses. Das sind nicht einzelne Situationen, das ist eine Atmosphäre, der Entzug von Solidarität, die Verengung von Räumen, Einschränkungen, die das Leben im Alltag massiv beeinträchtigen.</em></p>
<p><em>Es ist dennoch schwierig, den 7. Oktober als Signalbegriff für das Einsetzen von Antisemitismus anzuführen. Diskursiv wird es aber genauso getan. Die Sprache ist dabei verräterisch; es wird gesagt, Antisemitismus sei gestiegen. Gestiegen ist aber nicht nur der Antisemitismus, sondern die Bereitschaft sich antisemitisch zu äußern, oder antisemitisch zu agieren. </em></p>
<h3><strong>Eine grundsätzliche Ablehnung alles Jüdischen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist vielleicht gar nicht die Frage, ob es mehr und radikalere Antisemit:innen gibt, sondern die Frage, warum und wann Antisemitismus in welcher Form sichtbar wird, sich wo und wie öffentlich manifestiert. Es sind auch bestimmte Milieus, du hast es im Kulturmilieu, bei den Clubs, bei antikolonialen Linken.</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Es gibt die spezifischen Ausformungen des Antisemitismus in den diversen Handlungsfeldern. Wir kennen das aus der täglich gelebten Praxis in der Beratung und Fortbildung. An Schulen ist die Fachdebatte zum Beispiel weiter als an Hochschulen, oder in den Kulturinstitutionen. Was einige intuitiv merken, dass der Antisemitismus inzwischen „en vogue“ geworden ist, wie Friederike es formuliert. Im Kern steht immer noch der Post-Shoah-Antisemitismus und eine überformte, verzerrte Beziehung zum Nahostkonflikt. Der Umgang mit diesem Thema ist geprägt von Halbwissen, Verschwörungsmythen, aber auch von emotionalen Bedürfnissen der von außen Zuschauenden. Israel und so auch die Juden werden generalisierend durch die Linse der Täterschaft betrachtet; die Angriffe gegen werden deshalb als gerechtfertigt angesehen. Es geht um eine grundsätzliche Ablehnung des Jüdischen.</em></p>
<p><em>All das aktualisiert die tiefste jüdische Erfahrung, mitteln im sozialen Gefüge schutzlos zu sein. Es wird deutlich, dass der Großteil der Studienteilnehmenden ihre Suche nach schützenden jüdischen Räumen und Allianzen thematisiert. Wir sehen es in den Daten, aber auch im Kontext der Beratung. Historisch gesehen haben solche Es ist zugleich eine historische Dimension, die Erkenntnis, dass die Antizipation einer weiteren Entfremdung, die Marginalisierung, Ausgrenzung, die jüdische Gemeinschaft letztlich immer auch gestärkt hat. Eine Auswirkung dieser Ruptur ist das Wachsen an der Trauer, an der Einengung der gesellschaftlichen Räume und vielleicht auch die Erfahrung kollektiver Selbstwirksamkeit. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht gibt es gar keine angemessene, passende Sprache. Vielleicht können wir uns immer nur vorläufig äußern, weil sonst auch gar kein Gespräch entstehen könnte. Ob dieses Gespräch entstehen kann, angenommen wird, das ist eine andere Frage. Die Frage ist daher vielleicht eher, wer auf die versuchten Annäherungen mit der Sprache, das Framing der Ereignisse wie eingeht oder eben auch nicht. Fragen machen etwas mit den Befragten, obwohl die Fragenden das oft gar nicht merken.</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Ich gab zuletzt ein Interview für eine Tageszeitung. Der Journalist wollte nur eine einzige Sache wissen und fragte ziemlich aufdringlich nach der Angst. „Warum haben Juden Angst?“ wollte er wissen. „Wie ist diese Angst, die Juden haben?“ Auch wenn das Erfragen von Ängsten sicherlich berechtigt ist, ist die Penetranz in der Erkundung des Jüdischen durch die Angstbrille mindestens an einem Punkt sehr eingeengt. Die Angst ist politisch – sie ist nicht selbstverschuldet, nicht nur individuell. Das nicht wissende, nicht fragende, zweifelnde hetzende Umfeld macht Angst – diese Angst ist berechtigt, und doch fragen viele, ob sie diese Angst haben dürfen. Die Frage nach der jüdischen Angst kann nicht nur aus jüdischem Blickwinkel beantwortet werden – die Frage klingt so, als würde der Fragende, das soziale (nichtjüdische) Umfeld nicht Teil der Angst sein. Es ist nicht gut, Jüdinnen und Juden pauschal als Traumatisierte sehen, die in Angst leben. Dass Angst dennoch Teil des Alltags ist, versteht sich unter den derzeitigen Umständen von selbst. </em></p>
<h3><strong>Ein klares Feindbild<br />
</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ergeben eure Studien dazu?</p>
<p><strong>Friederike Lorenz-Sinai</strong>: <em>Das, was es so schwer macht, ist dieser Moment, den Marina eben auch ansprach, dass der Antisemitismus in hohem Maße identitätsstiftend ist und das zunehmend auch offen sein darf. Hier wird offenbar eine attraktive Position angeboten, die leicht einzunehmen ist, und mit der man sich politisch-kritisch zu fühlen vermag. Das alte Feindbild des Antisemitismus wird durch die antizionistische Haltung überformt und neu angeboten. Man kann sich kritisch, liberal, humanistisch positionieren und hat dabei ein sehr klares Feindbild, in dem die Welt schematisch in Gut und Böse unterteilt wird.</em></p>
<p><em>In unserer Studie zum 7. Oktober haben wir bisher Jüdinnen und Juden im Alter von 16 bis 80 Jahren befragt. Die geschilderte Erfahrung ist so bedrohlich, so tief spaltend, weil man sich zumindest symbolisch angegriffen fühlt. So inszenieren das ja auch die Terrorgruppen und ihre Sympathisant:innen. Es ist ein Angriff auf Jüdinnen und Juden weltweit, auf die das nicht-jüdische Umfeld teilweise identitätsstiftend reagiert. Studierende sind nicht antisemitischer als andere Bevölkerungsgruppen. Aber Hochschulen sind bedeutsame Orte der Aushandlung, der politischen Positionierung, der politischen Events und der Diskussion, sodass der antizionistische Trend dort besonders sichtbar ist, sichtbarer als an anderen Orten. Für viele jüdische Studierende ist es seit dem 7. Oktober eine Grunderfahrung, dass der eigene Schmerz nicht nur nicht gesehen, sondern umgedreht wird und anderen Menschen eine Identitätsstiftung bietet.</em></p>
<p><em>Eine für unsere Studie interviewte Studentin sagte, sie fühle sich von ihren Professor:innen „betrogen“. Hier gibt es auch einen deutlichen Unterschied zu den Schulen. Die Angebote der Antidiskriminierungsarbeit an Hochschulen sind nicht auf die Situation jüdischer Hochschulangehöriger ausgerichtet, sie wurden im Hinblick auf Diskriminierungs- und Gewaltschutz lange einfach nicht mitgedacht. Stattdessen werden Antisemitismus in Deutschland und die Situation in Israel und im Gaza oft als eine politische Meinungsfrage und behandelt, auf das mit Bildungs- und Dialogformaten reagiert wird.</em></p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Es wird oft versucht, diese Entwicklung nicht in der historischen Entwicklung zu sehen. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass einige sich als Juden verraten fühlen. Jüdische Studierende sind hier durch die Schulen gegangen; manche haben in ihrer Schulzeit Antisemitismus erlebt, dann werden sie an Hochschulen von diesen Strukturen eingeholt. </em></p>
<p><em>Die Hochschule ist allerdings ein anderer sozialer Raum als die Schule. Antisemitismus an Hochschulen hat unter anderem eine ideologische Struktur. Es ist ein akademischer Raum, der den Studierenden einen Raum für Freigeist und Diskurs bieten will und muss. Dass genau an diesen Orten Ausschluss jüdischer Erfahrungen stattfindet und eine dogmatische Einschränkung erfolgt, ist besonders brisant. Ich finde es bezeichnend, wie die jüdischen Studierenden sich im Zuge der Eskalation organisieren, vernetzen und gegenseitig unterstützen. Uns erreichen auch immer mehr Fälle mit dem Bezug zu Universitäten, die zum Teil auf institutionellen Antisemitismus hindeuten. </em></p>
<p><em>Wir sprechen hier nicht von alltäglichen Erfahrungen, sondern von Strukturen, die Antisemitismus teilweise stützen und legitimieren. </em></p>
<p><em>OFEK ist seit etwa zehn Monaten de facto im Dauereinsatz und es gibt auch andere Initiativen, die an Hochschulen tätig sind. Diese Krise schafft höhere Nachfrage, die Hochschulen sind dabei sich einzugestehen, ein Problem zu haben. Das Risiko, dass die Nachfrage sinkt, ist natürlich auch gegeben. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus kommt selten aus intrinsischer Motivation, sondern wird meistens von außen angestoßen. Mal war es die antisemitische Schmierwelle, dann waren es die Auschwitzprozesse, die rechtsextremen Anschläge der 1990er Jahre, dann in den 2000er Jahren eine größere Präsenz der Debatten um Israel. 2014 führten die gewaltbereiten Demonstrationen gegen Israel und die jüdische Gemeinschaft zu einer weiteren Aufmerksamkeitsfokussierung der deutschen Politik. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 hat das antisemitische und rassistische Potenzial noch einmal deutlich gezeigt. Die Relevanz des Antisemitismus muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Auch das nehmen Jüdinnen und Juden sehr genau wahr.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Adhokismus möchte ich das nennen. Es wird immer nur über Bedrohungen diskutiert, wenn gerade etwas passiert ist. Jetzt erleben wir das auch mit den Morden von Solingen am 25. August 2024. Da werden alle möglichen Maßnahmen gefordert, von denen viele überhaupt nicht umsetzbar sind. Und manche scheinen wirklich zu glauben, dass wir den Islamismus besiegen, wenn die Messer, die man mit sich führen darf, etwas kürzer sind. Und dann sind manche offenbar – ich unterstelle das einfach – froh, dass sie jetzt erst mal nicht über Rechtsextremismus sprechen müssen. So ähnlich ist es ja auch beim Umgang mit Antisemitismus.</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Das hängt mit einer weiteren Struktur zusammen. Die Thematisierung von Antisemitismus ist eng mit der Überzeugung der bewältigten Vergangenheit und der eigenen nationalen Identität verflochten. Antisemitismus bringt die Menschen immer wieder vor einen Spiegel.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den sie dann immer gerne auch verhängen, sodass man nichts mehr sieht. So richtig schauen sie nur in den Spiegel, wenn es mal wieder einen Gedenktag gibt. Dann fühlen sie sich gut und rechtschaffen.</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: (lacht) <em>Tja.</em></p>
<h3><strong>Projektionen und Erlösungsfantasien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte euch mit einer Hypothese konfrontieren, die mir seit längerer Zeit durch den Kopf geht. Ich frage mich, wie es kommt, dass sich so viele Deutsche – nicht nur Deutsche – so stark auf die Palästinenser fixieren? Das hat meines Erachtens schon etwas mit Freud’scher Objektwahl zu tun. Warum reagieren sie nicht auf das Leid anderer Bevölkerungsgruppen, beispielsweise der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Êzîd:innen</a>, der Kurd:innen, der Rohingya, Sikhs und Muslim:innen in Indien, der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/demokratie-hat-ihren-preis/">Sinti und Roma</a>, der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/frauen-leben-freiheit/">Frauen im Iran</a> und in Afghanistan? Ich könnte noch einige mehr nennen. Aber immer wenn in Israel etwas passiert, gibt es diese hohe politische und mediale Aufmerksamkeit für die Palästinenser:innen. Da wird nicht gefragt, warum es keiner palästinensischen Regierung, keiner palästinensischen Organisation jemals ein Anliegen zu sein schien, Gaza, das seit 2005 nicht mehr besetzt ist, zu einem prosperierenden Modell-Land zu machen, zu so etwas wie Singapur oder Dubai. Die Schuld für alles Unheil dieser Welt wird immer allein bei Israel gesucht, und das ist vielleicht der Kern der Fixierung: Die Palästinenser:innen sind der willkommene und einfach kommunizierbare Grund, dass man sich pauschal kritisch über Jüdinnen und Juden äußern darf. Das ist eine sehr merkwürdige Fixierung, geradezu ein Tunnelblick, und ich habe keine Idee, wie man dies aufbrechen könnte.</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Auch da gibt es historisch vorgelagerte Entwicklungen. Dazu gehört die Studentenbewegung um 1967/1968 in der Bundesrepublik, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">antizionistische Linie in der DDR</a>, dann auch im vereinten Deutschland. Die antisemitisch-antizionistische Ideologie fungiert als Klebstoff, auch in einer Brückenfunktion zwischen Rechten und radikalen Linken sowie als Gegenstand einer radikalen pädagogischen Erziehung in den 1960er Jahren. </em></p>
<p><strong>Friederike Lorenz-Sinai</strong>: <em>Diese Zentrierung, dass sich an diesem Konflikt das Schicksal der Welt entscheide, haben wir in diesem Ausmaß in keinem anderen Konflikt. Auf der Ebene der Subjekte wird aber sehr deutlich, dass die schematische, objektivierende Rollenzuweisung nicht funktioniert. In unserer Studie nach dem 7. Oktober haben sich auch Menschen gemeldet, die sich selbst als politisch linksstehend, als liberal, als kritisch gegenüber der israelischen Regierung bezeichnen. Das Leid der Bevölkerung in Gaza, die Situation von besonders vulnerablen Personen, wie beispielsweise schwangeren Frauen, Jugendlichen und Kindern, das treibt Interviewpartner:innen um. Die Anerkennung unterschiedlicher jüdischer Perspektiven und Positionen zur politischen Situation steht nicht im Widerspruch zu den oft geteilten Antisemitismuserfahrungen in Deutschland. Auch Interviewpartner:innen, die sich als jüdische Person in pro-palästinensischen Gruppen engagieren, schildern schützende Strategien im Umgang mit Antisemitismus, wie beispielsweise, mit dem eigenen Kind nicht überall Hebräisch zu sprechen, sich vom Uber-Fahrer eher absetzen zu lassen und nicht vor der Haustür. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Woher kommt gerade in diesem Konflikt die schematische Aufteilung im Diskurs, die Verzerrung, die Täter-Opfer-Umkehr, die Zuweisung von Schuld an Israel?</p>
<p><strong>Marina Chernivsky</strong>: <em>Mit den Begriffen müssen wir vorsichtig sein. Der Begriff des Sektenhaften liegt sicherlich nicht fern. Wir haben schon oft darüber diskutiert, denn Verschwörungsmythen haben immer etwas Sektenhaftes. Es geht nicht um Fakten und Wahrheiten, sondern um Projektionen. </em></p>
<p><em>Diese Struktur ist nicht neu, die zieht sich ungebrochen weiter. So auch die Übertragung der Täterschaft auf Juden, in der Rolle der ultimativen Täter. Das haben wir schon bei der Kreuzigung Jesu. Es ist die Paradoxie, dass die Juden als Täter markiert und diffamiert werden dürfen, dass sie dann sozusagen ein Freiwild sind. Das ist die Tradition des Anti-Judaismus, die sich aktuell nach dem 7. Oktober wieder einmal so deutlich zeigt. </em></p>
<p><em>Die Figur der Täterschaft ermöglicht uns, die Projektion aufrechtzuerhalten. Vor 100 Jahren und davor waren es Christen, die behaupteten, Juden wollten sie umbringen, vergiften. Das sind heute ähnliche Strukturen. Die Projektion der Täterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ist etwas Besonderes, weil darüber die Reinheit wiederhergestellt, damit die Absolution erteilt werden kann. Das zeigt sich nach dem 7. Oktober sehr deutlich. Eine nicht-jüdische Studentin, die den Terror gegen Juden nicht kritisieren will, sagte mir, sie wolle doch auch einmal auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. </em></p>
<p><em>Im Prinzip müsste es doch möglich sein, sich mit Menschen in Gaza zu solidarisieren, ohne grundsätzlich auf antisemitische Konstruktionen zurückgreifen zu müssen. Aber das wird einfach nicht möglich gemacht. Trotzdem äußern sich viele Jüdinnen und Juden in unseren Interviews sehr reflektiert. Sie reflektieren, dass die militärische und die politische Lösung viel verändern werden.</em></p>
<p><em>Vielleicht noch etwas zum Abschluss zu unserem Bildungsansatz: Es gibt keine andere Möglichkeit, sich reflektiv zu diesem Thema in Beziehung zu setzen, als das Thema zu entdramatisieren. „Die richtige Seite der Geschichte“? Das muss alles auf den Tisch. Dafür eignen sich offene Gespräche besser als jede komplizierte Ersatzhandlung.   </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2024, Internetzugriffe zuletzt am 17. September 2024. Das Titelbild zeigt ein <a href="https://www.rowohlt.de/buch/wir-schon-wieder-9783498007317">Gemälde von Benzi Brofman</a>, Foto: Hanay. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
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		<title>&#8222;Jud, gib dein Geld (her), oder du bist des Todes&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Apr 2024 09:36:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Jud, gib dein Geld (her), oder du bist des Todes“ Zur Genese und Aktualität einer antisemitischen Chiffre „Ihr Bürger in den Städten, ihr berechnet einem Mann auf eurem Tisch einen Schilling, für den sechs Heller teuer genug kämen. Das ist alles unrechter Gewinn. Die Heuschrecken haben Menschengestalt, das heißt, dass du ein Christ bist  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>„Jud, gib dein Geld (her), oder du bist des Todes“</strong></h1>
<h2><strong>Zur Genese und Aktualität einer antisemitischen Chiffre</strong></h2>
<p><em>„Ihr Bürger in den Städten, ihr berechnet einem Mann auf eurem Tisch einen Schilling, für den sechs Heller teuer genug kämen. Das ist alles unrechter Gewinn. Die Heuschrecken haben Menschengestalt, das heißt, dass du ein Christ bist mit Namen und ein Jude in deinem Werken (Handeln).“ </em>(Berthold von Regensburg, Von den vier stricken, zitiert nach der vollständigen Ausgabe seiner Predigten Bd. 1, Wien 1862, Neudruck mit einem Vorwort von Kurth Ruth, Berlin 1965)</p>
<div id="attachment_4654" style="width: 262px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4654" class="wp-image-4654 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal-252x300.jpg" alt="" width="252" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal-200x238.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal-252x300.jpg 252w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal-400x476.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal-600x713.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Schinderhannes_Denkmal.jpg 640w" sizes="(max-width: 252px) 100vw, 252px" /><p id="caption-attachment-4654" class="wp-caption-text">Der Titel dieses Essays ist ein dem Schinderhannes zugeschriebener Satz. Das Bild zeigt ein <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schinderhannes_Denkmal.jpg">Denkmal des Schinderhannes mit seinen Kumpanen beim Schweinediebstahl</a>, eine Plastikengruppe aus Bronze 2011 von Jutta Reiss. Ort: Simmern (Hunsrück). Der Schinderhannes war ein Straßenräuber, dem aber in der Bevölkerung ähnliche Motive zugeschrieben wurden wie Robin Hood. Foto: Manfred Reiss. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.</p></div>
<p>Das Gerücht über eine imaginierte besondere Affinität jüdischer Menschen zum Geld ist das weitverbreitetste, grundlegendste und umfassendste aller antisemitischen Vorurteile über jüdische Menschen. Ob in den berüchtigten, vom zaristischen Geheimdienst erfundenen „Protokollen der Weisen von Zion“, der Charta der Terrororganisation HAMAS (welche den Inhalt dieser „Protokolle“ als Wirklichkeitsbeschreibung begreift), oder in geraunten Leser-Diskussionsbeiträgen deutscher Medien: der Mythos vom weltverschwörerischen, betrügerischen und vermögenden Juden scheint omnimedial und polyglott. Unabhängig von Bildungsgrad, Alter, Sozialstatus oder Geschlecht: es lässt sich nahezu bei jeder Gelegenheit, zu jedem Thema und historisch rückblickend für jede Epoche eine antisemitische Chiffre pekuniärer Provenienz etablieren und die selbige hat sich zwischenzeitlich so weit in Pseudo-Wissen transformiert, dass sie in wissenschaftlichen Theorien zum Antisemitismus die Begriffe der <em>„Alltagsreligion“</em> (<a href="https://www.fischerverlage.de/autor/detlev-claussen-1001363">Detlev Claussen</a>) und des <em>„kulturellen Codes“ </em>(<a href="https://www.chbeck.de/volkov-antisemitismus-kultureller-code/product/15775">Shulamit Volkov</a>) mitgeprägt hat.</p>
<h3><strong>Antisemitische Verschwörungserzählungen und das Geld</strong></h3>
<p>Die Autoren wollen mit diesem Beitrag kurzen und prägnanten Einspruch erheben; Einspruch gegen die falsche Historizität der Existenz jenes vermeintlich <em>„reichen Juden“</em>, der durch alle Zeitalter mit <em>„Zinswucher“</em> und <em>„raffendem Kapital“</em> dem imaginierten <em>„ehrlichem und bodenständigem Schuldner“</em> gegenübersteht. Einspruch aber auch gegen die <em>„moderne Modalität“</em> des antisemitischen Verschwörungs-Phantasmas, in der der <em>„reiche Jude“</em> durch gesellschaftliche Zwänge und christliches kanonisches Recht in die Rolle des Geldverleihs <em>„gezwungen wurde“</em>, und, quasi unschuldig, das antijüdische Vorurteil reproduziert.</p>
<p>Während Berthold von Regensburg die marodierenden Heuschreckenschwärme noch im Bilde des <em>„Juden“</em> eindeutig antijüdisch markiert, bedient sich ein moderner Akteur desselben metaphorischen Bildes ohne Juden namhaft werden zu lassen. Das antisemitische Stereotyp klingt bei dem seinerzeitigen SPD Vorsitzenden Franz Müntefering (siehe Programmhefte der SPD im Januar und April 2005) folgendermaßen: <em>„Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.“</em></p>
<p>Verantwortungslose Heuschrecken fressen das ehrlich erworbene Geld der Deutschen, saugen dem bodenständigen Handwerker die ökonomischen Lebenskräfte aus und ziehen mit unrechtmäßig erworbenem Profit von Ort zu Ort. Was hat das mit Antisemitismus zu tun? Die obigen Zitate legen eine weit verbreitete und offensichtlich in Kontinuität verstetigte Mentalität eines gesellschaftlichen Stereotyps dar, welches Forschern aus dem Feld der Antisemitismusbekämpfung wohl vertraut ist. Die hier dokumentierte gesellschaftlich allgemein akzeptierte falsche Klarheit, die dem Mythos innewohnt, vergegenständlicht sich in der Karikatur eines machtaffinen vermögenden <em>„Juden“</em>, welcher in historischer Kontinuität zum Nachteil der gesellschaftlichen Mehrheit das eigene Vermögen rücksichtslos anhäuft, ja, im antisemitischen Duktus beschrieben, <em>„zusammenrafft“</em>.</p>
<p>Unausgesprochen steht im Raume, dass profitgierige Wesenheiten sich auf Kosten der nationalen <em>„ehrlichen Unternehmer“</em> bereichern und lokal wie global ihr ausbeuterisches Geschäfts-Unwesen betreiben. Die Insinuation ist wirkmächtig: jeder Zuhörer weiß das Unausgesprochene begrifflich zu benennen; keiner spricht es aus. Die Figur der Heuschrecken, häufig angereichert durch die Begriffe <em>„der Banker“</em>, die <em>„Finanzelite“</em> oder die <em>„Hedgefonds Manager“</em> deutet die Zielrichtung des gesellschaftlichen Furors unmissverständlich an. Identifiziert wird im Bilde der Heuschreckenschwärme, die Imagination eines seit dem christlichen Mittelalter wohlbekannten Vorurteils: Die unterstellte Affinität von <em>„Juden“</em> zum Geld und damit zur <em>„Macht“</em> und deren Kontrolle zeichnet die vermeintlich betrügerische Triade des <em>„Seins des Juden“</em> aus. Hierzu gehören insbesondere die imaginierten Attribute des undurchsichtigen Geldhandels und die dubiosen Geschäfte des Geldverleihs.</p>
<p>Wer für die Bundesrepublik eine <em>„Bewältigung“</em> oder gar <em>„Überwindung“</em> des antisemitischen Stereotyps des vermögenden Juden annimmt, sieht sich durch Kontinuität und Persistenz dieser Chiffre widerlegt. Schon einer der Gründerväter der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, wusste zu bemerken, dass <em>„die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika“</em> vorhanden und <em>„nicht</em> (zu) <em>unterschätzen“ </em>sei, so Adenauer im Interview mit Günter Gaus im Jahre 1966. Exemplarisch, so ließe sich hinzufügen, reiht sich ebenso Richard David Precht in die Reihe der Vorurteilswissenden über das Judentum ein: wusste er doch in seinem <a href="https://lanz-precht.podigee.io/112-ausgabe-110-uber-israel-und-den-gazastreifen">Podcast mit Markus Lanz im Oktober 2023</a> seine Zuhörer mit der Pseudoerkenntnis zu überraschen, dass es ultraorthodoxen Juden aus religiösen Gründen verboten sei zu arbeiten und lediglich der <em>„Finanz- und Diamantenhandel“</em> von diesem Verbot ausgenommen wären. <a href="https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd8-10/#SnippetTab"><em>„Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“</em></a>, benennt es Theodor W. Adorno in „Minima Moralia“.</p>
<p>Zuweilen taucht die vormals konstruierte antijüdische Verve nicht nur ausschließlich in bewusst antisemitischen Konnotationen auf, sondern offenbart sich als Phänomenologie eines alltagstauglichen Eigenlebens. Noch IfO Direktor Hans-Werner Sinn insinuiert im Oktober 2008 im Tagesspiegel zur <em>„Finanz-Krise“</em> im Tagesspiegel die falsche Klarheit eines antisemitischen Mythos: <a href="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/finanzen/1929-traf-es-die-juden-heute-die-manager-4242664.html"><em>„1929 traf es die Juden, heute die Manager“</em></a>. <a href="https://www.hanswernersinn.de/de/kontroversen/DokumentationTagesspiegel2008">Er entschuldigte sich nach heftiger Kritik bei Charlotte Knobloch, der damaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland</a>. Hier wird geradezu in exkulpatorischer Absicht ein Beispiel für jenen Voreingenommenheits-Antisemitismus gegeben, in dem das als <em>„bewältigt“</em> imaginierte Vorurteil in der Figur der erklärenden Unschuld sich reproduziert; nämlich, dass „die Juden“ an den Schaltstellen der Finanzwirtschaft saßen (und sitzen) und phantasierten <em>„eigennützlichen Einfluss“</em>, worauf auch immer, praktizieren. Zeitgenössisch durch den antisemitischen Impetus der <em>„bösen Absicht“</em> denunziert, verspricht die moderne <em>„erklärende Konfiguration“</em> den <em>„reichen Juden“</em> aus der Figur der Verworfenheit der Bosheit in eine Zwangssituation der ausbeuterischen Notwendigkeit zu exkulpieren.</p>
<h3><strong>Pseudologik und kontrafaktische Historisierung</strong></h3>
<p>Die pseudo-logische retrograde Begründungs-Kette hierzu ist leicht geknüpft. Da durch die Widrigkeiten des mittelalterlichem Gilderechts und der katholischen Rechtsvorschriften des christlichen Zins-Verbots der Geldverleih quasi zum Erliegen kommt und die ökonumistische Exklusion jüdischer Menschen aus der Gesellschaft sich konsolidiert, zwingt die vorgeblich ökonomisch-gesellschaftliche Rationalität jüdische Menschen in das monopolistische Verleih- und Zinswucher Geschäft. Aus dem Vorwurfs-Antisemitismus wird somit flugs der Erklärungs-Antisemitismus, welcher lediglich die moralische Zuordnung zum imaginierten historischen Faktum neu deutet, dabei aber die antisemitische pseudohistorische Imagination neu reproduziert und konfiguriert. Kurzum, nicht die Faktizität des Konstruktes eines <em>„Juden“</em> in der Geltung des <em>„stets vermögenden Juden“</em>, also der gesamte Charakter des antisemitischen Bildes wird analytisch in Frage gestellt, sondern lediglich die moralische Bewertung des vermeintlichen Faktums. Der Erklärungs-Antisemitismus verbleibt im tradierten antisemitischen Muster, indem er die freche Unterstellung der unlauteren Geldbereicherung jüdischer Menschen nicht ausräumt, sondern in eine moderne Narration der Opfer der Zeitumstände umdeutet.</p>
<p>Das Vorurteil, das seiner negativen Wertung entledigt ist, bleibt gleichwohl ein Vor-Urteil im ursprünglichen Sinn des Wortes. Die Problematik der anti-antisemitischen Intention dabei ist, dass in Kommentaren in Bildungsmedien diese Vorurteile zwar verurteilt, aber eben nicht durch analytische Urteile im Sinne einer passenden historischen Beurteilung ersetzt werden.</p>
<p>Quasihistorisch erfolgt die Affirmation und stetige Reproduktion des antisemitischen Gerüchtes einer bemerkenswerten historischen Genese. Am Anfang steht zumeist die Erfindung einer historischen Beweiskette; in unserem Fall die Herstellung der Hypothese eines <em>„christlichen Zinsverbots“</em>, das heißt des <em>„kirchlichen und obrigkeitsstaatlichen Verbots“</em> der Zinsnahme bei Verleih-Geschäften. Notwendig mitgedacht ist in dieser retrograden Narration stets die gesellschaftliche Figur des <em>„zins-wuchernden Juden“</em>, welcher auf unlauterer Weise <em>„Christenmenschen“ </em>auspresst und sich <em>„bereichert“</em>.</p>
<div id="attachment_4651" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4651" class="wp-image-4651 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-300x282.jpg" alt="" width="300" height="282" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-200x188.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-300x282.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-400x377.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-600x565.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-768x723.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002-800x753.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Massysm_Quentin__The_Moneylender_and_his_Wife__Bild-1-002.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4651" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Massysm_Quentin_%E2%80%94_The_Moneylender_and_his_Wife_%E2%80%94_1514.jpg">Quentin Matsys (1466-1530), Le prêteur et sa femme bzw. The Moneylender and his Wife (1514)</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Dieser Erklärungsversuch enthält mehrere Annahmen: erstens sei den Christen der Geldverleih gegen Zins qua kanonischem Verbotsvorschriften nicht erlaubt und zweitens seien Jüdinnen und Juden durch die Etablierung der (städtischen) Zünfte und Gilden aus fast allen (christlichen) Berufen ausgeschlossen gewesen. Drittens folgt aus dem vorherigen, dass <em>„die Juden“</em> ihre hauptsächliche Betätigung im Geldverleih (mit besonders hohen Wucherzinsen) gefunden hätten. Die imaginierte Monopolisierung des Geldverleihs durch Juden im Mittelalter bis in die Neuzeit wird somit zu einem gesamtgesellschaftlichen Phantasma und findet unhinterfragt Eingang in bildungspolitische Lehrmaterialien, insbesondere schulische Medien. Dies führt kurioserweise dazu, dass christliche Geldverleiher auf bildlichen Darstellungen aus dem Mittelalter oder der Renaissance fälschlich als <em>„jüdische Geldverleiher“</em> identifiziert werden, so etwa auf dem Bild „Der Goldwäger und seine Frau&#8220; (Le prêteur et sa femme) (1514) von Quentin Metsys, das in einem Schulbuch als <em>„jüdischer Geldverleiher und seine Frau“</em> bezeichnet wird.</p>
<p>Das (antisemitische) Vorurteil ist scheinbar so wirkmächtig, dass solche Ikonographen mit Juden besetzt werden, wo gar keine sind.</p>
<p>Im nächsten Schritt erweitert sich das Vorurteil der Dominanz des jüdischen Verleihs in die Erzählung von Wucher und christlicher Verschuldung. So fasst das dtv Lexikon in 20 Bänden aus dem Jahre 1976 paradigmatisch zusammen: <em>„Da Juden vom üblichen Berufsfeld des Handwerkers und Gewerbetreibenden ausgeschlossen waren, waren sie darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt durch Geldgeschäfte, vor allem durch den Geldverleih gegen Faustpfänder und Zinsen, zu bestreiten. Die hierdurch bewirkte Verschuldung breiter Bevölkerungskreise verschärfte die bereits bestehenden Aversionen, die sich dann von Zeit zu Zeit in furchtbaren Judenverfolgungen (Pogromen) und -vertreibungen niederschlugen; dabei dürfte sicher sein, dass innerhalb der Motive, die zu diesen Untaten führten, die materiellen Beweggründe der Schuldner eine ganz zentrale Rolle gespielt haben.“</em></p>
<p>Um es eindeutig zu formulieren: die These von einer <em>„Verschuldung breiter Bevölkerungskreise“</em> kann historisch nicht verifiziert werden. Vielmehr beobachten wir die simple Reproduktion eines antisemitischen Stereotyps. Lediglich der Modus der Interpretation changiert: die Darstellung des ursprünglichen Vorurteils der Anklage gegen Juden wird zum Vorurteil der Erklärung des Verhaltens von Juden. Das Stereotyp selbst bleibt unhinterfragt, der antisemitische Inhalt wird simplifiziert und reproduziert.</p>
<h3><strong>Tora und Genese des kirchlichen Zinsverbot</strong></h3>
<p>Somit gilt: Aufklärung tut not. Beginnen wir mit einem Quellenstudium zum Thema Geldverleih und Zinsen in der Tora: <em>„Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, sei nicht gegen ihn wie ein Schuldeinforderer. Ihr sollt von ihm kein Zins auferlegen. Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis zum Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke (…)“</em> (Ex. 22,24-26) sowie: <em>„Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn unterstützen, sodass auch der Fremde und Geduldete bei dir leben kann. Nimm von ihm keinen Zins und Überschuss! (…) Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Überschuss geben.“ </em>(Lev. 25,35-38)</p>
<p>Zur Legitimierung für den jüdischen Geldhandel mit Christen finden wir: <em>„Du sollst von deinem Bruder keinen Zins nehmen, (…) Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen (…)“</em> (Deut. 23,20-21). Hieraus leitete sich ab, dass Juden zwar nicht von Glaubensbrüdern Zinsen einnehmen durften, sehr wohl aber von Fremden (= Nichtjuden). In der scholastischen Interpretation bildete sich schnell die christliche <em>„Wucher-Verbots Lehre“</em> aus. Diese naturrechtliche Ablehnung der Geldkapitalverzinsung fußte auf einfacher aristotelischer Logik. Das unfruchtbare, nur zur Vermittlung des Tausches geschaffene Geld trage durch <em>„Zinsen“</em> widernatürlich selbst Früchte. Damit stehe der <em>„Zins“</em> beim Darlehen in Widerspruch zur göttlichen Ordnung.</p>
<p>Entgegen jener scholastischen Argumentation hatte sich im 11. Jahrhundert die Wucherpraxis unter kirchlichen Würdenträgern erkennbar ausgebreitet. Nicht selten mussten geistliche Grundherren nicht nur Kirchengut verpfänden oder verkaufen, sondern auch Kredite aufnehmen, um den nach Missernten auftretenden Nahrungsmangel durch den Ankauf von Getreide ausgleichen zu können.</p>
