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	<title>DDR Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Oct 2026 05:02:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen „Häuser und Gesichter“ von Helga Paris – ein Gespräch mit Jule Schaffer „Und sie wird später berichten, wie sehr ihr Fremde hier entgegenkommen, von ihrer Kamera gesehen werden wollen. Als würden sie wissen, dass diese Fotografin die verschütteten Seinsmöglichkeiten eines Menschen auch in bedürftigen Lebenssituation  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen</strong></h1>
<h2><strong>„Häuser und Gesichter“ von Helga Paris – ein Gespräch mit Jule Schaffer</strong></h2>
<p><em>„Und sie wird später berichten, wie sehr ihr Fremde hier entgegenkommen, von ihrer Kamera gesehen werden wollen. Als würden sie wissen, dass diese Fotografin die verschütteten Seinsmöglichkeiten eines Menschen auch in bedürftigen Lebenssituation zu sehen vermag, sie wie Elke Erb es nennt, aus dem Objektsein erlöst.“ </em>(Inka Schube, Poetik des Dokumentarischen – Helga Paris, Fotografin, in: <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/component/virtuemart/helga-paris-h%C3%A4user-und-gesichter-halle-1983-85-detail?Itemid=208">Häuser und Gesichter Halle 1983-85, Fotografien von Helga Paris – Die Geschichte eines Fotoklassikers</a>, Band 36 der Schriften für das <a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/">Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)</a>, herausgegeben von Christian Philipsen u.a., Mitteldeutscher Verlag, 2026)</p>
<div id="attachment_8576" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8576" class="size-medium wp-image-8576" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-600x895.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-768x1145.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-800x1193.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-1030x1536.jpg 1030w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-1200x1790.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1.jpg 1341w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8576" class="wp-caption-text">Helga Paris: Selbstportrait, während ihrer Arbeit an der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85 © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p>Die Fotografin Helga Paris wurde am 21. Mai 1938 in Gollnow geboren, heute Goleniów in Polen, sie starb am 5. Februar 2024 in Berlin-Prenzlauer Berg. Im Sommer 2026 zeigte das Kunstmuseum Moritzburg Halle alle 101 Bilder der Serie „Häuser und Gesichter. Halle 1983—85“ von Helga Paris. Jule Schaffer hat diese Ausstellung kuratiert. Sie ist Kustodin der <a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/forschung-sammlungen/die-sammlungen/fotografie/">Sammlung Fotografie am Kunstmuseum Moritzburg</a> in Halle (Saale). Sie arbeitete zuvor einige Jahre bei der <a href="https://photographie-stiftungkultur.de/">Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur</a> in Köln. Die noch zu DDR-Zeiten gegründete Fotosammlung des Kunstmuseum Moritzburg beherbergt neben dem Archiv des Fotografen Hans Finsler viele Schätze der Fotografie aus der DDR, darunter etwa Sibylle Bergemann, Tina Bara, Evelyn Richter, Manfred Paul und Ulrich Wüst, um nur einige zu nennen.</p>
<p>„Häuser und Gesichter“ ist nicht nur Titel einer Fotoserie, sondern auch Programm eines Fotografierens, das Häuser, Plätze, Straßen und Gesichter, Städte und die in ihnen lebenden Menschen lebendig werden lässt, so wie sie eben sind. Menschen und Städte werden in den Fotografien von Helga Paris nahbar. Die Fotografien zeigen das Gesicht einer Stadt, die trotz architektonischem Verfall – wie der Maler, Drucker, Graphiker, Graphikdesigner und Bühnenbildner <a href="https://www.dnt-weimar.de/de/ueber-uns/ensemble-detail.php?PID=1367">Helmut Brade</a> (*1937) schrieb – sehr <em>„photogen“ </em>war und ist. Er sieht <em>„die schönsten Graus der Welt. Überall ist Zeichnung und Struktur, nirgends eine glatte Fläche. Welcher Reichtum, welche Eigenart.“</em></p>
<p>Zugleich bieten die Fotografien von Helga Paris einen spannenden und höchst differenzierten Einblick in die Alltagsgeschichte der DDR. Helga Paris arbeitete schon in früheren Projekten mit diesem Ziel, beispielsweise in den Serien „Müllfahrer“, „Möbelträger“, „Berliner Eckkneipen“, „Frauen im Bekleidungswerk VEB Treffmodelle“. Ihre Tochter Jenny pflegt in Berlin das <a href="https://helga-paris.de/">Helga-Paris-Archiv</a>, das zu Entdeckungsreisen in eine gar nicht so ferne Zeit einlädt. Halle an der Saale hat sich in den letzten 40 Jahren erheblich verändert, aber gerade angesichts dieser Veränderungen ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ eine Hommage an die Stadt und ihre Menschen.</p>
<h3><strong>Die wechselvolle Geschichte eines Ausstellungsprojekts</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Helga Paris. Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ wird ausgesprochen gut besucht. Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg wünscht in seinem Vorwort: <em>„Möge das Buch allen Hallenser*innen helfen, mit Stolz und Liebe auf ihre Stadt zu schauen und dies ihren Gästen zu vermitteln.“ </em>Und dies scheint zu gelingen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Auf jeden Fall. Es war von der Fotografin so intendiert und auch von uns. Die Bilder sind in Halle und für die Hallenserinnen und Hallenser etwas Besonderes. Sie zeigen Orte, an die sich viele Leute noch aus ihrer Kindheit erinnern. Sie spiegeln aber auch eine Zeit, an die sich andere nicht erinnern können, weil sie damals noch nicht geboren waren oder nicht in Halle lebten. Es ist daher aus doppelter Hinsicht interessant. Schon der Name Helga Paris hat einen besonderen Klang. Die Bilder waren lange Zeit nicht zu sehen, in Halle seit über 20 Jahren nicht mehr. Es ist eine Geschichte, die für die Menschen in Halle eine eigene persönliche Geschichte ist, aber auch paradigmatisch für die 1980er Jahre der DDR steht und insofern international interessant ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht alle liebten die Bilder. Die wechselvolle Editions- und Rezeptionsgeschichte der Bilder war auch eine Akzeptanzgeschichte.</p>
<div id="attachment_8581" style="width: 211px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8581" class="size-medium wp-image-8581" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-600x895.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-768x1145.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-800x1193.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1030x1536.jpg 1030w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1200x1789.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1374x2048.jpg 1374w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1717w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8581" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, 32,6 x 22 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Inventar Nr. mosph00265, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass / Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Die Bilder entstanden aus einer Idee, als sich Helga Paris mit dem Fotografenkreis um </em><a href="http://arnofischer.com/"><em>Arno Fischer</em></a><em> und </em><a href="https://sibyllebergemann.com/de"><em>Sibylle Bergemann</em></a><em> getroffen hatte. Eigentlich hatte Arno Fischer das Projekt angestoßen, als er vorschlug, die DDR einmal so zu fotografieren wie es die </em><a href="https://www.loc.gov/collections/fsa-owi-black-and-white-negatives/about-this-collection/"><em>Farm Security</em> A<em>dministration</em></a><em> (FSA) in den 1920er Jahren in den USA mit einem sozialdokumentarischen Blick getan hatte. Helga Paris fand die Idee inspirierend und sagte, sie nehme Halle. Aber warum Halle? In Halle hatte ihre Tochter Jenny damals eine Ausbildung als Goldschmiedin begonnen. Helga Paris wohnte in Berlin, aber hielt sich wegen ihrer Tochter in den Jahren 1983 bis 1985 immer wieder längere Zeit in Halle auf. Sie kannte Halle auch schon über Helmut Brade, mit dem sie befreundet war und der im Folgenden eine wichtige Rolle spielte.</em></p>
<p><em>Die Bilder sollten 1986 in der Galerie des Verbandes Bildender Künstler ausgestellt werden. Dazu kam es nicht, obwohl der Katalog schon gedruckt war und die Bilder schon fertig zur Hängung in der Galerie standen. Stein des Anstoßes war der kleine Katalog mit dem Titel „Häuser und Gesichter. Halle 1983-85 – Fotografien von Helga Paris“. Dieser Katalog war schon zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn fertig und machte in der Künstlerschaft die Runde. Plötzlich war man sich nicht sicher, ob das vermittelte Bild der Stadt mit ihrem architektonischen Verfall nicht zu Ärger führen würde. Sicherheitshalber wollte man sich den Katalog doch noch einmal offiziell freigeben lassen. Er landete auf dem Schreibtisch eines Parteifunktionärs der Bezirksleitung der SED, der wiederum Günther Kuhbach, den Leiter der Abteilung Kultur beim Rat des Bezirks Halle, involvierte. Damit setzte sich eine Bewertungsmaschinerie in Gang, und am Ende des Prozesses stand ein Ausstellungsverbot.</em></p>
<p><em>Es folgten diverse Gespräche zwischen Günter Gnauck, dem Leiter der Bezirksabteilung Halle des Verbands Bildender Künstler der DDR, der die Bilder in seiner Galerie ausstellen wollte, und Günther Kuhbach. Kuhbach fragte, ob der Verband erklären könne, warum solche Bilder, die doch sehr grau seien, ausgestellt werden sollten. Implizit vermutete man Kritik an der Städtebaupolitik der DDR, dabei war das in keinster Weise das Ansinnen der Künstlerin. Günther Gnauck argumentierte, die Bilder seien eigentlich eine Liebeserklärung einer Berlinerin an die Stadt Halle. Doch es half nichts, die Bilder konnten im Sommer 1986 nicht ausgestellt werden. Sicherlich war ein Grund auch die 1025-Jahrfeier der Stadt Halle, zu der viele externe Gäste erwartet wurden.</em></p>
<p><em>1987 gab es mehrere Versuche, die Bilder doch noch auszustellen. Helmut Brade hatte den Katalog überarbeitet. Dazu gibt es eine sehr schöne Anekdote. Er hatte in dem ursprünglichen Vorwort geschrieben: „Die Stadt ist grau, die Luft schwer, der Fluss dunkel.“ Bei der Überarbeitung macht er daraus: „Die Stadt ist zuweilen grau, die Luft manchmal schwer, der Fluss etwas dunkel.“ Eine minimalistische, fast schon störrische Überarbeitung. Es fiel noch ein weiterer Satz weg und einige Bilder sollten dazukommen. Der zweite Katalogentwurf wurde im Hintergrund erneut bewertet. Im Endeffekt ging er jedoch nicht durch. Es gab keinen Neudruck. </em></p>
<p><em>Die Bilder sollten einmal im Frühjahr 1987, dann noch etwas später ausgestellt werden. Das klappte beides nicht, kollidierte beispielsweise zum zweiten Termin mit den Händel-Festspielen. Auch ein dritter Versuch im Juli 1987 scheiterte, weil mit dem Verbot des überarbeiteten Katalogs auch die Ausstellung kippte. Im Sommer 1987 gibt es nach insgesamt vier Versuchen, die Bilder zu zeigen, also wieder de facto ein Verbot. Helga Paris ist empört, sie wendet sich an den Verbandspräsidenten Willi Sitte, der sich wiederum an den Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung wandte, Hans-Georg Böhme. Es ist anzunehmen, dass Böhme final die Entscheidung traf, die Bilder nicht zu zeigen. In öffentlichen Verlautbarungen kursierte jedoch die Formulierung, „die Stadtväter“ hätten die Ausstellung unterbunden. Es wollte wohl niemand die Verantwortung übernehmen. Wir haben auch Dokumente im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gefunden, das in die Vorgänge eingebunden war. Es war informiert, es gab Berichte über die gesamte Situation. Das ganze Vorgehen stieß seitens der Künstlerschaft auf sehr viel Unverständnis und führte zu einem großen Vertrauensverlust zwischen dem Verband Bildender Künstler und der Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes Halle. </em></p>
<p><em>Im Mai 1989 hatte Helga Paris dann eine kleine Ausstellung mit ihren Fotografien aus New York in der Burg-Galerie auf dem Boulevard (heute Leipziger Straße) in Halle. Auf dem Plakat, mit dem für diese Ausstellung geworben wurde, war ein Zitat von ihr abgedruckt: „Ich habe New York fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Halle fotografiert.“ Damit variiert sie einen Satz, den sie fünf Jahre zuvor ihren Halle-Bildern vorangestellt hatte: „Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Rom fotografiert.“ Für alle, die die turbulente Ausstellungshistorie der Bilder kannten, war das ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Dieser Wink führt vermutlich auch dazu, dass die Staatliche Galerie Moritzburg im Mai 1989 die 101 Fotografien aus Halle ankaufen kann. Man muss sich das vorstellen: Das Museum kauft noch zu DDR-Zeiten mit staatlichen Geldern die Fotos einer verbotenen Ausstellung! Das ist der Grund, warum wir heute die Abzüge dieser Bilder haben und sie zeigen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als es in der DDR schon erheblich gärte. Die SED-Führung verlor zunehmend den Kontakt und die Kontrolle. Anders wären auch die <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/290562/wahlbetrug-1989-als-die-ddr-regierung-ihre-glaubwuerdigkeit-verlor/">Fälschungen bei der Wahl vom 7. Mai 1989</a> nicht erklärbar gewesen.</p>
<div id="attachment_8577" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8577" class="size-medium wp-image-8577" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1024x707.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1200x829.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1536x1061.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8577" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Große Wallstraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Es gärte, ja. Im Herbst 1989 waren in der Burg-Galerie Bilder der Fotografin Konstanze Göbel zu sehen. Diese Fotografien sind sogar zum Teil radikaler als die von Helga Paris. Sie zeigen den Abriss ganzer Straßenzeilen, an denen Menschen vorbeieilen. Wir werden gleich noch darüber sprechen, wie es zu diesen Bildern kam. In den Zeitungen finden wir Kommentare, dass es der politischen Umbruchsituation geschuldet sei, dass die Bilder von Konstanze Göbel überhaupt gezeigt werden können. Im Herbst 1989, mitten im politischen Umbruch, ist dann die Lage auch so, dass man wieder plant, die Fotografien von Helga Paris auszustellen. Am 16. Januar 1990 ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter“ schließlich endlich in der Galerie Marktschlösschen zu sehen. Es ist wie ein Paukenschlag. Innerhalb von wenigen Wochen besuchen über 16.000 Menschen die Ausstellung. Das ist wahnsinnig viel. Und wenn man sich die Rezensionen in der Presse anschaut, sieht man, dass sehr viel darüber geschrieben wurde, <strong>dass</strong> die Bilder gezeigt werden, mehr als darüber, was auf den Bildern zu sehen ist. Der Akt des Zeigens steht für die Freiheit, etwas sehen zu können, das der Staat den Blicken zuvor entzogen hatte!</em></p>
<p><em>1991 erscheint die Publikation „Diva in Grau“. Jörg Kowalski und Dagmar Winklhofer geben im Mitteldeutschen Verlag eine Auswahl der Fotografien aus der Halle-Serie von Helga Paris heraus, kombiniert mit Texten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die eine besondere Verbindung zu Halle haben. Der Titel „Diva in Grau“ stammt von dem Schriftsteller </em><a href="https://www.literaturport.de/lexikon/detlef-opitz/"><em>Detlev Opitz</em></a><em> (*1956) und wird in der Folge geradezu zum Synonym der Bilder von Helga Paris. Wenn jemand „Diva in Grau“ sagt, wissen im Grunde alle, welche Bilder gemeint sind. Eigentlich ist es nicht der Ursprungstitel der Serie, aber es ist eine Art Chiffre, sowohl für die Bilder, als auch für die Stadt. Die Publikation ist sehr schnell ausverkauft, es gibt eine zweite und eine dritte Auflage, 2006 eine weitere Auflage. Die fünfte Auflage in der dritten Gestaltungsversion erscheint 2024, </em><a href="https://www.antenneac.de/artikel/kunstpreis-des-fotografie-forums-posthum-an-helga-paris-2105269"><em>als Helga Paris posthum, am 22. September 2024, den Fotografiepreis der Städteregion Aachen bekommt</em></a><em>. Das Buch hat ein eigenes Kultleben und ist jetzt schon wieder ausverkauft. Man bekommt es nur noch antiquarisch. </em></p>
<p><em>Wir haben das Format unseres Ausstellungskataloges an das Format von „Diva in Grau“ angepasst, aber wir zeigen das erste Mal <u>alle</u> 101 Bilder der Serie und haben den kleinen Katalog von 1986, der Stein des Anstoßes war, als Book in Book auf das Cover gesetzt, um auch visuell die vergangenen 40 Jahre zu verklammern. Diesen Sommer zeigen wir Helga Paris im Kunstmuseum Moritzburg, aber auch Konstanze Göbel im Literaturhaus in Halle. Wir haben das Programm mit der zeitgenössischen Position von Reiner Leist abgerundet, der ein </em><a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/reiner-leist-halle-360/"><em>360-Grad-Panorama auf dem Marktplatz von Halle</em></a><em> gemacht hat. Das Stadtmuseum hat sich mit einer fotografischen Ausstellung von </em><a href="https://www.reinhardhentze-photography.de/vita.html"><em>Reinhard Hentze</em></a><em> angeschlossen, sodass wir im Sommer 2026 einen ganzen Fotosommer mit fotografischen Positionen zur Stadt Halle gestalten konnten. </em></p>
<h3><strong>Porträts einer Stadt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sehen auf den Bildern Häuser, Straßenzüge, Menschen. Ich schlage vor, dass wir uns zunächst die Bilder anschauen, in denen die Stadt Halle mit ihren Plätzen, Straßen und Häusern die Hauptperson ist. Anschließend werden wir uns den Menschen widmen, die Helga Paris fotografiert hat.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Wir sehen Aufnahmen von Straßenzügen, in der Art eines Panoramas, Porträts von Menschen und Porträts von Häusern. Helga Paris hatte die Serie „Häuser und Gesichter“ als subjektives, atmosphärisch wirkendes Stadtbild angelegt. Sie wollte zeigen, wie sie die Stadt erlebte und sie wollte mit einem offenen Blick auf die Menschen zugehen, die sie fotografierte. Das sieht man ihren Bildern an. Aber man sieht auch – und das ist das Hauptproblem –, dass die Altbauten in Halle mittlerweile doch sehr verfallen waren. Halle sah in den 1980er Jahren aus wie eine Stadt kurz nach einem Krieg.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Oppositionellen kursierte der sarkastische Satz: <em>„Ruinen schaffen ohne Waffen“</em>. <em> </em>Im Zweiten Weltkrieg war in Halle relativ wenig zerstört worden.</p>
<div id="attachment_8573" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8573" class="size-medium wp-image-8573" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-768x511.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-800x532.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1024x681.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1200x798.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1536x1022.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8573" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Die Altbauten verfielen durch die fehlenden Sanierungsmaßnahmen der DDR-Führung. Dieser Verfall, diese Zerstörung zeigt sich auf den Bildern, auch bei Häusern, die eigentlich denkmalgeschützt sind. Man sieht beispielsweise ein solitäres Haus am Saalekanal mit offenem Dachstuhl an der Klausbrücke. Fotografisch ein sehr atmosphärisches Bild. Schaut man aus baulicher Perspektive, wird jedoch klar, das Haus verfällt von innen. Ist es einmal verfallen, kann man es abreißen, obwohl es denkmalgeschützt ist. Und ein solches Vorgehen gehörte durchaus zur Strategie der Stadtregierung, da man keine finanziellen Rücklagen hatte, um alle Häuser zu sanieren. Der Verfall war politisch gewollt, weil man – so ließe sich vereinfacht sagen – das Alte zerstören musste, um etwas Neues bauen zu können. Es gab entsprechende Bebauungspläne, man wollte neue Wohnungen, auch in der Innenstadt von Halle, bauen, in denen die Toilette nicht mehr auf dem Gang war und es nicht durchs Dach tropfte – aus städtebaulicher Perspektive sicherlich nachvollziehbar. Diese atmosphärischen Fotos konnten also – ungewollt – von der Stadtführung auch als Affront, als Kritik verstanden werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Titelbild dieser Dokumentation unseres Gesprächs zeigt meines Erachtens sehr schön die Widersprüche der Bebauungssituation in Halle. In der Mitte sieht man ein verfallendes altes Fachwerkhaus, das ausschaut, als würde es in den nächsten Minuten zusammenbrechen. Links sieht man den Rohbau eines Neubaus, eine Platte, wie wir sie aus vielen Stadtteilen in der DDR und im Westen kennen, die so konzipiert waren, dass man möglichst schnell möglichst viele Wohnungen schaffen konnte.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das Haus in der Mitte ist das Graseweghaus, ein Haus, das sogar in der DDR mehrfach saniert wurde, da es denkmalgeschützt war. Das Haus ist für die Stadtgeschichte wichtig. Der Architekt Wulf Brandtstetter hat dafür gesorgt, dass es erhalten blieb. Es ist die Gegend um den Markt herum. Man sieht auf der rechten Seite die beiden Türme der Marktkirche und im Hintergrund den roten Turm. Das Bild ist in seiner Geschichte interessant. Nachdem der Katalog verboten wurde, mussten sehr viele Leute, die in den Prozess involviert waren, eine Stellungnahme abgeben. In einer Stellungnahme befindet sich auch dieses Bild und es heißt, dieses Bild zeige eine Umbruchsituation, in der etwas Neues entstehe. Wenn wir uns das Bild heute anschauen, sehen wir einen doch noch sehr schwierigen Zustand des Graseweghauses. Dieses steht durchaus symbolisch für den Zustand der Altstadt von Halle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://verliebtinhalle.de/location/graseweghaus">Im Internet zeigt das heutige Stadtmarketing schöne Bilder, wie das Haus heute ausschaut</a>. Dieses Bild war aber nicht der Grund dafür, dass die Ausstellung verboten wurde.</p>
<div id="attachment_8572" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8572" class="size-medium wp-image-8572" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-600x896.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-686x1024.jpg 686w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-768x1146.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-800x1194.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1029x1536.jpg 1029w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1200x1791.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1372x2048.jpg 1372w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1715w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8572" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), , Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Wenn man sich das Bild eines Hauses an der Klausbrücke anschaut, versteht man, welchen Nerv Helga Paris getroffen hat. Man muss wissen, dass die Ausstellung vom 24. Juni bis zum 17. Juli 1986 in der Galerie „Am Marktschlösschen“ gezeigt werden sollte, einer Galerie des Verbandes. Marktplatz und Boulevard waren schon relativ schick gemacht worden, denn es sollte zum selben Zeitpunkt die 1025-Jahrfeier zum Bestehen der Stadt Halle stattfinden. Zu diesem Anlass erwartete man auch viele internationale Gäste in der Stadt. Wenn man sich vorstellt, dass diese Bilder, wie beispielsweise das Bild von der Klausbrücke, oder auch andere Bilder wie das Händeldenkmal auf dem Markt im dicken Dunst, von internationalen Gästen gesehen werden konnten, war dies problematisch, weil sie den Blick auf die schwierige architektonische Situation in der Stadt lenkten. Der dicke Dunst rührt daher, dass überall in der Stadt – wie auch überall in der DDR – mit Braunkohle geheizt wurde, auch in den Geschäften. Auf dem Bild ist kein atmosphärischer Nebel zu sehen, sondern ein die Lungen schädigender Braunkohlenebel, der sich über die Stadt legte, gerade in den Herbst- und Wintermonaten. Wir haben auch das Industriegebiet Buna-Leuna in der Nähe. Es gab Schaumkronen auf den Flüssen. Jenny Paris beschreibt den krassen Phenolgeruch, der über der Stadt lag. Die Luft war gelbschweflig. Das sieht man auf dem Bild mit dem Händeldenkmal.</em></p>
<p><em>Solche Bilder führten im Grunde auch das Versagen der Stadtoberen vor Augen. Wenn heute vor allem ältere Leute durch die Ausstellung gehen, höre ich sie sagen: „genauso wars“.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sehen das Bild nicht nur, ich denke, sie riechen es auch. Ich gestehe, es geht sogar mir so. Ich komme aus dem Westen, aber den Geruch, den ich 1990 bei meinen ersten Besuchen im Osten, jenseits von Ost-Berlin, auch in Halle, in der Nase hatte, wurde ich nicht mehr los. Heute ist Halle eine wunderbare Stadt. Ihr Katalog enthält auch einen Stadtplan, mit dem man alle fotografierten Häuser finden kann, um zu sehen, wie sie heute ausschauen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Alles was bei Helga Paris grau ist, ist heute frisch saniert. Manche sagen auch totsaniert. Es ist eine sehr lebenswerte, sehr grüne Stadt geworden. Gerade wenn man die Stadt heute im Abgleich mit den Bildern der 1980er Jahre sieht, müsste man eigentlich merken, was sich alles zum Positiven gewendet hat, wie die Lebensqualität in der Stadt gestiegen ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist wichtig, dass wir das auch immer wieder sagen. Es ist wirklich sehr viel getan worden. Vielleicht darf ich auf eine Kuriosität hinweisen, die so kurios gar nicht ist: In seinem Buch <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/monchi-jenseits-der-brandmauer-9783462055306">„Jenseits der Brandmauer“</a> weist <a href="https://www.feinesahnefischfilet.de/">Jan „Monchi“ Gorkow</a> darauf hin, dass <a href="https://www.andreas-dresen.de/Willkommen.html">Andreas Dresen</a> für bestimmte Aufnahmen in seinem Film <a href="https://www.gundermann-derfilm.de/">„Gundermann“</a> ins Ruhrgebiet ausweichen musste, weil er in Ostdeutschland keine passenden Stadtteile mehr fand.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das kann ich mir vorstellen. Es hat sich hier im Osten seit 1990 wahnsinnig viel getan. Das wird oft vergessen und gehört aber zur Erzählung dazu. Wenn man die Bilder von Helga Paris in Halle zeigt, wird das im direkten Abgleich mit der Stadt besonders deutlich.</em></p>
<h3><strong>Konstanze Göbel – (k)ein Konstrastprogramm</strong></h3>
<div id="attachment_8585" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8585" class="size-medium wp-image-8585" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-400x277.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-600x416.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-768x533.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-800x555.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1024x710.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1200x832.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1536x1066.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8585" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch, 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die SED-Bezirksleitung hat nicht nur befunden, dass die Bilder von Helga Paris nicht ausgestellt werden durften. Sie hat zudem eine Art Gegenauftrag an <a href="https://literaturhaus-halle.de/events/vernissage-der-ausstellung-konstanze-goebel-halle-im-umbruch-1987-1989/">Konstanze Göbel</a> vergeben. Sie zeigen in der Ausstellung der Bilder von Helga Paris auch Bilder von Konstanze Göbel. Wo liegt der Unterschied?</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Man muss genauer differenzieren, was passiert ist. Im Sommer 1986 wurde der erste Ausstellungstermin der Bilder von Helga Paris von den „Stadtvätern“ verboten. Maßgeblich war – wie gesagt – Günther Kuhbach. Er war das ausführende Organ für diverse Haltungen von Seiten der SED-Bezirksleitung, des Oberbürgermeisters, des Stadtarchitekten. Kuhbach hat mit sehr vielen verschiedenen Leuten gesprochen. Und das schlägt sich in einer Formulierung nieder: Es ist die Rede von „den Stadtvätern“, hinter denen sich einzelne Verantwortliche verstecken konnten. Dem Verband wurde nahegelegt, „die Ausstellung auf Empfehlung der Stadtväter“ nicht zu zeigen. Zunächst sollte die Ausstellung jedoch nur verschoben werden. Man suchte auch das Gespräch mit Helga Paris. Sie war sehr empört, sagte auch, dass sie von überall aus der DDR Anfragen bekommen habe, welch feindliche Bilder sie gemacht hätte. Sie ist aber vor allem auch darüber empört, dass nicht einmal die Porträts gezeigt werden dürfen. Die porträtierten Menschen hätten ihr ihr Vertrauen geschenkt, und sie findet es absolut beschämend, diese Bilder nicht zu zeigen. </em></p>
<p><em>Ende 1986 geschehen zwei Dinge: Zum einen spricht Günther Kuhbach erneut mit Helga Paris und deutet an, wenn sie möchte, könnte man die Ausstellung vielleicht mit einem erweiterten Katalog ein Jahr später zeigen. Dass und warum es nicht dazu kam, habe ich eben schon erzählt. Es passierte jedoch auch noch etwas anderes: Günther Kuhbach folgt einem Vorschlag von Helmut Brade, der zu dieser Zeit ein bekannter Plakatgestalter in Halle ist, Mitglied im Verband Bildender Künstler und mit Helga Paris befreundet. Er hatte den Katalog gestaltet, brachte aber noch eine andere Sache mit ins Spiel. Er sagte, dass der gesamte architektonische Umbruchprozess in der Stadt, also von alt zu neu, künstlerisch-dokumentarisch begleitet werden müsste, zum einen mit der Ausstellung von Helga Paris, zum anderen vielleicht mit einem ergänzenden anderen Projekt. Günther Kuhbach verbietet mit der einen Hand die Ausstellung der Bilder von Helga Paris. Mit der anderen Hand geht er auf den Verband Bildender Künstler zu und schlägt vor, einen weiteren Auftrag zur fotografischen Dokumentation zu vergeben. Helmut Brade stimmt zu, er kenne eine junge Fotografin, Konstanze Göbel. </em></p>
<p><em>Konstanze Göbel wurde am 3. August 1950 in Leipzig geboren, sie war Mitglied im Verband Bildender Künstler in der Sektion Gebrauchsgraphik. Sie wohnte damals in Halle, hatte mehrere Kinder. Günther Kuhbach kommt mit Konstanze Göbel ins Gespräch. Gewünscht wird, dass eine Fotodokumentation die gesamte Umbruchsituation in Halle von 1987 bis 1989 aufnehmen solle. Konstanze Göbel soll mit einem Fokus auf das Positive fotografieren, das Neue zeigen, die sozialistische Rekonstruktion des Stadtkerns, und wo es möglich sei, Altes und Neues miteinander verschmelzen und die Gestaltung neuer Bauten in einem guten Licht darstellen. Konstanze Göbel nimmt den Antrag an, macht aber etwas sehr Geschicktes. Sie erbittet einen monatlichen Zuschuss, um arbeiten zu können. Diese Bitte wird zunächst abgelehnt. Sie ist schon im Gehen begriffen, Günther Kuhbach ruft sie zurück und stimmt dann doch zu. Zudem gelingt es ihr, in den beiden Jahren keine einzige Arbeitsprobe einzureichen. Sie sagt, sie wolle nur etwas Fertiges einreichen, keine halben Sachen, und verschiebt den Abgabetermin immer weiter. Ein grandioser Schachzug.</em></p>
<div id="attachment_8584" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8584" class="size-medium wp-image-8584" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-300x204.jpg" alt="" width="300" height="204" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-600x407.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-768x522.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-800x543.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1024x695.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1200x815.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1536x1043.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8584" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel</p></div>
<p><em>Konstanze Göbel fotografiert also ebenfalls in Halle. Sozialistisch sind ihre Fotografien jedoch nicht. Wie sie das macht, ist vielmehr sehr radikal und wirkt auch viel radikaler als die Bilder von Helga Paris. Sie fotografiert zu einem Zeitpunkt, zu dem viel mehr Abriss in der Stadt stattfindet. Das Reep-Optik-Haus auf diesem Bild war ein sehr wichtiges Haus in Halle an der Ecke Moritzburgring / Geiststraße. Das Reep-Optik-Haus sollte nach Wunsch der Stadtbevölkerung erhalten bleiben. Es gab Proteste. Das passt nicht in die Abrisspläne der Stadt und tatsächlich wird es dann an einem frühen Morgen, als gerade keine Protestbewegung vor Ort ist, abgerissen. Wir sehen auf dem Bild den offenen Dachstuhl von außen. Es gibt auch ein Bild, in dem Konstanze Göbel die Innenansicht des Hauses zeigt, also von innen auf die Kreuzung fotografiert. Sie erweist sich selbst als Dokumentaristin der Stadt und zugleich als Bewohnerin der Stadt, die direkt von all diesen Maßnahmen, dem Verlust der historischen Substanz, der Identität der Stadt betroffen ist. Nur am Rande: Unser Katalog zu den Bildern von Konstanze Göbel war schon zur Halbzeit der Ausstellung ausverkauft.</em></p>
<h3><strong>Die Porträtkünstlerin Helga Paris</strong></h3>
<div id="attachment_8570" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8570" class="wp-image-8570 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-800x537.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1024x687.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1536x1031.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8570" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Fotografin Helga Paris war Autodidaktin. Inka Schube hat in Ihrem schönen Katalog beschrieben, dass sich Helga Paris an Filmen des italienischen Neorealismo der 1950er und 1960er Jahre orientierte, an Vittorio de Sica, dem jungen Visconti, den frühen Filmen von Fellini oder auch Pasolini. In diesen Filmen sehen wir – in schwarz-weiß – ähnliche Landschaften wie in den Bildern von Helga Paris. Ein zweites Vorbild sei Francis Bacon (1909-1992) gewesen. Darüber habe ich mich zunächst gewundert, aber auf der anderen Seite wurde mir schnell klar, dass die Art und Weise, wie Bacon Menschen künstlerisch sezierte, durchaus der Art und Weise entspricht, wie Helga Paris die Gebäude und Straßen der Stadt Halle seziert. Allerdings begleitet sie die Menschen, die sie fotografiert, eher liebevoll. Das würde ich von der Art und Weise, wie Bacon Menschen malt, eher nicht sagen wollen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Helga Paris ist eine Fotografin, die eigentlich über die Kunst, das Kino und das Theater zur Fotografie kam. Sie hat keine klassische fotografische Ausbildung gemacht, auch nicht Fotografie an der HGB, der </em><a href="https://www.hgb-leipzig.de/"><em>Hochschule für Grafik und Buchkunst</em></a><em>, in Leipzig studiert. Sie war in Gollnow geboren, flüchtete im Kindesalter mit ihrer Mutter gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach Zossen, wo sie dann aufgewachsen ist, war also – wie man das in der DDR nannte – eine „Umsiedlerin“. Sie wächst in einem Haushalt auf, der von starken Frauenpersönlichkeiten geprägt war. Eine ihrer Tanten fotografierte. Helga geht jedoch einen anderen Weg und beginnt ein Studium zur Textilgestaltung in Berlin, arbeitet anschließend als Kostümbildnerin im Theater. Sie lernt den Maler </em><a href="http://www.ronaldparis.de/"><em>Ronald Paris</em></a><em>, ihren späteren Ehemann kennen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir die Anmerkung, dass sich in der Motivwahl und der Art der Darstellung der Bilder von Ronald und der Fotografien von Helga Paris eine Menge Parallelen finden, vielleicht auch Einflüsse. Hier kommen wir dem Vorbild – wenn man es so nennen möchte – Francis Bacon auch schon näher.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>In jedem Fall liegen ihre künstlerischen Vorbilder eher in der Kunst als in der klassischen Fotografie. Francis Bacon fasziniert sie, weil er etwas darstellt, das eher im Inneren stattfindet, nicht die äußere Hülle dokumentarisch erfasst, sondern das, was darunter liegt, in seinen Bildern Ausdruck verleiht. </em></p>
<div id="attachment_8578" style="width: 211px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8578" class="size-medium wp-image-8578" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-600x896.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-686x1024.jpg 686w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-768x1147.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-800x1194.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1029x1536.jpg 1029w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1200x1792.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1372x2048.jpg 1372w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1715w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8578" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale),  Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><em>Gleichzeitig wird für sie das italienische Kino relevant. Das hat Inka Schube in der Einleitung zum Katalog sehr schön herausgearbeitet. Ich darf erwähnen, dass Inka Schube eine sehr versierte Kennerin des Werks von Helga Paris ist. Sie hat schon 2004 </em><a href="https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/detail/helga_paris_fotografien_1974_2004.html"><em>eine große Publikation über Helga Paris herausgegeben</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Helga Paris beginnt zu fotografieren, als ihre Kinder geboren werden und sie deren Alltag dokumentiert. Das macht sie aber in einer Art und Weise, die von Anfang an eine gewisse Atmosphäre mit einem sehr offenen Blick einfängt, auch mit den Menschen im Umfeld. Ein befreundeter Regisseur sagt ihr, sie solle sich der Fotografie näher widmen. Und das tut sie. Sie fotografiert immer mehr und erarbeitet sich die Grundlagen in einem kleinen Labor in Berlin. Sie wird relativ schnell Mitglied im Verband Bildender Künstler und erhält so eine Steuernummer, was die Voraussetzung ist, um frei auf Rechnung arbeiten zu können. Sie ist in der Berliner Kunst- und Fotografieszene sehr vernetzt.</em></p>
<p><em>Aus meiner Sicht zeigt sich in ihrer Arbeit, dass sie nicht eine bestimmte Tradition verfolgt oder sich selbst in eine solche einordnet, sondern sich ganz stark aus einem künstlerischen Verständnis, der Malerei, dem Kino speist. Es geht ihr um die offene Begegnung, sie will zeigen, was unter der Oberfläche liegt. Es gibt einen sehr schönen Brief von ihr an Christa Wolf, in dem sie schreibt, dass sie sehr von </em><a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/maxie-wander/"><em>Maxie Wanders Buch „Guten Morgen du Schöne“</em></a><em> fasziniert ist, das erstmals im Jahr 1977 erschien und bis heute zahlreiche Auflagen verzeichnete. Maxie Wander hatte in diesem Buch Interviews mit verschiedenen Frauen aufgezeichnet. Helga Paris dachte, es müsse doch auch mit der Fotografie möglich sein, eine solche Fülle von Leben abzubilden. Das ist ihr meines Erachtens auch in ihren Porträts gelungen. Sie gibt viel Leben mit, das die Menschen ihr zeigen. Es liegt natürlich auch in unseren Augen, wenn wir die Bilder betrachten, welche Geschichten wir daraus ableiten. Ihre Porträts sind schon sehr besondere fotografische Bilder.</em></p>
<p><em>Sie fotografierte viel in ihrem Milieu, ihrem Wohnumfeld. Sie hat in Berlin beispielsweise Müllwerker und in Berliner Eckkneipen fotografiert. Interessanterweise zeigt sich das Sujet auch in ihren Fotografien aus Halle. In diesem Bild sehen wir vier Müllwerker aus Halle. Diese Halle-Serie ist sicherlich nicht zuletzt durch die Verbotsgeschichte eine ihrer bekanntesten Serien geworden, auch durch die Publikation „Diva in Grau“, die sicherlich bekannteste Publikation ihrer Bilder.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist schade, dass man diese Publikation nur noch antiquarisch zu – ich sage es einmal so – Mondpreisen erhält. Aber wir sind jetzt bei dem zweiten Themenbereich der Bilder gelandet, den Porträts, die aber in der Verbotsgeschichte keine Rolle spielten. Meines Erachtens verbindet sich da aber auch etwas sehr schön, die Häuser und Straßen der Stadt und die Menschen, die dort leben.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Es verbindet sich die Frage, wie die Menschen die Stadt gestalten, mit der Frage, wie die Stadt die Menschen prägt. Diese wechselseitigen Einflüsse machen die Qualität der Fotografien von Helga Paris aus. Sie begegnet den Menschen mit einem offenen Blick und bietet ihnen eine Bühne. So entsteht tatsächlich eine gemeinsame Hommage an die Stadt und die Menschen. Gerade das Bild mit den vier Müllwerkern ist eines meiner Lieblingsbilder. Sie stehen da wie aus einem Hollywood-Western entsprungen, wie in einer kurzen Drehpause, ganz entspannt mit ihren Zigaretten. Allen Menschen, die Helga Paris zeigt, gibt sie eine große Würde. Sie diffamiert niemanden, im Gegenteil, sie versucht den ganzen Menschen zu zeigen, auch hinter der Maske, die ja doch viele tragen. </em></p>
<p><em>Helga Paris sagt selbst, dass es ihr gar nicht so leichtgefallen ist, auf Menschen zuzugehen und sie darum zu bitten, sich fotografieren zu lassen. Sie sagt, dass sie in einer guten Verfassung sein musste, um diesen Schritt zu wagen. Sie hat immer versucht, einen Moment abzupassen, in dem die Leute nicht darüber nachdachten, wie sie sich präsentieren wollten, den kurzen Moment vor der zu bewussten Selbstinszenierung. </em></p>
<p><em>Ihre Tochter Jenny hat mir erzählt, dass dieses Bild entweder direkt, unmittelbar bei der Begegnung, entstand, oder dass erst ein längeres Gespräch stattfand, in dessen Verlauf man gar nicht mehr merkte, dass man fotografiert wurde. Beides sind Fähigkeiten, die Helga Paris auszeichnen. </em></p>
<div id="attachment_8569" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8569" class="size-medium wp-image-8569" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-400x268.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-600x402.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-768x515.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-800x536.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1024x686.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1200x804.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1536x1029.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8569" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt vielleicht das Titelbild des Katalogs.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das ist eine junge Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist. Sie ist vor der Marktkirche in Halle fotografiert worden, die links zu sehen ist. Das Bild war auch tatsächlich das Cover des kleinen Katalogs von 1986, der das Verbotsverfahren ausgelöst hatte. Wir haben uns entschieden, dass wir das Cover von 1986 auch auf den Katalog von 2026 setzen, um so die Geschichte der 40 Jahre zu dokumentieren. Der kleine Katalog von 1986 hat auch historisch eine besondere Bedeutung. Er ist kaum noch irgendwo zu bekommen, allenfalls antiquarisch. Der Katalog wurde 1986 in einer Auflage von 1.000 Stück produziert. Es gibt ein Gerücht, dass die Restauflage, als der Rat den Katalog eingezogen hatte, zerstört worden wäre. Dieses Gerücht stimmt nicht. Die Restauflage wurde nicht zerstört. Als dann die Ausstellung im Jahr 1990 zu sehen war, wurden die Kataloge vom Rat des Bezirks wieder freigegeben. Es gab sogar einen unveränderten Nachdruck. Die beiden Kataloge unterscheiden sich nur dadurch, dass der von 1990 einen Klappumschlag hat und der Verlagsort ein anderer ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Titelbild des Katalogs ist meines Erachtens ein sehr typisches Bild aus den Arbeiten von Helga Paris. Die junge Frau entfernt sich völlig in der Art, wie sie sich zeigt, aus der Umgebung, in der sie sich befindet. Ein wenig schaut es aus, als habe sie sich für die Fotografien zurechtgemacht, gehöre aber eigentlich gar nicht in das Ambiente. Ich schließe das aus der Art, wie sie sich frisiert und geschminkt hat, mit Schleife im Haar. Sie signalisiert viel Zuversicht. Vielleicht träumt sie, einmal eine berühmte Hollywood-Schauspielerin zu werden, und schaut einfach nur in eine ihrer möglichen Zukünfte, die ihr im Augenblick des Fotografierens aber real erscheinen. Vielleicht war sie im wirklichen Leben eine Verkäuferin oder arbeitete in einem Kindergarten? Wir wissen es nicht und es ist schade, dass sich diese Frau nicht gemeldet hat, als Sie die Ausstellung beworben haben. Aber wahrscheinlich weiß sie gar nichts davon, weil sie schon lange nicht mehr in Halle lebt. Heute wären solche Fotografien aus rechtlichen Gründen kaum noch möglich.<em>  </em></p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>:<em> Helga Paris hat sich oft notiert, wer die fotografierten Personen sind, hier wissen wir es jedoch nicht. Während der Ausstellung kamen manche Personen selbst oder Menschen, die sie kannten, als ehemalige Schulfreunde zum Beispiel, und erzählten uns, wer auf dem Bild zu sehen war. Das ist für uns natürlich sehr interessant, aber wir wissen es nur bei wenigen Leuten sicher genug, um es auch öffentlich zu kommunizieren. Zumal es für das Konzept der Serie nicht relevant ist, da es nicht um die einzelnen Identitäten der Personen geht, sondern um die Gesamtwahrnehmung einer Stadt und ihrer Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mit Jenny Paris (*1964), der Tochter von Helga Paris, gesprochen. Jenny Paris arbeitet als Schmuckdesignerin. Das Gespräch mit Jenny Paris hat eine meines Erachtens sehr treffende Überschrift: „Wir selbst sind die Stadt“. Es offenbart all die ambivalenten Gefühle, die wir auch bei anderen Menschen, gleichviel aus welcher Perspektive, zu der Welt der 1980er Jahre in der DDR finden.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Jenny Paris lebt jetzt in der Wohnung ihrer Mutter im Prenzlauer Berg. Sie pflegt und verwaltet das Archiv der Bilder. Sie sagte in unserem Gespräch, dass das Leben in den 1980er Jahren in Halle nicht leicht gewesen sei: „Damals in meiner Lehrzeit, drückte Halle sehr auf meine Seele. Meine Erfahrung der Einsamkeit wurde verstärkt durch die Umweltbelastung – diese Braunkohle, diesen Geruch, die Verwahrlosung der Stadt…“. Gleichzeitig spricht sie davon, dass es leicht war, in der „Kunstszene in Halle“ Freundschaften zu knüpfen, es war eine „familiäre Atmosphäre“. Wir haben in Halle eine Kunstgewerbeschule, die </em><a href="https://www.burg-halle.de/"><em>Burg Giebichenstein</em></a><em>. Wir haben auch mit der Staatlichen Galerie Moritzburg, heute Kunstmuseum Moritzburg, ein staatliches Kunstmuseum. Es gab in den 1980er Jahren eine sehr lebendige Kunstszene, die aber klein genug war, um eben familiär zu sein. Das spiegelt sich auch in der städtischen Szene. Jenny Paris sagte, man musste nur in die Gose gehen, eine Kultkneipe, da kannte man eigentlich alle. Sie war damals sehr jung und die Kunstszene gab ihr einen Anker. Das war anders als in Berlin, wo man dazugehören musste. In Halle waren die Menschen in ihrer Wahrnehmung sehr offen. All das spiegelt sich in den Bildern ihrer Mutter. Sie sind somit beides. Ein Zeitzeugnis, aber auch die individuelle, seismographische Wahrnehmung einer Künstlerin, die einer Stadt und ihren Menschen genauso offen begegnete, wie sie ihr.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2026. Titelbild: Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris. Der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt gilt der herzliche Dank dafür, dass die Bilder in diesem Beitrag gezeigt werden dürfen.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Partei hat immer recht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Oct 2026 06:49:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Partei hat immer recht Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung über die SED im Alltag der DDR „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“ Anfang der 1970er Jahre geisterte eine neue Losung durch die Medien der DDR: „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“ Das war die Aufforderung an alle SED-Mitglieder, stets  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Partei hat immer recht</strong></h1>
<h2><strong>Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung über die SED im Alltag der DDR</strong></h2>
<p><em>„Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“</em></p>
