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	<title>Shoah Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;We remember&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 05:45:12 +0000</pubDate>
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<h1><strong>„We remember“</strong></h1>
<h2><strong>Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt</strong></h2>
<p>Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt vermitteln.</p>
<p>Im Mai 2021, weniger als ein Jahr nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen, wurde mit dem Themenraum „We Remember“ die erste Holocaust-Ausstellung in der gesamten arabischen Welt eröffnet.</p>
<h3><strong>Hintergrund</strong></h3>
<div id="attachment_7872" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7872" class="wp-image-7872 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7872" class="wp-caption-text">Bild am Eingang des Museums. Foto: privat.</p></div>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum (CCM) liegt im historischen Schindagha-Viertel, einem der ältesten Stadtteile Dubais, unweit des Khor Dubai (Dubai Creek), einem Meeresarm des Arabischen Golfs, der für die Geschichte der Stadt von überragender Bedeutung war. Das CCM bildet gemeinsam mit einem Museum für seltene Bücher, Manuskripte und Drucke und einem Waffenmuseum die <a href="https://themuseum.ae/">„Museum Group“</a>, welche die <em>„Bedeutung universeller Werte wie Toleranz und Respekt hervorheben“</em> und zeigen will, <em>„welche wesentliche historische Rolle sie für das Gedeihen und den Fortschritt der menschlichen Zivilisationen in verschiedenen Bereichen gespielt haben“</em>.</p>
<p>Hervorgegangen sind die drei Museen aus der privaten Sammlung ihres Gründers und Direktors Ahmed Obaid Al Mansoori. Al Mansoori war Politiker und als einer von acht Vertretern des Emirats Dubai Mitglied des 40-köpfigen Föderalen Nationalrats, des vor allem mit beratenden Kompetenzen ausgestatteten Parlaments der Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai war er in etlichen Führungsfunktionen tätig und Vorstandsmitglied zahlreicher Institutionen und hochrangiger Ausschüsse.</p>
<p><a href="https://themuseum.ae/introduction/">Das 2014 offiziell eröffnete CCM</a>, das ursprünglich im Erdgeschoß von Al Mansooris Wohnsitz angesiedelt war, ist mittlerweile als privates Museum in einem historischen, restaurierten Gebäude beheimatet, der früheren Residenz des Bruders des Großvaters des heutigen Herrschers von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum.</p>
<h3><strong>Rund um den Innenhof</strong></h3>
<p>Die Ausstellungsräume des Museums liegen rund um den Innenhof des Gebäudes. Sie beinhalten <a href="https://themuseum.ae/department-cross-roads-of-civilization/">sechs Galerien</a>, die sich verschiedenen Themen widmen:</p>
<ul>
<li>Lokale Geschichte,</li>
<li><em>„Königliche Verbindungen“</em>, also Ausstellungsstücke über Herrscher und andere bedeutende Personen aus der arabischen Welt, aus Asien und aus Europa, die vom 16. bis zum 20. Jahrhundert die Geschichte der Region beeinflusst haben,</li>
<li>Zeugnisse von Reisenden und Entdeckern,</li>
<li>Palästina und das Heilige Land,</li>
<li>Religiöse Artefakte verschiedener Religionen,</li>
<li>Islamische Kunstwerke.</li>
</ul>
<p>Gleich beim Eintritt in den Innenhof werden die Besucher von einem gemalten Bild begrüßt, das den Geist des CCM knapp auf den Punkt bringt: Zu sehen sind zwei junge Männer, die gemeinsam Kaffee trinken und lachen. Einer von ihnen trägt eine traditionelle emiratische Dishdasha (ein weißes, langärmeliges Überkleid) und auf dem Kopf eine weiße Ghutra (ein mit einer schwarzen Kordel gehaltenes, gefaltetes Tuch), der andere trägt westliche Kleidung – und eine Kette mit Davidstern um den Hals. Darüber ist zu lesen: „#Cousins_Meetup“.</p>
<p>Denn schon vor den sogenannten Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel war Direktor Al Mansoori die Erinnerung an jüdisch-arabische Beziehungen ein großes Anliegen. Im Gegensatz zu weit verbreiteten, geschichtsverleugnenden Ansichten betont er: <em>„Juden haben im Nahen Osten schon immer eine wichtige Rolle gespielt.“ </em>(zitiert nach: <a href="https://www.abramundi.org/post/we-remember-dubais-unforgettable-exhibition">Salomé Nabeth, Salomé: “We Remember”: Dubai’s unforgettable exhibition, in: Abramundi 17. Juli 2025</a>).</p>