<div id="attachment_4652" style="width: 231px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4652" class="wp-image-4652 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-221x300.jpg" alt="" width="221" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-200x272.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-221x300.jpg 221w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-400x544.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-600x816.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-753x1024.jpg 753w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-768x1044.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-800x1088.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-1130x1536.jpg 1130w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-1200x1631.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002-1506x2048.jpg 1506w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Der-Juden-Erbarkeit_Bild-2-002.jpg 1736w" sizes="(max-width: 221px) 100vw, 221px" /><p id="caption-attachment-4652" class="wp-caption-text">Der Juden Erbarkeit (1581). Bayerische Staatsbibliothek.</p></div>
<p>Um gegen diese <em>„Fehlentwicklungen“</em> anzukämpfen, hielt das <em>„Zinsverbot“</em> in zahlreichen Beschlüssen wichtiger Kirchenversammlungen Einzug; so etwa das Zweite (1139), Dritte (1179) und Vierte (1215) Laterankonzil oder das Zweite Konzil von Lyon (1274). Um 1140 wurden eine Reihe von Anti-Wucherartikeln in das Decretum Gratiani übernommen, welches fürderhin als Grundlage des kanonischen Rechts galt. In konservativer Auslegung besagte das daraus entstandene kanonische Zinsverbot, dass Wucher unstatthaft sei und theologisch harte Kirchenstrafen heraufbeschwöre, denn <em>„jegliche Vermehrung des Geldes sei wider die Natur“</em>, weil Geld sich nicht (wie in Genesis geoffenbart) fortpflanze.</p>
<p>Zu Beginn des 13. Jahrhunderts deklarierte Caesarius von Heisterbach Wucher als eine sehr schwere und kaum wiedergutzumachende Sünde. Scholastisch räsonierte Heisterbach: Es gebe keine Sünde, die nicht von Zeit zu Zeit schlafe. Der Wucherzins aber höre niemals auf zu sündigen, schlafe also, wie Beelzebub nie, und sei deshalb besonders diabolisch. Für den Wucherer sei es darüber hinaus schwer, seine Sünden wiedergutzumachen, denn Gott vergebe ihm nur, wenn er zurückgebe, was er gestohlen habe. Der französische Historiker Jacques Le Goff sekundiert mit einem überlieferten Text, in dem es heißt, <em>„Wucher erzeuge unrechtes, schändliches Geld. Der Wucher sei ein unermüdlicher Arbeiter, der niemals schlafe und künstliches Geld produziere, was einem teuflischen Wunder gleichkomme“ </em>(in: Jaques Le Goff, Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter, Stuttgart 1988). Dennoch gelang es nicht den christlichen Geldverleih spürbar zu begrenzen oder zu beseitigen. Dies hatte zur Folge, dass sich die <em>„Öffentliche Brandmarkung des Geldverleihs“</em> in die moralische und gesellschaftliche Verurteilung der <em>„jüdischen Geldverleiher“</em> transformierte. Die vermeintliche Verworfenheit <em>„der Mörder Christi“ </em>wurde im Bewusstsein der christlichen Bevölkerung um den Vorwurf der betrügerischen jüdischen Geldverleiher angereichert.</p>
<p>Als häufig zitierte Referenz für das christliche Zinsverbot wird, wie oben angedeutet, meist das Vierte Lateran-Konzil genannt. Schaut man sich den Wortlaut der diesbezüglichen Texte jedoch genauer an, finden sich keine Vorschriften zum sogenannten <em>„christlichen Zinsverbot“</em>; vielmehr wird dokumentiert, dass sich die Christenheit beim Wucher beschränkt, und auch der <em>„Wucher der Juden“</em> soll in diesem Sinne begrenzt werden. Wolfgang Geiger (<a href="https://slub.qucosa.de/api/qucosa%3A36470/attachment/ATT-0/">Antisemitismus auch im Schulbuch? in: Medaon 13, 2019</a>) resümiert zum Ergebnis des Konzils, so „konnte sich das Konzil zu keinen radikalen Beschlüssen durchringen – ganz im Gegensatz zur heute allgemein verbreiteten Ansicht.“</p>
<h3><strong>Die historiographische Praxis des „Zinsverbots“</strong></h3>
<p>Das sogenannte <em>„kirchliche Zinsverbot“</em> – wenn es denn überhaupt ein solches gab, man sollte vielmehr vom Wucherverbot sprechen – manifestierte sich nicht in weltlichen Rechtsvorschriften und von christlichen Händlern kaum befolgt. Zu keiner Zeit war es gesellschaftliche Realität. Es führte allenfalls dazu, so darf man annehmen, dass die entsprechenden Geldgeschäfte „klammheimlich“ praktiziert wurden. Dementsprechend dünn ist die historische Quellenlage. Die Waffe der Kirche im Kampf gegen den Wucher, die Exkommunikation, wurde nur selten und wahrscheinlich nur in besonders gravierenden Fällen angewendet. Geldhandel gab es in allen Gesellschaftsgruppen, in und außerhalb der Kirche, des Adels und der entstehenden Bürgerschaft.</p>
<div id="attachment_4653" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4653" class="wp-image-4653 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018-300x168.jpg" alt="" width="300" height="168" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018-200x112.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018-300x168.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018-400x224.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018-600x337.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4653" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anti_George_Soros_sentiment_graffiti_in_Resen_Macedonia_2018.jpg">Graffiti gegen George Soros in Resen (Nordmazedonien)</a>. Foto: Resnjari. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.</p></div>
<p>Im Bewusstsein der Christen blieben Juden seit dem Mittelalter mit der Praxis des Wuchers verknüpft. Es wurde die Gefahr heraufbeschworen, dass Christen sich in die babylonische Gefangenschaft der <em>„wucherzinsenden Juden“</em> begeben und auf Dauer verarmen. Daher musste man insbesondere der <em>„unmenschlichen Behandlung“</em> von Christen durch <em>„jüdischen Wucher und Zinsen“</em> Einhalt gebieten. Die finanziellen Beziehungen zu Juden sollten auf ein Minimum beschränkt, wenn nicht gar aufgelöst werden. Weltliche Herrscher wurden aufgefordert, den durch jüdischen Wucher in Bedrängnis geratenen Christen zu helfen, indem sie Einfluss auf die jüdischen Gläubiger nahmen. Der Mythos der <em>„allmächtigen jüdischen Finanzlobby“</em>, findet hier einen seiner Ursprünge. Ebenso gehören Begriffe wie <em>„Globalisten“</em> oder <em>„Ostküstenkapital“,</em> mitunter auch konkrete Personen wie George Soros in jene Chiffre des Antisemitismus eingebunden.</p>
<p>Großen Anteil an der Verunglimpfung jüdischer Menschen hatten die Schriften des Dominikaners und Scholastikers Thomas von Aquin. Der Geldhandel stand für Thomas <em>„in einem unvereinbaren Gegensatz mit diesen Grundsätzen einer Bedarfswirtschaft; er gilt schlechthin als Sünde.“ </em>Der Geldleiher gebe nichts, was als Gegenwert für den Zins anerkannt werde, der Beruf des Geldleihers sei unverhüllt auf die Vermehrung des Geldvorrats gerichtet. Dass Juden von Fremden (<em>„Ausländern“</em>) Zins nehmen dürften, erkläre sich aus einem Zugeständnis an ihre besondere Neigung zur Habsucht.</p>
<p>Das Gerücht über die <em>„Geld-Juden“</em> hatte mit Thomas die gesamte christliche Gesellschaft erreicht. Von nun an galt zudem die Verknüpfung jüdischer Menschen mit der <em>„besonderen Neigung zu Habsucht“</em> als ausgemachte theologische wie gesellschaftliche Wahrheit. Neben der Vorstellung des allgemeinen Zinsverbots spielt die Verknüpfung <em>„jüdischen Reichtums</em>“ mit der Entwicklung europäischer Handelsstrukturen eine besondere Rolle.</p>
<p>Es soll noch einmal festgehalten werden, dass sich <em>„im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten Angehörige <u>aller</u> </em>(Hervorhebung DB und FM) <em>Bevölkerungsgruppen mehr oder weniger im Geldgeschäft engagiert haben“</em>, so der Historiker Jacques le Goff. Dennoch scheint das faktenresistente Vorurteil des <em>„jüdischen Wuchers“</em> auch in der Figur des <em>„internationalen Händlers“ </em>mit entsprechender abwertender Konnotation, ja sogar tödlicher Polemik, sich bis in die Postmoderne übersetzt zu haben.</p>
<p>Jacques Le Goff resümiert in „Wucherzins und Höllenqualen“: <em>„Bis zum 12. Jahrhundert war der Zins/Alltagsverleih in den Händen der Juden; es waren keine bedeutenden Summen im Spiel, und man bewegte sich im Rahmen der Naturalienwirtschaft.“ </em>Nachdem Juden ab dem ausgehenden Mittelalter aus fast allen produktiven Wirtschaftszweigen, vor allem dem Fernhandel, verdrängt worden waren, blieb einigen jüdischen ehemaligen Fernhändlern lediglich das Geschäft des <em>„Alltagsverleih“</em> übrig; die übergroße Mehrheit der jüdischen Menschen betrieb wie in den vorherigen Jahrzehnten innerhalb der jüdischen Separatwirtschaft die traditionellen Berufe, waren also Handwerker, Schreiner, Schmiede, Bauern, Metzger Winzer und Ärzte.</p>
<p>Das Geschäftsfeld des großen Kredits wurde fortan von christlichen Bürgern der aufstrebenden städtischen Kommunen besetzt (das beste Beispiel ist die Familie Fugger). Der Adel blieb bei der Vergabe von Krediten im Großen und Ganzen unter sich. Lediglich die Vergabe von kleinen Notkrediten jüdischer Verleiher lässt sich empirisch nachweisen. Diese zahlenmäßig für die Gesamtwirtschaft völlig unerheblichen Kleinkredite, galten fürderhin als „Beleg“ und „historischer Beweis“ des Gerüchtes über die „Wucher- und Geld-Juden“. Die Wucherpolemik erschlich sich ihren Weg durch die mittelalterliche Gesellschaft bis in die Postmoderne, die falsche Klarheit des Gerüchtes erstarrte zur „gewussten Narration“ des antisemitischen Vorurteils. Die Kontinuität der Reproduktion des antisemitischen Stereotyps brach sich Bahn.</p>
<h3><strong>Shakespeares Shylock &#8211; Figur in der antisemitischen Chiffre </strong></h3>
<p>Die Beschreibung des <em>„kulturellen Codes“</em> (Shulamit Volkov) des Antisemitismus in der Figur des <em>„vermögenden Juden“</em> wäre ohne Erwähnung des literarischen Elements unvollständig. Die Epoche der Renaissance zeichnete sich durch Umwälzungen in der Kultur aus. Insbesondere die Literatur, Bildhauerkunst und Malerei erlebten diese <em>„Wiedergeburt“</em> und jenen kam durch die neu entdeckten Modalitäten der Bildsprache eine fortan wichtige Rolle in der gesellschaftlichen Kommunikation zu. Aus diesem Grund ist es auch jene Epoche, die die antisemitische Ikonographie prägte, welche sich bis heute in antisemitischen Bildern reproduziert. Zu keiner vorherigen Zeit wurden Portraits des <em>„teuflischen“</em> und <em>„geldgierigen Juden“</em> so häufig materialisiert wie in dieser Epoche. Die omnimediale Präsenz dieser antijüdischen Perspektiven wirkte sich dergestalt auf die Literatur aus und Juden wurden zum beliebten Feindbild von Dichtung und der darstellenden Künste.</p>
<div id="attachment_4650" style="width: 248px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4650" class="wp-image-4650 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock-238x300.jpg" alt="" width="238" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock-200x252.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock-238x300.jpg 238w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock-400x504.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock-600x756.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Shylock.jpg 640w" sizes="(max-width: 238px) 100vw, 238px" /><p id="caption-attachment-4650" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shylock_(Twelve_Characters_from_Shakespeare)_MET_DP828470.jpg">John Hamilton Mortimer (1740-1779), Shylock aus der Serie &#8222;Twelve Characters from Shakespeare&#8220;</a>. Wikimedia Commons, <a href="http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Zero, Public Domain Dedication</a>.</p></div>
<p>Beispielhaft gilt hierbei jene berühmte dramatische Rolle des Shylock im „Kaufmann von Venedig“, verfasst von William Shakespeare im Jahr 1600. Antonio, eine der Hauptfiguren des Stücks, leiht sich von Shylock Geld für einen Freund. Der Vertrag zwischen Shylock und Antonio legt fest, dass Antonio, sofern er seiner Schuld nicht nachkommen kann, diese auszugleichen habe mit einem Pfund seines Fleisches. Vor dem Vertragsabschluss sagt Shylock zu Antonio, dass der Passus <em>„nur zum Spaß“</em> aufgenommen werden solle. Hier wird das antisemitische Stereotyp der Täuschung klar erkennbar. Shylock besteht am Ende des Stücks, ganz im antisemitischen Bild des nach Christenblut gierenden Juden, auf sein Pfund Fleisch aus Antonios‘ Körper. Die jüdische Lust nach christlichem Blut muss befriedigt werden.</p>
<p>Hier verschmilzt, erstmals in der Weltliteratur, der mittelalterliche Aberglaube, wonach Juden bei Ritualmorden nach Christenblut gierten, mit dem neuzeitlichen Schaudern vor der Allmacht des Geldes, paradigmatisch in der abstoßend gezeichneten Figur des Shylock. Hierbei zieht William Shakespeare sämtliche antisemitischen Register und lässt den Zuschauer zwischen <em>„jüdischen Rachelüsten“</em>, <em>„Blutritualphantasmen“</em> und <em>„gierigen Geldjuden“</em> lustwandeln. Damit nicht genug, der <em>„jüdische Selbsthass“</em>, repräsentiert in Jessica, der Tochter Shylocks, demaskiert alle christlichen Vorurteile als letztendliche <em>„wahrhaftige“</em> jüdische Selbstbeschreibungen. Die Bezeichnung des eigenen Elternhauses als <em>„Hölle“</em>, aus der sie zu ihrem christlichen Liebhaber flieht, wird der Figur Jessica in den Mund gelegt. Folgerichtig mutiert die Figur des Shylock zum Diabolischen; sein unmoralischer Geldverleih und <em>„antichristlicher Zinswucher“</em> werden zu eindeutig identifizierbaren antisemitischen Markierungen. Weitere Figuren, etwa ein Kaufmann und Shylocks Diener Lancelot, sehen in ihm den <em>„Teufel“</em>, weil er Jude ist.</p>
<p>Das Vorurteil ist keines, sondern eine stimmige Beschreibung des <em>„wahren Juden“</em>. Lassen wir Shylock sprechen: <em>„Ihr nehmt mein Leben, wenn ihr mir die Mittel nehmt, wovon ich lebe.“</em> Die Selbstbezichtigung des Juden, mithin die Bestätigung aller Vorurteile, gibt klare Auskunft: das Geld ist das Blut des Juden; sein Lebenselixier heißt Zinsen, Wucher und Kapital.</p>
<p>Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur modernen rassentheoretischen Blut und Boden Ideologie des Wilhelm Marr, der mit pseudowissenschaftlichen Methoden ein <em>„jüdisches Wesen“</em> erfindet, welches dem <em>„deutschen Wesen“</em> diametral entgegensteht. Germanisches Blut gegen <em>„jüdisches“</em> Geld, so lautet das Motto. Hier schließt sich der Kreis unserer Betrachtung: das Phänomen des Antisemitismus erweist sich abermals als gefährliche Chimäre, welche sich geschmeidig an Zeitereignisse anschmiegt und dennoch seine spezifisch antisemitische exterminatorische Signatur beibehält. Freilich bleibt festzuhalten: gefährlich ist der Antisemit nicht nur für jüdische Menschen. Antisemiten sind eo ipso Feinde der Republik, Feinde des demokratischen Gemeinwesens. Somit gilt: die Bekämpfung des Antisemitismus ist mithin eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit.</p>
<p><strong>Detlef David Bauszus (</strong>Universität Duisburg-Essen)<strong> und Felix Markgraf</strong> (Krefeld)</p>
<p>Die Autoren: Detlef David Bauszus lehrt an der Universität Duisburg-Essen Politische Wissenschaft mit den Schwerpunkten Politische Theorie, Kritik des Antisemitismus und Kritische Theorie. Zurzeit arbeitet er am Projekt &#8222;Die politische Religion des Antisemitismus&#8220;. Felix Markgraf ist Politologe, studierte an der Universität Duisburg-Essen mit den Schwerpunkten Politische Theorie und Antisemitismusforschung. Er ist in der Präventionsarbeit gegen extremistische Radikalisierung tätig.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2024, Internetzugriffe zuletzt am 12. April 2024. Der Titel des Essays ist ein Ausspruch, der dem sogenannten „Schinderhannes“ zugeschrieben wurde. Er soll ihn im Jahr 1800 bei einem Überfall auf reisende jüdische Händler gesagt haben. Er ist zitiert nach Cilli Kasper-Holtkotte, in: <a href="https://www.degruyter.com/journal/key/asch/html">Aschkenas – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden</a> 1/1993. Die Tora-Übersetzungen folgen der Übersetzung von Moses Mendelssohn, zugänglich in der 2001 erschienenen Ausgabe der Jüdischen Verlagsanstalt.)</p>
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		<title>Gefühlspolitik, faschistische Version</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 16:22:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Gefühlspolitik, faschistische Version Analysen von Drehli Robnik und Siegfried Kracauer „Mag die sozial wirksame Idee immerhin von Einzelpersönlichkeiten in die Welt hinausgeschleudert werden, ihren eigentlichen Leib bildet die Gruppe. Das Individuum zeugt und proklamiert wohl die Idee, aber die Gruppe trägt sie und sorgt für ihre Verwirklichung. Parteien setzen sich für die Erreichung bestimmter  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Gefühlspolitik, faschistische Version</strong></h1>
<h2><strong>Analysen von Drehli Robnik und Siegfried Kracauer </strong></h2>
<p><em>„Mag die sozial wirksame Idee immerhin von Einzelpersönlichkeiten in die Welt hinausgeschleudert werden, ihren eigentlichen Leib bildet die <u>Gruppe</u>. Das Individuum zeugt und proklamiert wohl die Idee, aber die Gruppe trägt sie und sorgt für ihre Verwirklichung. Parteien setzen sich für die Erreichung bestimmter Ziele ein, Vereine schließen sich zu irgendwelchen Zwecken zusammen.“ </em>(Siegfried Kracauer, Die Gruppe als Ideenträger, 1922, zitiert nach: Siegfried Kracauer, Das Ornament als Masse, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1963)</p>
<div id="attachment_4537" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7017-2/flexibler-faschismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4537" class="wp-image-4537 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus.jpg 842w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-4537" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Welche Gruppe bilden Faschisten? Welche Gruppe bilden diejenigen, die andere als <em>„Faschisten“</em> bezeichnen? <a href="http://www.cinepoetics.fu-berlin.de/fellows/current/robnik/index.html">Drehli Robnik</a> hat sich in seinem Buch „Flexibler Faschismus“ (Bielefeld, transcript, 2024) mit diesen Fragen beschäftigt. Dieses Buch eröffnet die Chance, umfassender und tiefgehender darüber nachzudenken, was <em>„Faschismus“</em> beziehungsweise <em>„Faschismen“</em> für manche Menschen so attraktiv macht, dass sie darüber Freiheit und Demokratie aufzugeben bereit sind. Die Antwort ist komplex. Eine zentrale Aussage von „Flexibler Faschismus“ lautet, dass man den Begriff des <em>„Faschismus“</em> im Plural verwenden und von <em>„Faschismen“</em> sprechen müsse. Das mache den Begriff <em>„fluid“</em>. Eine Schlüsselrolle spielen die Menschen, die oft genug als <em>„Mitte“</em> – Kracauer spricht von <em>„Mittelschichten“</em> – bezeichnet werden, im Grunde aber nicht mehr und nicht weniger als einen allgemein verbreiteten Habitus in der Mehrheitsgesellschaft repräsentieren, der sich vorrangig für sich selbst interessiert und glaubt, die eigenen Interessen wären mit denen der Mehrheit wenn nicht gar des ganzen <em>„Volkes“</em>, der <em>„Nation“ </em>identisch, sich aber so gut wie gar nicht für die Perspektiven von Minderheiten interessiert.</p>
<p>Grundlage der Analysen Robniks sind die Schriften von Siegfried Kracauer (1889-1966). In sieben Kapiteln beschreibt Robnik Kracauers Bild von <em>„Faschismus“</em>, das sich auch auf unsere Zeit übertragen ließe. Er diagnostiziert allerdings in unserer Zeit eine „<em>Inflation der Faschismus-Etikettierungen“</em>, <em>„Faschismus als ein Wort in Bewegung“. </em>Beschworen wird in Politik und Medien immer wieder, dass sich Geschichte wiederholen könne, eine Sorge und Angst, die sich vor allem in der Formel des „Nie wieder“ fixiert. Robnik sieht wie vor 100 Jahren Kracauer einen <em>„Faschisierungsprozess“</em> und verweist damit auf den Bewegungscharakter des Faschismus sowie der diversen faschistischen Gruppierungen, die sich selbst oft genug weniger als Partei denn als <em>„Bewegung“</em> verstanden und verstehen, deren gemeinsames Ziel es bei allen Unterschieden im Detail jedoch war und ist, eine Gesellschaft ausschließlich nach ihrem Bilde zu gestalten. Eine Vorstufe mag heutzutage die von Viktor Orbán und seinen Anhängern propagierte „illiberale Demokratie“ sein, in weiteren Schritten werden jedoch Lebensweisen, Einstellungen und Vorstellungen einer liberalen und demokratischen Gesellschaft Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Politik, der Medien, der Gesellschaft entfernt. Das mag nicht unbedingt das Ziel all derer sein, die proto-faschistische und krypto-faschistische Bewegungen unterstützen, ihnen mag wahrscheinlich auch nicht klar sein, dass diese Bewegungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Auflösung der liberalen Demokratie betreiben.</p>
<h3><strong>Faschismus und Nihilismus</strong></h3>
<p>Drehli Robnik ist Historiker, Filmwissenschaftler und einiges mehr. Er bezieht seine Analyse der Studien Siegfried Kracauers immer wieder auf die Schriften verwandter Autor:innen wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ignazio Silone oder – dies mag manche verwundern – Friedrich Nietzsche. Die besondere Perspektive Kracauers lässt sich vielleicht in einem Begriff zusammenfassen: Faschismus ist <em>„fluid“</em>. Gegenstand der Analyse Robniks sind Theoretiker, die sich selbst ausdrücklich als <em>„faschistische“</em> Theoretiker verstanden, beispielsweise Carl Schmitt, Giovanni Gentile, José Antonio Primo de Rivera. Deren Schriften waren im Grunde Gebrauchsanweisungen für Machtstreben, Machtgewinn und Machterhalt faschistischer Parteien und ihrer „Führer“.</p>
<p>Ignazio Silone (1900-1978), dessen Beziehung mit Siegfried Kracauer Robnik ausführlich beschreibt, sprach davon, dass Faschisten der <em>„Wille zur Macht“</em> treibe, ein Begriff, der auf Friedrich Nietzsche zurückgeht, den Nietzsche jedoch nie als Buchtitel verwandte. Dies geschah erst, als aufgrund des Turiner Zusammenbruchs Nietzsches seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche die Gelegenheit nutzte, Nietzsches Nachlass nach ihren Vorstellungen zu redigieren und zu verfälschen. In welchem Maße sie das tat, deckte erst Mitte der 1950er Jahre von Karl Schlechta Mitte der 1950er Jahre auf. Die Bewertung Nietzsches als Protofaschisten prägt leider heute noch viele Bücher, Essays, die sich mit Nietzsche beschäftigen. Prominent zu nennen ist in der faschistischen Nietzsche-Rezeption das 1931 erschienene Buch von Alfred Baeumler „Nietzsche, der Philosoph und Politiker“. Nach wie vor werden Bücher Nietzsches mit dem Titel „Der Wille zur Macht“ verlegt und geben mit diesem Titel weiterhin Anlass zu Fehlinterpretationen. Das, was Nietzsche als Analyse verstand, wurde in dieser Rezeption als politisches Programm missverstanden. Ein Beispiel für Nietzsches Analyse aus dem Nachlass der Achtzigerjahre mag dies belegen (zitiert nach der Schlechta-Ausgabe): <em>„Der Instinkt der <u>décadence</u>, der als Wille zur Macht auftritt. Verführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel. / Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der <u>Unmoralität</u>.“</em></p>
<p>Nietzsches Analyse politischer Prozesse spitzt die Frage der <em>„Macht“</em> in dem Problem des fragilen Verhältnisses von <em>„Leben“</em> und <em>„Nichts“</em> zu. Beide Begriffe sind wenig konkret und erhalten ihre <em>„Bedeutung“</em>, ihren Sinn erst – wie Ludwig Wittgenstein formulieren würde – <em>„im Gebrauch in der Sprache“</em> (in: Philosophische Untersuchungen § 43). Das <em>„Leben“</em> verliert in einer auf Zerstörung zielenden Bewegung, wie sie der Faschismus, den Nietzsche noch nicht kennen konnte, mit seinem Todeskult vertrat, seinen Sinn, gibt geradezu jeden Sinn auf. Die Bewegung wird Selbstzweck. <em>„Die <u>Niedergangs-Instinkte</u> sind Herr über die <u>Aufgangs-Instinkte</u> geworden… Der <u>Wille zu Nichts</u> ist Herr geworden über den <u>Willen zum Leben</u>.“</em> (diese Stelle folgt bei Schlechta wenige Zeilen nach der zuvor zitierten). Wie gesagt: eine Analyse, kein Programm, aber in der Zuspitzung und gerade wegen der fehlenden Präzision der Begriffe immer instrumentalisierbar. Letztlich könnte sich fast jede autoritäre oder totalitäre Ideologie auf Nietzsche berufen, ähnlich wie sich auch fast jede Politik auf Machiavelli berufen könnte. Übrig bleibt eine nihilistische Sicht auf Politik und Geschichte.</p>
<p>Nietzsche gibt keine Antwort auf die Frage, wie diese nihilistische Sicht überwunden werden könnte. Theodor W. Adorno sieht gerade in diesem Fehlen einer konstruktiven Perspektive die Gefahr. Er formuliert in „Negative Dialektik“: <em>„Überwindungen, auch die des Nihilismus samt der Nietzscheschen, die es anders meinte und doch dem Faschismus Parolen lieferte, sind allemal schlimmer als das Überwundene.“</em> Nicht zuletzt, weil kaum jemand die Gefahr in diesen <em>„Parolen“</em> erkennt. Anders gesagt: die Wirkungen eines Textes sind gefährlicher als der Text selbst. Durchaus in diesem Sinne überschreibt Robnik das vierte der sieben Kapitel seines Buches mit der Formel <em>„Ideologie: Flexibler Faschismus als totalitärer Nihilismus“</em>. Seine These: <em>„Vielleicht sind Faschismus und <u>gar nichts</u> ja gar nicht so weit voneinander entfernt. Kracauer wird in seinen politischen Studien der 1930er und 1940er Jahre oft und oft betonen, dass Faschismus gewissermaßen das zur politischen Ideologie gewordene <u>gar nichts</u> ist.“ </em>Hier sieht Robnik auch Verbindungen zwischen den Analysen Kracauers und Silones. Noch einmal Adorno in „Negative Dialektik“: <em>„Die Totalität des Widerspruchs ist nichts als die Unwahrheit der totalen Identifikation, so wie sie in dieser sich manifestiert. Widerspruch ist Nichtidentität im Bann des Gesetzes, das auch das Nichtidentische affiziert.“</em> Dem vom Faschismus repräsentierten <em>„gar nichts“</em> kann sich letztlich niemand entziehen. Das bedeutet nicht, dass Widerstand sinnlos wäre. Aber das ist eine andere Debatte.</p>
<h3><strong>Antipolitik – Postpolitik</strong></h3>
<p>Im siebten und letzten Kapitel nimmt Robnik den im vierten Kapitel vorbereiteten Gedanken wieder auf: <em>„Heute: das Nichts nach dem Faschismus, Faschismus nach dem Nichts“</em>. Faschismus ist die Antithese zur Politik. Ausgehend von Kracauers 1948 entstandener Analyse des 1946 veröffentlichten Films <a href="https://www.imdb.com/title/tt0038823/">„Paisá“</a> von Roberto Rossellini sieht er in dessen Episoden die Darstellung <em>„einer Welt, die antipolitisch geprägt ist, weil sie nicht nur den Faschismus, sondern <u>sämtliche</u> Formen und Versprechen einer die Gesellschaft bewegenden Politik bzw. deren Ideen hinter sich lassen will.“</em> Dies ist <em>„postpolitisch“</em> und geradezu <em>„politikfeindlich“</em>. Robnik zitiert Kracauers Text „The Decent German“ aus dem Jahr 1949: <em>„Politics for these people is nothing but a hateful intrusion into their emotional and cultural privacy”</em>.</p>
<p>Der Bürger möchte eigentlich von Politik in Ruhe gelassen werden und ignoriert den politischen Charakter seines Drangs zur Entpolitisierung des Alltags, wie auch Franz Biberkopf, der Held von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) und der Verfilmung von Phil Jutzi (1931): „<em>Der Kleinbürger, Kleinwarenhändler, Biberkopf, ein ‚decent peddler‘ analog zum <u>decent German</u>, sieht in seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Politik die Nazis im Berlin von 1931 nicht als Gefahr, sondern als Kundschaft.“ </em>Das antidemokratische Potenzial, die antidemokratische Gefahr wird ignoriert oder geleugnet, erst recht nach 1945, als die Katastrophe, in die Nationalsozialismus und Faschismus Europa stürzten, eigentlich für alle sichtbar geworden sein sollte. Dies ignorierend können sich heutzutage selbst erklärte Faschisten, erklärte Nazis als Demokraten inszenieren, was sie heutzutage, in den 2020er Jahren auch tun. Sie gehen sogar so weit, dass sie Demokraten als Nazis und Faschisten diffamieren und sich, immer wieder auch Symbole und Zeichen der Shoah okkupierend, als Opfer darstellen wie beispielsweise während der Corona-Pandemie.</p>
<p>Das eigentlich Politische ist das A-Politische. So wird es präsentiert. Und das A-Politische ist in höchstem Maße politisch, so die Wirkung. Wir erleben mit dem Aufschwung faschistischer und krypto- und postfaschistischer Politiker:innen in den 2010er und 2020er Jahren im Grunde eine Politisierung der gesellschaftlischen Konflikte, die gleichzeitig eine Entpolitisierung ist. Beispiele dafür geben – so Robnik – nicht nur Giorgia Meloni und Herbert Kickl (die ich nicht auf eine Stufe stellen möchte), sondern auch Politiker wie Sebastian Kurz (ich erlaube mir Sahra Wagenknecht als eine weitere Wiedergängerin des von Sebastian Kurz verkörperten Typus von Politiker:innen zu nennen). Sie alle – auch Politikerinnen wie Giorgia Meloni und Marine Le Pen, <a href="https://www.zeit.de/2022/40/rechtspopulismus-frauen-giorgia-meloni-marine-le-pen/komplettansicht">die Thea Dorn als <em>„Löwenmütter“</em>, als <em>„Mütter der Nation“</em>, beschrieb</a> – propagieren ein Bild fürsorglich-radikaler Männlichkeit: <em>„Die Selbstbehauptung männlicher Gefühle über Wirklichkeit und Wahrheit zu setzen, dazu bedarf es nicht notwendig eines groben Machismo à la Trump, Putin oder Bolsonaro. Dazu genügt der glatte Schwiegersohn-Tonfall eines Sebastian Kurz.“</em> Oder die schmeichelnde Entschiedenheit einer Giorgia Meloni, die allerdings an politischem Geschick alle hier genannten Männer bei Weitem übertrifft. Sie alle verkörpern <em>„die widersprüchliche Verbindung zwischen einerseits autoritärem Durchregieren und andererseits einem antiinstitutionell-rebellischen Gestus, wie sie Kracauer in seinem Caligari-Buch anspricht. Der Führer ist ‚oben‘, ein ungebundener Herrscher, mitunter Staats- oder Regierungschef, und <u>zugleich Rebell</u> mit direktem Draht zu den vielen da ‚unten‘.“</em></p>
<div id="attachment_1507" style="width: 207px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1507" class="wp-image-1507 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick.jpg 842w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-1507" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Robnik spricht mit Verweis auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">Simon Stricks Buch „Rechte Gefühle“</a> (Bielefeld, transcript, 2021) auf die von ihnen verkörperte <em>„Gefühlspolitik“</em>: <em>„In Sachen Gefühlspolitik überließ die Linke, so Kracauers Fehlerdiagnose, einiges der nationalsozialistischen Propaganda; diese versteht sich blendend auf das Mobilisieren von Gefühlen“. </em>Die heutige Linke positioniert Gefühle ausschließlich in der hybriden Form des Wokism, der jedoch in der Mehrheitsgesellschaft sich bisher als kaum anschlussfähig erweist. Das Äußern von Gefühlen ist noch lange keine Strategie. Das Nihilistische solcher <em>„Gefühlspolitik“</em> liegt eben genau da: Fakten sind irrelevant, reale Machtverhältnisse ebenso, Gefühle sind alles und daher auch Fiktionen möglicher Machtverhältnisse, wie sie proto- und kryptofaschistische Bewegungen propagieren.</p>
<p>Der autoritäre Herrscher, der zugleich gegen herrschende Zustände rebelliert, ist im Grunde ein Wiedergänger des Alexander, der den gordischen Knoten durchschlägt. Der Rebell als Zerstörer alter Ordnung. Denn wer politischen Streit beenden will, will nicht nur Ruhe, sondern auch Klarheit, Eindeutigkeit. Hier ist sich die demokratische Politik der vergangenen Jahrzehnte selbst in die Falle gegangen. Sie versucht immer wieder erfolglos, Kritik auch von Anti-Demokraten (Stichwort: die „Sorgen“ der Bürger, wird in der Regel nicht gegendert), durch Adaptation aufzunehmen und die Bürger:innen. auf diese Art und Weise ruhigzustellen. Die von diesen erhoffte Klarheit entsteht so nicht, allenfalls der Eindruck, dass die Regierenden eben einfach nicht wissen, was sie wollen. Das Unbehagen bleibt, Beruhigung, Ruhe funktioniert nur für einen begrenzten Zeitraum.</p>
<p>Robnik diskutiert die Frage, ob das Unbehagen vieler Menschen an politischem Streit (<em>„Genug gestritten!“</em>) als <em>„Entpolitisierung“</em> verstanden werden könnte, die jetzt von Gruppierungen wie <em>„Pegida, die AfD, die Identitären, Gelbwesten, Trumpismus und Rallyes der Alt-Right, Corona-Protesten – als eine Art Repolitisierung von rechts erscheinen“</em> könnte. Robniks Antwort lautet nein, denn das Ergebnis sind <em>„weniger Handeln als Hasskampagnen; weniger eine Reaktivierung von Streit als eine Zunahme von Hetze; sie zielt nicht auf vertiefte demokratische Teilhabe oder auf erweiterte Spielräume der Konfliktaustragung, sondern ultimativ darauf, dass demokratische Unruhen und Ansätze von Minderheitenrechten verschwinden – im Szenario des charismatisch geführten, ethnisch identifizierten und gereinigten Volkes.“</em> Ich gestehe, ich bin mir da nicht so sicher, denn <em>„Hass“</em> ist ein starkes in Politik umsetzbares Gefühl, der Wunsch nach Zerstörung all dessen, das ärgert. Wer aus <em>„Hass</em>“ zuschlägt, belegt das zerstörerische Potenzial einer mit Gefühlen munitionierten Politik. Im Grunde ein dialektisches Verhältnis. Die Kampagnen, die zunächst die Basis waren, werden in der zerstörerischen – manche sagen: revolutionären – Tat zum Überbau, der wiederum zu einer Verbreiterung der Basis beiträgt.</p>