<p>Anfang der 1970er Jahre geisterte eine neue Losung durch die Medien der DDR: <em>„Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“</em> Das war die Aufforderung an alle SED-Mitglieder, stets als Genosse aufzutreten – am Arbeitsplatz, im Wohngebiet, in der Freizeit, in den Elternvertretungen der Schulen und selbst in der Familie. An die <em>„Nicht-Genossen“</em>, diesen Begriff gab es tatsächlich im Sprachgebrauch der DDR, war der Slogan teils Angebot zu einem vertrauensvollen Miteinander, teils Drohung, dass die wachsamen Genossen alles im Blick und natürlich auch im Griff haben. Die SED sollte kein unpersönlicher Machtapparat sein, sondern durch die Allgegenwart ihrer Mitgliederschaft mitten im Leben stehen.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-8559 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-723x1024.jpg 723w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-768x1087.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-800x1133.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1085x1536.jpg 1085w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1200x1699.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1447x2048.jpg 1447w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-scaled.jpg 1808w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" />Die Losungen kamen und gingen. Der Anspruch auf Dominanz aller gesellschaftlichen Bereiche aber zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der SED. Deswegen war es auch die Grundidee der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/die-sed-im-alltag-der-ddr">Plakatausstellung „Die Partei hat immer recht“</a>, weniger die Geschichte und die Strukturen der SED in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Frage, wie sich die Macht der Partei im Alltag manifestierte.</p>
<h3><strong>Macht und Alltag</strong></h3>
<p>Die Parteigeschichte und die Mechanismen der Machtausübung sind ausführlich beschrieben worden. Es gibt zu diesen Themen Quelleneditionen, akademische Einzelstudien, biographische Handbücher und Autobiographien. Dennoch ist es für Außenstehende und Nachgeborene oft schwer nachvollziehbar, welch dominante Rolle die Partei im Alltag und im Leben der einzelnen Bürger spielte. So ist es beispielsweise schwierig zu verstehen, wie schwerwiegend die Entscheidung war, in die SED einzutreten oder eben auch nicht einzutreten. Mit Parteien in anderen politischen Systemen ist das nicht ohne weiteres gleichzusetzen, schon gar nicht mit Parteien in einem pluralistischen und demokratischen System. Ebenso schwer ist es, die mythische Aura zu erklären, mit der sich die Partei umgeben hat und die sich in Liedern manifestiert, wie die im Ausstellungstitel zitierte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=iWJb_Y35O5A&amp;list=RDiWJb_Y35O5A&amp;start_radio=1">Parteihymne von Louis Fürnberg und Hans Eisler</a>.</p>
<p>Einige Grundthesen lohnt es sich vielleicht noch einmal in die Debatte einzubringen, zumal gegenwärtig eine totale Verharmlosung, sogar Verklärung des SED-Staates um sich greift. Selbst die heute mancherorts zu hörende Redensart, die herrschende angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Einseitigkeit der politischen Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien würden an die DDR erinnern, ist dem Wesen nach eine Verharmlosung des SED-Staates und ihrer allgegenwärtigen Partei.</p>
<p>Die DDR wird oft als SED-Diktatur oder als SED-Staat definiert. Das war angesichts der führenden Rolle der Partei, die ja sogar im Artikel 1 des ersten Kapitels der <a href="https://www.verfassungen.de/ddr/verf68.htm">Verfassung der DDR von 1968</a> festgeschrieben war, auf keinen Fall falsch. Doch spielten mehrere andere Machtfaktoren eine wichtige Rolle: Der Staatsapparat mitsamt der Justiz, Polizei, Militär, auch die so genannten Blockparteien und Massenorganisationen und nicht zuletzt die Stasi waren wichtige Träger des Systems.</p>
<p>Doch die SED war in der Tat viel stärker im Alltag sichtbar als die anderen Säulen der Macht. Die anderen, so wichtig sie waren, agierten im Dunklen oder fernab der Lebenswirklichkeit der Normalbürger. Das betraf insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die so genannte Stasi. Niemand wusste, was sie eigentlich trieb, und die es wussten, schwiegen. Die Nationale Volksarmee (NVA) führte mit ihren Berufssoldaten und Offizieren in den Kasernen ein Eigenleben. Wer den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, schüttelte sich wie ein nasser Pudel und vergaß die groteske Welt des Militärs. Die Angehörigen der Volkspolizei (VP) wurden eher als Witzfiguren wahrgenommen. Jedenfalls konnte man ganze Abende mit Polizistenwitzen bestreiten. Die Massenorganisationen und Blockparteien waren im Alltagsleben präsent, aber völlig machtlos.</p>
<p>Die SED dagegen war allgegenwärtig, allwissend und allmächtig. Sie entschied früh über Laufbahnen und berufliche Chancen. In den Betrieben und wissenschaftlichen Instituten wurden alle Entscheidungen von den zuständigen Parteileitungen bestimmt oder zumindest abgesegnet. Die Parteigremien hatten bei allen Kaderfragen, das heißt bei Personalentscheidungen, das erste und das letzte Wort. Das gleiche galt für die Programme der Theater, Filmstudios, Zeitungsredaktionen und Verlage. Vom Politbüro bis hinunter in die kleinste Abteilungs- oder Betriebsparteiorganisation funktionierte eine Doppelstruktur aus Partei und staatlicher beziehungsweise militärischer Leitung. In der Regel waren die staatlichen Leiter in Betrieben und Institutionen Mitglied der Parteileitung. So bildeten Staat und Partei ein festes Amalgam. Die oberste Loyalität der bewaffneten Organe galt ohnehin der Partei. Das MfS sah sich als <em>„Schild und Schwert der Partei“</em>. Auch die NVA war eine Armee der Polizei. Faktisch alle Offiziere waren Mitglieder der SED, obwohl das nirgendwo festgeschrieben war. Doch formal war der Generalsekretär der SED als Vorsitzender des Verteidigungsrates der Oberkommandierende aller Streitkräfte. Auch auf Bezirksebene hatte der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung die Befehlsgewalt über alle bewaffneten Formationen des Staats.</p>
<p>Die Funktionsweise dieser totalen Macht lässt sich als eine Art heiliger Dreieinigkeit aus Ideologie, Macht und Privilegierung beschreiben. In dieser Kombination war die Macht der Partei so standfest wie ein dreibeiniger Tisch, der nicht wackelt, so uneben der Untergrund auch sein mag. Daraus folgte aber auch, dass der Zusammenbruch den Gesetzen der Statik zufolge unausweichlich war, sobald eine der Stützen wegbrach.</p>
<h3><strong>Der ideologische Kanon</strong></h3>
<div id="attachment_8560" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8560" class="size-medium wp-image-8560" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-300x238.jpg" alt="" width="300" height="238" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-200x159.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-300x238.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-400x317.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-600x476.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-768x609.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-800x634.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1024x812.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1200x951.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1536x1218.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8560" class="wp-caption-text">Das Schlusswort auf dem Bezirksparteitag der SED im Palast der Republik hielt das Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin, Horst Dohlus. Im Präsidium Erhard Krack, Günter Schabowski. © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p><em>„Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“</em> schrieb Wladimir Iljitsch Lenin der Theoretiker und Führer der russischen Oktoberrevolution, in seiner Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ (W.I. Lenin, Werke, Bd.19, Berlin (DDR) 1977).</p>
<p>Auf diesen simplen Zirkelschluss war die gesamte Philosophie des Marxismus-Leninismus aufgebaut. Die Werke der Klassiker Karl Marx, Friedrich Engels und W.I. Lenin hatten kanonischen Rang. Obwohl Marx in einem innerfamiliären Fragespiegel den Spruch <em>„De omnibus dubitandum“</em> (An allem ist zu zweifeln) als sein Lieblingsmotto angegeben hatte, durfte an seinen Theorien nicht gezweifelt werden. Jedenfalls hatten es die herrschenden kommunistischen Parteien nach ihrer Machtergreifung so verfügt. Allerdings drehten und wendeten sie die Thesen der Klassiker nach Bedarf und kehrte manche Zitate oder sogar ganze Schriften unter den Teppich wohlmeinenden Vergessens. Das galt für die herabwürdigenden <a href="https://schmetterling-verlag.de/produkt/marx-gegen-moskau/">Äußerungen von Marx über Russland</a> ebenso wie für seine antisemitischen Tiraden.</p>
<p>Für den Erhalt der reinen Lehre war die oberste Parteiführung zuständig. Dazu verfügte sie über eigene Institutionen, wie das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und die Parteihochschule nebst Bezirks- und Kreisparteischulen.</p>
<p>Diese Einrichtungen sorgten sich um die Schulung der Parteikader, wachten aber auch über die gesamte politisch-ideologische Schulung der Bevölkerung. Diese begann spätestens in der Schule und der Pionierorganisation. In den höheren Klassen kam das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde hinzu. Das war ein reines Bekenntnisfach. Gute Zensuren gab es allein für die Wiedergabe vorgekauter Phrasen. Parallel liefen ähnliche Veranstaltungen im Rahmen der Jugendstunden, die auf die Jugendweihe vorbereiteten, sowie bei der FDJ. Alle Mitglieder der Einheitsjugendorganisation waren gehalten, in einer mündlichen Prüfung das <em>„Abzeichen für gutes Wissen“</em> abzulegen. Für die vorgestanzten Antworten gab ein kleines Abzeichen mit dem Bildnis von Karl Marx in Gold, Silber und Bronze.</p>
<p>Dem Fassungsvermögen der Soldaten und ihrer Politoffiziere entsprechend wiederholten sich die gleichen Abläufe im Rahmen des Politunterrichts der Nationalen Volksarmee. Einmal im Monat kämpften die Soldaten nicht auf dem virtuellen Gefechtsfeld gegen den angenommenen Gegner, sondern gegen den Schlaf.</p>
<p>An den Universitäten und Hochschulen war es üblich, eine Woche vor Semesterbeginn eine Woche Politbelehrungen zu veranstalten. <em>„Rotlichtbestrahlung“ </em>knurrten die Studenten, aber sie ertrugen geduldig das Wiederkäuen bekannter Parolen. Wichtig war, nicht unangenehm aufzufallen und dadurch den Studienplatz zu riskieren. Damit nicht genug fand während des zweijährigen Grundstudiums wöchentlich eine Vorlesung und ein Seminar im Fach Marxismus-Leninismus statt. Zu diesem Zwecke verfügten die höheren Bildungseinrichtungen über eine eigene Sektion Marxismus-Leninismus (M-L). Dort hatten sich die ideologischen Sittenwächter breit gemacht, die man im Alltag <em>„scharfe Hunde“</em> nannte. Solche <em>„Hundertfünfigprozentigen“</em> gab es auch anderswo, doch viele Fachwissenschaftler gingen über die ideologischen Verrenkungen dezent hinweg. Die Anwesenheit bei den Lehrveranstaltungen der Sektion M-L wurde streng kontrolliert und am Schluss standen eine schriftliche Arbeit und eine mündliche Prüfung. Die M-L-Note in diesem Fach stand auf dem Hochschuldiplom ganz oben. Die gute ideologische Führung war neben den fachlichen Leistungen wichtig für die Zuweisung von Arbeitsstellen, die durch eine so genannte Absolventenkommission vorgenommen wurde, in der natürlich die SED-Parteileitung Sitz und Stimme hatte.</p>
<h3><strong>Parteigeheimnisse</strong></h3>
<div id="attachment_8561" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8561" class="size-medium wp-image-8561" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-300x195.jpg" alt="" width="300" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-200x130.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-300x195.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-400x260.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-600x391.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-768x500.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-800x521.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1024x666.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1200x781.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1536x1000.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8561" class="wp-caption-text">Berlin (Bezirk Berlin) DDR, 1. Mai 1988. Ein massives Aufgebot von Sicherungskräften der DDR sorgte für einen ungestörten Ablauf der offiziellen Kampfdemonstration zu den Maifeiern. Stundenlang nahmen der Staats- und Parteichef und das Politbüro nebst Gästen den Vorbeimarsch und die Huldigungen der Werktätigen ab. Copyright by: Klaus Mehner, © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Macht ist immer mit dem Geheimnis verbunden. Dazu gehören die Intransparenz und Willkür der obrigkeitlichen Entscheidungen für die Betroffenen. Das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der geschildeten alltäglichen Präsenz der Partei. Auch über Kollegen, die nicht in der SED waren, wurde in der Parteileitung verhandelt und über ihr berufliches Fortkommen entschieden. Das konnte negativ oder positiv ausgehen. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Sie konnten bestenfalls an den Reaktionen ablesen, wie die Entscheidung gefallen war. Auch die staatlichen Kaderakte war für Mitarbeiter nicht einsehbar, dafür war sie für die Stasi jederzeit offen.</p>
<p>Diese Undurchschaubarkeit durchzog das gesamte Parteileben von ganz oben bis ganz unten. Die konspirativen Traditionen der Kommunistischen Partei mögen hier eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Erinnerung an die frühen Jahre der DDR, als manche Funktionäre meinten, eines Tages vielleicht wieder in die Illegalität gehen zu müssen. Jedenfalls gebärdeten sich die Apparate von Staat und Partei in ihrem eigenen Land wie eine Untergrundorganisation. Obwohl die SED Berge von Akten produzierte, gibt es von den Tagungen ihres obersten Gremiums – dem Politbüro des Zentralkomitees (ZK) – keine aussagefähigen Dokumente. In ihrem Archiv finden sich lediglich Vorlagen und sogenannte Beschlussprotokolle, die in wenigen dürren Worten die Anwesenheit sowie die Tagesordnungspunkte und Entscheidungen vermerken. Aus ihnen gehen weder der Prozess der Entscheidungsfindung noch das Abstimmungsverhalten hervor. Das ist kein Zufall. Der Widerwille, die eigenen Handlungen nachvollziehbar zu machen, war bei der SED-Führung so ausgeprägt wie bei einem Gangstersyndikat.</p>
<p>Die Geheimhaltung durchzog die gesamte Partei bis hinunter in die Grundorganisationen. <em>„Parteiinterne Vorgänge&#8220;</em> gegenüber Nichtmitgliedern zu offenbaren, galt als eines der schwersten Vergehen, dessen man sich schuldig machen konnte. Sämtliches Schriftgut, einschließlich unbeschriebener Kopfbögen, galt als streng vertraulich. Versammlungen wurden in der Regel nicht öffentlich angekündigt, und die Zusammensetzung von Parteileitungen erfuhr der Kollege nur unter der Hand, obwohl sie doch auch über sein Wohl und Wehe entschieden. Intern grenzte die SED die Informationsstränge streng gegeneinander ab. Wenn eine Parteiversammlung einen Spezialisten oder Angehörigen eines übergeordneten Gremiums eingeladen hatte, um über <em>„interne Vorgänge&#8220;</em> zu informieren, fiel irgendwann die obligate Bemerkung: <em>„Genossen, das können wir hier unter uns ganz offen aussprechen&#8220;</em>. Dann kamen ein paar Angaben oder Tatsachen zum Vorschein, die <em>„nicht in der Zeitung standen&#8220;</em>. Obwohl es sich dabei in der Regel um Dinge handelte, die ohnehin die Spatzen von den Dächern pfiffen, schwiegen die Anwesenden voller Ehrfurcht über soviel Wissen und Vertrauen. Den Höhepunkt bildete schließlich der Moment, wenn der Referent sagte: <em>„Genossen, ich bitte euch, das nicht mitzuschreiben“</em>. Es war das sicherste Mittel, dass sich die vertrauliche Nachricht schon am nächsten Tag wie ein Lauffeuer im Kollegenkreis verbreitete.</p>
<h3><strong>Privilegierung, Belohnung und Bestrafung</strong></h3>
<div id="attachment_8562" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8562" class="wp-image-8562 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-300x202.jpg" alt="" width="300" height="202" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-300x202.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-800x538.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1024x688.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1536x1032.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8562" class="wp-caption-text">Foto: Sieghard Liebe, © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Der ewige Mangel an Waren und Dienstleistungen aller Art, das Schlangestehen, die Beziehungswirtschaft, undurchschaubare Bestellsysteme, Wartelisten und die in den letzten Jahren wachsende Schattenwirtschaft waren in der DDR ein unerschöpfliches Thema. Dies bewegte die Menschen weit mehr als die politische und geistige Unfreiheit.  Natürlich taten Staat und Partei alles, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, konnte doch der Unmut über die schlechte Versorgung schnell in offenen Aufruhr umschlagen. Der 17. Juni 1953 schwebte wie ein Menetekel über dem SED-Staat. Man bemühte sich die Vorgänge vergessen zu machen, doch frischten Ereignisse in den sozialistischen Bruderstaaten, zum Beispiel die Erinnerung von Zeit zu Zeit auf, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 oder in Polen immer wieder und besonders 1980/81.</p>
<p>Doch bei allen Widrigkeiten war die dysfunktionale Ökonomie auch eine Funktionsweise der Machtausübung. Zum einen absorbierte die permanente <em>„Rumrennerei“</em> nach knappen Waren und das Warten auf staatliche Leistungen viel menschliche Energie. Umgekehrt lenkten auch die Feierabendbrigaden und teils halblegalen, teils kriminellen Selbsthilfeaktionen von anderen Aktivitäten ab.</p>
<p>Viel wichtiger aber war ein fein ziseliertes und fast unsichtbares System von Belohnung und Bestrafung. Belohnt wurde die kritiklose Hinnahme der Verhältnisse, jeder Widerspruch wurde bestraft. Im DDR-System wurden die Weichen in Richtung einer höheren Laufbahn früh gestellt und es war später sehr schwer, das Gleis zu wechseln. Nur etwa zehn bis zwölf Prozent der Schüler der achten Klasse hatten die Chance, von der zehnklassigen Polytechnischen Oberschule (POS) nach der achten bzw. zehnten Klasse zur zwölfklassigen Erweiterten Oberschule (EOS) zu wechseln und mit dem Abitur die Hochschulreife zu erwerben. Bei dieser Selektion spielten natürlich gute Zensuren eine wichtige Rolle. Fast ebenso wichtig war die Mitgliedschaft der Eltern in der SED. Formal gesehen sollten Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugt werden. Um nicht die eigene Anhängerschaft sozial zu benachteiligen, rechnete man alle Funktionäre der SED und Angehörige der bewaffneten Organe als Arbeiter. Diese frühe Auswahl bezüglich der beruflichen Chancen richtete sich gegen Kinder aus christlichem Hause oder selbstständige Gewerbetreibende, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/handwerk-hat-goldenen-boden/">beispielsweise private Handwerker</a>, die man zwar dringend brauchte, trotzdem aber diskriminierte.</p>
<p>Das gleiche Spiel wiederholte sich bei der Vergabe von Studienplätzen. Eine frühe Mitgliedschaft in der SED war keine Erfolgsgarantie, erhöhte aber deutlich die Chancen. Nach diesem Muster erfolgten ein Leben lang alle Karriereentscheidungen. Alle wussten das und richteten ihr Leben danach aus.</p>
<p>Die Aufnahme neuer Mitglieder in die Partei war von einem Zielkonflikt geprägt. Die SED wollte so viele Menschen wie möglich für ihre Ziele gewinnen. Besonders Angehörige der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, aber auch Angehörige der werktätigen Intelligenz sollten ihre Reihen stärken. Doch die Partei sollte eine Avantgarde sein. Ihre Mitglieder sollten kämpferisch, treu ergeben und zuverlässig sein, klassenbewusst, ideologisch geschult und moralisch von großer Reinheit sein.</p>
<p>Mit der massenhaften Aufnahme von Mitgliedern stellte die Partei sich selbst als Avantgarde in Frage. Insofern wurde auch nur selten Druck ausgeübt, Mitglied der SED zu werden, obwohl viele dies nach der Wende so darstellten und wohl auch selbst glaubten.</p>
<p>Der umgekehrte Zielkonflikt ergab sich für den DDR-Bürger, der vor der Entscheidung stand, SED-Mitglied zu werden, oder eben nicht.</p>
<p>Die Partei setzte ihre Mitglieder einer strengen Disziplin aus. Im Zweifelsfalle gab es einen Parteiauftrag, den man nicht ohne weiteres verweigern konnte. Abgesehen von den ständigen Versammlungen hatten die Genossen Funktionen in den Massenorganisationen zu übernehmen, für die Wahlausschüsse bereit zu stehen oder ein Mandat in einem der kommunalen Gremien zu übernehmen. Beim Subbotnik, dem freiwilligen Arbeitseinsatz am Sonnabend, konnten sie schwer fehlen. Die Männer wurden zudem gedrängt, der Kampfgruppe beizutreten. Das bedeutete, mehrmals im Jahr an einer militärischen Übung teilnehmen zu müssen.</p>
<p>Zu allem Ungemach kamen noch recht hohe Mitgliedsbeiträge, die sich progressiv mit dem Einkommen steigerten. Zusätzlich wurden ständig Spenden eingesammelt. Das erfolgte, indem bei Versammlungen offene Listen herumgereicht wurden. Wenn der erste Sekretär der Parteileitung zehn Mark eintrug, konnten die anderen Versammlungsteilnehmer schwer darunterbleiben.</p>
<p>Speziell in den 1950er und 1960er Jahren herrschte der Brauch, dass sich die Partei in Privatangelegenheiten einmischte. Eheliche Untreue beispielsweise wurde streng geahndet und bedeute für manchen hoffnungsvollen Kader den Absturz von der Karriereleiter. Bei den ansonsten lähmend langweiligen Parteiversammlungen waren die Verhandlungen über Affären und andere Vorkommnisse oft die einzigen Lichtblicke, die dann noch lange Gesprächsstoff boten.</p>
<p>Wollte man sich wirklich ohne Not all diesen Misshelligkeiten aussetzen? Es gab jedenfalls gute Gründe, es zu unterlassen und sich ein Stück Freiheit zu bewahren. Vor allem war es für nicht wenige Menschen wichtig, der inneren Überzeugung treu zu bleiben. Dies war nicht einfach, doch ohne SED-Parteibuch eher möglich als in den Reihen der Partei.</p>
<h3><strong>Zusammenbruch</strong></h3>
<div id="attachment_8564" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8564" class="size-medium wp-image-8564" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8564" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-57000-0197,_Berlin,_V._SED-Parteitag,_2.Tag.jpg">11. Juli 1958. V. Parteitag der SED vom 10. bis 16.7.1958 in der Werner-Seelenbinder-Halle, Berlin</a>. Eine Delegation aus der Instrustrie überbrachte am 11. Juli dem V. Parteitag die Grüsse der Werktätigen. Foto: Hans-Günter Quaschinsky, Bundesarchiv, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Wie konnte ein fest gefügtes, geheimdienstlich gesichertes und militärisch bis an die Zähne bewaffnetes System im Herbst 1989 fast widerstandslos auseinanderbrechen?  Immer wieder war die <em>„revolutionäre Wachsamkeit“</em> beschworen worden. Ideologische Abweichler wurden dingfest gemacht oder aus dem Land geworfen, so zahm und wohlwollend ihre Kritik auch immer gewesen sein mag. Nicht nur von der Stasi, sondern auch von der Partei wurden Monat für Monat Stimmungsberichte angefertigt, Denunziationen weitergereicht und Berge von Akten angehäuft. Es gab in den Berichten weit mehr feindlich-negative Kräfte als in der Realität. Doch als eine kleine, ideologisch mehr als heterogene, zudem von der Stasi unterwanderte Opposition im Herbst 1989 allmählich kühner wurde, reagierte die Partei hilflos. Als der SED-Staat wirklich gefährdet war, tat sich nichts. Wo waren die 2,3 Millionen SED-Mitglieder, als die Mauer fiel? Zehn- und Hunderttausende Genossen hätten doch einen menschlichen Wall bilden können. Waren sie alle unterwegs, um bei den Sparkassen und Postämtern in West-Berlin die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen? Diese Frage ist nie beantwortet worden, weil sie nie gestellt wurde.</p>
<p>Massenhaft liefen die Mitglieder davon und wollten sich nicht mehr erinnern, was sie in der Partei getrieben hat, und noch weniger wollten sie von anderen daran erinnert werden. Natürlich empfanden auch viele Parteimitglieder die Auflösung der DDR als Befreiung. Die SED legte sich den neuen Namen schon 1990 „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) zu und es begann ein neues Kapitel in ihrer Geschichte. Inzwischen hat sich die Partei nach einer Fusion mit der westdeutschen Partei „Arbeit &amp; soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG), die sich unter anderem aus einer Abspaltung von der SPD gegründet hatte, in „Die Linke“ umbenannt, von der sich wiederum vor der Bundestagswahl 2025 das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) abspaltete. Die Geschichte der Jahre nach 1990 war eine Geschichte voller Krisen, Umbenennungen, Wandlungen und Abspaltungen, Wahlniederlagen und Wiederauferstehungen. Die Zukunft wird davon abhängen, inwieweit die heutigen Nachfolgeparteien der SED, die Linke und das BSW, es verstehen, künftig totalitären Verlockungen zu widerstehen.</p>
<p><strong>Stefan Wolle</strong>, Berlin</p>
<p>Der Autor wurde 1950 in Halle (Saale) geboren und hat an der Humboldt-Universität in Berlin Geschichte studiert. Nach dem ersten Semester wurde er wegen <em>„konterrevolutionärer Ansichten und intellektueller Arroganz“ </em>von der Universität relegiert und musste sich ein Jahr in der Produktion bewähren. Später konnte er sein Studium fortsetzen und 1984 an der Akademie der Wissenschaften promovieren. 1989/90 war er an der Stasi-Auflösung beteiligt. In den folgenden Jahren hat er an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin gearbeitet. Von 2005 bis 2024 war er Wissenschaftlicher Leiter des <a href="https://www.ddr-museum.de/de">DDR-Museums Berlin</a>. Er hat mehrere Bücher über die DDR geschrieben und für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehrere Ausstellungen gestaltet.</p>
<p>Die Ausstellung „Die Partei hat immer recht“ hat Stefan Wolle gemeinsam mit Clara Marz kuratiert. Die Ausstellungsplakate können über die Stiftung jederzeit für lokale Ausstellungen <a href="https://forms.cloud.microsoft/pages/responsepage.aspx?id=kd5pokBCBUi2eRurT3_Rplu1yO5YWGVHuLvhQQB2JtdUMTU3S05PWlFZNVZFR09JRVJVU1BGNEhLVy4u&amp;route=shorturl">bestellt werden</a>. Bestellbar sind nach wie vor auch die Plakatsätze früherer Ausstellungen, von denen einige auch im Demokratischen Salon vorgestellt wurden.</p>
<p><strong>Die Bundesstiftung Aufarbeitung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></p>
<ul>
<li>Clara Marz, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/frauen-im-geteilten-deutschland/">Frauen im geteilten Deutschland</a>, Juli 2025.</li>
<li>Alexander Frese, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/denen-mitzuwirken-versagt-war/">… denen mitzuwirken versagt war – Ostdeutsche Demokraten in der frühen Nachkriegszeit</a>, Januar 2025.</li>
<li>Markus Meckel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostdeutschen-waren-subjekt-nicht-objekt/">Die Ostdeutschen waren Subjekt, nicht Objekt</a>, Oktober 2024.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">Literaturland DDR – Lesen, Schreiben und Bewahren in der DDR</a>, Oktober 2022.</li>
<li>Anna Kaminsky / Norbert Reichel<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-weg-der-aufarbeitung/">, Der lange Weg der Aufarbeitung</a>, April 2020.</li>
<li>Anna Kaminsky / Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommode-diktaturen-gibt-es-nicht/">„Kommode Diktaturen gibt es nicht“</a>, April 2020.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. Oktober 2026. Titelbild: Bundesstiftung Aufarbeitung, Foto: Harald Schmitt, stern. © Bundesstiftung Aufarbeitung.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Georgien in der DDR</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Sep 2026 05:55:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Georgien in der DDR Was uns ein Foto über georgisch-deutsche Begegnungen erzählt Drei Frauen in einer Berliner Kneipe – so sieht es aus. Darauf deutet der im Hintergrund hängende Zeitungsständer hin. Zu sehen sind die Dichterinnen Elke Erb und Sarah Kirsch sowie die Fotografin Helga Paris. Fotografiert wurden sie von dem Publizisten und Betreiber  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Georgien in der DDR</strong></h1>
<h2><strong>Was uns ein Foto über georgisch-deutsche Begegnungen erzählt</strong></h2>
<p>Drei Frauen in einer Berliner Kneipe – so sieht es aus. Darauf deutet der im Hintergrund hängende Zeitungsständer hin. Zu sehen sind die Dichterinnen <a href="https://www.poetenladen.de/elke-erb.html">Elke Erb</a> und <a href="https://www.hdg.de/lemo/biografie/sarah-kirsch.html">Sarah Kirsch</a> sowie die Fotografin <a href="https://helga-paris.de/info/das-archiv/">Helga Paris</a>. Fotografiert wurden sie von dem Publizisten und Betreiber des berühmten Ostberliner Literarischen Salons, <a href="https://www.ekkemaass.de/ueber-ekkehard-maass.html">Ekkehard Maaß</a>. Alle vier gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten der Ostberliner Prenzlauer-Berg-Szene der Andersdenkenden, die sich seit den späten 1970er-Jahren zu einem wichtigen Zentrum unabhängiger Literatur und Kunst entwickelte. Einer ihrer bedeutenden Treffpunkte war der Literarische Salon in der Erdgeschosswohnung von Ekkehard Maaß in der Schönfließer Straße 21. Genau dort wird auch das Foto der drei lächelnden Frauen bis heute aufbewahrt.</p>
<p>Wie so oft verbirgt sich hinter einem einzigen Bild weit mehr als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Welche Geschichte ein Foto erzählt, hängt nicht zuletzt von den Fragen ab, die man an es richtet. Aus der Perspektive der georgisch-deutschen Kulturgeschichte eröffnet dieses Bild eine andere und besondere Lesart.</p>
<p>Die vier Personen verbindet nicht nur die Ostberliner Kulturszene, sondern auch Georgien − ihre ganz unterschiedlichen Begegnungen mit diesem Land – Reisen, Freundschaften, literarische Übersetzungen, Fotografien, gemeinsame Projekte und künstlerische Inspirationen. Nicht von den Gedichten Elke Erbs und Sarah Kirschs, den Fotografien Helga Paris&#8216; oder der Kulturarbeit Ekkehard Maaß&#8216; im Literarischen Salon soll hier jedoch die Rede sein. Im Mittelpunkt des Interesses steht vielmehr jene gemeinsame Spur, die alle vier auf unterschiedliche Weise nach Georgien führt.</p>
<h3><strong>Es begann ganz offiziell</strong></h3>
<p>Diese Spur beginnt 1968. In jenem Jahr begleiteten Elke Erb und Sarah Kirsch ihre damaligen Ehemänner <a href="https://www.literaturport.de/lexikon/adolf-endler/">Adolf Endler</a> und <a href="https://www.planetlyrik.de/rainer-kirsch-hundert-gedichte/2025/07/">Rainer Kirsch</a> nach Sowjetgeorgien. Die beiden DDR-Autoren waren vom georgischen Schriftstellerverband bzw. Kulturministerium eingeladen worden, gemeinsam mit georgischen Kolleginnen und Kollegen eine Anthologie georgischer Lyrik zusammenzustellen und mit der Hilfe der georgischen Germanisten ins Deutsche zu übertragen.</p>
<p>Für Rainer Kirsch war das keineswegs Neuland. Bereits 1966 hatte er die Sowjetunion bereist und dabei auch Georgien besucht. Vieles spricht dafür, dass die Initiative für die Zusammenarbeit von sowjetgeorgischer Seite ausging und über <a href="https://adk.de/alfred-kurella">Alfred Kurella</a> vermittelt wurde. Für die Übertragung der Gedichte des georgischen Romantikers Nikolos Baratashvili soll Kurella bereits 1966 Rainer Kirsch vorgeschlagen haben. Zwei Jahre später führte dies zu einer weiteren Georgienreise, im selben Jahr 1968 erschien auch die zweisprachige Ausgabe der <a href="https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Nikolos-Kirsch-Barataschwili+Gedichte/id/A02pUNKI01ZZX">Gedichte Baratashvilis</a>.</p>
<p>Rainer Kirsch ließ seine georgischen Impressionen auch in eigene Gedichte einfließen und brachte dem DDR-Publikum das Land auf diese Weise lyrisch, wenn auch manchmal ideologisch geprägt, näher.</p>
<p>Auch wenn Rainer Kirsch und Adolf Endler – ursprünglich vermittelt durch Alfred Kurella – zunächst die Türen nach Georgien öffneten, spielen in diesem Foto die drei Frauen die eigentlichen Hauptrollen.</p>
<p>Dass sich solche Wege überhaupt öffnen konnten, fügte sich ganz organisch in die kulturpolitischen Rahmenbedingungen jener Zeit: Der Literaturtransfer durch Nachdichtungen und Buchveröffentlichungen passte perfekt in die außenkulturpolitische Agenda der UdSSR wie auch der DDR und entsprach den Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten. Es war die Ära einer verordneten <em>„Plankultur“</em>, in der institutionelle Förderung und Lenkung Hand in Hand gingen − ganz besonders in den 1960er-Jahren. Bündnistreue, beschworene <em>„Freundschaft“</em> und das gegenseitige Kennenlernen sollten nun auch auf kultureller Ebene spürbar vertieft werden. Von diesem politischen Rahmen profitierten aber auch die deutsch-georgischen Literaturbeziehungen: Aus staatlich gewünschten Projekten erwuchsen persönliche Freundschaften sowie manch formelle und informelle Netzwerke, die das System oft weit überdauerten und über Jahrzehnte hinweg Bestand hatten.</p>
<p>Genau das scheint auch auf die Frauen zuzutreffen. Georgien hat im Werk beider Autorinnen Spuren hinterlassen − bei Elke Erb tief und dauerhaft, bei der anderen eher punktuell oder für eine bestimmte Lebens- und Schaffensphase.</p>
<h3><strong>Erkundungen und Übersetzungen</strong></h3>
<p>Besonders eindrucksvoll spiegeln sich Sarah Kirschs Eindrücke in ihren bislang wenig bekannten Reiseaufzeichnungen wider, die ich derzeit bearbeite und ins Georgische übersetze − in der Hoffnung, sie später im <a href="https://www.facebook.com/alonipublishing/?locale=ka_GE">Verlag Aloni</a> in der Reihe „Georgisch-Deutsche Bibliothek“ veröffentlichen zu dürfen. Darin schildert sie die Reise von 1968 mit großer Aufmerksamkeit für Menschen, Landschaften und Alltagsszenen. Auch literarisch beschäftigte Sarah Kirsch Georgien noch über die Reise hinaus. Ihre Prosaskizzen „Georgien, Fotografien“ lesen sich wie fotografische Momentaufnahmen – kurze, dichte Beobachtungen, in denen sich ihre persönliche Wahrnehmung des georgischen Alltags und der Reise spiegelt. Im Unterschied zu Elke Erb blieb ihre Auseinandersetzung mit Georgien jedoch episodisch. Nach ihrer Übersiedlung in die Bundesrepublik aufgrund ihres Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 rissen viele Verbindungen in das sowjetische Tbilissi zwangsläufig ab.</p>
<p>An dieser Stelle sei kurz an das eigentliche Ergebnis der Reise 1968 erinnert. 1971 erschien im Berliner Verlag Volk und Welt die Anthologie <a href="https://www.lyrik-kabinett.de/bibliothek/kataloge/article/georgische-poesie-aus-acht-jahrhunderten-nachgedichtet-von-adolf-endler-und-rainer-kirsch-den-prolog-zu-rustawelis-epos-uebertrug-hermann-buddensieg/">„Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten“</a>. Doch war das Thema Georgien damit erschöpft? Eher nicht. Aus den Notizen und Erlebnissen Adolf Endlers entstanden beispielsweise erst verschiedene literarische Artikel und später ein weiteres Buch <a href="https://www.literaturport.de/lexikon/werk/adolf-endler/zwei-versuche-ueber-georgien-zu-erzaehlen-3786/">„Zwei Versuche, über Georgien zu schreiben“</a>, das 1976 veröffentlicht wurde.</p>
<p>Wie Elke Erb dieses Land für sich entdeckte und zu einem festen Bestandteil ihres Schaffens machte, ist wieder eine ganz eigene Geschichte.  Sie pflegte seit ihrer ersten Georgienreise enge berufliche und freundschaftliche Beziehungen zu georgischen Germanistinnen und Germanisten. Insbesondere die Germanistinnen besuchten sie später in ihrer Berliner Wohnung – auf private Einladung von Elke Erb nicht selten wochenlang. Dies war ein bewährter Weg, da Reisen in die DDR für sowjetische Bürgerinnen und Bürger ansonsten mit enormen bürokratischen Hürden verbunden waren: Vom Kontrollwahn geprägte Staaten wollten genau wissen, wer wen aus welchem Grund und für wie lange besuchte. Mit Nelli Amaschukeli und Natela Chuzischwili, zwei hervorragenden Germanistinnen, arbeitete Elke Erb an verschiedenen Übersetzungsprojekten. So entstand nach Jahren beispielsweise die deutsche Übersetzung von Sulchan-Saba Orbelianis Fabel- und Parabelsammlung <a href="https://www.edition-orient.de/product_info.php?products_id=595">„Die Weisheit der Lüge“</a> (1975 erschienen im Berliner Verlag Volk und Welt). Neben Teilen des georgischen Nationalepos „Der Recke im Pantherfell“ übertrug Erb auch das klassische Versepos „Wis und Ramin“ (<a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/verlag/reclam-leipzig/">Leipzig</a>, Reclam, 1991). Sie bewahrte ihre übersetzerischen und freundschaftlichen Verbindungen zu Georgien – auch zur jüngeren Generation georgisch-deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer, die sie fachlich beriet – bis an ihr Lebensende.</p>
<p>Während Adolf Endler an seinem Georgien-Buch arbeitete und Elke Erb ihre Übersetzungsprojekte fortsetzte, fand Georgien zugleich seinen Weg in die Oberlausitz. Seit Beginn der 1970er-Jahre lebten beide zeitweise in der alten Mühle im sorbischen Wuischke. Gemeinsam mit Kito Lorenc, Heinz Czechowski und zahlreichen Gästen entwickelte sich der Ort zu einem außergewöhnlichen Treffpunkt von Schriftstellern der <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/handwerksernst-und-weltbezug-auf-den-spuren-der-saechsischen-dichterschule-100.html">„Sächsischen Dichterschule“</a>, aber auch von Künstlern und Fotografen. Auf diese Dimension und Verzweigung nach Wuischke hatte mich Andreas Schönfelder von der <a href="https://umweltbibliothek.org/">Umweltbibliothek Großhennersdorf</a> aufmerksam gemacht, mit dem ich gemeinsam die Spurensuche zur Geschichte der georgisch-deutschen literarischen Beziehungen begonnen habe.</p>
<p><strong>Gespräche und Reisen</strong></p>
<p>Georgien war dort nicht mehr nur Gegenstand literarischer Übersetzungen, sondern wurde zum Gesprächsthema, zur gemeinsamen Erinnerung, zu einer geteilten Reiseerfahrung oder zum Traum künftiger Reisen. Dies traf den Nerv der Zeit: Reisen in den Kaukasus waren in den 1970er-Jahren möglich und erfreuten sich wachsender Beliebtheit, nicht zuletzt durch sogenannte Transitvisa oder private Einladungen. Wo Hochgebirge und Meeresküste auf engstem Raum zusammentrafen, stillte Georgien für viele die Sehnsucht nach den aufgrund der Reisebeschränkungen unerreichbaren Alpen oder den mediterranen Küsten Südeuropas.</p>
<p>Die Wirkung des entstandenen Geflechts blieb nicht auf die Literatur beschränkt. Wuischke wurde auch für mehrere Künstlerinnen, Künstler und Fotografen zu einem Ort der ersten imaginären Begegnung mit Georgien.</p>
<p>Zu ihnen gehörte der Fotograf <a href="https://www.deutscheboersephotographyfoundation.org/de/sammeln/kuenstler/christian-borchert.php">Christian Borchert</a>. Als regelmäßiger Gast in Wuischke lebte er nach der Trennung von Adolf Endler und Elke Erb im Jahr 1976 fast drei Jahre mit Elke Erb zusammen. Durch sie reiste auch er nach Georgien, lernte ihre georgischen Freundeskreise kennen und begegnete Schriftstellern, Germanistinnen und Künstlern, mit denen sie seit Jahren eng verbunden war. Seine Fotografien dokumentieren nicht nur diese Begegnungen und Beziehungen, sondern bewahren zugleich eindrucksvolle Bilder des Alltags im Tbilissi der frühen 1980er Jahre. Viele der von ihm festgehaltenen Orte haben sich inzwischen grundlegend verändert oder existieren nicht mehr. Seine Aufnahmen sind daher nicht nur künstlerisch bedeutsam, sondern zugleich wertvolle kulturhistorische Dokumente.</p>
<p>Ähnlich verhielt es sich mit Helga Paris, der dritten lächelnden Frau auf dem Foto. Auch sie entdeckte Georgien durch Elke Erb und begleitete sie 1982 auf ihrer Reise. <a href="https://helga-paris.de/themen/georgien/">Ihre Fotografien sind heute weit mehr als persönliche Erinnerungen</a>. Sie dokumentieren Begegnungen zwischen deutschen und georgischen Intellektuellen, zeigen unter anderem den in Deutschland geborenen und später nach Georgien verschleppten Schriftsteller <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/giwi-margwelaschwili/">Giwi Margwelaschwili</a>, georgische Germanistinnen und Germanisten sowie zahlreiche Momentaufnahmen des kulturellen Lebens jener Jahre. Gleichzeitig wirken sie bis in die Gegenwart nach. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür lieferte 2025 der Dresdner Fotograf <a href="https://www.fotogalerie-potsdam.de/archiv-jan-oelker/">Jan Oelker</a>, der eine von Helga Paris in Tbilissi porträtierte Germanistin mehr als vierzig Jahre später erneut aufsuchte und sie aus derselben Perspektive fotografierte. Selten wird so anschaulich sichtbar, wie Fotografien selbst Teil einer fortdauernden Kulturgeschichte werden.</p>
<p>Nachdem wir den Georgienbezügen der drei Frauen und der beiden Fotografen gefolgt sind, fehlt nur noch der Mann hinter der Kamera. Ekkehard Maaß nahm das Foto auf, das den Ausgangspunkt dieser Erzählung bildet, und bewahrte es über Jahrzehnte in seinem privaten Archiv auf. Obwohl er mit Elke Erb bereits seit Ende der 1970er Jahre eng befreundet war, führte ihn nicht sie selbst, sondern eine zufällige Begegnung 1981 zum ersten Mal nach Georgien. Seither kehrte er fast jedes Jahr dorthin zurück (Buchempfehlung: <a href="https://www.lukasverlag.com/programm/titel/fluchtzeiten.html">Ekkehard Maaß, Fluchtzeiten, Lukas Verlag, 2022</a>).</p>
<p>In seinem Privatarchiv sind zum Thema Georgien zahlreiche wertvolle Dokumente und Fotos aufbewahrt. Entdeckt habe ich das Foto bei der Sichtung und Erschließung des Privatarchivs von Ekkehard Maaß im Rahmen meines <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/foerderung/foerderprogramme/internationales-austauschprogramm-memory-work">MemoryWork-Stipendiums der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a>. Neben hunderten Fotografien umfasst es Briefe, Gästebücher und Tagebücher, die eine außergewöhnlich dichte Rekonstruktion der deutsch-georgischen Kulturbeziehungen erlauben.</p>
<p>In diesen Chroniken kann man nachvollziehen, wie und durch wen das Thema Georgien Schritt für Schritt in die Kulturkreise der DDR der 1980er Jahre rückte. Auch hier tauchen immer wieder dieselben Namen auf – wie etwa in einer Tagebuchnotiz vom 11. September 1981: <em>„Elke zeigt Dias, Bilder des georgischen Malers Temo Dzhaparidze. Dort u. a. Peter Brasch, Scheibs, Martin Hoffmann.“</em> Oder am 20. Dezember desselben Jahres: <em>„Lesung Irina Kaschina-Rahn. Elke Erb zeigt Dias des georgischen Malers Temo Dshaparidze.“</em></p>
<p>Diese Notizen bestärken mich in der Annahme, dass Elke Erb weit über ihre unmittelbaren beruflichen Übersetzungsaufträge hinaus als Kulturvermittlerin wirkte. Temo Dschaparidze stand den georgischen Germanistenkreisen nahe und so führten gerade diese Kontakte dazu, dass man ihn in diesen Zirkeln als hervorragenden Maler entdecken konnte. Seine Bilder hängen auch heute noch im Literarischen Salon von Ekkehard Maaß.</p>
<h3><strong>Geistige Brücken im Schatten der offiziellen Kulturpolitik</strong></h3>
<p>Die Geschichte hinter dem Foto zeigt, dass sich Kulturtransfer keineswegs nur über offizielle Tagungen, staatlich initiierte Publikationsprojekte oder den Buchdruck vollzog. Oft entstand er nachhaltiger in persönlichen Begegnungen – an Berliner Treffpunkten, in Sommerhäusern der Oberlausitz oder Ostgeorgiens, bei einem Glas Wein, während gemeinsamer Lesungen oder in den Küchen Berliner und Tbilisser Wohnungen.</p>
<p>Dort entstanden jene geistigen Brücken, die sich manchmal im Schatten offizieller Kulturpolitik entwickelten, diese jedoch häufig überdauerten. Ebenso verkürzt wäre es allerdings, beide Ebenen gegeneinander auszuspielen. Viele dieser Verbindungen wären ohne die staatlich geschaffenen Begegnungsräume, Reiseprogramme und Publikationsmöglichkeiten vermutlich nie entstanden. Gerade das Zusammenspiel institutioneller Kulturpolitik und persönlicher Initiative ermöglichte Beziehungen, deren Wirkung weit über das Ende der DDR hinausreichte.</p>
<p>Das Foto der drei interessanten Frauen in einer Berliner Kneipe erzählt weit mehr als die Geschichte einer zufälligen Begegnung. Es verweist auf eine über Jahrzehnte gewachsene literarische und künstlerische Zusammenarbeit und auf gemeinsame Erinnerungen zwischen Georgien und Deutschland.</p>
<p>Die Geschichte der Kulturbeziehungen zwischen den beiden Ländern beginnt nicht erst mit dem Anthologieprojekt von 1968. Auch diesem gingen zahlreiche persönliche, literarische und institutionelle Vorgeschichten voraus. Einige dieser Verbindungen wurden hier sichtbar. Viele weitere warten noch darauf, erzählt zu werden.</p>
<p><strong>Ana Margvelashvili</strong>, Berlin und Tbilissi / Tiflis</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 26. September 2026. Titelbild: Privatarchiv Ekkehard Maaß.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Handwerk hat goldenen Boden&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Aug 2026 06:54:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Handwerk hat goldenen Boden“ Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt über das Handwerk in der DDR „Die Partei konnte offenbar noch so viel fordern: Als private/r Handwerker:in war man sich in den 1980er Jahren gewiss, dass man in der Bevölkerung respektiert und für seine Leistungen und sein Knowhow anerkannt war. Das private Handwerk und seine  [...]</p>
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<h1><strong>„Handwerk hat goldenen Boden“</strong></h1>
<h2><strong>Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt über das Handwerk in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Partei konnte offenbar noch so viel fordern: Als private/r Handwerker:in war man sich in den 1980er Jahren gewiss, dass man in der Bevölkerung respektiert und für seine Leistungen und sein Knowhow anerkannt war. Das private Handwerk und seine Tradition waren also nicht nur Teil der Berufsgeschichten, sondern auch Arbeits- und Lebensrealität im eigenen Land: in der DDR.“ </em>(Alexia Pooth)</p>
<p><em>„Zwar ließen die meisten der von uns befragten Handwerker:innen im Rückblick von über 30 Jahren keinen Zweifel daran, dass sie sich trotz allen Ärgers über die Unzulänglichkeiten und Absurditäten der Planwirtschaft in der DDR eingerichtet hatten und im Vergleich zu vielen anderen Bevölkerungsgruppen gut verdienten, doch schalteten sie nach dem Mauerfall nach einer Phase starker Verunsicherung schnell um und versuchten, in der unübersichtlichen Umbruchsituation wieder Grund unter die Füße zu bekommen.“ </em>(Thomas Schaarschmidt)<em>   </em></p>
<p>Diese beiden kurzen Zitate belegen eindrucksvoll, welchen Stand das private Handwerk in der DDR hatte und wie folgenreich die der Friedlichen Revolution folgende Transformationszeit für die Betriebe war. Beide Zitate stammen aus dem Buch <a href="https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/handwerk-ost/978-3-96289-250-0">„Handwerk Ost – Arbeits- und Lebenswelten zwischen Plan und Markt“</a> (Berlin, Ch. Links Verlag, 2026). Das Buch ist das Ergebnis des in den Jahren 2021 bis 2024 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Gesellschaftsgeschichte des ostdeutschen Handwerks“, das vom <a href="https://zzf-potsdam.de/">Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam</a> durchgeführt worden ist. Thomas Schaarschmidt und Alexia Pooth verfolgten mit der Studie das Ziel, auf der Grundlage qualitativer Interviews mit Zeitzeug:innen ein Bild der Entwicklungen der Jahre 1945 bis 2020 zu zeichnen.</p>
<div id="attachment_8353" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/handwerk-ost/978-3-96289-250-0"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8353" class="wp-image-8353 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-Thomas-Schaarschmidt-Handwerk-Ost-Ch.-Links.jpg 650w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-8353" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Studie befasste sich mit der Bedeutung des wirtschaftlichen Erfolgs für den sozialen Status der Handwerker:innen in der DDR und den Veränderungen ihrer Lebenswelten, ökonomischen Perspektiven und ihres Sozialstatus nach 1990. Alexia Pooth schrieb die Kapitel zur Lage des Handwerks bis zum Mauerfall, Thomas Schaarschmidt die Kapitel zur Transformationszeit. Der Band enthält Kurzbiografien der 22 Interviewpartner:innen, darunter 16 Handwerker:innen, ein Verzeichnis der Handwerksberufe in der DDR, eine Chronik der Gesetze und Beschlüssen 1945 bis 2020 sowie ein Verzeichnis der Quellen und Archive.</p>
<p><a href="https://zzf-potsdam.de/institut/personen/mitarbeiter_innen/thomas-schaarschmidt">Thomas Schaarschmidt</a> habilitierte sich an der Universität Leipzig und unterrichtet seit 2009 an der Universität Potsdam Neuere und Zeitgeschichte. <a href="https://kgi.ruhr-uni-bochum.de/institut/personen/dr-alexia-pooth/">Alexia Pooth</a> ist promovierte Kunst- und Kulturhistorikerin. Sie leitet seit 2024 die <a href="https://kusa-rub-moderne.de/">Sammlung moderne und zeitgenössische Kunst der Ruhr-Universität Bochum</a>. Im Demokratischen Salon stellte sie im Oktober 2024 ihr Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">„Exhibition Politics – Die documenta und die DDR“</a> vor.</p>