<h3><strong>Das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em></strong></h3>
<p>Die grassierende Ignoranz über die Vergangenheit und aktuelle antisemitische Vorfälle gehörten zu den Faktoren, die Al Mansoori dazu trieben, den bestehenden sechs Galerien des CCM noch eine siebente hinzuzufügen, die sich der Erinnerung an das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em> widmet (zitiert nach: <a href="https://www.jewishnews.co.uk/meet-al-mansoori-the-man-behind-the-first-shoah-exhibit-in-the-arab-world/">Etan Salman, in: Jewish News 20. März 2023</a>). <em>„Es ist uns sehr wichtig«, betont Al Mansoori, »dass wir uns darauf konzentrieren, Menschen über die Tragödien des Holocaust aufzuklären, denn Bildung ist das Gegenmittel gegen Unwissenheit“ </em>(zitiert nach: <a href="https://allarab.news/first-ever-gulf-holocaust-exhibition-debuts-in-uae-amid-rise-of-anti-semitism-worldwide/">All Arab News 12. Juni 2021</a>).</p>
<p>Inspiriert unter anderem durch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, zu dessen Spendern Al Mansoori seit Jahrzehnten gehört, erstellte er mit der israelischen Kuratorin Yael Grafy und in Kooperation mit internationalen jüdischen Organisationen den Ausstellungsraum „We Remember“, der im Mai 2021 eröffnet wurde.</p>
<p>Zu den Gästen der Eröffnungsfeier zählten sowohl der damalige deutsche als auch der damalige israelische Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. <em>„Wer hätte vor siebzig oder achtzig Jahren gedacht, dass ein israelischer Botschafter und ein deutscher Botschafter hier zusammensitzen würden – in einem arabischen Land – und eine Ausstellung zum Gedenken an den Holocaust besuchen würden?“</em>, so Israels Botschafter Eitan Na’eh (All Arab News 12. Juni 2021).</p>
<h3><strong>Finger in Wunden</strong></h3>
<p>Die <a href="https://themuseum.ae/we-remember-holocaust-memorial-gallery">Ausstellung „We Remember“</a> besteht nur aus einem Raum, in dem aber viele Inhalte untergebracht wurden. So zieht die Ausstellung einen Bogen vom Aufstieg des Nationalsozialismus und dem diesen charakterisierenden Antisemitismus über die Jahre der Verfolgung und Vernichtung bis in die heutige Zeit. Dabei werden historische Informationen mit der Schilderung individueller Schicksale wie jenem von Anne Frank und mit Zeugenaussagen von Überlebenden sowie von Angehörigen der Opfer kombiniert.</p>
<div id="attachment_7871" style="width: 253px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7871" class="wp-image-7871 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg" alt="" width="243" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1152w" sizes="(max-width: 243px) 100vw, 243px" /><p id="caption-attachment-7871" class="wp-caption-text">Blickfang im Museum. Foto: privat.</p></div>
<p>Zentraler Blickfang im Raum ist ein lebensgroßes Bild eines kleinen Jungen, eine Reproduktion einer ikonischen Fotografie aus dem Warschauer Ghetto in Polen aus dem April oder Mai 1943. Originalwaffen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sammlung des Museums hängen rund um das Bild von der Decke herab, die Gewehrläufe auf den Jungen gerichtet.</p>
<p>An den Waffen sind, neben Fotos weiterer ermordeter Kinder, Karten befestigt, die kurze Antworten auf zentrale Fragen zum Holocaust geben, etwa: <em>„Warum wurden gerade die Juden zur Vernichtung ausgewählt?“</em>, <em>„Hatten die Nazis von Beginn ihres Regimes an geplant, die Juden zu ermorden?“</em> oder <em>„Worin bestand der Unterschied zwischen der Verfolgung der Juden und der Verfolgung anderer Gruppen, die von den Nazis als Feinde des Dritten Reichs eingestuft wurden?“</em> Ausdrücklich erwähnt werden in der Ausstellung die Opfergruppen der Roma, slawische Völker (Polen und Russen) und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas und Homosexuelle.</p>