<p>Das funktioniert auch auf der intellektuellen Ebene. Über die oft zitierten „Sorgen“ hinaus werden von der neuen Rechten – so Robnik – Begriffe wie <em>„Kritik“</em> und <em>„Theorie“</em> okkupiert, wer sie als <em>„migrationskritisch“</em> oder ihre Thesen als <em>„Verschwörungstheorie“</em> bezeichnet, <em>„nobilitiert“ </em>sie geradezu, erkennt den intellektuellen Überbau als Basis politischen Handelns an. Anti-demokratisch ist dies allemal, ob es auch <em>„faschistisch“</em> ist, spielt nicht unbedingt die wesentliche Rolle. Schlägertrupps der Neuen Rechten mögen sich als <em>„Faschisten“</em> fühlen oder diese Etikettierung sogar abstreiten, indem sie ihre Gegner:innen ihrerseits als <em>„Faschisten“</em> bezeichnen. Aber es ist irrelevant, welches Selbstverständnis sie haben, in der Praxis verhalten sie sich wie faschistische Schlägertrupps der 1920er und 1930er Jahre. Wenn Opfer der NSU-Morde Angst hätten, nach Chemnitz zu fahren, falls dort das geplante nationale Dokumentationszentrum errichtet werden sollte – darauf verwies <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-gedenkstaette-1.6465264">Gamze Kubaşık, Tochter des vom NSU ermordeten Mehmet Kubaşık in der Süddeutschen Zeitung</a> –, zeigt dies nur, wie weit Schlägertrupps und rechter Terror es inzwischen gebracht haben. Robnik schließt mit dem lapidaren Hinweis auf <em>„ein Nichts, das manchmal vielleicht faschistisch ausfällt.“</em> Faschismus als schlagkräftig angewandter Nihilismus.</p>
<h3><strong>Geschichtslose Gesellschaft</strong></h3>
<p>Die immer wieder in politologischen und soziologischen Studien, eindrucksvoll von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">Thomas Biebricher in seinem Buch „Mitte / Rechts“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) dekonstruierte <em>„Mitte“</em>, die sich radikalisiere oder von rechts aufrollen lasse, war bereits ein Gegenstand der Analysen Siegfried Kracauers. Besonders hervorzuheben sind seine Texte „Die Angestellten“ (1929/1930) und „Die Gruppe als Ideenträger“ (1922). Zentrale Begriffe sind der <em>„Raum“</em> und eben die <em>„Gruppe“</em>. Wie entsteht kollektive Identität und wie positioniert sich diese <em>„Gruppe“</em> im politischen sowie im realen <em>„Raum“</em>? In diesem Kontext spielt auch die immer wieder gestellte, aber kaum beantwortbare Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Rolle. Zurzeit wird die Studie „Triggerpunkte“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (Berlin, Suhrkamp, 2023) oft mit dem Tenor zitiert, es gäbe die oft behauptete <em>„Spaltung der Gesellschaft“</em> nicht. Das möchten manche vielleicht hören, aber das ist nur ein Teil der Botschaft. Die „Triggerpunkte“ belegen lediglich, dass sich radikalisierende Menschen für die Demokratie noch nicht verloren sind. Die Radikalisierungspotenziale, das Unbehagen an politischem Streit, die wachsende Ungeduld in manchen Bevölkerungsgruppen sind ebenso Thema dieser Studie, doch Entwarnung ist natürlich immer die schönere Botschaft. Beruhigung statt Analyse.</p>
<p>Drehli Robnik wendet mit Siegfried Kracauer diese Debatte ins Grundsätzliche: <em>„Spaltung ist nicht das akute Problem, sondern ein Grundzustand von Gesellschaft; und Kracauers politischer Realismus fragt danach, wie die Spaltungen, aus denen Gesellschaften und das Leben in ihnen bestehen, als Konflikte austragbar sein können.“</em> Die <em>„Mittelschichten“</em> sind in diesem Kontext eine Art Indikator für gesellschaftlichen Wandel, es ließe sich aber auch einfach von Mehrheits – oder bezogen auf ihren Habitus mit einem Wort von Birgit Rommelspacher – von <em>„Dominanz“</em>gesellschaft sprechen. Wenn die <em>„Mittelschichten“</em> sich auf die Rede von der <em>„Spaltung“</em> einlassen, aber nicht mehr über die Austragung von Konflikten verhandeln, wird Demokratie letztlich in Frage gestellt, denn Demokratie gehört ungeachtet allgemeiner Zustimmung, dass Demokratie wichtig sei, nicht zum überlebensnotwendigen Inventar politischer Meinungsbildung in den <em>„Mittelschichten“. </em></p>
<p>Die <em>„Mittelschichten“</em> – so Kracauer in „Aufruhr der Mittelschichten“ – <em>„sind heute zum großen Teil ökonomisch proletarisiert und in ideeller Hinsicht obdachlos“. </em>Vereint sind sie – so die Analyse Kracauers in „Die Angestellten“ – beispielsweise in der Mode, denn <em>„Mode und Wirtschaft arbeiten sich in die Hand“</em>, <em>„Sprache, Kleider, Gebärden und Physiognomien gleichen sich an, und das Ergebnis des Prozesses ist eben jenes angenehme Aussehen, das mit Hilfe von Photographien umfassend wiedergegeben werden kann.“ </em>Kracauer verwendet den Begriff der <em>„Zuchtwahl“</em>, auch wenn diese von niemandem – zumindest nicht bewusst – gesteuert wird, sondern sich einfach aus wirtschaftlichen Erwägungen ergibt, mit Schönheitssalons, Haarfärbemitteln, Schönheitsoperationen und nicht zuletzt der <em>„Überhöhung der Jugend“</em>, die einhergeht mit einer <em>„Entwertung des Alters“</em>.</p>
<p>Eben dies sind die Träume, die Kracauer in dem Text „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ (1927) mit einer eigentümlichen Dialektik beschreibt: <em>„Es mag in Wirklichkeit leicht geschehen, dass ein Scheuermädchen einen Rolls Royce-Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls Royce-Besitzer, dass die Scheuermädchen davon träumen zu ihnen emporzusteigen?“ </em>Und damit das Gesamtsystem stabilisieren, weil sie an <em>„das richtige Leben im falschen“</em>, das es nach Adornos Diktum in den „Minima Moralia“ gar nicht gibt, glauben, zumindest dieses erhoffen.</p>
<p>Mitunter nehmen das Kino und die dort gezeigten Filme den Charakter einer Religion an. So ließe sich ein Gedanke Siegfried Kracauers aus dem Text „Die Hotelhalle“ (entstanden 1922 bis 1925, unveröffentlicht) weiterspinnen, die Hotelhalle – oder  eben auch das Kino oder die Mall – als <em>„Kehrbild des Gotteshauses“.</em> Auch wenn <em>„das Beisammen in der Hotelhalle ohne Sinn“</em> bleibt, sich Menschen dort – <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/im-goldenen-kaefig/">wie in Romanen Vikki Baums</a> – aus unterschiedlichen, gegebenenfalls auch sich widersprechenden Gründen aufhalten, der Flüchtende ebenso wie der Spitzel, <em>„bemächtigt sich ein interesseloses Wohlgefallen an der sich selbst erzeugenden Welt, deren Zweckmäßigkeit man empfindet, ohne die Vorstellung eines Zweckes mit ihr zu verbinden.“ </em>Die <em>„Hotelhalle“</em> ist der Ort der <em>„Unvollkommenheit des gemeinsamen Lebens“</em> so wie das Gotteshaus und die sich dort versammelnde <em>„Gemeinde“</em> sich gegenseitig der Illusion eines gemeinsamen Zieles und von Gemeinschaft schlechthin versichern. Nihilistisch konnotierte Orte sind sie beide, denn während der eine Ort die Falschheit im Leben verkörpert, gibt der andere das Zeichen eines fiktiven Richtigen.</p>
<p>Die Vorstellungswelt in der <em>„Alltagskultur der Mittelschichten“</em> lässt eine <em>„Ideologie der Geschichtslosigkeit“</em> erkennen, <em>„eine Weigerung, sich mit der eigenen Geschichtlichkeit zu konfrontieren“</em>. Damit einher geht eben auch das Unbehagen an jeglicher Politik: <em>„<u>Dass</u> Geschichte nicht vorbestimmt, nicht berechenbar ist, macht zielorientiertes, eingreifendes, kollektiv eingebundenes, strittiges Handeln – sprich Politik – gerade nicht irrelevant, sondern macht solch ein Handeln vielmehr erst <u>möglich</u> und <u>sinnvoll</u>.“</em> Der Streit um Geschichte, der Wunsch nach einer eindeutigen, die eigene Vergangenheit möglichst bestätigenden, wenn nicht gar verherrlichenden Geschichtspolitik, wie sie in autoritären und totalitären Staaten auch betrieben ist – aktuell gut sichtbar in Putins Russland, auch präsent in türkischen, ungarischen und (noch) in polnischen Schulbüchern –, ist letztlich ein Streit um die Wirksamkeit von Politik. Man muss schon einiges tun, um die Bürger:innen und nicht zuletzt die jungen Menschen auf Kurs zu bringen.</p>
<p>Hier ließen sich die Debatten um die Bagatellisierung und Relativierung der Shoah von Martin Walser über Alexander Gauland bis hin zu manchen antikolonialistischen Linken als a-, wenn nicht sogar antipolitische Debatten einordnen. Auch das Nachdenken über Geschichte ist eben politisch, die (faschistische) Mehrheitsgesellschaft will ohne Wenn und Aber <em>„Dominanzgesellschaft“</em> sein: <em>„Faschistische Propaganda ist eine Massenverbreitung, die weniger Inhalte vertritt oder Positionen bezieht als dass sie Gefühle und Stimmungen verbreitet, und zwar ultimativ, um den anderen zum Schweigen zu bringen.“</em> Ein anderes Geschichtsbild als das eigene wird als Beleidigung, als Herabwürdigung verstanden und angeprangert. An die Stelle einer politisch-fachlichen Diskussion tritt – Robnik verweist auf Analysen von Ernesto Laclau und Max Horkheimer – die politische Aufladung von Begriffen, die sich auch heute feststellen lässt: das Christentum wird nicht zitiert, um <em>„die verachtenswerten Reichen</em> (zu) <em>attackieren, sondern den Massen Tugend und Reinheit</em> (zu) <em>predigen“</em>. Die politische Versammlung ist dann nicht nur Kundgebung, sondern Verkündigung. Und nur darauf kommt es an. Die diversen Faschismen, von denen manche sich auch aus ganz anderen ideologischen Quellen speisen mögen, haben letztlich eine einzige Botschaft: Wir sind großartig, alle anderen wollen uns jedoch demütigen. Donald Trump ist ein Meister in der Verbreitung solcher Botschaften und nutzt in diesem Sinne – vielleicht sogar ohne das zu wissen – die Methoden faschistischer Propaganda. Beschrieben hat diesen Typus des faschistoid handelnden Politikers Leo Löwenthal in „Falsche Propheten – Studien zur faschistischen Agitation“ (1949).</p>
<h3><strong>Wider die Falschheit im falschen Leben</strong></h3>
<p>Im Jahr 1946 veröffentlichte Kracauer den Text „Hollywoods Terror Films – Do They Reflect an American State of Mind?“ In diesem Text benennt er – so Drehli Robnik – die unmittelbare Nähe von Demokratie und Faschismus, die sich in Verständnis und Handeln einer sich geschichtslos verhaltenden Mehrheitsgesellschaft spiegele und damit den Blick auf den wahren Charakter von Demokratie und Faschismus verstelle: <em>„In der US-Gesellschaft sind, so legt Kracauer dar, demokratische Formen und Faschismus-Brennstoff (‚fuel for fascism‘) so sehr ineinander, betreffen die ‚political and social struggles‘ so sehr das Existenziell-eingemachte der Leute (‚very core of our existence‘), dass er über sein Exilland konstatieren kann, vielmehr muss: ‚A civil war is being fought inside every soul‘.“ </em>Robnik warnt allerdings auch vor falschen Analogien: <em>„Faschismen und verwandte rechte Politiken von 2020/30 sind anders als die von 1920/1930. Zugleich aber ist da ein Eindruck von Wiederholung und Gleichklang schwer zu ignorieren.“</em> Robnik unter Bezug auf Kracauers „Totalitäre Propaganda“ (1938, damals unveröffentlicht<em>): „Nicht Austragung von ‚Meinungskampf‘, sondern der ‚Meinungstod‘ ist demnach das Ziel dieser Propaganda, dieser Mobilisierungspolitik“.</em></p>
<p>Kern des Klassenbewusstseins der Mittelschichten ist es, jeden <em>„eigenen Klassenstatus zu leugnen“</em>. „<em>Auf den Spuren von Marx‘ Brumaire-Text versteht Kracauer die Mittelschicht, die zwischen den etablierten Klassen zerrissene <u>Nicht-Klasse</u>, und ihre Rolle im Faschisierungsprozess zunächst ein Stück weit im Sinn der Bonapartismus-Theorie“</em>. Die <em>„Mittelschichten“</em> passen sich an, weil <em>„das Imaginarium faschistischer Politik den Massen eine Doppelung von Hinschlagen und Sich-Beugen bietet, beides als lustbesetzte fantasmatische Wirklichkeiten“</em>. Sie begeben sich somit in die Rolle des Fans, der nicht unbedingt ein Fanatiker sein muss, aber dennoch immerhin so weit geht, dass er den Fans, die er als Gegner identifiziert, jede Berechtigung abspricht, sich mit Recht als Fans besagten Gegners zu verstehen. Schalke oder Dortmund – damit ist Fußball nicht proto- oder kryptofaschistisch, wohl aber durchaus ein Bild des Freund-Feind-Modells, das nach Carl Schmitt der Kern des Politischen ist. In einem solchen Szenario lassen sich Massenmord, Holocaust, Staatsgewalt gegen Minderheiten ignorieren. Stattdessen wird faschistischer Terror mit eigenen Demütigungen assoziiert. <em>„Mehrmals konstatiert Kracauer in den 1920er und frühen 1930er Jahren eine <u>Verklammerung</u> zwischen dem jüdischen Volk und dem nichtjüdischen Volk: eine enge Verbindung, die sich in einer Art deutschen Sündenbock-Projektion auflöst.“</em> Robnik sieht diese <em>„Verklammerung“</em> heute beispielsweise in den Protesten gegen die Covid-19-Maßnahmen. Die eigene Erfahrung welcher gefühlten Diskriminierung auch immer ist letztlich immer nachhaltiger als jede historische Reminiszenz an die Shoah.</p>
<p>Aber was erwarten <em>„Mittelschichten“ </em>denn nun? Robnik: <em>„Mittelschichts-Angehörige träumen vom gütigen Herrscher, der alles ins Lot bringt, die Schuldigen bestraft und die Fleißigen, Braven tätschelt; mit Kracauers Worten gesagt: Sie ‚träumen von einer Versöhnung der Klassen durch eine schiedsrichterlich über der Nation waltende Macht‘.“ </em>(Kracauer in „Totalitäre Propaganda“). Eine solche Versöhnung erträumt in dem den Film <a href="https://www.fassbinderfoundation.de/movies/deutschland-im-herbst/">„Deutschland im Herbst“</a> einleitenden Gespräch die Mutter von Rainer Werner Fassbinder. Nicht Diktatur an sich wäre schlecht, schlecht wären nur die Diktatoren, die Menschen unterdrücken und misshandeln, aber warum sollte es keine netten Diktatoren geben? Auch hier wieder ein Traum vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em>.</p>
<p>Anstatt des Traums vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em> wäre es vielleicht an der Zeit, die Falschheit des falschen Lebens zu entlarven. Robnik bezieht sich auf Kracauers Analyse des Films „Mädchen in Uniform“ mit dem Titel „Revolte im Mädchenstift – Ein guter deutscher Film“ (1931). Der Film kann mit Kracauer als Gegenbild zu eine kollektive Männlichkeit verherrlichenden Filmen gesehen werden, beispielsweise zu G.W. Pabsts Bergwerkkatastrophenfilm „Kameradschaft“ (ebenfalls 1931). <em>„Nicht nur anhand von Mädchen gendert Kracauer modellhafte Bekundungen einer solchen Gegenmacht im sich faschisierenden Deutschland als weiblich.“</em> Damit ließe sich auf die die 2020er Jahre zunehmend bestimmenden Debatten über den Gegensatz sich eher rechts orientierender Männer und sich eher links und liberal orientierender Frauen schließen.</p>
<p>Die polnische Wahl vom 13. Oktober 2023 wurde von Frauen entschieden, Ähnliches zeichnet sich möglicherweise bei der Präsidentschaftswahl am 5. November 2024 in den USA ab. Nach einer Studie der Financial Times tendieren junge Männer zunehmend nach rechts, junge Frauen nach links. Das hat – so <a href="https://taz.de/Soziologe-ueber-Wahlen-und-Geschlecht/!5989145/">Ansgar Hudde in einem Gespräch mit der taz</a> – durchaus auch etwas mit Bildungskarrieren zu tun und war in Deutschland bereits bei der Bundestagswahl 2021 feststellbar. Rechts muss dabei nicht unbedingt AfD bedeuten, der neoliberale Kurs der FDP war 2021 schon attraktiv genug für junge Männer. FDP und Grüne hatten damals unter den jungen Wähler:innen Ergebnisse von jeweils etwa 30 Prozent. Wie zentral Frauenrechte sind und wie sie in autoritär-totalitären Staaten abgebaut und von Parteien der Neuen Rechten angegriffen werden, dokumentiert Sofi Oksanen in ihrem Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024).</p>
<p>Den Gedanken einer weiblichen Gegenöffentlichkeit führt Robnik in Bezug auf Forschungen von <a href="https://www.ici-berlin.org/people/majewska/">Ewa Majewska</a> weiter aus, die sich mit der feministischen Kritik des Faschismus befasst hat. Sie bezieht sich auf Walter Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“ (1940): <em>„Potenz-Huberei in Sachen Helden-Identität sei letztlich dem Nationalismus und Rassismus zu nahe, der doch bekämpft werden sollte. (…) Ein <u>weak messianism</u>, als Pathos-Form einer ‚initial weakness‘, breite Raum und Kontext für Widerstand. Dies biete der schwache Messianismus sowohl geschichtspolitisch, als ein Gedächtnis vergangener Unterdrückungen und Kämpfe, als auch ontologisch, womit die Frage von subjektiven Seinsweisen mitgemeint ist: also z.B. Stark-sein-Müssen versus Schwach-sein-Können.“</em> Es gibt auch andere Wege, den gordischen Knoten zu lösen als ihn zu durchschlagen und damit etwas zu zerstören, das möglicherweise auch als etwas Verbindendes dienen könnte. Auf viele anti-demokratische Parolen ließe sich dieses Bild durchaus anwenden.</p>
<p>Dekonstruiert werden müssten jedoch einige Mythen. Zentral ist der Mythos des Rebellen, der zum guten Herrscher wird und damit wirklich – diesmal aber wirklich – das „Ende der Geschichte“ einläutet. Das, was Karl Marx in „Der 18. Brumaire des Louis Napoleon“ (MEW 8) über Frankreich sagt, ließe sich auch auf das Deutschland nach 1848 wie viele Staaten der heutigen Zeit übertragen: <em>„Frankreich scheint also nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen. und zwar unter die Autorität eines Individuums ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, dass alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien.“</em> Es ist beispielsweise <em>„der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, dass ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde.“</em> Geschichtslosigkeit, Antipolitik, Bestätigung ihrer Gefühle, Ruhe und Klarheit, Eliminierung alles Störenden – genau so hätten es die <em>„Mittelschichten“</em>, die Mehrheitsgesellschaft gerne, auch heute: „Make our country – make us – great again“. Vielleicht ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/">Trump die Farce der faschistischen Tragödie</a>, aber eigentlich waren schon Louis Napoléon, Mussolini und Hitler durchaus lächerliche Figuren. Und wenn wir nicht aufpassen, wird aus der Farce der heutigen <em>„Faschismen“</em> eine neue Tragödie. Wir müssen nicht nach Russland und in die Ukraine schauen, um die Anzeichen zu erkennen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2024, Internetzugriffe zuletzt am 19. März 2024. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Aneignung“, Ausschnitt.)</p>
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		<title>Projektionen und Spiegelungen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Dec 2023 06:56:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Projektionen und Spiegelungen Das gefährliche Gemisch des israelbezogenen Antisemitismus „Und trotzdem: Es ist eine große Leistung freier demokratischer Gesellschaften, auch moralisch und politisch fehlgeleitete Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tolerieren. Auch darum geht es nun in diesem Krieg. Nicht nur um das Überleben der Israelis und Juden, sondern um das Besiegen des  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Projektionen und Spiegelungen</strong></h1>
<h2><strong>Das gefährliche Gemisch des israelbezogenen Antisemitismus</strong></h2>
<p><em>„Und trotzdem: Es ist eine große Leistung freier demokratischer Gesellschaften, auch moralisch und politisch fehlgeleitete Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tolerieren. Auch darum geht es nun in diesem Krieg. Nicht nur um das Überleben der Israelis und Juden, sondern um das Besiegen des Dschihadismus. Damit auch die Gegner der Juden frei leben können.“ </em>(<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/natan-sznaider-nahost-linke-krieg-israel-hamas-palaestina-1.6292773">Natan Sznaider, Zur Lüge der Linken, in: Süddeutsche Zeitung 24. Oktober 2023</a>)</p>
<p>Der 7. Oktober 2023 veränderte alles, fast alles. So denken manche, aber die Reaktionen auf den 7. Oktober machten etwas sichtbar, das wir lange vielleicht nicht sehen wollten: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/antisemitismus-2-0/">Israelbezogener Antisemitismus</a> wurde in den vergangenen 20 Jahren zur populärsten Variante des Antisemitismus, dessen besonderer Vorteil für diejenigen, die sie vertreten, darin besteht, dass sie ihren historischen Antisemitismus beziehungsweise Antijudaismus hinter einer <em>„Israelkritik“</em> verstecken können, die offenbar manche für so berechtigt halten, dass es der Begriff in den Duden hineinschaffte. Andere Kombinationen der Nennung eines Landes mit dem Suffix <em>„-kritik“</em> gibt es nicht. Vergleichbar ist nur ein anderes im Duden enthaltenes I-Wort, die <em>„Islamkritik“</em>, die allerdings in manchen aktuellen Debatten fast wie ein Spiegelbild der sogenannten <em>„Israelkritik“</em> wirken mag, weil diejenigen viel Zustimmung genießen, die antiisraelisch-antisemitische Haltungen ausschließlich Muslimen zuschreiben. Die einen <em>„kritisieren“</em> Israel, die anderen den Islam.</p>
<h3><strong>Denkwürdige Koalitionen</strong></h3>
<p>Die Vorgeschichte der Kritik an Israel reicht zumindest in das Jahr 1967, das nach verschiedenen Historikern, prominent vor allem Tom Segev mit seinem Buch <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/tom-segev/1967-israels-zweite-geburt.html">„1967 – Israels zweite Geburt“</a>, ein Schlüssel- und Wendejahr war. 1967 war das Jahr, in dem Israel Besatzungsmacht wurde, ein Zustand, der bis heute zu heftigen Kontroversen auch in Israel selbst führt. Nach dem 7. Oktober konnte sich der Streit um Israel und die Frage, ob jede Kritik an Israel als Antisemitismus zu bezeichnen wäre, auf eine sich zunehmend radikalisierende Stimmungslage stützen, die nicht nur in palästinensischen, arabischen oder muslimischen Communities der westlichen Welt, sondern auch an den dortigen Hochschulen und in den westlichen zivilgesellschaftlichen Communities ihre Basis hatte, sich aber auch darin äußerte, dass die Zustimmungswerte für die Selbstverteidigung Israels in der Bevölkerung deutlich unter denen liegen, derer sich nach dem 24. Februar 2022 die Ukraine erfreuen dürfte.</p>
<p>Nach dem 7. Oktober entstand eine denkwürdige Koalition von Islamismus, sich antikolonialistisch begründenden Linken, Kultur- und Clubszene, die nur eines gemeinsam hatten: sie alle verurteilten nicht die Hamas, sondern Israel. Die Nürnberger Politikwissenschaftlerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/">Meltem Kulaçatan diagnostizierte eine <em>„Empathiesperre“</em></a>, die sich inzwischen zu einer <em>„Gesprächssperre“</em> ausgewachsen hat. Wir erleben ein Paradox, wie es Anshel Pfeffer, Korrespondent für die internationale Ausgabe von Ha’aretz und <a href="https://www.disorient.de/magazin/wie-netanjahu-die-welt-sieht-anshel-pfeffers-neue-bibi-biographie">Autor einer Netanjahu-Biographie</a>, in seiner Analyse des Antisemitismus in der britischen Labour Party unter Jeremy Corbyn beschreibt, <em>„dass Individuen auf persönlicher Ebene nicht als antisemitisch gelten, obwohl sie einer Weltanschauung anhängen, die antisemitisch ist.“</em> Eben dieses scheinbare Paradox bestimmt auch die Haltung mancher Intellektueller gegenüber der BDS-Bewegung.</p>
<p>Der zitierte Satz Anshel Pfeffers stammt aus dem vom Suhrkamp-Verlag im Jahr 2023 neu aufgelegten Band „Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte“. Der Band enthält Texte aus dem Jahr 2004, viele davon wurden von ihren Autor:innen mit einem auf das Jahr 2018 datierten Nachwort versehen. 2023 erschien die dritte, diesmal nicht mehr veränderte Auflage. Herausgeber der zweiten und dritten Auflage sind Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider (die erste Auflage besorgte an Stelle von Christian Heilbronn Ulrich Speck). Doron Rabinovici und Natan Sznaider verfassten den einleitenden Essay unter der den Gesamttitel zuspitzenden Überschrift „Neuer Antisemitismus: Die Verschärfung einer Debatte“.</p>
<p>Das Buch enthält 18 Essays, die sich in drei Kapitel aufteilen lassen. Omer Bartov, Tony Judt, Judith Butler, Gerd Koenen und Sina Arnold sorgen für eine allgemeine Bewertung der Debatte. Michel Wieviorka, Matthias Küntzel, Katajun Amirpur, Ian Buruma, András Kovács, Rafał Pankowski, Jan T. Gross, Brian Klug und Anabel Pfeffer beschreiben die Diskurse in verschiedenen Ländern, in Frankreich, in der arabischen Welt, im Iran, in den USA, in Ungarn, in Polen, in Großbritannien. Der dritte Teil darf mit vier Texten von Monika Schwarz-Friesel, Ingrid Brodnig, Moshe Zimmermann und Dan Diner als eine Art Phänomenologie des Antisemitismus beziehungsweise der Debatten um Antisemitismus gelesen werden.</p>
<p>Das Buch dekonstruiert den Antisemitismus der antikolonialistischen Linken, die mit Israel ein klares Hassobjekt hat, aber Kritik an muslimischem Antisemitismus gerne als rassistisch und kolonialistisch markiert. Es benennt ebenso die zurzeit eher verklausulierten Erscheinungsformen des rechten nationalistisch begründeten Antisemitismus, der ungeachtet antikapitalistisch lesbarer Anklänge sein Haupthassobjekt vor allem im Islam findet, in seinem Antisemitismus jedoch in der antikolonialistischen Linken so Gesinnungsgenoss:innen findet.</p>
<h3><strong>Erkenntnisinteresse Delegitimation</strong></h3>
<p>Jürgen Wiebicke nannte in unserem Gespräch für den Demokratischen Salon mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gute-orte-und-die-lust-zu-streiten/">„Gute Orte und die Lust zu streiten“</a> auf einen Text von <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/rassismus-und-debattenkultur-baldwin-versus-buckley-16908920.html">Claus Leggewie in der FAZ</a>:<em> „Er hat an eine historische Debatte aus den frühen 1960er Jahren zwischen dem Nobelpreisträger James Baldwin und William Buckley Jr., dem Protagonisten der damaligen neuen Rechten, erinnert. Er macht darauf aufmerksam, dass man sich eine solche Debatte heute nicht mehr vorstellen könnte, weil beide Seiten wahrscheinlich keine Lust mehr hätten, öffentlich miteinander zu streiten. Natürlich muss man sich fragen, wo die Grenze verläuft. Aber das politische Klima hat sich so sehr verändert, dass wir manche Menschen nicht mehr gemeinsam einladen können, damit diese sich öffentlich streiten. Ich finde, das ist ein trauriger Befund. Im Hinblick auf unsere derzeitige Debattenkultur.“</em></p>
<p>Das Buch „Neuer Antisemitismus?“ wagt diesen Streit, zwar nicht in einem gemeinsamen realen, wohl aber in einem virtuellen Raum. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragile-allianzen/">Aber manche Debatte zeigt, dass schon ein virtuelles Treffen, hinter einem gemeinsamen Buchcover, problematisch werden kann</a>. Unbestreitbar ist: <em>„In verschiedenen Städten Europas und der USA wissen sich Juden heute nicht mehr sicher.“</em> Wohlgemerkt: <em>„wissen“</em>! Es ist nicht nur ein diffuses Gefühl. Auch dies sollte nie vergessen, wer sich auf Debatten zum Antisemitismus einlässt.</p>
<p>Wer sich auf die Debatte um den heutigen Antisemitismus einlässt, sollte wissen, was es bedeutet – so Doron Rabinovici und Natan Sznaider in ihrer Einleitung –, in <em>„theoretischen Treibsand“ </em>zu geraten: man findet <em>„sich zumeist in einer fatalen Dichotomie zwischen Alarmisten und Leugnern gefangen.“</em> Ebenso sicher ist die Tatsache, dass mit der Frage, <em>„ob Kritik an Israel antisemitisch ist oder nicht, bedeutet, die Büchse der Pandora zu öffnen, denn derartige Beiträge enden für gewöhnlich in der Debatte über die Legitimität der Kritik“</em>.</p>
<p>Dies sieht im Übrigen auch Judith Butler so. Sie konstatiert einen <em>„Unterschied zwischen Antisemitismus und dem Antisemitismusvorwurf“, </em>landet aber wenige Worte später bei der Frage, ob BDS antisemitisch sei. Aus ihrer Sicht natürlich nicht, denn es gehe um <em>„gewaltfreie Maßnahmen gegen eine Kolonialmacht (…), die staatliche Gewalt einsetzt, um die politischen Rechte seiner Minderheiten zu untergraben.“</em> Sie unterscheidet allerdings nicht zwischen dem Existenzrecht des Staates Israel, das auch die UN-Charta garantiert, und dem Verhalten verschiedener Teile der israelischen Regierungen, nicht zuletzt denen, die die sogenannte Siedlerbewegung vertreten und diese nach Kräften unterstützen.</p>
<p>Judith Butler und Tony Judt vertreten die bekannte antikolonialistische Perspektive, die Antisemitismus und Antizionismus deutlich voneinander trennt. Tony Judt kritisiert, <em>„dass in Europa Antizionismus und Antisemitismus synonym geworden sind“</em>, Judith Butler verficht ihre pro-palästinensische Haltung, die auch die BDS-Bewegung integriert, mit dem Ziel einer <em>„Allianz der sozialen Gerechtigkeit“</em>. Wer diese Positionen widerlegen will, sollte diese Texte kennen.</p>
<p>Vielleicht ahnen wir in dieser Gefechtslage – man vergebe mir die militärische Assoziation, aber sie ist nicht allzu weit hergeholt, wenn man den Ton mancher Debatten verfolgt –, wie eine heutige Debatte zwischen einem James Baldwin und einem William Buckley verlaufen würde, sofern sie überhaupt stattfände. Als gängige rhetorische Figur dürfte sich der Versuch der Delegitimation der Einlassung des Anderen erweisen. Delegitimation ist eines der <a href="https://jcpa.org/phas/phas-sharansky-s05.htm">drei <em>„D“</em>, die Natan Sharansky als Antisemitismus-Schnelltest nannte</a>: <em>„Delegitimation, Diabolisierung, Doppelstandards“</em>. Alle drei <em>„D“</em>, jedes für sich, töten im Grunde jeden Versuch einer Rechtfertigung oder Verteidigung Israels. Kontroverse wird zu Konfrontation und Konfrontation wird zu mehr oder weniger hämischer Schadenfreude über die Schlechtigkeit des Anderen.</p>
<p>Doron Rabinovici und Natan Sznaider fassen in ihrer Einleitung den in ihrem Buch enthaltenen Essay von Sina Arnold mit den Worten zusammen: <em>„Von rechts freut man sich über den linken Antisemitismus und verharmlost den eigenen, und von links freut man sich des rechten Antisemitismus und verharmlost die eigenen Vorurteile.“</em> Ergänzen ließe sich die Freude mancher Vertreter:innen der antikolonialistischen Linken, dass es – wie die aktuelle israelische Regierung zeigt – auch rechtsextremistische und rassistische Juden gibt, eine weitere Gelegenheit zur Delegitimation gleich all derjenigen, die Israel verteidigen, ignorierend, dass viele, die durchgehend das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels verteidigen, sich jedoch oft genug mehr als deutlich von der israelischen Regierung und nicht zuletzt von der Siedlerbewegung im Westjordanland distanzieren.</p>
<h3><strong>Wie muslimisch ist der Antisemitismus?</strong></h3>
<p>In einer solchen Stimmung markiert <em>„die eine Seite jeweils die andere als den wahren Agenten des eigentlichen Antisemitismus“</em>. Mit diesem Gedanken kommentieren Doron Rabinovici und Natan Sznaider Judith Butlers Beitrag von 2004 und ihren Selbstkommentar von 2018. Spiegelbildlich dazu passt die Frage nach der palästinensischen Seite, die oft als muslimische Seite gelesen wird, obwohl nicht alle Palästinenser:innen Muslim:innen sind. Der Islam beziehungsweise eine radikale Lesart des Islam gilt allerdings bewaffneten palästinensischen Gruppen, der Hamas, der Hisbollah, dem Islamischen Dschijad als Grundlage und Auftrag.</p>
<p>Sina Arnold spricht von einer <em>„Selbstethnisierung“</em> mancher migrantischen Deutschen, auch von <em>„muslimischen oder nichtmuslimischen – Geflüchteten.“</em> Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie <em>„immer wieder aus dem ‚deutschen Wir‘ herausdefiniert“</em> werden. <em>„Ihr Antisemitismus hat, neben ideologischen Ursachen wie etwa salafistischen Einflüssen, gerade unter Jugendlichen manchmal eben auch die Funktion der Selbstethnisierung, Identitätsstabilisierung und Provokation – gerade vor dem Hintergrund der Betonung anderer identitärer Marker wie ‚muslimisch‘, ‚arabisch‘ oder ‚palästinensisch‘.“</em> Wer keinen deutschen Pass hat, ist vielleicht vorsichtiger. Allerdings lassen sich in Studien über Einstellungen Geflüchteter auch Veränderungen zum Guten feststellen. Sina Arnold zitiert: <em>„Vor dem Krieg wusste ich, dass Israel der allererste Feind der Syrer ist. Das wurde bei uns in der Schule unterrichtet, dass Israel der Feind ist. Jetzt, nach dem Krieg, habe ich gesehen, dass nicht Israel der größte Feind Syriens ist, sondern der Iran und die Hisbollah.‘ Andere erinnern sich daran, dass die israelische Polizei syrische Verwundete an den Grenzen versorgte.“</em> Meltem Kulaçatan berichtet in dem zitierten Interview von muslimischen Frauen in Deutschland, die sie fragten, wie sie sich mit Jüdinnen solidarisch zeigen könnten.</p>
<p>Weder in der Pädagogik noch in der Integrationspolitik gibt es eine Lösung, die auf alle passt. Es sind – wie die <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/handlungsfelder-cluster/bilden-fuer-lebendiges-erinnern/memo-studie">MEMO-Studien</a> nachweisen – nicht nur Zugewanderte, die nicht wissen, was in Auschwitz-Birkenau geschah. Es spielt letztlich keine Rolle, woher jemand kommt, der die Shoah verharmlost oder ignoriert, sich antisemitisch äußert oder eben auch nicht. Sina Arnold fordert, <em>„Haltungen statt der Herkunft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Frage wäre dann nicht mehr: Araber, Muslim, Deutscher oder Flüchtling? Sondern: Wie lassen sich religiöser Fundamentalismus, antidemokratische Einstellungen, Antisemitismus oder Rassismus bekämpfen – egal, von wem diese ausgehen.“</em> In diesem Zusammenhang sollte zuerst die Frage nach dem Erkenntnisinteresse geklärt werden. In vielen Debatten geht es in erster Linie um die Delegitimation des Anderen, um Identitätspolitik.</p>
<p>Das gilt nicht zuletzt für Staatsführer, die sich als Muslime inszenieren, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Omer Bartov belegt die gängige Verharmlosung der Äußerungen solcher Staatsführer in der westlichen Politik und Presse am Beispiel des mehrmaligen malaysischen Premierministers Mahathir Mohamad, der am 16. Oktober 2003 „<em>vor der Islamischen Konferenz erklärt hatte, die Juden beherrschten die Welt“</em>. Mit den dazugehörigen Schlussfolgerungen. Westliche Journalist:innen und Politiker:innen verurteilten die Rede. Nicht mehr und nicht weniger.</p>
<p>Omer Bartov verweist in seinem Beitrag in „Neuer Antisemitismus?“ auf das „Zweite Buch“; in dem Hitler schon in den 1920er Jahren all das aufgeschrieben hatte, was er dann tatsächlich tat beziehungsweise veranlasste. Das Buch wurde zu Hitlers Lebzeiten nicht veröffentlicht, sondern erst 1958 entdeckt. Omer Bartov stellt lapidar fest: „<em>Wenn diese Leute sagen, dass sie dich töten, dann töten sie dich auch – es sei denn, du tötest sie zuerst.“</em> So ist es auch mit den Einlassungen moderner Staatsführer.</p>