<h3><strong>Eine Alltagsgeschichte des Handwerks</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe Ihr Buch als einen Beitrag zur Alltagsgeschichte in der DDR gelesen. Ein weiterer Gedanke war die <a href="https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/315004/erinnertes-leben-im-osten-die-ddr-im-generationengespraech/">Differenzierung von Martin Sabrow zu den drei Ausprägungen des Gedächtnisses</a> an die Zeit in der DDR, <em>„Diktaturgedächtnis“</em>, <em>„Fortschrittsgedächtnis“</em> und <em>„Arrangementgedächtnis“</em>. Ihre Geschichte des Handwerks scheint mir im Rückblick und in der Bewertung aus heutiger Sicht einer Mischung von Fortschritts- und Arrangementgedächtnis zu entsprechen. Dabei war mit dem <em>„Fortschritt“</em> nicht unbedingt immer das gemeint, was die SED-Führung darunter verstand. Man hatte sich als Handwerker:in in der DDR irgendwie einrichten können, auch wenn der Staat offiziell nicht billigte, was man tat.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Der Band ist auf jeden Fall ein Beitrag zur Alltagsgeschichte. Das Handwerk war eine feste Größe im Wirtschaftsleben der DDR. Da es sich bei der DDR um eine sogenannte Reparaturgesellschaft handelte, in der es viele Dinge nicht zu kaufen gab, hatten alle mit dem Handwerk zu tun. Bis in die 1980er Jahre waren die privaten Handwerksbetriebe maßgeblich daran beteiligt, die Reparatur- und Dienstleistungen zu gewährleisten, die in einer Mangelwirtschaft notwendig waren. Insofern kannte jeder irgendeine Handwerkerin oder irgendeinen Handwerker. Das merkt man, wenn wir unser Buch vorstellen. In der Regel meldet sich sofort jemand und erzählt eine Anekdote aus der eigenen Erfahrung mit dem Handwerk. Es gibt sehr viele Meinungen, wobei sich natürlich nicht alle über das Handwerk freuten. Gerade der Status des „Gebraucht-Werdens“ brachte den privaten Handwerker:innen auch Vorurteile ein, mit denen andere Bevölkerungsgruppen in der DDR nicht konfrontiert waren, schon allein, weil Handwerker:innen zumeist Häuser besaßen und Autos fuhren.</em></p>
<div id="attachment_8371" style="width: 252px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8371" class="wp-image-8371 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-300x300.png" alt="" width="242" height="242" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Thomas-Schaarschmidt-Foto-Andy-Flischikowski.png 404w" sizes="(max-width: 242px) 100vw, 242px" /><p id="caption-attachment-8371" class="wp-caption-text">Thomas Schaarschmidt, Foto: Andy Flischikowski.</p></div>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Es gibt einen schönen Spruch aus der Handwerkskammer in Erfurt, den wir in unserem Buch zitieren: „Jeder braucht jeden Tag Handwerk und keiner merkt’s.“ Alle können etwas zum Handwerk sagen. Wenn man sich intensiv mit der Gesellschafts- oder Alltagsgeschichte der DDR beschäftigen will, muss man jedoch in die Tiefe gehen und sich vor Ort und im Detail die Verhältnisse anschauen. Das Handwerk bietet in der Tat einen Beitrag zur Alltagsgeschichte, nicht nur zur Leistung des Handwerks für die Gesellschaft, sondern auch im Hinblick auf soziale Ungleichheiten. </em></p>
<p><em>In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, verschiedene Eigentumsformen im Sozialismus zu unterscheiden: neben dem privaten Handwerk gab es auch noch die Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), die wir allerdings in unserem Band nur am Rande untersuchen. Ende der 1980er Jahre existierten in der DDR etwa 2.700 PGHs mit etwa 163.000 Beschäftigten neben etwa 80.000 privaten Handwerksbetrieben mit etwa 260.000 Beschäftigten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Wegwerfgesellschaft gab es nicht in der DDR, wie sah es mit Reparatur- und Dienstleistungen aus?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das stimmt, die DDR war eine Reparaturgesellschaft, nur die Reparaturdienstleistungen waren nicht ausreichend verfügbar. Häufig musste man warten – auf die Reparatur von Strumpfhosen, auf den Klempner, oder sonstige Dienstleistungen. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das war nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Politik ein großes Problem. In der sozialistischen Gesellschaft herrschte eigentlich die Idee, dass die Bevölkerung ihre Reparaturleistungen externalisieren kann, um – anstatt für Hausarbeit, wie Nähen etc. – genügend Raum für Freizeit zu haben. Das funktionierte natürlich nicht, weil viele Reparaturleistungen gar nicht ausreichend zur Verfügung standen. So waren viele Ideale der sozialistischen Gesellschaft in der Realität nicht umsetzbar. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das stimmt, aber es gibt hier interessante Parallelen zum Westen. Da die Dienstleistungen für Reparaturen fehlten, entwickelte sich ein Trend zum Eigenbau beziehungsweise zur Eigenreparatur. Es ist in der ehemaligen DDR noch heute oft Anlass zu Stolz, dass man beim Bau des Hauses mit ein wenig Unterstützung aus dem Handwerk in der Nachbarschaft alles selbst gemacht hat. Das war aus der Not geboren. Im Westen gibt es ebenso eine Selbermachkultur. „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, ein Buch mit diesem Titel hatte mein Vater zu Hause im Bücherschrank – und solche Publikationen gab es auch in der DDR. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ja, es herrschte quasi eine</em> <em>Do it yourself-Kultur, die bis heute faszinierend ist.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alle brauchten das Handwerk, gerade auch das private Handwerk, aber gemocht haben die SED-Parteiorganisationen das Handwerk nicht. Aber irgendwie haben sich Handwerk und Partei miteinander arrangiert oder täusche ich mich?</p>
<div id="attachment_8372" style="width: 252px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8372" class="wp-image-8372 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-258x300.jpg" alt="" width="242" height="282" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-200x233.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-258x300.jpg 258w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-400x466.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-600x699.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-768x894.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-800x932.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-879x1024.jpg 879w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1200x1397.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1319x1536.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Alexia-Pooth-c-Studio-Prokopy-1759x2048.jpg 1759w" sizes="(max-width: 242px) 100vw, 242px" /><p id="caption-attachment-8372" class="wp-caption-text">Alexia Pooth © Studio Prokopy.</p></div>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Gemocht wurden die privaten Handwerker:innen zumindest von Staatsseite tatsächlich nicht. Aber ob sich alle von ihnen mit der SED arrangiert haben, kann ich nicht bestätigen.</em></p>
<p><em>Ziel der DDR-Führung war es, alle in den staats- und planwirtschaftlichen Betrieb einzubinden. Private Handwerksbetriebe, die schon lange vor Gründung der DDR, oft sogar schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden, hatten ein eigenes Selbstverständnis von Privatheit, von Selbstwirksamkeit, vom der-eigene-Chef-sein, von wirtschaftlicher Organisation. Es war natürlich ein Problem für die DDR-Führung, eine Bevölkerungsgruppe zu haben, die zwar auch in der Planwirtschaft Sollzahlen erfüllen sollte, aber vom Selbstverständnis her überhaupt nicht mit der Staatswirtschaft zu vereinbaren war. Schon seit Gründung der DDR, eigentlich auch schon in der Sowjetischen Besatzungszone, wurden folglich eine Fülle von Maßnahmen gegen das private Handwerk in Gang gesetzt, die das Handwerk „zersetzen“ sollten.  </em></p>
<p><em>Um besser zu verstehen, wie das Verhältnis zwischen Partei und privaten Handwerker:innen im Plansystem der DDR aussah, habe ich mir zum einen die Gesetzgebung und die Rhetoriken der Partei seit den 1950er Jahren angeschaut. Zum anderen haben wir Zeitzeugeninterviews geführt, weil die Archivlage zum Handwerk sehr dürftig ist. Privatbetriebe sammeln nicht unbedingt für die Nachwelt. Daher war uns klar, dass wir Interviews generieren müssen, um zu entsprechenden Antworten zu kommen. Wir haben einen Aufruf gestartet und im Verlauf der Studie 16 Zeitzeugeninterviews mit Handwerker:innen führen können. </em></p>
<p><em>Diese Interviews zeigen, dass man die Gruppe der Handwerker:innen nicht pauschal einschätzen kann. Man muss sehr stark differenzieren, gerade auch, wenn man auf die Zeit nach 1989/1990 schaut. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ich möchte noch einmal auf Ihre Grundfrage zum Arrangement eingehen. Wir haben eine bestimmte Gruppe von Handwerksbetrieben betrachtet, die bis zum Ende in der DDR geblieben sind. Die waren oft unzufrieden mit den Verhältnissen, haben sich auch mit der Bundesrepublik verglichen, aber haben sich irgendwie arrangiert. Sie hatten ihren Platz im System gefunden, obwohl sie wussten, dass der Staat, die SED sie nicht mochte. Seit den 1950er Jahren wurde immer wieder versucht, sie in die PGHs zu integrieren. Sie wurden in allen möglichen Punkten benachteiligt, bei der Materialbeschaffung, bei der Besteuerung. Das hat auch gewirkt. Viele private Handwerke haben aufgegeben. In den 1960er Jahren waren die PGHs in einer günstigen Situation, sodass viele Handwerker dorthin abgewandert sind. Aber es gab dennoch genug Handwerksbetriebe, die die Selbstständigkeit vorgezogen haben. Das hat auch deshalb funktioniert, weil bis zum Ende der DDR die Nachfrage so groß war, dass Handwerksbetriebe auch ohne großes Eigenengagement in dem System weiterleben konnten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das unterscheidet sich je nach Branche. Wir haben Handwerksbetriebe wie Druckereien, Optiker oder Kfz-Betriebe untersucht, die immer gebraucht werden, aber auch viele Betriebe in Spezialhandwerksbranchen, die unter den Zersetzungsmaßnahmen aufgeben mussten, weil sie keine Lehrlinge mehr bekamen. Lehrlinge wurden auf der Basis der staatlichen Soll- beziehungsweise Planvorgaben zugewiesen. Es gab ganze Teilbereiche wie die Blaudrucker, die Schuhmacher, die Kürschner, in denen über Jahrzehnte niemand mehr ausgebildet wurde, sodass es keinen Nachwuchs gab. Wie gesagt, man muss sich die Lage des privaten Handwerks schon sehr detailliert anschauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man die Lage von Handwerksbetrieben in der DDR als prekär beschreiben?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>:<em> Nein, auch das muss man differenziert sehen. Handwerksbetriebe waren nicht am Rande des Abgrunds. Es gab viele Gewerke, zum Beispiel die Baubranche oder das KfZ-Gewerbe, in denen die Handwerksbetriebe extrem erfolgreich waren. Handwerkerinnen und Handwerker gehörten in der DDR zu den Menschen mit den höchsten Spareinlagen. Die nagten nicht am Hungertuch. Es gibt Gewerke, in denen es schwierig war, aber viele, bei denen es viel Geld gab. Prekarität trifft auf die rechtliche Stellung zu, auf die Gefahr, irgendwie verfolgt und belangt zu werden, beispielsweise wegen Steuerhinterziehung, aber nicht in sozialer Hinsicht. Viele sagten uns, dass sie bis zum Ende der DDR sozial relativ abgesichert waren.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das stimmt.</em> <em>Wenn man von Prekariat sprechen will, dann vielleicht eher in Bezug auf andere Aspekte. Zum Beispiel in der Lebensmittelbranche: hier gab es viele Herausforderungen, etwa mit Blick auf die marode Gebäudesubstanz.  Fleischereibetriebe, Bäckereien hatten mit Ungeziefer zu kämpfen, mit Schimmelbefall und hygienischen Problemen. Es gab Betriebe, die genau deshalb keine passenden Gewerbeflächen fanden, keine Wohnräume in der Nähe des Betriebs. Wenn ein Bäcker morgens um drei Uhr anfängt, muss er auch möglichst in der Nähe seiner Bäckerei leben. Das war in der DDR ein großes Problem. </em></p>
<p><em>An anderes Beispiel für „prekäre“ Arbeitskonditionen ist natürlich der fehlende Nachwuchs. Bis in die 1980er Jahre versuchte die SED, die Betriebe systematisch „auszutrocknen“. Erst nach 1976 wurde hier ein neuer Kurs gefahren, der es auch Kindern von Handwerker:innen ermöglichte, ein Handwerk zu erlernen bzw. die Betriebe der Eltern zu übernehmen. </em></p>
<p><em>In diesem Bereich gibt es große Unterschiede, je nach Gewerk und Standort. Ich denke, Thomas, wir müssen dringend weiter forschen. </em></p>
<h3><strong>Das Miteinander und Ineinander der Netzwerke und Informationskanäle</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bin neugierig auf weitere Forschungen! Eine wichtige Frage war die Materialbeschaffung. Das war nicht nur ein Problem des Handwerks, sondern ein grundsätzliches Problem. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die in meiner Zeit im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft der damalige Minister Rainer Ortleb erzählte. Er sagte, wir alle hätten die Aufgabe, mit 50 Mark einen Zentner Zement zu besorgen, aber unter der Bedingung, dass wir nicht in den Baumarkt fahren dürften. Er sei sicher, dass in der DDR alle am Abend diesen Sack <em>„organisiert“</em> hätten, während es im Westen niemand geschafft haben würde. Nach Lektüre Ihres Buches hatte ich den Eindruck, dass alle irgendwie an das Material herangekommen sind.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ja, das sind sie. Ich glaube, eines der wichtigsten Güter des Handwerks waren Netzwerke und Informationskanäle. Von Anfang an gehörte das zum Alltag dazu. Man kannte jeden in der Branche. Offiziell gab es die Handwerkskammer, die natürlich staatlich besetzt war, sowie die Berufsgruppen, also die Innungen, in denen man sich traf. Daneben aber lief vieles unter der Hand. Man feierte Feste, man war in Einkaufs- und Liefergenossenschaften (ELG) organisiert, man bekleidete ehrenamtlich verschiedene Positionen und versuchte, Kontakte zu Kolleg:innen auch anderer Branchen aufzubauen und zu erhalten.</em></p>
<p><em>Wir haben uns auch mit der Frage beschäftigt, was Jugendliche motivierte, ins private Handwerk zu gehen. Es zeigte sich ganz klar, dass schon der Schritt ins Handwerk im Rahmen der Planwirtschaft nur funktionierte, wenn man die Netzwerke hatte. Ohne diese wäre man nicht an den Lehrbetrieb, nicht an die Wohnung gekommen. Es gibt zahlreiche Anekdoten, wie jemand beispielsweise in Rostock Betrieb und Wohnung fand, denn ohne Wohnung gab es keinen Ausbildungsplatz. Das zieht sich durch alle Bereiche durch.</em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ich möchte das ein bisschen relativieren. Informelle Netzwerke gab es nicht nur in der DDR. Wir haben sie auch in der alten Bundesrepublik und in vielen anderen Gesellschaften. Aber wir hatten in der DDR eine sehr restriktive Zuteilung von Lehrstellen. Ganz anders als in der Marktwirtschaft war der Zugang zu Material. Da ging ohne Netzwerke gar nichts. Geld spielte eigentlich keine Rolle. Es wurde munter durch die ganze DDR getauscht. Das konnten die Osthandwerker nach 1990 immer noch, aber es war nicht mehr nötig, zum Beispiel Spargel gegen Rohre zu tauschen. Jetzt fuhr man in den Westen und kaufte die Rohre im Baumarkt. Das muss ein starker Einschnitt gewesen sein, der schlagartig Fähigkeiten der Materialbeschaffung oder der Materialhortung entwertet hat. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber es wurde damit doch auch teurer?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ja, aber es war auch weniger aufwendig. Das spielt in den Erzählungen eine große Rolle, wie viel Zeit es kostete, bei der Materialbeschaffung immer hin- und herzufahren, all das mit dem Gefühl: „Wir schaffen es trotzdem.“ Diese Erfolgserlebnisse waren dann nach 1990 nicht mehr von Relevanz. </em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>In der DDR galt: Man brauchte ein Fenster, als Gegenleistung baute man einen schönen Tisch. Der Bäcker hatte ein Problem mit seinem Ofen. Für guten Kuchen kamen – salopp gesagt – die Ofenbauer. Es hieß, jeder hilft jedem, auch um selbst etwas zu bekommen. Das trug zur Kommunikation, zum Miteinander bei. Dieses Gefühl des Miteinanders ging mit der Wende verloren. Das ist eine große Verlust- und Bedauernsgeschichte, die heute noch Thema ist. Die Freundschaftsbande sind zu Konkurrenzverhältnissen geworden.   </em></p>
<h3><strong>Viele kleine Betriebe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ostdeutschland haben wir nach wie vor hauptsächlich kleine Betriebe, meines Wissens etwa 80 bis 90 Prozent. Hängt dieses Phänomen mit der Geschichte des privaten Handwerks in der DDR zusammen?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Es gibt Studien, die belegen, dass die meisten Handwerksbetriebe im Westen in den 1970er Jahren auch nicht größer waren als die Betriebe in der DDR, die seit 1950 höchstens zehn Beschäftigte anstellen durften. Für die DDR war das jedoch eine besondere Situation, weil die Nachfrage so groß war. Mit mehr Personal hätte man viel länger und viel mehr Aufträge abarbeiten können. Irgendwann hat man keine Aufträge mehr angenommen, was auch mit der extremen Besteuerung den Betrieb zusammenhing. Es lohnte sich nicht mehr zu arbeiten. In der alten Bundesrepublik gab es insgesamt viel mehr größere Betriebe als in Ostdeutschland, aber inzwischen orientiert sich die Entwicklung in Bezug auf die Betriebsgröße in den neuen Bundesländern stark am Westen. Wir erleben gleichermaßen, dass die Schere zwischen einigen großen mittelständischen Unternehmen und vielen Kleinbetrieben immer weiter auseinander geht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage ist meines Erachtens eher, ob sich Großbetriebe im Osten ansiedeln beziehungsweise wie es sich mit diesen verhält.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Manche entwickeln sich auch aus ostdeutschen Handwerksbetrieben. Am Schluss versuche ich in unserer Studie einen Ausblick zu geben. Es gibt einige Firmen, die ziemlich erfolgreich sind, auch auf Grundlage der Erfahrungen, die sie vorher gemacht haben, auf Grund ihres Kundenstamms, und es gibt natürlich auch Ansiedlungen aus dem Westen oder aus West-Berlin.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Wir haben Handwerksmeister interviewt, die gar nicht mehr Leute einstellen wollten. So hätten sie einen besseren Überblick über die Arbeitsschritte und das Personal. Gerade in der DDR litten nicht alle darunter, dass sie nur zehn Leute beschäftigen konnten – eine Vorgabe, die seit den 1950er Jahren gesetzlich verankert war und bis 1989/90 galt. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>In den 1990er Jahren gibt es in vielen Gewerken schon das Bestreben zu expandieren. Oft waren es die Handwerker selbst, oft auch Beratungsangebote, die den Anstoß gaben. Die Beratung ging oft in die Richtung zu versuchen, Filialen zu gründen. Etliche Betriebe haben sich auf diese Weise kaputtexpandiert. Sie haben sich überfordert, erst recht, als die Wirtschaftskrise dann doch wieder zubiss. Andere sind aus den Erfahrungen vor 1990 lieber moderat expandiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine problematische Rolle spielten in der Transformationszeit der frühen 1990er Jahre Berater aus dem Westen, von denen viele nicht unbedingt qualifiziert waren.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Die kamen alle aus dem Westen. In den Interviews haben wir auch von sehr konstruktiven Beratungen gehört, die geholfen haben, zum Beispiel zu technischem Knowhow, zu betriebswirtschaftlichen Grundlagen, die in der DDR nicht wirklich erforderlich waren. Es gab aber genauso oft unseriöse Angebote. Ich versuche mir vorzustellen, wie Handwerker darauf reagierten. Manche Angebote waren so absurd, dass man sie schnell durchschaute. Aber mit manchen Dingen, zum Beispiel Rabattofferten, hatten die Handwerker:innen vorher keine Erfahrung. Viele waren völlig überfordert mit Kooperationsangeboten der merkwürdigsten Art, Versicherungsangeboten, Kreditangeboten und was nicht alles. Das muss für viele eine totale Überforderung und Überwältigung gewesen sein.</em></p>
<h3><strong>Privatwirtschaft in der Planwirtschaft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in allen Planwirtschaften in bestimmten Rhythmen immer wieder Lockerungen beschlossen werden, die privatwirtschaftliche Formen ermöglichten, in kleinem Rahmen, aber immerhin. Das betrifft oft landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft, bei der dann auch immer etwas abfällt, das man weiterverkaufen kann. Ähnliches gab es wohl im Handwerk. Die Frage, die sich planwirtschaftliche Regime stellten, lautete: Wie viel Privatwirtschaft muss ich zulassen, um die Leute bei der Stange zu halten?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Das ist ein Hin und Her. Alexia hat sich mit den Wirtschaftsreformen in den 1960er Jahren befasst. Manche haben profitiert: Wir verweisen auf die goldenen Jahre der PGHs. Die konnten mit den VEBs mithalten. Aber plötzlich wurde es der Parteiführung unheimlich, was sich da von unten entwickelte, und sie haben den Deckel wieder drauf gemacht. Wichtig für unser Projekt sind die mehrfachen Kurswechsel in den 1970er Jahren, beginnend mit der Enteignungswelle nach dem Amtsantritt von Erich Honecker, der versucht hat, alle erfolgreichen PGHs zu verstaatlichen, um sie besser zu kontrollieren. Wenige Jahre später stellte die Parteiführung fest, dass man sich selbst geschadet hatte, weil wirtschaftliche Leistungen, die man brauchte, damit wegfielen. Dann kam wieder eine Öffnung zu größeren Freiräumen, die auch nicht immer den gewünschten Erfolg hatten, aber doch die Rahmenbedingungen für das Handwerk verbesserten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Es dauert natürlich auch immer ein paar Jahre, bis eine veränderte Politik Fuß fasst. Das größte Dilemma der DDR war einfach, dass die SED das private Handwerk als vermeintliche Ausgeburt des Kapitalismus nicht mochte, es aber gebraucht wurde. Walter Ulbricht hat bereits im Zuge der Bodenreform gesagt, man könne diese gar nicht ohne die privaten Handwerker durchführen, die den Neubauern mit ihrem Knowhow unter die Arme greifen. Das ist in der Anfangsphase der DDR so angesetzt und zieht sich bis zu ihrem Ende durch. </em></p>
<p><em>Die Handwerkspolitik in der DDR hat sich ständig gedreht, sie war nicht einheitlich, auch nicht vorhersehbar. In den 1950er Jahren waren es gesetzliche Gängelungen, in den 1980er Jahren gab es reale Unterstützung, auch in Form von einigen Sondermaßnahmen, zum Beispiel, dass ein junger Handwerker erst einmal von der Nationalen Volksarmee (NVA) zurückgestellt wurde, wenn er den Betrieb seines Vaters übernommen hat. </em></p>
<p><strong>Nobert Reichel:</strong> Ihr Buch ist unglaublich detailreich. Dazu gehören auch scheinbare Kleinigkeiten wie der Zugang zu einem Auto über die NVA. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass sich ein Handwerker mit einem Auftrag der Bundeswehr gleich auch noch ein Auto oder Sonderkonditionen bei der Materialbeschaffung erwirken könnte.</p>
<p><strong>Alexia Pooth:</strong> <em>Die NVA ist ein interessanter Teilbereich, weil sie, wie viele andere staatliche Einrichtungen auch, vom Handwerk profitierte, beispielsweise wenn elektrische Leitungen verlegt werden mussten oder die Volkspolizei beziehungsweise die Staatssicherheit eine neue Garage brauchte. Die haben auch gerne auf das private Handwerk zurückgegriffen.</em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Da wusch eine Hand die andere, denn diese Auftraggeber hatten zusätzliche Materialkontingente und waren daher bei den Handwerksbetrieben beliebt. Die haben auch nicht so genau nachgezählt, was sie an die Handwerker weitergegeben hatten.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Ich gestehe, dass ich als Nachgeborene bis heute nicht so recht verstanden habe, wie sich die Firmenfinanzierung beziehungsweise besser: der Erwerb von Material und Technik genau zusammensetzte. Thomas sprach schon von den hohen Spareinlagen. Bis heute wissen wir nicht genau, woher diese kamen, wie sie sich akkumuliert haben, aus welchem Topf dann ein (West-)Auto finanziert wurde und wie die Schwarzarbeit funktionierte, die existierte und gut bezahlt wurde.</em></p>
<h3><strong>Transformationen auf dem Weg in die „blühenden Landschaften“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Aspekt Ihrer Studie ist die Transformation von einer Planwirtschaft in eine Privatwirtschaft nach der Friedlichen Revolution. Wie lief das ab und was lässt sich heute aus der Rückschau über diesen Prozess sagen?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Ja, das ist die zweite Hauptfrage in unserem Buch – ein enorm schwieriger Prozess. Manchmal muss man sich auch die Naivität der frühen 1990er Jahre vor Augen halten: Wir nehmen die Planwirtschaft weg und schon ist die Marktwirtschaft da! Wir brauchen jedoch die Marktteilnehmer. Interessant war der Blick auf die wenigen privaten Betriebe in der DDR. Viele dachten, das werde der neue Mittelstand in Ostdeutschland, abgesehen von den Westbetrieben, die sich im Osten angesiedelt haben. Diese Betriebe hatten Erfahrungen in der DDR aber keine mit den neuen Rahmenbedingungen einer Marktwirtschaft. Sie haben eine wichtige Rolle gespielt, aber sie selbst fühlten sich als Getriebene. Sie haben auf lokaler Ebene neue Kontakte geknüpft, ihre Produktion und Kundenstämme ausgebaut, sich im Hinblick auf die Handwerkskammern neu orientiert. Ich denke, sie sind eigentlich die wahren Helden der Transformation von unten, während von oben illusorische Vorstellungen vorherrschten. Man muss sich nur die Privatisierungen durch die Treuhand anschauen! Man dachte, es gehe ganz einfach und die Betriebe wären dann alle schnell wieder flott. Aber es hat sich mit den „blühenden Landschaften“ dann doch nicht so schnell durchgesetzt.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Wir haben eben darüber gesprochen, dass viele aus dem Westen in den Osten kamen, um Beratungsleistungen oder Schnäppchen anzubieten. Aber wir müssen sehr genau differenzieren, wovon wir eigentlich reden. Eine der interessantesten Fragen ist die, wie die Menschen im Osten die Transformationsprozesse erlebt haben. Da kamen Leute aus dem Westen, die meinten, sie könnten die Brillengläser viel besser schleifen, denn sie hätten bessere Maschinen. Fast alle Handwerker:innen, die wir interviewt haben, Männer wie Frauen, die die Transformationszeit erlebt haben, sind selbst in den Westen gegangen, kamen zurück und stellten fest, dass sie handwerklich viel besser aufgestellt waren. Sie waren viel flexibler und eben in der Lage, ein Brillenglas auch ohne hochmoderne Maschinen zu schleifen. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis: Alle fühlten sich in der Transformationsphase durchgerüttelt, aber das berufsbezogene Wissen, das sie hatten, konnte ihnen niemand nehmen. Das war eine große Motivation und gilt zumindest für die Handwerker:innen, die wir interviewt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An mehreren Stellen in Ihrem Buch verwenden Sie den Begriff <em>„Handwerkerstolz“</em>. Manche konnten durch Inaugenscheinnahme im Westen ein neues Selbstbewusstsein entwickeln. Das betrifft aber nur einen Teil der Betroffenen. Bei vielen hat es nicht geklappt.</p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Mit der Abwicklung der volkseigenen Betriebe haben wir ein großes Potenzial an Arbeitskräften, zum Beispiel die VE-Meister, die volkseigenen Betriebsmeister. Auch die PGHs wurden aufgelöst. Und plötzlich haben wir einen großen Pool von handwerklich geschulten Leuten auf dem Arbeitsmarkt. </em></p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Dadurch entsteht in den frühen 1990er Jahren eine enorme Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt viele Neugründungen, teilweise aus der Not geboren. Um die Wirtschaft anzukurbeln, wurde seit 1990 ermutigt, neue Betriebe zu gründen. Da der Bedarf sehr groß war, wurde dies angenommen, doch in dieser Situation war noch nicht abzusehen, wer sich am Markt behaupten würde. Die Entwicklung verlief auf verschiedenen Geschäftsfeldern ganz unterschiedlich. Ganze Bereiche verschwanden, zum Beispiel das Reparaturgewerbe, das in der Wegwerfgesellschaft keine Chance hatte. Schuhe wurden nur noch selten repariert. Nehmen wir das Beispiel einer Porzellanmalerin, die in den frühen 1990er Jahren Teller wieder zusammengeklebt hat. Als wir das sahen, dachten wir, das wäre im Westen beim nächsten Polterabend gelandet. Sie hat das auch nicht lange gemacht und ist auf Geschenkartikel umgestiegen. Auch der Run auf Westprodukte spielte eine Rolle. Ein Drucker, den wir interviewt haben, war früher Buchbinder. Im Laufe der 1990er Jahre stellte er fest, dass der Bedarf zurückgegangen war. Die Leute ließen sich nicht mehr das alte Kochbuch der Oma reparieren. Das gab es im Buchladen alles viel billiger. Also sattelte er auf Druckerei um.</em></p>
<p><em>Dass Betriebe an- und abgemeldet werden, ist im Handwerk normal. Abmeldungen sind nicht unbedingt Anzeichen einer tiefen Krise. Manche neu gegründeten Betriebe hatten aber nur eine schwache Kapitaldecke und überlebten nur zwei bis drei Jahre. </em></p>
<h3><strong>Ein anderer Blick auf die Transformationszeit und ihre Folgen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Erklärt ihr Buch etwas zu den Verwerfungen und Radikalisierungen in Ostdeutschland, die wir zurzeit erleben und die in Berichterstattung und Politik dominieren? Oder erklärt es das nicht?</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Irgendetwas dazwischen. Unsere Erwartungen waren eigentlich höher. So wollten wir beispielsweise wissen, ob man aus der Situation des Handwerks Schlüsse auf den Wähleranteil der AfD ziehen kann. Wir haben auch gedacht, wir könnten mehr herausfinden über die Dynamik der Gesellschaft, über gesellschaftliches Engagement. Punktuell ist das vielleicht gelungen, aber so einfach war das nicht. </em></p>
<p><em>Immerhin bekommen wir einen guten Blick dafür, wie Transformation funktioniert hat, welche Rolle privates Handwerk dabei spielte und wie lokale Gesellschaft funktioniert. Die privaten Betriebe, die schon vor 1990 da waren, waren eine Art Stabilitätsanker. Wir wüssten aber gerne mehr darüber, was das politisch bedeutet. Es sind bisher nur einzelne Beobachtungen. Obwohl es viel Kritik am Transformationsprozess gibt, haben es viele Handwerker irgendwie doch geschafft und bewerten die Entwicklung insgesamt positiv. Daraus ergibt sich aber noch kein einheitliches Bild.</em></p>
<p><strong>Alexia Pooth</strong>: <em>Das ist auch gar nicht so schlimm. Es hängt von der Perspektive ab und von welchem Wissenstand man startet. Ich fand es sehr interessant, in ein Feld einzutauchen, das ich vorher nicht wirklich kannte. Aus meiner Perspektive an der Universität in Bochum kann ich nur sagen, dass man gar nicht genug darüber wissen kann, wie differenziert die Gesellschaft in der DDR war und in Ostdeutschland ist. Wenn ich in Bochum in einen Buchladen gehe, finde ich so gut wie nichts über die DDR. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist in Bonn nicht anders. Man muss es in der Regel schon bestellen, das heißt vorher schon wissen, was es auf dem Buchmarkt gibt.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>. <em>Uns geht es um einen anderen Blick auf die Transformationszeit. Sonst geht es immer nur nach dem Motto, alles Tristesse, alles bricht zusammen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Narrativ dominiert leider zurzeit in jeder Hinsicht.</p>
<p><strong>Thomas Schaarschmidt</strong>: <em>Wenn man ein bisschen genauer hinschaut, bekommt man ein differenziertes Bild und sieht, welche Spielräume da waren, was Leute geleistet haben, dass es ganz wichtig war, was sie da gemacht haben, egal, ob es Erfolg hatte oder nicht. Und trotzdem ist bei vielen ostdeutschen Handwerkerinnen und Handwerkern das Gefühl da, man werde nicht richtig anerkannt. Das ist auch im Westen so. Das Handwerk hat immer Probleme, sich bei der Berufswahl gegenüber akademischen Berufen zu profilieren. Eigentlich ist es völlig unverständlich, warum es das Handwerk vom gesellschaftlichen Ansehen so schwer hat. Ich saß in Potsdam mit einem Drucker zusammen, in einer fantastischen Werkstatt, der mir erzählte, wie wenig das Handwerk anerkannt wird. Und ich dachte die ganze Zeit, das passt mit dem, was ich hier sehe, gar nicht zusammen.</em></p>
<p><em>Ich möchte vielleicht noch erzählen, warum mich das Thema umgetrieben hat. Ich habe vor meinem Umzug nach Leipzig in Bonn gewohnt. Im Rheinland hieß es, Handwerker kommen manchmal, aber selten an dem Tag, zu dem man sie bestellt hat. Der erste Handwerker, den wir in Leipzig kennengelernt haben, kam zu früh, war sehr freundlich und hat unseren Elektroherd blitzschnell angeschlossen. Dann entdeckten wir viele kleine Bäckereien und Fleischereien. Unsere Frage: Was hat das mit Planwirtschaft zu tun? Da, wo wir wohnten, gab es in der Nähe auch ein sehr hübsches Villenviertel. Einen Kollegen, einen Historiker aus Leipzig habe ich gefragt, wer da wohnte: Er sagte, das seien keine sowjetischen Offiziere, sondern der „antifaschistische Hochadel“ von Leipzig, die hier ihr Wochenendhäuser hatten, und Handwerker. Er hat mir dann erklärt, welche Rolle Handwerk, gerade Bauhandwerk, in der späten DDR spielte. Mir fiel es damals wie Schuppen von den Augen und ich merkte, dass DDR eben nicht nur Planwirtschaft war, sondern dass man da schon genauer hinschauen muss, um zu verstehen wie die ostdeutsche Gesellschaft funktionierte.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 28. August 2026. Titelbild: Private Druckerei von Wolfgang Schuboth in Malchow von 1985, Foto: privat. Das Bild ist in dem Band „Handwerk Ost“ enthalten, Seite 10.)</p>
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		<title>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 05:51:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel „Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen  [...]</p>
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<h1><strong>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds </strong></h1>
<h2><strong>Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel</strong></h2>
<p><em>„Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen Tafeln, die an die <u>Opfer der deutsch-faschistischen Eroberer</u> erinnerten. Seit dem Sommer 1943 hatte das JAK Dokumente über die Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion gesammelt. Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann gelang es dennoch nicht, ein geplantes <u>Schwarzbuch</u> zu veröffentlichen. Die Argumentation war die übliche: Das Schicksal der Juden darf gegenüber dem einfachen sowjetischen Bürger nicht hervorgehoben werden. Das spezifische Leid der Juden während des Zweiten Weltkriegs wurde weder in den Schulen und Hochschule noch in der Kunst thematisiert.“ </em>(<a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/die_drei_leben_des_meir_schwartz">Anja Schindler, Die drei Leben des Meir Schwartz – Das Schicksal meines Vaters</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2018)</p>
<p>Spuren, Geräusche, Schatten, Bilder erscheinen in Alpträumen, lassen nicht mehr in Ruhe schlafen, verhindern Vergessen, belasten ein Leben lang. Menschen, die Schlimmstes erlebt haben, Deportation, Folter, Hunger und Zwangsarbeit, den Tod anderer Menschen, aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, erleben immer wieder, dass andere meinen, es müsste doch endlich einmal ein Schlussstrich gezogen werden, das sei doch alles <em>„Geschichte“ – </em>eine euphemistische Formel dafür, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Ob eine solche Formel die persönliche oder gar die kollektive Psyche tatsächlich entlastet, darf bezweifelt werden. Wäre sie erfolgreich, sodass letztlich nur die Überlebenden und ihre Nachgeborenen mit ihrem Leid, ihrer Erinnerung allein blieben, gäbe es nicht immer von Neuem eine Debatte darüber, warum nicht endlich einmal Schluss sein möge, mit all diesen Beschuldigungen, Erinnerungen, Aufrufen zum gemeinsamen Gedenken.</p>
<h3><strong>Gesteuerte Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p>Man mag in diesem Sinne den Namen „Buchenwald“ unterschiedlich belegen, als Ort der Shoah und des Terrors der Nazis gegen jede Opposition, als Gedenkstätte, die regelmäßig von Schulklassen aufgesucht wird, um dort mehr oder weniger freiwillig etwas über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu erfahren, oder auch als Ort einer staatlich gesteuerten Gedenk- und Geschichtspolitik, wie dies in DDR von Beginn an geschah. Buchenwald war der Ort, den Jugendliche vor allem aus dem Süden der DDR anlässlich ihrer Jugendweihe gemeinsam aufsuchten, um sich zum revolutionären und antifaschistischen Erbe der DDR zu bekennen. Der Besuch war Teil des Vorbereitungsjahres zur Aufnahme in die FDJ. Im Norden der DDR fuhr nach Sachsenhausen oder Ravensbrück.</p>
<p>Buchenwald war der ideologische und mystifizierte Ort, an dem sich sowjetisch-kommunistisches, antifaschistisches Gedenken über die vier Jahrzehnte der DDR kristallisierte. Ostdeutsche Unschuld stand westdeutscher Schuld gegenüber. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/deutschland-ns-vergangenheit-schweigen-familien-li.3499427">Gespräch vom 30. Juni 2026 mit der Süddeutschen Zeitung</a> sagte Ines Geipel: <em>„Im Osten gab es offiziell ja keine Nazi-Täter. Laut Staatsmythos hockten sie allesamt im Westen. Die DDR war damit ein lupenreines Opferkollektiv. Das war das große Entlastungsangebot der kommunistischen Staatspartei gegenüber der eigenen Bevölkerung. Bei Lichte besehen wurde es zur inneren DDR-DNA mit frappierender Langzeitwirkung. In der Realität jedoch waren mehr als 30 Prozent der Ostdeutschen am Kriegsende in Naziorganisationen gewesen, anderthalb Millionen in der NSDAP. Eine Belastung, die im Grunde die zweite deutsche Diktatur mit ermöglichte. Denn die kampferprobten, erfahrenen Kommunisten und SPDler aus der Weimarer Republik wurden oft genug durch Altnazis in der zwangsvereinten Partei ersetzt. Und Auschwitz? Das war einzig ein Problem des Westens.“ </em></p>
<p>Gefeiert und geehrt wurde der Widerstand der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald, während alle anderen, nicht zuletzt auch die dort inhaftierten und ermordeten Jüdinnen und Juden in der DDR mehr oder weniger aus dem offiziellen Gedenken verschwanden. Aber auch die kommunistischen Häftlinge mussten sich der DDR- und Parteiführung beugen, die das Exil in Moskau überlebt hatte und jede innerparteiliche Opposition, gleichviel ob real existent oder nur vermutet, auszuschließen bestrebt war. Dabei half den <em>„Moskauern“</em> die Verstrickung der im Lager inhaftierten Kommunisten in Kollaborationen mit der SS. Im Lager regelten sie interne Auseinandersetzungen mit der SS, nicht zuletzt indem sie in den sogenannten <em>„Spritzkommandos“ </em>mordeten. Der bekannteste Überlebende der Buchenwalder Kommunisten war Walter Bartel, den die DDR- und SED-Führung zur Ikone ihres Bildes vom heldenhaften kommunistischen Widerstand in Buchenwald machte.</p>
<div id="attachment_8154" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8154" class="wp-image-8154 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-768x1252.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1200x1956.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1256x2048.jpg 1256w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer.jpg 1514w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8154" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ines Geipel hat mehrfach, 2019 in <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/ines-geipel-umkaempfte-zone-9783608115185-t-1196">„Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“</a>, 2026 in <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> die Engführung von Erinnerungskultur in der DDR zum Thema gemacht. Am 19. März 2026 sprach sie bei der Vorstellung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse in einer Veranstaltung des Mitteldeutschen Rundfunks davon, es gebe <em>„eine Gravitation um diesen Ort“</em> und zitierte damit den Titel des ersten Kapitels: <em>„Gravitation in Kreisen“</em>. Sie sehe ihr Buch als eine Unterstützung der Gedenkstätten, die bei einer AfD-Regierung wohl geschlossen würden. Ein Motiv ihrer Recherchen und ihres Schreibens sie jedoch auch die Aussage gewesen, 1989 habe man der DDR auch noch den <em>„roten Antifaschismus genommen“</em>. Sie selbst schreibt als Nachfahrin von Tätern, des Vaters (in der DDR) und der Großväter (im NS-Deutschland). Sie kennt das Schweigen, Be- und Verschweigen in der Familie. Sie kennt die <em>„hochgradige Ambivalenz und Vielfalt der Opfer und die Vielfalt der Täter“</em>, in der NS-Zeit wie in der Zeit der SED-Herrschaft: <em>„Wir Ostdeutschen haben mit unserer belasteten Geschichte genauso eine Tätergeschichte wie der Westen.“</em></p>
<p>Manche versuchen, ihren Unwillen an einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Täterschaft oder der Täterschaft ihrer Vorfahren zu kompensieren, indem sie die Gruppe, der sie selbst angehören, heroisieren oder die öffentliche Aufmerksamkeit einfach auf ein anderes Erinnerungsfeld umlenken, das doch – so werden sie nicht müde zu betonen – viel dringlicher wäre. <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/rothberg_bpb_LESEPROBE.pdf"><em>„Multidirektionale Erinnerung“</em></a> lautet das von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in die Debatte eingeführte Zauberwort der Ab- und Umlenkung des Erinnerns. Jede Erinnerung hat selbstverständlich ihren Grund, ihre Berechtigung, doch gefährlich wird es, wenn Verbrechen gegeneinander aufgerechnet werden wie in den letzten Jahren die Verbrechen der Shoah mit den Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und eine Art Hierarchie der Opfer, Hierarchie des Gedenkens entstehen soll, die sich letztlich in dem Anliegen begründet, dass das schon so lange Erinnerte, konkret die Shoah, mit der Zeit doch aus der allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden möge.</p>
<p>So geschah es nach 1945 schon sehr früh im sowjetischen Machtbereich, in der Sowjetunion, daher natürlich auch in der DDR: Nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis wurde als Gegenstand der Erinnerung akzeptiert. Jede andere Erinnerung, jedes andere Gedenken, wurde geradezu im doppelten Sinne des Wortes ausgeschlossen. Paul Merker wurde aus der SED ausgeschlossen, inhaftiert und verurteilt, weil er als einziger <em>„im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und späteren Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)“</em> war, <em>„der die jüdische Frage in den Mittelpunkt der kommunistischen Theorie und Praxis setzen wollte und konnte.“</em> Die Verurteilung von Paul Merker vollzog sich im Rahmen von Stalins <em>„Kampagne gegen den ‚Kosmopolitismus‘“</em> sowie im Wissen um das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Während Walter Ulbrecht und Wilhelm Pieck argumentierten, der Sieg über den Nationalsozialismus als <em>„Entschädigung“</em> der Juden zu werten wäre, wies Paul Merker darauf hin, dass Juden <em>„nur verfolgt wurden, da sie Juden waren“</em> und daher <em>„hätten sie die gleichen Anrechte auf eine Wiedergutmachung wie alle anderen Nationen.“</em> Das Urteil gegen Merker wurde 1956 aufgehoben, er <em>„durfte auch als Lektor in Berlin arbeiten“</em>. <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> bezeichnet den <em>„Fall Merker“</em> als <em>„Wendepunkt im Verhältnis der DDR zur jüdischen Frage.“</em> (alle Zitate in diesem Absatz nach Jeffrey Herf, Ein antisemitisches Gerichtsurteil, in: Anetta Kahane / Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR – Jüdisch sein zwischen Anpassung, Dissidenz, Illusionen und Repression</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021)</p>
<p>Die AfD verfährt nach diesem sowjetisch-kommunistischem Muster, wenn sie die Zeit von 1933 bis 1945 aus dem nationalen Gedenken so weit wie möglich streichen will, zunächst wohl durch rhetorische Abwertung, schließlich im Falle einer Übernahme der Regierung mit der Streichung von Zuwendungen aus den Landeshaushalten für die Gedenkstätten. Sie will ausweislich ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt 2026 die Völkerschlacht von Leipzig des Jahres 1813 und die Reichsgründung von 1871 zum Momentum des Gedenkens erheben. Vorbild würde das deutsche Kaiserreich, möglicherweise mit dem Subtext eines antifranzösischen Ressentiments, das die Aussöhnung der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs im Jahr 1963 konterkariert. Bismarck statt Adenauer? In dieser Absicht spiegelt sich durchaus die sowjetische Sicht des Gedenkens, die sich in der DDR durchsetzte. Die Shoah verschwindet aus dem offiziellen Gedenken. Dieses sollte ausschließlich dem kommunistischen Widerstand gelten<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">. Der sich in der Regel als Antizionismus tarnende sowjetische Antisemitismus</a> konnte sich frei entfalten, weil die Shoah aus dem öffentlichen Gedenken mehr oder weniger eliminiert wurde.</p>
<h3><strong>Kollektive Verantwortung</strong></h3>
<div id="attachment_8155" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8155" class="wp-image-8155 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8155" class="wp-caption-text">Foto: NoRei.</p></div>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ hätte angesichts der Fülle des Materials eine 1.000seitige Monographie werden können, die nur noch von Spezialisten rezipiert worden wäre. Ines Geipel ist es jedoch gelungen, auf etwa 300 Seiten ein sehr gut lesbares, eingängiges und im besten Sinne aufklärerisches Buch zu schreiben. Ines Geipel erzählt die Geschichte des Erinnerns an die Shoah in der DDR als eine Geschichte, die alle, die in der DDR aufwuchsen, gleichermaßen prägte. Auf jeder Seite des Buches bietet sie zugleich unmittelbaren Einblick in ihre Quellen. Unter ihrem Text sehen wir – in grauen Kästen – Auszüge aus den Akten.</p>
<p>Es geht Ines Geipel nicht um eine Schuldzuweisung im Sinne einer angenommenen <a href="https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559884/kollektivschuld/"><em>„Kollektivschuld“</em></a> <u>aller</u> Deutschen, gleichviel ob Ost oder West. Diese Abgrenzung ist meines Erachtens wichtig, weil sich die geschichtspolitischen Ansichten rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Akteure immer wieder auf die Annahme beziehen, man wolle den Deutschen eine solche <em>„Kollektivschuld“</em> verordnen. Sie nutzen den Begriff der <em>„Kollektivschuld“</em> als Kampfbegriff, um ihre Gegner zu diffamieren. Sie spiegeln darin den antifaschistischen Anspruch von SED und DDR, die den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland eine <em>„Kollektivschuld“</em> zuwiesen, während die Deutschen in der DDR mit der sowjetischen Befreiung und der Staatsgründung am 7. Oktober 1949 per se auch von jeder Mitschuld befreit worden wären. Im sozialistischen, antifaschistischen <em>„Sein“</em> habe gemäß der berühmten Formel von Karl Marx das faschistische <em>„Bewusstsein“</em> keinen Ort mehr. Wer etwas anderes behaupte, könne nur als Agent des imperialistischen Westens und Wiedergänger der Nazis bewertet werden.</p>