<p>Einen Schwerpunkt der Schau stellen die Geschichten einiger Araber/Muslime dar, die Juden vor der Verfolgung gerettet haben, darunter Selahattin Ülkümen, der als türkischer Konsul in Rhodos Dutzende jüdische Familien vor der Deportation und Vernichtung gerettet hat, und Mohammed Helmy, ein in Berlin lebender arabischer Arzt, der ab dem Beginn der Deportationen mehrere Juden ein Überleben im Versteck ermöglichte und dafür 2013 von der israelischen <a href="https://www.yadvashem.org/de.html">Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem</a> als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.</p>
<p>So wichtig es Direktor Al Mansoori ist, die Geschichten dieser arabischen/muslimischen Helden in Erinnerung zu rufen, so wenig drückt sich die „We Remember“-Galerie seines Museums davor, den Finger auch auf heikle Themen zu legen. Zu diesen gehört definitiv die Verfolgung von Juden in der arabischen Welt, die beispielsweise anhand des Fotos einer zerstörten Synagoge aus dem libyschen Tripolis angesprochen wird. Im Text zu dem Bild werden explizit anti-jüdische Gewalttaten in den Jahren 1945 bis 1948 sowie der Umstand erwähnt, dass der Großteil der libyschen jüdischen Gemeinde zwischen 1949 und 1951 nach Europa bzw. Israel emigriert ist. Gezeigt werden weiters Fotos von Synagogen in Marokko, Tunesien und im Libanon.</p>
<h3><strong>Hoffnung</strong></h3>
<p>Zum Abschluss der Ausstellung wird der Bogen zur Gegenwart gespannt. Auf einer Tafel sind Auszüge einer Rede, die Museumsdirektor Al Mansoori am 28. April 2022 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehalten hat, zu lesen: <em>„Ich stehe hier, Ahmed Obaid Al Mansoori, als gläubiger Muslim, als demütiger Diener Gottes (…). Ich stehe hier Seite an Seite mit meinen jüdischen Brüdern und Schwestern. Ich stehe hier feierlich, während wir gemeinsam dem Bösen in die Augen blicken. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. (…) / Als Kinder Abrahams, vereint durch die Abraham-Abkommen, sagen wir: Nie bedeutet nie. Nie bedeutet nie. Möge die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ein Segen für alle sein. ‚Wer ein Leben rettet, rettet die Leben aller Menschen.‘“</em></p>
<p>Unter den Fotos, mit denen diese Rede kontextualisiert wird, finden sich zwei, die noch einmal hervorheben, wie außergewöhnlich diese Ausstellung in einem arabischen Land ist. Ein Bild der Fotografin Karen Gillerman mit dem Titel „»Vergangenheit und Zukunft in unseren Händen“ zeigt den Unterarm der Holocaust-Überlebenden Dora Dreiblat, auf dem ihre tätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz zu sehen ist. Auf Dreiblats Arm liegen der kleine Unterarm und die Hand ihrer Urenkelin Daniela Har-Zvi, die 2007 in Israel geboren wurde.</p>
<p>Das andere Foto zeigt zwei israelische F-15-Jets, die am 4. September 2003 die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau überflogen. Gesteuert wurden die Flugzeuge von Nachkommen von Holocaust-Überlebenden.</p>
<h3><strong>Nach der Normalisierung</strong></h3>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum war keine direkte Folge der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen im September 2020 und ist kein staatliches, sondern ein privates Museum. Es ist aber unzweifelhaft ein Kind des neuen Geistes, der in die Beziehungen Israels zu zumindest einigen arabischen Staaten Einzug gehalten hat – selbst in einem vergleichsweise offenen Land wie den Emiraten wäre ein Projekt wie das CCM gegen den Wunsch der politischen Führung nicht durchzusetzen.</p>
<p>Wie man gleich am Eingang des Holocaust-Ausstellungsraums sehen kann, hat diese dem Museum vielmehr ihren inoffiziellen Segen gegeben, finden sich dort doch folgende Geleitworte des Außenministers des Landes, Abdullah bin Zayid Al Nahyan: <em>„Zeuge des Untergangs einer Gruppe von Menschen, die Opfer von Extremismus und Hass wurden. Die edlen menschlichen Werte des Zusammenlebens, der Toleranz, der Akzeptanz anderer und der Achtung aller Religionen und Weltanschauungen. </em><em>Nie wieder.“ </em></p>