<p>Omer Bartov verweist auf Paul Krugman, der in der New York Times für Verständnis warb, Mahatir Mohameds <em>„Antisemitismus sei lediglich ‚ein Bestandteil eines innenpolitischen Balanceaktes‘.“ </em>Anders gesagt: Antisemitismus als Metapher. Ähnlich ließen sich die Kommentare der antikolonialistischen Linken und vieler aus ehemaligen Kolonien entstandener Staaten des sogenannten „Globalen Südens“ zum Massaker der Hamas vom 7. Oktober relativieren. Alles nur zur Befriedung der eigenen Community? Omer Bartov zitiert die Inhalte der Hamas-Charta sowie Einlassungen eines Mitglieds der für den Terrorangriff vom 11. September 2001 verantwortlichen Al-Qaida-Zelle vor dem Hamburger Gericht. Islamismus und Nationalsozialismus seien nicht dasselbe, aber es zeige sich, <em>„dass der Islamismus einen sehr europäischen, naziähnlichen, genozidalen Antisemitismus in sich aufgenommen hat.“</em> Und damit sind wir wieder bei Hitlers Büchern, Omer Bartov schreibt: <em>„Hitler hat der Menschheit eine wichtige Lektion erteilt: Wenn du einen Nazi siehst, einen Faschisten oder einen Antisemiten, dann musst du sagen, was du siehst. Wenn du etwas rechtfertigen willst, dann beschreibe genau, was du damit herunterspielst. (…) Wo die Klarheit aufhört, da beginnt die Mittäterschaft.“</em></p>
<p>In Deutschland verschwindet diese Klarheit immer wieder. So geht nach dem 7. Oktober 2023 wieder einmal die Mär um, der hiesige Antisemitismus sei importiert. Einer der ersten, die sich so äußerten, war Hubert Aiwanger. Deutsche Antisemiten? Kann es doch gar nicht geben, aber die Zuwandernden möchten sich doch bitte gegen jeden Antisemitismus erklären und zum Existenzrecht Israels bekennen. Die Innenministerin von Sachsen-Anhalt machte den Anfang. Aber woher kommt der Antisemitismus in den arabischen Ländern? Oder müssen wir davon ausgehen, dass es sich bei dem in Deutschland feststellbaren arabischem Antisemitismus um einen Re-Import handelt, der auch wiederum manche antisemitische Koalition erklären könnte?</p>
<p>Matthias Küntzel hat sich intensiv mit dieser Frage befasst, ausführlich in seinem Buch „Nazis und der Nahe Osten – Wie der Islamische Antisemitismus entstand“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2019). In seinem Beitrag in „Neuer Antisemitismus?“ beschreibt er die Rolle des NS-Radiosenders Zeesen, des von der Hisbollah betriebenen Satellitenkanals Al-Manar, die Bedeutung des Wirkens des Großmuftis von Jerusalem, Amin el-Husseini, und seiner Freundschaft zu Hitler. Matthias Küntzel nennt allerdings auch die Unterschiede zwischen christlichem und islamischem Antijudaismus. Der christliche Antijudaismus warf den Juden vor, Jesus Christus ermordet zu haben, Mohammed hingegen ließ die jüdischen Stämme aus Medina vertreiben, versklaven und töten. Angesichts dieses Unterschieds musste der Gedanke, dass Juden <em>„eine permanente Gefahr für die Muslime und die Welt bedeuteten, absurd erscheinen. / Umso kraftvoller musste diese Wahnidee der arabisch-islamischen Welt eingehämmert werden.“</em> Im Folgenden beschreibt Matthias Küntzel die Rezeption des Peel-Plans von 1937 zur Teilung Palästinas, die Rolle der Muslimbruderschaft in der Mitte der 1930er Jahre bis hin zur auch heute noch virulenten Rezeption der „Protokolle der Weisen von Zion“, auf die sich auch die Hamas-Charta beruft. <em>„In Beirut waren es nicht Horst Mahler und seine Freunde, sondern erklärte Gegner des Faschismus, die mit der Hisbollah und ihrem stellvertretenden Generalsekretär, Scheich Naeem Qasim, zusammenkamen.“</em></p>
<h3><strong>Hauptgegner Israel – Antisemitismus und Antiamerikanismus</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> differenziert im Hinblick auf den Iran. Die eine Seite lässt sich aus den Schriften und der Politik des Gründers der Islamischen Republik Iran ableiten: <em>„Für die Probleme Irans macht Khomeini den Westen, die Juden und beider Handlanger, Mohamed Reza Pahlewi, verantwortlich.“</em> Khomeini ist es gelungen, sich erfolgreich als Partner der antikolonialistischen Bewegungen dieser Welt zu inszenieren. Katajun Amirpur hat dies in ihrer Khomeini-Biographie (München, C.H. Beck, 2019) belegt. Es gibt im Iran aber auch andere Stimmen. Sie nennt beispielsweise Abdol-Hossein Sardari, der <em>„als iranischer Diplomat in Paris während der vierziger Jahre Hunderten französischer Juden das Leben (rettete), indem er ihnen einen iranischen Pass verschaffte, mit dem sie in den Iran flohen.“</em> Ausführlicher dazu in ihren Büchern „Reformislam – Der Kampf für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ (München, C.H. Beck, 2013, 3. Auflage 2019) sowie „Iran ohne Islam – Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ (München, C.H. Beck, 2023). Es setzte sich jedoch in der Iranischen Republik die Position Mahmud Ahmadinedschads durch, der von 2005 bis 2013 Präsident war und dessen Auffassungen dank der Unterstützung der herrschenden Mullahs, allen voran Ali Khamenei, nach wie vor gelten und nicht zuletzt für die Aufrüstung der Hisbollah an den Grenzen Israels verantwortlich sind.</p>
<p>Ian Buruma analysiert die Beziehungen zwischen Amerika und Israel und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Jahre 1956 mit der Suezkrise und 1967 mit dem Sechstagekrieg seien Schlüsselereignisse, die ihre Wirkmächtigkeit aus der <em>„Politik des Kalten Krieges“</em> zogen. Hier verbinden sich Antisemitismus, Antizionismus, Antikolonialismus und Antiamerikanismus zu einer gefährlichen Mischung, in der Israel zum exemplarischen Gegner wird. Anders gesagt: Israel wird zur Metapher der Macht, die zu bekämpfen ist. Und da niemand sich als Antisemiten bezeichnen lassen möchte, wird eben die Bekämpfung von Zionismus, von Kolonialherrschaft und den USA zur Hauptaufgabe, anders gesagt: zum willkommenen Anlass einer Umwegkommunikation, über die antisemitische Anklänge erfolgreich geleugnet werden können.</p>
<p>Gerd Koenen benennt in seinem Beitrag die <em>„eliminatorische Verschärfung des herkömmlichen deutsch-völkischen Antisemitismus durch die Hitlerpartei“ </em>sowie die Karriere der <em>„‚Zionisten‘ als die letzten Hauptfeinde seines Regimes“</em> im Stalinismus mit ihren Wirkungen bis in die Endphase des sowjetischen Imperiums. Hier war der <em>„Zionismus“</em> tatsächlich – wenn auch nicht nur – Metapher: „<em>Der stalinistische Begriff des ‚Zionismus‘ reichte nicht nur zwecks Camouflage, sondern in seiner wirklichen Bedeutung, über alle ethnischen Zuschreibungen weit hinaus. Der komplementäre Begriff war der des ‚Kosmopolitismus‘.“</em></p>
<p>Gerd Koenen spricht von <em>„Ideologietransfer“</em>, der sich auch in der westlichen Linken auswirke, die abenteuerliche Verbindungen zog, die ihr aber auch nur möglich waren, weil Auschwitz und der durch nukleare Aufrüstung drohende Atomtod miteinander vermengt wurden. Dies ließ sich sogar mit Günter Anders und Hannah Arendt begründen. In diesem Kontext <em>„fand die sowjetische These dankbare Aufnahme, wonach die israelischen Zionisten dabei seien, mit den Wiedergutmachungsmillionen der ‚alten Nazis‘ aus Bonn unter der Schirmherrschaft des US-Imperialismus den Nahen Osten und seine Ölquellen neu zu kolonisieren. Das Neuartige – und für junge Deutsche besonders Attraktive – am sowjetischen Antizionismus war eben die Lösung vom ethnischen oder religiösen Substrat des Judentums.“</em></p>
<p>Der von Gerd Koenen rechts wie links diagnostizierte <em>„Kosmopolitismus“</em> spielt eine verbindende Rolle, auch heute noch. Internationalismus ist bei der antikolonialistischen Linken keine Zukunftsperspektive, im Gegenteil: die meisten <em>„Befreiungsbewegungen“</em> waren immer auch nationalistische Bewegungen. Und wenn sie es zu Beginn nicht waren, wurden sie es. Im Antiamerikanismus treffen sich europäische Neue Rechte mit Teilen der Linken, in Deutschland sichtbar in den <a href="https://correctiv.org/aktuelles/russland-ukraine-2/2023/09/22/alternative-fuer-russland-wie-sich-die-afd-systematisch-nach-russland-orientiert/">Russlandfantasien der AfD</a> und des Bündnisses Sahra Wagenknecht.</p>
<p>In mehreren Beiträgen des Buches wird deutlich, wie Antisemitismus beziehungsweise Antizionismus und Antiamerikanismus korrelieren. Niemand muss sich mehr als Antisemit:in verdächtigen lassen, es geht ja gegen die große Macht der USA, in den Worten Che Guevaras, um die Schaffung von <a href="http://www.infopartisan.net/archive/1967/266738.html">„zwei, drei, viele(n) Vietnam“</a>. Palästina war und ist eben eines dieser <em>„Vietnam“</em>. Apologet:innen der antikolonialistischen Linken waren in Deutschland Ende der 1960er Jahre Aktivist:innen wie Dieter Kunzelmann, Bernward Vesper, Ulrike Meinhof, Rudi Dutschke, Gaston Salvatore und viele andere heute kaum noch bekannte Akteure der sogenannten 1968er Generation. Der Anschlag vom 9. September 2001 war für manchen in der antikolonialistischen Linken dann auch ein Anschlag auf <em>„das kosmopolitische Völker-Babylon New York“</em>, es ging um die gesamte <em>„längst nicht mehr nur ‚christlich-jüdische‘, europäisch-amerikanische oder ‚westliche‘</em> <em>Kultur, sondern die gesamte, sich unaufhaltsam pluralisierende, säkularisierende und demokratisierende, medial vernetzende und ökonomisch geriebene globale Zivilisation, die mit ihrem schamlosen Materialismus und Hedonismus alles durchdringt und befleckt – und gerade auch das Intimste: die menschliche Sexualität mit ihrem Urbild, dem weiblichen Körper.“</em> So ließe sich erklären, warum feministische und queere Communities zum Massaker der Hamas vom 7. Oktober schweigen. Die Tragödie der Linken: sie wurde der zu bekämpfenden Rechten immer ähnlicher. Ein ausgesprochen drastisches Beispiel ist der Wandel der sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua zur heutigen Krypto-Diktatur des Daniel Ortega.</p>
<p>Im Jahr 2023 haben alle ehemaligen Kolonien (abgesehen einmal von Gibraltar und den französischen Dom-Toms) die Unabhängigkeit erreicht. So konzentriert sich die antikolonialistische Linke in Ermangelung anderer Gegenstände ihres Wirkens eben auf Israel und Palästina. Die Kolonialpolitik Russlands oder Chinas spielt in ihrem Denken und Handeln keine Rolle. Entscheidend ist die gemeinsame Front gegen die USA.</p>
<h3><strong>Völkisch-nationalistisch, christlich </strong></h3>
<p>Gerd Koenen ergänzt in seinem Postscriptum von 2008, dass der im Westen tobende Kulturkampf sich nicht nur antisemitisch auflade, sondern auch antimuslimisch, antiislamisch. Gerade die antiislamischen Äußerungen diverser Politiker:innen und Regierungen spiegelten den <em>„völkisch-nationalen oder christlich-fundamentalistischen“</em> Diskurs. Protagonisten solcher Verbindungen sind Viktor Orbán und Donald Trump. Beide vertreten offensiv die These des französischen Rechts-Intellektuellen Renaud Camus vom <em>„großen Austausch“</em> – ohne den Urheber zu nennen – und haben in George Soros einen Protagonisten gefunden, den sie einer jüdischen Weltverschwörung verdächtigen, die dafür sorge, dass es eine Invasion von Migrant:innen gebe, gleichviel ob diese lateinamerikanisch oder muslimisch-arabisch definiert werden. Letztlich ist <em>„Nationalismus“</em> das verbindende Element. Moshe Zimmermann beschreibt, wie die Fantasie oder <em>„Prognose Theodor Herzls“</em> nicht das Problem beseitigte, das er mit dem Weg nach Palästina bekämpfen wollte, sondern es in einem anderen Gewand neu entstehen und sich verschärfen ließ. <em>„Es war das säkularisierte, christliche Europa, das zum modernen Antisemitismus gegriffen hatte. Eine ähnliche Radikalisierung in der arabischen Welt wurde – trotz ausbleibender Säkularisierung – erst möglich, als auch der Nationalismus aus Europa in den Nahen Osten gelangte.“ </em></p>
<p>Ian Burumua belegt, dass auch die religiöse christliche Rechte in den USA über dieses Gemisch ihren Weg fand, diesmal nicht im offenen Antisemitismus, wohl aber in ihrer antimodernen und antimuslimischen Einstellung. Es gibt inzwischen eine breite <em>„Allianz aus evangelikalen Christen, außenpolitischen Hardlinern, Lobbyisten für die israelische Regierung und Neokonservativen, von denen einige zufällig Juden sind.“ </em>Frei von Antisemitismus ist die religiöse Rechte der USA nicht, denn letztlich haben Juden nach dem von Christen erwarteten Armageddon nur dann eine Chance, das christliche Heil zu erlangen, wenn sie sich taufen lassen. Mitunter hat der rechte Antisemitismus sogar eine antikapitalistische Grundierung, allerdings nur dann, wenn es gegen die <em>„Globalisten“</em>, das <em>„Ostküstenkapital“</em> und deren Vertreter wie George Soros (der Jude ist) oder Bill Gates (der kein Jude ist) geht. Israel hingegen ist den Israel-Freunden unter evangelikalen Christen ein Land, dass seine Zukunft nicht im Judentum, sondern nach der Wiederkehr des christlich verstandenen Messias im Christentum haben soll, auch dies eine subtile Form von Antisemitismus.</p>
<p>Die christlich-fundamentalistische Gruppe ist eine der Grundfesten des US-amerikanischen MAGA-Nationalismus. Sie ist eine heftige Gegnerin all derjenigen, die ihre vorgeblichen christlichen Werte nicht teilten. Sie waren und sind ebenso binär gesinnt wie die antikolonialistische Linke, obwohl sie diese letztlich verachten. Während in der antikolonialistischen Linken der Verweis auf muslimischen Antisemitismus als Rassismus gebrandmarkt wird, sind die Muslim:innen für die nationalistische Rechte kollektiv für jeden Antisemitismus verantwortlich. Antidemokratisch und illiberal sind die nationalistisch-christlichen Rechten wie die antikolonialistischen Linken. Ihr Verhalten nach dem 7. Oktober 2023 brachte es einmal wieder an den Tag. Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, dass manche Vertreter:innen der Neuen Rechten geradezu froh sind, dass die antikolonialistische Linke ihren Job macht und sie sich mit ihrem eigenen Antisemitismus nicht auseinandersetzen muss.</p>
<p>Für sie alle gilt, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ im Jahr 1947 zum Antisemitismus schrieben: <em>„Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in dem diese sich niederschlägt. Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2023, Internetzugriffe zuletzt am 18. Dezember 2023. Titelbild: Lamya Kaddor, Aufnahme aus einer ihrer Reisen nach Jerusalem.)</p>
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		<title>Den Osten erzählen</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Nov 2023 07:22:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Den Osten erzählen Sumpfblüten und Rasenwüsten in blühender Landschaft „Ostdeutsche haben in den letzten 33 Jahren beeindruckend viel geschafft. Es ist unglaublich, wie die Mehrheit sich auf völlig neue Lebensverhältnisse eingestellt hat.“ (Joachim Gauck am 4. Oktober 2023 auf der Tagesspiegel-Konferenz „Der Osten, Chancen und Talente für Deutschland, zitiert nach: Daniel Friedrich Sturm in:  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Den Osten erzählen</strong></h1>
<h2><strong>Sumpfblüten und Rasenwüsten in blühender Landschaft</strong></h2>
<p><em>„Ostdeutsche haben in den letzten 33 Jahren beeindruckend viel geschafft. Es ist unglaublich, wie die Mehrheit sich auf völlig neue Lebensverhältnisse eingestellt hat.“ </em>(Joachim Gauck am 4. Oktober 2023 auf der Tagesspiegel-Konferenz „Der Osten, Chancen und Talente für Deutschland, zitiert nach: <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/altbundesprasident-joachim-gauck-diese-nation-ist-nicht-uberlebensfahig-wenn-wir-auf-zuwanderung-verzichten-10568293.html">Daniel Friedrich Sturm in: Tagesspiegel 4. Oktober 2023</a>)</p>
<p>Wer sich in den Bundesländern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR umschaut, sieht, dass der ehemalige Bundespräsident recht hat, gerade wenn wir uns erinnern, wie viele Städte und Gemeinden im Jahr 1990 aussahen. Vielerorts ist sichtbar, dass und wie die von Helmut Kohl versprochenen <em>„blühenden Landschaften“</em> an vielen Orten Wirklichkeit wurden.</p>
<p>Das ist die eine Erzählung, die 1990 der von Helmut Kohl geführten Bundesregierung ein Ergebnis bescherte, das ohne die deutsche Einheit nicht möglich gewesen wäre. Aber es gibt eben nicht nur die <em>„blühenden Landschaften“</em>, sondern auch diverse Sumpfblüten und einige Rasenwüsten. Anlässe zu solchen eher verstörenden Bildern finden wir in zahlreichen Berichten, für die ich stellvertretend aus einer am 4. Oktober 2023 von Correctiv veröffentlichten Zusammenfassung zum aktuellen <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/publikationen/deutsche-einheit-2023-2226088">Bericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit</a> zitiere. <em>„Ein durchschnittlicher Privathaushalt hat im Osten des Landes elf Prozent weniger Einkommen zur Verfügung (die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten sind darin schon eingerechnet). In den vergangenen 20 Jahren zogen rund vier Millionen Deutsche von Ost nach West, aber nur 2,8 Millionen in die umgekehrte Richtung. Weniger als acht Prozent der Führungspositionen wichtiger Bundesbehörden sind mit gebürtigen Ostdeutschen besetzt, gut 84 Prozent mit gebürtigen Westdeutschen (die restlichen Führungskräfte kommen aus anderen Staaten). Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Unter dem Strich zeigt sie: Die Menschen im Osten des Landes sind an vielen Stellen noch immer abgehängt, und entsprechend unzufrieden sind einige von ihnen.“ </em></p>
<h3><strong>Demokratie in Ost und West<br />
</strong></h3>
<p>Zwei Sichtweisen, zwei Seiten einer Medaille? Ist es die Erzählung von der Flasche, die die einen als halb voll, die anderen als halb leer betrachten? Ein weiteres Bild, das zeigt, wie schwer es fällt, die aktuellen und absehbaren gesellschaftlichen Entwicklungen treffend und angemessen zu beschreiben, im Osten wie im Westen. Auf jeden Fall zwei Erzählungen, die sich gegenseitig ergänzen könnten und sollten, dies aber nicht unbedingt tun. Oder in Fortführung des Bildes von Joachim Gauck: wenn eine <em>„Mehrheit sich auf völlig neue Lebensverhältnisse eingestellt hat“</em>, gibt es eben auch eine Minderheit, die das nicht getan hat, aus welchen Gründen auch immer, und von der niemand weiß, wie mehrheitsfähig sie gegebenenfalls schon ist oder werden könnte. Die Frage, ob sich jemand der genannten Mehrheit oder der Minderheit zurechnet, ist letztlich eine Frage eines Gefühls, das aber wiederum durch die jeweiligen Diskurse verstärkt oder geschwächt werden kann. Gefährlich wird es, wenn sich eine Gruppe, die sich für die Vertretung einer Mehrheit hält, auf <em>„das Volk“</em> beruft und damit jede Unzufriedenheit für eigene Zwecke instrumentalisiert.</p>
<p>Der sprichwörtliche Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür. In den meisten Erzählungen dominiert die negative Sicht, auch dort, wo sie von der Sache her nicht gerechtfertigt wäre. Es dominiert ein Gefühl des Unbehagens, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen. Ostdeutsche Ministerpräsident:innen, Minister:innen und Abgeordnete der jeweiligen Regierungsfraktionen betonen immer wieder die Erfolge, die Ansiedlungen neuer Betriebe, die wirtschaftlichen Daten, auch wenn sie selbstverständlich nicht müde werden, mit mahnendem Unterton die noch ungelösten Probleme und Gefühlslagen anzusprechen.</p>
<p>Allerdings gibt es in Ost und West einen wesentlichen Unterschied. Während in Ostdeutschland ungeachtet mancher Verschwörungserzählung reale Benachteiligungen der Ostdeutschen – der zitierte Bericht nennt sie – eine zentrale Rolle spielen, dominiert in westdeutscher Perspektive eine andere Erzählung: dort berichten die Medien von Demokratiedefiziten, die es angeblich nur im Osten geben sollte und die dazu führten, dass eine in großen Teilen rechtsextremistische Partei so viel Zuspruch erhalte, dass sie bei den 2024 anstehenden Landtagswahlen zumindest eine Sperrminorität, möglicherweise sogar die Mehrheit erhalten könnte.</p>
<p>Könnte sich diese Erzählung nach den Wahlen in Hessen und Bayern vom 8. Oktober 2023 vielleicht erübrigen? Hat sich der Westen dem Osten angepasst? Hubert Aiwanger hat mit seiner Rede, in der er forderte, man müsse sich die <em>„Demokratie zurückholen“</em>, manche in Ostdeutschland grassierende Verschwörungserzählung angetriggert. Er meinte Themen wie Gebäudeenergiegesetz, Verbot von fossilen Kraftstoffen für Automobile, Verbot der Anbindehaltung in der Tierhaltung, Verbot von Bratwürsten auf Volksfesten, geschlechtsgerechte Sprache, all das, für das in seinem Weltbild die Grünen verantwortlich sind, ungeachtet der Frage, was davon überhaupt zur Debatte stand. Aiwanger sprach jedoch von etwas anderem, der Zukunft der Demokratie, die er mit der Erfüllung seiner Forderungen identifizierte und die er bei Nicht-Erfüllung als bedroht darstellte. Er suggerierte Mehrheiten, wo keine waren, und die sollten <em>„zurückgeholt“</em> werden. Aber in der politischen Kommunikation erhält die Ankündigung, die <em>„Demokratie zurückzuholen“</em>, eine Wirkung, die die Formulierung, die Wähler:innen möchten ihm bei den anstehenden Wahlen zu einer Mehrheit verhelfen, nicht erzielen kann.</p>
<p>Die im September 2023 vorgestellte jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/alles-nur-proteste/">Bielefelder Mitte-Studie</a> verzeichnet – wie auch schon in Vorläuferstudien und in ihrem komplementären Gegenstück, der <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudie</a> – im Osten deutlich höhere Zustimmungswerte zu anti-demokratischen, zu rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Einstellungen. Allerdings rechtfertigen diese Ergebnisse ebenso wenig wie die Ergebnisse von Wahlumfragen, die Ostdeutschen pauschal als Anti-Demokrat:innen zu markieren. Die Landratswahl in einem kleinen Thüringer Landkreis wurde in den Medien zu einem Großereignis hochstilisiert. Überall, wo ein AfD-Kandidat es in eine kommunale Stichwahl schafft, beschäftigen sich die Medien mit dieser Wahl in einer Intensität, die es bei keiner anderen Wahl gibt, in der zwei Kandidat:innen eine Stichwahl erreichten. Aber auch die Tendenzen der Umfragen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg vergleichbare Ergebnisse für die AfD in einigen baden-württembergischen Regionen, im Bayerischen Wald oder in ländlichen Regionen Hessens spielen in der Berichterstattung nur eine Nebenrolle. Als durch ungeschickte Bemerkungen des CDU-Vorsitzenden die Debatte um eine <em>„Brandmauer“</em> gegen die AfD entstand, fanden Journalist:innen im Westen wie im Osten Abstimmungsergebnisse, bei denen demokratische Parteien und AfD für die selbe Sache gestimmt hätten. Aber die Debatte konzentrierte sich sehr schnell wieder auf Ostkommunen, die damit den Charakter eines Trendsetters bekamen. Je mehr aber von angeblichen Demokratiedefiziten und einstürzenden <em>„Brandmauern“</em> in Ostdeutschland die Rede ist, umso mehr könnte sich diese Rede als eine Art Selffulfilling Prophecy erweisen und sich radikalisierende Einstellungen folgen den Regeln des Primings.</p>
<h3><strong>Anti-demokratische Kontinuitäten</strong></h3>
<p>Manche Kommentator:innen verweisen auf rechtsextreme Kontinuitäten, die sie aus diversen Vorfällen ableiten, beispielsweise dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_die_Zionskirche">Überfall einer rechtsextremen Gruppe auf ein Konzert von Element of Crime am 17. Oktober 1987 in der Zionskirche am Prenzlauer Berg</a> (bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist ein Film über den Überfall und seine Aufarbeitung erhältlich). Salli Sallmann beschreibt in seinem von Ines Geipel und Joachim Walther veröffentlichten Tagebuch „Badetag“ (Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, 2009) eine Art rechtsextremistische Normalität bei Betreibsfeiern: <em>„Aber auch die Langhaarigen in der Clique reden oft wie mein Opa, wenn es um die Nazi-Zeit geht. Ich kann mir das nicht richtig zusammenreimen. / Die Hitler-Feier der Clique ist als normales Besäufnis an zusammengeschobenen Tischen in der ESDA-Kulturhauskneipe getarnt. VEB ESDA ist das große Strumpfkombinat im Ort: Erzgebirgische Strumpf- und Damen-Artikel.“ / Bei der Hitler-Feier geht es hoch her, bekomme ich danach erzählt. Jeder in der Clique brüstet sich, wie viel Schnäpse und Biere er in sich hineingekippt und wie vielen Mädchen er an den Busen oder Po gegriffen hat.“</em> Die Überschrift der Passage, aus der dieser Text entnommen wurde: <em>„Judenarsch“</em>.</p>
<p><a href="https://f-richter.net/">Frank Richter</a>, 2009 bis 2016 Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, inzwischen Landtagsabgeordneter der SPD in Sachsen, berichtete <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bXQYzXYVXMo">am 10. Oktober 2023 in einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a>, dass es in der DDR Menschen gegeben habe, die am 20. April Hitlers Geburtstag gefeiert hätten. Frank Richter berichtete auch von der Mail eines jungen Mannes aus dem Erzgebirge, der ihm mitteilte, er werde solange zu PEGIDA-Demonstrationen fahren, bis er eine Arbeit und eine Frau gefunden haben. Politik möge – so wohl seine Vorstellung von Politik – dafür sorgen, dass Frauen sich Männern wie ihm widerspruchslos zur Verfügung stellten. Ähnliche Einstellungen waren in Polen bei jungen Männern zu finden, die die rechtsextreme Konfederacja wählen wollten, weil die jungen US-Soldaten an US-Stützpunkten ihnen die polnischen Frauen wegnähmen, sowie bei jungen Frauen, die den nach Polen geflüchteten Ukrainerinnen vorwarfen, ihnen die polnischen Männer abspenstig zu machen. Glücklicherweise scheiterte die Konfederacja deutlich. Sie konnte ihr bisheriges Ergebnis nur unwesentlich verbessern.</p>
<p>Die Leipziger Autoritarismustudie von 2022 bezeichnete frauenfeindliche und frauenverachtende Einstellungen als <em>„Brückenideologie“</em> der Anti-Demokrat:innen von rechts. Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien fordern in vielen westlichen Ländern die Rückkehr zu einer Art Patriarchat, der thüringische Landesvorsitzende der AfD fordert eine Rückkehr zur <em>„Männlichkeit“</em>. Es gibt in der neuen Rechten Stimmen, die Frauen das Wahlrecht nehmen wollen, auch Frauen wie beispielsweise Caroline Sommerfeld.</p>
<p>Im Zweifel sind aber auch die LSBTIQ*-Aktivist:innen an allem schuld, Putin sprach von <em>„Gayropa“</em>. Oder eben die Juden. Antisemitismus gehört zur DNA der Rechtsextremist:innen wie auch die Mitte- und Autoritarismusstudie belegen, mit hohen Zustimmungswerten unter Menschen, die ansonsten nicht unbedingt als Rechtsextremist:innen bezeichnet werden können, sondern eher der sogenannten <em>„Mitte“</em> zuzurechnen sind. Es ist wie in Bertolt Brechts Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (viel zu selten aufgeführt, zurzeit aber in Bonn im Stadttheater zu sehen): <em>„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“</em> Das rechtsextremistische Kind sieht heute nur anders aus als das Kind der NS-Zeit und auch anders als noch in der Zeit der Baseballschlägerjahre in den 1990ern. Der Teufel findet neue Türen, die aber durchaus ähnlich eingefärbt sind wie die Türen des Jahres 1933, auch wenn sie blau gefärbt sind (wie übrigens auch bei der FPÖ in Österreich).</p>
<p>Fazit: Es gab Rechtsextremismus in der DDR, sichtbar für alle, die hinschauen wollten, aber eben nicht nur in der DDR. Dies belegen Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien bei diversen Landtagswahlen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1989. Diese Parteien hielten sich in den Landtagen jedoch in der Regel nur eine Legislaturperiode, dann zerfielen sie. Aus dem Bundestag verschwand der BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) 1957 unter die Fünf-Prozent-Hürde. Lange Zeit hatten CDU und CSU Erfolg mit der Franz Josef Strauß zugeschriebenen Strategie, dass es rechts von ihnen keine andere Partei geben dürfe. Verbale Radikalität auf der einen Seite, pragmatisches Handeln in demokratischen Strukturen auf der anderen. Die AfD hält sich jedoch mit ihrem Radikalismus seit 2017 stabil, mit steigender Tendenz, ungeachtet gelegentlicher Einbrüche in einigen westlichen Bundesländern, und demokratische Parteien schwanken, ob sie von der AfD angesprochene Lösungen übernehmen sollten oder nicht. Die zitierte Rede Hubert Aiwangers ist nicht die Ursache, sie ist Symptom und Alarmzeichen. Die anti-demokratische Geschichte der DDR mag eine weitere Erklärung für den Aufstieg einer zumindest in Teilen rechtsextremen Partei bieten, aber das ist nur ein Punkt in einem komplexen Gebilde. Die führenden Funktionäre der AfD kommen fast alle aus dem Westen.</p>
<h3><strong>Die Länder dazwischen</strong></h3>
<p>Ein oft völlig unbeachteter Gesichtspunkt zur Erklärung der Wahlergebnisse anti-demokratischer Parteien ist die Missachtung der demokratischen Geschichte in der DDR, in Opposition und Widerstand und schließlich in der friedlichen Revolution und der demokratischen DDR-Regierung des Sommers 1990. Diese Missachtung und Ignoranz ist das Ergebnis der erfolgreichen Erzählung, dass es in der DDR gar keine Demokratie gegeben haben könnte. Mitunter könnte man den Eindruck haben, als hätten sich DDR und SED aus sich heraus – vorwiegend dank des politischen Geschicks des westdeutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl – aufgelöst. Und es scheint, als hätte der Westen der DDR die Demokratie geschenkt. Die demokratischen Akteure der DDR gerieten schon sehr bald in Vergessenheit. Umso wichtiger ist es, wieder an die demokratischen Traditionen der DDR und der ostdeutschen Länder zu erinnern, denn aus diesen ließe sich durchaus die Kraft schöpfen, rechtsextremen Parteien und Gruppierungen zu widerstehen, im Osten wie im Westen.</p>
<p>Jacques Rupnik beschreibt den vermuteten Vorgang der Ausbreitung der Demokratie von West nach Ost in seinem Essay „Von Kundera bis Kiew“. Der Essay wurde in der <a href="https://www.lettre.de/">Herbstausgabe 2023 von Lettre International</a> veröffentlicht, Untertitel: „Der entführte Westen erweitert sich in Richtung Osten“. Aber wer wurde da von wem <em>„entführt“</em> oder vielleicht auch verführt? Jacques Rupnik beginnt mit einer Definition Milan Kunderas, die sofort eine sich an Himmelsrichtungen orientierende Interpretation der politischen Entwicklungen in Ost und West dekonstruiert: <em>„Mitteleuropa befindet sich <u>‚geographisch in der Mitte, kulturell im Westen und politisch im Osten‘</u> Europas.“ </em></p>
<p>Historisch gesehen spielt das Verhältnis zu Russland eine wichtige Rolle, auch bei der Demokratisierung der ost- und ostmitteleuropäischen Staaten nach 1989: <em>„Die ‚Europäisierung‘ Russlands vollzog sich durch seine imperiale Expansion gen Westen seit Peter dem Großen und Katharina II. Für die mitteleuropäischen Nationen stellt die Bindung an ihre europäische und abendländisch-westliche Identität den letzten Schutzwall gegen Russlands imperiale Eroberung dar.“</em> Das gilt auch für den Wunsch der ehemaligen Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts, sich der NATO anzuschließen. Die damit einhergehende Demokratisierung hat eine Schutzfunktion gegenüber dem östlichen Nachbarn. Martin Schulze-Wessel hat in seinem Buch „Der Fluch des Imperiums“ (München, C.H. Beck, 2023) beschrieben, wie die Länder zwischen Deutschland und Russland hin- und hergeschoben, eingezwängt und gegängelt, Grenzen verschoben, Menschen vertrieben und ermordet wurden. Auch die Debatte um Nordstream lässt sich aus dieser Konstellation erklären.</p>
<p>Diese Konstellation prägt auch die heutigen politischen Diskurse und ist angesichts des russischen Terrors gegen die Ukraine zurzeit nicht auflösbar. Europa hat die Stellung Deutschlands einnehmen können, weil Deutschland nicht mehr das kolonialistisch-imperialistische Land ist, das es bis 1945 war. Die Westintegration Deutschlands ist eine grundlegende Voraussetzung für ein Europa, in dem Osten und Westen sich verständigen können, allerdings nach wie vor ohne Russland. Dort, wo der Westen, wo die Europäische Union die Erwartungen jedoch nicht erfüllt oder sich zumindest das Gefühl eingestellt hat, man erfülle sie nicht, wachsen dann wiederum Sympathien für Russland, ungeachtet seiner imperialistischen und aggressiven Politik. Ungarn und manche russlandfreundliche Partei belegen dies, so eben auch die AfD. Stephen Holmes und Ivan Krastev erklären in ihrem Buch „Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung“ (Originaltitel: „The Light that Failed – A Reckoning“, deutsche Ausgabe: Berlin, Ullstein, 2019) die illiberalen und anti-demokratischen Entwicklungen in manchen Staaten, darunter Polen und Ungarn, mit der Enttäuschung, dass sich die bloße <em>„Nachahmung“</em> westlicher Strategien nicht bewährt habe, sondern die eigene Geschichte und Identität untergraben habe. Diese Analyse lässt sich durchaus auf die DDR beziehungsweise die ostdeutschen Bundesländer übertragen.</p>
<p>Russland bleibt das Andere so wie diejenigen, die Putins Terror verteidigen und aus einer wie auch immer gearteten Missachtung seiner Person und des von ihm beherrschten Landes begründen oder gar von einer Eurasischen Union mit Russland träumen – <a href="https://correctiv.org/aktuelles/russland-ukraine-2/2023/09/22/alternative-fuer-russland-wie-sich-die-afd-systematisch-nach-russland-orientiert/">Marcus Bensmann hat dies für Correctiv im September 2023 ausführlich dokumentiert</a> – ebenfalls die Anderen bleiben, die sich aber in dieser Rolle zunehmend wohler fühlen und den sprichwörtlichen Spieß einfach umdrehen.</p>
<p>Anders gesagt: der Westen definiert sich als Gegensatz zum Osten, der Osten als Gegensatz zum Westen. Putin macht es dem Westen aber auch leicht, nur bleibt die Frage, ob es berechtigt ist, von westlicher Seite den Osten schon jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs zu sehen, weil es dort nun einmal so viele Politiker:innen und Wähler:innen gibt, die sich pro-russisch, das heißt pro-putinistisch, äußern. Als wenn es diese im Westen nicht gäbe. Möglicherweise tritt bereits zur Europawahl eine sozialpolitisch eher linke, in ihren sonstigen Positionen jedoch eher rechts einzuordnende neue Partei an, die die politischen Diskurse noch einmal verschieben dürfte. Die Entwicklung der Freien Wähler auf Bundesebene bleibt ebenfalls abzuwarten.</p>