<p>Ines Geipel differenziert die Frage der <em>„Schuld“</em> durchaus im Sinne der wegweisenden Vorlesung von Karl Jaspers aus dem Wintersemester 1945/1946 in Heidelberg: <a href="https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/die-schuldfrage">„Die Schuldfrage“</a>: Jaspers unterschied zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld. Karl Jaspers schrieb allerdings auch: <em>„Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit“</em>. Das wäre in etwa die <em>„politische Schuld“</em>, die die in einem verbrecherischen Staat lebenden Menschen miteinander teilen, auch wenn sie persönlich keine unmittelbar <em>„kriminelle“</em> Schuld träfe. Auftrag sei daher eine Art <em>„moralische Umkehr“</em>, die wiederum im <em>„metaphysischen“</em> Sinne, je nach religiöser Identität, vor Gott Bestand haben könne. Yfaat Weiss, Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig, reflektiert diese Frage der <em>„kollektiven Haftung“</em> in ihrem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a> (in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Februar 2026) im Hinblick auf die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen seit der Staatsgründung bis hin zu Israel nach dem 7. Oktober. Zuschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Eingeständnisse von Schuld und Verantwortung konterkarieren einander. Möglicherweise wäre in diesem Rahmen eine kontrastive Analyse der emotionalen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sowie der DDR und den arabischen Ländern ein spannendes Kapitel historischer Forschung, das noch geschrieben werden sollte. „Landschaft ohne Zeugen“ bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine solche Analyse.</p>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ ist gerade wegen der offen an- und ausgesprochenen Vergangenheiten in der eigenen Familie ein höchst persönliches Buch. Zugleich lässt das Buch die persönlichen und kollektiven Verstrickungen jedes einzelnen Menschen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik der DDR deutlich erkennen. Wer in der DDR aufwuchs, sich arrangierte oder in Konflikt mit den Behörden kam, dürfte ähnliche Verstrickungen berichten können, vorausgesetzt man begänne nachzufragen und nachzuforschen. Vielleicht ist das persönliche Zeugnis sogar die einzig angemessene Form, sich einer Vergangenheit und ihren Geschichtsbildern, ihren psychischen Folgen wie ihren Untiefen zu nähern und zu stellen. Was erleben 13-, 14jährige junge Menschen, wenn sie sich anlässlich ihrer Jugendweihe auf der staatlich verordneten Busreise nach Buchenwald diesen Untiefen nähern, auf dem <em>„Zeitplateau“</em> der Vergangenheit? Schafft es Überblick? Oder bleibt nur das Eingeständnis des Unwissens, einer Art von Verlorenheit in einer Geschichte, in der man den eigenen Ort noch nicht gefunden hat? <em>„Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten.“</em></p>
<h3><strong>Erinnern – ein schmerzhafter und nie abschließbarer Prozess</strong></h3>
<p>Schon der Titel des Buches beschreibt das Dilemma jeder Erinnerungskultur: Wer kann überhaupt noch etwas bezeugen? Viele Zeugen, Zeuginnen erzählen ihre Sicht der Dinge, oft unwissend, oft auch ungeachtet der eigenen Täterschaft oder der Täterschaften ihrer Eltern und Großeltern. Andere können nichts mehr bezeugen, weil ihre Lebensäußerungen, Tagebücher, Briefe, Protokolle aus Prozessen nur noch rudimentär oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Buchenwalderzählungen in der DDR sind ein Paradebeispiel einer solch selektiven Erinnerungskultur, offiziell wie halb offiziell. Im Untertitel des Buches erscheint das Dilemma, er erinnert an das Buch <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/loest,-erich-durch-die-erde-ein-ri%C3%9F-ein-lebenslauf-detail">„Durch die Erde ein Riss“</a> von Erich Loest, der in der DDR inhaftiert wurde, weil er sich nicht dem Geschichts- und Erinnerungsdiktat der Partei unterwarf. Ohnehin ist Erich Loest für Ines Geipel eine wichtige Gewährsperson. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Im Februar 2023 wurde sie mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet</a>. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Tagebucheintrag von Erich Loest aus dem Jahr 2008: „<em>Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“</em></p>
<p>Erich Loest hatte sich in seinem Buch „Jungen, die übrig blieben“ (1950) mit seiner eigenen Vergangenheit in Hitlerjugend und in der Wehrmacht auseinandergesetzt, ein in der DDR nicht gerade populäres Projekt. Es gibt jedoch keine Zukunft ohne das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Das sahen die Apologeten der staatlich fixierten Erinnerungs- und Geschichtspolitik anders. Ines Geipel beginnt konsequent mit ihrem eigenen Erleben als junges stotterndes Mädchen bei der Jugendweihe und – zwei Jahre später – ihrer Begegnung mit Walter Bartel höchstselbst, der staatlich inszenierten Ikone des kommunistischen Widerstands in Buchenwald: „<em>Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen.“ </em>Die ersten Seiten des Buches lassen erahnen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache zu finden: <em>„In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren.“</em></p>
<p>Ines Geipel erfährt sich im Verlauf ihrer Recherchen und ihres Schreibens selbst, auch im Spiegel der wechselnden Identitäten ihres Vaters, der als Stasi-Agent im Ausland wirkte, ihrer Nazi-Großväter. Aber: „<em>Es gab mich und das Unflüssige, Verhakte. Das heißt ein paar Möglichkeiten, die Wörterfrage zu stellen und mit der nicht durchzukommen, sie nicht lösen zu können.“</em> Im Schreiben verflüssigt sich <em>„das Unflüssige“</em>, löst sich das <em>„Verhakte“</em>. Bei der Lektüre des Buches kann man Ines Geipel geradezu zusehen, wie sie recherchiert, versucht das Recherchierte zu ordnen, aufzuschreiben. Der <em>„Riss“</em> heilt nicht, aber er wird von Seite zu Seite klarer benannt. Er geht durch die ganze Familie, durch die einzelnen Menschen selbst, auch durch die Täter von und in Buchenwald, nicht nur die SS-Täter, auch die Buchenwald-Kommunisten in ihrer Konkurrenz zu den sogenannten <em>„Moskauern“</em>, den Kommunisten, die wie Walter Ulbricht in Moskau nicht nur die NS-Verfolgung, sondern auch den Terror und die Paranoia Stalins überlebt hatten. Die <em>„Moskauer“</em> übernahmen nach dem Sieg der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR die Herrschaft. Nur ihre Biographie zählte. Auch das gehört zu den Traumata in der DDR, die Andreas Petersen in seinem Buch <a href="https://andreaspetersen.ch/die-moskauer/">„Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte“</a> sezierte.</p>
<p>Im Grunde blieb der SED-Nomenklatura gar nichts anderes übrig als sich von all denen abzugrenzen, die nicht in Moskau überlebt hatten, sondern an anderen Orten, auch von denen, die Konzentrationslager überlebten. Zumindest in der Anfangszeit. Erich Honecker, der 1971 mit Moskauer Unterstützung Walter Ulbricht ersetzte, war kein <em>„Moskauer“</em>, sondern hatte in einem deutschen Gefängnis überlebt. Ein fundamentales Misstrauen gegen wen auch immer war der Beweggrund der <em>„Moskauer“</em>, die Buchenwald-Kommunisten zu schikanieren. Unter den Opfern des Moskauer Exils waren viele deutsche Kommunistinnen und Kommunisten. Aber das zählte nicht. Sie wurden als angebliche Nazi-Agenten geführt.</p>
<h3><strong>Erlösungserzählungen</strong></h3>
<p>Wer bezeugt das Unsagbare, das Unbeschreibbare? <em>„Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht.“ </em>Es geht! Ines Geipel schuf die Voraussetzungen. Sie arbeitete sich als Historikerin durch die Archive, suchte, was die Nazis nicht geschreddert, die SED nicht dem Vergessen anheimgegeben hatten, hinterfragte die Lücken. Wie in ihren anderen Büchern bringt sie den Inhalt der Kapitel in deren Titeln mit einem Wort auf den Punkt: <em>„Wundbrand“</em>,<em> „Gedächtnisbeton“</em>,<em> „Notsprache“</em>,<em> „Gedächtnissiegel“</em>. Sie verwendet oft polsyndetische Reihen, ohne Verb, Synonyme suchend, um den richtigen Begriff zu finden, den es vielleicht angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge auch gar nicht geben kann, sich dem doch irgendwo erschließbaren wahren Sachverhalt geradezu spiralförmig nähernd, ihn umkreisend. Gelegentlich reihen sich Äußerungen aus den Akten unverbunden, dokumentarisch aneinander, Bruchstücke der Erinnerung, aus denen sich Schlussfolgerungen ziehen lassen, die je nach Vorgeschichte und Stimmung der Lesenden nicht immer die gleichen sein mögen: <em>„Wörter wie unbewohnbare Räume“, </em>„<em>Monumentenwörter“</em>,<em> „Zeichenzombis“</em>. Das Buch endet im Kapitel <em>„Gedächtnissiegel“</em> mit einem symbolisch deutbaren Schild: <em>„Ich will Richtung Mahnmal. Vorn an der äußersten Kante, am Rand des Steinfeldes, noch mal eine rauchen und ins Tal schauen. Auf dem Weg querstehend ein kleineres Gebäude. Im Fenster ein etwas in die Jahre gekommenes Schild: ‚Aus technischen Gründen bleibt die Ausstellung ‚Die Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald‘ bis auf Weiteres geschlossen.“</em></p>
<p>Ein historisches Buch über Buchenwald mag sich an Vorbildern orientieren. Aber: <em>„Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, Gyorgy Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch.“</em> Es gibt einen britischen Parlamentsbericht, der die frühe Legendenbildung in der DDR konstatiert: <em>„Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten.“</em> Was hatte es mit dem <em>„Spritzenkommando“</em> auf sich? Was hat es mit der <em>„Geschichte des ‚Abspritzens‘“</em> – der Injektion einer tödlichen Giftspritze – auf sich? Welche Häftlinge beteiligten sich? Zeugenaussagen gibt es. Ines Geipel zitiert eine Auswahl über mehrere Seiten. Ein zentrales Dokument ist die <em>„Akte Buchenwald“</em>, die <em>„Walter Bartel im Mai 1950 als Verteidigungs- oder eher Entlastungsschrift seines einstigen Lagergenossen Ernst Busse verfasst hatte. Der war Wochen zuvor, am 29. März 1950, von den Sowjets zu einer Besprechung in ihr Hauptquartier nach Karlshorst beordert worden. Von da war er nicht mehr zurückgekommen. Niemand wusste etwas. Das musste Walter Bartel zutiefst beunruhigt haben. Die Zeiten waren hochkarätig und undurchschaubar.“ </em>Es gab <em>„Säuberungen“</em> im Kreis der ehemaligen <em>„Lagerkommunisten“</em>, initiiert von den <em>„Moskauern“</em>. <em>„Widerstandsbiographie und Schuldbiographie“</em> vermischen sich.</p>
<p><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/nackt-unter-wolfen/978-3-7466-3026-7">„Nackt unter Wölfen“</a> von Bruno Apitz ist der vielleicht bekannteste Buchenwald-Roman. Bruno Apitz <em>„hatte Zeugnis ablegen und die Dilemmata um den roten Lagerwiderstand in den Roman aufnehmen wollen. (…) Keine reine Größe, nichts mit Heldenstatus, keine Siegerpose.“</em> Daraus wurde nichts. Der Roman hatte ein ähnliches Schicksal wie Stefan Heyms „Fünf Tage im Juni“, ursprünglicher Titel „Der Tag X“, über die Ereignisse rund um den 17. Juni 1953. <a href="https://www.quintus-verlag.de/Autoren/Krenzlin-Leonore/">Leonore Krenzlin</a> hatte sich schon 1965, <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?p=6069">Dieter Schiller</a> 1990 zur wechselvollen Geschichte dieses Romans geäußert. Sie haben diese Texte in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?portfolio=rueckblick-auf-ein-verlorenes-land">„Rückblick auf ein verlorenes Land – Studien und Skizzen zur Literatur der DDR“</a> (Gransee, Edition Schwarzdruck, 2019) veröffentlicht. Der Beitrag von Leonore Krenzlin wurde für diesen Zweck aktualisiert. So berichtet sie in einer Fußnote: <em>„Wie Heym in seinen Erinnerungen berichtet, mußte jedoch die erste Auflage von 300000 Exemplaren eingestampft werden, weil er einen Text von Stalin aus dem Jahr 1925 zitiert hatte, in dem es hieß ‚Entweder wir, die ganze Partei, erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder sie werden uns durch Aufstände kritisieren‘“</em>. Dies war jedoch nur ein Detail in der gesamten Zensurgeschichte des Romans.</p>
<p>Inzwischen gibt es von beiden Büchern (halbwegs) kritische Ausgaben, die die gestrichenen Stellen der ursprünglichen Fassungen und zum Teil den hochkomplizierten Prozess der Verhandlungen zwischen Autoren und Staat nutzen. Auf dieser Basis sollte auch die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ im Jahr 2015 beruhen. Ein ausführlicher Vergleich wäre sicherlich von Interesse, um die verdeckten Botschaften verschiedener Phasen der Entstehung und Rezeption des Buches zu ermitteln (ein meines Erachtens durchaus angemessener Begriff). Ines Geipel bietet in ihrem Buch so ganz nebenbei einen Beitrag zur Geschichte der Zensur in der DDR anhand eines populären Romans. Mindestens genau so interessant wie das Aufgeschriebene ist eben das Nicht-Aufgeschriebene, ebenso interessant wie das Veröffentlichte das Nicht-Veröffentlichte.</p>
<p>„Fünf Tage im Juni“ war der Versuch eines realistischen, fast schon dokumentarischen Romans zur Zeitgeschichte, „Nackt unter Wölfen“ eher der Versuch einer Heldenerzählung aus einer gar nicht so weit zurückliegenden, aber immerhin durch die Gründung der DDR zu ihrem guten Ende gekommenen Vergangenheit. Ines Geipel beschreibt die Reaktion des zeitgenössischen Publikums: <em>„Das Publikum las ‚Nackt unter Wölfen‘ nicht als Fiktion, sondern als pure Realität, als Gefühlsschleuse in die faktische Welt des Lagers. Ein Erlösungsbuch, das das Bild von Buchenwald insbesondere in Ostdeutschland auf gravierende Weise prägte.“ </em>Die DDR-Rezeption setzte sich im vereinigten Deutschland fort, augenfällig in der Verfilmung des Romans im Jahr 2015. Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://www.bebra-wissenschaft.de/vzgesamt/titel/bruno-apitz.html">Lars Försters politische Biographie von Bruno Apitz</a>, die 2015 im Bebra-Verlag erschien: <em>„Nicht zuletzt wurde Bruno Apitz mitten in diesem Rezeptionsschub von Neuherausgabe, Film und Dokumentation mit Verve zum ‚Oppositionellen dreier deutscher Staaten‘ umgedeutet.“</em></p>
<p>Erlösung – das ist der Wunsch, das ist die Hoffnung, immer wieder, wenn es um Erinnerung oder Gedenken geht. Erlösung ist mehr als Versöhnung oder Wiedergutmachung, denn wer erlöst wird, braucht keine Versöhnung mehr und muss auch nichts mehr wiedergutmachen. Hier sollten ein Buch, ein Ort möglicherweise zu einer kollektiven Erlösung beitragen, die nicht mehr in Frage gestellt werden konnte. Dazu musste manches verschwiegen werden, so der Transport von 200 Kindern am 26. September 1944 nach Auschwitz, die dort ermordet wurden. Was geschah nun wirklich mit dem dreijährigen Kind im Roman, dem dreijährigen Stefan Jerzy Zweig? Er und elf andere Kinder waren aus einer Deportationsliste gestrichen worden, aus welchen Gründen auch immer: <em>„Erzählt wurde allein die heroische Kindsrettung, die ausschließlich der kommunistische Lagerwiderstand ermöglicht hatte. Eine Entkopplung vom Realen, ein Umschreiben, Amalgamieren, das das Kind zum Symbolkind und den Text zur idealen Projektionsfläche machte.“ </em>Nicht erzählt wird die Geschichte des sechzehnjährigen Sinto Willy Blum, der, als er von der bevorstehenden Deportation seines zehnjährigen Bruders Rudolf erfuhr, sich freiwillig ebenfalls für den Transport meldete.</p>
<p>Cheflektor des Romans war im Grunde irgendwie Walter Ulbricht höchstselbst, dem die bestallten Zensoren und schließlich der Autor sich selbst zensierend folgten: <em>„Die überreizte Macht in Berlin brauchte eine lupenreine Buchenwald-Version.“ </em>Die Stasi war mit ihrem <em>„Archiv zu NS- und Kriegsverbrechen“</em> und der 1967 gegründeten <em>„Abteilung 11“</em> absolute Herrscherin über die Quellen: Sie war <em>„zum alleinigen Gedächtniskontrolleur im Hinblick auf den Nationalsozialismus geworden. Sie entschied, wer sich erinnern durfte, wann man sich erinnern durfte.“ </em>Und die Bevölkerung der DDR machte mit: <em>„Die Ostdeutschen lasen sich mit ‚Nackt unter Wölfen‘ in einen solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten. Vom umstrittenen Tun der Lagerkommunisten war keine Rede mehr.“</em></p>
<p>Die Geschichte der beiden Romane und die Geschichte der Äußerungen der Erinnerungsikone Walter Bartel ähneln einander auffällig. Geschichte wird in ihren Erzählungen formatiert, normiert, sodass es immer schwerer wird, den realen Hintergrund zu erschließen, es sei denn, die Stasi und ihre Organe ließen nicht locker, um dann doch irgendwann irgendetwas zu finden, dass die Autoren vernichten konnte. Auch die Geschichten, in denen dies nicht gelang, sind Teil der Geschichte der DDR. Die Gruppe der KZ-Häftlinge war ein willkommenes Opfer. Ines Geipel referiert neben mehrere Biografien, die von Walter Bartel, Ernst Busse, Erich Reschke. Busse und Reschke wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und <em>„am 11. Juni 1951 in die Sowjetunion deportiert.“</em> All dies geschah in der Zeit der Prozesse gegen Rudolf Slánsky in der Tschechoslowakei, gegen die angeblich gegen Stalin verschworenen Ärzte in der Sowjetunion.</p>
<p>Walter Bartel überlebte, er wurde nur degradiert. Doch mit der Zeit wurde er zur staatlich fixierten Stimme der Erinnerung, wie sie die SED wünschte: <em>„Ich sehe Walter Bartel 1976 vor uns auf der Bühne sitzen, höre seine Sätze. Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? (…) Wer war dieser Mann?“</em> Zumindest lässt sich erahnen, wie er in der DDR überlebte: Letztlich wurde <em>„die Realität der Legende geopfert“</em>. So geschah es mit Buchenwald und der Shoah in der DDR, die DDR-Führung erzählte sich <em>„eine Geschichte wie aus einem Guss, unhintergehbar, kompakt. Mit ihr konnte man sich gut fühlen, vollständig.“</em></p>
<h3><strong>Die kurzen Sommer der Erinnerung</strong></h3>
<p>Es ist eine Stärke des Buches von Ines Geipel, dass es keine fertigen Antworten bietet, sondern eine Fülle von Fragen stellt, die sich eigentlich alle Deutschen stellen könnten, um sich ihrer Verantwortung in der Geschichte bewusst zu werden. Es sind Fragen, die sich nicht nur für kommunistische Überlebende stellen, sondern auch für die vielen andere, die nicht inhaftiert wurden, die im Alltag überlebten, weil sie nicht so genau hinschauten. Die Stiftung Topographie des Terrors hat im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel <a href="https://www.topographie.de/ausstellungen/der-holocaust-was-wussten-die-deutschen">„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“</a> konzipiert. Kurator war der Historiker Christian Schmittwilken. Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art an diesem Ort, einem früheren Zentrum des nationalsozialistischen Terrors, an dem das Reichssicherheitshauptamt stand. Wer diese Ausstellung sieht, wer das Buch von Ines Geipel liest, wird Fragen über Fragen mit nach Hause nehmen, denen sich möglicherweise Deutsche, die im Westen, und Deutsche, die im Osten aufgewachsen sind, unterschiedlich stellen werden. Aber wie wäre es, wenn sich West- und Ostdeutsche darüber austauschten?</p>
<p>Ines Geipel hat die Fragen dokumentiert, die sich denjenigen stellen, die in der DDR mit der dortigen offiziellen Buchenwald-Erzählung aufgewachsen sind. Es sind auch Fragen nach der Integrität der Staatsgründer, der Kommunisten der frühen DDR: Was ist mit den Kapos? Wer spielte welche Rolle? Wer kooperierte mit wem, welche Kommunisten kooperierten mit SS-Schergen? Die Buchenwald-Geschichte wird durch die Buchenwalderzählungen im Schweigen der Täter und der Opfer, in den Familien gebrochen und so sah sich die SED veranlasst, eine einzige staatlich verordnete Buchenwalderzählung zu propagieren, die Erzählung von kommunistischen Helden, die wiederum den eigenen DDR-Antifaschismus als unverrückbar, immer schon gepflegt fixierte und nach wie vor als Garantie des Erfolgs des sozialistischen deutschen Staates auf dem Weg zum Kommunismus gelten sollte.</p>
<p>Die Versuche, sich diesen Fragen zu entziehen oder sie gar nicht erst aufkommen zulassen, ähneln sich im Westen wie im Osten. Es gab unterschiedliche Strategien des Verschweigens. Es bleiben – so Ines Geipel – die Bilder der Eliminierung der Shoah aus dem kollektiven Gedächtnis, vergleichbare Wirkungen in Ost und West: <em>„Das Übertünchte, das Aufgesetzte. Im Westen die Quizsendungen, im Osten die kommunistische Aufladung. Dabei war die Erfahrungswelt der Deutschen bis Kriegsende erst einmal eine gemeinsame, geeinte. Unter Hitler hatten alle gelebt. Der Westen, der nach Hitler schneller dick wurde und offenbar früher bewegte Bilder hatte, zumindest als Familienkultur. Der Osten, der sich mit einer Doppelung rumzuschlagen hatte, mit einer scharfen Verdichtung, bei der eine Gesellschaft im Extrem auf eine andere Gesellschaft im Extrem gesetzt, geschoben wurde. Der politische Stauraum, das Komprimierte, die Schichten, die Schnitte, das vielfach Ausweglose der fünfziger Jahre des Ostens. Sein genuiner Basisraum, das Gesellschaftsbecken. Jede Akte, die ich im Archiv aus den fünfziger Jahren aufschlage, ist ein Angst-Text, ein Verlust-Text.“</em></p>
<p>Es ist jedoch nicht nur eine deutsche Geschichte. Die Geschichte von Buchenwald, die eine Geschichte des Umgangs mit den Verbrechen der Vergangenheit ist, hat auch eine internationale Dimension. Jorge Semprún, der als spanischer Kommunist (die Nazis nannten Leute wie ihn <em>„Rotspanier“</em>) Buchenwald überlebte, dem Kommunismus abschwor, viel gelesener Buchautor und spanischer Kulturminister wurde, sprach in seiner Rede zur Entgegennahme des <a href="https://stadt.weimar.de/de/weimar-preis.html">Weimar-Preises der Stadt Weimar</a> am 3. Oktober 1995 beispielhaft über das Schicksal der deutschen Schauspielerin <a href="https://www.memorial.de/themen-projekte/historische-aufarbeitung/gedenken-carola-neher">Carola Neher</a>. Sie wurde <em>„zu zehn Jahren Straflager verurteilt und verschwindet in den finsteren Tiefen des GULAG.“ </em>Dort starb sie am 26. Juni 1942. Es ließe sich auch auf Manès Sperbers Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ verweisen, in der das Elend der gegenseitigen Diffamierungen, Denunziationen, Morde unter kommunistischen Kämpfern, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten, sinnfällig wird. Die Zeugnisse der Kommunisten, die von Stalins Leuten verfolgt wurden, erwecken in ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Stalins und der Kommunistischen Partei mitunter den Eindruck der Verstrickung in einer Art Theodizee.</p>
<p>Semprún hat seine Erinnerungen an das Ungeheuerliche ein Leben lang in seinen Büchern zu ordnen gesucht, Buchenwald war sein Lebensthema. Literarische Reminiszenzen gaben seinen Büchern eine Struktur, so Baudelaire, den Semprún in „Adieu, vive clarté“ (Paris, Gallimard, 1998) im Titel und in drei von vier Kapitelüberschriften zitiert. Die erste mag er als seinen Auftrag formuliert haben: <em>„J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“</em>. Das Buch endet mit den prophetischen Versen Baudelaires <em>„Bientôt nous plongerons dans les froides ténèbres: / Adieu, vive clarté de nos étés trop courts!“</em> (Die Verse entstammen den Gedichten <a href="https://www.poetica.fr/poeme-592/charles-baudelaire-chant-automne/">„Chant d’automne“</a> und <a href="https://fleursdumal.org/poem/159">„Spleen“</a> aus den „Fleurs du mal“.) Bleiben nur Gedichte, bleibt nur Literatur? Auch das Buch von Ines Geipel mag als Sachbuch gelten – es wurde auf der Leipziger Buchmesse für den Sachbuchpreis nominiert. Es bietet jedoch viel mehr, denn es vereinigt die Qualitäten eines Sachbuchs und eines literarischen Werks – der ohnehin merkwürdige Begriff der Belletristik passt hier allerdings nicht –, weil die Autorin die Ergebnisse ihrer Recherchen immer wieder selbst in Frage stellt, nicht im Grundsatz, wohl aber in den für die Würdigung einer Lebensgeschichte wichtigen Details.</p>
<p>Die Lebensgeschichte eines Walter Bartel darf durchaus als tragisch bezeichnet werden. Ich empfehle einen Besuch des Pariser Friedhofs du <a href="https://www.paris.fr/dossiers/bienvenue-au-cimetiere-du-pere-lachaise-47/">Père-Lachaise</a>. Ganz weit hinten rechts findet sich eine Mauer, an der die Aufständischen der Commune de Paris erschossen wurden, vor der heute die Mahnmale an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu sehen sind. Auf der anderen Seite des Weges befinden sich die Gräber der Generalsekretäre der französischen kommunistischen Partei und kommunistischer Dichter wie beispielsweise Louis Aragon. Eine Idee, die humanistisch gedacht war, wurde zu einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie, die GULAG und Stasi hervorbrachte. Auch dies ist eine Tragik des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Verschwindet die Erinnerung – wie in den Baudelaire-Gedichten – in dem Dunkel eines ewig erscheinenden Winters? Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/gerber-jan">Jan Gerbers</a> Buch <a href="https://edition-tiamat.de/books/das-verschwinden-des-holocaust">„Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung“</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2025): <em>„Jan Gerber verweist darauf, dass eine Voraussetzung der Universalisierung des Holocaust seine Entkernung war. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde sowohl geographisch als auch historisch entkontextualisiert.“ </em>Dies vollzog die SED-Führung mit Buchenwald. Wer die Geschichte dieser Geschichtsklitterung verfolgt, sollte eigentlich auch erkennen, welche zerstörerischen Potenziale – Ines Geipel verweist ausdrücklich darauf – die Infragestellung der Singularität von Auschwitz aus welchen Gründen auch immer in sich birgt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, aktualisiert am 5. Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Deutsche Einheit &#8211; Kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2025 06:39:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Deutsche Einheit - kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren Empfehlungen zur Aufarbeitung in den evangelischen Kirchen Deutschlands Vor 35 Jahren gelang in der DDR – gemeinsam mit den Staaten Ostmitteleuropas – der Sieg von Freiheit und Demokratie. Die Durchsetzung demokratischer Strukturen und der Rechtstaatlichkeit begann bereits nach den ersten freien Volkskammerwahlen und der Konstituierung der  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Deutsche Einheit &#8211; kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren</strong></h1>
<h2><strong>Empfehlungen zur Aufarbeitung in den evangelischen Kirchen Deutschlands</strong></h2>
<p>Vor 35 Jahren gelang in der DDR – gemeinsam mit den Staaten Ostmitteleuropas – der Sieg von Freiheit und Demokratie. Die Durchsetzung demokratischer Strukturen und der Rechtstaatlichkeit begann bereits nach den ersten freien Volkskammerwahlen und der Konstituierung der letzten DDR-Regierung. Dem Willen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger aus der DDR folgend wurde nunmehr von beiden demokratischen deutschen Staaten (gemeinsam mit den Alliierten) die deutsche Einheit verhandelt und zum 3. Oktober 1990 rechtlich verwirklicht.  Heute erleben wir in Deutschland eine neue Ost-West-Debatte, die auf einer anderen Ebene als in den Jahren zuvor geführt wird. Die Demokratie wird einerseits gefeiert, andererseits kritisch hinterfragt und sogar angegriffen. Diese Auseinandersetzungen finden auch in den evangelischen Kirchen in Deutschland statt.</p>
<p>Die gegenwärtigen öffentlichen Debatten über die Zeit der deutschen Teilung, die Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wie auch über den Prozess der Vereinigung und der anschließenden Transformation, sind von kontroversen Perspektiven geprägt.</p>
<p>Zwar wird die deutsche Geschichte bis 1945 und nach 1990 als eine gemeinsame wahrgenommen. Die Zeit der deutschen Teilung jedoch wird aus der bundesdeutschen Perspektive erzählt, die ostdeutsche Erfahrung nicht oder kaum einbezogen. Diesem Narrativ folgend gelten SBZ und DDR als eine „Sondergeschichte“, die wohl für die Mehrheit der Deutschen – und damit auch für das öffentliche Deutschlandbild – nicht zur eigenen Geschichte gehört.</p>
<p>Wichtig ist deshalb die von zahlreichen Historiker:innen erhobene Forderung, die deutsche Geschichte nach 1945 als eine geteilte, aber ständig aufeinander bezogene und somit gemeinsame Nachkriegsgeschichte zu erzählen, die zugleich Teil europäischer und globaler Zusammenhänge und Prozesse war.</p>
<p>Zu dieser erinnerungspolitischen Spannung kommt eine zweite, mindestens ebenso schwerwiegende, hinzu. Sie beinhaltet selbst über drei Jahrzehnte später sehr unterschiedliche Perspektiven von Opfern, Mitläufer:innen und von Täter:innen der kommunistischen Diktatur. Das gilt auch innerhalb der Kirchen.</p>
<p>Verletzungen, die betroffene Menschen durch kirchliches Handeln erfahren haben, wirken fort.</p>
<p>Eine weitere Perspektive ist ebenfalls aufzunehmen: Das kirchliche Leben in der Diktatur und die Bedeutung der Minderheitensituation hat zu sehr spezifischen Erfahrungen in der Praxis und zu eigenen theologischen Konzeptionen geführt. Beides ist wahrzunehmen und auf heutige Bedeutung hin tiefer in noch anstehenden Diskursen zu befragen und zu untersuchen. Das kann hier nur angedeutet werden.</p>
<p>Aus dem genannten Anlass und vor dem Hintergrund der am Schluss des Papiers gegebenen Erläuterungen sprechen wir die folgenden Empfehlungen aus:</p>
<p>1. Wir erbitten von der Evangelischen Kirche ein öffentliches Wort, das den notwendigen Perspektivwechsel im Blick auf die Narrative der deutschen Geschichte nach 1945 und eine Sensibilisierung im Umgang mit Betroffenen und Täter:innen in der SBZ/DDR zur Sprache bringt. Damit leisten die Kirchen auch einen Beitrag, um den gegenwärtigen Polarisierungen und Segmentierungen in der deutschen Gesellschaft entgegenzuwirken. Dieses öffentliche Wort wird gebraucht, um innerhalb und außerhalb der Kirche die folgenden Erkenntnisse zu vertiefen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Die Geschichte der Kirche in der SBZ/DDR gehört zum gemeinsamen Erbe der Evangelischen Kirche in Deutschland, das gemeinsam zu verantworten ist. Die umfassende, auch kritische Wahrnehmung und die Aufarbeitung des kirchlichen Handelns in der DDR ist als gesamtkirchliche Aufgabe innerhalb der EKD wahrzunehmen. Sie ist nicht alleinige Aufgabe der östlichen Gliedkirchen und sollte nicht als deren Sondergeschichte oder Sonderproblem behandelt werden.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Wir stehen dabei gemeinsam vor der Aufgabe, nicht nur die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu tragen, sondern auch die Folgen der kommunistischen Diktatur aufzuarbeiten. Dazu gehört, dass der Diktaturcharakter von SBZ/DDR in seiner Bedeutung erkannt, stärker wahrgenommen und in den Fokus gestellt wird, und dass – neben der bereits geleisteten Wahrnehmung des widerständigen Handelns in den Kirchen – auch das schuldhafte Eingebundensein in diese Unterdrückungspraxis konsequent aufgearbeitet wird. Dabei ist die Perspektive der Betroffenen von staatlichem Unrecht und kirchlichem Handeln einzubeziehen. Manche von ihnen wurden nicht nur durch die SED-Politik in ihrem Leben beeinträchtigt, sondern auch durch Kirchen, wo diese sich nicht solidarisch verhielten oder sogar selbst durch eigenes Verhalten und Handeln für Unrecht verantwortlich waren.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Bei aller Notwendigkeit, auch das Versagen zu thematisieren und nicht zu verdrängen, bleibt festzuhalten: Die Kirchen in der DDR haben sich der Aufgabe gewidmet, in ihrer konkreten Situation des Lebens in der Diktatur christliche Kirche zu sein und dem Auftrag der Verkündigung, Bildung, Seelsorge und Diakonie gerecht zu werden. Sie verstanden sich als eine wirksame Minderheit. Dieses Erbe an Erfahrungen ist gesamtkirchlich und weit darüber hinaus öffentlich fruchtbar zu machen.</p>
<p>2. Die EKD und die einzelnen Landeskirchen sollten in Wort und Praxis in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen, sowohl im Osten als auch im Westen, angesprochen und Träger eines untereinander abgestimmten Prozesses sein. Um die damit verbundenen und anstehenden Aufgaben zu koordinieren wäre es hilfreich, wenn es auf der Ebene der EKD eine geklärte, auch personelle Zuständigkeit gäbe. In künftiger kirchlicher öffentlicher Rede und Praxis sollten bereits erfolgte Initiativen verschiedener Landeskirchen berücksichtigt werden. Etliche Initiativen könnten dazu genannt werden. So etwa <a href="https://www.archiv-nordkirche.de/">das Biografienprojekt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland</a>, das die Aufmerksamkeit auf die Betroffenen lenkt, und insbesondere das <a href="http://alt.gesellschaft-zeitgeschichte.de/dokumente/aktuelle-dokumente/busswort-ekm/index.html">Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland 2017</a> und die daraus gezogenen institutionellen Konsequenzen für die Aufarbeitung, sowie die <a href="https://aufarbeitung.brandenburg.de/wp-content/uploads/2023/11/Erklaerung-der-Kirchenleitung-der-EKBO.pdf">Erklärung der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vom 15. September 2023</a> zum Gefängnisseelsorger Eckart Giebeler (1925 – 2006), der von 1959 bis 1989 als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit systematisch das Beichtgeheimnis gebrochen und Menschen verraten hat.</p>
<p>3. Betroffenen, denen durch kirchliches Handeln Unrecht geschehen ist, ist in einem geordneten Verfahren Anerkennung zu geben. Unter Betroffenen verstehen wir hier Personen, die in der DDR als hauptberufliche Mitarbeiter:innen oder ehrenamtliche kirchliche Mitarbeiter:innen tätig waren und während der Zeit der kommunistischen Diktatur aus politischen Gründen staatlich drangsaliert und auch in Kirche oder Diakonie belangt, im Stich gelassen oder als Mitarbeiter:innen gar entlassen wurden. Das können auch Menschen sein, die unter Mitwirkung von oder durch Verrat aus kirchlichen Kreisen inhaftiert, gedemütigt, traumatisiert, zur Ausreise gedrängt wurden oder die aus Gründen persönlicher Bedrängnis ausgereist sind und von ihren Kirchen – sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik – allein gelassen oder gar diszipliniert wurden. Die folgenden Aspekte empfehlen wir dabei zu berücksichtigen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Die EKD und die Landeskirchen sollten sich offen zeigen für die Bedürfnisse betroffener Menschen und einen Prozess der Anerkennung und Aufarbeitung befördern. Dabei sollte die EKD das Verfahren koordinieren und unterstützen und für weitgehende Einheitlichkeit der Prozesse sorgen. Das eigentliche Anerkennungsverfahren findet zwischen Betroffenen und Landeskirchen statt und erfordert einen Antrag der Betroffenen. Auf Grund der fortgeschrittenen Zeit betrifft es nur noch wenige Menschen; Eile ist geboten. Zur Beschleunigung des Prozesses kann auf die Erfahrungen aus dem Anerkennungsverfahren zu DDR-Unrecht der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands zurückgegriffen werden.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Die EKD sollte eine Ombudsperson beauftragen, an die sich Betroffene aus allen Landeskirchen wenden können. Die Ombudsperson vertritt die Betroffenen gegenüber der jeweiligen Landeskirche.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Es wäre wünschenswert, dass die EKD eine Verfahrensordnung erlässt und entsprechende Vereinbarungen mit den Landeskirchen schließt.</p>
<p style="padding-left: 40px;">d Die Initiative braucht eine sensible, klare, innerkirchliche und gesellschaftsweite Kommunikations- und Medienarbeit, in abgestimmter Aufteilung der Verantwortung zwischen EKD und Gliedkirchen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">e. In „Ausreisefällen“, dem Wechsel von Pfarrpersonen von einer östlichen in eine westliche Landeskirche, gibt es Betroffene, die Unrecht in mehreren Landeskirchen, in Ost und West, erfahren haben.</p>
<p style="padding-left: 40px;">f. Die EKD und die Landeskirchen prüfen, ob und wie in Einzelfällen eine finanzielle Anerkennung geleistet werden kann. Auf Wunsch Betroffener soll eine Anerkennung auch öffentlich erfolgen. Die Erfahrung zeigt: Bisherige Personalentscheidungen sollten zugunsten der Rechtssicherheit grundsätzlich nicht angetastet werden, es sei denn, das Missverhältnis zwischen der damaligen Entscheidung und einem allgemeinen Verständnis von Gerechtigkeit ist so groß, dass es auch mit Anerkennungsleistungen nicht heilbar ist.</p>
<p>4. Vereinzelt sind die Kirchen dem Verrat einzelner Mitarbeiter nachgegangen und haben Täter:innen zur Verantwortung gezogen. Hier braucht es erneute Bemühungen, sowohl in Bezug auf die Aufdeckung und Untersuchung solcher Fälle als auch hinsichtlich einer klaren Übernahme von Verantwortung. Die aktive Aufarbeitung von schuldhaftem Verhalten in Ost und West durch die EKD und ihre Gliedkirchen ist daher unerlässlich. Verantwortliche sind klar zu benennen. Für beide Aspekte sind institutionelle Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehört eine unabhängige wissenschaftliche Erforschung der Zusammenarbeit von Menschen in der Kirche mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch im Westen.</p>
<p>5. Die ekklesiologischen Konzeptionen einer „Kirche in der Minderheit“ und „Kirche für andere“ waren eine institutionelle, kirchenleitende und theologische Antwort auf die antichristliche Religionspolitik der SED. Die Kirchengemeinden in der DDR nahmen diese Konzeptionen in sehr unterschiedlicher Weise auf. Es lohnt sich, diese zum Teil intensiv erforschten und wissenschaftlich diskutierten Ansätze sowie die damit gemachten Erfahrungen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern aktiv in die Diskussion um die gegenwärtigen Veränderungsprozesse in den Kirchen einzubringen und ihre Relevanz für die Gegenwart zu befragen und zu erörtern. Dazu gehören ohne Anspruch auf Vollständigkeit z.B.:</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Mit dem in den 1970er Jahren entwickelten Konzept der „Kirche für andere“, <a href="https://www.dietrich-bonhoeffer-verein.de/dietrich-bonhoeffer/bonhoeffers-kirchenverstaendnis/">das an Gedanken von Dietrich Bonhoeffer anknüpft</a>, wurden die kirchlichen Grenzen durchlässig für andere gesellschaftliche Gruppen, Mentalitäten und Formate. Weiter zu würdigen ist als ein Beispiel für etliche Bereiche die „offene Jugendarbeit“ im repressiven Kontext.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Die in den Kirchen in der DDR spezifisch entwickelte und bis heute in den östlichen Gliedkirchen praktizierte Gemeindepädagogik, der diakonisch-gemeindepädagogische Dienst mit dem entsprechenden Profil, ist im Kontext der Entwicklungen auch in den westdeutschen Kirchen mit den evangelischen Fachhochschulen und deren sozialpädagogisch-diakonischem Ausbildungsprofil auf die gegenwärtige Bedeutung hin für die Kirchen- und Gemeindeentwicklung auf Basis bisheriger Forschung weiter zu erörtern.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Das Verständnis der Gemeinschaft der Dienste und Ämter als Gemeinschaft im Verkündigungsdienst sollte im Kontext der gegenwärtigen Herausforderungen weiterentwickelt werden.</p>
<p>6. In der Ausbildung, Forschung und kirchlichen Praxis empfehlen wir den evangelischen Kirchen in Bereichen, wo sie jeweils Verantwortung tragen, Folgendes:</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. In der Fortbildung sowie in der zweiten Ausbildungsphase für den Pfarrberuf und im Bereich der Bildung für den diakonisch-gemeindepädagogischen Dienst sollten gemeinsame Ost-West-Formate verstärkt entwickelt werden. Dazu gehören die noch heute relevanten Themen der kirchlichen Praxis in der Zeit der DDR, die Aufarbeitung und die geteilte und gemeinsame Geschichte.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. In Gesprächen mit dem Evangelisch-Theologischen Fakultätentag sollte seitens der EKD und der gliedkirchlichen Ausbildungskommission geprüft werden, wie diese Themenfelder im Theologiestudium (in der Kirchengeschichte und auch in anderen Fächern wie der Praktischen Theologie) gelehrt und weiterhin erforscht werden können. Es ist zu überlegen, wie entsprechende Forschungsansätze an den Hochschulen (inner- und außerhalb der Theologie) seitens der evangelischen Kirchen unterstützt werden können. Hierzu gehören auch das Initiieren und vor allem weitergehende finanzielle Unterstützen von teils bereits existierenden und teils neu aufzusetzenden exemplarischen Forschungsvorhaben, z.B. Dissertationen (plus Stipendien).</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Die Arbeit der <a href="https://www.kirchliche-zeitgeschichte.info/">Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte</a> (EvAKiZ) ist dabei unverzichtbar und auf die institutionelle Unterstützung der EKD und ihrer Gliedkirchen angewiesen. Neben den bereits geleisteten und fortzuführenden Studien zur NS-Zeit und zur kommunistischen Diktatur in der DDR braucht es auch Verantwortungsübernahme für die Fortführung der Erforschung der kirchlichen Rolle in der Transformationsphase der 1990er Jahre. Eine öffentliche, kritische Aufarbeitung der bisher geleisteten Aufarbeitung seit den 1990er Jahren ist nötig.</p>
<p style="padding-left: 40px;">d. Die wichtigen, vielfältigen Forschungsprojekte zur DDR-Kirchengeschichte an Hochschulen bzw. Instituten wie z.B. der <a href="https://www.theol.uni-leipzig.de/institut-fuer-praktische-theologie/institut/forschungsstelle-kirchliche-praxis-in-der-ddr">Forschungsstelle zur Erkundung und Untersuchung der Kirchlichen Praxis in der DDR an der Leipziger Universität</a> sowie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ähnliche Projekte an den Universitäten in Halle, Jena und Siegen sind hier besonders zu nennen und deren Arbeitserträge für die öffentliche Diskussion fruchtbar zu machen.</p>
<p>Die evangelischen Kirchen sollten sich dafür einsetzen, dass diese Forschungen zur DDR-Kirchengeschichte insbesondere zu allen relevanten kirchlichen Handlungsfeldern weitergeführt werden: Das heißt vor allem, deren interdisziplinäre Ansätze mit den gegenwärtigen Fragestellungen in einer gänzlich veränderten gesellschaftlichen Situation, in kritischer Reflexion zu verbinden. Nicht zu vernachlässigen sind dabei auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur kirchlichen Rolle in den Veränderungsphasen der 1990er Jahre.</p>
<h2><strong>Zur Erläuterung der Empfehlungen </strong></h2>
<h3><strong>Schlaglichter auf die deutsche Teilung, die kommunistische Diktatur in SBZ / DDR, den Vereinigungsprozess und die Perspektive der Betroffenen  </strong></h3>
<p>Die folgenden vier Kontextualisierungen konzentrieren sich auf die Fragestellungen der Empfehlungen. Dabei können sie nur skizzenhaft und ohne jeden Anspruch auf historische Vollständigkeit sein. Mit den damit vorgenommenen thematischen Schwerpunktsetzungen wollen sie auf nötige Schritte der Verantwortungsübernahme und der Bedingung der Möglichkeit von Heilung auf dem Weg der Aufarbeitung in der EKD und ihren Gliedkirchen hinweisen.</p>
<h3 style="text-align: left;"><strong>1. Die evangelischen Kirchen und die deutsche Teilung </strong></h3>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten die evangelischen Kirchen aller Besatzungszonen die EKD, die auch nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 zunächst als einheitliche Organisation bestehen blieb. Erst 1969 entschieden sich die ostdeutschen Landeskirchen, ihre Mitgliedschaft in der EKD ruhen zu lassen, und etablierten mit dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) eine neue institutionelle Struktur. Trotz dieser Trennung bekannte sich der BEK weiterhin zu einer besonderen Gemeinschaft mit der EKD. Es bestanden zahlreiche gesamtdeutsche Verbindungen, die Evangelische Kirche der Union (EKU) behielt sogar ihre einheitliche Institution bei. Durch kontinuierlichen theologischen Austausch sowie institutionelle, gemeindliche und persönliche Partnerschaften blieb der geistliche und geistige Zusammenhalt zwischen den Landeskirchen in Ost und West im Wesentlichen erhalten.</p>
<p>Die westdeutschen Landeskirchen unterstützten die Kirchen in der DDR auch finanziell maßgeblich und sicherten so nicht nur in einem hohen Maße das kirchliche Leben, die kirchlichen Ausbildungsstätten und die diakonische Arbeit, sondern stärkten auch die Unabhängigkeit der Kirchen vom DDR-Staat – was einen wesentlichen Unterschied zu den Kirchen in den anderen sozialistischen Ländern ausmachte.</p>
<p>Die Kirchen in Deutschland sahen sich während der Teilung doppelt herausgefordert: Ihr gesellschaftlicher Status war eng an das jeweilige politische System gebunden – im Westen als eine öffentlich-rechtlich anerkannte Institution in einem demokratischen Rechtsstaat, im Osten als eine unter staatlichem Druck stehende Organisation in einem totalitären und kommunistischen Regime, das die Kirche ideologisch bekämpfte. In beiden deutschen Staaten mussten die evangelischen Kirchen ihr christliches Zeugnis und ihre gesellschaftliche Position also kontextuell bestimmen, wobei u.a. ihr Handeln und Verhalten im NS-Staat, die Aufarbeitung dieser Zeit und die Anerkennung von Schuld eine gesamtdeutsche Aufgabe der Kirchen blieb.</p>
<h3><strong>2. Die evangelischen Kirchen in der SBZ / DDR </strong></h3>
<p>Die innerkirchlichen und im Raum der Kirche geführten gesellschaftlichen Debatten in der DDR waren intensiv und häufig kontrovers. Dass sie in einer in der Diktatur existierenden Kirche – von theologischen Ausbildungsstätten, den Synoden bis hin zu den Gemeinden – überhaupt stattfinden konnten, machte Kirchen zu Räumen gelebter Freiheit in der Diktatur. Dadurch hatten sie trotz schrumpfender Mitgliederzahlen als „qualifizierte Minderheit“ gesellschaftliche Bedeutung. Bei allem Versagen, das zu thematisieren und nicht zu verdrängen ist, bleibt festzuhalten: Die Kirchen in der DDR haben sich entschieden der Aufgabe gewidmet, im Alltag der DDR, christliche Kirche zu sein und zu bleiben und dem Auftrag der öffentlichen Verkündigung gerecht zu werden. Dies war möglich dank vieler engagierter Gemeindeglieder, die bereit waren, dafür auch Einschränkungen und Repressionen in Kauf zu nehmen.</p>
<p>Mit Klarheit und Empathie gegenüber konkreten Problemen der Gesellschaft engagierten sich die Kirchen in Bereichen wie Wehrdienstverweigerung, Initiativen für einen Sozialen Friedensdienst (SoFD), offener Jugendarbeit und oppositionellen Netzwerken. Die Kirchen waren Orte einer von der Ideologie des SED-Staates unabhängigen Bildung (von evangelischen Kindergärten, Christenlehre und Konfirmandenunterricht über kirchliche Ausbildungsstätten und Hochschulen, Studierendengemeinden und Akademien). Die im Prozess der <a href="http://gesellschaft-zeitgeschichte.de/friedliche-revolution/oekumenische-versammlung">Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1988/89</a> gewonnenen Erkenntnisse entwickelten eine öffentliche Wirksamkeit, aus der eine zentrale politische Rolle von Christ:innen und den Kirchen in der Friedlichen Revolution 1989/90 erwuchs. Relevant war dabei ein Menschenbild, das von der Achtung der Würde jedes einzelnen Menschen bestimmt war und dem herrschenden marxistisch-leninistischen Menschenbild der SED widersprach. Dies war in allen Feldern kirchlicher Arbeit und weit über die Kirche hinaus, insbesondere im Bereich der Kultur (Konzerte und Lesungen) sowie im Sozialen (diakonische Einrichtungen) erfahrbar. So hatte die Kirche trotz der Entkirchlichung bei vielen Menschen einen Vertrauensvorschuss und eine große Glaubwürdigkeit.</p>
<p>Da die Kirchen in der DDR die einzigen weitgehend unabhängigen Institutionen waren, auf welche die SED kaum unmittelbar Einfluss nehmen konnte, versuchte die SED über die Jahrzehnte hinweg, diesen durch die Staatssicherheit zu erreichen. Wie erfolgreich das war, ist bereits in Ansätzen und Fallstudien wissenschaftlich untersucht worden, z.B. in der Erforschung der Tätigkeit des Gefängnisseelsorgers Eckart Giebeler oder des Magdeburger Konsistorialpräsidenten und – zuvor – Offiziers der Staatssicherheit im besonderen Einsatz (OibE) Dr. Detlef Hammer. Forschungsarbeit auf diesem Feld ist systematisch fortzusetzen. Dazu gehört auch eine weiterführende, wissenschaftlich breite und unabhängige, den Westen einbeziehende, Untersuchung.</p>
<h3><strong>3. Die evangelische Kirche und die von Unrecht Betroffenen </strong></h3>
<p>Anerkennung von Unrecht macht Aufarbeitung nötig. Deshalb soll parallel zum Anerkennungsverfahren gegenüber den Betroffenen der Aufarbeitungsprozess gefördert werden. Dazu gehört nicht nur die Aufarbeitung des Scheiterns, sondern auch des Gelingens kirchlichen Handelns. Die Kirchen waren während der SED-Diktatur weitaus stärker Schutz- als Repressionsraum. Aufarbeitung soll dabei auf allen Ebenen und in unterschiedlicher Weise gefördert werden. Dazu gehören die wissenschaftliche Forschung zur Kirchenleitungsebene genauso wie das lokalhistorische Projekt einer Kirchengemeinde, die Biografiegeschichte wie die Strukturanalyse. Der Umgang mit ausgereisten Pfarrpersonen in den westlichen Landeskirchen gehört bisher noch zu den unerforschten Gebieten der kirchlichen Zeitgeschichte. Für die Forschung sollen finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Solche Recherchen und Forschungen sind auch erforderlich, um die Ombudsperson mit dem nötigen Hintergrundwissen auszustatten und deren Arbeit zu begleiten.</p>
<p>Die EKD mit ihren Gliedkirchen sollte – in der Wahrnehmung der sehr unterschiedlichen Umgangsweisen mit der Repression und mit einzelnen Personen in den verschiedenen östlichen Landeskirchen – Verantwortung übernehmen für schuldhaftes Handeln gegenüber Menschen, die kritisch zur SED-Diktatur in der DDR eingestellt waren und die in Situationen persönlicher Bedrängnis von ihren Kirchen allein gelassen oder gar diszipliniert wurden.</p>