<p>Anlässlich der Eröffnung der Holocaust-Ausstellung sagte Rabbi Elie Abadie, Oberrabbiner der rund sechshundert Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde der Vereinigten Arabischen Emirate, gegenüber dem Nachrichtendsender CNN: <em>„Obwohl die meisten Menschen im Nahen Osten wissen, dass der Holocaust stattgefunden hat, sprechen sie nicht viel darüber und lernen auch nicht viel darüber. Jetzt öffnet sich die Region, und diese Ausstellung würdigt das Geschehene und zeigt die öffentliche Anerkennung der Geschichte.“</em> (zitiert nach: <a href="https://edition.cnn.com/travel/article/crossroads-of-civilizations-museum-dubai">Zeena Saifi / Celina Alkhald, This is the first ever Holocaust exhibition to open in the Arab world, CNN, 8. Juni 2021</a>.)</p>
<p>Geht es nach Direktor Al Mansoori, ist das nur ein erster Schritt. Er will auf dem bereits Erreichten aufbauen und das erste offizielle Holocaust-Bildungsprogramm in der islamischen Welt ins Leben rufen.</p>
<p><strong>Florian Markl</strong>, Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Es handelt sich um einen mit Genehmigung des Chefredakteurs Alexander Gruber aus dem <a href="https://mena-watch-lexikon.com/">Mena-Watch-Lexikon</a> übernommenen Beitrag. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 20. Februar 2026, Titelbild: Eingang zur Holocaust-Ausstellung „We Remember“ im Crossroads of Civilizations Museum in Dubai, Foto: privat.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Besprechung mit anschließendem Frühstück&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Oct 2025 07:04:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“ Aya Zarfati über historisch-politische Bildung im Haus der Wannsee-Konferenz „Antisemitismus gibt es in Europa lange vor 1933. Das NS-Regime macht ihn zur politischen Leitlinie. Es will die jüdische Minderheit aus der Gesellschaft ausgrenzen und vertreiben. (…) Bis Ende 1941 weitet das NS-Regime seine Mordpläne auf alle Jüdinnen und Juden in  [...]</p>
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<h1><strong>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“</strong></h1>
<h2><strong>Aya Zarfati über historisch-politische Bildung im Haus der Wannsee-Konferenz</strong></h2>
<p><em>„Antisemitismus gibt es in Europa lange vor 1933. Das NS-Regime macht ihn zur politischen Leitlinie. Es will die jüdische Minderheit aus der Gesellschaft ausgrenzen und vertreiben. (…) Bis Ende 1941 weitet das NS-Regime seine Mordpläne auf alle Jüdinnen und Juden in Europa aus. Die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung wird nicht nur von Staat und Partei betrieben. Viele Einzelne unterstützen die antijüdische Politik und gewinnen dadurch Vorteile. Andere sind gleichgültig oder schauen weg. Das Wissen um die Verbrechen verbreitet sich schnell.“ </em>(aus dem Katalog der Dauerausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz)</p>
<p>„Besprechung mit anschließendem Frühstück“ – recht euphemistisch lautete die Einladung für den 20. Januar 1942 zu der Konferenz in die idyllisch am Wannsee gelegene <a href="https://www.ghwk.de/de/ueber-das-haus/hausgeschichte/ernst-marlier-1875-1950">Villa Marlier</a>, die als „Wannsee-Konferenz“ in die Geschichte einging. Es dauerte 36 Jahre, bis der Ort der „Wannsee-Konferenz“, die Villa Marlier, ein Ort der Erinnerung an die Shoah wurde. <a href="https://www.ghwk.de/de/bibliothek/joseph-wulf">Joseph Wulf</a> (*1912, im Jahr 1974 nahm er sich das Leben), jüdischer Widerstandskämpfer und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, forderte bereits 1956 die Einrichtung eines „Internationalen Dokumentationszentrums zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“. Die Eröffnung der Bildungsstätte <a href="https://www.ghwk.de/de/bibliothek">„Haus der Wannsee-Konferenz“</a> dauerte noch bis zum Jahr 1992.</p>
<p>Die 15 teilnehmenden Herren vertraten Staat und Partei. Für sie war die Dimension ihres Auftrags, die Ermordung der europäischen Juden, ein ganz normaler Vorgang im Rahmen ihrer täglichen Arbeit. Wer sich die heute Ausstellung über die Wannseekonferenz in der Villa anschaut, erfährt viel über ministeriale Prozesse, und wer solche Prozesse vielleicht sogar aus der Innensicht kennt, wird viel Vertrautes finden und fragen: Wie kann es sein, dass Menschen, die sich wie völlig <em>„banale“</em> Beamte verhalten, gleichviel ob in einem Ministerium oder in einer Parteiorganisation, Männer, die ihre Kinder und ihre Hunde lieben, so dienstbeflissen und konsequent einen Massenmord planen?</p>