<p>Die DDR beziehungsweise die ostdeutschen Länder bleiben mit ihren Umfrage- und Wahlergebnissen ein Osten, der irgendwie dann doch nicht zum Westen gehört. Demokratiebewegungen im Osten – wie 1989 und 1990 in der damaligen DDR und allen ehemaligen Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts sowie der baltischen Teilrepubliken der Sowjetunion, die heute alle in NATO und EU ihren Platz gefunden haben, werden in der westlichen Version der Geschichte leider ignoriert, sodass der Eindruck entsteht, als habe der Westen im Osten die Demokratie geschaffen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Diese Sicht auf die Geschichte ist einfach falsch. Der Westen mag als Vorbild gedient haben, aber der entscheidende Akteur der Demokratisierung im Osten waren die Menschen im Osten, in Zivilgesellschaft und schließlich in den Regierungen. Die ersten waren die Polen, die am 4. Juni 1989 dafür sorgten, dass mit Tadeusz Mazowiecki ein nicht-kommunistischer Ministerpräsident ins Amt gewählt werden konnte.</p>
<h3><strong>Deutscher Orientalismus</strong></h3>
<p>Claudia Gatzka, die mit Andreas Audretsch im Jahr 2020 im Bonner Dietz-Verlag das Buch „Schleichend an die Macht“ herausgegeben hat, setzt sich in der Oktoberausgabe 2023 der Zeitschrift „Merkur“ mit der Frage auseinander, wie über Ostdeutschland gesprochen wird, Titel ihres Essays: „Geschichten wider den Osten“ (der vollständige Essay ist auf der Internetseite des Merkur <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/geschichten-wider-den-osten-a-mr-77-10-5/">kostenfrei zugänglich</a>). Sie bezieht sich auf die zurzeit populären Bücher von Dirk Oschmann (Der Osten – eine westdeutsche Erfindung, Berlin, Ullstein, 2023) und Katja Hoyer (Diesseits der Mauer – Eine neue Geschichte der DDR 1949-1990, deutsche Ausgabe: Hamburg, Hoffmann und Campe, 2023), die – so ließe sich vereinfachend sagen – den Osten als Opfer des Westens darstellen.</p>
<p>Oschmanns und Hoyers Sicht der DDR und der dort lebenden Menschen als Opfer, die ihr Selbstbewusstsein aus der Erinnerung an positive Elemente des DDR-Alltags zurückgewinnen könnten, sollte nicht mit den Thesen von Ilko-Sascha Kowalczuk in „Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ (München, C.H. Beck, 2019) verwechselt werden. Verbindend ist die Opfererzählung, die Kowalczuk allerdings aus dem binären Täter-Opfer-Konstrukt herauszuholen versucht, weil die Akteure, die die Opfer-Erzählung besonders laut verkünden, selbst Täter:innen sind. <em>„PDS/Linke</em> <em>und AfD stehen in Ostdeutschland für Anti-Establishment, Anti-Westen, Anti-Amerikanismus, Pro-Russland (vor allem in Form des Anti-Amerikanismus), für harsche Kritik am ‚System‘ und ihren Repräsentanten, an ‚den‘ Medien und gelten als Vertreter der ‚kleinen Leute‘, als Befürworter plebiszitärer Demokratie.“ </em>Klar ist aber jeweils, dass die Täter:innen in der politischen Kommunikation immer auf der anderen Seite zu finden sind: <em>„Für die PDS/Linke der Westen, der Kapitalismus, die Globalisierung – und die bundesdeutsche Elite; für die AfD der Westen, die Globalisierung, die ‚Systemelite‘ – und eingewanderte Nicht-Deutsche.“</em> Und LSBTIQ* und der Feminismus und die Migration – so ließe sich für die AfD ergänzen.</p>
<p>Die Linke verliert an Zuspruch, weil sie sich in ihren Positionen aus Sicht vieler Menschen im Osten zu sehr an den Westen angebiedert hätte, in Sachen Feminismus, LSBTIQ*, Migration und – in Teilen – auch in der Außenpolitik. Im Westen war die Linke ohnehin nur in einigen Städten präsent. Claudia Gatzka und Andreas Audretsch benennen in der Einleitung von „Schleichend an die Macht“ <em>„vier Themen (…), die überall in Europa zum Standardrepertoire von Rechtspopulist:innen und Rechtsextremen gehören: das Verständnis von Demokratie, den Umgang mit Frauenrechten, die Instrumentalisierung von Religion als politischem Mittel der Spaltung und den Umgang mit der Corona-Pandemie.“ </em>In anderen Texten des Buches werden auch <em>„Geschichtspolitik“</em>, <em>„Geschichtsrevisionismus“</em>, <em>„tribalistische Ideologie“</em> und die <em>„Freund-Feind-Unterscheidung“</em> im Sinne von Carl Schmitt genannt. Demokratie bedeutet in diesen Erzählungen nicht mehr und nicht weniger als die absolute Herrschaft einer vermuteten Mehrheit, die sich nicht in Wahlen beweisen muss, sondern einfach vorausgesetzt wird, denn wenn Wahlen anders ausgehen, kann es sich nur um Wahlmanipulation handeln. Donald Trump lässt grüßen. Der jüngste Vorschlag von Giorgia Meloni, den Regierungschef (Meloni gendert nicht) und dem diesen unterstützenden Bündnis automatisch 55 Prozent der Stimmen zuzusprechen, ist vielleicht der unverfrorenste Angriff auf die Demokratie. Erfolgreich wird dieser Angriff nicht sein, denn die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit wird Meloni für ihren Vorschlag nicht erhalten. Einer ihrer Vorgänger, Matteo Renzi, ist mit einem nicht ganz so radikalen, aber auch in diese Richtung weisenden Vorschlag, grandios gescheitert.</p>
<p>Die AfD und Ostdeutschland werden in westlichen Diskursen immer wieder miteinander identifiziert, sodass die überwiegende Mehrheit, die die AfD nicht wählt und wahrscheinlich auch nie wählen würde, aus der Wahrnehmung verschwindet. Das Fazit von Claudia Gatzka: wer über Ostdeutschland spricht, reproduziert immer wieder eine rhetorische Figur, die in der Migrations- und Antidiskriminierungsforschung als <em>„Othering“</em> beziehungsweise <em>„VerAnderung“ </em>(die von Julia Reuter eingeführte deutsche Übersetzung des „Othering“) bezeichnet wird. Man könnte auch von <em>„Orientalismus“</em> sprechen. Claudia Gatzka konstatiert, dass dieser Kontext Dirk Oschmann offenbar gar nicht aufgefallen ist: <em>„Verblüffend ist, dass er ohne Verweise auf Said auskommt.“</em>  In der Tat haben wir es hier nicht nur im Hinblick auf die Himmelsrichtung mit einer Spielart des von Edward Saïd beschriebenen Phänomens des <em>„Orientalismus“</em> zu tun. Abwertung und Exotismus gehören auch in vielen Äußerungen über Ostdeutsche und Ostdeutschland dazu.</p>
<p>Eine ähnliche Argumentation findet Claudia Gatzka bei Jana Hensel in ihren mit Naika Foroutan in dem Buch „Die Gesellschaft der Anderen“ veröffentlichten Gesprächen (Berlin, Aufbau, 2020). Die Frage lautet, ob <em>„Orientalisierung“</em> oder – je nach Geschmack – <em>„Migrantisierung“</em> der Ostdeutschen der Sache überhaupt gerecht werden können. Claudia Gatzkas Antwort lautet Nein. Mit solchem Framing werden Ostdeutsche zum Objekt der Geschichtsschreibung, der politischen Kommunikation gemacht. <em>„Nicht der geografische Osten, sondern das <u>Othering</u> eines bestimmten, meist peripheren (Binnen)Raums und seiner Bewohner zum Zweck der Stabilisierung einer gewollten Normidentität macht Orientalismus aus.“ </em>Ähnliche Formen des <em>„Othering“</em> einer Region findet Claudia Gatzka beim italienischen Mezzogiorno. Jedes Land hat irgendwo eine Region, die als rückständig, kaum entwicklungsbereit oder allenfalls als exotisch, mitunter als Gegenstand von Witzen markiert wird. Es ist <em>„das Narrativ der immerwährenden, aber stets unerreichten Angleichung. Die diskursiven Chancen stehen so nicht schlecht, dass ‚der Osten‘ Deutschlands Mezzogiorno wird, mit RB Leipzig als Katholischer Kirche und der AfD als Mafia.“</em></p>
<p>Es entsteht <em>„ein völlig unhinterfragter teleologischer Bias“</em>, gewissermaßen als Rechtfertigung des zwischen den beiden deutschen Staaten ohnehin von Gründung an im Verlauf des Kalten Krieges gepflegten <em>„Modus des Konkurrierens“</em>. Der Herbst 1989 wurde zu einer Art <em>„Triumphalismus der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung“</em>, der aber im Grunde nichts anderes ist als <em>„eine Verweigerungshaltung, den betrachteten Raum wie auch den Raum, aus dem heraus er betrachtet wird, mit der gesamtdeutschen Gegenwart zu synchronisieren; es ist eine spezifische Art der Brille des Kalten Kriegs aufzusetzen und aufzubehalten.“</em> Ost- und Westdeutschland waren, sind und bleiben Elemente eines binären Codes, ohne Zwischentöne, ohne Übergänge und Graubereich. Die Erzählungen der russlandfreundlichen AfD sind nichts anderes als die Gegenerzählung.</p>
<h3><strong>Ende der Geschichte? Oder Ende der Politik?</strong></h3>
<p>Ostdeutschland wird in diesem Redemodus musealisiert, <em>„erinnerungskulturell als ein Lehrpfad sozialistisch-kommunistischer Abschreckung gestaltet“</em>, die sich gerade dadurch immer wieder als notwendig und zutreffend erweist, weil – getreu einer naiven und unterkomplexen Rezeption der Totalitarismustheorie – die Umfragewerte und Wahlergebnisse der AfD in den Augen mancher Medien, Politiker:innen, vor allem von denen mit ausschließlicher Westbrille, doch wohl nichts anderes beweisen als die Kontinuität der im SED-Kommunismus erlernten Einstellungen und Verhaltensweisen. Die andere Seite sind DDR-Nostalgie-Clubs und das hohe Lied eines kuscheligen Alltags, auch jenseits der Stasi.</p>
<p>Letztlich bestätigt gerade die Art und Weise, wie Ostdeutschland von Kommentator:innen wie Dirk Oschmann oder Katja Hoyer dargestellt wird, die ebenfalls immer verkürzt und unterkomplex zitierte <a href="https://pages.ucsd.edu/~bslantchev/courses/pdf/Fukuyama%20-%20End%20of%20History.pdf">These von Francis Fukuyama vom <em>„Ende der Geschichte“</em></a>, nur eben mit dem Subtext, dass offenbar die Ostdeutschen noch nicht begriffen hätten, dass dieses <em>„Ende“</em> stattgefunden hat. Ostdeutsche müssen sich daher auch immer wieder anhören, dass sie mehr politische Bildung bräuchten, obwohl niemand so richtig sagen kann, welche Art politischer Bildung denn tatsächlich gegen Extremismus wirkt und welche Assoziationen sich für Ostdeutsche nach ihren Erfahrungen mit politischer Bildung vor 1989 einstellten. Auch hier: Ostdeutsche werden als Objekt von Bildung und Erziehung markiert, nicht als Subjekt. Sie werden wie unwillige Kinder behandelt.</p>
<p>Kurz zu Francis Fukuyama: der Titel seines Essay „The End of History?” endet mit einem Fragezeichen. Mit dem „Ende der Geschichte“ meint er das Ende anti-demokratischer und anti-liberaler Großerzählungen wie dem Faschismus und dem Kommunismus. Der Faschismus verschwand 1945 aus dem Bewusstsein oder wurde zumindest aus dem Bewusstsein verdrängt, auch wenn es nach wie vor faschistische Elemente in anderen Kontexten, so auch im sowjetischen und chinesischen Kommunismus gab. Mit dem Zerfall der kommunistischen Herrschaft im Jahr 1989 gaben sich die führenden Politiker ebenso wie große Teile der Bevölkerung der von ihnen beherrschten Länder einem Konsumismus hin, der die wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund stellte. Fukuyama spricht von <em>„the ineluctable Spread of consumerist Westen culture”</em>. Dies erinnert durchaus an das Diktum Bill Clintons <em>„It’s the economy, stupid“</em>. Deng Xiao-Ping und seine Nachfolger haben es sogar geschafft, konsumistischen und wirtschaftlichen Fortschritt von liberalen und demokratischen Entwicklungen abzukoppeln. Liberale Demokratie ist nicht mehr Voraussetzung und auch nicht Ergebnis wirtschaftlichen Fortschritts.</p>
<p>Francis Fukuyama spricht von De-Ideologisierung, sieht aber auch, dass nach wie vor die Möglichkeit einer Re-Ideologisierung bestehe. Das schrieb er im Jahr 1989! Das Potenzial einer Re-Ideologisierung sieht er in Religion und Nationalismus. Er spricht beim Thema Religion vorwiegend vom Islam, aber seine These lässt sich durchaus auch auf christliche Parteien und Organisationen übertragen. Die US-amerikanischen Republikaner haben sich in weiten Teilen zu einer christlich-fundamentalistischen Partei entwickelt, die durchaus ähnliche Positionen vertritt wie islamistische Bewegungen in anderen Ländern. Fukuyama: <em>„To a literal-minded idealist, human society can be built around any arbitrary set of principles regardless of their relationship to the material world. And in fact men have proven themselves able to endure the most extreme material hardships in the name of idea that exit in the realm of the spirit alone, be it the divinity of cows or the nature of the Holy Trinity.”</em></p>
<p>Geradezu dialektisch gedacht. Fukuyama beruft sich in seinem Essay ohnehin auf Hegel und auf Alexandre Kojève. Über den Konsumismus entsteht sogar so etwas wie die von Karl Marx geforderte klassenlose Gesellschaft, was jedoch nicht heißt, dass es keine Armut mehr gäbe. Aber der Zuspruch auch deklassierter Bevölkerungsgruppen für die konsumistische und extrem neoliberale Politik von Milliardären belegt, dass sich die Idee der Überwindung der Klassen auf die Ebene der Einstellungen – Marx würde das <em>„Überbau“</em> nennen – verlagert hat. Eben dies ist auch der Grund für die Attraktivität von gesellschaftlich illiberalen, wirtschaftlich jedoch extrem liberalen Bewegungen. <em>„But at the end of history it is not necessary that all societies become successful liberal societies, merely that the end their ideological pretensions of representing different and higher forms of human society.”</em> Den letzten Absatz seines Essays beginnt Francis Fukuyama mit dem Satz: <em>„The end of history will be a very sad time.”</em> Und genau dort scheinen wir uns in den 2020er Jahren zu befinden. Liberale und demokratische Parteien und Regierungen orientieren sich an wirtschaftlichen Gesichtspunkten, können aber mangels nachhaltiger und durchschlagender Erfolge nicht mit denjenigen konkurrieren, die eine ultimative Erzählung propagieren, die alle Probleme dieser Welt mit einem Schlag lösen soll. Wer solchen Versprechungen glaubt, möchte sich dann kaum noch die Mühe machen, den gordischen Knoten vorsichtig aufzuknoten.</p>
<p>Das Ergebnis ist letztlich Endpolitisierung, eine Ende der Politik. Alles in allem hat sich – in den Worten von Claudia Gatzka – die folgende Erzählung durchgesetzt: <em>„Interpretiert man die historiografische Lage der 1990er und 2000er Jahre als Sprechakt, dann deuteten westdeutsche Historiker die ostdeutsche Revolution von 1989 zu einem Effekt der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik um, die ja durchaus den meisten Ostdeutschen als strahlendes Werbebild der Marktwirtschaft vor Augen gestanden und auf Hundertausende von ihnen Anziehungskraft ausgeübt hatte. Damit ließen sich die Ziele der Revolution zugleich entpolitisieren, ließ sich der Fall der Mauer auf eine östliche Konsumsehnsucht reduzieren, wie anhand der linksliberalen Qualitätspresse seit den enttäuschenden CDU-Wahlsiegen in den ‚neuen‘ Bundesländern nachzuvollziehen ist.“</em></p>
<p>Die Ostdeutschen waren immer Objekt, niemals Subjekt der Geschichte. Kein Wunder, dass in einer solchen Erzählung die negative Sichtweise der Entwicklungen in Ostdeutschland, oft genug in Form von Opfererzählungen, dominiert. Die Verkaufszahlen der Bücher von Katja Hoyer und Dirk Oschmann belegen dies. Den Ostdeutschen oder denjenigen, die mit ihnen in pater- oder maternalistischem Habitus sympathisieren, bleibt somit lediglich eine Art nostalgische Trotzhaltung, es wäre ja nun nicht alles schlecht gewesen. War es auch nicht in toto, auch Freundschaften und Ehen in der DDR können liebevoll gewesen sein, es gab eine reichhaltige, wenn auch von SED und Stasi überwachte und oft genug schikanierte Literatur- und Musikszene. Aber eine differenzierende, die Ostdeutschen als politisches Subjekt ernstnehmende Haltung finden wir bei Katja Hoyer und Dirk Oschmann nun einmal ebenso wenig wie in vielen anderen politisch-feuilletonistischen An- und Aussagen. Die einen sehen blühende Landschaften, andere sehen Sumpfblüten, wahlweise Rasenwüsten.</p>
<p>Ent- oder De-Politisierung, Konsumismus und Wut auf alles, was den ungebremsten Konsum behindern oder einfach nur lang Gewohntes verbieten könnte – das ist die eine Seite. Die andere ist eine Re-Politisierung im Sinne von Carl Schmitt, die aber in Wirklichkeit die ultimative De-Politisierung ist, weil jeder demokratische Streit mit mehr oder weniger repressiven Methoden unterdrückt wird. Konservative und liberale Politiker:innen stehen sich als Feind:innen gegenüber. Ost und West erkennen sich im anderen nicht mehr. Das Ergebnis ist Ent-Fernung. Ost und West werden sich mit der Zeit fremder und die andere Seite wird als <em>„fremd“</em> und anti-demokratisch markiert. Dabei werden Ost- und Westdeutsche beziehungsweise Ost- und Westeuropäer:innen pauschal einer homogen erzählten Gruppe zugerechnet, sodass die Vielfalt der verschiedenen Wirklichkeiten in den Erzählungen verblasst. Zahlen, Sachargumente, umfangreiche Berichte, all diese helfen wenig, wenn Gefühle dominieren, vor allem solche, die Menschen, die eine andere Erzählung bevorzugen als die eigene, grundsätzlich in Frage stellen. <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/steffen-mau-interview-gespaltene-gesellschaft-1.6273186">Steffen Mau spricht in diesen Zusammenhängen von <em>„Affektpolitik“</em></a>, eine Disziplin, die die demokratischen Parteien – zumindest den Wahlergebnissen nach – nicht sonderlich gut beherrschen. Letztlich fehlt wohl auch die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen. Es ist eben so einfach, die anti-demokratischen Tendenzen im jeweilig anderen Teil Deutschlands zu verorten.</p>
<h3><strong>Eine rabbinische Geschichte</strong></h3>
<p>In einer solchen schwierigen Debatte helfen vielleicht Geschichten aus einer anderen Welt, gefühlte Wirklichkeiten zu hinterfragen und Widersprüche aufzulösen. Eine rabbinische Geschichte von Ahron Daum (zitiert nach <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/einander-die-hand-reichen/">Alexander Nachama, Einander die Hand reichen, in: Jüdische Allgemeine 14. September 2023</a>) mag vielleicht zeigen, wie sich diese <em>„Fremdheiten“</em> auflösen ließen: <em>„Ein Rabbiner sagte einst zu seinen Schülern: ‚Wir sind so weit von dem entfernt, wo Gott uns haben möchte, wie der Osten vom Westen.‘ Diese Bemerkung regte die Schüler zum Nachdenken an. Darauf fragt der Rabbiner sie: ‚Wie weit ist der Osten eigentlich vom Westen entfernt?‘ Ein Schüler meldete sich sofort und meint: ‚11.000 Meilen, das habe ich gerade in einem Buch gelesen.‘ Der Rabbiner antwortete: ‚Nein das ist falsch.‘ Ein anderer Schüler meldete sich und sagte: ‚22.000 Meilen. Das ist der Umfang der Erde.‘ Der Rabbiner antwortete: ‚Nein, das ist ebenfalls falsch. Die Entfernung vom Osten zum Westen beträgt einen Schritt. Man blickt nach Osten – macht einen Schritt, dreht sich um – und blickt nach Westen.‘“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2023, Internetzugriffe zuletzt am 17. Oktober 2023. Das Titelbild wurde in der Nähe von Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, aufgenommen. Foto: NoRei.)</p>
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		<title>In den besten Familien</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-den-besten-familien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Feb 2023 06:19:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>In den besten Familien Ein Gespräch mit dem Journalisten und Filmemacher Manuel Gogos „Ich kenne einen Türken, der eigens aus Konstantinopel nach Berlin gekommen ist, um eine richtige Anschauung von einem Harem zu gewinnen. Er schwor, dass es in Konstantinopel lange nicht so türkisch zugehe.“ (Joseph Roth) Joseph Roth schrieb diese Sätze im Jahr  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Journalisten und Filmemacher Manuel Gogos</strong></h2>
<p><em>„Ich kenne einen Türken, der eigens aus Konstantinopel nach Berlin gekommen ist, um eine richtige Anschauung von einem Harem zu gewinnen. Er schwor, dass es in Konstantinopel lange nicht so türkisch zugehe.“ </em>(Joseph Roth)</p>
<p>Joseph Roth schrieb diese Sätze im Jahr 1920, wie man unschwer an der Bezeichnung der genannten türkischen Stadt merken mag. Zitiert werden diese beiden Sätze in dem österreichisch-französischen Tagungsband „Joseph Roth – Städtebilder – Zur Poetik, Philologie und Interpretation von Stadtdarstellungen aus den 1920er und 1930er Jahren“, der im Jahr 2016 im Berliner Verlag Frank &amp; Timme erschien (Herausgeber*innen waren Stéphane Pesnel, Erika Tunner, Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos). Die beiden Sätze kommentiert Lukas Waltz in seinem Beitrag zu diesem Band: <em>„Wie türkisch es bei Berliner Türken zugeht, erfährt der Leser in der Folge: Der Besitzer des besagten Lokals ist Jude, zum Gruß sagt er ‚was ein Türke sagen muss, nämlich: Salem Aleikum!‘</em> <em>Seine Tochter ist mit einem (…) preußischen Wachtmeister verheiratet. Und um Mitternacht sperrt seine Frau, die Wirtin, das Lokal zu ‚(u)nd sagt, was jede Türkin sagen muss, nämlich: Addjäh! (…) Daraus erhörte ich, dass sie aus Leipzig stammt.“</em></p>
<p>Joseph Roth beschreibt multikulturelle Wirklichkeiten avant la lettre. Die gab es also schon in den 1920er Jahren und davor. Berlin war eine der Städte, in denen sich Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, mit unterschiedlichen Muttersprachen oder wie man heute so gerne sagt, unterschiedlicher „kultureller Herkunft“ begegneten, Familien gründeten, mal unter sich blieben, sich aber in der neuen Heimat auch für neue Welterfahrungen öffneten, sich integrierten oder assimilierten.</p>
<div id="attachment_2895" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5423-3/das-gedaechtnis-der-migrationsgesellschaft/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2895" class="wp-image-2895 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Cover_Gedaechtnis.jpg 1000w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-2895" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Familie des Autors und Journalisten Manuel Gogos war ebenfalls eine solche Familie, etwas mehr als 40 Jahre später. Sein Vater war Grieche und kam im Rahmen eines der damals von der Bundesrepublik Deutschland angesichts des hohen Arbeitskräftemangels geschlossenen Anwerbeabkommen als Gastarbeiter nach Deutschland, wo er eine deutsche Frau heiratete. Passend zu dieser Geschichte hat Manuel Gogos sein journalistisches Unternehmen ganz bewusst <a href="http://www.geistige-gastarbeit.de/">„Agentur für Geistige Gastarbeit“</a> genannt. Er war 30 Jahre lang maßgeblich an der Konzeption des ersten und bisher einzigen Migrationsmuseums in Deutschland, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/domid-ein-museum-neuen-typs/">DOMiD</a> in Köln, beteiligt. Den <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/konkrete-vielfalt-migration/">Werdegang des Konzepts</a> von DOMiD beschrieb er in seinem Buch „Das Gedächtnis der Migrationsgesellschaft“ (Bielefeld, transcript, 2021). In dieser und in vielen anderen Ausstellungen thematisiert er immer wieder die zentrale Frage der <em>„geteilten Erinnerung“</em>, so beispielsweise Erinnerungen und Leben der <a href="http://geteilte-erinnerung.de/">„Griechen von Kettwig“</a>. In anderen Dokumentationen beschrieb er beispielsweise die Folgen der Klimakrise auf die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RaOu_Dz1898">Schwammtaucher der griechischen Insel Kalymnos</a> sowie die unterschiedlichen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=lBynKT74SnU">Erinnerungen der Herero und der in Namibia lebenden Deutschen etwa 100 Jahre nach dem dortigen Genozid</a>.</p>
<p>Manuel Gogos macht Dokumentarfilme und Features für den Hörfunk, in denen immer wieder Konfrontationen thematisiert werden, wie sie sich ergeben, wenn sich Menschen mit geographisch weit auseinanderliegenden Herkünften begegnen. Diese Begegnungen sind ja – wie wir alle wissen, auch wenn wir es nicht immer gerne sagen – mitunter auch – vorsichtig gesprochen – recht konfliktreich, wobei er sagt, dass er eher für die <em>„Migration Love Story“</em> als für den <em>„Clash of Cultures“</em> stehe.</p>
<h3><strong>Väter und Söhne</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind von Haus aus Literaturwissenschaftler. Sie haben Germanistik studiert und eine Dissertation zu einem komparatistischen Thema verfasst (Manuel Gogos, Philip Roth &amp; Söhne – Zum jüdischen Familienroman, Hamburg, Philo &amp; Philo Fine Arts / Europäische Verlagsanstalt, 2005).</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Eingereicht hatte ich meine Doktorarbeit in der Germanistik. Sie war komparatistisch ausgerichtet, ich habe mich wesentlich mit dem amerikanisch-jüdischen Kontext beschäftigt, ausgehend von Philip Roth, dies aber dann auch wieder auf den deutschen Kontext bezogen. Meine Doktormutter war </em><a href="https://www.germanistik.uni-bonn.de/nachruf-auf-professorin-hiltrud-gnueg"><em>Hiltrud Gnüg sel.A.</em></a><em>, eine Bonner Germanistin. Sie hat die Arbeit angenommen und ich kann mich erinnern, dass sie sich bei dem Gutachten die Haare gerauft hat, denn es sei keine übliche analytische Arbeit gewesen, wie man sie im akademischen Kontext erwarten würde. Sie verglich meine Arbeit mit dem essayistischen Charakter der „Männerfantasien“ von Klaus Theweleit. Ich empfand das als Kompliment.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es auch. Ich habe zur Vorbereitung unseres Gesprächs Ihre Arbeit gelesen. Bei der Lektüre fiel mir auf, dass Sie einige Mythen dekonstruiert haben, die die Aufarbeitung der Shoah gerade in der zweiten Generation beeinflussen. Sie haben die Arbeit in vielen Teilen psychoanalytisch angelegt, sich von psychoanalytischen Autor*innen inspirieren lassen. Der Ödipus-Mythos spielt eine Rolle, ebenso die Abraham-Isaak-Geschichte, auch Ikarus. Es geht immer um Väter und Söhne. Ich habe mich gefragt, warum Töchter nur am Rande vorkommen, keine Judith, keine Esther, keine Ruth?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Unbedingt. Zuletzt habe ich im WDR 3 ein einstündiges Feature</em><a href="https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kulturfeature/audio-todessprung---barbara-honigmanns-rueckkehr-zum-judentum-100.html"><em> über Barbara Honigmann</em></a><em> gemacht. Es ist schon so, dass die Töchter in meiner Doktorarbeit nur am Rande vorkommen, beispielsweise auch Barbara Honigmann, denn ich habe mich auf Philip Roth, Maxim Biller und andere konzentriert, und da spielen die Geschichten des Vatermords durch die Sohneshorde, die sich des Übervaters entledigen will, ganz im Sinne von Freuds „Totem und Tabu“, die zentrale Rolle. Ähnlich wie bei Franz Kafka und seinem „Brief an den Vater“. Das ist der Kern der Arbeit. Es gibt natürlich blinde Flecken, auf die ich heute – nach 20 Jahren – auch nicht stolz bin. Es ging damals eben um das Bild eines männlich dominierten Teils der Kernfamilie, um das Aushandeln in diesem Treibhaus der Affekte. Heute wurde man diese Konstellation von Vater, Mutter, Sohn vielleicht als reaktionäres Familienbild bezeichnen. Damals standen Sigmund Freud und Harold Bloom im Vordergrund, die den Korpus von Büchern bestimmten, über die ich mich dann gebeugt habe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitieren neben Freud einige französische Analytiker, nicht zuletzt den „Anti-Ödipus“ von Félix Guattari und Gilles Deleuze, die das Papa-Mama-Kind-Drama der kleinbürgerlichen Familie, wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsentierte, als Ausgangspunkt der freudianischen Psychoanalyse beschrieben und ihr das Modell der „Schizo-Analyse“ entgegenstellten.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Guattari und Deleuze versuchen – wenn man in einer psychoanalytisch inspirierten Literaturwissenschaft innerhalb des Dispositivs des Ödipus-Komplexes bleibt – eben dieses Bild der Kernfamilie zu sprengen, weil sie es für reaktionär halten, für ein urbürgerliches Modell einer Gesellschaftsordnung und Erzählweise. Ehrlich gesagt: ich lese Freud nicht als Psychoanalytiker, sondern als fiktive Literatur. Auch Guattari und Deleuze sind für mich Spielmaterial. Es ist ein großes Spiel innerhalb der Literaturwissenschaft mit der Literaturwissenschaft. Aber manchmal – und so ist das eigentlich die Regel in meiner heutigen Arbeit – erwächst aus dem Phantasmagorischen eine neue Realität. </em><a href="https://www.kas.de/de/veranstaltungsberichte/detail/-/content/fiktionen-sind-nicht-alles-was-aus-fiktionen-erwaechst"><em>„Fiktionen sind nicht alles, was aus Fiktionen erwächst“, hab ich mal geschrieben</em></a><em>.</em></p>
<h3><strong>Die erweiterte Familie – Anker in der Diaspora</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, Film- und Literaturanalysen werden uns helfen, das zu verstehen, was Sie das <em>„</em><em>Fantasmagorische in der Realität&#8220;</em> nennen.  Familie ist ein Ort des Überlebens, gerade in einer Diaspora-Situation. Das ist bis heute im Judentum so. Die Familie, der Schabbat, das gemeinsame Essen am Vorabend, das gemeinsame Seder-Mahl stehen im Mittelpunkt. Auch Israel ist so etwas wie eine große Familie, in der man sich sicher fühlen kann.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Das sehe ich genauso. Die Familie ist in der Diasporasituation die entscheidende Stätte, in der jüdische Identität weitergegeben werden kann. Wo auch sonst? Der heilige, der religiöse Ort ist die Familie. Selbst dann, wenn man am liebsten aus dem Judentum aussteigen, mit ihm brechen will, gilt dies. Kafka sagt, aus der Familie könne man nicht austreten. In der Familie und im Bruch mit der Familie finden wir Aushandlungs-, Reibungsprozesse, all das, was Identität schafft, dekonstruiert und wieder neu konstituiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es da nicht auch Parallelen zur Migrationsgeschichte? Wir sprachen darüber, als wir uns zuletzt in Bonn in einem Café trafen. Die Familie ist im unbekannten Land der Ort, in dem man die anderen Menschen kennt, die füreinander einstehen. Im weiteren Sinne gehören alle dazu, die eine ähnliche Herkunft haben.</p>
<div id="attachment_2900" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2900" class="wp-image-2900 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/179255_galerie_lightbox_box_1000x666-003.jpg 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2900" class="wp-caption-text">Ankunft in Deutschland. © Agentur für geistige Gastarbeit</p></div>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Die erweiterte Familie, das Belonging. Man kann diesen Ansatz aus der Diasporaforschung in die Migrationsforschung übertragen. Das gilt auch für meine eigene Biographie.</em> <em>Über die Beschäftigung mit der jüdischen Diaspora stellte ich fest, dass das auch meine Geschichte sein könnte. Angesichts der griechischen Herkunft meines Vaters. Diese ständige Frage nach der eigenen Identität, die sich daran entzündet, dass man ständig spürt, dazuzugehören und doch nicht dazuzugehören. Das habe ich dann beim amerikanischen Judentum untersucht, weil Jüdinnen*Juden in Amerika einmal natürlich Amerikaner*innen sind, andererseits aber auch Jüdinnen*Juden, und natürlich auch noch ganz viel anderes. Auch für deutsche Einwanderer in den USA oder griechische oder türkische oder spanische Gastarbeiterfamilien in Deutschland gilt das.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das spielt dann auch in den Filmen eine tragende Rolle, die die Geschichte einer Einwanderung erzählen. Ich denke beispielsweise an die italienische Community in einem Epos wie „The Godfather“, die Famiglia beziehungsweise die fünf Familien. Probleme regelt man untereinander, auch gegeneinander. Im Grunde das Modell der sogenannten <em>„Clans“</em>. Damals die Italiener, heute die Araber. Robert Fuchs wies mich in unserem Gespräch über DOMiD auf das Buch „How The Irish Became White“ von Noel Ignatiev hin. Der passende Film dazu wäre vielleicht „Gangs of New York“. Wenn man in US-Staaten wie Wisconsin fährt, entdeckt man Orte wie „New Glarus“, „Rhinelander“ und überall gibt es ein „German Gemuetlichkeitsfest“ oder etwas vergleichbar Schweizerisches. Die Frage ist berechtigt, wo Identitätssuche aufhört und Folklore anfängt. Wenn man sich zur Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlt, erübrigt sich vielleicht ein großer Teil der identitätsstiftenden Bedeutung der Herkunft der Familie aus einem anderen Land oder Kulturkreis und es bleibt die Folklore. Aber nach wie vor: Familie ist eine Art Anker.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Sicherlich ein Anker, ein Rückhalt, in den man sich flüchten kann, ein Refugium, eine Zuflucht, in die man sich zurückziehen kann. Es kann natürlich auch ganz anders wirken, dass man nämlich aus dem Familienkreis nicht entlassen wird, dass man viel stärker in der Tradition, in der Sprache des früheren Kulturkreises gehalten wird. Dann wird eine zu große Annäherung an die amerikanische oder auch an die deutsche Kultur als ein Verrat am Judentum, am Griechentum, an der Familie gebrandmarkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir bei den Amish-People oder den Satmarer Juden in Williamsburg?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Und bei streng islamischen bis islamistischen Familien in Deutschland oder in Frankreich. Da gibt es Familien, in denen die Mädchen zu Hause das Kopftuch tragen, das sie dann, sobald sie das Zuhause verlassen, abnehmen. Auf der Schwelle kann es zu einer Art Doppelleben kommen. Aber so schillernd sind eben „Identitäten“ (von denen man eigentlich immer im Plural sprechen sollte). Hinzu kommt, dass oft die jüngeren Familienmitglieder für die älteren übersetzen müssen. In meiner Familie gab es dieses Problem nicht. Mein Vater sprach perfekt deutsch. Er hat sich auf die deutsche Gesellschaft eingelassen und manches Griechische an den Nagel gehängt und sich im Grunde neu erfunden. Er war zwar ein Grieche in Deutschland. Aber eher ein Einwanderer wie man sie in den USA kennt: Ich heiße jetzt nicht mehr Leonidas, ich heiße jetzt Leo. Das ist einfacher für die Leute hier. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den Diskursen über Integrationspolitik gibt es all diese Vereinfachungen: da wird von <em>„Parallelgesellschaften“</em>, von <em>„Ghetto-Bildung“</em> geredet, manche Familien werden als <em>„Clans“</em> bezeichnet, Subtext und nicht nur dieser: das sind Kriminelle. Und manche Politiker*innen tun nach wie vor so, als gäbe es nur ein Entweder-Oder, aber niemals ein Sowohl-Als-Auch. Dann bleiben viele Menschen zwischen den Welten gefangen. Aus der einen Welt kommen sie nicht richtig heraus, in die andere nicht richtig hinein. Es ist schon eine größere Anstrengung erforderlich, sich in beiden Welten gleichermaßen frei zu bewegen.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Es gibt Wissenschaftler*innen, auch Soziolog*innen, die auch mal von Familialismus als Ressource sprechen, ihn nicht nur kritisch sehen, dass man das auch von Einwanderer*innen lernen kann, in einer atomisierten Gesellschaft auch noch andere Loyalitäten pflegen und behaupten kann. Geprägt hat den Begriff des Familismus oder Familialismus meines Wissens Gisela Notz (Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, Stuttgart,</em> <em>Schmetterling-Verlag, 2015).</em></p>