<p>Verantwortliches Handeln heute braucht zunächst die Aufarbeitung eigener Verstrickungen mit der SED-Diktatur. Dies erfordert ein selbstkritisches Betrachten eigenen Handelns sowie eigener Versäumnisse im Kontext der damaligen Zeit. Dazu gehört das konkrete Benennen sowohl des Unrechts als auch der Schuldigen. Darüber hinaus ist die Identifizierung von unterstützenden Strukturen und Handlungsmustern innerhalb der Kirche wichtig. Dafür ist ein geordnetes Verfahren notwendig, dessen Abschluss für alle Beteiligten verbindlich ist. Dies geschieht in dem Wissen, dass Vergebung und Versöhnung nicht erzwungen werden können.</p>
<h3><strong>4. Die Evangelische Kirche im Prozess der deutschen Vereinigung </strong></h3>
<p>Auch nach 35 Jahren sind in Staat und Gesellschaft die Diskurse über die deutsche Einheit noch stark und teils wieder neu von sehr unterschiedlichen, sich zum Teil widersprechenden, Erzählungen und Wahrnehmungen geprägt. Die Kirchen sind Teil dieses vielseitigen Diskussionsprozesses. Mit der</p>
<p>Wiedereingliederung der östlichen Landeskirchen in die EKD gilt für eine große Mehrheit die Zeit der Teilung mit ihren schmerzlichen Erfahrungen als geheilt. Die unbeabsichtigte Konsequenz dieser Haltung ist, dass die Geschichte des BEK ausgeblendet wird. Es wird eine nahtlose Kontinuität der Geschichte der EKD vor der deutschen Vereinigung (nur die westlichen Gliedkirchen betreffend) und nach der Vereinigung (nun alle Gliedkirchen betreffend) suggeriert. Die leitende Perspektive ist damit faktisch die der westdeutschen Kirchen. Die Erfahrungen der östlichen Kirchen in der Diktatur und einer unter Druck stehenden Minderheit scheinen im Zuge dessen weitgehend irrelevant, überholt und keiner Rede mehr wert zu sein.</p>
<p>Damit droht ein Schatz verloren zu gehen, der für die Gesamtkirche von großer Bedeutung ist. Die Kirchen haben allen Grund, ihre Verdienste um die Bewahrung der Gemeinsamkeit von Ost und West in den Jahrzehnten der Teilung hervorzuheben, wie zum Beispiel in der damaligen Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Sie waren eine wesentliche Manifestation der Zusammengehörigkeit und Einheit in Deutschland – anders als im staatlichen Bereich, in dem die Trennung und zunehmende Spaltung durch die unterschiedlichen ideologischen und politischen Ausrichtungen im Kalten Krieg bestimmend waren. Demgegenüber versuchten die Kirchen, unter den Bedingungen von Diktatur, zunehmender Teilung und weitgehender Trennung bei bewusst aufrechterhaltener Zusammengehörigkeit dem gemeinsamen christlichen Auftrag weiterhin institutionell Gestalt zu geben, die größtmögliche Einheit zu wahren und dem geistlichen und öffentlichen Vollzug dieser Gemeinschaft sichtbar Ausdruck zu verleihen.</p>
<p>Dieses besondere Merkmal der Kirchen (als Erbin der gemeinsamen Geschichte) wurde nach 1991 kaum wahrgenommen und wenig sichtbar und fruchtbar gemacht. Häufig herrschte hier das sonst ebenfalls in der Gesellschaft übliche, von Dominanz und wenig Verständnis geprägte West-Ost-Gefälle.</p>
<p>Dazu trug auch der Vorwurf der Kooperation mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bei.</p>
<p>Wurden die evangelischen Kirchen in der DDR anfangs wegen ihrer sichtbaren Rolle in der Friedlichen Revolution 1989 öffentlich gewürdigt und anerkannt, so wurde ab 1992 häufig der Eindruck einer vom MfS unterwanderten protestantischen Kirche in der DDR vermittelt. Statt sich diesen Fragen mit Selbstbewusstsein und gleichzeitig mit der Bereitschaft zur kritischen Aufarbeitung zu stellen, waren im Osten leider auch Abwehrreaktionen die Folge. Im Westen dagegen fehlte – wie in Staat und Gesellschaft allgemein – von Beginn an die Bereitschaft, sich mit den Aktivitäten des MfS auch in den westlichen Gliedkirchen auseinanderzusetzen.</p>
<h3><strong>Mitwirkende in der ad-hoc-Arbeitsgruppe und am Text</strong>:</h3>
<ul>
<li>Christina-Maria Bammel, Pröpstin der EKBO (Vorsitz)</li>
<li>Dr. Veronika Albrecht-Birkner, Lehrstuhl für Evangelische Theologie- und Kirchengeschichte, Universität Siegen</li>
<li>Johannes Beleites, Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur / Ehemaliger Vorsitzender des Anerkennungsausschusses DDR-Unrecht der EKM</li>
<li>Dr. Alexander Deeg, Forschungsstelle &#8222;Kirchliche Praxis in der DDR&#8220;, Universität Leipzig</li>
<li>Anne Drescher, Ehemalige Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur</li>
<li>Ilse Junkermann, Pfarrerin i. R. und Landesbischöfin a. D. der EKM, Leiterin der Forschungsstelle &#8222;Kirchliche Praxis in der DDR“, Leipzig</li>
<li>Pastor i.R. Klaus-Dieter Kaiser, Nordkirche</li>
<li>Susanne Kschenka, Stellv. Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur</li>
<li>Dr. Katharina Kunter, Universität Helsinki, Theologische Fakultät, Kirchengeschichte</li>
<li>i.R. Markus Meckel, Außenminister und MdB a.D.</li>
<li>Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur</li>
<li>Pastor und Propst a.D. Dirk Sauermann, Nordkirche</li>
<li>Dr. Henning Schluß, Universität Wien; Institut für Bildungswissenschaft</li>
<li>PD Dr. Anke Silomon, Sächsische Akademie der Wissenschaften/ Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“, Leipzig</li>
<li>i.R. Curt Stauss, EKMD, ehem. Beauftragter des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik</li>
<li>Marie Anne Subklew-Jeutner, Universität Hamburg, Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Ein <a href="https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/gemeinsame-vergangenheit-geteilte-verantwortung-nordkirche-diskutiert-empfehlungen-zur-aufarbeitung-der-ddr-geschichte">Bericht über die Vorstellung</a> am 1. Oktober 2025 in Schwerin wurde auf der Seite der Nordkirche veröffentlicht. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 21. Oktober 2025, Titelbild: Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer an der Zionskirche, Berlin Prenzlauer Berg, einer der Orte, an denen die Friedliche Revolution vorbereitet wurde, unter anderem durch die dort eingerichtete Umweltbibliothek, Foto: NoRei.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Das Einheitspuzzle</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-einheitspuzzle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Oct 2025 11:09:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Einheitspuzzle Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990 „Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Das Einheitspuzzle</strong></h1>
<h2><strong>Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990</strong></h2>
<p><em>„Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes, das es nur noch wenige Wochen geben wird. Gundi, der sich zwischen seinen Schichten auf dem Bagger nun öfter in Berliner Künstlerkrisen bewegt, hatte im <u>Laden</u> dafür mobilisiert. Ein paar sind seinem Aufruf gefolgt und haben früh die <u>Sorbenschleuder</u> in die Hauptstadt bestiegen. Wir anderen halten in Hoy die Stellung und sehen uns das erst mal aus der Ferne an. Und außerdem hat Maura sturmfrei.“ </em>(Grit Lemke, Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror, Berlin, Suhrkamp, 2021)</p>
<p>35 Jahre Deutsche Einheit, 36 Jahre Friedliche Revolution. Eine Vorgeschichte mit sich überschlagenden Ereignissen vor und nach dem 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989: 2. Juni Abbau der Grenzanlagen durch Ungarn, 27. Juni Durchschneiden des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn, 19. August Paneuropäisches Picknick in Sopron – 700 Menschen aus der DDR erreichen den Westen, 9. November 1989 Öffnung der Grenze, <em>„unverzüglich“</em>. Das sind nur einige der Daten, an die wir uns erinnern könnten. Zu nennen wären auch der 4. Juni 1989, der Tag, an dem in Polen zum ersten Mal ein nicht kommunistischer Ministerpräsident gewählt wurde und an dem in Beijing friedliche Demonstrierende von der Staatsmacht niedergeschossen wurden, der 30. September, als der bundesdeutsche Außenminister vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag 13 Worte der Befreiung sprach, der 9. Oktober, als die DDR-Staatsmacht in Leipzig nicht schießen ließ, der 4. November, an dem die erste genehmigte Demonstration gegen die SED-Diktatur auf dem Berliner Alexanderplatz stattfand.</p>
<p>Der 3. Juni 1990, der Tag der <em>„Vollendung der deutschen Einheit“</em> war das Ergebnis, aber kein Endpunkt. Er war nicht das <em>„Ende der Geschichte“</em>, das so manche vermuteten, er war auch der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die zugleich – je nach Perspektive – eine Misserfolgsgeschichte wurde. Denn wie sieht es in unserem von Ines Geipel beschriebenen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/lost-country/">„Fabelland“</a> (Untertitel<em>: </em>„Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“, Frankfurt am Main, 2024) wirklich aus? Durch welchen Kaninchenbau sind wir geschlüpft, hinter welchen Spiegeln finden wir uns wieder? Was fabulieren wir über das verschwundene Land und seine vergangenen Zeiten? Ist es überhaupt verschwunden, sind sie vergangen? Oder bleibt es bis auf Weiteres bei der Diagnose von Steffen Mau, der den heutigen Status Quo auf den Begriff <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/steffen-mau-ungleich-vereint-t-9783518029893">„Ungleich vereint“</a> (Untertitel: „Warum der Osten anders bleibt“, Berlin, edition suhrkamp, 2024) brachte? Gehörte etwa das, was nach dem Wort von Willy Brandt zusammenwachsen würde, weil es zusammengehörte, doch nicht zusammen?</p>
<h3><strong>Fragmentierter Erinnerungskomplex</strong></h3>
<p>Grit Lemke lässt eine Gruppe Jugendlicher in ihrem dokumentarischen Roman <a href="https://www.gritlemke.de/web/kinder-von-hoy/">„Kinder von Hoy“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2021) den 4. November 1989 als etwas erleben, das sich noch nicht in Worte fassen lässt: <em>„Dass aber auf dem Alexanderplatz Großes geschieht ist uns bewusst. Deshalb haben wir uns schon am Vormittag in Mauras elterlicher Wohnung getroffen. Wir belagern alle verfügbaren Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer und starren auf die Schrankwand. Dort steht, gleich neben der Batterie Eierlikör, den in Hoy jeder Haushalt aus <u>Grubenfusel</u> selbst herstellt, der Fernseher. Aus der Schrankwand tönt es von Freiheit und Demokratie und immer wieder: ‚Wir sind das Volk.‘ An den Gedanken, zum gleichen Volk wie die Berliner zu gehören, müssen wir uns erst gewöhnen.“</em> Es dauerte nicht lange, da wurde aus dem <em>„Wir sind das Volk“</em> ein anderer Satz: <em>„Wir sind ein Volk“</em>. Mit bekannten Konsequenzen.</p>
<p><a href="https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/zeitgeschichte/neueste-und-zeitgeschichte/personen/1683232">Martin Sabrow</a> schrieb von den drei Gedächtnissen, die miteinander konkurrieren, wenn Menschen versuchen, ihr Verhältnis zur DDR zu erklären. Die einen erzählen die Geschichte der DDR als Geschichte eines Fortschritts, andere als die Geschichte einer Diktatur, wiederum andere als Geschichte eines Arrangements, in dem sie die Fortschritte und die in einer Diktatur üblichen Repressionen zumindest für ihr persönliches Leben ausbalancierten. <a href="https://www.kiwi-verlag.de/autor/paula-fuerstenberg-4001141">Paula Fürstenberg</a> hat diese Trias in ihrem Essay <a href="https://blog.zeit.de/freitext/2018/09/27/christa-wolf-27-september/">„Das Wetter findet immer statt“</a> um einen vierten Begriff erweitert, das unauflösbare <em>„Ambivalenzgedächtnis“</em>: <em>„Ja, ich halte den Reflex, Ambivalenzen auflösen zu wollen, für einen der fatalsten menschlichen Irrtümer.“</em> Anna Lux und Jonas Brückner definieren den Inhalt dieser <em>„Ambivalenz“</em> konkret und schlagen in ihrem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/">„Neon / Grau“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) einen fünften Begriff vor: das <em>„Umbruchsgedächtnis“</em>. Letztlich signalisieren alle fünf Begriffe eine Fragmentierung von Erinnerung. Erinnerungen wirken als eine Art unvollständiges Puzzle. Einige Teile haben wir wohl in irgendeiner Schublade vergessen, verlegt, vielleicht sogar verloren. Und dann fordern Politiker:innen, Journalist:innen und manch andere uns in ihren Festreden und Leitartikeln auf, dass wir alle dieses gesamte Puzzle wieder vollständig zusammensetzen und darüber alle uns trennenden Kontroversen vergessen!</p>
<p>Drei im Jahr 2025 erschienene Bücher könnten uns helfen, einige der verlorenen Puzzlesteine wiederzuentdecken. Es mag eine subjektive Auswahl sein, doch jedes der drei Bücher, die ich neben den schon genannten von Ines Geipel, Grit Lemke und Steffen Mau (und manch anderen) empfehlen möchte, vermag ganz spezifische Puzzlesteine des uns so oft verwirrend erscheinenden Erinnerungskomplexes sichtbar zu machen. Es handelt sich um das bei Droemer-Knaur erschienene Buch <a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441">„Vereint in Zerrissenheit – Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“</a> von Nora Zabel, das von Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault gemeinsam gestaltete Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/">„Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland“</a>, sowie das schon genannte Buch von Anna Lux und Jonas Brückner „Neon / Grau“ mit dem vielsagenden Untertitel „1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop“. Diese beiden letztgenannten Bücher erschienen im Verbrecher Verlag.</p>
<h3><strong>Nora Zabel: „Vereint in Zerrissenheit“</strong></h3>
<div id="attachment_7514" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7514" class="wp-image-7514 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-600x979.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-768x1253.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-800x1305.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-1200x1957.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur.jpg 1242w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-7514" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><a href="https://wirsindderosten.de/menschen/nora-zabel/">Nora Zabel</a> wurde 1996 in Hof Gallin, Mecklenburg-Vorpommern, geboren. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundestagsabgeordneten und Staatsministerin Serap Güler (CDU). Das Vorwort ihres Buches „Vereint in Zerrissenheit“ schrieb die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen <a href="https://ricarda-lang.de/">Ricarda Lang</a>. Ricarda Lang verweist auf die Problematik des Begriffs der <em>„Transformation“</em>, die sie lange nicht erkannt habe. In der aktuellen <em>„Krise der Demokratie“</em> sieht sie eine <em>„Krise der Ungleichheit“</em> und denkt angesichts der gängigen <em>„Kulturalisierung von materiellen Fragen“ </em>darüber nach, wie der materielle Grund solcher <em>„Kulturalisierung“</em> in den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder nach vorne auf die Agenda gebracht werden könnte. Dazu sei es erforderlich, <em>„nicht blind zu sein für den biografischen und individuellen Teil der Ungleichheit.“ </em>Es geht eben nicht nur um die abstrakte Geschichte eines (verschwundenen) Landes, sondern auch um die vielen konkreten Geschichten vieler Menschen, die sich mit diesem Land in welcher Form auch immer verbunden fühlen.</p>
<p>Ein Anlass des Buches waren die Wahlen vom 1. September 2024, in denen die AfD in Sachsen knapp hinter der CDU auf dem zweiten Platz landete, während sie in Thüringen zur stärksten Partei wurde. In beiden Ländern hat die jeweils von der CDU geführte Regierung keine Mehrheit im Parlament. Wenige Wochen später schaffte die AfD auch in Brandenburg den zweiten Platz. Dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten gelang es gleichwohl, eine Regierung zu bilden, die über eine Mehrheit im Landtag verfügt. Die Konfrontationen, Kontroversen und der Ton der Wahlkämpfe setzten sich in der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 fort. Die AfD lag in fast allen Wahlkreisen der ostdeutschen Bundesländer vorne. Die AfD ist jedoch kein ausschließliches Ost-Phänomen. Auch im Westen gewinnt die Partei an Zuspruch, so in den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vom 14. September 2025. Im Jahr 2026 stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachsen an.</p>
<p>Nora Zabel wendet sich in ihrem Buch gegen jede Binarisierung der Debatte, es geht eben nicht nur um die AfD und die Anderen. Sie sucht jedoch nach den Hintergründen. Ein Ausgangspunkt ist die von <a href="https://www.hurstpublishers.com/book/the-road-to-somewhere/">David Goodhart</a> beschriebene Opposition der <em>„Anywheres“</em> und der <em>„Somewheres“</em>, die sie als Pole versteht, zwischen denen es eigentlich viele Mischformen geben sollte. Ihr Ziel: <em>„Ich werbe in diesem Buch dafür, dass konservative Daheimgebliebene und kosmopolitische Zurückgekommene den jeweils anderen Lebensentwurf als gleichwertig ansehen und wertschätzen und sich gemeinsam für das Projekt Demokratie im Osten einsetzen, das gerade mächtig ins Wanken gerät.“</em> Sie will jedoch keine ein für allemal verbindliche Lösung anbieten: <em>„Dieses Buch kann nur Fragen stellen; die Antworten beginnen dort, wo wir aufhören, uns in bequemen Erzählungen einzurichten.“</em></p>
<p>Nora Zabel schreibt, <em>„dass Ostdeutschland nicht nur eine geografische Region ist, sondern ein Geflecht aus gelebten Geschichten, die bis heute weiterwirken.“</em> Es wachse ein <em>„Generalzweifel am jetzigen demokratischen System“</em>, der bereits große Teile der Bevölkerung erfasst habe. Aus westlicher Sicht sei ihr jedoch vorgehalten worden, dass so manches, beispielsweise die Straßen, in Ostdeutschland besser aussähen als im Westen: <em>„Stimmt, die Straßen sehen oft besser aus, aber das liegt auch daran, dass hier viele andere Baustellen nie angegangen wurden. Wenn Infrastruktur der Trostpreis für verloren gegangene Arbeitsplätze, Perspektiven und Identität ist, dann danke dafür, doch schöne Straßen bringen alleine keine Zukunft.“</em></p>
<p><em>„Identität“</em> scheint ein passendes Stichwort zu sein. Rund um diesen schillernden Begriff gibt es viele <em>„Geschichten“</em> (Geschichte gibt es nur im Plural!). Diese <em>„Geschichten“</em> erkundet die Autorin in Gesprächen mit ihrer eigenen Familie und anderen Personen, einer Schulfreundin, mit <a href="https://www.landesbeauftragter.de/aktuelles/presse/details/anne-drescher-noch-kein-fuer-alle-gueltiges-bild-der-ddr">Anne Drescher</a>, der ehemaligen Landesbeauftragten in Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Publizisten und Historiker <a href="https://www.beck-shop.de/suche/?query=Kowalcuzuk">Ilko-Sascha Kowalczuk</a>, der Journalistin <a href="https://www.zeit.de/autoren/L/Mariam_Lau/index.xml">Mariam Lau</a>, mit <a href="https://landfrauen-mv.de/news/detail/goldene-biene-fuer-dr-heike-mueller">Heike Müller</a>, der Vorsitzenden des LandFrauenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, dem Soziologen <a href="https://www.ls1.soziologie.uni-muenchen.de/personen/professor/nassehi/index.html">Armin Nassehi</a>, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern <a href="https://manuela-schwesig.de/">Manuela Schwesig</a>, ihrem ehemaligen Sozialkundelehrer, der Mitglied der Linken ist, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten <a href="https://www.hendrik-wuest.de/">Hendrik Wüst</a> sowie der stellvertretenden Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz <a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-afd-jugend-zaubitzer-amthor-droege-100.html">Maja Zaubitzer</a> aus Weimar. Sie berichtet, was sie bei Treffen mit Angela Merkel erfuhr und bezieht sich auf Analysen und Berichte von <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a>, <a href="https://inesgeipel.de/">Ines Geipel</a>, <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a> und <a href="https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/makro/mitarbeiter/Prof_Mau">Steffen Mau</a> oder – dies ist einer ihrer Lieblingsautoren – von Theodor W. Adorno. Das Buch endet mit Albert Camus und seinem „Mythos des Sisyphos“: Obwohl Sisyphos scheitert, wagt er immer wieder einen neuen Anfang und ist daher – so Camus – ein glücklicher Mensch. (Nur am Rande: <a href="https://www.welt.de/kultur/article5713939/Zum-50-Todestag-Was-Franz-Muentefering-an-Albert-Camus-fasziniert.html">Albert Camus ist auch einer der Lieblingsautoren von Franz Müntefering</a>.) In früheren Zeiten hätte man Menschen wie Albert Camus, Franz Müntefering oder Nora Zabel als <em>„Reformisten“</em> markiert und das war nicht nett gemeint!</p>
<p>Die Anerkennung von Vielfalt wäre die eine Seite, die Versuchungen zur Binarisierung, zur Schubladisierung, zur Schwarz-Weiß-Malerei sind die andere. Nichts ist eindeutig, alles ist ambivalent, sodass eigentlich eine Art von <em>„Ambiguitätstoleranz“</em> gefördert werden müsste, wie sie der Islamwissenschaftler Thomas Bauer unter anderem in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ (Stuttgart, Reclam, 2018) forderte. Die Neigung zur Binarisierung belegt Nora Zeibel beispielsweise mit der Ostdeutschen zugeschriebenen (und bei manchen auch tatsächlich vorhandenen) Russlandfreundlichkeit: <em>„Heike Müller erzählt mir, dass Selenskyj für viele Ostdeutsche zu Unrecht von den Medien glorifiziert wird, während Putin ebenso zu Unrecht als Dämon dargestellt werde: ‚(…) Viele sind mit Geschichten aufgewachsen, in denen es nur eine Wahrheit gab, nur eine moralisch richtige Seite. Das Misstrauen gegenüber einseitiger Berichterstattung oder moralischer Überhöhung ist kein Automatismus prorussischer Sympathie, sondern für viele auch eine historische Erfahrung. Propaganda funktioniert – das haben wir selbst erlebt. (…) Denn wenn die Geschichte uns etwas gelehrt hat, dann, dass Menschen, die sich bevormundet fühlen, irgendwann den Glauben an das System verlieren.‘“ </em>So war es in der DDR und so scheint es 35 Jahre später wieder zu sein.</p>
<p>Es geht hier in keiner Weise um eine Rechtfertigung von Putin oder von Selenskyj, wohl aber um den Modus, in dem über Putin oder Selenskyj gesprochen und gestritten wird. Wer die dahinter liegenden <em>„Geschichten“</em> der vergangenen 70 oder gar 100 Jahre nicht bedenkt, wird es nicht schaffen, <em>„gezielte Manipulation“</em> und <em>„gesellschaftliche Debatte“</em> zu unterscheiden. So erklären sich Sympathien für die Positionen von Sahra Wagenknecht oder für <em>„den Sozialismus als beste Staatsform“</em>. Immer wieder wird etwas Entscheidendes ignoriert. Dies gilt auch für die Popularität der Thesen von Dirk Oschmann. Nora Zabel stimmt ihm zu, <em>„dass es im Westen eine große Bildungslücke gibt, die mit Vorurteilen und Klischees über Ostdeutsche aufgefüllt wird“</em>, distanziert sich jedoch von ihm, weil <em>„seine Zuspitzungen des Öfteren Bauchschmerzen bei mir auslösen. Seine binäre Denkweise in Ost und West, Weiß und Schwarz ist selbst mir, einer ostdeutschen Heimatverbundenen, zu abgefahren (…), wenn er sagt, dass der Westen oft als Norm begriffen werde und der Osten als Abweichung und Abnormität, als dauerhaft Schmerzen verursachendes Geschwür am Körper des Westens.“ </em></p>
<p>Eben solche Denkweise findet Nora Zabel auch in ihrer eigenen Familie. Letztlich war eben <em>„die DDR eine existenzielle Tatsache“</em>. Dies wurde jedoch auch noch in den 2000er Jahren ignoriert, als die Autorin die Schule besuchte, die für sie durchaus <em>„ein Zufluchtsort </em>(war)<em>, an dem experimentiert wurde, an dem diskutiert wurde, an dem Widerspruch in einer Debatte als etwas Fruchtbares wertgeschätzt wurde.“</em>: Aber etwas Wesentliches fehlte: <em>„Was wir nie diskutiert haben, war das, in was wir hineingeboren wurden. Was direkt vor unserer Nase lag: das ehemalige Ostdeutschland.“ </em>Durch diese Ignoranz konnte sich eine Art <em>„DDR-Kult“ </em>entwickeln, die so oft beschworene <em>„Ostalgie“</em>. Nora Zabels Freundin Paula versteht sich als <em>„nicht politisch“</em>: <em>„Ganz ehrlich, ist doch geil! Unsere Dorffeste, Simson oder unsere Vereinstradition. Das ist doch Kultur. In Bayern haben sie das Oktoberfest und Semmeln. Wir haben das. Das sollten wir auch aufrechterhalten.“</em> Nora Zabel zweifelt jedoch: <em>„Ich bin innerlich zerrissen zwischen Gedanken wie ‚Das Kultivieren dieser Überbleibsel verharmlost die Diktatur und die Menschenrechtsverbrechen‘ und ‚Es war nicht alles grau in der DDR‘.“ </em>Letztlich lebe die Generation Z, zu der sich Nora Zabel zählt, <em>„zwischen zwei Welten (…) einerseits mit der Vision einer modernen Gesellschaft, andererseits mit der Befürchtung des Rückfalls in alte Muster“</em>. Dabei spiele auch eine Rolle, dass die gesellschaftlichen Räume in Ostdeutschland, in denen sich Menschen begegnen, überschaubar sind: <em>„Je kleiner die Gemeinschaft, desto höher ist der soziale Druck.“</em> Das mag auch für ländliche Regionen in Bayern und Baden-Württemberg oder auch Stadtteile im nördlichen Ruhrgebiet gelten, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass Menschen, die dort leben, nur selten in andere Stadtteile oder Gemeinden hinauskommen. Man bleibt in seiner Bubble, als <em>„Somewheres“</em> auf relativ engem Raum. Die da draußen, wir da drinnen. Oder auch umgekehrt.</p>
<p>So wirkt – um mit dem französischen Historiker Fernand Braudel zu argumentieren – <em>„die lange Dauer“</em>, <em>„la longue durée“</em>, die sich in der Post-DDR bestätige. Es ließe sich auch mit Ivan Krastev und Stephen Holmes argumentieren, die in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light that Failed“</a> (deutsche Ausgabe: „Das Licht, das erlosch“, Berlin, Ullstein, 2019) die These formulierten, dass in den osteuropäischen Ländern einer Phase der <em>„Nachahmung des Westens“</em> Phasen der Skepsis bis hin zur Rückbesinnung auf die Zeiten vor 1989 folgten. Insofern lassen sich die Begegnungen, die Nora Zabel dokumentiert, durchaus in internationale Debatten einordnen, in Tschechien, in Polen, in der Slowakei, in Ungarn.</p>
<p>Die Geschichte der DDR und der Post-DDR ist kein Einzelfall. Aber wer sind die Akteure? Steffen Mau verweist auf <em>„das sogenannte Phänomen der fragilen Männlichkeit“</em>, das auch viel damit zu tun hat, dass viele Frauen aus dem Osten in den Westen abgewandert sind, sodass es in den ostdeutschen Bundesländern zu einem erheblichen Männerüberschuss gekommen ist. Armin Nassehi betont, dieses Faktum sei <em>„ganz kulturunabhängig, egal wo, auch der Islamismus geht darauf zurück. Die Männer in den arabischen Ländern, die nichts zu tun haben, die fangen Sie nicht wieder ein.“</em> Gleichviel, in welchem Land: Rechtspopulisten, manche Konservative, propagieren in mehr oder weniger radikaler Form die Rückkehr zu einer Kultur männlicher und weißer Vorherrschaft. (Die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">Verfassungsänderung in der Slowakei</a>, es gebe nur zwei Geschlechter, passt in diese Entwicklung, von den USA ganz zu schweigen.)</p>
<p>An dieser Stelle hätte Nora Zabel auf ein Dilemma der Grünen eingehen können. Einerseits haben die Grünen (und andere) mit ihrer feministischen Kritik an patriarchalischen Strukturen Recht, andererseits ist die Frage berechtigt, warum Gleichstellungsfragen von Frauen und Männern in kontroversen Debatten auf die Frage von Gendersternchen reduziert werden konnten. Die <a href="https://www.boell.de/de/2022/11/09/autoritaere-dynamiken-unsicheren-zeiten-neue-herausforderungen-alte-reaktionen">Leipziger Autoritarismusstudie von 2022</a> bezeichnete den Anti-Feminismus als <em>„Brückenideologie“</em> zu rechtextremistischen Einstellungen, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Sandro Witt</a>, der für den DGB das Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“ leitete, musste feststellen, dass sich im Projekt eine Reihe von Einstellungen zur freiheitlichen Demokratie nachhaltig veränderten, es jedoch offenbar kein Mittel gegen den Anti-Feminismus gab. Eine Erklärung gibt Nora Zabel, es herrscht ein ungeheurer Druck, der ein <em>„Ventil“</em> braucht, um die unter dem Druck Leidenden zu entlasten: <em>„Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus und andere fundamentalistische Strömungen, wie wir sie gerade bei den rechten Evangelikalen in den USA sehen, haben eines gemeinsam: Sie bieten ein Ventil für individuelle Frustration und vermeintliche Sicherheit durch eine Gemeinschaft, die oft durch Ablehnung von Andersdenkenden zusammengehalten wird und auf Unterdrückung basiert.“</em></p>
<p>Nora Zabel ist CDU-Mitglied. Sie sieht viele Äußerungen der CDU im Bundestagswahlkampf sehr kritisch, das, was dort geschah, war aus ihrer Sicht <em>„keine Emanzipation von der Merkel-Ära, das ist ein strategisches Wagnis mit unberechenbaren Risiken“</em>, andererseits begrüßt sie die Flexibilität von Friedrich Merz nach der Wahl. Sie zitiert Mariam Lau: <em>„Wenn es die CDU nicht mehr gibt, wird auch Deutschland so in der jetzigen Form nicht mehr bestehen können.“ </em>In der Tat geht es der AfD in erster Linie darum, die CDU als konservative Partei zu zerstören, so wie dies anderen rechtspopulistischen Parteien in Italien oder in Frankreich gelang und inzwischen auch in Großbritannien zu gelingen scheint. (Thomas Biebricher beschrieb diesen Prozess in seinem Buch „Mitte / Rechts – Die internationale Krise des Konservatismus“, Berlin, Suhrkamp, 2023.) Da helfen keine <em>„Strategiepapiere oder Gipfeltreffen“</em>. Es geht darum, <em>„wie Informationen verarbeitet werden und wie Erzählungen gefolgt wird.“ </em>Sind wir damit wieder bei Albert Camus? Nicht nur. Nach ihrem Verweis auf Albert Camus ruft Nora Zabel die Leute ihrer Generation, der sogenannten <em>„Generation Z“</em>, auf, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren: <em>„Die Zauberworte für dauerhafte Veränderung lauten also: Gremien, Fraktionen, Ausschüsse, Parlamente.“</em> Dies gilt auch angesichts einer von ihr zitierten Äußerung ihrer Chefin Serap Güler, die sagte, dass sich die Spielräume mit zunehmendem Aufstieg in der Partei verringerten. Aber das muss ja nicht so bleiben.</p>
<h3><strong>Anna Lux und Jonas Brückner: „Neon / Grau“</strong></h3>
<div id="attachment_7515" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7515" class="wp-image-7515 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-400x580.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-600x870.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-706x1024.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-800x1160.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1200x1740.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1413x2048.jpg 1413w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag.jpg 1657w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7515" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Historikerin <a href="https://www.paletschek.uni-freiburg.de/mitarb/lux">Anna Lux</a> (*1978) und der Kulturwissenschaftler Jonas Brückner (*1989) haben sich mit der Frage befasst, welche unterschiedlichen Geschichten und Debatten sich in Filmen, Romanen, Musik und Pop-Kultur zur DDR und zur Post-DDR finden. Sie verstehen ihr Buch als ein <em>„Vexierspiel von Vorstellungen und Zuschreibungen“</em>, in bewusster Abgrenzung zu Oschmanns These vom Osten als <em>„Erfindung des Westens“</em> und Kowalczuks Diagnose, die Menschen im Osten seien letztlich mit all den Neuerungen <em>„überfordert“</em>. <em>„Es braucht mehr Geschichte(n), so eine zentrale These unseres Buches, um diese Vielstimmigkeit zu hören und zu verstehen.“ </em>Es geht Anna Lux und Jonas Brückner um die Möglichkeiten <em>„populäre(r) Geschichtskultur“</em>, um – im Sinne von Ursula K. Le Guin (<a href="https://theanarchistlibrary.org/mirror/u/uk/ursula-k-le-guin-the-carrier-bag-theory-of-fiction.pdf">„The Carrier Bag Theory of Fiction“</a>, 1986, wiederum unter Bezug auf <a href="https://archive.org/details/womanscreationse00fish">Elizabeth Fisher in „Woman’s Creation“</a>, 1975) – die Inhalte einer <em>„kulturelle(n) Tragetasche“</em> (die deutsche Version von Anna Lux für Le Guins <em>„carrier bag theory of fiction“</em>), eine literarisch formulierte Variante des sprichwörtlichen Päckchens, das jede:r zu tragen hätte.</p>
<p>Das Buch enthält neben dem einleitenden Gespräch und einem resümierenden „Outro“ acht Kapitel, die sich mit dem Jahr 1989 selbst, dem schnellen Verschwinden der DDR, den Utopien und dem Abwürgen früher Demokratisierungsprozesse, nationalen Zugehörigkeiten, ethnokulturellen Zuschreibungen, den <em>„Baseballschlägerjahren“</em>, ostdeutschen Männlichkeiten und der <em>„Peripherisierung“</em> des ländlichen Raums befassen. Jedem Kapitel folgen Antworten von insgesamt 17 Akteur:innen, Publizist:innen und Künstler:innen auf jeweils drei Fragen. Das Buch ist im Übrigen eine Fundgrube für alle, die Autor:innen, Filmemacher:innen, Musiker:innen kennenlernen möchten, mit deren Werken sie vielleicht einen anderen Blick entdecken wollen.</p>
<p>Mit Steffen Mau vertreten Anna Lux und Jonas Brückner die These: <em>„Wer in der ostdeutschen Debatte einseitig nach Schuld fragt, ist auf dem Holzweg.“</em> Es gehe auch nicht um ein <em>„Identitätsbedürfnis als Ostdeutsche“</em> – so Anna Lux. Jonas Brückner ergänzt, dass sie sich daher für den Begriff <em>„Umbruch“</em> an Stelle von <em>„Wende“</em> entschieden hätten, weil dieser Begriff, <em>„das Zäsurhafte, die sozialen, kulturellen und mentalen Brüche besser fasst als beispielsweise ‚Wende‘.“</em> Abgesehen davon – dies eine kleine polemische Spitze – sei dieser <em>„Begriff mit Egon Krenz verbunden“</em>.</p>
<p>Was ging 1989/1990 verloren? Erstaunlicherweise ist dies die Frage, die öfter gestellt zu werden scheint als die Frage, was gewonnen wurde. Zur Sprache beziehungsweise zum Bild kommen der <em>„Verlust der 1000 kleinen Dinge des Alltags“ </em>und die Treuhand als Symbol all dessen, was abgeschafft beziehungsweise im damaligen Einheitsjargon <em>„abgewickelt“</em> wurde. Die <em>„Treuhand“</em> wurde geradezu zum <em>„negativen Gründungsmythos“</em>. Jana Hensel schreibt in <a href="https://www.rowohlt.de/buch/jana-hensel-zonenkinder-9783644019010">„Zonenkinder“</a> (Rowohlt, 2012): <em>„Die Wende traf uns wie ins Mark. Sie fuhr uns in die Knochen und machte, dass sich alles um uns drehte. Wir waren zu jung, um zu verstehen, was vor sich ging, und zu alt, um wegzusehen, und wurden unserer Kindheit entrissen, bevor wir wussten, dass es so etwas überhaupt gab. (…) Eine ganze Generation entstand im Verschwinden.“</em> <a href="https://www.aufbau-verlage.de/autor-in/jutta-voigt">Jutta Voigt</a> spitzt zu: <em>„Das Neue entsteht unter Verwesungsgestank.“</em></p>
<p>Es entstand ein unspezifisches <em>„Ostgefühl“</em>, das – so <a href="https://www.researchgate.net/publication/344191618_Umkampftes_Erbe_Zur_Aktualitat_von_1989_als_Widerstandserzahlung">Gerta Hartmann und Alexander Leistner</a> vom Forschungsverbund <a href="https://www.erbe89.de/forschungsverbund/">„Das umstrittene Erbe von 1989“</a> – sich in einer Art <em>„Widerstandsnarrativ“ </em>verdichtete, dessen vorwiegend männliche Apologeten sich zunächst in den <em>„Baseballschlägerjahren“</em> (Christian Bangel) auslebten: <em>„In dieser, von Pegida über die AfD bis zu den Freien Sachsen repräsentierten Vorstellung, ist der Osten eine ethnisch und interessenhomogene Gesellschaft, innerhalb derer Kritik an sozialer Ungleichheit, Peripherisierung, Migrationspolitik oder medialer Berichterstattung zu einem Grundkonflikt zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, ‚unten‘ und ‚oben‘, ‚wir‘ und ‚ihr‘ verallgemeinert wird.“ </em>Manja Präkels, Autorin von <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/als-ich-mit-hitler-schnapskirschen-ass/">„Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“</a> (2017) sagt am Ende des Kapitels „Nationale Zugehörigkeiten in der Ost-Westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“: „<em>Das ostdeutsche Wetterleuchten der Möglichkeit einer anderen Welt hingegen, das sich durch die Geschichte und Geschichten zieht, das nenne ich meinen roten Faden. Da hängt auch 1989 dran. Leider steckt in mir eher die Erfahrung in den Knochen, wie es ist, wenn eine Menge Meute wird.“</em></p>
<p>Der <em>„Umbruch“</em> wurde auch als <em>„Rausch“</em> erlebt, denn es <em>„entstand ein Möglichkeitsraum für Gewalt an sich, vor allem als rechte Gewalt. Sie gehört unmittelbar zur Umbruchszeit. Und alle waren involviert: als Opfer, Täter, ängstliche Beobachter, Claqueure.“ </em>Rechtextremismus gab es schon in der DDR, auch wenn die Partei dies immer leugnete, wie beispielsweise nach dem rechtextremistischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_die_Zionskirche">Angriff auf ein Konzert der Westberliner Gruppe „Element of Crime“ im Jahr 1988 in der Zionskirche am Prenzlauer Berg</a>. Der Rechtsextremismus wurde mit dem Mauerfall gleich mit befreit. (Mich erinnert dies auch an Nebenwirkungen der sexuellen Befreiung in den 1960er Jahren. Einer der damaligen Gewinner war die Pornoindustrie.) Die Frage mag erlaubt sein, ob und wann solche Nebenwirkungen als Problem wahrgenommen werden. <em>„Dass die Baseballschläger Jahre lange ignoriert wurden, hat eine politische Kultur befördert, die offen für Rechtspopulismus ist und in der verbale und körperliche Gewalt erscheinen. Viele der damaligen Täter wurden nicht belangt. Sie sind heute erwachsen, haben selbst Kinder, sind anerkannte Mitglieder ihrer Gemeinden.“</em> In Sport- und Heimatvereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr etc.</p>
<p>Am Anfang gab es eine große Hoffnung, eine Wiederholung des bundesrepublikanischen <em>„Wirtschaftswunders“</em> im Osten. Zunächst erzählte man sich den der <em>„Mauerfall als Wundererzählung“</em>. Natürlich gab es <em>„Erfolgsgeschichten“</em>, die als Gegensatz zur <em>„Kolonisierungsgeschichte</em>“ erzählt wurden. Aber warum setzten sich die negativen Versionen durch? Vielleicht bietet der im Buch mehrfach erwähnte Roman <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/clemens-meyer-als-wir-traeumten-9783104001180">„Als wir träumten“</a> von Clemens Meyer (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2006, verfilmt von Andreas Dresen nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, 2015) Antworten?</p>
<p>Letztlich verfestigt sich eine Summe individueller Einzelschicksale, die sich nach dem Grundsatz, dass die Summe immer mehr ist als die bloße Summe ihrer Teile, in mystifizierenden Großerzählungen, in denen versucht wird, das Geschehene auf einen einfachen und konsensualen Begriff zu bringen. Eine dieser Großerzählungen ist der <em>„Anpassungsschock“</em> – eine Formulierung von Steffen Mau. Kowalczuk spricht von einem „Freiheitsschock“, so der Titel seines 2024 bei C.H. Beck erschienen Buches. Schockstarre. Viele schweigen. Dies ist jedoch kein spezifisches ostdeutsches Problem. Anna Lux und Jonas Brückner verweisen auf <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-ohde-streulicht-t-9783518429631">„Streulicht“</a> von Deniz Ohde (2020) und <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/en/buch/fatma-aydemir-dschinns-9783446269149-t-3355">„Dschinns“</a> von Fatma Aydemir (2023). <em>„Bei ihr ist das Schweigen in der Familie der Ausgangspunkt der Erzählung. Es ist vielleicht sogar die Grundlage für die Existenz dieser Familie, denn das Schweigen macht es möglich, etwas in der Balance zu halten. Bis es kippt.“</em> In den Worten Fatma Aydemirs: <em>„Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen?“</em></p>
<p>Paula Fürstenberg sagt: <em>„Ich stolpere ständig über die Worte, die sich durchgesetzt haben, um über den Osten zu sprechen.“ </em>Jonas Brückner konstatiert: <em>„‚Friedliche Revolution‘ hat sich im Alltag ebenso wenig durchgesetzt wie der technisch klingende ‚Transformationsprozess‘. Begriffe wie ‚Anschluss‘ oder ‚Kolonialisierung‘, die zuletzt verstärkt verwendet werden, sind wiederum stark wertend und analytisch eher zur Beschreibung der Debatte hilfreich als für den historischen Prozess.“ </em>So oder so bleibt eine Art Sprachlosigkeit, vielleicht aber eröffnen künstlerische Wege einen Weg, sich mit DDR und Post-DDR auseinanderzusetzen? So verstehe ich den Grundtenor von „Neon / Grau“. Damit ist natürlich noch nichts darüber gesagt, wer was wie rezipiert. Anders gesagt: <em>„Wer erzählt eigentlich wann was über wen?“ </em></p>
<p>Kann es <em>„gemeinsame Erzählungen“</em> geben, deren Perspektiven vielleicht doch (fast) alle teilen? Manche Debatten und Ereignisse dienen jedoch eher als Belege für den Bedarf einer solchen verbindenden Großerzählung. Dazu gehören – so Anja Lux und Jonas Brückner im Kapitel „Nationale Zugehörigkeiten in der ost-westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“ – die seit etwa dem Jahr 2000 immer wieder neu aufflammende Debatte um eine sogenannte <em>„Leitkultur“</em>, die Fußballweltmeisterschaft 2006 mit dem <em>„massenhaften Flagge-Zeigen im Land“, </em>die Debatte um Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 zu einer Art Bibel des Rechtspopulismus wurde, die Rede des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff aus dem gleichen Jahr, in der er sagte, <a href="https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2010/10/20101003_Rede.html">dass der Islam zu Deutschland gehöre</a>, die Beschlüsse des <em>„Bundestages zum Abriss des Palasts der Republik und zur Rekonstruktion des Stadtschlosses im Jahr 2006“.</em> Erfolgreich waren diese Versuche alle nicht: <em>„Re-Nationalisierung“</em> (zum Beispiel Sarrazin) und <em>„gesellschaftliche Liberalisierungen“</em> (zum Beispiel Wulff“) standen und stehen nach wie vor unversöhnlich einander gegenüber. Einheit wurde zur <em>„Fiktion“, sodass</em> <em>„legitime ostdeutsche Selbstverständigungsdiskurse stets mit ihren offenen Flanken in rechtsidentitäre Erzählungen ringen müssen und das (teilweise) auch tun.“ </em>Für westdeutsche Diskurse gilt dies durchaus genauso, denn manche Debatte, die Ostdeutschland zugeschrieben wird, ist letztlich eine gesamtdeutsche Debatte, die sich je nach Raum und Zeit mit unterschiedlichen Inhalten füllt, aber letztlich Kontroversen in Konfrontationen zuspitzt. Westdeutsche erklären sich gerne für unschuldig, indem sie mit dem Finger nach Osten zeigen. Wiederum Manja Präkels: <em>„Wer wurde und wird aus welchen Gründen (wofür / wogegen) ausgegrenzt?“ </em></p>
<p>Der Film „Good bye, Lenin“ von Wolfgang Becker (2003) ist ein Film über Trauer und Abschiednehmen. <a href="https://www.thomasbrussig.de/">Thomas Brussig</a> kommentierte: <em>„Einen Abschied von der DDR, so wie man von einem Menschen Abschied nimmt, eine Trauer, das hat es im Herbst 90 einfach nicht gegeben. Das war eine so rastlose, vorwärtshastende Zeit“</em>. Der Film zeigte, <em>„wie die Welt der kleinen Dinge unser (Über-)Leben (mit)prägt.“</em> Der Hauptakteur Alex gewinnt den Eindruck, dass er für seine Mutter eine DDR schuf, wie er sie sich eigentlich gewünscht hätte. Als seine Mutter die vielen Westautos sieht, erklärt er dies mit einer Massenflucht von West nach Ost, weil viele im Westen eben den Kapitalismus leid wären. Vergleichbar sind die vielen Alltäglichkeiten im Film „Gundermann“ von Andreas Dresen (2018), der ebenso wie <em>„</em><a href="https://www.dieterwunderlich.de/scheer-machandel.htm"><em>Regina Scheers Roman ‚Machandel‘</em></a><em> oder die zeitgenössischen Beobachtungen von Jutta Voigt (…) Orte des Sich-den-Verlusten-Stellens“</em> zeige (Link im Zitat: NR). Regina Scheer sagt: <em>„Die Offenheit dieses kurzen historischen Moments von 1989/1990 ist eine kostbare Erinnerung.“</em> Zu den <em>„Illusionen“</em> der Zeit gehörten auch der Runde Tisch, sein Verfassungsentwurf und die von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">Christina Morina in ihrem Buch „1000 Aufbruche“</a> (München, C.H. Beck 2024) dokumentierten Ideen vieler DDR-Bürger:innen, die diese – nicht zuletzt in Kontinuität des in der DDR populären Eingabewesens – schriftlich vorbrachten.</p>
<p>Im achten Kapitel von „Neon / Grau“ wird der ländliche Raum als <em>„Poetik der Ödnis“</em> Thema, ein Begriff der Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/germanistik/neuere-deutsche-literaturwissenschaft/54988/erzaehlen-vom-umbruch">Rainette Lange</a> (2020). Manches lässt an andere Öden der Literaturgeschichte denken, beispielsweise an Schweizer Dorfgeschichten aus dem 19. Jahrhundert und den dort beschriebenen Pauperismus. Zu nennen wären Gottfried Keller und seine Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ oder Romane von Jeremias Gotthelf. Allerdings geht es nicht nur um die bloße Anklage unhaltbarer Verhältnisse. <em>„Die Ödnis bleibt so nicht Kulisse, vor deren Hintergrund sich Geschichten von Aufbruch und Ausbruch abspielen, sondern wird als Lebensraum mit Grautönen und Nuancen sichtbar. Als Handlungsort gewinnt er an Vielschichtigkeit und Tiefe, manches erscheint gar existenzieller – neon / grauer – als im urbanen Raum, die Beziehungen, die Träume, die Abgründe.“ </em>Als Beispiele zitieren Anna Lux und Jonas Brückner die Romane <a href="https://www.dtv.de/buch/dinge-die-wir-heute-sagten-14118">„Dinge, die wir heute sagten“</a> von Judith Zander (2012), <a href="https://juliaschoch.de/romane/mit-der-geschwindigkeit-des-sommers/">„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“</a> von Julia Schoch (2009) oder <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-t-9783518421772">„Der Hals der Giraffe“</a> von Judith Schalansky (2011). Komödiantisch wird die <em>„Ödnis“</em> in der rbb-Serie „<a href="https://www.rbb-online.de/film/themen/warten-auf-n-bus-serie.html">Warten auf’n Bus“</a> persifliert. Juli Zeh lässt in <a href="https://www.unterleuten.de/">„Unterleuten“</a> (2016) die Romanfiguren selbst sprechen, sodass verschiedene Perspektiven sichtbar werden, wie sie sich die Gestaltung ihrer Umwelt vorstellen, der Vogelschützer und Alt68er, der undurchsichtige Automechaniker, die Pferdezüchterin, das Energieunternehmen, die alten LPG-Genossen. <em>„Die Peripherie wird hier nicht als eine sozial-kulturelle und wirtschaftliche Abhängigkeit erzählt, sondern als ein Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert. Dabei ist Unterleuten keineswegs ein unsympathischer Un-Ort oder eine Dystopie. Im Gegenteil treffen hier utopische Vorstellungen von Welt und Miteinanderleben aufeinander und treten gegeneinander an.“</em> Ganz ähnlich funktioniert die Welt in „Über Menschen“ (2021) dem folgenden Roman von Juli Zeh, in dem sie den <em>„Dorf-Nazi“</em> (so bezeichnet er sich selbst), ein schwules, aber gar nicht unbedingt fortschrittliches Pärchen oder eine mehr oder weniger zivilisationsmüde Großstädterin einander begegnen lässt.</p>
<p>Mit Erich Kästner ließe sich fragen, wo denn das Positive bleibe. Grit Lemke, Autorin der „Kinder von Hoy“ (2021) sieht Hoffnungen in den als <em>„abgehängt“</em> markierten Regionen. <em>„Wir hatten eine Vision für das Land. (…) Heute ist die Lausitz eine entvölkerte Region, abgehängt vom Rest des Landes. Aber seit ein paar Jahren wieder mit Potenzial, Hoffnung und Aufbruchstimmung. Wir könnten da etwas Neues, Großes schaffen. Da sind Visionen, da ist Bewegung drin.“</em> Es kann sich durchaus etwas ändern wie auch Charly Hübner in seinem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BncR7gJcyjk">Film „Wildes Herz“</a> (2018) über Monchi und die Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ zeigt. Auch in diesem Film spielen Bushaltestellen eine Rolle. Zum Schluss fragen Anna Lux und Jonas Brückner, ob so etwas wie <em>„eine gesamtdeutsche Selbstbefragung“</em> möglich wäre, <em>„in der es darum geht: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?“ </em>Sie sprechen von <em>„Ko-Transformationen“</em>, vielleicht geht es aber auch um nicht mehr oder weniger als einen dialektischen Zugang, der die Ambivalenzen, Kontroversen und Unverträglichkeiten aufgreift, diskutiert, in Frage stellt und neue Ambivalenzen entdeckt, letztlich um <em>„Ambiguitätstoleranz“.</em> Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) gezeigt, dass ein solcher Verständigungsprozess möglich sein könnte, unabhängig von race, class und gender. Warum sollte etwas, dass in einer wissenschaftlichen Studie funktioniert, nicht auch im realen Leben gelingen, in der Kommune, in der Politik?</p>
<h3><strong>Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann, Barbara Thériault, Extremwetterlagen</strong></h3>
<div id="attachment_7516" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7516" class="wp-image-7516 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-400x579.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-600x869.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-707x1024.jpg 707w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-800x1159.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1200x1738.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1414x2048.jpg 1414w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag.jpg 1658w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7516" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die vier Autor:innen der „Extremwetterlagen“ präsentieren Ergebnisse einer <em>„Feldforschung auf Basis literarischer Reportage“</em>. Im Vorwort schreibt <a href="https://www.soziopolis.de/autoren/profil/alexander-leistner.html">Alexander Leistner</a>, es gehe nicht um <em>„fertige Erklärungen“</em>, es handele sich um <em>„Momentaufnahmen“</em>, um <em>„das Unausgesprochene hörbar zu machen und zu Strukturen geronnene Stimmungen sichtbar“</em>. Oft sind eben diese <em>„Strukturen“</em> auf den ersten Blick eben nicht erkennbar, werden es jedoch, wenn man sich auf die Menschen, die man mehr oder weniger bewusst aufsucht, einlässt, Artefakte wie Plakate und Aufschriften, Landschaften und verlassene Industrieanlagen beachtet, gegebenenfalls auch dort, wo sich größere Menschengruppen versammeln, auf Festen, in Zügen oder mitunter an Bushaltestellen.</p>
<p>Ein Anlass für das Projekt war der September 2024, der Monat, in dem die AfD bei den Landtagswahlen in Thüringen den ersten, in Brandenburg und Sachsen den zweiten Platz erreichte. Kern des Buches ist der zweite Teil mit der Überschrift „Überlandschreiben“ (zehn Texte). <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/manja-praekels/">Manja Präkels</a> berichtet über ihre <em>„Durchreise“</em> in Brandenburg, <a href="https://tinapruschmann.de/">Tina Pruschmann</a> über ihre Begegnungen in Sachsen und <a href="https://editionueberland.de/shop/barbara-theriault-abenteuer-einer-linkshaendigen-friseurin/">Barbara Thériault</a> aus Thüringen. Alexander Leistner, der einzige Wissenschaftler im Team, kommentiert in jedem Teil mit jeweils einem Text. Er hat auch Vorwort und Epilog verfasst. Im ersten Teil <em>„Sturmsaaten“</em> werden die ersten Eindrücke beschrieben, die sich möglicherweise auch als Resümee verstehen lassen, im dritten und vierten Teil mit den Überschriften <em>„Druckgradienten“</em> und <em>„Gegen den Wind atmen“</em> wird es wieder grundsätzlicher (diese drei Teile enthalten jeweils vier Texte). Die Überschrift des Epilogs klingt paradox: <em>„Rückwärts durch die Zeit lesen“</em>. Der Band enthält eine Fülle von Bildern, alle in schwarz-weiß gehalten, mit Motiven, die die grundsätzlich depressive Stimmung, der die über das Land reisenden Autor:innen begegnen, nicht nur illustrieren, sondern verstärken. In Text und Bild wird das Buch zu einem der deprimierendsten und trostlosesten Bücher, die ich über ostdeutsche Regionen und die dort lebenden Menschen gelesen habe. Dazu trägt auch bei, dass die Autor:innen nicht über in Romanform oder Filmen geronnene Erlebnisse schreiben, auch nicht mit mehr oder weniger prominenten Menschen sprechen, sondern sich auf die Menschen einlassen, die sie mehr oder weniger zufällig auf Straße und Plätzen treffen.</p>
<p>Alexander Leistner bringt im Titel des Epilogs auf eine einfache Formel, was viele Menschen eben so tun, um mit ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit klarzukommen, wenn sie nicht so recht glauben, dass sie eine ihnen genehme Zukunft erleben werden. Sie versuchen ihre Gegenwart aus erlebten Vergangenheiten abzuleiten oder gar in diesen wiederzufinden, tun dies aber natürlich nicht mit dem Abstand, den üblicherweise Historiker:innen pflegen, sondern auf der Grundlage eigenen Erlebens und der Diskurse in ihren Familien und mit ihren Bekannten. Diese projizieren sie in die Zukunft hinein. Dabei bleiben sie in der Regel unter sich und ihre Gefühle vervielfältigen sich. Es entsteht eine <em>„Kumulation von verschiedenen Prozessen, die man auf unterschiedlichen Analyseebenen – als spezialisierte Parteien-, Populismus-, Rechtsextremismus-, Protest-, Einstellungsforschung – möglicherweise zu lange zwar intensiv, aber meist separat und zu wenig systematisch in ihren Wechselwirkungen und Eigendynamiken betrachtet hat.“</em> Zu beobachten ist <em>„ein langsames Aufzehren von Legitimation, Systemvertrauen und Wertbindungen, die sich nicht ohne weiteres wiederherstellen lassen“.</em> Dieser mitunter kaum merkliche Prozess lässt sich aus zahlreichen Details erschließen. Barbara Thériault erinnert in ihrem Beitrag „Miss Mittelgebirge 1972“ an das dokumentarische Verfahren in den Romanen Balzacs: „<em>Die Figuren sind Antworten auf Dilemmas der Zeit.“</em> Auf der Reise fügen sich all diese Details schließlich zu einem Gesamtbild.</p>
<p>Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault begegnen Menschen auf der Straße, in einem Zug, an für die Vergangenheit symbolisch gelesenen Orten. Zumindest war das der Plan. Manja Präkels stellt in ihrem ersten Beitrag („Zwischen Leere und Tribüne“) fest, dass sie auf den Straßen niemanden trifft. Eine Freundin denkt in <em>„Straßendörfern Brandenburgs“</em> an <em>„Zombiefilme oder andere postapokalyptische Stoffe“</em>. Als was könnte aber die Straße dienen? Als <em>„Bühne“</em>, als <em>„Laufsteg“</em>? Und für wen? Oder anders gefragt: Wer lässt sich blicken?</p>
<p>In den 1990er Jahren erlebte jemand, der <em>„lokaljournalistisch zu berichten“</em> versuchte, <em>„die Besetzung öffentlicher Orte, von Einrichtungen, Straßen und Plätzen durch Horden meist männlicher rechtsextremer Jugendlicher gänsehautnah“</em>. Und heute? <em>„Wir passieren Waren. Auch hier kein Mensch auf der Straße. Dafür Autos. Jeder im eigenen. Jeder mit eigenem Deutschlandwimpel, flatternd im Wind.“</em> Das sind nicht die Wimpel der Fußballweltmeisterschaft von 2006, sondern aktuelle Statements, die das einzige betonen, dessen man sich noch sicher zu sein scheint, die Zugehörigkeit zu Deutschland. Eine Flagge, die eigentlich die Zusammengehörigkeit der in einem Land lebenden Menschen dokumentieren soll, wird zu einem Symbol des Rückzugs in einen abschließbaren und abgeschlossenen Raum, in dem angeblich <em>„Raumfremde“</em> – dies einer der Kampfbegriffe der neuen Rechten – keinen Platz (mehr) haben. Das Fähnchen im Auto signalisiert Exklusion, zumindest die Bereitschaft, andere auszuschließen. Und dann die Plakate: In mehreren Texten ist die hohe Präsenz von Plakaten rechtsextremistischer Kleinparteien Thema, der III. Weg, die Freien Sachsen (die in Sachsen so klein gar nicht sind, in manchen Kommunen in Räten sitzen), natürlich auch die zur Großpartei avancierten AfD. Tina Pruschmann: <em>„Derweil präsentiert sich der Plakatwahlkampf in Teilen, als seien die Hakenkreuz-Kritzeleien von den verwitterten Ziegelmauern und Stromkästen der Region, als Wahlplakat geadelt an die Laternen gewandert.“</em></p>
<p>Menschen trifft man auf Festen. Aber feiern sie gemeinsam? Alexander Leistner berichtet von einem <em>„Sommerfest“</em> der AfD und von dem <em>„Demokratiefest“</em> auf der anderen Seite des eine Stadt teilenden Flusses. Zwei Frauen, die Schilder mit den Aufschriften <em>„Omas gegen rechts“</em> und <em>„‚love is love‘ auf Regenbogengrund tragen“ </em>werden <em>„umringt von einer Gruppe Höcke-Fans“</em>: <em>„Ein paar Mädchen mit AfD-Ballons steigen ins Blumenbeet und bauen sich direkt hinter den Frauen auf. Von vorn rücken die jungen Männer immer näher. Zwei Polizisten, die nur wenige Meter entfernt auf dem Mäuerchen der historischen Mühlgrabenbrücke sitzen, wirken desinteressiert. Sie plaudern freundlich mit Festgästen auf dem Nachhauseweg. Als wir sie auf die Situation am Rosenbeet ansprechen, kommentiert einer von ihnen achselzuckend: ‚Hier ist ja ein Raum für Meinungsaustausch.‘ / ‚Interessantes Amtsverständnis‘, antworte ich. Daraufhin erhebt er sich doch noch, geht gemächlich zu den zwei Frauen rüber, baut sich erst in voller Größe vor ihnen auf, um sich von ganz weit oben zu ihnen hinabbeugen zu können. Dann, wie zu begriffsstutzigen Kindern: ‚Haben – Sie – Angst? Sie können jederzeit gehen.“ </em>Alexander Leistner: <em>„Die Straße (…) ist Kulisse für den Anspruch auf die Beherrschung des öffentlichen Raums, für Einschüchterungen und Feindmarkierungen.“ </em></p>
<p>In Cottbus wurde die Schwarze CDU-Landtagsabgeordnete <a href="https://www.cdu-brandenburg.de/person/206/Dr-Adeline-Abimnwi-Awemo.html">Adeline Abimnwi Awemo</a> angegriffen. In Bautzen erlebte <a href="https://www.anne-rabe.de/">Anne Rabe</a>, <em>„dass Leute auch nach dem CSD noch angegriffen wurden. Z.B. beim Einkaufen, als Teilnehmer des CSD identifiziert (ohne jegliche Regenbogenfahnen etc.).“ </em>Es ist <em>„ein tief verwurzelter Schwarmhass“</em>, unterstützt von örtlichen Politikern. Manja Präkels kommt nach Rheinsberg, wo das örtliche <a href="https://www.tucholsky-museum.de/index.html">Tucholsky-Museum</a> gefährdet ist, weil sich der (nicht der AfD angehörige) Bürgermeister weigert, Ratsbeschlüsse zur Finanzierung umzusetzen. Er möchte das Museum gerne <em>„der Abteilung für Tourismus“</em> zuschlagen. <em>„Das dort ein einschlägig bekannter Rechtsextremist arbeitet, geschenkt. Das Ausflugsziel kann bleiben. Wissenschaft und Zeitkritik – adé?“</em> Man könnte zu dem Schluss kommen, dass die AfD gar keine SA braucht, die alles, was ihr nicht passt, zerdeppert. Die örtlichen Neo-Nazis, Kameradschaften und Kleinstparteien, Fußball-Hooligans und Kampfsportler organisieren sich schon selbst mit ihren Einschüchterungsprojekten und geben der AfD sogar noch die Gelegenheit, sich gegebenenfalls zu distanzieren. Alexander Leistner diagnostiziert in diesen Szenen eine gewisse <em>„Professionalisierung“</em>, aber auch im Falle einer polizeilichen Ermittlung oder gar eines Prozesses <em>„Angst von Zeuginnen und Geschädigten“</em>, sodass Straflosigkeit zur Regel wird, die dann mit der Zeit in gesellschaftliche Akzeptanz umschlägt, auch eine Variante des Marx’schen Satzes, das mit der Zeit in historischen wie in wirtschaftlichen Prozessen Quantität in Qualität umschlägt.</p>
<p>Manja Präkels erlebt Landschaft als Raum gewordene Gleichgültigkeit: <em>„Zurück im Dorf mit dem nutzlosen Funkmast riecht es schon nach Grillfleisch. Auch hier ist der Nachthimmel klar. Es regnet Schnuppen. Einen meiner Wünsche widme ich Kat und dem schönen, leeren Cottbus. So schwer zu erreichen und doch so nah.“ </em>Wer nicht in solchen Orten wohnt, bleibt – so Manja Präkels – auf der <em>„Durchreise“</em>. Die Straßen, die sie queren, sind auch Orte der Todesmärsche, von Ravensbrück, der Weg zum KZ Sachsenburg. Es wirkt heute fast schon <em>„idyllisch“</em>, wenn man nicht über die Vergangenheit nachdenkt. Tina Pruschmann: <em>„Vielleicht lasse ich mich von meiner Begeisterung für eine schöne Landschaft nur allzu gerne täuschen. Vielleicht halte ich die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Terror so wenig aus, das eines weichen muss: das Idyll oder die Brutalität.“ </em></p>
<p>Erinnerungsorte müssen nicht unbedingt Empathie für die Opfer bewirken, im Gegenteil. Es gibt Stimmen, die überzeugt behaupten, dass diejenigen, die in der DDR-Zeit in einem Jugendwerkhof inhaftiert waren, <em>„es verdient hätten dort zu sein“</em> und <em>„so schlimm sei es nicht gewesen“. </em>Solche Bagatellisierungen, die sich sogar auch in Hinweisen auf die KZ-Vergangenheit finden, schlagen in Verständnis um und machen es dann auch leichter, sich die DDR zurückzuwünschen, zumal diese im Vergleich zum Westen ja auch <em>„ethnisch“</em> homogener war. Die Vertragsarbeiter:innen aus den sozialistischen <em>„Bruderstaaten“</em> traf man eben auch nicht auf der Straße.</p>
<p>Viele lassen im wahrsten Sinne des Wortest einfach das sprichwörtliche Gras über die Vergangenheit wachsen. Tina Pruschmann berichtet aus Zwickau <em>„Die Adresse Frühlingsstraße 26, im Ortsteil Weißenborn, wo die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Jahre lang unbehelligt ein nahezu bürgerlich anmutendes Leben lebten, zeigt Google Maps nicht mehr an. Auch sonst erinnert an diesem Ort nichts an den NSU. Wo das Haus stand, wachsen Gras und Gebüsch.“ </em>Es bleibt einigen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen vorbehalten, das <em>„Gelände der Erinnerung“ </em>sichtbar zu erhalten. Im Gespräch mit dem Sozialarbeiter Jörg Banitz und einer Schulklasse erfährt Tina Pruschmann, dass die Geschichte des NSU zur <em>„Regionalgeschichte“</em> wurde. Die Schüler:innen waren damals, als sich der NSU selbst enttarnte, gerade einmal fünf Jahre alt. <em>„Mir ist das Erschrecken über die Mordserie des NSU noch so präsent, dass ich mich frage, ab wann Gegenwart zur Geschichte wird.“ </em>Überall der Wunsch nach einem <em>„Schlussstrich“</em>. Man will sich weder die NS- noch die DDR-Vergangenheit noch rechtsextremistische Mordserien der jüngeren Vergangenheit vorhalten lassen. Und im Hintergrund, im Untergrund gären die Gewalt- und Mordfantasien der neuen Nazis. <em>„Hic sunt dracones.“ </em>(NSU-Watch hat im Verbrecher Verlag mit dem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/aufklaeren-und-einmischen-der-nsu-komplex-und-der-muenchener-prozess-neuausgabe/">„Aufklären und Einmischen – Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess“</a> die nach wie vor vielen offenen Fragen nach den wahren Ausmaßen des Rechtsterrorismus ausführlich beschrieben.)</p>
<p>Barbara Thériault benennt die Überalterung mancher thüringischen Gemeinden. <em>„In den 1990er Jahren zogen viele ihrer jüngeren Einwohner weg und die Zurückgebliebenen bekamen immer weniger Kinder. So wurden aus 56.000 Einwohnern Ende 1988 gerade mal 37.000 Ende 2023. Ein Drittel der Stadtbevölkerung ist älter als 65 Jahre.“ </em>Unter den Deutsch-Deutschen bleiben junge Männer. Junge Männer trifft man auch unter Zugewanderten, allerdings sind diese in einer ganz anderen Stimmung. Barbara Thériault beschreibt eine <em>„Zuggesellschaft“</em> auf der Fahrt von Erfurt über Zella-Mehlis nach Meiningen: <em>„Viele der Reisenden waren unterwegs in Richtung Thüringer Wald zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Es schienen aber keine Mitarbeiter einer vom Land beauftragten Sicherheitsfirma den Zug zu begleiten, wie es sonst manchmal der Fall ist. Ich drängte mich in die Menschenmasse hinein. Es duftete wie in einem Barbershop.“</em> Einige sprechen Ukrainisch, andere Arabisch, Kurdisch, einige auch Französisch. Gesprächsthemen sind Hoffnungen und Träume, Fitnessstudios, Gottvertrauen. <em>„Eine traurige Geschichte, die dennoch fröhlich erzählt wurde.“</em> Bevor Barbara Thériault aussteigt, sagt sie zu einem Sitznachbarn: <em>„Ist das hier nicht der kosmopolitischste Ort überhaupt, viel mehr als Berlin?“ </em>Betretenes Schweigen, Unsicherheit. Eigentlich eine nette Reisegesellschaft, aber davon erfährt man in den Lokalzeitungen nichts: <em>„Die Stadt ist sowieso in zwei Fraktionen geteilt: die Autofahrenden und die Bus- und Bahnfahrenden. (…) Es sind Kreise, die sich kaum berühren. Die Zeitungsleser und die hiesigen Journalisten gehören zur Fraktion der Autofahrenden.““ </em></p>
<p>So leer wie die Straßen, so leer sind die Orte und so leer sind die Erinnerungen an Vergangenheiten. Nicht so ganz: Es sind letztlich nur andere Erinnerungen, die zählen. Interessant ist für manche zum Beispiel die ehemalige Produktionsstätte des <a href="https://www.mdr.de/geschichte/ddr/wirtschaft/verkehr/kleintransporter-barkas-autos-erfolg-100.html">Kleintransporters Barkas</a>: <em>„Die Leere am längsten Produktionsband der Welt ist auch eine identifikatorische.“ </em>Oder ein ehemaliges Dieselkraftwerk in Cottbus, die Halle der Cargolifter AG, die Luftschiffe baute, 2002 Insolvenz anmeldete, wo aber jetzt ein Spaßbad eingerichtet wurde, <em>„die schillernde Raumkapsel des Erlebnisparks Tropical Island“</em>. Zutritt für 53,90 EUR pro Person. Umnutzungen von ehemaligen Militär- und Industrieanlagen sind nicht ungewöhnlich. Eigentlich. Manja Präkels: <em>„Die lange Tradition der heute verlassenen Truppenübungsplätze reicht vom Kaiserreich über die faschistische Wehrmacht bis hin zur Roten Armee. Schlachtfelder unter Sand, Gras und niedrigen Bewuchs – Explosionsgefahr. Aus der Asche bricht Mischwald hervor. Als wäre keine Zeit vergangen.“ </em>Die <em>„Explosionsgefahr“</em> darf durchaus als Metapher gelesen werden. Man könnte sogar von Wiederholungszwang sprechen. Alexander Leistner: <em>„Zumal sich die Debatten um, aus und über Ostdeutschland mit ihren abgegriffenen Bezichtigungs- und Erklärungsfloskeln schon seit Jahren zunehmend im Kreis drehen.“ </em>Manja Präkels zitiert <a href="https://anti-kriegs-museum.de/ueber-uns/">Ernst Friedrich</a>, Gründer des weltweit ersten Kriegsmuseums. Er <em>„nannte uns Menschen Vergessmaschinen“</em>. Manche vergessen so intensiv, dass sie sich wünschen, dass doch <em>„die Freunde“</em> wiederkommen sollten, <em>„Putin würde das schon regeln“</em> (auf PEGIDA- und später auf Querdenker-Demonstrationen waren Schilder mit der Aufschrift <em>„Putin hilf“</em> zu sehen). Kein Wunder, dass in einem Vortrag in Wünsdorf, wo nach den Nazis das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland residierte, auch gefragt wird, ob der Truppenabzug nicht doch ein Fehler gewesen wäre.</p>
<h3><strong>Erzählungen von Glück und Unglück</strong></h3>
<p>Thomas Mann schrieb in einer Zeit, in der man ihn noch nicht als Demokraten kannte und bewunderte, im Jahr 1918, in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“: <em>„Der Geschmack eines Volkes an der Demokratie steht im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ekel vor der Politik.“</em> Etwas über 30 Jahre später fragte er sich in „Meine Zeit“, <em>„ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“</em> Diese beiden Sätze sind Gegenstand der <a href="https://www.photoscala.de/2025/07/05/150-jahre-thomas-mann-ausstellung-meine-zeit-in-luebeck-eroeffnet/">Ausstellung „Meine Zeit“ in Lübeck</a> zum 150. Geburtstags von Thomas Mann. <em>„Ekel“</em> – das ließe sich noch steigern, durch Ohnmacht, Wut und eben Gewalt. Darüber ließe sich reden, davon ließe sich erzählen, allerdings wären das keine Heldengeschichten. Ursula K. Le Guin schreibt in „The Carrier Bag of Fiction” (zitiert nach der von Donna Haraway eingeleiteten Ausgabe von 2024 bei <a href="https://cosmogenesis.world/products/the-carrier-bag-theory-of-fiction">cosmogenesis</a>), Geschichten enthielten eigentlich keine Helden, sondern Leute (<em>„people“</em>). Donna Haraway kommentiert: <em>„It matters what stories we tell to tell other stories with; it matters what concepts we think to think other concepts with.”</em> Wenn wir etwas sagen oder schreiben, meinen wir immer irgendetwas Anderes mit, das sich möglicherweise mit der Zeit verselbstständigt.</p>
<p>Wenn man die Thesen von Thomas Mann, Ursula K. Le Guin und Donna Haraway auf Deutschland im Jahr 2025 anwenden möchte, findet man Zugang zu Geschichten, die festgefügt, fast schon unwandelbar einander gegenüberstehen, oft allerdings eher im Modus der Anklage. Das gilt selbst für etablierte Autor:innen wie den immer wieder zitierten Ilko-Sascha Kowalczuk. In seinem Grundlagenwerk <a href="https://www.chbeck.de/kowalczuk-sascha-uebernahme/product/27704284">„Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“</a> (München, C.H. Beck, 2019) suggeriert schon der Titel, in welche Richtung aus seiner Sicht erzählt werden soll. Kowalczuk argumentiert differenzierter, aber die Rezeption ist eindeutig. Diejenigen, die von der Geschichte der DDR und der sogenannten <em>„Transformationszeit“</em> erzählen, haben ein festgefügtes weitgehend binäres Bild von sich, vom Osten wie vom Westen. Christina Morinas „1000 Aufbrüche“ könnten ein Gegenbild bieten, doch dürften viele dieser <em>„Aufbrüche“</em> von manchen wegen der vielen enttäuschten Hoffnungen eher als Abbrüche, Abbruch oder etwas neutraler als <em>„Umbruch“</em> gelesen werden.</p>
<p><em>„Aufbruch“</em>,<em> „Umbruch“</em>,<em> „Transformation“ </em>– diese Begriffe erwecken den Eindruck, als müsste, sollte, würde sich irgendwer nicht immer aus freien Stücken von irgendwoher irgendwohin bewegen, wo er oder sie vorher nicht war. Demnach gäbe es Geschichten einer Ankunft beziehungsweise eines Verfehlens des eigentlichen Ziels. Wer das Ziel verfehlt, trägt selbst zumindest einen Teil der Schuld. Man hat sich eben ge- oder verirrt. <em>„Übernahme“</em> oder <em>„Kolonisierung“</em> betonen hingegen ausschließlich Passivität und Ohnmacht der angeblich Übernommenen oder Kolonisierten. Hinter all diesen Metaphern steckt jedoch immer ein Bild vom Anderen, eine VerAnderung (<a href="https://www.hf.uni-koeln.de/35242">Julia Reuter</a> übersetzte so den Begriff des <em>„Othering“</em>) desjenigen, der eben nicht dort ist, wo man selbst ist und deswegen nicht zu der Gruppe gehören kann, zu der man sich selbst zählt. Das gilt für den Westen wie für den Osten.</p>
<p>Der Westen ist nicht der ultimative Telos der Geschichte an sich, keine Norm, kein potenzielles <a href="https://dn721609.ca.archive.org/0/items/THEENDOFHISTORYFUKUYAMA/THE%20END%20OF%20HISTORY%20-%20FUKUYAMA.pdf"><em>„Ende der Geschichte“</em></a>, wenn man Francis Fukuyamas berühmt-berüchtigten Gedanken zitieren möchte. Niemand muss irgendwo ankommen, niemand muss sich irgendwohin bewegen. Zunächst wäre einfach nur zu analysieren, wer sich eigentlich wo befindet. Abgesehen davon ist <em>„Demokratie“</em> kein Ort, sondern eine Regierungsform. Ein Ort wird sie erst, wenn sie mit <u>dem</u> <em>„Westen“</em> identifiziert wird, etwas, das der Osten (noch) nicht erreicht habe. Thorsten Holzhauser, Geschäftsführer der <a href="https://www.theodor-heuss-haus.de/">Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus</a>, formulierte in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/vom-osten-und-vom-ankommen-in-der-demokratie-a-mr-79-10-35/">„Vom ‚Osten und vom Ankommen in der Demokratie“</a> (in der Ausgabe des Merkur vom Oktober 2025) folgendes Fazit: <em>„Für das Bild vom ‚Ankommen in der Demokratie‘ lässt sich aus dieser Sicht zweierlei schlussfolgern: Entweder die Ostdeutschen können gar nicht ‚in der Demokratie ankommen‘, genauso wenig übrigens wie die Westdeutschen, weil es die Demokratie in dieser idealisierten von Konflikten bereinigten Form nicht gibt, oder sie sind längst angekommen, nur ist die moderne Demokratie eben nicht so rein und unschuldig und konfliktfrei, wie wir das gerne hätten.“ </em>Das wäre die versöhnliche Version der Geschichte. Wer jedoch darauf beharrt, dass <em>„Ankommen in der Demokratie“</em> zunächst eine ostdeutsche Bringschuld wäre, definiert den Osten ausschließlich „<em>durch Defizitbeschreibungen“. </em>Dies wäre in der Tat diskriminierend. Als Antwort folgt geradezu zwangsläufig eine ostdeutsche <em>„Identitätskonstruktion“</em>, deutlich zu hören beispielsweise in ostdeutschen Fußballstadien, wenn die Fans dort <em>„Ostdeutschland“</em> skandieren, oder wenn sich Menschen DDR-Zustände zurückwünschen. Aber gleichviel: <em>„Unzufriedenheit und Protest, Demokratieskepsis und Elitenkritik, autoritäre und rassistische Einstellungen, Rechtsextremismus und Populismus werden in beiden Deutungsmustern zum Kennzeichen Ostdeutschlands.“</em></p>
<p>Radikalisierungsprozesse gibt es in Ost und West und dennoch sind Ost und West jeweils keine in sich geschlossenen und klar voneinander abgrenzbaren Großgebiete. Es gibt eine Fülle von Zwischentönen oder wenn man so will Grautönen. Das <a href="https://www.ils-forschung.de/">Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund</a> (ILS) hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung mögliche Zusammenhänge mit dem Zustand der Infrastruktur beziehungsweise der Daseinsvorsorge mit Radikalisierungsprozessen untersucht. <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/infrastruktur-rechtsextremismus-kommunen-ostdeutschland-abgehaengt-li.3297555?reduced=true">Der Wirtschaftsgeograph Bastian Heider bietet im Gespräch mit Ulrike Nimz von der Süddeutschen Zeitung einen Überblick</a>. Es gehe allerdings um. <em>„Korrelationen“</em>, nicht um <em>Kausalitäten“.</em> Ein Ergebnis: <em>„Dass es Zusammenhänge zwischen dem Zustand der Daseinsvorsorge und dem Grad der Demokratiezufriedenheit gibt. Das gilt vor allem für Bildungschancen, Kinderbetreuung und Breitbandausbau, aber auch für objektiv nur schwer messbare Faktoren wie die Lebendigkeit von Ortszentren. Wenn es Räume für sozialen Austausch gibt, Kinder gut betreut und ausgebildet werden, es schnelles Internet gibt, auch als Voraussetzung für die Ansiedlung von Firmen, dann ist das ein Ausweis der Zukunftsfähigkeit und begünstigt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Funktioniert all das nicht, wächst der Frust.“ </em>Eine große Rolle spiele aber nicht zuletzt angesichts der zahlreichen aufeinanderfolgenden Transformationserfahrungen vieler Menschen – nicht nur in Ostdeutschland – auch ein Gefühl von <em>„Bedeutungsverlust“</em>, kombiniert <em>„mit einer persönlichen Abwertungserfahrung“</em>.</p>
<p>Mitunter möchte man sich an <a href="https://www.piper.de/buecher/die-unfaehigkeit-zu-trauern-isbn-978-3-492-20168-1">„Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“</a> von Alexander und Margarete Mitscherlich aus dem Jahr 1967 erinnern. Es war die Zeit der ersten Großen Koalition und bedrohlicher Wahlergebnisse der NPD. Heute leben wir in einer Zeit mehr oder weniger dauerhafter nicht mehr ganz so großer Koalitionen, es sei denn, wir addieren die Grünen bei den Wahlergebnissen von CDU, CSU und SPD einfach dazu. Unplausibel wäre das nicht. Die Wahlergebnisse der AfD sind bekannt. Thorsten Holzhauser konstatiert: <em>„Der Prozess ostdeutscher Identitätskonstruktion ist aus dem linken in den rechten Diskurs gewandert und hat sich dort entsprechend verformt.“</em></p>
<p>August Modersohn, Autor des Reportagenbuchs <a href="https://www.ullstein.de/werke/in-einem-neuen-land/hardcover/9783549110140">„In einem neuen Land“</a> (Berlin, Propyläen, 2025), hat zum 3. Oktober 2025 in der ZEIT einen Essay veröffentlicht, der die Frage stellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/42/deutsche-einheit-ostdeutschland-zukunft-afd/komplettansicht">„Wie kommen wir da wieder raus?“</a> In der Anmoderation provoziert er: <em>„Vor 35 Jahren hatte Deutschland die Chance, sich neu zu erfinden. Viele hofften, träumten auch. Heute hat nur noch die AfD Visionen.“ </em>Kaum jemand traut, wenn man den gängigen Umfragen glauben will, der AfD zu, dass sie die Krisen unserer Zeit lösen könne, aber alle anderen Parteien machen ihr es leicht so zu tun, als sei sie die Lösung: <em>„Zukunft ist gerade ein Wort, bei dem viele zusammenzucken. Zukunft bedeutet Angst, Schrecken, Dunkelheit, in jedem Fall nichts Gutes. Es gibt aber eine Partei, die offensiv mit dem Begriff umgeht, und zwar die AfD. ‚Vision 2026‘, so hat sie ihre Kampagnenwebsite für die Wahl in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr genannt, wo sie sich Hoffnung macht, das erste Mal einen Ministerpräsidenten zu stellen. Was die anderen Parteien natürlich verhindern wollen.“ </em>(Das, was die AfD als Vision anbietet, klingt durchaus ähnlich wie das <a href="https://www.heritage.org/conservatism/commentary/project-2025">Projekt 2025 der Heritage Foundation</a>, nach dessen Muster Donald Trump zurzeit die USA entdemokratisiert.)</p>
<p>Alleine mit der mantrahaften Beschwörung der Demokratie kommen wir nicht weiter. Einer der Gesprächspartner von August Modersohn erweitert den Blick: <em>„Langsam werde aber deutlich, dass nicht nur die DDR zu Ende gegangen ist, sondern auch diese Idee der Bonner Republik nur mehr eine Illusion sei. Die Politiker simulierten jedoch immer noch: Wird schon wieder. ‚Nur wird es immer schwieriger, das Problem einzufangen. Im Osten zeigt sich manches ja früher, und hier sieht man, dass es sich nicht nur um Erosionsprozesse handelt, sondern um Fliehkräfte.‘“ </em>Bürgerräte könnten Selbstwirksamkeit fördern. <a href="https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Ministerium/Ostbeauftragte/ostbeauftragte.html">Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung</a>, <em>„sagt, sie fände es gut, ‚wenn wir mal regional begrenzt ausprobieren, die Ergebnisse der Bürgerräte tatsächlich rechtlich bindend zu machen, in einem Landkreis im Osten zum Beispiel‘. Man könnte dafür die Kommunalordnung ändern. ‚Das würde ich gerne intensiver diskutieren als einen Baustein, um das Vertrauen in die Demokratie wieder zu stärken.‘“ </em>Das wäre sicherlich ein Mittel gegen den <em>„Ekel vor der Politik“</em>, den Thomas Mann diagnostizierte und der die gesamte rechte Szene – und nicht nur diese – zu durchziehen scheint. <em>„Selbstwirksamkeit“</em> erleben die Akteure dieser Szene geradezu in der Reaktion der demokratischen Parteien und der Medien auf ihren Krawall. Das ist aber nicht die <em>„Selbstwirksamkeit“</em>, die ein Land voranbringen könnte, sondern eben rein destruktiv.</p>
<p>Die Autor:innen der drei in diesem Essay vorgestellten Bücher und die vielen kleinen Initiativen und Einrichtungen, die den rechtspopulistisch-extremistischen Mainstream aufhalten wollen, wirken mitunter, als wollten sie mit einem Fingerhut ein Meer ausschöpfen. Entscheidend ist jedoch – und das zeigen alle drei Bücher –, wer wem welche Geschichten erzählt und wer bereit ist, wem zuzuhören. <a href="https://www.andreherzberg.net/">André Herzberg</a>, Sänger der Band „Pankow“, die jetzt ihre Abschiedstournee abgeschlossen hat, hat in der Jüdischen Allgemeinen vom 3. Oktober 2025 seine persönliche Vision formuliert: <em>„Die DDR war eine Diktatur, und jeder, der in dieser Diktatur gelebt hat, muss mit diesen Erfahrungen umgehen, weil man damit geboren wurde und kein anderes Leben kannte. (…) Dann kam ein wahnsinniger Bruch. Da musste man diese Freiheit neu lernen. Das sind vielleicht zwei dürre Sätze auf das große Thema. Wie ist es, Identität neu zu erfahren? Das ist ein schwieriger Lernprozess. Psychoanalytiker haben gesagt: Lernen oder Erfahrungen geht nicht ohne Trauer und so ein Sich-in-sich-selbst-Zurückziehen. Das ist ein sehr schmerzafter und langer Prozess für mich gewesen.“</em> Die Überschrift seines Statements lautet: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ein-grosses-glueck/">„Ein großes Glück“</a>. Vielleicht ist das ein Fazit im Einheitspuzzle und ein erster Schritt zur Verknüpfung der vielen ver- und zerstreuten Elemente des Gesamtbildes in, von und für Deutschland.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 7. Oktober 2025. Titelbild: Landschaft bei Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Polen in der DDR &#8211; eine Fallstudie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 05:30:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen in der DDR – eine Fallstudie Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“ „Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch  [...]</p>
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<h1><strong>Polen in der DDR – eine Fallstudie</strong></h1>
<h2><strong>Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“</strong></h2>
<p><em>„Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch verändert?“ </em>(Henryk Bereska, Kolberger Hefte, in: Die Verschwiegene Bibliothek, herausgegeben von Ines Geipel und Joachim Walther, Frankfurt am Main / Wien / Zürich, Büchergilde Gutenberg, 2007)</p>
<p>Dies schrieb Henryk Bereska (1926-2005), renommierter Übersetzer vom Deutschen ins Polnische und vom Polnischen ins Deutsche, am 8. Januar 1986 in sein Tagebuch, das er über Jahrzehnte führte. Die Originale sind in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einsehbar. Ines Geipel charakterisiert seine Tagebücher in „Gesperrte Ablage“ mit den Worten: <em>„In seinen Tagebüchern etablierte sich – ähnlich wie bei Eveline Kuffel – eine bestimmende Figur, das Säufer-Ich als Anti-Helden. (…) Der Tagebuch-Trinker entlastet sich von jedweder Konformität und wird darin zwangsläufig zum Konterpart des im Land ausgerufenen Arbeiterhelden.“</em></p>
<p>Henryk Bereska war ein wichtiger Mittler zwischen den Literaturen der DDR und Polen, obwohl manche seiner Übersetzungen in der DDR – so Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld Verlag, Neuauflage 2024) – durch die Stasi <em>„blockiert“</em> wurden. Er schrieb Gedichte, die jedoch erstmals im Jahr 1980 veröffentlicht werden konnten, allerdings nicht in der DDR, sondern in Westberlin (amBEATion – randlage). Sein 60 Seiten umfassender Gedichtband „Lautloser Tag“ ist nur noch antiquarisch erhältlich.</p>
<h3><strong>Kampfgebiet Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_7471" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Sozialistische_Transnationalisierung/title_7654.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7471" class="wp-image-7471 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-400x546.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz.jpg 582w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-7471" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Biographie von Henryk Bereska darf durchaus als Beispiel für die Spanne und die Spannungen gelesen werden, die in der DDR zwischen der behaupteten „Internationalisierung“ und einer dort nie gelebten „Weltoffenheit“ liegen mögen. <a href="https://anglistyka.amu.edu.pl/staff-list/pawel-zajas">Paweł Zajas</a>, Professor für Literaturwissenschaft an der Fakultät für Anglistik der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, ist den Hintergründen dieser Spanne und Spannungen in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung – Literarische Verflechtungen im europäischen ‚Ostblock‘“ nachgegangen. Der Band wurde im Jahr 2025 in der vom Deutschen Polen Institut beim Wiesbadener Harassowitz Verlag herausgegebenen Reihe veröffentlicht. Paweł Zajas bezeichnet seine Studie als <em>„literatursoziologische Arbeit“</em>, doch ist sie viel mehr als das. Sie bewegt sich im weiten Feld von <em>„Kulturtransferforschung“</em> und <em>„Politikwissenschaft“</em>, das der Autor im Anschluss an Volker Rittbergers Buch „Internationale Organisationen – Politik und Geschichte“ (Opladen, Leske + Budrich, 2/1995) wie folgt charakterisiert: <em>„Während sich die Kulturtransferforschung also vorwiegend auf die Funktion informeller und privater Akteure konzentrierte, analysierte die Politikwissenschaft institutionalisierte Akteure wie supranationale Einrichtungen als ‚Instrumente staatlicher Diplomatie‘ oder ‚konferenzdiplomatische Dauereinrichtungen bzw. intergouvernementale Verhandlungssysteme‘, welche den Staaten dazu dienen, ihre partikularen Interessen zu verfolgen.“ </em></p>
<p>Die Studie füllt eine gravierende Forschungslücke und regt weitere Forschungen und Auseinandersetzungen an. Beeindruckend sind die ausführliche Literaturliste und das umfangreiche Personenregister. Die Studie analysiert die kulturellen Entwicklungen in der DDR und verschiedenen Phasen der DDR-Kulturpolitik auf der Grundlage der Positionierungen staatlicher Institutionen und von Schriftstellerverbänden, der Verfahren der Zensur sowie der mit der Rezeption und Veröffentlichung ausländischer Literaturen verbundenen transnationalen Kontakte.</p>
<p>Es geht in der Studie von Paweł Zajas einerseits um die internen Verflechtungen des Umgangs mit Literatur im Land der SED-Diktatur, andererseits um Verflechtungen mit dem Ausland, die mitunter Freiräume eröffneten, die innerhalb der DDR nicht zulässig waren. Eben dies spiegelt sich nicht zuletzt im Umgang mit Übersetzern und Übersetzerinnen. Aber Lektorinnen und selbst SED-Kader nutzten solche Spielräume, beispielsweise die Lektorin Jutta Janke, unter anderem mit ihrer Unterstützung des Übersetzers Henryk Bereska, oder auch der SED-Kader Klaus Höpcke. Welche Spielräume Autorinnen und Autoren hatten, beschrieb der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller beispielswiese in seinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> (in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Juli 2025). Steinmüller berichtet, wie er als Autor etwas Argumentationsgeschick brauchte, um den Lektor zu überzeugen, sich aber auch die Druckfahnen sehr genau ansehen musste, weil manch eifriger Setzer eigene Korrekturen anbrachte, von denen er dachte, dass diese die Parteilinie besser wiedergäben.</p>
<p>In der Kulturpolitik der sozialistischen Staaten im sogenannten <em>„Ostblock“</em> folgten in kurzen Abständen <em>„Tauwetter“</em>-Phasen (den Begriff „Tauwetter“ prägte Ilja Ehrenburg mit einem 1954 erschienenen Roman) und neuerliche Repression aufeinander. Die polnische Praxis war in der Regel liberaler als die Praxis in der DDR. Dies ist Thema des ersten Teils der Studie von Zajas: „‚Vom Blühen aller Blumen, oder von der Elbe bis zum gelben Meer‘ Mobilität und sozialistische Literaturplanung“. Der Titel des Kapitels folgt der Überschrift der Abschlussrede des damaligen DDR-Kulturministers Johannes Robert Becher (1891-1958), die dieser am 14. April 1957 in der <a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/F424MKMMS4YOY3IMKE3A6BNHSGMXACNM">Konferenz des Verlagswesens der sozialistischen Länder in Leipzig Markkleeberg</a> hielt.</p>
<p>Kultur war Kampfgebiet. Becher sagte: <em>„Während die kapitalistische Buchproduktion mit wenigen Ausnahmen als Geschäft betrieben wird und damit von der Tendenz des Marktes abhängig ist, plant das sozialistische Verlagswesen seine Tätigkeit in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Funktion.“</em> Die somit implizit dem <em>„kapitalistischen“</em> Westen vorgeworfene Kulturlosigkeit umfasste im Grunde alles, was die DDR und die Sowjetunion als selbsternannte Speerspitzen des Fortschritts – und der Kultur – in Frage stellte. Diese Rede machte Eindruck. Zajas berichtet: <em>„Bechers Abschlussrede musste den mehr liberal eingestellten Teilnehmern aus Polen oder der Tschechoslowakei anschaulich gemacht haben, dass die in der DDR einsetzende Kampagne gegen den ‚Revisionismus‘ – welche im Dezember 1956 die Verhaftung des Leiters des Aufbau-Verlags Walter Janka und seines Cheflektors Wolfgang Harich sowie beider Redakteure der Zeitschrift SONNTAG, Gustav Just und Heinz Zöger, unter Anklage der konterrevolutionären Verschwörung zur Folge hatte – das antistalinistische Tauwetter in Ostdeutschland beendete.“</em> Im Folgenden nennt Zajas mehrere Beispiele für die <em>„kulturpolitische Abschottung des DDR-Literaturbetriebs“</em> wie die Debatte um Franz Kafka nach der Kafka-Konferenz des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes vom Mai 1963 oder das legendäre <em>„Kahlschlagplenum“</em> des ZK der SED im Dezember 1965, als nur Christa Wolf versuchte, der neuen Linie zu widersprechen.</p>
<p>Paweł Zajas verweist auf Alexey Tashinskiy (er forscht am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim), der eine <em>„Verflechtungsgeschichte zwischen Ideologie und Idiosynkrasie“ </em>diagnostiziert (in: Alexey Tashinskiy, Julija Boguna, Andreas F. Kelletat, Hg., <a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/uebersetzer_und_uebersetzen_in_der_ddr">Übersetzer und Übersetzen in der DDR – Translationshistorische Studien</a>, Berlin, Frank &amp; Timme 2020). Gemeint ist eine Art kollektives Literaturbewusstsein im Sinne einer ideologisch-literarischen Gemeinschaft zwischen den Akteuren in Partei und Staat auf der einen Seite und denjenigen auf der anderen Seite, die Literatur bewerten und die Entscheidungen über eine Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung vorbereiten. Lektorinnen und Lektoren arbeiten nach Vorgaben, Staat und Partei können sich wiederum auf deren Ideologiefestigkeit verlassen.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen läuft die Unterdrückung unliebsamer Literatur so gut wie reibungslos. Ideologische Argumente müssen dafür gar nicht mehr benannt werden. Stattdessen reicht es, die Qualität des Manuskripts herabzusetzen und die Autorin beziehungsweise den Autor schlichtweg für literarisch unfähig zu erklären. Dies erlebte beispielsweise Sylvia Kabus. Ines Geipel berichtet im Nachwort des Romans „Weißer als Schnee“ (in: Die Verschwiegene Bibliothek 2008), wie die Lektoratsleiterin des Aufbau-Verlags Sigrid Töpelmann, <em>„der unter den Schreibenden des Landes der Ruf ihrer scharfen ideologischen Klinge vorauseilte“</em>, Sylvia Kabus einfach jede <em>„Sprachbegabung“</em> absprach: <em>„Das wird auch nichts werden. Dafür habe ich genug Erfahrung in dem Beruf. Sie sind keine ursprüngliche Erzählerin.“</em> Schwierig wird es für Staat und Partei, wenn sich diese Ideologiefestigkeit lockert, beispielsweise durch Kontakt mit ausländischen Autorinnen und Autoren.</p>
<p>Eine <em>„Entkoppelung“</em> von Macht und Medien gab es in der DDR nie, eine grundlegende Folie war das <em>„deutsch-deutsche Konkurrenzverhältnis“</em>. Bei den Übersetzungen dominierte russischsprachige Literatur, obwohl es selbst in der Sowjetunion in einer Konferenz der Schriftstellerverbände im August 1963 in Leningrad Signale gab, die man als Öffnungssignale hätte deuten können. Unter den Teilnehmern waren aus Westdeutschland beispielsweise Hans Werner Richter und Hans Magnus Enzensberger, aus Frankreich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, aus Italien Giuseppe Ungaretti. Robbe-Grillet wandte sich – so Zajas – <em>„gegen den fortgesetzten Druck auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Arbeit politisch zu rechtfertigen“</em>. Immerhin erschienen Romane von Nathalie Sarraute und Michel Butor im Verlag Volk &amp; Welt beziehungsweise im Aufbau-Verlag. <em>„Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings im August 1968 sowie dem Ausschluss Solschenizyns aus dem Sowjetischen Schriftstellerverband im November 1969 geriet die gemeinsame Mitarbeit der ‚Ostblock‘-Länder ins Stocken.“</em></p>
<h3><strong>Gratwanderungen</strong></h3>
<p>Der zweite Teil trägt den programmatischen Titel „‚Helsinki sind wir‘ Internationale DDR-Literatur“. Hintergrund ist der Helsinki-Prozess, insbesondere Korb 3, dessen Wirkung Sowjetunion und DDR unterschätzt haben (näheres zu diesem Thema im Themenheft von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/ksze-2025/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 12. Juli 2025</a>, insbesondere im Beitrag von Sarah B. Snyder). Das Kapitel beginnt mit Briefen an den damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann (1929-1994), um die dieser selbst gebeten hatte, um mehr über <em>„Lesegewohnheiten und -erfahrungen“</em> mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zu erfahren. Die Briefe können inzwischen im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden.</p>
<p>Stellvertretender Minister für Kultur war damals Klaus Höpcke, der diese Briefe auszuwerten hatte. In seiner Auswertung verwies er auf den in den Briefen benannten <em>„Vorbildcharakter der Sowjetunion“</em>. Allerdings gab es auch Vorschläge <em>„zu einer liberaleren und inklusiveren Editionspolitik“</em>. Diese von oben angestoßene Briefkampagne – so erlaube ich mir dies zu nennen – spielte möglicherweise ihre Rolle im Repressionsapparat einer Diktatur. Scheinbar liberale Aufforderungen lassen Regimegegner viel schneller erkennen als dies die Bespitzelung durch Sicherheitsbehörden könnte. Und der Staat greift zu. Das bekannteste Modell für dieses Vorgehen lieferte Mao in seiner Hundert-Blumen-Kampagne 1957 und 1958. Der DDR-Führung war schon sehr früh klar, dass es nicht ausreiche, eine sozialistische Kulturpolitik beziehungsweise den <em>„sozialistischen Realismus“</em> als Staatsdoktrin zu verordnen, sondern dass es einer <em>„Umerziehung“</em> bedürft. So war es schon in den Anfangsjahren der Sowjetunion. <em>„Die als ‚demokratisch‘ und ‚antifaschistisch‘ deklarierte Übergangsperiode betrug in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR sechs Jahre.“</em></p>
<p>In diesem Kapitel beschreibt Paweł Zajas das Auf und Ab am Beispiel von verschiedenen Anthologien polnischer Literatur in der DDR, mit polnischen Erzählungen und Dramen, mit polnischer Lyrik. <em>„Die analysierten Anthologien polnischer Literatur erwiesen sich als ein relativ unbehelligter, schützender Ort, in dem die schwierigsten Publikationsprojekte heranwachsen und ihre Zeit abwarten konnten“</em>. Nachworte gaben die Chance, Texte, die als problematisch erachtet werden könnten, einzuordnen: <em>„Für die Absicherung der Texte war daher ein geschickter Gebrauch bestimmter Codewörter wichtig.“</em></p>
<p>Die Lektorin Jutta Janke (1932-2004), im Verlag Volk &amp; Welt zuständig für polnische Literatur, beherrschte dieses Geschäft, auch wenn sie sich der vorgegebenen Parteilinie nie entzog. Zajas beschreibt ihre Gratwanderungen an mehreren Beispielen. Ein Verdienst von Jutta Janke war die Veröffentlichung der Anthologie „Moderne polnische Prosa“ im Jahr 1964, die auch Texte von Tadeusz Borowski (1922-1951) und Kazimierz Brandys (1916-2000) enthielt. <em>„Dass es überhaupt so weit kommen konnte, war nicht zuletzt dem Vorwort der Herausgeberin zu verdanken. Der Text sowie die an ihm geübte Kritik veranschaulichen, dass die Herausgabe polnischer Literatur Mitte der 1960er Jahre stets ein Vabanquespiel war. Potenziell problematische Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit, etwa <u>Pan</u> von Bruno Schulz, versuchte Janke den kulturpolitischen Wächtern mundgerecht zu machen, indem sie den Autor als Schriftsteller darstellte, dessen nach der nationalen Befreiung entstandene ‚Wunschbilder in der grauen Wirklichkeit des bürgerlich-kapitalistischen Staates zerrannen, als sich 1929 Piłsudski zum Diktator aufwarf und alle fortschrittlichen Bestrebungen mit Terror zu unterdrücken begann‘.“ </em></p>
<p>Ein weiteres Verdienst ist die von Henryk Bereska seit 1957 betriebene Herausgabe des ersten Erzählbands von Marek Hłasko (1934-1969) „Pierwszy krok w chumurach“ („Der erste Schritt in den Wolken“). Jutta Janke unterstützte dies, benannte aber auch das Problem: <em>„Die ‚Entwertung der Dinge durch den Alltag‘ zwinge den Autor zum Protest. In seiner Neigung, Negatives aufzudecken, ‚schießt er oft eruptiv über das Ziel hinaus‘, der ‚Drang nach der Auffindung der Wahrheit‘ bleibe aber das Geheimnis seiner großen Aussagekraft.“ </em>Es fehlte sozusagen die parteiliche Perspektive mit dem Ausblick auf die großartige sozialistische Zukunft. Ähnlich argumentierte Jutta Janke zu der von Henryk Bereska übersetzten Erzählung „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski. Sie kritisierte entsprechend der Linie von Partei und Staatsführung, dass Borowski sich <em>„nicht einer hoffnungsvollen Beschreibung der heldenhaften Kommunisten“</em> befleißigt habe, sondern <em>„von der moralischen Degradierung des Menschen“</em>. Tadeusz Borowski, ohnehin ein kritischer Autor im Kontext des sogenannten <em>„Lagerdiskurses“</em>, der sich insbesondere um das Lager Buchenwald entspann, ist geradezu ein Paradebeispiel für die ideologische Einordnung von Literatur in der DDR, die Paweł Zajas im Detail beschreibt.</p>
<p>Ein ebenso bedeutender Streitpunkt war die Bewertung des Warschauer Aufstands als Gegenstand von Literatur. Der SED-Kader Klaus Höpcke hatte überraschenderweise das Buch „Kolumbus Jahrgang 20“ von Roman Bratny (1921-2017) empfohlen. Hier folgte Jutta Janke der sowjetischen Linie. Zajas schreibt: „<em>Für Janke stellte der Aufstand ein angeblich von den Westmächten gefördertes oder gar von ihnen initiiertes ‚reaktionäres‘ und unausweichlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen dar. Die von Stalin angeordnete Tatenlosigkeit der Roten Armee hingegen, die einsatzbereit östlich von Warschau abgewartet hatte, galt für Janke erinnerungspolitisch als tabu.“</em></p>
<p>Gutachten spielten eine wichtige Rolle in den Entscheidungsprozessen. Marianne Dreifuß, unter anderem Leiterin des Lyrik-Aktivs im Schriftstellerverband, setzte sich in ihrem Gutachten für die Veröffentlichung von Bruno Schulz, Die Zimtläden, ein. In einem anderen Gutachten schrieb sie, es sei, <em>„auf die Dauer untragbar, daß wir der polnischen Literatur gegenüber eine ablehnende oder zumindest ausschließlich abwartende Haltung einnehmen.“</em> Sie verwies auf <em>„Bemühungen von westdeutscher Seite“</em>, triggerte damit die deutsch-deutsche Konkurrenz und fuhr fort, „<em>wir müssen uns mit dem Gesamtcharakter der polnischen Gegenwartsliteratur abfinden (dem Überwiegen der kritischen Züge, der Experimentierleidenschaft, dem Intellektualismus) und versuchen, aus dem Vorhandenen die Aussagen auszuwählen, die durch ihren Ernst, ihre Ehrlichkeit und ihr literarisches Niveau überzeugen.“</em></p>
<h3><strong>Die Buchmessen</strong></h3>