<p><em>Es gibt eben verschiedene zwischenmenschliche Beziehungen, die einer*einem etwas bedeuten. Es tut einer Gesellschaft gut, wenn es die familiären Keimzellen gibt, die das Ganze auch irgendwo und irgendwie zusammenhalten. Gleichzeitig kann die Familie natürlich zu einem Unterdrückungs- und Erpressungssystem werden. Thema in meiner Doktorarbeit war auch der Tod der Familie, der Familie als der Ort, von dem man sich freisprengen muss, damit man sich nicht andauernd rechtfertigen muss für das, was man ist oder tut, in der die Familie so etwas ist wie ein allwissendes Auge Gottes, das alles sieht und bewertet, billigt oder verdammt. Das Klischee-Bild der jüdischen Mamme gehört beispielsweise in diese Kategorie. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ja auch ein Running Gag in der jüdischen Community, beispielsweise in den Comics von <a href="https://www.jewiki.net/wiki/Ben_Gershon">Ben Gershon</a> mit der Hauptfigur des Jewy Louis, in der <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/">Jüdischen Allgemeinen</a> jede Woche auf der letzten Seite zu finden (als <a href="https://www.ariella-verlag.de/jewy-louis-schaloemchen-witzige-koschere-comics/">Bücher im Ariella-Verlag</a> erhältlich). Das hat auch eine komische Seite und ist bei Weitem nicht nur Galgenhumor der armen unterdrückten jungen Männer, für die die Mamme möglichst schnell eine gute jüdische Ehefrau sucht. Andererseits gibt es auch die große Beachtung, die die Netflix-Serie „Unorthodox“ und das vorangegangene Buch von <a href="https://www.deborahfeldman.de/">Deborah Feldman</a> in Deutschland fanden. Im Mittelpunkt steht hier eine junge Frau.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Die Serie „Unorthodox“ sehe ich kritisch. Ich finde, dass die Serie sehr klischiert. Natürlich gibt es diese Spielarten im orthodoxen Judentum. Das Buch ist wohl differenzierter.  Viel intelligenter finde ich eine Serie wie </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/das-phaenomen-shtisel/"><em>Shtisel</em></a><em>, auch bei Netflix, in der man sich dem orthodoxen Judentum mit einem ganz anderen Blick nähert, einen Innenblick in eine orthodoxe Familie, wo man erlebt, was geschieht, wenn sich jemand aus der eigenen Blase herausbewegt, in der man aber immer merkt, dass es Menschen sind, die damit ringen, die religiösen Regeln in ihr Leben zu übersetzen, und eben keine Monster, wie sie in „Unorthodox“ aus der Außenperspektive erscheinen.</em></p>
<h3><strong>Mütter, Töchter und Kopftücher</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Out of the record: eine der besten israelischen Serien ist für mich „<a href="https://www.arte.tv/de/videos/RC-022406/mafia-queens/">Mafia Queens“, Originaltitel „Malkot“</a> (bei arte in der Mediathek). Da haben Sie sämtliche Klischees in satirischer Umkehrung. Der Pate wird mit fast allen männlichen Mitgliedern der Familie Malka umgebracht und die Frauen der Familie müssen sich gegenüber den anderen Männer-Mafia-Gruppen behaupten. Das tun sie, obwohl sie sich ständig streiten, weil jede eine andere Agenda hat, aber irgendwie dann doch gemeinsam den großen Coup landen. Ich verrate nicht welchen. Aber wir müssen wohl die Geschichte etwas umschreiben. Und die Mutter, gespielt von der israelisch-iranischen Sängerin Rita Farouz, ist eine wunderbare Variante der jüdischen Mamme, eigentlich das genaue Gegenteil und dennoch ist sie eine.</p>
<p>Vielleicht schauen wir einmal auf die muslimischen Familien. In Deutschland und in anderen westlichen Ländern werden Menschen mit einer türkischen, kurdischen, iranischen, palästinensischen, arabischen Familiengeschichte durchweg als Muslim*innen gelesen, obwohl viele gar keine sind, sondern beispielsweise Christ*innen, Jesid*innen oder auch einfach säkular. Hier vereinfacht der Blick der Mehrheitsgesellschaft sehr und schafft damit auch viel Unheil. Darüber hinaus hat sich eine Spielart sogenannter <em>„Islamkritik“</em> eingebürgert, in der in Talk-Shows entweder besonders konservative Muslim*innen, Männer mit sehr langem Bart oder Frauen mit Kopftuch, eingeladen werden oder eben als Kontrastprogramm diejenigen, die wie beispielsweise Ahmed Mansour oder Seyran Ateş von der anderen Seite her gegen den in der Öffentlichkeit angenommenen Mainstream der Muslim*innen in Deutschland argumentieren. Dazwischen scheint es nichts zu geben.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Dazu gehört das Bild, dass alle jungen Frauen, die ein Kopftuch tragen, von ihrer Familie, vor allem den Vätern, unterdrückt würden. Das ist das Bild, das die deutsche Mehrheitsgesellschaft gerne hören will, weil sie es sich auch gar nicht anders vorstellen kann. Unterschätzt wird oft genug das heimliche Matriarchat in migrantischen Communities, auch hierzu ein exemplarischer Film: „My Fat Greek Wedding“. Dem Patriarchen muss eigentlich nur das Gefühl gegeben werden, dass er die Entscheidungen trifft, doch in Wirklichkeit haben Mutter und Tochter alles ausbaldowert und geben ihm einfach nur ein gutes Gefühl, um ihre Agenda durchzusetzen. Solche Mechanismen gibt es überall, natürlich auch in muslimischen Familien. Wenn Frauen in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung treten, heißt das noch lange nicht, dass sie keinen Einfluss haben. </em></p>
<p><em>Hier machen wir aber auch ein neues Fass auf, gerade beim Thema Kopftuch, das manche junge muslimische Frauen als Identitätsmarker setzen. </em><a href="https://www.deutschlandfunk.de/es-gibt-keinen-zwang-im-glauben-eine-aussteigerin-aus-dem-orthod-islam-erzaehlt-dlf-515c9119-100.html"><em>Für den Deutschlandfunk habe ich hierzu ein Feature gemacht</em></a><em> (veröffentlicht am 1. Februar 2023)</em><em>. Es handelt sich um Ayla Işik (das ist ein Pseudonym), deren Buch </em><a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/ayla-isik-behauptet-9783462001976"><em>„BeHauptet“</em></a><em> 2022 bei KiWi erschienen ist, Titel meines Features: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“. Ayla Işik beschreibt im Detail das Drama, das es für sie bedeutete, das Kopftuch abzulegen. Mit elf Jahren hatte sie sich entschieden, ein Kopftuch zu tragen. Sie kam aus einer Art Funktionärsfamilie, ihr Großvater gehörte zu den Gründern von Millî Görüş, einer Organisation mit großer Nähe zu den Muslimbrüdern. Sie trug das Kopftuch mit großem Eifer, sie reiste nach Mekka, missionierte, übernahm Gruppenleitungen, um junge Frauen auf den „rechten Weg“ zu bringen. Erst im Laufe der Zeit, als sie das dritte Kind bekam, mit einem Ehemann palästinensischer Herkunft, und immer ausschließlicher in die in dieser konservativen Familie einer Frau zugedachten Rolle hineingedrängt wurde, als Erfüllerin, als Ehefrau, als Schwiegertochter, als Mutter, als Frau, die ihrem Mann untertan ist, merkte sie, was mit ihr geschah. </em></p>
<p><em>Irgendwie begann sie darunter zu leiden, stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie sich ihrer Rollen entzog, stellte kritische Fragen. Dazu gehörte auch die Frage, was geschehe, wenn sie das Kopftuch auszöge. Zuerst jedoch zog ihre Mutter das Kopftuch aus, belegte Tanzkurse, trennte sich von ihrem Mann. Ayla fand dies zunächst falsch, bevor sie ihr auf diesem Wege folgte. Zunächst machte sie ihrer Mutter die Vorwürfe, die sie hörte, als sie begann, kritische Fragen zu stellen. Und als sie dann ihrer Mutter folgte, flog ihr das gesamte Leben um die Ohren. Dieses innere und äußere Drama beschreibt sie in dem Buch, darüber spricht sie in dem genannten Feature. Sie brauchte insgesamt etwa zehn Jahre, um sich zu befreien, das Kopftuch endgültig abzulegen und sich auch von ihrem Ehemann zu trennen. Freiheit – so sagte sie – gebe es nur, wenn es eine Auswahl gebe. Eine solche Freiheit gebe es innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft und Familie ihrer Meinung nach jedoch nicht. Dabei will sie niemanden persönlich angreifen. Sie ist auch nicht aus dem Islam „ausgestiegen“, nur aus dieser rigiden Form. Sie versucht ihr Umfeld an den Kern des Islams zu erinnern: Barmherzigkeit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch ich halte ich es für wichtig, Verallgemeinerungen vorzubeugen. Damit durch die Lebensgeschichte von Ayla Işik nicht antimuslimische Klischees getriggert werden. Vielleicht sollten wir uns ähnliche Erfahrungen in christlichen Familien anschauen. Im Kölner Katholizismus habe ich als Kind in den 1960er Jahren durchaus Ähnliches erlebt. Das war durchaus ein zentraler Grund für manche Verhaltensweisen in der 1968er-Bewegung.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Ich erinnere mich an meine eigene baptistische Herkunft. Das besondere Signum ist die bewusste eigene Entscheidung einer erwachsenen Person, sich taufen zu lassen. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich die ganze Bibel in einem Jahr durchgelesen und mich bereit gefühlt, mich auch taufen zu lassen. Das Bild, das gezeichnet wurde, war, dass der alte Adam abgelegt wird und der neue Adam entsteht. Nach diesen geschürten Erwartungen war ich dann bei der Taufe eher enttäuscht: ich bin ins Wasser gestiegen und war danach noch immer noch „der alte“. Was ich sagen will: mit 14 Jahren war ich natürlich nicht in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen, ich war das Produkt der Erwartungen meines Umfelds. Ich habe dann zwar Vergleichende Religionswissenschaften studiert, also alle Weltreligionen, mit Ausnahme des Christentums. Und so auch den Weg da heraus gefunden. </em></p>
<h3><strong>Assimilation als Selbstaufgabe?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen von der erweiterten Familie. Dazu passt vielleicht ein Blick in Stadtteile, in denen bestimmte Gruppen wohnen, mitunter einzelne Mitglieder dieser Gruppen wegziehen, aber letztlich die Bevölkerungsstruktur stabil bleibt. Ich muss jetzt nicht die ewigen Beispiele „Neukölln“ oder „Wedding“ bemühen, mir geht es um die Frage, was geschieht, wenn sich ein solcher Stadtteil verändert. Das eine ist die in solchen Stadtteilen mit der Zeit durchaus feststellbare Gentrifizierung. Da gibt es dann nicht mehr all die Teestuben im Erdgeschoss, sondern Boutiquen und Latte-Macchiato-Cafés. Richard Sennett hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Der flexible Mensch“, dessen englischer Titel „The Corrosion of Character“ meines Erachtens viel besser passt, eine italienische Community in New York City beschrieben, die Bäckereien betrieb. Mit der Zeit zogen Großbäckereien ein, die italienischen Familienunternehmen verschwanden, auch die Italiener*innen, in den Großbäckereien gab es dann nur noch zwei Menschen, die tatsächlich backen konnten und nicht nur Maschinen bedienten. Beide waren Vietnamesen. Integrationspolitik, die auf Gentrifizierung setzt und sogenannte <em>„Parallelgesellschaften“</em> anprangert, macht auch viel kaputt und verhindert geradezu Integration.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Ich würde Ihnen recht geben. Eigentlich müsste man ja auch etwas an Identität anbieten, etwas, in das man hineinwachsen könnte. Es müsste positive Selbstbilder geben. Die Tatsache, dass jemand wie Erdoğan in der türkischen Community in Deutschland nach wie vor einen solch großen Einfluss genießt, hat natürlich auch damit zu tun, dass er immer noch Selbstbewusstsein über einen türkisch-chauvinistischen Nationalismus triggert. Andererseits aber auch, dass das Angebot, sich positiv mit Deutschem zu identifizieren, kaum existiert. Ich spreche nicht von einem falschen Nationalstolz – nach dem Motto „stolz, Deutscher zu sein“ –, sondern von Staatsbürgerschaft oder auch von vielen Dingen auf privater oder kultureller Ebene. </em></p>
<p><em>In dem Kontext erinnere ich mich an ein Buch von Alan M. Dershowitz: „The Vanishing American Jew“. Das Buch erschien 1998. Er warnt davor, dass sich Jüdinnen*Juden in den USA zu stark assimilierten und das Judentum mit der Zeit an Bedeutung verliere. Er hat die Sorge, man könne sich komplett in der Anpassung an das Land, in dem man lebt, verlieren. Diejenigen, die in Deutschland einer Assimilation das Wort reden, scheinen ja auch das zu erwarten, dass man das Eigene vollständig aufgibt. </em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite muss man sich natürlich auch fragen, was das Eigene sein soll. Ich vertrete die Ansicht, dass es keine kulturellen Container gibt. Kultur ist ein dynamisches Geschehen, verwandelt sich ständig. Viele Menschen, die in den 1960er Jahren aus Griechenland nach Deutschland kamen, hatten Eltern, die eine Generation zuvor noch in der Türkei als Pontos-Griechen am Schwarzen Meer gelebt haben und nach dem Vertrag von Lausanne im Jahr 1923 von dort gewaltsam nach Griechenland umgesiedelt worden sind. Man diskutiert, ob dies ein Völkermord war. Ich bin der Ansicht, es war ein Völkermord, denn es ging um die Auslöschung der griechischen Bevölkerung am Schwarzen Meer. Auch Türken wurden aus ihrer griechischen Heimat vertrieben. Diese Zwangsmigration wurde dann eine Generation später zu einer freiwilligen Arbeitsmigration aus Griechenland nach Deutschland – was wir heute eine Wirtschaftsflucht nennen. Aber auch das ist eben sehr existenziell. Man muss sich darüber im Klaren sein, was man alles an Kulturellem, an Vergangenheit, im Gepäck trägt. Das kann man nicht einfach kappen. </em></p>
<div id="attachment_2904" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2904" class="wp-image-2904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-400x226.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-768x433.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos-800x451.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Schwammtaucher_Kalymnos.jpg 940w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2904" class="wp-caption-text">Aus dem Film &#8222;Die letzten Schwammtaucher von Kalymnos&#8220;. © Agentur für geistige Gastarbeit.</p></div>
<p><em>Heute spricht man ja von Europäischer Ethnologie und Postkolonialismus. Ich frage mich manchmal, was hat man eigentlich aus der Zeit des Kolonialismus gelernt? Früher erforschten deutsche Ethnologen in Papua-Neuguinea die indigenen Kulturen. Man war entsetzt von deren Riten, sprach von Kannibalismus. Christliche Missionare haben versucht, dies den Menschen dort abzugewöhnen, indem sie es moralisch ächteten. Es passierte genau das, was Sie eben beschrieben haben. Zerstört wurde der gesamte kulturelle Kontext. Es gab Tötungen, es gab Einverleibungen, es gab „Liebeskannibalismus“, aber diese alle in einem kulturellen und rituellen Kontext. In dem Augenblick, als man das den Menschen in Papua-Neuguinea nahm, zerfielen die Gesellschaften vollständig. Dieses Thema habe ich in einem </em><a href="https://www.hoerspielundfeature.de/die-ethnographin-heike-behrend-wird-ethnografiert-die-100.html"><em>Feature über Heike Behrend</em></a><em> bearbeitet, die 2021 den Buchpreis der Leipziger Buchmesse bekam, Titel „Die Äffin bin ich“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie gehe ich denn dann mit solchen Kontexten um?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Man darf nicht mit einem falsch verstandenen Toleranzbegriff kapitulieren. Das muss ausgehandelt werden. Natürlich gibt es bestimmte Standards, keine Kinderheirat zum Beispiel. Der Begriff der Toleranz ist hier selbst interessant. Das ist nicht eine bloße Konsensmaschine oder Laisser-fair-Haltung, mit der man alles einfach laufen lässt. Ich denke, Toleranz ist das wichtigste Werkzeug das wir haben, um in der Einwanderungsgesellschaft sehr aktiv mit den vielen verschiedenen Lebensstilen, Erinnerungskulturen und „Gedächtnissen“ umzugehen. </em></p>
<h3><strong>Gegen die Leugnung von Problemlagen – raus aus den Verallgemeinerungen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Problematisch sind die Verallgemeinerungen: die sind alle so. Das triggerte nach der Sylvesternacht 2022/2023 der CDU-Vorsitzende wieder an, musste aber feststellen, dass ihm nicht mehr alle folgten, auch schon zuvor angesichts der Veränderungen in der Einwanderungsgesetzgebung merkte er dies, als ihm eine Gruppe um Armin Laschet und Serap Güler nicht folgte und nicht gegen diese Gesetzgebung stimmten.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Richtig, aber es gibt auch die anderen Stimmen, die aus der Erfahrung der Atmosphäre auf deutschen Schulhöfen sagen, dass wir hier tatsächlich ein Problem haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau an dieser Leugnung oder sagen wir fehlenden Aufmerksamkeit ist die schwedische Sozialdemokratie bei der letzten Wahl gescheitert, während die Schwedendemokratien mit ihrem harten Kurs gegen alle, die irgendwie ausländisch aussehen und von ihnen als Kriminelle gelesen wurden, profitierten.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <a href="https://www.mafaalani.de/"><em>Aladin El-Mafaalani</em></a><em> sagt, dass all das kein Zeichen von Misslingen von Integration sei, sondern ein Zeichen, dass sie gelinge, weil die Leute anfangen, ihre eigenen Ansprüche auf Teilhabe zu artikulieren. In der Talk-Show, in der Merz von den Paschas sprach, konterte El-Mafaalani, wir haben Probleme an den Schulen, aber es nützt nichts, mit dem Finger auf die Jugendlichen zu zeigen und zu sagen, das wäre <u>eben ihre Kultur</u> und hätten wir sie niemals hergeholt, hätten wir keine Probleme. Er sagte, das sind <u>unsere Kinder</u>, die Probleme machen und wir sollten gucken, was wir besser machen können. Unsere Kinder, wir, nicht die – das ist zentral. Alles andere ist anachronistisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sehe da schon eine etwas merkwürdige Debatte. Während die einen mehr Repression und Härte zur Lösung vorschlagen, glauben andere, es reiche, mehr Sozialarbeit zu etablieren. Beide Seiten sprechen von Allheilmitteln, ein Dialog über eine ausgewogene Bearbeitung der Problemlage fehlt. Vergessen wird auch, dass Migration und Migration nicht dasselbe ist. Es ist eben ein Unterschied, ob jemand aus Südeuropa, aus Nordafrika, aus Eritrea oder aus dem Iran kommt oder ob jemand Türke, Iraner oder Kurde ist.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Aber es bleibt dabei, dass Migrationsgeschichten immer mehr zum Normalfall werden. Deswegen meine ich, dass wir in den Migrationsdebatten nicht immer alten Reflexen erliegen dürfen, indem eine weiße Elite meint, allen anderen Vorschriften machen zu können, und die andere Seite ständig denkt, sie würden an den Rand gedrängt. Das ist falsch: wir sind diese Gesellschaft. Es ist aber immer noch ein Bewusstseinswandel nötig, dass das unsere Gesellschaft ist. Dann stellt sich bei all der Verschiedenheit natürlich die Frage, was die Gesellschaft zusammenhält. Da ist man schnell bei Diskussionen wie der Frage nach dem neuen „Wir“. Die Akzeptanz, dass wir ein Einwanderungsland sind, wirklich dieses Selbstverständnis zu entwickeln ist dabei zentral.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: John F. Kennedy sprach von einer „Nation of Immigrants“. Das wäre eine solche Erzählung, auch wenn man einräumen muss, dass die Schwarze Community in seinem gleichnamigen Buch, das 1964 von der Anti-Defamation League of B’nai B’rith veröffentlicht wurde, kaum vorkam. Aber auch das gehört zur Dynamik gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Wir können nicht leugnen, dass Menschen mit einer türkischen und Menschen mit einer armenischen oder kurdischen Geschichte in Deutschland leben, selbst wenn deren Erinnerungskulturen manchmal wie Feuer und Wasser sein können. Dasselbe gilt für Menschen aus Israel, aus Palästina. Natürlich ist da Druck auf dem Kessel, aber das muss ausgehandelt werden. Als Journalist oder als Storyteller sage ich, da ist auch viel zu erzählen, in Filmen, in Ausstellungen, auch in der Literatur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn ich mir die Namen von Autor*innen für diverse Buchpreise oder auch einfach nur von Neu-Veröffentlichungen vor allem in der Belletristik anschaue, würde ich sagen, dass gefühlt etwa 70 bis 80 Prozent in einer anderen Muttersprache aufgewachsen sind als sie jetzt schreiben.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Ich glaube, das hat etwas mit dem Erzählstoff zu tun. Da kommt sozusagen die ganze Welt</em> <em>plötzlich hier herein. Es sind die vielen Geschichten, die Autor*innen, die jetzt in Deutschland schreiben und veröffentlichen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein tolles Buch hat <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/fatma-aydemir/">Fatma Aydemir mit „Djinns“</a> geschrieben. Es stand 2022 auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, den ich der Autorin auch gegönnt hätte. Es ist eine Familiengeschichte von Einwanderern der Gastarbeitergeneration. Die Geschichte wird aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder erzählt. Dazu gehört, dass die kurdische Herkunft durchweg versteckt wurde, auch in Deutschland. Das passt meines Erachtens zum Thema Ihrer Doktorarbeit.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Das Familienepos ist die literarische Form, weil man gesellschaftliche Verhältnisse mit allen Umbrüchen über die Generationen hinweg erzählen kann. Das beginnt im Stetl und man ist auf einmal bei Henry Kissinger, auch wenn der nicht aus einem Stetl kommt, sondern aus Fürth. Es ist diese „Immigrant Fiction“, die es in den USA schon lange gab und dies es jetzt auch in Deutschland gibt. Eine Autorin, die endlich durchweg viel Anerkennung erfährt, ist </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emine_Sevgi_%C3%96zdamar"><em>Emine Sevgi Özdamar</em></a><em>. Sie erhielt zwar schon vor fast 30 Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis, veröffentlichte damals „Mutterzunge“ (Berlin, Rotbuchverlag, 1990), wurde aber dann mit dem Georg-Büchner-Preis 2022 geadelt. Der Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“ erschien 2020 bei Suhrkamp. Sie steht für viele solcher Autor*innen mit ihrer Geschichte. Das galt früher als Gastarbeiterliteratur. Inzwischen hat man begriffen: das ist eine Neue deutsche Literatur, eine Weltliteratur in deutscher Sprache. </em></p>
<h3><strong>Die Erzählung von Großen Austausch</strong></h3>
<div id="attachment_2896" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2896" class="wp-image-2896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-600x899.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Identitaere_Brandenburger_Tor.jpg 936w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-2896" class="wp-caption-text">Identitäre vor dem Brandenburger Tor © Agentur für geistige Gastarbeit</p></div>
<p><strong data-wp-editing="1">Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">Chimamanda Ngozi Adichie sprach von der Gefahr einer einzigen Geschichte</a>. Es gibt eben viele Geschichten. Sie nannten eben einmal den Begriff der <em>„Identifikationsangebote“</em>. <em>„Identität“</em> ist zurzeit ohnehin einer der wesentlichen Kampfbegriffe. Sie haben einen Film über das Identifikationsangebot der Neuen Rechten in Deutschland, Frankreich und Österreich gedreht: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=uqiIEHz-GYU&amp;t=1s">„Eine Reise zu der Neuen Rechten“</a>. Was ist das für ein Gefühl, mit diesen Leuten zu sprechen? Ich denke an eine Szene in dem Film, in der Götz Kubitschek davon spricht, dass er bei dem Wort <em>„Deutschland“</em> einen <em>„Zauber“</em> spüre. Da wird er ja richtig romantisch.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Sie werden lachen, ich kann das sogar verstehen. Ich bin ja auch ein Deutscher, der literarische Romantik gelesen hat und dafür ins Schwärmen geraten kann. Ich bin auch ein Schwärmer, ich bin auch ein Romantiker, warum denn auch nicht?! Ähnlich wie bei </em><a href="https://www.navidkermani.de/"><em>Navid Kermani</em></a><em>. Wir sind ja so deutsch, dass wir da mit hineingewachsen sind, uns hineingelesen und hineingeschrieben haben. Ich kann bei Kubitschek auch noch andocken, wenn er von der orthodoxen Spielart des Christentums schwärmt &#8211; schließlich bin ich das Kind eines Griechen. Solche Geschichten verlaufen eben immer ziemlich unorthodox. In seinem Buch „Bewältigung“ hat sich Feridun Zaimoglou mit Hitler auseinandergesetzt. Im Romanverlauf wird der Erzähler regelrecht von Hitler „besessen“ &#8211; wie von einem Dibbuk, könnte man sagen. Wer will jetzt behaupten, dass das nicht unsere Geschichte ist, dass das nicht unsere Dämonen sind, die wir da beschwören? </em></p>
<p><em>Wo bei Kubitschek die rote Linie dessen erreicht wird, was nicht mehr tolerierbar ist (frei nach Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“): wenn wir vor seinem Gehöft, diesem Rittergut in Schnellroda, stehen, und er dann im Feldherrengestus davon fabuliert, dass diese Migranten, die – wie in Giorgio Agambens Buch Homo Sacer beschrieben – weitgehend nackt, mit fast nichts am Leib, im Schlauchboot über das Mittelmeer gekommen sind, eine feindliche <u>Invasionsarmee</u> wären, der es sich zu erwehren gelte &#8211; da sieht man, wie abgrundtief menschenverachtend dieser böse Blick der Neuen Rechten eigentlich ist. Kubitschek liest sicher auch interessante Bücher. Man kann sich sicherlich lange mit ihm über Ernst Jünger und Martin Heidegger unterhalten. Übrigens war das auch Feridun Zaimoğlus Jugendlektüre, und meine. Aber wie es bei Willim Blake heißt: „</em><em>Both read the Bible day and night, but thou read black where I read white.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die erste Beschreibung eines Konzentrationslagers in der deutschen Literaturgeschichte finden wir bei Ernst Jünger in „Auf den Marmorklippen“. Ganz einfach zu entschlüsseln. Das Buch erschien 1939! Das nur am Rande, aber er schrieb natürlich auch „Unter Stahlgewittern“ und „Der Arbeiter“. Aber was macht der Schwabe Kubitschek – man hört es sehr deutlich – in Schnellroda?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Kubitschek hat mir gesagt, dass er in den Osten übergesiedelt ist, weil man auf den Straßen im Westen eigentlich kein deutsches Gesicht mehr sehe. In unserem Film haben wir dann eine Großaufnahme von mir gezeigt, damit sich der Zuschauer vielleicht selbst einmal fragt, wie sieht denn noch mal gleich ein deutsches Gesicht aus? An der Stelle schließt sich jemand selbst ins Aus.</em></p>
<p><em>Andererseits muss man ihn ernst nehmen: er ist ein sehr erfolgreicher Netzwerker, in der Identitären Bewegung, der neurechten Bewegung von PEGIDA, wo er des Öfteren als Redner aufgetreten ist, bis zu den Querdenkern. Der Mann ist ein Strippenzieher, er arbeitet kontinuierlich, sieht sich als Revolutionär. Als Leute in den Bundestag eindringen wollten, da habe ich auch an ihn denken müssen: Er rüstet diese Leute mit der dazugehörigen geistigen Munition aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Leute, die er anspricht, sind meines Erachtens aber auch noch einmal andere als die, die ein Martin Sellner anspricht. Die Identitäre Bewegung ist im Grunde eine Jugendbewegung, auch eigentlich nichts Neues. Ich erinnere mich an eine Demonstration in Beuel, dem Bonner Stadtteil, in dem ich lebe, in dem einmal an einem 1. Mai vor einigen Jahren die Autonomen Nationalisten demonstrierten. Diese Gruppierung unterschied sich im Aussehen in so gut wie nichts von linksextremistischen Autonomen, verhielten sich auch nicht anders, traten als eine Art Schwarzer Block auf.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Die Identitären sind in der Tat kaum von Hipstern und anderen Jugendkulturen zu unterscheiden. Deshalb nennen wir sie ja auch ganz zu recht Nipster – Nazi-Hipster. Sie agieren auch oft über Anklänge an die Pop-Kultur. Wenn es um einen Film wie „Avatar“ geht, identifizieren sie sich mit diesen blauen Katzenmenschen, den indigenen Völkern, die von den Europäern und den Amerikanern überrollt werden. Darüber habe ich mal in „Jungle World“ unter dem Titel </em><a href="https://jungle.world/artikel/2017/06/rechtsextremismus-der-zukunft"><em>„Rechtsextremismus der Zukunft“</em></a><em> geschrieben.</em></p>
<p><em>Identitäre sind sogar so frech, eine Täter- Opfer Umkehr zu versuchen und sich einen antiimperialistischen Anstrich zu geben. Sie identifizieren sich auch mit Indigenen aus den USA, die die feindlichen Invasoren an Land gelassen hätten und in ihrem eigenen Land an die Wand gedrängt worden wären. Genau das drohe in Europa den Weißen, die von den Menschen aus Afrika oder Asien überschwemmt würden. Das ist die große Verschwörungstheorie des „großen Bevölkerungsaustauschs“. Vollständig absurd wird die, wenn behauptet wird, dass Leute im Hintergrund, wie George Soros und andere, diesen Austausch organisieren. Das Geld, das in Flüchtlingsorganisationen gesteckt werde, belege dies: Soros finanziere einen professionellen Schlepperdienst. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mit Renaud Camus gesprochen, der den Begriff des <em>„Großen Austauschs“</em>, des <em>„grand remplacement“</em> geprägt hat. Sie haben mit Jacques Labruyère gesprochen, der seine Mädchen-Band „Les Brigandes“ im Grunde wie eine Sekte organisiert. Was sind das für Leute?</p>
<div id="attachment_2897" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2897" class="wp-image-2897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes-300x197.jpg" alt="" width="300" height="197" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes-200x131.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes-300x197.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes-400x263.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes-600x394.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/Unter-Fremden-Brigandes.jpg 610w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2897" class="wp-caption-text">Screenshot aus dem Film &#8222;Unter Fremden&#8220;. Manuel Gogos im Gespräch mit Jacques Labruyère und einer Sängerin von &#8222;Les Brigandes&#8220;. © Agentur für geistige Gastarbeit</p></div>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Eigentlich sind Reaktionäre interessante Typen. Renaud Camus wohnt in einem Schlösschen, hat eine illustre Geschichte, war mit Andy Warhol befreundet, ist so eine Art französischer Dandy. Irgendwann hätten ihn einmal arabische Jugendliche vom Bürgersteig heruntergeschubst, so zumindest erzählt er seine Story, da habe er angefangen nachzudenken, ob er jetzt nicht das Opfer wäre. Das war so eine Art Erweckungserlebnis, das ihn angeblich motiviert habe, sich zu wehren. Und dann erfand er den theoretischen Überbau dazu, man müsse sich wehren, weil einem das Existenzrecht abgesprochen würde. Die französischen Kolonisatoren in Nordafrika seien eigentlich harmlos gewesen im Vergleich zu den arabischstämmigen Kolonisatoren, die jetzt in den französischen Städten ihr Unwesen trieben. (Ein ähnliches Narrativ bedient der Identitäre Martin Lichtmesz übrigens auch zu den Türken, die einstmals vor Wien zurückgeschlagen worden seien, sich aber heute per feindlicher Übernahme Berlin angeeignet hätten) </em></p>
<p><em>Renaud Camus behauptet, dass diejenigen, die aus dem Süden jetzt nach Europa kommen, kulturlose, marodierende, räuberische Banden wären, die einem Mann von Kultur – der er auch tatsächlich ist – das Existenzrecht absprechen. Damit stellt er natürlich die Geschichte des Kolonialismus vollständig auf den Kopf.</em></p>
<h3><strong>Gefährliche Aussichten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Frankreich ist Renaud Camus mit einer solchen Auffassung ja auch nicht allein. Nicolas Sarkozy hat als Präsident dafür gesorgt, dass in den Schulbüchern die zivilisatorische Leistung des Kolonialismus hervorgehoben wird. Sie verwenden in Ihrem Film den Begriff <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mainstreamkompatibel/"><em>„mainstreamkompatibel“</em></a>.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Dazu kommen Sarkozys Äußerungen über bestimmte Stadtteile, die er mit dem Hochdruckreiniger – le kärcher – säubern wollte. Mit Marine Le Pen gibt es eine sehr ernst zu nehmende rechtsextreme Kraft, die schon fast mehrheitsfähig ist. Die Identitäre Bewegung ist in Frankreich schon seit 20 Jahren unterwegs. Einige haben inzwischen den Marsch durch die Institutionen geschafft, sind zu Redeschreiber*innen, Politikberater*innen im Umfeld des Rassemblement National geworden. Im Grunde haben sie sich, könnte man sagen, „zu Tode gesiegt“.</em></p>