<p>Im dritten Teil seiner Studie befasst sich Paweł Zajas mit den internationalen Buchmessen in Ost und West, ein <em>„Politikum ersten Ranges“</em>. Buchmessen und Kunstmessen spielten eine Rolle beim Austausch beziehungsweise auch beim verhinderten Austausch zwischen Ost und West. Für die documenta hat die Kunsthistorikerin Alexia Pooth dies in einer Studie ausführlich analysiert und ihre Ergebnisse kurz und prägnant <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Es gibt durchaus Parallelen zwischen dem Verfahren der Kulturbehörden gegenüber Literatur und bildender Kunst.</p>
<p>Im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse gab es Überlegungen, wie diese – im Kontrast zur Warschauer Buchmesse – <em>„‚im stärkeren Maße zu einer ‚kulturellen Manifestation des sozialistischen Lagers‘ werden sollte.“</em> Wichtiger wurde jedoch die Frankfurter Buchmesse, die durchaus im Sinne des in der Hallstein-Doktrin formulierten Alleinvertretungsanspruchs der Bundesrepublik Deutschland konzipiert wurde, aber auch Öffnungen nach Osten zeigte. Bis in das Jahr 1990 förderte das Auswärtige Amt Buchexporte nach Osteuropa. Außerdem führte die Frankfurter Buchmesse Länderschwerpunkte ein. Dies waren allerdings zunächst außereuropäische Literaturen, 1976 Lateinamerika, dann 1980 Afrika. Bemerkenswert war die von Zajas beschriebene Rede der damaligen Staatsministerin im Auswärtigen Amt Hildegard Hamm-Brücher, die schon damals die <em>„Aufarbeitung des Schocks der Kolonisierung“</em> und die „<em>Bewältigung der Enttäuschungen der Entkolonialisierung“ anmahnte.“ </em></p>
<p>Witold Wirpsza (1918-1985) war 1968 der erste Autor aus den sogenannten „Ostblock-Staaten“, der in Frankfurt die Eröffnungsrede hielt. Ein Jahr zuvor war er der erste polnische Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Im Hanser-Verlag erschien „Orangen im Stacheldraht“. Der SED-Führung gefiel dies nicht und der Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK der SED Johannes Hörnig (1921-2001) nannte in seinem Bericht an Kurt Hager Wirpszas Vortrag <em>„moderne Spielart des Formalismus“</em>, rief somit die zu Beginn der 1950er Jahre betriebene Formalismusdebatte ins Gedächtnis. Ebenso kritisch sah die DDR-Führung mehrfach die Verleihung des Friedenspreises, zum Beispiel an Leszek Kolakowski, Lew Kopelew und Manès Sperber.</p>
<p>Eine schwierige Rolle spielten auf der Frankfurter Buchmesse Parallelverlage in Ost und West, zum Beispiel Insel, Reclam, Brockhaus und Kiepenheuer. Es gab von Seiten des Westens mehrere Initiativen, die Ostverlage zu verbieten. Erfolg hatten sie nicht. Paweł Zajas verweist auf die gegenüber der DDR in Frankfurt gepflegte liberalere polnische Ausstellungspraxis. Die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse fasst Zajas wie folgt zusammen: <em>„Die Frankfurter Buchmesse war somit nicht nur das Fenster zur fremden Welt. Paradoxerweise bot sie auch infrastrukturelle Möglichkeiten für den Export des heimischen politischen Dissens sowie den Import von polnischen ‚Exilnarrationen und -topoi“.“</em></p>
<p>Die Warschauer Buchmesse hatte für das Auswärtige Amt in Bonn <em>„eine bedeutende kulturpolitische Funktion“</em>. Entsprechend sah die DDR-Botschaft in Warschau <em>„politische Propaganda im Vordergrund“</em> und vermutete <em>„eine ideologische Offensive gegen die DDR“</em>. Zajas resümiert: <em>„Die DDR-Präsenz in Warschau hing von der jeweiligen politischen Großwetterlage in Ostberlin ab. Die inszenierte Liberalität der Buchmesse wurde zwar mit gebührendem Argwohn betrachtet, die Offenheit der Veranstalterinnen und Veranstalter gegenüber den westlichen Ausstellerinnen und Ausstelllern bot aber auch für die DDR-Vertreterinnen und Vertreter genügend Raum für Gespräche über Exportmöglichkeiten in das kapitalistische Ausland.“ </em>Petra Kipphoff schrieb in der ZEIT vom 27. Mai 1966: <em>„Große Geschäfte gibt es nicht, dafür kleine Kontakte“</em>. Die Warschauer Buchmesse verlor Ende der 1970er Jahre an Bedeutung, weil es seit 1977 in Moskau eine <em>„unmittelbare Konkurrenz“</em> gab. Eine stärkere Präsenz hatten in Moskau die sogenannten <em>„Entwicklungsländer“</em>.</p>
<h3><strong>Neugier in der Paranoia</strong></h3>
<p>Das Auf und Ab in den Literaturbeziehungen der DDR zu östlichen wie zu westlichen Staaten belegt nicht nur einen Hauch von Paranoia. Dennoch gab es immer wieder zaghafte Öffnungen, sei es durch geschickte Lektorate, sei es durch staatliche Lockerungen, die durchaus vorhandene Neugier anstachelten. Insbesondere die Buchmessen belegen zweierlei: Einerseits hatten sie das Potenzial eines Fensters zur Welt, andererseits wurden sie in Ost und West gleichermaßen mehr oder weniger politisiert und im Sinne der jeweiligen Doktrin auch instrumentalisiert, im Osten wie im Westen. Es lohnt sich nicht nur der Blick in die Interna der DDR-Nomenklatura, sondern auch in diverse Empfindlichkeiten im Westen. Paweł Zajas verweist auf einen Vorfall aus dem Jahr 1959, als Hans-Joachim Kulenkampff (1921-1998) bei der Eröffnung einer neuen Quizreihe ausdrücklich die <em>„lieben Fernsehfreunde in Österreich, in der Schweiz und in der Bundesrepublik, in der DDR und alle Kiebitze in den Zonen- und anderen Grenzgebieten“</em> begrüßte. Politiker aus CDU und SPD verlangten eine Untersuchung, der Intendant des Hessischen Rundfunks distanzierte sich: <em>„Die Untersuchung ergab, dass der Vorwurf, Hans-Joachim Kulenkampff stehe im Solde Walter Ulbrichts, solider Grundlagen entbehrte.“</em></p>
<p>Im Gedenken an Henryk Bereska sollte das Buch von Paweł Zajas auch im Kontext der Literatur gelesen werden können, die in der DDR nicht veröffentlicht werden durfte, deren Autorinnen und Autoren schikaniert, verhaftet, in den Westen abgeschoben oder gar in den Selbstmord getrieben wurden. Dies haben Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“, anderen Studien und Veröffentlichungen und der Herausgabe der Verschwiegenen Bibliothek ausführlich dokumentiert. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern noch über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren, die bisher niemand ausgewertet hat. Der Umgang mit den eigenen Leuten zeigt die Brutalität einer Diktatur, der Umgang mit Autorinnen und Autoren aus anderen Ländern, gerade aus Nachbarländern, entlarvt ihre in ihrer Paranoia verborgene Hilflosigkeit.</p>
<p>Paweł Zajas hat mit seiner Studie ein wichtiges Kapitel zur Präsenz und Vermittlung polnischer Literatur in deutschen Verlagen, Buchhandel und Buchmessen niedergeschrieben. Er tat dies in bester Tradition des Deutschen Polen-Instituts, das von Karl Dedecius insbesondere mit dem Ziel der Vermittlung polnischer Literatur gegründet wurde. Die Studie vermittelt jedoch nicht zuletzt eins: Sie zeigt, dass letztlich alle Versuche, Literatur und Kultur zu regulieren, zu unterdrücken, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes davon abzuhalten, etwas zu lesen, das der jeweiligen Staatsdoktrin widerspricht, letztlich scheitern müssen. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag haben dies in dem von ihnen herausgegebenen Band „Heimliche Leser in der DDR – Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur“ ausführlich dokumentiert. Ein Kapitel trägt den vielsagenden Titel: <em>„Kontrollierte Kontrolleure und widerspenstige Leser“</em>. Tadeusz Borowski schrieb in seiner Erzählung „Wir waren in Auschwitz“ („Bylyśmy w Oświęcimiu“, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Friedrich Griese, Frankfurt am Main, Schöffling, 2006): <em>„Ich weiß nicht, ob wir es überleben werden, aber ich wünschte, wir würden einmal die Dinge beim Namen nennen können, wie es mutige Menschen tun.“</em> Es ist vielleicht – hoffentlich – einfach doch nur eine Frage der Zeit, der Geduld und des Durchhaltevermögens, allen Flashbacks und Rollbacks zum Trotz, bis Diktaturen fallen. Nicht alle überleben, unsere Aufgabe ist es, die Namen zu nennen und die Verhältnisse, in denen Unterdrückung geschah. Auch dazu trägt die Studie von Paweł Zajas bei.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 15. September 2025, Titelbild: Gelände der Leipziger Buchmesse 2025, Foto: NoRei.)</p>
</div><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die zensierte Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog <u>Der Staat</u> Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern seines Staates verweist, denn den Gründern der Stadt obliege es, ‚das Gepräge zu kennen, das für die Darstellungen der Dichter maßgebend sein muss, wenn sie überhaupt zugelassen sein wollen, selbst aber brauchen sie keine Erzählungen zu dichten.‘“ </em>(<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139256">Angela</a> &amp; <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139257">Karlheinz Steinmüller</a>, Die befohlene Zukunft, in: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384">Rückblick auf das lichte Morgen</a> – Essays zu SF und Phantastik in der DDR, Berlin, Memoranda, 2025)</p>
<p>Jeder weiß, dass es in der DDR ein entwickeltes Zensursystem gab. Es betraf die Science Fiction, aber nicht nur die Science Fiction. Interessant ist, dass die Zensur alle Zeithorizonte durchlief. Es gab erstens eine Zensur der Vergangenheit, beispielsweise bezogen auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder Stalins Terror und das Gulag-System. Über das Gulag-System durfte nicht berichtet werden. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hatte sich nach den jeweiligen Machtkonstellationen im Politbüro und dessen Sicht auf die Arbeiterbewegung zu richten. Hinzu kam zweitens eine Zensur der Gegenwart. Diese betraf sämtliche Kritik an der Partei, an der Staatsführung, an dem Repressionsapparat, aber auch an sozialen Problemen und in der Zeit, in der ich das erlebt habe, an Umweltproblemen. Einzelne Autorinnen und Autoren berichteten dennoch über Umweltprobleme und thematisierten diese in ihren Romanen und Erzählungen . Eine verdienstvolle Leistung!</p>
<h3><strong>Klassenauftrag, Perspektivbewusstsein und Parteilichkeit</strong></h3>
<div id="attachment_7317" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7317" class="wp-image-7317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-989x1536.jpg 989w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1200x1864.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1319x2048.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front.jpg 1559w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7317" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Neben der Zensur der Vergangenheit und der Gegenwart gab es drittens auch eine Zensur der Zukunft, die man unter den Begriff des Perspektivbewusstseins bringen kann. Abweichungen vom offiziellen optimistischen Zukunftsbild wurden unterdrückt. Die Autoren hatten sich in gewissem Sinn an diesen positiven Ausblick auf eine kommunistische Zukunft zu halten. Im Prinzip hatte die Science-Fiction-Literatur in der DDR mehrere Funktionen, um ihren <em>„Klassenauftrag“</em> zu erfüllen. Sie hatte zunächst eine Art didaktischer Funktion. Science Fiction sollte durchaus der Wissensvermittlung dienen oder auch der Lernmotivation. Sie sollte auch – vor allem im ökonomischen Interesse der Verlage – eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, beispielsweise eine spannende Handlung haben. Im Rahmen der Unterhaltungsfunktion hatte die Science Fiction so wie andere Literatur auch <em>„typische“</em> Charaktere und Situationen darzustellen.</p>
<p>An dem Wort <em>„typisch“</em> hing eine ganze Theorie: Das <em>„Typische“</em> war nicht das Normale, das man ständig auf der Straße antraf, sondern nach der Lehre des sozialistischen Realismus das, was die sozialistische Gesellschaft auszeichnet beziehungsweise auszeichnen sollte. Parteifunktionäre sollten daher ausschließlich positiv dargestellt werden, weil das eben <em>„typisch“</em> für einen Parteisekretär wäre. Parteisekretäre kamen in der Science Fiction nur selten vor, aber auch Wissenschaftler hatten sich in dieses Bild zu fügen. Wissenschaftler, die in den sozialistischen Ländern tätig waren, waren dann eben auch überzeugte sozialistische Persönlichkeiten, vielleicht mit kleinen Schwächen, aber erst einmal positive Gestalten, während man Wissenschaftler, die in den traditionellen kapitalistischen Gesellschaften tätig waren, auch charakterlich deformiert darstellte. Diese Sicht veränderte sich mit der Zeit. Ein Beispiel sind außereheliche Liebesverhältnisse. In den 1950er Jahren waren sie verpönt. Man hatte den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ zu folgen, die sehr kleinbürgerlich und puritanisch gestrickt waren. Damals konnte es einem Parteifunktionär zum Verhängnis werden, wenn er ein außereheliches Verhältnis hatte. Die utopischen Betriebsromane der Science Fiction dieser Zeit waren prüde. Aber westliche Agentinnen wurden regelmäßig als verführerische <em>femme fatale</em> dargestellt.</p>
<p>Zur ideologischen Funktion der Science Fiction gehörte insbesondere, dass <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> im Vordergrund zu stehen hatte. <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> bedeutete auch: Die Werke hatten den Maßgaben der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zu entsprechen. Die Sicht auf Geschichte und Gegenwart hatte sich nach den Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus zu richten. Dann galt es als geschichtlich konkret und korrekt. Außerdem hatte Pseudowissenschaft nichts in den Werken zu suchen. Bis auf die letzten Jahre der DDR, in denen sich manches veränderte, gab es in der DDR-Science-Fiction beispielsweise keine parapsychologischen Phänomene. Auch die Psychoanalyse nach Freud war lange verpönt; sie wurde erst in den späten 1970er und in den 1980er Jahren hoffähig. Auch das Wort <em>„Kybernetik“</em> konnte man zunächst nicht verwenden. Dies änderte sich jedoch gegen Ende der 1950er Jahre, als die Kybernetik in der DDR sozusagen rehabilitiert wurde und für kurze Zeit beinahe zu einer Leitwissenschaft aufstieg. Insofern hat der Anspruch der <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> der DDR-SF lange Zeit einen engen Rahmen gesetzt, je nach dem, was sich die Partei darunter jeweils vorstellte.</p>
<p>Einen zentralen Punkt in der ideologischen Funktion bildete das sogenannte <em>„Perspektivbewusstsein“. </em>Das hieß erstens, dass man davon überzeugt zu sein und in den Romanen zu vermitteln hatte, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dass das Jahr 2000 das Jahr des Kommunismus sein würde. Science Fiction hatte die kommunistische Zukunft zu imaginieren. Das war das eine, es hieß aber zweitens, dass man die Gegenwart aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft betrachten sollte, somit die Position der Künftigen einnimmt. Aus dieser Sicht sollten die positiven Entwicklungen der sozialistischen Gegenwart herausgestellt werden, allenfalls konnte man schreiben, dass es noch gewisse Relikte bürgerlichen Denkens gab, die jedoch bald überwunden würden.  Das betraf vor allem einige Werke des utopischen Betriebsromans in den 1950er Jahren, die relativ nahe an der Gegenwart spielten. Diese Werke mussten sich dann mit dem Blick auf die Gegenwart dem <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>unterordnen. Oder man schummelte sich ein wenig heraus und hing die gesellschaftlichen Fragen nicht allzu hoch. Es gab immer auch Auswege.</p>
<p>Schließlich kam das Prinzip der <em>„Parteilichkeit“</em> hinzu. Die Autoren hatten <em>„Partei“</em> zu ergreifen. Sie sollten einen Beitrag zum <em>„Friedenskampf“</em> leisten, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus, dem Militarismus und dem Revanchismus in Westdeutschland.</p>
<h3><strong>Eine Abfolge von Eiszeiten und Tauwettern</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-7316 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-400x288.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg 947w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Vom Ansatz her war die Science Fiction in der DDR erst einmal utopisch. Man nannte sie zunächst auch <em>„utopische Literatur“</em>, man sprach auch vom <em>„utopischen Betriebsroman“</em>. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> hat zumindest keine Dystopie für die Gesamt-Menschheit zugelassen. Insofern steht einerseits die Science Fiction in der DDR wie die DDR-Literatur insgesamt eher auf der Seite der Utopie. Andererseits ist auch immer mehr Realität eingedrungen. Speziell sind in den 1980er Jahren dystopische Elemente eingeflossen, die zeigten, dass es auch in weiterentwickelten Gesellschaften zu Exzessen oder zu Rückfällen kommen kann.</p>
<p>Dezidierte, umfänglich ausgeführte Utopien brachte die DDR-SF jedoch kaum hervor. Neben unserem Roman „Andymon“ könnte ich noch „Weltbesteigung“ von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?219827">Gottfried Meinhold</a> nennen. Aber Meinholds Werk schildert bereits eine Utopie der Überforderung. Es passt gut zu einer Informationsgesellschaft, wo Menschen sich selbst immer höher takten, um einer hochtechnischen utopisch-perfekten Welt gerecht zu werden. Wir normalen Menschen mit unseren langsamen Denkprozessen passen eigentlich in Meinholds Utopia nicht mehr hinein. In den 1980er Jahren mischten sich immer wieder dystopische Elemente in die positiven Zukunftsbilder, sodass sich Ambivalenzen ergaben. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?149062">Karsten Kruschel</a> hat dies einmal sehr genau beschrieben. Für die DDR-Science-Fiction kann man einen langen Abschied von der Utopie konstatieren. Sie ist aber nie voll dystopisch geworden. Auch der Kampf gegen die amerikanische Science Fiction lief lange unter dem Stichwort, dass das, was dort beschrieben wurde, nicht nur imperialistisch und kapitalistisch, sondern auch dystopisch war: <em>„Das ist nicht die Zukunft, die wir haben wollen!“</em></p>
<p>Im Verlauf der DDR-Geschichte wandelte sich die Kulturpolitik und mit ihr die Zensur immer wieder; das Korsett, das der Literatur vorgegeben wurde, war bald enger, bald weiter. Eiszeiten und Tauwetter wechselten einander ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 gab es zunächst einige Lockerungen, die aber bereits durch den 17. Juni 1953 in Frage gestellt und durch die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 unterminiert wurden. Gegen Ende der 1950er Jahre setzte eine ideologische Offensive der Parteiführung ein, in der auch innerhalb der SED bestimmte Kader kaltgestellt wurden und Wissenschaftler wie Ernst Bloch, die ursprünglich noch auf der Parteilinie waren, nach Westdeutschland auswanderten. Die Verlage bekamen damals viel engere Restriktionen. Nachdem die Zensur etwa um 1955 beinahe völlig abgeschafft worden wäre, ist sie gegen Ende der 1950er Jahre wieder verstärkt eingeführt worden, durch Umgruppierung der Behörde und auch dadurch, dass man Verlagsleitungen wieder enger in die Verantwortung genommen hat. Die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere waren für alle eine Warnung. Es gab wieder eine Eiszeit.</p>
<p>Nach dem Mauerbau hatten viele Funktionäre den Eindruck, jetzt gibt es die Chance, den Sozialismus im eigenen Land aufzubauen, ungestört von diesen westdeutschen Agenten, Saboteuren, Diversanten und anderen, ohne dass uns die Leute davonlaufen. Unter diesen Umständen könnte man in der Literatur und der Kultur insgesamt mehr Freiheiten nutzen. Das war jedoch nur eine kurze Illusion. Ende 1965 zog die Parteiführung mit dem später so genannten <em>„Kahlschlagplenum“</em> die Daumenschrauben wieder an; Verbote zeigten, wie eng die Grenzen gesetzt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich in der Tschechoslowakei der <em>„Prager Frühling“</em>; der 1968 durch die sowjetische Invasion auf brutale Weise zerschlagen wurde. Die DDR-Führung fühlte sich in ihrem Kurs eines verschärften ideologischen <em>„Klassenkampfes“</em> bestätigt.</p>
<p>Die nächsten Hoffnungen kamen mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971. Erich Honecker sagte damals, man kenne <em>„keine Tabus“</em>, Literatur und Kunst sollten sich frei entwickeln können. Interessanterweise erlebte die DDR-SF genau jetzt einen Entwicklungsschub. Insbesondere blühte die kurze Form auf: viel mehr Erzählungen wurden geschrieben, publiziert und verbreitet als zuvor. Das ging gut bis zur Biermann-Affäre im Jahr 1976. Literatur rückte wieder stärker in das Augenmerk der Funktionäre. Viele Autorinnen und Autoren wanderten aus oder sie mussten sich ein Stück zurücknehmen, wenn sie in der DDR bleiben wollten.</p>
<p>In den 1980er Jahren wurde das Zensursystem nicht abgeschafft, aber es zerfiel. Es operierte willkürlicher und es wurde nicht mehr so rigide durchgegriffen. Wir konnten uns viel mehr erlauben. In den 1950er Jahren landete man für einen Witz noch im Gefängnis. Es gab Fälle, dass Science-Fiction-Fans, die sich Bücher aus dem Westen hatten mitbringen lassen, wegen des Besitzes und der Verbreitung von <em>„staatsfeindlichem Schrifttum“</em> verurteilt wurden. Das wäre in den 1980er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Die Atmosphäre war viel offener geworden. Das Schlimmste, was uns, Angela und mir, damals hätte geschehen können, war, dass wir in den Westen abgeschoben worden wären. Viel mehr konnte uns eigentlich nicht passieren. Gegen Ende der DDR haben Schriftsteller immer mehr gegen Zensur und allgemein gegen staatliche Bevormundung opponiert. Die Zensur kam auf Schriftstellerkongressen immer wieder zur Sprache, beispielsweise 1987 in einer Rede von Christoph Hein.</p>
<p>Offiziell wurde die Zensur zum 1. Januar 1989 abgeschafft. Man hat den Verlagen die Abschaffung mitgeteilt, aber paradoxerweise hat der Chefideologe im Politbüro, Kurt Hager,  zugleich die Bedingung gestellt, dass niemand von der Abschaffung der Zensur erfahren dürfe, denn offiziell habe es ja gar keine Zensur gegeben, sondern nur einen Genehmigungsprozess. Die Verlage haben sich nicht unbedingt darüber gefreut, denn sie waren jetzt selbst in vollem Umfang verantwortlich für das, was sie veröffentlichten, völlig auf sich selbst gestellt. Es war die typische sozialistische Delegation der Verantwortung an andere Stellen. Niemand wusste, welche Risiken er mit einer Veröffentlichung einging.</p>
<h3><strong>Die Instanzen der Zensur </strong></h3>
<p>Als Autor in der DDR wusste man, dass jedes Manuskript durch verschiedene Instanzen ging. Die erste und schlimmste Instanz war bei manchen Autoren die Selbstzensur. Man wusste, was man schreiben durfte, welche Wörter, welche Perspektiven tabuisiert waren. Je nachdem, welche Erfahrungen man bereits gemacht hatte und wieviel Mut oder Hartnäckigkeit man aufbrachte, hat man sich an die Vorgaben gehalten oder versucht, sie zu unterlaufen. Es war die berühmte Schere im Kopf.</p>
<div id="attachment_7318" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7318" class="wp-image-7318 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7318" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die zweite Instanz war der Verlag. Als Autor hatte man es dort zunächst mit einem Lektor zu tun. Die Manuskripte wurden gut betreut. Hans Frey hat in <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914">„Vision und Verfall – Deutsche Science Fiction in der DDR“</a> (Berlin, Memoranda) von dem <em>„gepflegten Mischwald der DDR-Science-Fiction“ </em>geschrieben. Der Verlag übernahm so etwas wie eine staatliche Pflege dieses Mischwaldes. Der Lektor hat darauf geachtet, was der Autor schreibt. Gibt es vielleicht problematische Stellen? Im Verlag gab es dann noch den Cheflektor, den Verlagsleiter und meistens noch eine Parteigruppe &#8211; eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Zum Teil wurden die Verantwortlichkeiten wieder delegiert, vor allem bei „kitzligen“ Texten. Im Verlag wurde zu jedem Manuskript ein Gutachten erstellt und begründet, dass und warum das Buch gedruckt werden sollte. Zusätzlich hat man Außengutachter einbezogen, oft Literaturwissenschaftler, mitunter aber auch Akteure aus der Kulturpolitik. Sie waren insbesondere dann notwendig, wenn der Verlag für ein Buch, das nicht ganz unheikel war, von außen Argumente und Rückendeckung finden wollte. Mit beiden Gutachten wurde dann das Manuskript an die nächste Instanz, die eigentliche Zensurbehörde, weitergeleitet, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Dort saßen Mitarbeiter, die verantwortlich waren, ihr Placet für das Buch zu erteilen. Ohne das Imprimatur der HV – wie wir sagten – ist kein Buch gedruckt worden.</p>
<p>In einigen speziellen Fällen (nicht in der Science Fiction) gab es sogar noch nach Druckbeginn oder Auslieferung Einwände und das Buch wurde wieder zurückgezogen. Gegen alle kulturpolitischen Wechselfälle sicherten sich die Verlage vertraglich ab. In den Verträgen war stets ein Passus enthalten, dass das Buch nicht fertiggedruckt und veröffentlicht werden müsste, wenn es <em>„in der Zwischenzeit seine gesellschaftliche Wirkung verloren“</em> hätte.</p>
<p>Das war ein Gummiparagraf, der meist dann angewandt wurde, wenn der Autor in Ungnade fiel. Gelegentlich schauten sich auch unabhängig vom offiziellen Instanzenweg andere Personen ein Manuskript an. In den 1950er Jahren war – dem Vernehmen nach – das Schlimmste, was einem Buch passieren konnte, dass Lotte Ulbricht es vorab in die Hände bekam.</p>
<p>Wir selbst haben dergleichen bei der Science Fiction nicht erlebt, aber uns haben Krimiautoren berichtet, dass natürlich die Volkspolizei die Manuskripte daraufhin ansah, ob das Verhalten der Volkspolizisten im Roman auch den Dienstvorschriften entsprach. Man kann sich vorstellen, dass viele Tatort-Filme nicht mehr gezeigt werden könnten, wenn solche Maßnahmen angewandt würden.</p>
<p>Zwei Beispiele: Einer unserer Kollegen hatte einen Krimi geschrieben gegen den der Generalstaatsanwalt der DDR Einspruch einlegte. Denn in dem Krimi trat ein Generalstaatsanwalt auf, aber das war nicht er! Da es aber in der DDR nur einen Generalstaatsanwalt gab, musste das Buch überarbeitet werden. Gegenwartsautoren, die Romane über das Arbeitsleben, <em>„Produktionsromane“,</em> schrieben, hatten mitunter Probleme mit dem sozialistischen Kombinat, dem VEB, in dem der Roman spielte. Die Werksleitung opponierte und kritisierte, dass die Verhältnisse im Betrieb nicht korrekt dargestellt seien. Also musste der Autor das Manuskript anpassen oder den Handlungsort verlegen.</p>
<p>Bei all diesen Einflüssen und Befindlichkeiten hing es letztlich doch von den Menschen ab, von denen, die Einspruch erhoben, oder die wohlwollend auch Bedenkliches abnickten. Verlagsmitarbeiter erkannten bisweilen die ein oder andere <em>„kitzlige“</em> Stelle, aber sie sagten sich: Wir sind ja zurzeit in einer Phase, in der es etwas lockerer wird, also probieren wir es einmal. Dagegen standen immer wieder Beckmesser, die Freiräume rechthaberisch oder aus Angst einschränkten. Und es gab in allen Instanzen und Institutionen immer wieder engagierte Menschen, die versuchten, die Freiräume auszuweiten.</p>
<p>In den 1970er Jahren fragte beispielsweise ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung einen Verlag, warum man nicht endlich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley druckte, das sei doch nicht antisozialistisch, sondern eher antikapitalistisch. Auch „1984“ von George Orwell wäre am Ende beinahe veröffentlicht worden. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">Wolfgang Both hat diesen denkwürdigen Vorgang ausführlich erforscht, dokumentiert und beschrieben</a>.</p>
<h3><strong>Spielräume für das Unmögliche</strong></h3>
<p>Man kann die Geschichte der Zensur in der Science Fiction als kleine Erfolgsgeschichte der subjektiven Ausweitung der Spielräume für Imagination und Fantasie darstellen. Während in den 1950er Jahren eigentlich nur der sozialistische Betriebsroman möglich war, kam dann die Weltraumthematik auf, wobei auf die korrekte Zusammensetzung der Raumschiffbesatzungen geachtet werden musste. Der Raumschiffkommandant hatte aus der Sowjetunion zu kommen.</p>
<p>In den 1970er Jahren schlichen sich dann erste wissenschaftskritische und technikkritische Ideen ein. In den 1980er Jahren durfte die Science Fiction auch schon einmal Umweltprobleme kritisieren oder gesellschaftliche Überwachung ansprechen. Die DDR-SF wurde nicht nur vielfältiger, kreativ-kritische Sichtweisen nahmen zu. Angela und ich hatten das Glück, dass wir in den 1980er Jahren geschrieben haben, in denen viel mehr möglich war. Wir wurden allerdings auch mit der Zensur konfrontiert. Unser Lektor sagte mitunter: <em>„Das geht nicht“</em>. Das war so eine Floskel, die bedeutete, dass irgendwelche Instanzen etwas dagegen haben könnten. Es war objektivierter Zwang.</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wir haben in unserem Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> darüber spekuliert, dass sich die Menschheit auf der Erde selbst ihr Grab geschaufelt haben könnte, durch Umweltzerstörung, einen Atomkrieg oder wodurch auch immer. <em>„Das geht nicht“</em>, sagte unser Lektor. Das widerspräche der sozialistischen Perspektive der Menschheit. Insofern waren wir gezwungen, etwas an dem Buch zu ändern. Wir haben einen einzigen Satz ergänzt. Wir haben eingefügt, dass eine Menschheit, die so wunderbare Raumschiffe gebaut hat, eigentlich ihre gröbsten Probleme überwunden haben müsste. Ein einziger Satz hat genügt, um das Werk Anfang der 1980er Jahre möglich zu machen. Wir haben es uns aber nicht verkneifen können, unseren Helden einige Absätze weiter sagen zu lassen, dass ihm noch nie jemand ein solches Bekenntnis abgerungen habe. Wir haben werksintern die Kritik an der durch die Zensur erzwungene Formulierung eingebaut. Allerdings, das muss ich gestehen, recht unauffällig. Unser Lektor sagte nachher, der eine Satz, den wir eingefügt hätten, habe das Buch <em>„gerettet“</em>.</p>
<p>Ähnliches haben wir bei der Biographie erlebt, die wir über Charles Darwin geschrieben haben. Dort hatten wir auch geschildert, wie sich Darwins Lehre in verschiedenen Ländern weiterentwickelt hat. Wir haben formuliert, dass in der Sowjetunion der <em>„wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko“</em> die Entwicklung der Biologie aufgehalten habe, weil er sich gegen die Genetik aussprach. Unser Lektor wollte das streichen. Schließlich habe Lyssenko den Stalinpreis bekommen. Wir haben geantwortet, wir hätten eigentlich schreiben müssen <em>„der Mörder Lyssenko“</em>, denn er hat veranlasst, dass Kollegen von ihm in den Gulag geschickt und umgebracht wurden. Wir hätten ihn lediglich einen <em>„wissenschaftlichen Scharlatan“</em> genannt und wollten unbedingt, dass diese Formulierung nicht gestrichen wird. Wir haben den Lektor überzeugen können. Er hat die Streichung ausradiert. Irgendwann bekamen wir den Umbruch und die Wörter fehlten. Wir haben den Lektor sofort angerufen und beschimpft, doch er war nicht verantwortlich. Es war der Setzer: In der Druckerei hatte ein <em>„klassenbewusster“</em> und wachsamer Mitarbeiter die Schlussfolgerung gezogen, dass das Ausradieren der Streichung besser zu übersehen sei. Wir haben uns letztlich durchgesetzt.</p>
<p>Man konnte also durchaus einen Kampf gegen bestimmte Arten von Zensur führen. Man brauchte dazu meist Verbündete. Das konnte durchaus der Lektor sein, jemand in der Hauptverwaltung oder auch jemand im Schriftstellerverband. Gerade der Schriftstellerverband hat sich bisweilen dafür eingesetzt, dass ein bestimmtes Buch gedruckt werden konnte. Beispielsweise hatte der Hinstorff Verlag, Rostock, mehrere Jahre lang das Manuskript einer Anthologie <a href="https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/blitz-aus-heiterm-himmel/978-3-8477-0484-3">„Blitz aus heiterem Himmel“</a> liegen, in der es um Geschlechtertausch ging. Vor allem Frauen hatten Geschichten über Männer- und Frauenbilder und über das, was heute gender swap heißt, geschrieben. Der Verlag bekam kalte Füße, spielte auf Zeit. Die Autoren und Autorinnen haben mit Hilfe des Schriftstellerverbandes prozessiert und das Buch durchgesetzt.</p>
<p>Es gab immer Möglichkeiten, aber man musste sehr genau die Umstände kennen und ausnutzen, um das Mögliche möglich zu machen. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> war lange ein entscheidendes Kriterium. Rezensenten fragten gern: Das soll unsere Zukunft sein? Ein befreundeter Lektor, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?186528">Ekkehard Redlin</a>, hat uns von einem Erlebnis mit dieser nur allmählich überwundenen Sicht auf die SF berichtet. Er hatte ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?191706">Heiner Rank</a> herausgebracht: „Die Ohnmacht der Allmächtigen“. Der Roman schildert eine Art Konsumgesellschaft, die von Künstlichen Intelligenzen beherrscht wird, während die Menschen ihre Fähigkeit zu eigenständiger Selbstverwirklichung verloren haben. Das Buch ist 1973 erschienen und fand großen Anklang. Der Lektor wurde bei einem Besuch bei Kulturfunktionären mit der Frage konfrontiert, wie man nur einen so verstörenden Roman herausbringen könne! Er sagte, er habe ihn herausgebracht. Und musste den fast schon klassischen Anwurf hören<em>: „Und das soll unsere Zukunft sein?“</em></p>
<p>Diese Anekdote drückt auch einen Umschwung aus. Man hat relativ lange in den 1950er und den 1960er Jahren Science Fiction als Literatur über die Zukunft verstanden. Zu Beginn der 1970er Jahren begann man sich davon zu lösen. Der Lektor, der das Buch von Heiner Rank herausgebracht hat, hat damals einen Essay mit dem Titel „Entpflichtung im Nirgendwo“ verfasst. Science-Fiction-Literatur, so Redlin, soll aus der Pflicht genommen werden, sie soll frei spekulieren dürfen, fiktive Welten entwickeln, mit Fantasie spielen können und nicht dem engen Diktat der Kulturpolitik unterworfen werden, natürlich innerhalb bestimmter Grenzen; antikommunistische oder ähnliche Ansichten dürfe sie natürlich nicht verbreiten, sie sollte aber einen bestimmten Freiheitspielraum erhalten. Die Kollegen aus diesem Verlag – es war der Verlag „Das Neue Berlin“ – haben sich mitunter deshalb mit den Kollegen in der Hauptverwaltung auseinandersetzen müssen. Bei zwei Büchern, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?172658">Wolfgang Kellners</a> Roman „Der Rückfall“ und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?162643">Michael Szameits</a> „Alarm im Tunnel Transterra“ hatte die Hauptverwaltung ernsthafte Bedenken. Die in den Büchern geschilderten Verhaltensweisen entsprächen so gar nicht <em>„unserem“</em> Zukunftsbild. Doch die Kollegen vom Verlag ließen sich nicht überzeugen und konnten die Bücher schließlich publizieren. Sie haben es geschafft, die Hürde der Zensur zu überwinden. Auch das war möglich.</p>
<p>Oft machte sich die Kritik an einzelnen bedenklichen Stellen fest, bei Wolfgang Kellner etwa, weil die Hauptperson an ein Automobil ein Hirschgeweih montierte. Das war ein Rückfall in alte Verhaltensweisen und für die Hauptverwaltung eine bedenkliche Stelle. Gutachter konnten hier durchaus einen großen Einfluss haben, wenn sie die betreffenden Stellen beispielsweise in den Gesamtzusammenhang einordneten und darauf verwiesen, dass diese Stelle als Kontrast zum Gesamtbild gebraucht würde, das damit deutlicher würde. In manchen Fällen sprach sich aber auch ein Gutachter gegen die Publikation aus oder forderte weitgehende Änderungen.</p>
<p>Ich bin selbst einige Male eingeladen worden, ein Gutachten zu verfassen. Ich lernte also beide Seiten kennen: die des Autors und die des Gutachters, der Stellung zu Werken von anderen nimmt. Mein Hauptgedanke war stets, die Veröffentlichung möglich zu machen. Es ging beispielsweise um ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?81">Olaf Stapledon</a>, das in der DDR in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. Ich habe in meinem Gutachten herausgestrichen, dass Olaf Stapledon humanistische Positionen vertritt und als Lektor an einer Abendschule gute Verbindungen zur Arbeiterklasse hatte. Ich musste allerdings auch aufpassen, dass ich es als Gutachter mit den positiven Äußerungen nicht übertrieb und unglaubwürdig wurde oder bei einem vielleicht als zwielichtig geltenden Autor selbst ins Zwielicht geriet. Ich musste im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten und im Rahmen der eingeschliffenen Terminologie begutachten. Es war oft eine Gratwanderung. Andere haben es ähnlich gemacht, und wir haben so auch Bücher auf ihren Weg geholfen, die vielleicht auf den ersten Blick von manchen abgelehnt worden wären. Es war ein beständiger Kampf darum, wie man Bücher durchbekommt und was überhaupt nicht geht.</p>
<h3><strong>Der äußere und der innere Auftrag</strong></h3>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139255">Günter</a> und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139254">Johanna Braun</a> haben sehr intensiv die Frage der Selbstzensur thematisiert. Im Schriftstellerverband gab es dazu in den 1960er und den 1970er Jahren Debatten um den „inneren“ und den „äußeren Auftrag“. Der Autor hat den unbedingten inneren Auftrag, ein bestimmtes Buch, dessen Thema ihn bewegt, schreiben zu müssen. Außerdem wird an den Autor der äußere, „gesellschaftliche“ Auftrag herangetragen, mit dem Buch zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Die Kulturfunktionäre haben argumentiert, dass sich Autoren den äußeren Auftrag aneignen und zu ihrem inneren Auftrag machen sollten. Dann ginge alles gut und es entstünden auch die richtigen Bücher.</p>
<p>Die Brauns haben sich gegen dieses Ansinnen positioniert. Sie haben das in <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10982">Franz Rottensteiners</a> <a href="https://verlag-lindenstruth.de/?page_id=348">Quarber Merkur</a> getan, also in einer Publikation im Westen. Ihr Fazit war, dass jemand, der sich selbst in Übereinstimmung bringt, sich selbst als Autor abtötet. Das war eine Erfahrung, die man auch aus der Geschichte der DDR-Literatur und – im Fall der Brauns – auch aus der Geschichte der Science Fiction in der DDR ziehen konnte.</p>
<p>Als Fazit kann man festhalten, dass die Praxis der Druckgenehmigung den Kontrollanspruch des Staates und damit auch der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt hat. Der Genehmigungsprozess über die Hauptverwaltung jedoch, gegebenenfalls mit inhaltlichen Auflagen oder mit der Aufforderung, das Buch möglicherweise neu zu schreiben, war nur ein Teil des Weges von der Idee des Autors zum Buch. Dieser Weg lief in der DDR unter der Rubrik <em>„Literaturentwicklungsprozesse“</em>, ein Unterfangen, bei dem der Autor nur eine Rolle hatte und andere Akteure in diesen Prozess hineinkamen.</p>
<p>Die Science Fiction als solche hatte keinen besonderen Freiraum. Sie wurde nicht als spinnerte Literatur behandelt, die man nicht besonders hätte beachten müssen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk wurde geprüft, ob da irgendwo falsche Ideologie, Relikte falschen bürgerlichen Bewusstseins, nicht genügend <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>zu finden wären. Die SF wurde immer auf entsprechende Stellen hin durchleuchtet, in den 1980er Jahren aber schon viel weniger. Ein Freund von uns hat einmal eine Anthologie mit dem Titel „Jedes Buch ein Abenteuer“ veröffentlicht. Genau so war es.</p>
<p>Dadurch, dass so viele Akteure an den <em>„Literaturentwicklungsprozessen“ </em>beteiligt waren, wurde die eigentlich plangemäße Buchproduktion zu einem chaotischen Vorgang und zu einem Abenteuer mit nicht voraussehbaren Verzögerungen und Wendungen, etwa mit dem plötzlichen Vorziehen von anderen Titeln. Auch für die Verlage war es mit den Büchern immer eine Fahrt ins Ungewisse. Auf allen Ebenen konnte man Akteure beobachten, die versucht haben, mutig die Spielräume im Sinne dessen, was sie selbst als Freiheit begriffen hatten, in der Literatur auszuweiten, und andere, die sich strikt an irgendwelche Vorgaben gehalten haben, die mit bürokratischen Augen auf die Literatur geschaut haben. Von Dekade zu Dekade wurde in der DDR mehr möglich. Duckmäusertum, Beckmesserei und vorauseilender Gehorsam standen immer gegen Eigensinn bis hin zu Sturheit bei den Autoren sowie Mut und wahrgenommene Verantwortung bei Lektoren, Gutachtern und manchen Akteuren selbst in der Hauptverwaltung.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die Romane und Essaybände von Angela &amp; Karlheinz Steinmüller sind <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">im Memoranda-Verlag</a> erhältlich.</p>
<p>Karlheinz Steinmüller im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Der optimistische Skeptiker</a>, Juni 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Utopische Literatur Made in GDR</a>, Mai 2023.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Essay beruht auf einem Vortrag, den Karlheinz Steinmüller am 10. April 2025 unter dem Titel „Die befohlene Zukunft“ in der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> gehalten hat. Anlass war eine Ergänzung von mehreren Tafeln zur Wanderausstellung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">„Leseland DDR“</a> der Stiftung. Erstveröffentlichung als Essay im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2025. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienene Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ungeliebte Utopien</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ungeliebte-utopien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Sep 2025 09:33:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ungeliebte Utopien Wolfgang Both über sozialistische Science Fiction im 20. Jahrhundert „Sozialistische Utopien fanden keine Verbreitung, weil die Sozialisten selbst sie ablehnten.“ (Wolfgang Both, in: Rote Blaupausen) Wolfgang Both hat sich intensiv unter historischen und politischen Vorzeichen mit utopischer Literatur und Science Fiction der vergangenen 100 Jahre befasst. Einen ausgezeichneten Überblick über das Schicksal  [...]</p>
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<h1><strong>Ungeliebte Utopien</strong></h1>
<h2><strong>Wolfgang Both über sozialistische Science Fiction im 20. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Sozialistische Utopien fanden keine Verbreitung, weil die Sozialisten selbst sie ablehnten.“ </em>(Wolfgang Both, in: Rote Blaupausen)</p>
<p><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1311">Wolfgang Both</a> hat sich intensiv unter historischen und politischen Vorzeichen mit utopischer Literatur und Science Fiction der vergangenen 100 Jahre befasst. Einen ausgezeichneten Überblick über das Schicksal utopischer Literatur in den kommunistischen Ländern bietet sein Buch „Rote Blaupausen – Eine Geschichte der sozialistischen Utopien“, das erstmals im Jahr 2008 erschien und <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2486">im Jahr 2020 bei Memoranda neu aufgelegt</a> wurde. Zu diesem Thema gibt es auf der Seite von Memoranda auch einen Podcast-Beitrag von <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1311">Wolfgang Both</a>. Eine denkwürdige Praxis referierte er anhand des Schicksals von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">George Orwells Roman 1984, der in der DDR am Ende beinahe doch noch veröffentlicht worden wäre</a>. Wolfgang Both gibt gemeinsam mit Klaus Geus, Horst Illmer und Klaus Scheffler das <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2486">„Lexikon der deutschen Science Fiction 1933 – 1945“</a> heraus. Er ist Mitglied des Science-Fiction-Clubs <a href="http://www.club-andymon.net/">„Andymon“</a> in Berlin.</p>
<h3><strong>Sechs Jahre Schatzsuche </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anlass unseres Gesprächs ist dein Buch „Rote Blaupausen“. Für das Buch hast du ein Jahr nach Erscheinen der ersten Auflage den <a href="https://kurd-lasswitz-preis.de/">Kurd-Laßwitz-Preis</a> erhalten. Wie kam es zu diesem Buch?</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Ich habe das Buch geschrieben, weil ich es lesen wollte, und vielleicht andere auch. Es gab ja bisher keine entsprechende Aufarbeitung.</em> <em>Das Buch ist dann im Jahr 2008 erschienen. 2020 erschien bei Memoranda eine erweiterte Neuausgabe. Ich hatte ursprünglich jedoch eine ganz andere Absicht als es sich dann beim Schreiben des Buches ergab. Ich wollte mich mit den Sozialisten und ihrem Bilderverbot auseinandersetzen und dies dann an einigen Beispielen illustrieren. Dabei ging es mir um Punkte aus dem Kommunistischen Manifest, dann einzelne Bücher zu diesem oder jenem Thema, Arbeitszeit, Rechte der Frauen, Enteignung der Konzerne, die dies entgegen dem Bilderverbot illustrieren. Ich traf aber auf einen Lektor, der das Ganze umdrehen wollte und da ich das Buch auf dem Markt sehen wollte, habe ich mitgespielt und so lief die Sache andersherum, sodass die Frage Bilderverbot und die Haltung der Sozialisten bis hin zu verrückten Klavierspielern in Arkadien (Ernst Bloch) erst weiter hinten im Buch zu finden sind, wenn sich Leserinnen und Leser bis dahin durchgearbeitet haben. </em></p>
<p><em>Ich habe ungefähr sechs Jahre lang recherchiert. Die meisten Autoren sind Männer, aber es sind auch einige Frauen darunter wie beispielsweise Charlotte Perkins Gilman (1860-1935). Ich stelle auch nicht nur im engeren Sinne sozialistische Utopien vor, sondern gehe darüber hinaus. Viele Bücher sind auch sehr unterhaltsam, nicht zuletzt die Utopie von „Herland“ von Charlotte Perkins Gilman. Andere sind trockene Parteitagslyrik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Parteitagslyrik“</em> – eigentlich ein Widerspruch in sich.</p>
<p><strong>Wolfgang Both </strong>(lacht): <em>Wenn du es so willst&#8230; Der Einstieg war ein blanker Zufall. Meine Frau und ich waren auf einem Flohmarkt und dort entdeckte ich „Utopolis“ von Werner Illing (1895-1979), jetzt in einer schönen </em><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/utopolis/"><em>Neuauflage bei Hirnkost</em></a><em> verfügbar. Das war im März 2002. Das Buch fiel mir wegen des Begriffs und wegen des Covers auf. Ich fand es nicht nur sehr unterhaltsam, sondern habe auch gesehen, dass es eine linke Utopie war, die ich weiter vertiefen wollte. Ich kannte den Autor damals noch nicht und dachte, ich sollte weitersuchen. Es gäbe sicherlich weitere linke Utopien. Die Arbeiten über konservative oder rechte Utopien kannte ich bereits, beispielsweise die Arbeiten von Jost Hermand (1930-2021), zum Beispiel sein Buch „Der alte Traum vom neuen Reich – Völkische Utopien und Nationalsozialismus (1988, zwei weitere Auflagen erschienen 1991 und 2021). </em></p>
<p><em>Solche umfassenden Darstellungen gab es für die linken Utopien nicht. Ich stieß dann allerdings auf die Dissertation „Science Fiction in Deutschland“ (Universität Tübingen, 1972) von Manfred Nagel (*1940), der Science-Fiction-Romane der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit aus linker Perspektive bewertete. Ich kannte bis dahin </em><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?1963"><em>Edward Bellamy</em></a><em> (1850-1898), dessen Bücher auch in der DDR erschienen sind. Ich habe dann bei mir im Science-Fiction-Club herumgefragt, ob der ein oder andere noch weitere Hinweise hätte. Insgesamt kamen dann mit der Zeit etwa 60 Titel in Betracht, die ich durchgearbeitet habe. Manche habe ich in Bibliotheken gefunden, andere habe ich über Kopien kennengelernt, die mir </em><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2503"><em>Klaus Geus</em></a><em> aus Büchern zur Verfügung gestellt hatte, die er gesammelt hatte. Klaus Geus hatte diese Kopien zum Teil sogar regelgerecht gebunden, sodass sie in meiner Bibliothek als Prachtausgaben stehen, innendrin aber eben Kopien enthalten. Im Ergebnis habe ich 40 Bücher identifiziert, die sich seit Bellamy bis in die Neuzeit als linke, sozialistische Utopien bezeichnen ließen. Für die Neuausgabe bei Memoranda habe ich die Novelle „Morgen“ (1980) von Robert Havemann (1910-1982) ergänzt. </em></p>
<p><em>Mir ist aufgefallen, dass es weder in der Sowjetunion noch in der DDR eine überzeugende Darstellung der sozialistischen Zukunft gab. Es klingt sicherlich in einzelnen Romanen an, dass die Welt schon vollkommen sozialistisch oder kommunistisch wäre. Deshalb wird gemeinsam in den Kosmos gereist oder es kommen Außerirdische aus einer kommunistischen Welt auf die Erde. Es gibt Beispiele von Alexei Tolstoi (1882-1940) mit „Aëlita“ (1922) und einer Revolution auf dem Mars. Das ist aber keine so umfassende Darstellung wie die von Bellamy, der ein gesamtes Gesellschaftssystem entworfen hatte und Fragen der Wirtschaft, der Finanzen, der Bildung, der Frauenrechte thematisierte. Etwas in dieser umfassenden Form gab es im Ostblock nicht. Ich habe daher weiter recherchiert, warum solche Bücher bei uns nicht bekannt waren. Ich fand das ein oder andere in Antiquariaten und habe es noch zu guten Preisen erworben. Nach Erscheinen meines Buches sind die Preise in den Antiquariaten allerdings explodiert. Mit solchen Nebeneffekten meiner Arbeit habe ich nicht gerechnet.</em></p>