<p><em>Etwas Ähnliches ist in Deutschland passiert. Zwar ist die AfD nicht so stark ist wie der Rassemblement National, aber in einigen Regionen droht die Partei durchaus die 30-Prozent-Hürde zu schaffen. Hier geht die Saat auf, die Kubitschek, Sellner und andere Aktivist*innen der Neuen Rechten gesät haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und sind offenbar anschlussfähig für bürgerliche Milieus. Die Bielefelder Mitte-Studie und die Leipziger Autoritarismus-Studie belegen seit mehreren Jahren kontinuierlich, dass es zwar einen nur sehr kleinen Anteil von Menschen mit geschlossenem rechtsextremem Weltbild gibt, andererseits aber einige rechtsextrem belegte Ansichten, gerade gegenüber Sinti und Roma, gegenüber Muslim*innen, aber auch gegenüber Jüdinnen*Juden Zustimmungswerte zwischen 40 und 60 Prozent bekommen. Ein besonders kritisches Beispiel ist die dänische Sozialdemokratie, die es geschafft hat, die Rechte zu marginalisieren, weil sie deren fremdenfeindliche Agenda übernommen hat, Familien von Zu- und Eingewanderten auseinanderreißen, die Menschen auf Inseln unterbringen, rigoros abschieben. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür. Durch welche Tür kommt er denn jetzt?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Wir leben natürlich in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird. Es gibt bei vielen Menschen Ängste, Abstiegssorgen usw., jede*r kämpft um seine Pfründe, fühlt sich bedroht. Da bietet es sich natürlich wieder an, nach Verantwortlichen zu suchen. Die Sündenbock-Suche ist dann attraktiv, gegen Fremde, Migrant*innen, gegen Juden*Jüdinnen und Muslim*innen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf der anderen Seite haben wir diesen großen Mangel an Fachkräften. Ganze Wirtschaftszweige werden inzwischen fast ausschließlich von ausländischen Fachkräften am Leben gehalten, in der Landwirtschaft, in der Bauindustrie, im Pflegesektor. Andererseits verharren viel zu viele Menschen im Zwischenreich der Duldungen, viele von ihnen bestens ausgebildet und bereit, hier in Deutschland zu leben und zu arbeiten.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Das war in der Zeit der Anwerbeabkommen für die erste Gastarbeiter-Generation aber nicht anders, Wirtschafts- und Arbeitsministerium waren dafür, das Innenministerium jedoch befürchtete, dass da fremde Elemente kommen, kommunistische Elemente ins Land kommen könnten. In Italien und Griechenland gab es starke linke Traditionen. Jemand wie Helmut Schmidt hat sich in den letzten Jahren noch dazu verstiegen, es als einen Fehler zu bezeichnen, all diese Menschen ins Land zu holen. Das sagte ein Mann, der als das moralische Gewissen Deutschlands angesehen wurde. Da sagte er nichts anderes als die Identitären, die gerne hätten, dass man die Geschichte der letzten 50 Jahre einfach zurückdrehte.  </em></p>
<p><em>Identitäre haben einmal eine Aktion an der türkischen Botschaft in Wien gemacht und dort ein Transparent hingehängt: „Erdogan hol deine Türken hoa“. Das heißt eigentlich: mach die Geschichte der Einwanderung, der Niederlassung rückgängig. Ich habe die Leute dann vor der Kamera gefragt, wie sie sich das konkret vorstellen. Werden dann Züge vorgefahren, werden die Leute dann da eingeladen, denn die werden ja nicht freiwillig gehen. Führt das also nicht zwangsläufig zu Deportationen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Höcke sprach auch davon, dass es <em>„unschöne Szenen“</em> geben werde.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Darauf läuft es hinaus. Dann wissen die Brüder auch nicht mehr was sie sagen sollen. Sie sind in der Öffentlichkeitsarbeit bewandert, sie wissen, dass es nicht opportun ist, so etwas dann auch zu sagen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Außer Menschen wie uns fragt die das aber niemand, sodass die Umsetzung der Forderungen im Nebel bleiben kann. Vielleicht ist die Umsetzung ebenso wie die Verkündung der Umsetzung nur eine Frage des Zeitpunkts. <em> </em></p>
<p>In den USA gibt es die Threepercenters, in Deutschland die Ein-Prozent-Bewegung, hinter der auch Kubitschek und Sellner stecken. Vielleicht noch ein Wort zu Frankreich. Ich denke an die großen Demonstrationen gegen die Ehe für alle. So etwas würde es in diesem Ausmaß in Deutschland nicht geben. Ist Frankreich gefährdeter als Deutschland?</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Didier Eribon hat in seiner „Rückkehr nach Reims“ beschrieben, dass diejenigen, die vorher kommunistisch gewählt haben, jetzt in der Rechten eine neue Heimat finden. Die Rechte ist zum neuen Hoffnungsträger der Deklassierten geworden. Darum ist es durchaus denkbar, dass sich in Frankreich die Dinge wie in Italien entwickeln. </em></p>
<p><em>Wir haben vor einigen Jahren im Auftrag von Arte einen Film gemacht, wie die Demokratien heute durch Rechtspopulist*innen unter Druck geraten, wie zerbrechlich sie sich heute erweisen und dass sie durch einen Mangel an Vertrauen auch „sterben“ können. Es gibt natürlich auch starke Erzählungen der Demokratie, von Menschen, die buchstäblich alles riskieren, um für mehr Partizipation zu sorgen. </em></p>
<p><em>Und die politische Landschaft ist natürlich auch komplexer geworden. Im Film hatten wir einen Strang zu den „Gelbwesten“. Bei denen ist ja eigentlich gar nicht so klar, gegen wen die eigentlich aufstehen. Sicherlich gegen bestimmte Eliten, sicherlich gegen Zentralismus, gegen Paris, ähnlich wie das manchmal aus einer eher ostdeutschen Peripherie gegenüber einer angeblich abgehobenen Machtzentrale Berlin behauptet wird. </em></p>
<p><em>So mischt sich etwas Urdemokratisches, Basisdemokratisches, etwas „Linkes“ &#8211; wie wir es vor etwa zehn Jahren bei „Occupy“ gesehen haben &#8211; heute mit etwas Rechtem. Etwas Ähnliches in Deutschland war die Querdenkerbewegung. Über die „komplizierte Freundschaft zwischen einer Linksdenkerin und einer Querdenkerin“, Stichworte: </em><a href="https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/zwiespalt-und-zwiesprache-die-komplizierte-freundschaft-zwischen-einer-linksdenkerin-und-einer-querdenkerin-swr2-feature-2022-09-23-100.html"><em>„Zwiespalt und Zwiesprache“</em></a><em>, habe ich im September 2022 ein Feature im Südwestdeutschen Rundfunk veröffentlicht.</em></p>
<p><em>Und ähnliche Debatten erleben wir zurzeit wieder rund um den Ukraine-Krieg. Der nächste Zankapfel wird die Klimakrise, die einen mit einem apokalyptischen Unterton, andere reden von Hysterie. Da stellt sich dann auch die Frage, woher eigentlich dieses Ressentiment kommt, dass den Aktivist*innen der Letzten Generation entgegengebracht wird. Dieser Schaum vor dem Mund.  Das können die ja selbst gar nicht verursacht haben.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.zeit.de/2022/40/rechtspopulismus-frauen-giorgia-meloni-marine-le-pen/komplettansicht">Thea Dorn hat in der ZEIT eine ganz interessante Analyse über Marine Le Pen und Giorgia Meloni veröffentlicht</a>. Beide seien für viele Wähler*innen attraktiv, weil sie das Bild der Löwenmutter erfüllten. Die Mutter, die alles tut, um ihre Jungen zu schützen, zu verteidigen, wäre ein Gegenbild zu den chauvinistisch und maskulinistisch auftretenden Führern, die wir sonst von rechten Parteien kennen. Da sind wir wieder bei der Familienaufstellung.</p>
<p><strong>Manuel Gogos</strong>: <em>Vielleicht noch diese Ergänzung zu der Familiengeschichte. Mein Beitrag ist eben die Geschichte, dass mein deutscher Großvater, der Vater meiner Mutter, Wehrmachtssoldat gewesen ist, an der Ostfront, bis 1949 in russischer Kriegsgefangenschaft. Mein Vater kam 1960 nach Deutschland als Gastarbeiter, arbeitete kurze Zeit in der Automobil-Zulieferindustrie, einem Färberbetrieb, in beiden mit sehr schlechter Ausrüstung, die ihn auch gesundheitlich belastete. Dann arbeitete er in einem Reprografie-Betrieb, in dem. er meine Mutter kennenlernte. </em></p>
<div id="attachment_2898" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2898" class="wp-image-2898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-300x205.jpg" alt="" width="300" height="205" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-200x137.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-300x205.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-400x274.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-600x411.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-768x526.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-800x548.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-1024x701.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003-1200x822.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/02/1-Grossvaeter-003.jpg 1276w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2898" class="wp-caption-text">Die schlafenden Großväter von Manuel Gogos. Foto: privat</p></div>
<p><em>In unserem Familienalbum gibt es ein Foto, da liegen zwei ältere Herren, meine beiden Großväter Erich und Jorgos in ihren altmodischen Anzügen im Schatten eines Olivenhains in Griechenland. Beide schlafen. Die Geschichte der deutschen Wehrmachtssoldaten ist uns in Griechenland sehr präsent. Die Geschichte der Griechen, Italiener, Spanier, Türken, die in den 1960er Jahren und danach ins Land kamen, die sind uns noch nicht gegenwärtig genug. Mein griechischer Großvater hatte bei Nacht Getreide geschmuggelt, wurde von der deutschen Besatzung erwischt, fast zu Tode geschlagen. Jetzt könnte man denken, man ist Täter oder man ist Opfer der Geschichte. Meine Theorie ist, dass das längst nicht mehr stimmt, weil sich zum Beispiel. in meiner Familiengeschichte diese Erzählfäden längst miteinander verschränken. Und das ist keine Ausnahmeerscheinung mehr, diese Familiengeschichte, dieser „Familienroman“. Das ist für unsere Gesamtgesellschaft eigentlich die neue Realität. Alle Diskussionen um Wir und die Anderen, von den Paschas und was auch immer, die sind eigentlich obsolet.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2023, Internetzugriffe zuletzt am 6. Februar 2023, Titelbild aus der Ausstellung &#8222;Die Griechen von Kettwig&#8220; © Agentur für geistige Gastarbeit.)<em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Russischer Messianismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jan 2023 09:48:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Russischer Messianismus Ein paar Gedanken zum Faschismus-Begriff im Krieg um die Ukraine Die Welt des Wladimir Wladimirowitsch müssten wir inzwischen eigentlich kennen und doch sind wir immer wieder überrascht. In einer Rede vom 9. Juni 2022 zum 350. Geburtstag von Peter dem Großen – Opernfreunde erinnern sich an den lernbegierigen „Zar und Zimmermann“ von  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Russischer Messianismus</strong></h1>
<h2><strong>Ein paar Gedanken zum Faschismus-Begriff im Krieg um die Ukraine</strong></h2>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-welt-des-wladimir-wladimirowitsch/">Die Welt des Wladimir Wladimirowitsch</a> müssten wir inzwischen eigentlich kennen und doch sind wir immer wieder überrascht. In einer Rede vom 9. Juni 2022 zum 350. Geburtstag von Peter dem Großen – Opernfreunde erinnern sich an den lernbegierigen „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing, vom Westen lernen hieß damals offenbar siegen lernen – verglich er sich mit diesem Zaren so wie er sich auch schon mit anderen Zaren, allen voran Katharina der Großen verglichen hatte. Seine Botschaft: das russische Reich – <em>„Russki Mir“</em> – ist ein Land, das alle Regionen, Länder und Staaten umfasst, die zu irgendeiner Zeit einmal unter russischer Herrschaft gestanden haben. In diversen Kommentaren wurden die baltischen Staaten, Polen und Finnland genannt, aber der Kreis des Russischen Reichs, das Putin wieder <em>„zurückholen“</em> möchte, ließe sich auch weiterziehen. In dem Gebiet der ehemaligen DDR waren immerhin einmal 600.000 russische Soldat*innen stationiert. Putin sprach in pathetischen Metaphern, es wäre <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/kremlchef-will-gebiete-zurueckholen-und-staerken-putins-vergleich-mit-zar-peter-laesst-balten-polen-finnen-zittern/28415214.html"><em>„unser Los: Zurückzuholen und zu stärken“</em>.</a> Russland – das ist ein Land mythischer Größe Schicksal eben, seine Mission, Vladimir Vladimirowitsch Putin als der Messias des <em>„Russki Mir“</em>.</p>
<p>Es gibt eine Menge an Staatspräsident*innen und Regierungschef*innen, die Putin für Wiedergänger Karls XII. halten könnte, dessen Niederlage gegen das russische Zarenreich im Großen Nordischen Krieg den Anfang vom Ende des schwedischen Reichs als europäischer Großmacht einleitete. Die Liste reicht von den Staatschef*innen der baltischen Staaten, Finnlands und Polens über den deutschen Bundeskanzler, den französischen Staatspräsidenten, die Präsidentin der Europäischen Kommission bis zum US-Präsidenten. Zumindest scheint in Putins Weltbild die NATO die Rolle der Schweden vor 300 Jahren zu spielen. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckt sich seine Weltmachtfantasie. Die Annexion der Krim löscht die Schmach der Niederlage Alexander II. aus und nimmt das Geschenk des Nikita Sergejewitsch Chruschtschow zurück. Am Pazifik liegt das neue russische Reich ja schon, Alexander Dugin würde im Westen sicherlich den Atlantik hinzufügen, das wären dann vier Meere, im Westen, im Norden, im Süden und im Osten, auf dem vereinigten eurasischen Kontinent. Ich denke, diese Vision dürfte Putin gefallen, nur hat er das noch nicht gesagt, noch nicht.</p>
<p>Wie wäre, wenn vielleicht Österreich als Rechtsnachfolge Kakaniens, Schweden, Deutschland ebenfalls solche Ansprüche erhöben? Zwei mehr oder weniger europäische Präsidenten deuten solche Ansprüche an, Victor Orbán mit der Hoffnung so etwas wie die Revision des Vertrags von Trianon, Recep Tayyip Erdoğan bezogen auf den Vertrag von Lausanne. Auch diesen beiden Staatschefs ist die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Ordnung der Welt ein Dorn im nationalistischen Auge.</p>
<p>Und was wäre mit den großen Weltreichen der Kolonialmächte? Ergebnis des Zweiten Weltkriegs war nicht nur der Zusammenbruch des Deutschen Reiches, sondern – mit diversen Verzögerungen – auch die Auflösung der Kolonialreiche Großbritanniens und Frankreichs. Die Auflösung der Kolonialreiche Belgiens, der Niederlande, Italiens, Portugals und Spaniens ist eine andere Geschichte, belegt allerdings ebenfalls den Trend. Die heutige Russische Föderation als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion und des Zarenreichs ist im Grunde das einzige verbliebene Kolonialreich und so ließe sich Putins Krieg auch als Kolonialkrieg verstehen, in dem Völker um ihre Unabhängigkeit fürchten und kämpfen müssen. China nenne ich hier nicht, das ist eine andere Geschichte. Putin bewegt sich in europäischen Begriffswelten.</p>
<p>Letztlich wird meines Erachtens viel zu wenig betont, dass es ein Völkerrecht gibt, das die Unverletzbarkeit von Grenzen garantiert und damit Rückholkriege kategorisch ausschließt. In der öffentlichen Debatte jedoch erleben wir etwas, das in der Sprache diverser publikumsträchtiger Kampfsportarten Trash Talk genannt werden müsste. Zu diesem Trash Talk gehört, dass sich die kämpfenden Parteien gegenseitig als faschistisch beschimpfen.</p>
<p>Das hat Tradition und Methode: wer seine Gegner*innen ultimativ brandmarken möchte, nennt sie eben Faschisten. Putin behauptet, er müsse die Ukraine von Nazis befreien, im Gegenzug bezeichnen ihn seine Gegner*innen als Faschisten, so der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder. In einem Podcast der Serie „Der zweite Gedanke“ des RBB widersprachen im Gespräch mit Natascha Freundel die beiden <a href="https://rbbmediapmdp-a.akamaihd.net/content/26/c6/26c68945-a7f3-4cb9-8ac1-873404998f9a/99e81000-f245-4b88-961e-d22ab370fd57_8ccb8bcc-8a73-43e4-8efa-e52d5c732d96.mp3">Osteuropa-Historiker*innen Katja Makhotina und Grzegorz Rossoliński-Liebe</a>. Aus historischer Sicht könne man Putin nicht als Faschisten bezeichnen. Man sollte Timothy Snyder zugutehalten, dass sein Faschismusbegriff sich von dem in Europa verwendeten Begriff unterscheidet, ebenso wie der Begriff, den Madeleine Albright sel.A. in ihrem 2018 erschienenen Buch „Fascism – A Warning“ verwendete. Dieser amerikanische Faschismusbegriff ließe sich aus meiner Sicht eher mit dem Begriff des Totalitarismus fassen und in der Tat gibt es in den von Timothy Snyder und Madeleine Albright analysierten Staaten eine eindeutige Tendenz, autoritäre in totalitäre Machtstrukturen zu überführen.</p>
<p>Faschismus ist die Ideologie von Parteien und Bewegungen einer bestimmten historischen Epoche, insbesondere Italien und Deutschland von den 1920er bis zur ersten Hälfte der 1940er Jahre. Einzelne Merkmale des Faschismus ließen sich sicherlich auch bei Putin feststellen, doch trägt der Begriff nicht zur Problemlösung bei. Aus deutscher Sicht hat der Vorwurf des Faschismus an Putin ohnehin einen reichlich unangenehmen Beigeschmack. Wenn er der Wiedergänger des Faschismus ist, muss man sich möglicherweise mit der eigenen faschistisch-nationalsozialistischen Geschichte nicht mehr näher befassen und auch die 27 Millionen Toten der damaligen Sowjetunion spielen weiterhin keine Rolle in der deutschen Erinnerungskultur.</p>
<p><a href="https://ruthbenghiat.com/about/">Ruth Ben-Ghiat</a> schrieb den Beitrag zum Begriff „Faschismus“ in dem von David Ranan herausgegebenen Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-manichaeer/">„Sprachgewalt“ (Bonn, Dietz, 2021)</a>: <em>„Faschismus – dieses Substantiv, das ein diktatorisches politisches System bezeichnet, trägt das ganze Gewicht dieser furchtbaren Geschichte, und doch fehlte es dem Begriff an Präzision. Historiker und Sozialwissenschaftler konnten sich nicht darauf einigen, wer oder was faschistisch war.“</em> Politiker*innen ebenso. Ruth Ben-Ghiat, Professorin für Geschichte und italienische Studien an der New York University, analysiert mehrere Anwendungen des Faschismusbegriffs, darunter den von Stalin für die Sozialdemokratie implementierten Begriff des <em>„Sozialfaschismus“</em>, den Trotzki für <em>„kurzsichtig“</em> erachtete. Es ging um Diffamierung des Gegners, um nicht mehr oder weniger als politischen Trash-Talk. Im <em>„Faschismus“</em> träfen sich <em>„Nationalismus und Sozialismus“</em>, die zu einer totalitären Ideologie und Praxis würden. Das bekannte Ergebnis: <em>„Massenmord“</em>.</p>
<p>Es macht letztlich keinen Unterschied, aus welchen ideologischen Gründen Putin die Ukraine angriff. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, darin ändert der Kampfbegriff <em>„Faschismus“</em> nichts, er verhindert jedoch eine rationale Auseinandersetzung, wie sie erforderlich wäre, um die anmaßenden schein-historischen Verweise Putins zu widerlegen. Die historische Mission, an die offenbar Putin glaubt und alle Russ*innen – wo auch immer in der Welt sie sich aufhalten – glauben lassen möchte, ist eine imperialistische Mission. Nation und Imperium – so <a href="https://rotary.de/gesellschaft/das-ewige-imperium-a-20182.html">Katja Makhotina in ihrem kurzen Essay „Das ewige Imperium“</a> vom 1. Juni 2022 – sind zwei Seiten einer Medaille, untrennbar miteinander verbunden. Letztlich tut Putin das, was Carl Schmitt schreibt: er bestimmt über den Ausnahmezustand, er ist Souverän, EU und NATO lassen sich treiben, mit gelegentlichen aktiven Phasen, die aber immer wieder auch relativiert werden, sei es durch einzelne Mitglieder wie Ungarn und der Türkei, sei es durch die Relativierung von Ankündigungen.</p>
<p>Eine wertegeleitete Außenpolitik wie sie Annalena Baerbock und andere Außenminister*innen und Staatschef*innen in der Europäischen Union und in der NATO für sich in Anspruch nehmen ist auch eine anti-imperialistische Außenpolitik. Sie respektiert das Völkerrecht und damit staatliche Grenzen unabhängig von den persönlichen Geschichten und Nationalitäten der Menschen, die in diesen Grenzen leben. Das Gift unserer Zeit heißt Nationalismus, es ist im Fall Putin ein aus nationalistischen Motiven gespeister Imperialismus. Deshalb lässt sich Putins Krieg mit Recht als imperialistischer Kolonialkrieg bezeichnen. Die Art und Weise, wie Putin aus der Ukraine Menschen verschleppen, Weizen und Kunstschätze nach Russland transportieren lässt, belegt neben den großen Tönen seiner Reden diese These. Nach seiner Rede vom 9. Mai beruhigten sich die westlichen Gemüter und es gab wieder die bekannten ewig langen Telefonate von Olaf Scholz und Emmanuel Macron mit Putin, die ebenso wie Joe Biden von Gesichtswahrung des russischen Präsidenten, wahlweise des russischen Volkes schwadronierten, zu Lasten der Ukraine. Putins Rede vom 9. Juni jedoch konnte klarer nicht sein und sollte eigentlich auch Gegenstand politischer Reaktionen sein. Eigentlich. Putin als Faschisten zu bezeichnen, ist wohlfeil. Es ist auch völlig irrelevant, ob er nun Faschist oder Kommunist ist – selbst das scheinen manche Altlinke noch zu glauben und verteidigen ihn deshalb. Er ist und bleibt Nationalist und Imperialist und vor allem ist er davon überzeugt, dass er so etwas ist wie ein russischer Messias. Den Segen des Patriarchen Kyrill hat er ja. Wie christlich Putin in seiner Zeit beim KGB in Dresden war, ahnen wir nur.</p>
<p>Putins Rhetorik ist höchstgefährlich, weil sie Russ*innen ein Gefühl geben könnte, Teil von etwas Großem zu sein, das größer ist als ihr eigenes Schicksal. Putin hat es in der Hand, ein nach Analyse vieler Expert*innen weitgehend apolitisches Volk zu politisieren. Hier erlaube ich mir einen Vergleich, der – das muss ich sagen – keine Gleichsetzung ist, aber doch verdächtig nahe an einer möglichen späteren historischen Analyse liegen könnte. Ich zitiere ein Buch, das viele zitieren, aber nur wenige tatsächlich von Anfang bis Ende gelesen haben dürften, Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem – A Report on the Banality of Evil<em>“: „It is noteworthy however, that Himmler hardly ever attempted to justifiy in ideological terms, and if he did, it was apparently quickly forgotten. </em><em>What stuck in the minds of these men who had become murderers was simply the notion of being involved in something historic, grandiose, unique (‘a great task that occurs once in two thousand years’), which must therefore be difficult to bear. This was important, because the murderers were not sadists or killers by nature; on the contrary, a systematic effort was made to weed out all those who derived physical pleasure from what they did.”</em></p>
<p>Die Konsequenz formulierte <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/ist-putin-hitler-stalin-oder-zar-historische-analogien-sollen-den-handlungsdruck-erhoehen/28415984.html">Malte Lehming am 11. Juni 2022 in der Süddeutschen Zeitung</a>: <em>„Das Ziel des Westens muss es bleiben, die Ukraine nach allen Kräften zu unterstützen, Russland zu schwächen und andere Länder, wie China, von aggressiven Akten abzuschrecken. Weder darf die Angst vor einer Eskalation des Krieges ausgeblendet werden noch die Angst vor russischer Hegemonie. Wer das nicht in der Balance hält, handelt fahrlässig.“</em> Dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2022, Internetlinks wurden am 26. Dezember 2022 überprüft. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Imperialismus, Nation, Genozid</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/imperialismus-nation-genozid/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Nov 2022 12:52:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Imperialismus, Nation, Genozid Russische und russländische Narrative im Ukraine-Krieg „So musste das Verschwinden der Sowjetunion zwangsläufig eine intellektuelle Krise auslösen: Verloren ging jener riesige theatralisierte Raum, auf den die kühnsten Hoffnungen und die radikalsten Formen der Ablehnung des Bürgerlichen projiziert worden waren. Schon die gewaltigen Dimensionen dieser Projektionsfläche sind einzigartig.“ (Michael Ryklin, Räume des  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Imperialismus, Nation, Genozid</strong></h1>
<h2><strong>Russische und russländische Narrative im Ukraine-Krieg</strong></h2>
<p><em>„So musste das Verschwinden der Sowjetunion zwangsläufig eine intellektuelle Krise auslösen: Verloren ging jener riesige theatralisierte Raum, auf den die kühnsten Hoffnungen und die radikalsten Formen der Ablehnung des Bürgerlichen projiziert worden waren. Schon die gewaltigen Dimensionen dieser Projektionsfläche sind einzigartig.“ </em>(Michael Ryklin, Räume des Jubels – Totalitarismus und Differenz, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 2003)</p>
<div id="attachment_2559" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2559" class="wp-image-2559 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-600x895.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-686x1024.jpg 686w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-768x1146.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-800x1194.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-1029x1536.jpg 1029w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-1200x1790.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-1373x2048.jpg 1373w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Der-Herr-seines-Lebens-scaled.jpg 1716w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-2559" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Der Herr seines Lebens</p></div>
<p>Konzepte wie <em>„Imperium“</em> und <em>„Nation“</em>, die wir als Historiker*innen auf dem Ideenfriedhof der Geschichte geglaubt hatten, sind zurückgekehrt. Sie sind nicht nur ein Teil unseres Diskurses über die Gegenwart, an der wir leiden. Sie werden zudem von den Herausforderern unseres friedlichen postmodernen kosmopolitischen Konzeptes des gesellschaftlichen Zusammenseins, wie die Regierung Russlands, als aktive Politik betrieben. Sie sind da handlungsleitend. Das geschieht auf mehreren Ebenen, doch heute wenden wir uns nur einer davon zu – nämlich der Ideologie, die innenpolitisch legitimieren soll, was der russische Präsident und seine Umgebung anrichten: im Nachbarland – menschenverachtende Kriegsgewalt und Kriegsverbrechen, und im eigenen Land – Repression, Jagd auf unerfahrene Männer zur Verschickung an die Front, internationale Isolierung samt Angst und Depression. Um dieses Handeln zu erklären, ja zu verklären, braucht es einen enormen diskursiven Aufwand, und Putin hat auf das gesetzt, was uns womöglich antiquiert vorkommt – auf die Geschichte, die er selbst als „historische Wahrheit“, als Geschichte „wie es gewesen ist“, versteht.</p>
<p>Im Folgenden werde ich die Elemente des gegenwärtigen Geschichtsdiskurses ansprechen und sie in ihrer Entstehungsgeschichte einordnen. Zum zweiten geht es mir um das ambivalente Konzept des Imperiums im russischen Fall, so geht es hier um die äußeren und inneren Zwänge zur Entstehung des russischen Imperiums, und um seine innere Zerrissenheit, die in der Eigenart der russischen Nation als imperiales Projekt liegt. Drittens geht es hier um die Grenzen der Mobilisierungswirkung des Imperiums-Konzeptes, die der Regierung sehr wohl bewusst sind, warum sie auf viel mehr emotionalisierende Begriffe aus dem Zweiten Weltkrieg setzt, wie zuerst und vor allem das Wort Genozid.</p>
<h3><strong>Imperiale Narrative</strong></h3>
<p>Die aggressive Rhetorik Putins und der Regierung seit dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist uns gut bekannt: das sind Aussagen wie <em>„genuin russische Territorien“</em> in Bezug auf die Ukraine oder die Auffassung der ukrainischen Sprache als Missverständnis und Illusion, so der berüchtigte Satz des russischen Innenministers Peter Bulawin aus dem Jahr 1863: <em>„Die ukrainische Sprache gab es nicht, gibt es nicht und wird es nicht geben“</em>. (damit kommentierte er den Erlass zum Verbot der pädagogischen und religiösen Schriften auf ukrainisch / malorossisch).</p>
<p>Die Logik liegt auf der Hand: in Russlands Krieg wird der heutigen Ukraine das Recht auf ihre Existenz als souveräner Staat abgesprochen, und deswegen soll es auch im Geschichtsbild keine Ukraine geben. Geschichte wird aus dem Diskurs der Gegenwart betrachtet – und vice versa.</p>
<div id="attachment_2215" style="width: 226px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2215" class="wp-image-2215 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-600x833.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-737x1024.jpg 737w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-768x1067.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-800x1111.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-1106x1536.jpg 1106w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-1200x1667.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-1474x2048.jpg 1474w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Freedom-Funeral-artist-Arin-N-scaled.jpg 1843w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a><p id="caption-attachment-2215" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Freedom &#8211; Funeral</p></div>
<p>Doch die ideologische Vorbereitung des Krieges begann in Russland nicht erst mit dem 24. Februar 2022. In seinem längeren programmatischen Artikel „Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer“ vom Juli letzten Jahres legte Putin die Weichen für seine Ukraine-Politik fest. Die Kernaussage dieses Textes war, dass die ukrainische Nation eine Erfindung wäre. Dies begründete er mit folgenden Argumenten:</p>
<ol>
<li>Russen, Weißrussen und Kleinrussen hätten eine gemeinsame historische Herkunft – das Alte ‚Rus‘. Daraus erfolge der gemeinsame Glaube und gemeinsame kulturelle Traditionen und Sprache, was den Zusammenhalt dieser Länder im Großen Russland zu einem organischen Prozess macht.</li>
<li>Das Überleben der Eigenständigkeit der Ukraine hing immer von seiner Nähe zu Moskau ab – wandte sie sich zum Beispiel an Schweden oder Polen zu, begann der Rückfall der Staatlichkeit.</li>
<li>Die Ukraine gab es nicht als Staat – nur Malorossija, das, ins Deutsche übersetzt, Kleinrussland heißt. Aus dieser Etymologie leitete Putin die Hierarchie der <em>„beiden Brüder“</em> Die gemeinsame semantische Wurzel <em>„rossija“</em> sollte belegen, dass Ukrainer eigentlich Russen wären.</li>
<li>Die Eliten der Ukrainer – die Kosaken – hätten stets die Vereinigung mit Russland gewollt und unterstützt, nur wurden sie von den ausländischen Kräften stets verführt und in den Abgrund gestürzt.</li>
</ol>
<p>Allein an diesen wenigen aus Putins Rede herausgegriffenen Argumenten wird deutlich, dass der Ukraine eine Schlüsselstellung in der Geschichtsvermittlung zukommt. Doch die Botschaft von einer historischen Einheit der Russen und der Ukrainer ist nicht alles, was seine imperiale Rhetorik ausmacht. Dazu gehört auch die oft geäußerte Meinung, dass <u>Russland keine Grenzen</u> hätte. Dies ist ein imperiales Konzept per excellence, geht es doch hier um den genuin imperialen (Selbst-)Zwang nach Expansion und um imperiale Denk-Konzepte wie <em>„russkij mir“</em> (<em>„russische Welt“</em>). Diese Idee signalisiert, dass es zumindest im Geiste ein expandierendes Imperium gäbe. Angelegt werden die Prinzipien des Irredentismus. Sie bedeutet, dass ein Raum durch eine bestimmte Idee (diffus) zusammengehalten wird. Diesem grenzenlosen russischen (Denk-)Imperium ist es eigen, dass es bestimmte Werte vertritt, die von den gedachten Gegnern immer angegriffen würden. Die Haltung nach Außen ist zunächst defensiv, im eigenen Land geht man jedoch gewaltsam gegen jene vor, die man als Angriff <em>„auf die traditionellen Bräuche“</em> (Stichwort LGBTIQ*) auffasst.</p>
<p>In diesem Denken liegt es auf der Hand, dass dieses sich stets expandierende Imperium <em>„ausländische Agenten“</em> als Feinde hervorbringt: kein echter Russe, so die Deutung, würde sich gegen die genuin <em>„russische“</em> Traditionen stellen. Der Kampf gegen diese ausländische <em>„Agenten“</em> ist eine Staatsräson des Imperiums.</p>
<h3><strong>Die historische Mission</strong></h3>
<p>Zum imperialen Diskurs gehört auch die Vorstellung von einem <u>eigenen Sonderweg und somit von einer historischen Mission</u>. In der Geschichtspolitik wird die imperiale Rhetorik von einer <em>modernisierenden</em> Wirkung der Metropole auf die Peripherien geäußert – und somit von ihrem vermeintlich <em>freiwilligen</em> Beitritt zum Imperium im 18. und im 19. Jahrhundert. hochgehalten. Die historische Mission ist in dieser Deutung immer eine friedliche. Russen werden daran erinnert, dass Russland die Menschen und die Gebiete vom <em>„Bösen“</em> befreit. Stützen kann sich der Kreml auf den Mythos von Russland als friedliches Imperium, dem es (vermeintlich!) komplett an kolonialen Praktiken gefehlt hätte. Die heutigen Nationalstaaten seien aber in ihrer Behandlung der nationalen russischen Minderheiten ungerecht, und Russland hätte die Mission, dieser Ungerechtigkeit das Ende zu setzen. Die Russen werden dort, wo sie keine Mehrheitsnation stellen (Moldau, Baltikum, nun auch die Ukraine), zum trojanischen Pferd der Expansion, im heutigen Schlachtruf formuliert <em>„Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich“</em>.</p>
<div id="attachment_1966" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/06/War-artist-Arin-N.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1966" class="wp-image-1966 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/06/War-artist-Arin-N-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a><p id="caption-attachment-1966" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, War</p></div>
<p>Nicht zuletzt haben wir es mit dem Phänomen zu tun, dass der Staatschef sich <u>als Historiker gibt</u>. Er tut es unaufgefordert, und überschreitet somit seine Kompetenzen als (vermeintlich) demokratisch gewählter Präsident eines modernen Nationalstaates.  Auch das ist eine imperiale Taktik, die uns aus der Imperiengeschichte bekannt ist. Die aufgeklärte Kaiserin Katharina II. war auch jene Empress, die sich über die Geschichtsschreibung Gedanken machte – und nicht zuletzt war sie von allen Monarchen <em>die</em> Person, unter der das russische Reich am breitesten und schnellsten expandierte.</p>
<p>Brandgefährlich wird diese Inszenierung des Staatschefs als Historiker dann, wenn der <u>Historiker zum Re-Enactor, </u>als zum historischen Re-Konstrukteur wird. So, wie Putin sich am 21. Februar 2022 mit Peter dem Großen (dem ersten gekrönten russischen Imperator) verglich und sich selbst als <em>„Sammler der Länder des Historischen Russlands“</em> darstellte.</p>