<p><em>Der Knaller bei meinen Entdeckungen war der kontrafaktische Roman „Die KPD regiert“ (1932) von Konrad Giesecke (alias Walter Müller, 1878-1931). Es beginnt mit einem Putsch gegen die Weimarer Regierung, deren Mitglieder verhaftet werden. Das Buch kostete damals 25 EUR, heute kostet es mindestens 100 EUR, wenn es das Buch überhaupt noch gibt. Das gilt auch für andere Bücher wie „Die Talsperre“ (1932) von Marie Majerová (1882-1976), das in der DDR 1956 beim Aufbau-Verlag erschien.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mal bei <a href="https://www.zvab.com/">zvab.com</a> nachgeschaut. „Die KPD regiert“ war nicht zu finden, von „Die Talsperre“ wurde die von dir genannte Ausgabe von 1956 zum Preis von 45 EUR angeboten.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Vieles, was in der DDR erhältlich war, wurde leider entsorgt. Man findet es kaum noch in Bibliotheken oder in Buchhandlungen.</em>  <em> </em></p>
<h3><strong>Utopien vs. wissenschaftlichen Sozialismus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien waren im Sozialismus verdächtig. Du zitierst Lenin, der im Jahr 1912 in seiner Abhandlung <a href="https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1912/oct/00.htm">„Zwei Utopien“</a> postulierte: <em>„Je geringer die Freiheit in einem Lande ist, je dürftiger die Äußerungen des offenen Kampfes der Klassen, je niedriger das Niveau der Massenaufklärung, desto leichter entstehen gewöhnliche politische Utopien, und desto länger halten sie sich.“</em></p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Wollen wir Lenin widersprechen?</em> <em>Ich habe bewusst solche Sachen vergleichsweise neutral zitiert um zu zeigen, warum linke Utopien in der DDR und in der Sowjetunion eigentlich keine Chance gehabt haben. Das fing schon bei Marx und Engels an, die im Kommunistischen Manifest und in anderen Abhandlungen zum wissenschaftlichen Sozialismus eine ganz strenge Abgrenzung vornahmen, so zum Beispiel Friedrich Engels 1880 in der Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (MEW 19). Sie sagten, das, was die Utopisten zuvor gemacht haben, das waren die Anfänge, durchaus Wurzeln, auf die sie sich berufen, aber alles andere, ihre Träume, beispielsweise von der Einbindung der Fürsten oder ihre Vorstellungen von einer Umwälzung der Gesellschaft ist völlig neben der Spur. Diese Umwälzungen könne nur das revolutionäre Proletariat gestalten. Auf diese These berufen sich heute noch orthodoxe Kommunisten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du zitierst auch einen Artikel aus der UZ, der Zeitung der DKP, in dem kritisiert wird, dass Bellamy nichts zum Thema Klassenkampf beitrage.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Bellamy adressierte eine andere Gruppe als Leserschaft. Er wollte seinesgleichen für das Thema interessieren. Er wollte seine soziale Schicht davon überzeugen, etwas abzugeben und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Der Klassenkampf war außen vor. Auch sein Nationalisierungsmodell ging erst einmal in die Staatlichkeit über. Das ging zum Ärger der Sozialisten ohne Revolution ab. </em></p>
<p><em>Die ersten Sozialisten haben sich schwergetan, Bücher der frühen Utopisten oder die Bücher von Bellamy dem deutschen Publikum, insbesondere auch der Arbeitsklasse zu präsentieren. Es gab Übersetzungen von Karl Liebknecht, von Clara Zetkin, die dann aber in den Vorworten zumindest distanziert Stellung nahmen, warum sie das Buch dann doch der Arbeiterklasse vorgelegt hatten, auch wenn es kein Modell für die Zukunft wäre. Es gab weitere Sozialisten, wie beispielsweise Max Adler (1873-1937) in Österreich, linke Sozialdemokraten, die gerade nach Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution in Deutschland in utopischer Literatur eine Grundlage fanden, bis hin zu „Utopolis“, das 1930 erschien. Das war der Einstieg. Ich habe Nachfahren und Freunde von Werner Illing befragen können, über die ich zusätzliche Informationen erhielt. Vom Herzen her waren sie alle schon links eingestellt, mussten dies in der Nazizeit natürlich verstecken. Die Bücher hatten in der Weimarer Zeit alle viel Zuspruch. Unter seinem eigentlichen Namen Walter Müller veröffentlichte Konrad Giesecke im Jahr 1930 den Band „Wenn wir 1918 … Die Überwindung des Kapitalismus“, dem „Die KPD regiert“ als zweiter Band folgte. Er beschreibt den kommunistischen Putsch und nutzt auch den realen Kommunisten Heinz Neumann (1902-1937) als Einführungsperson, um das Ganze realitätsnah zu gestalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus deinem Buch zitieren, zunächst Karl Kautsky in seiner Rezension zu Bellamy: <em>„Den Mangel an Phantasie hätte unser Jules Verne des Sozialismus einigermaßen ersetzen können durch ein eigehendes Studium der sozialistischen Literatur, der sozialistischen Theorien.“</em> Dann August Bebel: <em>„Wer unsere beiden Schriften liest oder gelesen hat und ein wenig kritisch urtheilen kann, wird finden, daß Herr Bellamy ein wohlwollend denkender Bürger ist, der ohne Ahnung der Bewegungsgesetze, welche die Gesellschaft beherrschen, rein vom Humanismusstandpunkte aus, indem er als guter Beobachter der bürgerlichen Welt ihre Ungeheuerlichkeiten und Widersprüche erkannte, sich eine künftige gesellschaftliche Ordnung zurechtlegte, in der aber überall die bürgerlichen Gedanken und die bürgerlichen Auffassungen der Dinge durchbrechen.“</em> Schließlich Clara Zetkin: <em>„Bellamy (…) erweist sich damit als Utopist, als sozialer Erfinder und Entdecker, der die soziale Neuordnung in seinem Kopf vorausschaffen will. Er ist also kein wissenschaftlicher Sozialist, der ‚mittels seines Kopfes‘ in der Gesellschaft selbst die Kräfte und Gesetze bloßzulegen und zu verstehen strebt, die unabwendbar zu höheren Formen der Gesellschaft führen.“</em></p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>:<em> Diese Einlassungen belegen ganz deutlich die Auseinandersetzung der Sozialisten etwa um die Jahrhundertwende und danach. Utopische Schriften waren weit verbreitet, erfuhren große Resonanz und riefen eine Reihe von Gegenschriften hervor. Gerade um Bellamy ist ein ganzes Konglomerat von Schriften entstanden. August Bebel musste sich übrigens gegen den Vorwurf wehren, dass er bei Bellamy plagiiert hätte. Die damaligen Sozialisten sahen es als notwendig an, dass sie Stellung nehmen mussten. Sie mussten zeigen, wie <u>sie</u> die Zukunft sahen, auch wenn sie sie noch nicht genau voraussagen konnten, aber die Fantasiebilder der utopischen Autoren waren in ihren Augen völlig irreal und dann auch noch „kleinbürgerlich“. Dies wurde unter anderem Illing im DDR-Lexikon der Schriftsteller vorgeworfen.   </em></p>
<p><em>In der Nazizeit kamen all diese Schriften auf den Index, auch Jack London (1876-1916)</em>, <em>Müller beziehungsweise Giesecke. Die Bücher sind dann erst einmal verschwunden. Ich habe eine ungewöhnliche Ausgabe von Upton Sinclair (1878-1968), „The Millennium“. Der Roman war in einem Sammelband des </em><a href="https://litkult1920er.aau.at/litkult-lexikon/malik-verlag/"><em>Malik-Verlags</em></a><em> enthalten (1925), wurde aber von den Nazis unlesbar gemacht. Die beiden anderen Geschichten waren lesbar, aber der Roman „The Millennium“ mit der Darstellung eines Atomkriegs und wenigen Überlebenden, nach dem sich ein neues gesellschaftliches Zusammenleben entwickelte, war nach 1933 mit Klebeband zugeklebt. Nach 1945 sind solche Romane mit wenigen Ausnahmen in der DDR nicht wieder hervorgeholt worden. Sie blieben verschwunden. Das hat mich schon erschüttert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und im Westen? Ich bin da skeptisch.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Man müsste mal in der Nationalbibliothek nachschauen, welche Bücher dort aufgetaucht sind. Manfred Nagel hat im biographischen Teil seiner Dissertation einige aus der Versenkung hervorgeholt, was aber nicht zu einer Publikation geführt hatte. Diese Schriften waren einfach vergessen, sowohl auf der bürgerlichen Seite – da hatte man kein Interesse, sozialistische Propaganda zu unterstützen – als auch auf der sozialistisch-kommunistischen Seite, wo man eben auch kein Interesse hatte, solche utopischen Fantasiegebilde in die Öffentlichkeit zu bringen. Auf beiden Seiten blieben diese Geschichten in Vergessenheit. </em></p>
<h3><strong>Utopien einer neuen Gesellschaft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über einige Bücher möchte ich mit dir ganz konkret sprechen: Theodor Hertzka (1845-1924), „Freiland“ (1896), <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/charlotte-perkins-gilman">Charlotte Perkins Gilman</a> (1860-1935), „Herland“ (1915) und Ri Tokko (alias Ludwig Dexheimer, 1891-1966), <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/das-automatenzeitalter/">„Das Automatenzeitalter“</a> (1930). Drei Bücher mit drei Themen, die uns auch heute intensiv beschäftigen: Genossenschaftsgedanke, Feminismus, Künstliche Intelligenz – alles keine neuen Themen, sodass wir meines Erachtens viel daraus lernen können, wie man vor etwa 100 Jahren darüber nachdachte.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>„Freiland“ von Theodor Hertzka ist mit Bellamy eines der frühen Werke, das sich mit dem Genossenschaftsgedanken auseinandersetzt. Wir haben heute noch viele Genossenschaften, gerade in Berlin Wohnungsbaugenossenschaften, die ganz gut leben können, aber natürlich aufpassen müssen, dass sie nicht von den großen Wohnungsbauunternehmen aufgekauft werden. Auch in kleineren Häusern versuchen die Mieter, über das Genossenschaftsmodell das Haus mit allen Wohnungen aufzukaufen und mit Hilfe staatlicher Förderung dieses Modell voranzutreiben. Es gibt eine ganze Menge solcher Modelle, beispielsweise in Form der </em><a href="https://eden-eg.de/"><em>Gartengemeinschaft Eden</em></a><em> oder dem Lebensfreudemodell, die in den 1910er und 1920er Jahren aus verschiedenen Jugendbewegungen entstanden sind und heute noch existieren. </em></p>
<p><em>Das andere, das mich bei Hertzka wie bei Bellamy interessierte, ist, dass mit dem Buch eine richtige Bewegung entstanden ist. Hertzka hat sehr anschaulich eine Reise nach Afrika geschildert, mit genauer Ortsangabe, in ein Tal am Kilimandscharo mit wunderbarem Klima, eigentlich war da immer Sommer. Die Expedition verlief ohne Schwierigkeiten und selbst die wilden afrikanischen Elefanten haben als Traglasttiere willig mitgemacht. Das hat eine solche Bewegung vor allem unter jungen Menschen ausgelöst, sodass in einem Aufruf zur Umsetzung der Idee vorgegeben werden müsste, dass nur junge Menschen mit guter Gesundheit und guten handwerklichen Fähigkeiten teilnehmen dürften, denn man musste ja in Afrika, wenn man da hinkam, etwas aufbauen. Man wollte schon eine Auswahl treffen, wer da mitdurfte. Bei der Durchsicht alter Zeitungen 1891-1894 habe ich zwar keinen eigenen Aufruf zur Expeditionsvorbereitungen gefunden, wohl aber viele Berichte zu Freilandvereinen und den Expeditionsvorbereitungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur am Rande: Das war in der jungen zionistischen Bewegung nicht anders, auch dort suchte man zunächst vorwiegend junge Leute mit guter Gesundheit und guten handwerklichen Fähigkeiten. Grundlage war hier das Buch <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/altneuland/">„Altneuland“ von Theodor Herzl</a> (1860-1904), das meines Erachtens auch zur sozialistischen utopischen Literatur gezählt werden darf. Das Buch wurde im Hirnkost-Verlag im Jahr 2023 mit einem Vorwort von Karlheinz Steinmüller neu aufgelegt. Es stellt umfassend einen idealen Staat vor, durchaus vergleichbar mit den Büchern von Bellamy oder Hertzka. Und auch hier entstand eine Bewegung.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Unter Berufung auf das Buch von Hertzka hat man Geld für die Expedition in das von ihm beschriebene Eden gesammelt. Es gab sogar eine Vorexpedition, die jedoch scheiterte, weil die britischen Kolonialbehörden Einwände hatten. Sie wollten nicht auch noch Deutschen und Österreichern die Einwanderung in ihr Kolonialgebiet erlauben. Aber mich beeindruckte, wie aus der Utopie heraus eine richtige soziale Bewegung entstand, die natürlich mit der Zeit, nachdem die Briten abgesagt hatten, wieder verflachte. Aber die Idee war damals sehr populär.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Charlotte Perkins Gilman entwarf mit „Herland“ eine Gesellschaft, in der nur Frauen lebten.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Charlotte Perkins Gilman war eine beeindruckende Frau. Sie wurde als Rabenmutter diffamiert, weil sie Mann und Kind verlassen und sich von der bürgerlichen Gesellschaft abgewandt hatte. Sie hat ein eigenes Leben aufgebaut, eine Zeitschrift etabliert, mehrere Bücher geschrieben. Sie hinterließ ein beeindruckendes Erbe, das selbst in den USA, selbst unter Feministinnen in Vergessenheit geraten ist. Das Buch ist erst in den 1970er Jahren zufällig im Rahmen der feministischen Bewegungen wieder aufgetaucht, dann auch übersetzt worden. </em></p>
<p><em>Charlotte Perkins Gilman entwirft das Bild einer reinen Frauengesellschaft, die sich von den Männern abgrenzt. Diese Frauen sind den Männern, die zufällig mit ihrem Flugzeug auf der Hochebene landen, auch körperlich überlegen. Sie waren sogar in der Lage, ohne Mitwirkung eines Mannes selbst Kinder in die Welt zu setzen. Sie haben eine wunderbare Welt entwickelt. Selbst die Löwen und die Schweine vertrugen sich miteinander. Das sozial Interessante an dem Buch liegt darin, wie es der Autorin gelingt, am Beispiel der jungen Männer, die zufällig in der Frauengesellschaft landen, die Gegensätze zwischen den Werten der Männer und den Werten der Frauen zu schildern. Die jungen Männer werden geradezu bloßgestellt, im Gegensatz zu den naiven Frauen, die über die Jahre, vielleicht über die Jahrhunderte – das bleibt in dem Buch offen – noch keine Berührung mit Männern gehabt haben und eine eigene Kultur entwickelt haben, von der wiederum die Männer überrascht sind. Schmuck spielt keine Rolle, Kosmetik, aufreizende Kleidung ebenso wenig. Das fällt den Männern natürlich auf und sie versuchen, die Frauen mit solchen Dingen zu locken, was diese wiederum nicht verstehen. Dennoch entwickeln sich Liebesverhältnisse. Das schließt Charlotte Perkins Gilman nicht aus. Sie stellt die Unterschiede zwischen der maskulinen und patriarchalischen Sichtweise der Männer und der feministischen Sicht der Frauen geschickt gegenüber.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein einsames Tal, ein schwer erreichbares Hochplateau – das sind Motive wie wir sie aus utopischer Literatur eines Thomas Morus oder eines Jonathan Swift kennen, mit Elementen des im 19. Jahrhundert populären Abenteuerromans. Ich denke beispielsweise an Arthur Conan Doyle (1859-1930) und seine fantastische Reiseerzählung „The Lost World“ (1912), in der er die britischen Forschungsreisenden zwar keine ideale Gesellschaft entdecken lässt, aber Menschengruppen und Tiere der Urzeit einschließlich Sauriern. Solche Plateaus gibt es zum Beispiel in Venezuela wirklich, ebenso wie es solche Täler in Afrika gibt. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Das Buch „Das Automatenzeitalter“ von Ri Tokko hat jedoch eine ganz andere Ausrichtung.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Ri Tokkos „Das Automatenzeitalter“ ist sicherlich unter dem Einfluss des Dramas „R.U.R.“ (Abkürzung für „Rossumovi Univerzální Roboti“) von Karel Čapek (1890-1938) entstanden. Die Ausgangsfrage lautet: Wie kann man mit Automaten das Leben einfacher und besser gestalten? Ri Tokko geht über diese Frage hinaus, indem er humanoide Roboter gestaltet. Das führt zu ähnlichen Auseinandersetzungen wie bei Čapek. Gleichzeitig sind wir in dem Buch in einer recht entvölkerten Welt mit gerade 200 Millionen Menschen. In Europa ist gerade noch die norddeutsche Tiefebene dünn besiedelt. Die Ressourcen reichen für die Menschheit völlig aus. Die hilfreichen humanoiden Roboter können die Menschen in jeder Form unterstützen und alle haben ein wunderbares Leben, das die kommunistische Zukunft zu sein scheint. Ob Dexheimer wirklich linke Ideen hatte, wissen wir jedoch nicht. Es ist ebenso möglich, dass es ihm einfach um eine Wohlstandsgesellschaft mit technologischer Unterstützung ging.</em></p>
<h3><strong>Utopien eines neuen Menschen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessantes Thema ist meines Erachtens die Utopie eines neuen Menschen, auch im Kontext mit eugenischen Überlegungen. Eugenik war bei Weitem nicht nur Teil der Ideologie der Nazis. <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/peter-bierl/">Peter Bierl</a> hat linke Eugenik in seinem Buch „Unmenschlichkeit als Programm“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2022) ausführlich beschrieben. Ich habe das in einem Essay mal eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/querfront-der-exklusion/">„Querfront der Exklusion“</a> genannt. Dahinter stecken ganz schreckliche Züchtungsgedanken wie beispielsweise bei dem schwedischen Ehepaar Gunnar und Alva Myrdal mit ihrem Buch „Die Krise in der Bevölkerungsfrage“ (1934), in dem sie ein Sterilisationsprogramm fordern, damit sich manche Menschen nicht mehr fortpflanzen können. Die Myrdals lehnten Marx ab, verstanden sich aber als Sozialisten. Als Idealbild gibt es daneben all diese Darstellungen muskelbepackter junger Männer, zum Beispiel in den Plastiken von Arno Breker oder den Filmen von Leni Riefenstahl, in Bildern des sogenannten Sozialistischen Realismus“ ebenso wie im frühen Zionismus mit dem von Max Nordau propagierten <em>„Muskeljuden“</em>.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Das spielt nicht nur in den Utopien eine Rolle, sondern insgesamt auch in den Gesellschaftsmodellen, die von links, von rechts, aus der Mitte entworfen worden sind. Du hast zu Recht gesagt, es gibt nicht nur rechte Vorstellungen vom idealen Körperbau nach dem griechischen Ideal, an dem sich auch die Nazis orientierten. Wir finden das auch in jüdischen Entwürfen und auf der linken Seite. Das Selektionsmodell, das uns Charlotte Perkins Gilman vorlegt, ist noch vergleichsweise harmlos, wenn dort die Tiere zu friedlichen Wesen gezüchtet werden, die Apfelbäume reiche Ernte tragen und die Gesellschaft relativ konfliktfrei ist. Es gibt von allen Seiten Vorstellungen eines Körpers von hoher Gesundheit, großer Schönheit. Das griechische Ideal spiegelt sich in allen sozialen Vorstellungen wider. </em></p>
<p><em>Bei den linken Utopien kommt das soziale Verhalten hinzu: Ein Mensch, der gut angepasst ist, selbstlos, altruistisch, der sich in die Gesellschaft einbringt, dort an allen Aktivitäten mitwirkt – ich sage nur „Subbotnik“, ein zwar als freiwillig bezeichnetes, aber dennoch pflichtiges Engagement zusätzlich zur Arbeitszeit, das einfach erwartet wurde. So etwas soll herausgezüchtet werden. Das gab es schon in der Zeit vor Entstehung der jungen Sowjetunion. Beispielsweise werden bei Alexander Bogdanow (1873-1928) solche ganz praktischen Versuche beschrieben, nicht nach dem Frankenstein-Modell, aber er hat selbst einige medizinische Versuche durchgeführt. An einem ist er gestorben, weil man damals die Unverträglichkeit der verschiedenen Blutgruppen untereinander noch nicht kannte. </em></p>
<p><em>Das zeigt eben, dass es sehr früh schon Überlegungen gab, Menschen zu entwickeln, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern sich auch in die Klassenstruktur, in die Gesellschaftsstruktur problemlos und konfliktfrei einfügen. In solchen Gesellschaften braucht man keine Gefängnisse mehr, keine Polizei, auch keine Armeen, weil alle friedlich und in wunderbarem Austausch miteinander leben oder Konflikte, wenn es sie gibt, zumindest sehr schlank ausgetragen werden.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf Ernesto ‚Che‘ Guevara zitieren (in: „<a href="https://maoistdazibao.wordpress.com/wp-content/uploads/2019/07/che-guevara-der-sozialismus-und-der-mensch-auf-cuba.pdf">Der Sozialismus und der Mensch auf Cuba</a>“, 1965), den du auch in „Rote Blaupausen“ zu Wort kommen lässt: <em>„Es ist der Mensch des 21. Jahrhunderts, den wir zu schaffen haben, auch wenn das bisher nur als ein subjektives und nicht systematisiertes Streben erscheint. Eben darin liegt einer der Hauptpunkte unseres Studiums und unserer Arbeit, und in dem Maße, wie wir konkrete Er folge auf einer theoretischen Basis erzielen oder umgekehrt theoretische Schlußfolgerungen von größerer Tragweite auf der Grundlage unserer konkreten Suche ziehen, leisten wir einen wertvollen Beitrag zum Marxismus-Leninismus, zur Sache der Menschheit.“</em> Und bei Bogdanow geht es – als Beispiel zitierst du „Der rote Planet“ (1907), nicht um das „<em>Werk von Menschen“</em>, sondern um das <em>„Werk der Menschheit“</em>. Der Einzelne hat im Kollektiv aufzugehen und wird sozusagen zum braven, man könnte auch sagen, zum funktionierenden Mitglied der Gesellschaft erzogen und letztlich herangezüchtet. Der neue Mensch ist in Physis und Psyche gleichermaßen schön.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Sonst funktioniert es ja auch nicht. </em></p>
<h3><strong>Ein Ausblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte an dieser Stelle zwei Bücher hervorheben: „Das Ministerium für die Zukunft“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">Kim Stanley Robinson</a> und „Pantopia“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>. Das erhält dann eine ganz andere Dimension als die „Roten Blaupausen“. <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Isabella Hermann</a> hat schließlich in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ (München, oekom, 2025) <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">utopische Literatur als bewusst anti-dystopische Literatur</a> charakterisiert und gefordert.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Die Bücher, die ich in „Rote Blaupausen“ vorstellen, belegen das ungebrochene Interesse an alternativen Möglichkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens seit dem Beginn des industriellen Zeitalters. Den Utopien wohnt immer auch der Wunsch der Umsetzung inne. Einige, wie Bellamys oder Hertzkas Bücher, setzen ja eine ganze soziale Bewegung in Gang (dazu habe ich gerade einen Artikel für das </em><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/das-science-fiction-jahr-2025/"><em>„Science Fiction Jahr 2025“</em></a><em> bei Hirnkost geschrieben). Das geht über das reine literarische Unterhaltungsmoment hinaus.</em> <em>Es bilden sich neue Klassen, Schichten, neue Berufe, die dann in die Mittelschicht aufsteigen, neue Bildungserfordernisse, um mit den komplizierteren Maschinen umgehen zu können, nicht zuletzt auch im Militär. Der Gedanke, sich damit auseinandersetzen, ist auch heute aktuell, nicht nur im sozialen und im ökonomischen, sondern auch im ökologischen Bereich. Der Roman „Ökotopia“ (1975) von </em><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?343"><em>Ernest Callenbach</em></a><em> (1929-2012) ist jetzt nun nicht die Gründungsurkunde der Grünen, aber zeigt, dass Autoren auch darüber nachgedacht haben, mit Überlegungen jenseits der bisherigen Denkweisen. Der Bericht des Club of Rome hat einiges bewegt.</em></p>
<p><em>Das Interesse ist ungebrochen. Das konnte man in der DDR nicht verhindern und das wird auch zu unserer Freude und der Freude der Leserinnen und Leser weiter bestehen. Es sind aber auch keine umfassenden gesellschaftlichen Darstellungen wie beispielsweise bei Jakob Vetsch (1879-1942), der in „Die Sonnenstadt“ (1923) im Detail bis in die Uhr und den Kalender hinein das neue gesellschaftliche System durchgestaltet hat. Da geht es nicht nur um Bildung, Geld, Eigentum, Frauenrechte, er geht bis in Details der Kleidung. Die Mitglieder der neuen Gesellschaft hatten ihre eigenen Taschenuhren, die die neue Zeit anzeigten. Das sind dermaßen umfassende Utopien wie es sie heutige Autorinnen und Autoren nicht mehr darstellen. Dystopien haben heutzutage größeren Erfolg als die utopischen Gesellschaftsentwürfe, die – das muss ich zugeben – zum Teil auch ein wenig langweilig waren. Es war schon anstrengend, die zweite Hälfte dieser Bücher zu lesen. Auch ein Hertzka hat keine Unterhaltungsliteratur geschrieben. Am Ende stehen Protokolle von der Gründungsversammlung und anderen Veranstaltungen in Eden, in denen die Erfolge gefeiert werden. Das ist dann schon echte Parteitagslyrik. </em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Wer sich mit der Geschichte der Science Fiction in der deutschen Literatur befassen möchte, lese die vier Bände von <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1315">Hans Frey</a> (1949-2024), alle bei Memoranda erschienen, die diese Geschichte im 19. Jahrhundert beginnen lassen und über die Weimarer Zeit und die Zeit des Nationalsozialismus in die Zeit nach 1945 hineinreichen, nicht zuletzt auch in einem eigenen Band in die Geschichte der DDR. Die beiden ersten Bände wurden im Jahr 2025 zum Gedenken an den Autor beim Hirnkost-Verlag als Sonderbände der auf 40 Bände geplanten <a href="https://www.shop-hirnkost.de/?s=Hans+Frey">Ausgabe wiederentdeckter Schätze der Science Fiction</a> neu aufgelegt.</p>
<p>Hans Frey bezeichnete <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-als-wirklichkeitsmaschine/?portfolioCats=115">„Science Fiction als Wirklichkeitsmaschine“</a>, so auch sein dreiteiliger Essay, der im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> veröffentlicht wurde. <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">Karlheinz Steinmüller</a>, der Hans Frey im Hinblick auf die Zukunftsromane in der DDR beriet und nach dessen Tod die Herausgabe der wiederentdeckten Schätze der Science Fiction übernahm, hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> eine kurzen Überblick über die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">„Utopische Literatur Made in GDR“</a> gegeben sowie in <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> die Arbeits- und Publikationsbedingungen der Autorinnen und Autoren unter den Augen der Stasi beschrieben. Das Thema der sozialistischen Utopien behandelt auch Chiara Viceconti in ihrem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literarische-zukunftsvisionen-unter-dem-kommunismus/">„Literarische Zukunftsvisionen unter dem Kommunismus“</a>, insbesondere im Hinblick auf Sowjetunion und DDR.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 3. September 2025, Titelbild: Thomas Franke, Illustration zur Erzählung Ascheglühen von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220; </em>Rechte beim Künstler.</p>
<p><em>  </em></p>
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		<title>Frauen im geteilten Deutschland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Jul 2025 07:33:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Frauen im geteilten Deutschland Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung „Ich bin in den 1990er Jahren als Kind in einem Land ohne Mauer aufgewachsen. Die deutsche Teilung war Geschichte.“ Mit diesen Zeilen beginnt die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“. Nicht selten wurde seither diskutiert, was das Thema mit Menschen der Generationen zu tun hat, die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-11" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Frauen im geteilten Deutschland</strong></h1>
<h2><strong>Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung</strong></h2>
<p><em>„Ich bin in den 1990er Jahren als Kind in einem Land ohne Mauer aufgewachsen. Die deutsche Teilung war Geschichte.“</em></p>
<p>Mit diesen Zeilen beginnt die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“. Nicht selten wurde seither diskutiert, was das Thema mit Menschen der Generationen zu tun hat, die das geteilte Land nicht mehr selbst erlebt haben. Eine berechtigte Frage in dem Jahr, in dem wir bereits 35 Jahre deutsche Einheit feiern, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer weniger werden und ein selbstverständliches Wissen um die geteilte Geschichte eher die Ausnahme zu sein scheint. Warum also zurückblicken? Was verbindet die Frauenleben von damals mit unserer Gegenwart?</p>
<h3><strong>Etwas ganz Persönliches</strong></h3>
<p>Ich persönlich kann diese Frage sehr simpel beantworten. Ich bin eine Frau und ich komme aus Ostdeutschland. Und auch wenn ich die deutsche Teilung und die friedliche Revolution nicht selbst miterlebt habe – ich bin 1995 geboren –, haben mich die weiblichen Erfahrungen in meiner Familie geprägt. Erfahrungen meiner Mutter, meiner Großmütter und Tanten, die in der DDR lebten und in Ostdeutschland sozialisiert wurden. Kinderkrippe und Kindergarten waren für uns normaler Alltag, berufstätige Frauen eine Selbstverständlichkeit. Wir wuchsen mit Erzählungen über Grenzen und die Mauer auf, über einen Alltag mit Entbehrungen und Mangel, aber auch über Zusammenhalt und Gemeinschaft. Wenn ich mit den Frauen meiner Familie spreche, dann höre ich von kleinen und großen Akten von Selbstermächtigung und Emanzipation in der Familie, im Berufsleben und im Alltag. Erzählungen über Träume, Herausforderungen, Kämpfe und Mut. Und es fällt auf, dass die meisten dieser Empfindungen keine Einzelfälle waren. Sie verbanden die Frauen damals miteinander und sie tun es auch heute.</p>
<p>Denn vieles von dem, was erzählt wird, findet sich auch im gegenwärtigen Alltag als Frau wieder. Ich sehe und spüre die Erfahrungen meiner Familie in meinem Alltag als Frau. Und so wie mir geht es vermutlich den meisten Kindern – Mädchen- die mit den Erfahrungen ihrer Mütter und Großmütter aufwachsen. Mit den vielen emanzipatorischen Lebensgeschichten von Frauen, die abseits der großen Erzählungen stattfanden und die es umso mehr wert sind erzählt und gehört zu werden.</p>
<p>Und genau daher ist das Thema der Ausstellung etwas sehr Persönliches. „Frauen im geteilten Deutschland“ lädt dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen: Was hat das mit mir zu tun? Die überraschende Antwort wird wahrscheinlich lauten: eine ganze Menge.</p>
<h3><strong>Frauenrechte im Jahr 2025</strong></h3>
<div id="attachment_7354" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7354" class="wp-image-7354 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-300x202.jpg" alt="" width="300" height="202" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-300x202.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-800x537.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1024x688.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1536x1032.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7354" class="wp-caption-text">LPG Bäuerinnen auf einem Feld irgendwo im Harz. Im Vordergrund besser gekleidete junge Frauen. Foto: Harald Schmitt. © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>2025 ist nicht nur das Jahr des 35. Jubiläums der deutschen Einheit. Auch ein weiteres Ereignis jährt sich zum fünfzigsten Mal: das „Internationale Jahr der Frau“, ausgerufen von den Vereinten Nationen 1975. Unter dem Motto „Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden“ diskutierten Delegierte aus 133 Ländern bei der ersten <a href="https://www.un.org/en/conferences/women/mexico-city1975">UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko-Stadt</a>. Unter anderem ging es um Grundsätze, wie die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu fördern. Die Rolle der Frau in Wirtschaft und Kultur zu verdeutlichen. Und den wachsenden Beitrag der Frauen weltweit mehr anzuerkennen. Auch eine DDR-Delegation war 1975 entsandt, um die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau im Sozialismus zu bewerben.</p>
<p>Heute, fünfzig Jahre später, hat sich einiges im Bezug auf Frauenrechte und Gleichstellung getan. Und dennoch wirken diese Jahrzehnte alten Grundsätze bis heute nach. Daher schließt „Frauen im geteilten Deutschland“ an die Fragen nach Gleichberechtigung, gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung an und widmet sich den vielfältigen Erfahrungen die Frauen in der DDR und in Westdeutschland machten. Denn die Lebenserfahrungen von Frauen der Generationen, die vor 1989 geboren wurden, kommen aus einem geteilten Deutschland und wirken heute in einem wiedervereinigten Land nach. Und wir können diese Nachwirkungen ganz aktuell spüren. Wenn man beispielsweise die anhaltende Debatte um den Paragrafen 218 betrachtet, die seit Jahrzehnten politische Gemüter erhitzt und vor allem Frauen in ihrem persönlichen Leben betrifft. Oder die wiederkehrende mediale Diskussion darüber, wie gut oder schlecht es für die Entwicklung von Kleinkindern ist, sie in eine externe Kinderbetreuung zu geben. Oder eine aktuelle <a href="https://frauen.dgb.de/++co++bf41405a-e55b-11ef-9765-3585419c1970">Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds aus dem Februar 2025</a>, die zu dem Schluss kommt, dass jede zweite Frau nicht von ihrem eigenen Einkommen leben kann, mit erheblichen Auswirkungen auf die Alterssicherung. Diese nicht überraschende Tatsache ergibt sich aus vielen Faktoren, unter anderem auch durch die nach wie vor ungleiche Rollenverteilung in Paarbeziehungen.</p>
<p>Diese Aufzählung könnte noch lange weitergeführt und ergänzt werden. Es wird jedoch schon jetzt deutlich, dass viele der Themen, die uns heute beschäftigen, nicht neu sind. Und um die verschiedenen Standpunkte und Sichtweisen verstehen zu können und sich gegenseitig anzunähern, ist es wichtig zu betrachten: Auf welchen weiblichen Lebenserfahrungen baut die Gesellschaft in diesem Land, in dem wir heute wiedervereint Leben eigentlich auf? Wie lebten Frauen vor fünfzig Jahren im Westen und im Osten Deutschlands? Welche Erwartungen hatten sie zu erfüllen? Was trennte sie voneinander? Was verband sie aber auch miteinander? Und was liegt den vielen Klischees zugrunde, die sich bis heute hartnäckig in so manchen Köpfen halten? Die Rabenmutter im Osten, die ihre Kinder so schnell wie möglich nach der Geburt in die Krippe gibt? Das Heimchen am Herd im Westen, deren Lebensmittelpunkt sich einzig um Mann, Kinder und Haushalt dreht? Was machen diese überzeichneten Vorurteile mit unserem Frauenbild heute?</p>
<h3><strong>Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ost und West</strong></h3>
<div id="attachment_7355" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7355" class="wp-image-7355 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-300x196.jpg" alt="" width="300" height="196" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-200x131.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-300x196.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-400x261.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-600x392.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-768x502.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-800x523.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1024x669.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1200x784.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1536x1004.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7355" class="wp-caption-text">Berlin (Bezirk Berlin) DDR, 12. Mai 1989. DDR mobilisiert FDJ gegen die Krise. Für 60 Millionen Mark organisierte die Sozialistische Einheitspartei (SED) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in eine Mammutveranstaltung der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Massive Agitation, Aufmärsche und Show bestimmten das dreitägige Pfingsttreffen der Nachwuchsorganisation der Partei. Foto: Veranstaltung Show mal her im Stadion der Weltjugend. © Klaus Mehner, Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Diese Fragen machen den Kern der 21 Tafeln der Ausstellung aus. Zeithistorische Fotos, essayistische Texte, Videodokumente und Interviews zeichnen ein Bild von weiblichen Lebensrealitäten der 1970er Jahre, über die Wiedervereinigung, bis in die Gegenwart. Natürlich können und sollen in diesem Format keine komplexen gesellschaftlichen Fragen gelöst werden. Denn Frauen machten selbstverständlich ganz individuelle Lebenserfahrung, abhängig von ihrer Generation, ihrem Wohnort oder ihrem Familienstand. Jedoch gab es Erfahrungen, die viele Frauen in der DDR teilten und die oft ganz anders waren als die Erfahrungen der Frauen im Westen. Dies lag begründet in den unterschiedlichen äußeren Rahmenbedingungen in den zwei deutschen Staaten.</p>
<p>Wirft man einen Blick auf die frühen 1970er Jahren und betrachtet die Frage <em>„Was heißt es eigentlich eine Frau zu sein?</em>“, lassen sich trotz der Grenze erste Gemeinsamkeiten zwischen Westen und Osten erkennen. Denn die Erwartungen an Frauen waren in beiden Teilen des Landes schon immer immens hoch. Und in vielen grundlegenden Punkten auch gar nicht so unterschiedlich. Frauen sollten, wenn es nach Männern in mächtigen Positionen ging, vor allem jung, schön, schlank, gepflegt, fröhlich und unkompliziert sein – und es möglichst auch im Alter bleiben. Auch die Lebensentwürfe in Ost und West glichen sich zu dieser Zeit: früh wurde geheiratet, bald kam das erste Kind zur Welt, um das sich in der Regel die Frau kümmerte. Ebenso um den Mann und den Haushalt. In der DDR kam zu diesen Pflichten noch hinzu, dass Frauen nicht nur gute Mütter und Ehefrauen sein sollten, sondern auch selbstbewusste und fleißige Arbeiterinnen für den sozialistischen Staat. Während dieses Idealbild der berufstätigen Frau und Mutter im Osten bestand, herrschte im Westen lange eine traditionellere Rollenvorstellung von der Frau, die ihrem Mann zuhause den Rücken freihält, während er das Geld verdient.</p>
<p>In den Bereichen Beruf und Arbeitsleben lassen sich besonders deutlich die Unterschiede im Leben von Frauen im Osten und im Westen Deutschlands erkennen. Ein Blick in die Statistik genügt, um offensichtliche Differenzen zu erkennen. 1989 waren in der DDR 92% aller Frauen berufstätig – ein international auffallend hoher Wert. Im Westen Deutschlands waren zur selben Zeit etwa 50% aller Frauen berufstätig. Wenn man genau hinschaut, wird schnell deutlich, dass die hohe Frauenerwerbsquote in der DDR nicht einfach organisch und vollkommen freiwillig zustande kam.</p>
<p>Berufstätige Frauen waren in der DDR politisch gewollt und ökonomisch notwendig. Staatliche Planung und Arbeitskräftemangel machten sie erforderlich. Dennoch entstanden durch diese äußeren Umstände zwei verschiedene Realitäten. Für die meisten Frauen in der DDR war es eine Selbstverständlichkeit berufstätig zu sein und damit auch finanziell unabhängig – in diesem Sinne gleichberechtigt gegenüber dem Mann. Und das nicht nur in typischen <em>„Frauenberufen”</em>, sondern beispielsweise auch als Mechanikerin oder der chemischen Industrie. Ein Viertel der Schuldirektoren waren weiblich, ein Drittel aller Ärzte waren Frauen und jeder zweite Richterposten auf Kreis und Kommunalebene wurde von einer Frau besetzt. Im Westen war es dagegen oft üblich, dass Frauen nach der Hochzeit zunächst ihren erlernten Beruf Aufgaben und sich um den Haushalt und um die Kinder kümmerten. Flächendeckende Kinderbetreuungseinrichtungen waren rar – anders als im sozialistischen Osten. Und nicht selten kratzten berufstätige Frauen noch am Ego ihrer Ehemänner. Bis ins Jahr 1977 bestand das Gesetz, dass Ehemänner offiziell der Arbeitsaufnahme ihrer Ehefrau zustimmen mussten – und diese somit auch verbieten durften.</p>
<p>Naheliegend entsteht aus diesen Betrachtungen die provokante Frage: <em>„Wo waren die Frauen denn nun gleichberechtigter – in Ost oder West?“</em> Eine einfache Antwort gibt es nicht. Da die Frage auch damit zusammenhängt, was die Einzelne unter Gleichberechtigung versteht. Ja, Frauen in der DDR waren in der Regel finanziell unabhängiger. Doch entsprungen war dieser Zustand, weil Ihre Arbeitskraft wirtschaftlich notwendig war. Selbstverwirklichung oder gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe spielten im Sinne der SED dabei keine Rolle. Auch in der DDR arbeiteten Frauen fast doppelt so häufig wie Männer in unteren Lohnklassen. Je mächtiger die Position war, desto seltener waren Frauen dort zu finden. In 40 Jahren Politbüro gab es nicht ein weibliches Mitglied mit Stimmrecht. Dort wo die Strippen in der Hand gehalten wurden und die Entscheidungen getroffen wurden, waren Frauen selten vertreten. Und wenn es um Familienangelegenheiten ging, lösten sich traditionelle Rollenverteilungen nicht einfach in Luft auf.</p>
<p>Schnell lassen sich hier wieder Gemeinsamkeiten erkennen. Denn sowohl im Osten als auch im Westen waren es zumeist die Frauen, die Abstriche in Freizeit und Beruf machten. Trotz ihrer Berufstätigkeit übernahmen Frauen in Ostdeutschland überwiegend die Aufgaben im Haushalt. Während Männer in der Woche zehn Stunden mit Hausarbeit verbrachten, kamen die Frauen durchschnittlich auf 38 Stunden. Für voll berufstätige Frauen kam zu der üblichen 48 Stunden-Arbeitswoche noch einmal 38 Stunden Hausarbeit dazu. Frauen in der DDR hatten also wortwörtlich eine zweite Schicht. Bildlich dafür spricht die Antwort einer Frau aus einer Umfrage aus der DDR. Gefragt wurde, womit die Befragten am liebsten ihre Freizeit verbrachten. Die simple Antwort dieser Frau war: schlafen.</p>
<p>Es zeigt sich, dass trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen in den zwei deutschen Staaten, die Rollenerwartungen an Frauen in Ost und West erstaunlich ähnlich – und gleichermaßen einengend waren. Im Osten sollte gearbeitet werden und Frauen wurden schieß angesehen, wenn sie es nicht wollten. Im Westen wiederum stießen Ehefrauen oft auf Widerstand und Hindernisse, wenn sie arbeiten wollten. Vielleicht war das ein entscheidender Punkt, der die Frauen damals über die Mauer hinweg verband. Egal was sie taten, es schien sehr schwierig, dass Frauen etwas wirklich richtig machten.</p>
<h3><strong>Vielfalt der Themen – großes Interesse</strong></h3>
<div id="attachment_7356" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7356" class="wp-image-7356 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-400x277.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-600x415.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-768x531.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-800x553.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1024x708.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1200x830.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1536x1062.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992.jpg 1575w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7356" class="wp-caption-text">Halle 1992. Die Frage, ob DDR- oder BRD-Recht zur Abtreibung übernommen werden sollte, war im Einigungsprozess strittig. Das Ergebnis ist bekannt. Foto: Daniel Biskup © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“ nimmt viele weitere Themen in den Blick, die eine Rolle im Leben der meisten Frauen spielten. Sie widmet sich der sexuellen Selbstbestimmung, Literatur und weiblicher Mode als Ausdruck von Identität. Sie befasst sich mit den unterschiedlichen Konzepten der Kinderbetreuung, mit den Frauenbewegungen in Ost und West und dem Kampf um politische Mitbestimmung. Bis sie schließlich in den Umbruchsjahren der 1990er Jahre ankommt und betrachtet, mit welchen Veränderungen Frauen nach der Wiedervereinigung zu kämpfen hatten. Und mit welchen Nachwirkungen der Teilung wir bis heute leben. Und in diesen Jahren schien sich herauszustellen, dass sich die zwei Staaten nicht ganz so einfach und nicht ganz so schnell zu einem Land mit einem gemeinsamen Bewusstsein vereinen ließen. Es trafen unterschiedliche Überzeugungen, Lebensentwürfe und Vorstellungen aufeinander. Jene Unterschiede, die in den letzten Jahrzenten gelebt wurden, machten sich in der Phase der Annäherung in den 1990er Jahren bemerkbar. Und einige überdauern bis heute.</p>
<p>Denn auch wenn heutzutage die Unterschiede im Leben von Frauen zwischen Osten und Westen sehr klein geworden sind, vor allem unter den Frauen der Generationen, die nach 1989 geboren worden sind – gibt es sie noch. Kleine Differenzen, wie eine höhere Frauenerwerbsquote im Osten Deutschlands oder eine größere Zahl an Kindern, die eine Krippe besuchen. Vor allem aber scheint der Spalt zwischen den neuen und den alten Bundesländern, zwischen Ost und West, in den letzten Jahren wieder deutlicher zu werden. Das Gefühl den anderen nicht richtig zu verstehen und nicht verstanden zu werden. Weil man (und frau) Unterschiedliches erlebt hat, weil man unterschiedlich sozialisiert wurde und anders aufgewachsen ist. Dabei ist es gerade jetzt umso wichtiger, sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren als auf die Unterschiede. Denn die Herausforderungen, vor denen heute alle Frauen in unserer Gesellschaft stehen, die lassen nur gemeinsam angehen. Nach der Bundestagswahl im März ist der Frauenanteil im Bundestag erneut gesunken, auf 32%. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen stagniert seit Jahren bei 29%. Noch immer übernehmen Frauen neun Stunden mehr Care-Arbeit in der Woche als ihre männlichen Partner. Von echter Gleichberechtigung sind wir auch fünfzig Jahre nach dem „Internationalen Jahr der Frau“ noch weit entfernt. Aber nicht nur dies. In manchen Ländern gibt es geradezu ein Roll-Back, beispielsweise in den USA oder in der Türkei. Frauenfeindliche und frauenverachtende Sprüche sind selbst im Deutschen Bundestag Alltag geworden. Angriffe auf Frauen reichen von sexualisierter Gewalt (siehe die #Metoo-Debatte) bis hin zu Femiziden. Die <a href="https://www.boell.de/de/2024/11/13/vereint-im-ressentiment-autoritaere-dynamiken-und-rechtsextreme-einstellungen">Leipziger Autoritarismusstudie 2022</a> bezeichnet den Anti-Feminismus als Brückenideologie zum Rechtsextremismus.</p>
<p>Wenn ich eines aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema mitnehmen kann, dann, dass es Sichtbarkeit von weiblichen Erfahrungen braucht. Und Anerkennung von Lebensleistungen von Frauen – aus dem Westen und aus dem Osten. Diese Erfahrungen unterschieden sich oft und manchmal waren sie auch widersprüchlich. Das anzunehmen und auszuhalten, das ist die große Herausforderung. Worauf es ankommt, ist der Versuch zu verstehen, wo mein Gegenüber herkommt und welche Erfahrungen und Sichtweisen sie mitbringt. „Frauen im geteilten Deutschland“ wurde dafür gemacht. Um ins Gespräch zu kommen, um zu diskutieren und um sich zu widersprechen zu dürfen. Immer offen und neugierig und in dem man sich gegenseitig zuhört.</p>
<p>„Frauen im geteilten Deutschland“ ist ein Angebot für die Kultur- und Bildungsarbeit und findet als Poster-Set Verbreitung in ganz Deutschland, im europäischen Ausland, in Nord- und Südamerika. Auch in Australien interessiert man sich für Frauenleben aus Deutschland. Sie wird in Schulen, Volksschulen, Bibliotheken, Ämtern, Ratshäusern, Museen und Auslandsvertretungen gezeigt. Durch die einfache Handhabung findet die Ausstellungen ihren Weg an Orte, an denen man üblicherweise nicht mit gesellschaftspolitischen Themen in Berührung kommen würde. Bis Juli 2025 wurden rund 700 Exemplare der Ausstellung bestellt – Tendenz steigend.</p>
<p><strong>Clara Marz</strong>, Berlin</p>
<p>Die Autorin ist Referentin in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie hat die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“ kuratiert. Diese kann über die <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/frauen-im-geteilten-deutschland">Internetseite der Bundesstiftung Aufarbeitung</a> bestellt werden. Dort sind auch die einzelnen Poster der Ausstellung zu sehen. Zu jedem Poster gibt es ergänzende Informationen.</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></p>
<p>Zum Thema siehe im Demokratischen Salon unter anderem den Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-fortschrittliche-ostfrau/">„Die fortschrittliche Ostfrau – Der Mythos und die Wirklichkeit“</a>, in dem das Buch „Frauen in der DDR“ von Anna Kaminsky (Berlin, Ch. Links, 3. Auflage 2020) vorgestellt wird, die Buchbesprechung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/">„Die ‚Ostfrau‘ in Buchenwald“</a> anlässlich des Buches „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel (Stuttgart, Klett-Cotta, 2019) mit einem Ausblick auf den Roman „Frau Paula Trousseau“ von Christoph Hein (2007) sowie weitere Texte in den Rubriken „Gender“, „Liberale Demokratie“ und „DDR“.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 25. Juli 2025. Titelbild: Titelmotiv der Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“, Grafik: Thomas Klemm © Bundesstiftung Aufarbeitung)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/frauen-im-geteilten-deutschland/">Frauen im geteilten Deutschland</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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