<p>Putinsche Geschichtspolitik bewegte sich bis 2012 vor allem im Diskurs zur Stärkung des russländischen Nationalismus, den man im offiziellen Sprech als <em>„Patriotismus“</em> bezeichnete. Seine Rhetorik auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008 markiert das erste Mal, dass die Revision der <em>„gemeinsamen Vergangenheit&#8220;</em> im Geiste der <em>„Sammeln der historischen Länder&#8220;</em> recht deutlich ist. Das war der Gipfel, in dem die Aufnahme Georgiens und der Ukraine in die NATO in Aussicht gestellt wurde. Hier ist bereits sichtbar, dass die Ukraine für Putin ein Dorn in der Entstehung der russischen Nation ist.</p>
<p>Es bedurfte einer enormen Gedankenakrobatik, um den Krieg (der zu Beginn noch eine <em>„Sondermilitäroperation“</em> hieß) als frühneuzeitliche Praxis des Sammelns der Länder der <em>Rus‘</em> zu verkaufen. Offensichtlich kann es für Putin nicht weit genug in die Geschichte gehen: in den neuesten Bildungsmedien soll die <em>„Militäroperation“</em> mit der Christianisierung der <em>Rus‘</em> im 10. Jahrhundert und Putin mit Alexander Newski verglichen werden.</p>
<p>Dieser re-konstruierende Diskurs wurde vor acht Jahren, im Jahr 2014, tatsächlich handlungsleitend für die russische Innen- wie Außenpolitik. Der imperiale Nationalismus, d.h. die Inklusion aller Russen im neu projizierten neuen Imperium, der also eine tatsächliche territoriale Expansion zur Folge hat, ist spätestens seit der Krim-Annexion auf der Tagesordnung. Es werden beachtliche geschichtspolitische Ressourcen aktiviert, so die Erinnerungsaktionen an Vladimirs Christianisierung der Rus‘ im Jahr 988, Revolutionserinnerung als Versöhnungsaktion auf der Krim und vieles mehr. In dieser Zeit begann die Forcierung des Diskurses der Wiederherstellung des Imperiums: praktisch und ideologisch. Putin nutzte das revolutionäre Chaos nach den Maidan-Protesten 2014, annektierte die Krim und provozierte einen bewaffneten Konflikt im Donbass, der zu einem hybriden Krieg Russlands gegen die Ukraine eskalierte. Gleichzeitig tauchte das <em>„Noworossija-Projekt&#8220;</em> wieder auf: Im April 2014 verkündete Putin in einer Live-Schaltung eine weitere historische Entdeckung, indem er Donezk, Luhansk, Charkiw, Nikolajew, Cherson und Odessa als <em>„Noworossija&#8220;</em> bezeichnete und erneut seine Verwunderung über die <em>„Übergabe&#8220;</em> dieser Gebiete durch die Bolschewiki an die Ukraine zum Ausdruck brachte.</p>
<p>Wenn im Diskurs Putins sehr viel Imperiales steckt, dann müssen wir wohl an die Ursprünge des imperialen Gedankens gehen, d.h. ihn in der Zeit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert einordnen.</p>
<p>Voranstellen möchte ich, dass ich die Begriffe wie Imperium, Russifizierung, Kolonisierung analytisch und nicht normativ verwende. Außerdem übertragen wir als Historikerinnen und Historiker nicht die Diskussionen der Gegenwart in die Vergangenheit – sonst hat es keinen Sinn, sich mit Geschichte zu befassen. Das ist vor allem wichtig, weil wir im Westen in unserer Kritik an Putin meinen, dass Russen zum imperialen Weg verdammt sind und an einem post-imperialen Syndrom leiden. Das bedeutet eine selbstunkritische Übernahme des Putin-Diskurses des russischen Sonderweges, von Russland als etwas Einzigartigem, von Russland als Nicht-Europa. Ich glaube, dass wir im Gegenteil den Putin‘schen Diskurs von der (vermeintlichen) Wiederherstellung des Imperiums historisieren und somit im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnen sollten.</p>
<p>Zudem wäre zu fragen, wie aufrichtig Putin selbst an die Wiederherstellung des Imperiums glaubt? Sicher weiß er, dass sein Staat, die Russische Föderation in der russischen Verfassung als Rechtsnachfolgerin der <em>Sowjetunion</em> festgeschrieben ist, (und in der Sowjetunion sowohl das Imperium als auch der Imperialismus negativ besetzte Begriffe waren). Zudem können wir diesen Diskurs nicht als Leitmotiv der gesamten Regierungszeit Putins sehen. Es geht ihm vor allem um die Stabilität seiner eigenen Herrschaft und um seine Angst um innerrussische Umwälzungen, (Farbrevolutionen), um wirtschaftliche Profite und um seinen selbstsüchtigen Wunsch, in die Geschichte einzugehen. Ich denke, in seinen Ausflügen ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit steckt der Putinsche Zynismus, den er sowohl den russischen Adressaten als auch dem Westen geschickt verkauft.</p>
<h3><strong>Zivilisierung – Russifizierung </strong></h3>
<p>Es gehört zur Spezifik russischer Geschichte, dass Imperium und Nation zwei miteinander verbundene Begriffe sind. Daher ist es wichtig, dass wir jetzt in das 18. Jahrhundert, in die Zeit der Geburt des Russländische Imperium gehen und uns fragen, was sich im Jahr 1721 änderte – neben der Selbstbezeichnung als <em>„Imperium“</em>. Wenn heute der Kreml also über den Mythos von Russland als ein friedliches Imperium, dem es komplett an kolonialen Praktiken fehle, spricht, was sagt uns die Historiografie dazu?</p>
<div id="attachment_1902" style="width: 232px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1902" class="wp-image-1902 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-222x300.jpg" alt="" width="222" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-200x270.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-222x300.jpg 222w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-400x540.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-600x810.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-759x1024.jpg 759w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-768x1037.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-800x1080.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-1138x1536.jpg 1138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-1200x1620.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-1517x2048.jpg 1517w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/05/Target-artist-Arin-N-scaled.jpg 1897w" sizes="(max-width: 222px) 100vw, 222px" /></a><p id="caption-attachment-1902" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Target</p></div>
<p>Dreh- und Angelpunkt der Geschichte Russlands als Imperium ist die Politik der Russifizierung, d.h. eine systematisch geplante Nationalitätenpolitik der Regierung. Ist sie mit brutaler physischer Unterwerfung einhergegangen, hatte sie etwa das Ziel verfolgt, den Minderheiten ihre kulturelle Hegemonie aufzunötigen?</p>
<p>Tatsächlich sahen russische und westeuropäische Historikerinnen und Historiker das Zarenreich auf einem ganz anderen Pfad als andere europäische Kolonialreiche. Während sie in den westlichen europäischen Überseereichen eine auf rassischer Ideologie geleitete Assimilierungspraktiken sahen, stellten sie Russlands vermeintlich philanthropische und humanistische Mission dem gegenüber. Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Russlands Praktiken der Zivilisierung und Assimilierung weisen zahlreiche Parallelen zu Denkweisen und Verhalten anderer europäischer Kolonialreiche auf.</p>
<p>Viele Geschichten der Begegnung der Kolonisierer mit der indigenen Bevölkerung in Sibirien ähneln durchaus dem, was wir aus Nord- und Südamerika kennen. Die russischen Reisenden brachten hinter den Ural Alkohol, Tabak und Rücksichtslosigkeit in ihrem <em>„Reisegepäck“</em> mit. Die Einstellung war durchaus rassistisch, wie Jörn Happel in seinem Aufsatz über Reisende im Sibirien des 18. Jahrhunderts schon im Titel notiert: „Unter ‚Ungeziefer und Wilden‘“ (in: Jahrbücher der Geschichte Osteuropas, Band 61, 2013). Sibirien-Reisende berichteten in ihren Reiseberichten von Unzucht und Hurerei im Osten – sie beteiligten sich selbst an der sexuellen Ausbeutung einheimischer Frauen und schufen das Bild von wilden Schönheiten aus dem Osten. Hier beginnt der russische Orientialismusdiskurs, der sich kaum von der Analyse unterscheidet, die Edward Saïd als paradigmatisches Konzept westlichen Denkens formuliert hat. Wie im Westen hatte auch die Aufklärung im Osten ihre Schattenseite.</p>
<p>Wenn wir die Praktik der Veränderung der Lebensform von den nicht-christlichen, nicht-sesshaften Völkern betrachten, so kann man auch im Russland des 18. und 19. Jahrhunderts am Beispiel Sibiriens sehr wohl eine gewaltsame Kolonialisierung erkennen. Auch deren Rechtfertigung gleicht den Argumenten der Conquistadores in Südamerika: es ist der Diskurs der eigenen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern, die als nicht-christlich, nicht sesshaft, nicht gebildet nach der Norm der Eroberer, nicht kultiviert waren und deshalb dem Heil zugeführt werden mussten, das ihnen durch die Kolonisierung gebracht wurde.</p>
<p>Die Schattenseite der Aufklärung formte den Diskurs der eigenen Überlegenheit gegenüber den sibirischen Völkern, die vor allem auf ihre <em>„Defizite“</em> hin beschrieben und behandelt wurden: Sie waren in diesem Diskurs nicht-christlich, nicht sesshaft, nicht-gebildet und nicht-kultiviert.</p>
<p>Wie entstand diese imperiale Praxis in Russland in Bezug auf andere Kolonien? Wie vieles an der Schwelle zur Neuzeit kam der Impuls aus dem Westen – mit der (Früh)Aufklärung. Es resultierte aus dem Anspruch Peters I., das eigene Land zur Gruppe der zivilisierten Völker zu zählen. Vor dem 18 Jahrhundert, bevor also Peter das Fenster nach Europa öffnete, hatte das russländische Reich weder eine Zivilisierungs-, noch eine Assimilierungspolitik verfolgt. Nach den russischen Bojaren – russischer Elite &#8211; sollte auch das <em>„gemeine Volk“</em> zivilisiert und kultiviert werden. Die Praxis der Zivilisierung zu Beginn des 18. Jahrhunderts unterschied nicht nach Russe oder Nicht-Russe: alle müssten die Verwestlichung akzeptieren. Unter Katharina II., mit der Stärkung des westlichen Ideen-Transfers, wurden die Zivilisierungsstrategien konzipiert, wobei man auch hier nicht von einer systematischen Umsetzung durch Eliten sprechen kann.</p>
<p>Doch diese Zivilisierung zu Beginn des 18. Jahrhunderts müsste man von der <em>„Russifizierung“</em> – wenn wir das als <em>gewaltsame Assimilierung in Sprache, Religion und Kultur</em> verstehen – klar trennen. Nehmen wir den korrekteren Begriff der Russifizierung, ethymologisch eigentlich <em>„Russisch-Machen“</em>, als <em>„Russisch-Werden“</em> – und deuten es als <em>„zum-kultivierten-loyalen-Untertan-machen“</em>, entfällt die ethnisch-nationale Komponente komplett (lesenswert hierzu: Ricarda Vulpius, Die Geburt des Russländischen Imperiums, Wien/Köln /Weimar, Böhlau, 2020)</p>
<p>Die russländische imperiale Elite, der nächste Kreis Peters, bestand in Personen ausländischer, livländischer, schwedischer, sächsischer, preußischer, holländischer, französischer Herkunft. Minimalanforderungen, um Russe zu sein, bestanden in der Anerkennung des aus dem 16. Jahrhundert stammenden dynastischen Reichspatriotismus mit dem Konzept der vom Gott gewollten Autokratie und dem christlich-orthodoxen Glauben. Die Konversion zum Glauben und die russische Alphabetisierung konnten für die Ausländer ein Schritt zum Russe-Werden sein, aber es gab viele Ausnahmen. Das Imperium war im Werden und musste sich anstrengen, um durch eine <em>„</em><em>divide et impera“</em>–Praxis die nicht-orthodoxen Peripherien loyal zu halten.</p>
<div id="attachment_1804" style="width: 234px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1804" class="wp-image-1804 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-200x268.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-224x300.jpg 224w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-400x536.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-600x804.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-764x1024.jpg 764w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-768x1029.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-800x1072.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-1146x1536.jpg 1146w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-1200x1609.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-1528x2048.jpg 1528w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Hand-of-despair-artist-Arin-N-scaled.jpg 1910w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a><p id="caption-attachment-1804" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Hand of Despair</p></div>
<p>Zur Hilfe kamen der Wissens-Transfer der europäischen Imperien mit ihren Kolonien und auch &#8211; so die Ironie der Geschichte – gerade die Ideen aus Kiew. Als Peter I. nach der Schlacht von Poltava im Jahr 1709 (als sich Kosakenführer Mazepa sich auf die Seite der Schweden stellte) die übrige ukrainische Elite für sich zu gewinnen suchte, fand er im Diskurs der Kiewer Bildungsschicht die Idee eines <u>ethnisch und religiös homogenen ostslawischen</u><em> Volkes</em>. Diese Idee, die von Kiewer Gelehrten propagiert wurde, war eine im späten 17. Jahrhundert formulierte Antwort der Kosakenführer auf die Stärkung des Katholizismus, der unierten Kirche und des polnischen Adels. Sie erklärte das Recht der Romanow-Dynastie auf das Erbe der Rurikiden (d.h. das gesamte Gebiet des alten Russlands), die konfessionelle Einheit (Orthodoxie) und, in geringerem Maße, die ethnische Verwandtschaft. Es sei aber daran zu erinnern, dass auch wenn die Kosakenführer diese Rhetorik nutzen, sie gleichzeitig sehr wohl ihre eigenen Privilegien und auch die Autonomie ihres Landes verteidigten.</p>
<p>Doch es war diese ostslawische in Kiew entstandene Idee, so der ukrainische Historiker Serhii Plokhy, die als erste proto-nationale Konstruktion gelten kann (in seinem Buch „The origins of the Slavic Nations – Premodern identities in Russia, Ukraine and Belarus“, Cambridge (Mass.) University Press 2006). Der Transfer aus Kiew nach Moskau spiegelte sich diskursiv in dem von Peter zum ersten Mal nach Poltava verwendeten Begriff <em>„Vaterland“</em> <em>(„otechestvo“</em>). Der russländische <u>Monarch</u> war demnach direkt und für immer mit dem <u>Staat</u> in seiner <u>Ausdehnung</u> verknüpft, und es war er, der die territorialen Grenzen zu bestimmen hat (Stichwort: wo endet Russland?)</p>
<p>Hier nahm auch der Diskurs des starken Zaren seinen Anfang. Peter I. stellte sich zum einen als Vater des Vaterlandes dar, um sich dann als moderner Diener des Volkes, der sein Leben für sein Amt opfert, zu präsentieren. Das Ziel dieses Herrschers – des <em>„Vaters“</em> und des <em>„Dieners“</em> zugleich – war die Kohäsion der loyalen Untertanen, also der Groß- und Kleinrussen und somit die Konsolidierung des Einheitsstaates.</p>
<p>Nicht zu übersehen ist die imperiale Praxis von <em>„</em><em>divide et impera“</em> in Kooptation der lokalen Eliten – wie zum Beispiel als die Kosakenführung Hetmanat unter der Kaiserin Katharina II. zu imperial loyalem russischen Adel wurde. Es hat aber nichts mit einer angeblichen historischen Einheit des russischen und des ukrainischen Volkes zu tun. Die Christianisierung der Völker war in dieser Zeit nichts Anderes als die Heranführung zur Bildung, die im <em>„Allgemeinwohlstaat“</em> sicherlich vor allem dem Militär- und Staatsdienst dienen sollte.</p>
<p>Wir halten fest: die imperiale Praxis importierte Russland aus dem Westen, aus der Denkerschule der Aufklärer: es ging um eine <u>mission civilisatrice</u> in Bezug auf die zu kolonisierende (d.h. sesshaft zu machende) Bevölkerung. Die <u>Kolonisation</u> bedeutete zunächst Erforschung (durch die westeuropäischen Wissenschaftler), dann gewaltsame Unterwerfung (durch russische imperiale Eliten selbst). Die Praxis der Herrschaft in Bezug auf die Verwaltung, System der Fürsorge-Anstalten, den Umgang mit der Marginalität, der Strafpraxis und der Verfassungsideen übernahm man aus dem (aufklärerischen) Westen.</p>
<h3><strong>National – transnational </strong></h3>
<p>Was das Konzept des Zusammenhaltens des Imperiums angeht, übernahm Russland es von Kiew, von den Kiewer Intellektuellen, die die Ideen lieferten. (und sie lieferten diese, ganz pragmatisch, um ihre eigene Herrschaft, die damals mit Konfession zusammenfiel, vor den polnischen Herrschern zu verteidigen). Das entstehende Staatsvolk (<em>„narod“</em>) der Russländer (<em>„rossijan“</em>) mit ihrer Kohärenz von gleichberechtigten Groß-, Klein und Weißrussen war nichts anderes als der erste Schritt zur Hauptkategorie der Moderne, sie wurde zum größten Problem des russischen Selbstverständnisses überhaupt. Kann Nation imperial sein, und wenn ja &#8211; Was ist russische Nation?</p>
<p>Der Begriff „<em>nation</em>“ (<em>„nacija“</em>) entstand im frühen 18. Jahrhundert. Verwendet wurde er zunächst zur Bezeichnung ethnisch homogener Gruppen (in der Quellensprache zum Beispiel: <em>„ein</em><em> Städter malorossischer Nation“</em>). Als Fremdwort blieb es bis ins späte 18. Jahrhundert hinein erhalten und hatte eine Vielfalt an Bedeutungen: Ethnie, Adelsstand, Staatsmacht. Mit der Französischen Revolution bekam <em>„</em><em>nation“</em> das Deutungselement der liberalen Monarchie- und Dynastie einschränkenden Verfassungsprojekte. Nun stand die Nation im Zusammenhang mit der Idee einer <u>schichtenübergreifenden politischen Repräsentanz</u> aller Bürger.</p>
<p>Es ist also nicht verwunderlich, dass der Begriff <em>„Nation“</em> im Russland der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert zensiert wurde. Als Gegenbegriff zur liberal verstandenen <em>„Nation“</em> entwickelte in den 1830er Jahren während der Herrschaft Nikolaus‘ I. der Minister der Volksaufklärung Sergei <em>Uvarov</em> den Begriff <em>„narodnost‘“</em> (Nationalität, Volk, Volkstümlichkeit), um die uneingeschränkte Monarchie als status quo und als Zukunftsperspektive zu legitimieren. Uvarov formulierte die Trias, die heute noch ihre intellektuelle Nachwirkung hat: <u>Orthodoxie – Autokratie – Narodnost</u><em>,</em> wobei <em>Orthodoxie</em> auf den Moskauer Mitropoliten Filaret, und <em>Autokratie</em> auf den Chef des politischen Geheimdienstes Alexander von Benckendorff zurückgeht. Die Verwendung des Begriffes zielte in den Kern der Frage nach der politischen Verfassung Russlands: <em>„</em><em>Nation“</em>, im Gegensatz zu <em>„narodnost‘“</em>, stellte die uneingeschränkte Monarchie in Frage; die Berufung auf <em>„narodnost‘“ </em>sollte den liberalen Forderungen nach einer politischen Repräsentanz des Volkes und nach einer Verfassung eine Absage erteilen, waren doch die Untertanen bereits ein Teil der Trias Orthodoxie – Autokratie – Narodnost. Für die Etablierung der russischen <u>nationalen Geschichtserzählung</u> war der Uvarovsche narodnost‘-Begriff von höchster Bedeutung: die neu eröffneten zeitgenössischen Lehrstühle für Geschichte arbeiteten mit diesem Begriff. Uvarov (selbst keineswegs ein Anti-Europäer) verband mit <em>„narodnost‘“</em> die Idee des <em>„reifen Russlands“</em>, dessen Kultur ein eigenes Prestige habe und auf der europäischen Bühne als gleichberechtigter Akteur mitspiele.</p>
<div id="attachment_2560" style="width: 249px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2560" class="wp-image-2560 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-239x300.jpg" alt="" width="239" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-200x251.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-239x300.jpg 239w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-400x503.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-600x754.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-768x965.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-800x1005.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-815x1024.jpg 815w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-1200x1508.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-1223x1536.jpg 1223w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Self-censorship-artist-Arin-N-1630x2048.jpg 1630w" sizes="(max-width: 239px) 100vw, 239px" /></a><p id="caption-attachment-2560" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Self Censorship</p></div>
<p>Die Diskussion der historischen nationalen Identität berührte die Diskussion nach dem <u>Sonderweg</u> und der russischen Eigenart. Viele Historikerinnen und Historiker beteiligten sich an der Kontroverse zwischen <em>„Slawophilen“</em> und <em>„Westlern“</em> in den 1840er Jahren und diskutierten die Frage, ob Russland den Weg des Westens mit Verspätung gehe oder ob die petrinische Westernisierungspolitik Russland von ihrem eigentlichen, richtigen Weg, Moskau als Drittes Rom oder als Neues Jerusalem, abbrachte. Es bleibt anzumerken, dass diese Kontroverse nach den Gemeinsamkeiten und Gegensätzen zwischen Russland und Europa und die Frage nach der russischen oder europäischen Zukunft (Stichwort: Sonderweg) nach wie vor Gegenstand der intellektuellen Debatte sind.</p>
<p>Im offiziellen Diskurs und in der schulischen Vermittlung der Geschichte knüpft der Kreml an die konservativen Ideen Sergei Uvarovs an: der Diskurs der Souveränität (souveräner Staat, souveräne Demokratie) ist einer der wichtigsten Diskurse unter Putin. Er und seine Umgebung greifen zum Diskurs der Slawophilen mit dem russischen Sonderweg als Rezept der russischen nationalen Selbstidentifikation: Russland als Nicht-Europa und Nicht-Asien, eine souveräne Großmacht mit messianischem Anspruch der Weltgeltung.</p>
<p>Schließlich sprach die nationale Meistererzählung im Konzept des Narodnost‘ von <em>der „ungeteilten dreiteiligen“</em> <em>russischen Nation,</em> die die drei slawischen Völker vereinte – Großrussen, Kleinrussen (Ukrainer) und Weißrussen. Dieses Verständnis von russischer Nation wurde tradiert, entwickelte sich in der Sowjetzeit unter einem anderen Deckmantel weiter und wird zurzeit mit viel Elan aktualisiert.</p>
<p>In der sowjetischen Historiografie dominierte ein anti-nationaler, proletarisch-internationalistischer Zugang, man sprach vom <em>„sowjetischen Volk“</em>, das aus vielen (ethnisch-kulturell verstandenen) Nationen bestand. Gleichzeitig institutionalisierte die Sowjetmacht ethnische Gruppen, wies ethnischen Entitäten territoriale Gebiete zu und förderte deren nationales Selbstverständnis sowie das Paradigma des historischen Rechts auf die <em>„eigenen“</em> Republiken und autonomen Gebiete. Wir sehen an der Geschichte der Staaten, die nach dem Zerfall der kolonialistischen Imperien entstanden sind, dass es ein ungeheuerlich schweres Erbe für die jungen Nationalstaaten darstellt – es kommt zu radikalen Ideologien wie Faschismus oder Nationalsozialismus, es kommt zu Bürgerkriegen und es kommt zu genozidalen Verbrechen (in und durch Europäer, siehe Erster Weltkrieg, Holocaust, postkoloniale Kriege, Kriege im postsozialistischen Jugoslawien).</p>
<p>Auch in Russland wurde <u>(ethnischer) Nationalismus</u> im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion wieder zu einer stark mobilisierenden Kraft. Boris Jelzin reagierte auf die Gefahr des Bürgerkriegs mit einer Verfassung, die vom multinationalen Volk Russlands als politisches Subjekt sprach und den Namen des Staates mit <em>„</em><em>Russländische Föderation“ („Russland“)</em> postulierte. Gleichwohl war auch Jelzin der mobilisierenden Anziehungskraft des (russischen) Nationalismus im bestimmten Grad verfallen. Äußerst aktiv wird in den 1990er Jahren nach einer <em>„russischen Idee“</em> und <em>„russischen Zivilisation“</em> gesucht und vom <em>„russischen Messianismus“</em> gesprochen, was sich auch in den Schulbuchtexten widerspiegelte. Die <em>„russische Idee“</em> sollte das ideologische Vakuum nach dem Zerfall der UdSSR füllen. Aus der totalitären sowjetischen Vergangenheit wollte man nun auf den richtigen, nationalen Weg zurückkehren – und dabei in die europäische Zukunft schauen. In der naiven Vorstellung der Heilkraft des – demokratischen – Nationalismus versprachen sich die Intellektuellen der Jelzin-Zeit die Integration in die westeuropäischen Strukturen. Die Trägheit des entideologisierten Vakuums unter Jelzin trug dazu bei, dass die Schwäche des russischen Nation-Building-Prozesses erst unter Putin wieder virulent wurde.</p>
<p>Der Bezugspunkt populistischer russländischer Geschichtspolitik war bis zur Krimannexion 2014 nicht eine ethnisch-russische Nation, sondern eine russländische Nation, die aus Gründen der Staatsraison multiethnisch und multireligiös festgelegt bleiben musste. Weit bekannt ist sicherlich der notorische Satz Putins <em>„Der Zerfall der Sowjetunion ist die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“</em>, doch viel weniger bekannt ist sein Zitat <em>„Der Islam gehört zu Russland“</em>.</p>
<p>In den offiziellen Texten wurde – in der begrifflichen Tradition der Sowjetunion – klar zwischen dem schädlichen russischen (biologischen, rassischen) Nationalismus und dem <em>„guten“</em> russländischen Patriotismus unterschieden. Begriffe wie <em>„</em><em>Identität“</em> oder „russische Idee“ wurden in den offiziellen Reden des Kremls kaum noch verwendet, dafür aber Ausdrücke wie <em>„russische eigene Werte“</em> (<em>„duchovnost‘“, „samobytnost‘“</em>).</p>
<p>Dem Begriff der Liebe zum Vaterland als mobilisierendes Konzept kommt politisch eine viel wichtigere Bedeutung zu als dem Begriff der Nation. Dies hängt mit der sowjetischen Tradition und mit der semantischen Verbindung zwischen Imperium und Nation zusammen. Dieses Selbstbild als Imperium soll für den <em>„inneren Bedarf“</em> gesellschaftlich nicht den Nationalismus, sondern imperiale Loyalität (d.h. Patriotismus) stärken, auf der internationalen Bühne soll damit das Bild von Russland als militärisch starker Großmacht vermittelt werden.</p>
<p>In den aktuellen Schulbüchern, in Abschnitten zur imperialen Geschichte, wird die Russländische Geschichte aber auch weiter als Geschichte des Zentrums und als eine Biografie der Staatsmacht erzählt. Das klassische Prisma der nationalen Meistererzählung – nämlich die historische Schlüsselrolle der Russen – behielt ihre gesellschaftliche Durchdringungskraft.</p>
<div id="attachment_2561" style="width: 230px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2561" class="wp-image-2561 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-200x272.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-400x544.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-600x817.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-752x1024.jpg 752w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-768x1045.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-800x1089.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-1129x1536.jpg 1129w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-1200x1633.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-1505x2048.jpg 1505w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Freedom-in-captivity-artist-Arin-N-scaled.jpg 1881w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-2561" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Freedom in Captivity</p></div>
<p>Doch gerade dies ist eine Achillesverse des imperialen Diskurses im heutigen Krieg Russlands. Das von Putin propagierte Selbstbild als Imperium nutzen Bewohner der Russischen Föderation, um sich der Verantwortung für den Krieg zu entziehen: <em>„Ich bin kein Russe – ich wohne in Burjatien“</em>. Es sind zentrifugale Tendenzen, die hier greifen, es ist eine Strategie der Externalisierung der Verantwortung. Es ist eine ähnliche Praxis, wie man sich im post-sowjetischen Raum von der Verantwortung für Verbrechen des Kommunismus lossagen konnte. Jeder, der nicht in Moskau wohnt, kann sagen – wir sind nicht das Zentrum, denn dieses bedeutet Ausbeutung. Der imperiale Nationalismus entfaltet hier eine subversive Kraft. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Diskurse, die vom Staat geschaffen wurden, Eigenleben und Eigensinn entwickeln – eine Deutung, die dem Staatssinn gegenläufig ist.</p>
<p>Auch sind in Russland im letzten Jahrzehnt rechtsnationale und rechtsradikale (protofaschistische) gesellschaftliche Gruppen – unabhängig davon, ob sie sich selbst als <u>nationalistisch</u> oder <u>patriotisch</u> definieren – stärker geworden. Regen Zulauf haben imperiale (Eurasische Projekte), post-imperiale extrem nationalistische (Russland nur für Russen) oder auch geschichts-chauvinistische (neo-stalinistische) Projekte.</p>
<h3><strong>Das unemotionale Imperium und der Genozid-Diskurs</strong></h3>
<p>Während wir im Westen den Dämon des russischen Denkens und Handelns vor allem in seiner <em>„Verdammung“</em> zum Imperialismus sehen, entfaltet er im Land selbst keine besonders starke emotionale Kraft. So, wie wir ihn jetzt ausbuchstabiert und seziert haben, haben wir ihm seine <em>„Einzigartigkeit“</em>, seine Sonderweg-Pose genommen und zum Teil als das Produkt des westlichen Wissenstransfers entzaubert. Denn in der imperialen Praxis geht es um Kolonisierung (unter dem Mantel der Zivilisierung) und Ausbeutung (in der offiziellen Sprache um divide-et-impera-Praxis) sowie um geopolitische Macht (es gibt Großmächte und Pufferzonen, oder wie im Denken des 18. Jahrhunderts <em>„</em><em>middle grounds“</em>). Das imperiale Denken mündet nicht zwangsläufig in den Krieg, das Imperium bedeutet nicht Vernichtung, und vor allem nicht eine desperado-ähnliche Selbst-Vernichtung wie Russland das jetzt durch die atomaren Drohungen vermittelt.</p>
<p>Schließlich ist die imperiale Größe nichts, was einen Gefallenenkult stiften kann. Als Sinnstiftung des Sterbens russischer Soldaten bieten sich weder das Imperium noch die Nation an. Das, was uns als post-imperiales Syndrom der Russen erscheint und wo wir nach Erklärungen für das gewaltsame Handeln suchen, ist in der Alltagsrealität der Russen irrelevant. Viel mehr greift hier ein Konzept, das wir erst aus der jüngeren Geschichte kennen – das Konzept des Genozids. Dieser aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aktualisierte Diskurs ist enorm emotionalisierend, enorm moralisierend – und deswegen enorm handlungsleitend. So gehe es angeblich um die Beendigung des <em>„Genozids“</em> in ukrainischen Ostgebieten durch die Kiewer Regierung. Das Bild, das der Kreml jetzt über den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion (1941-1945) vermittelt, ist eine Abkehr von der üblichen sowjetischen Siegesrhetorik: Im Fokus steht jetzt das Leid der Zivilbevölkerung während des Krieges, das als Genozid definiert wird.</p>
<p>Die Selbstbeschreibung als Opfer – nicht als Held und als Sieger – mag, denkt man an die sowjetische und post-sowjetische offizielle Erinnerungslogik, neu und schwierig sein. Doch für Russland ist es offenbar die <u>Ultima Ratio</u>, um Menschen zu mobilisieren. So wundert es nicht, dass seit 2020 in Russland eine erinnerungspolitische Offensive von ungesehenem Ausmaß zu erkennen ist. Staatliche und gesellschaftliche Akteure bringen den Schrecken des Krieges an die Öffentlichkeit. Sie sprechen von Opfern unter Zivilisten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und vom <em>„</em><em>Genozid“</em>. Den Ton gibt ein programmatischer Text von Wladimir Medinski, Präsidentenberater und Chef der Russländischen Militärhistorischen Gesellschaft, mit dem Titel „Jeder Fünfte“ an, in dem er die Verluste unter der Zivilbevölkerung neu berechnet, sowjetische Kriegsgefangene als Opfer eines Genozids definiert und die rhetorische Frage aufwirft, wie es möglich sein könne, dass die Sowjetbevölkerung als <em>„Opfer des klassischen Genozids“</em> als Verantwortliche für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gesehen wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade Medinski an den ersten Verhandlungen mit der Ukraine im März teilnahm – man war sich seiner Wirkung als (professioneller) Historiker bewusst. Die Geschichtspolitik in Bezug auf den Krieg ist nun nicht mehr nur Siegestriumph, sondern Genozid-Diskurs, der erlaubt, alte normativ und emotional aufgeladene Begriffe wie Faschisten, Nazisten, Kollaborateure, Okkupation ins Gedächtnis zu rufen und neu zu besetzen.</p>
<div id="attachment_2562" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2562" class="wp-image-2562 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Defeated-artist-Arin-N.jpg 1266w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-2562" class="wp-caption-text">Arina Nâbereshneva, Defeated</p></div>
<p>Der Genozid-Diskurs teilt bekanntlich scharf zwischen Opfern und Täter, das ist in Russland in Bezug auf Kiewer Gewalt gegenüber den Zivilisten im Donbas der Fall. Die Aktualisierung der Verbrechen des deutschen Vernichtungskrieges auf dem sowjetischen Gebiet soll russische Bürger emotional aufdrehen, und vor diesem emotionalen Hintergrund entwickelt sich die Berichterstattung über den Donbas. Die russische Armee, so der Kreml, kann historisch gesehen, nur die Rolle des Befreiers annehmen. Die dort ausgeübte Gewalt der russischen Soldaten, in Echtzeit überall zu sehen, kann man schwer mit solchen diffusen Projektionen wie Imperium legitimieren, viel mehr jedoch – in der Zeit, in der der Holocaust als beispielloses Verbrechen Kern der westlichen Identität ist – mit dem Begriff Genozid. Mir bleibt nur zu sagen, dass es eine neue viel gefährlichere Entwicklung ist, denn in Erinnerung an genozidale Verbrechen gibt es weder Vergebung noch Versöhnung.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>, Universität Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Der Essay entspricht einem Vortrag, den die Autorin am 19. Oktober 2022 im Internationalen Club La Redoute in Bonn-Bad Godesberg gehalten hat. Erstveröffentlichung im November 2022. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/">Zur Person der Autorin</a> siehe das Gespräch mit Norbert Reichel, das im Mai 2022 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> veröffentlicht wurde. Die Bilder von Arina Nâbereshneva, St. Petersburg, wurden von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt, Rechte bei der Künstlerin. Das Titelbild ist ein Ausschnitt ihres Bildes „Submissive Chain Swalloning“.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/imperialismus-nation-genozid/">Imperialismus, Nation, Genozid</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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