<p>Hans-Christian Jasch, ehemaliger Direktor des Hauses der Wannsee-Konferenz, hat in seiner Dissertation „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik – Der Mythos von der sauberen Verwaltung“ (München, Oldenbourg, 2012) plausibel analysiert, wie die deutsche Beamtenschaft die Rechtsgrundlagen für den Massenmord ermöglichte. Seine Nachfolgerin als Direktorin des Hauses der Wannsee-Konferenz ist seit dem 1. Dezember 2020 die österreichisch-israelische Politologin <a href="https://www.ghwk.de/de/presse/pm-neue-direktorin-ab-1-dezember-2020">Deborah Hartmann</a>. Maßgeblich an der Entwicklung des pädagogischen Programms beteiligt ist die in Israel geborene Historikerin <a href="https://arolsen-archives.org/news/sich-auf-spuren-einlassen-ein-gespraech-mit-aya-zarfati/">Aya Zarfati</a>.</p>
<h3><strong>Didaktische Unzulänglichkeiten eines Schüleraustauschs</strong></h3>
<div id="attachment_7506" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7506" class="wp-image-7506 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-400x601.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-600x902.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-681x1024.jpg 681w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-768x1154.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-800x1203.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1022x1536.jpg 1022w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1200x1804.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-1362x2048.jpg 1362w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Aya-Zarfati-©-Jan-Bechberger-scaled.jpg 1703w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7506" class="wp-caption-text">Aya Zarfati während des Gedenkenstättenseminars 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin/Wannsee © Jan Bechberger.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie von Israel nach Deutschland?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Vor 15 Jahren bin ich über die Aktion Sühnezeichen als israelische Freiwillige nach dem Militärdienst und dem Bachelorstudium nach Berlin gekommen. Ich hatte in Israel Geschichte und Jura studiert, anschließend an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Masterstudium „Europäische Geschichte“ mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus abgeschlossen. Das war auch schon mein Schwerpunkt im Bachelorstudium in Tel Aviv. Dort konnte man zwischen mehreren Schwerpunkten wählen, zum Beispiel der Geschichte des Volkes Israel und europäische Geschichte. Mich interessierte die deutsche Gesellschaft, die Täterschaft, Themen, die in der Schule nicht vorgekommen waren. Ich konnte in Berlin im Jüdischen Museum, in der Gedenkstätte Sachsenhausen und in anderen Einrichtungen arbeiten. Im Jahr 2015 bekam ich eine feste Anstellung, seit Januar 2025 leite ich die Abteilung Bildung und Forschung zusammen mit Matthias Haß.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie auf die Idee, nach Deutschland zu reisen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Es war kein Zufall, dass ich mich für Deutschland interessierte. Mit 16 nahm ich an einem Schüleraustausch nach Deutschland teil. Das Angebot, nach Deutschland zu fahren, gibt es in sehr vielen Schulen in Israel und es gibt sehr viele Schüler:innen, die es wahrnehmen. Es gehört zum Programm der Schulen. Es ist nichts Ungewöhnliches. Das war der Anfang. Für Österreich gab es das im Übrigen nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie haben Sie damals Deutschland wahrgenommen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong> (zögert ein wenig mit der Antwort): <em>Unfassbar grün – es war im Sommer und in Israel ist im Sommer alles gelb. Das war 1997. Ich war davon fasziniert, dass viele</em> Dinge, die in Israel als Statussymbole galten – zum Beispiel ein eigenes Haus – hier in Deutschland als selbstverständlich gelten. <em> Das ist im Zentrum Israels nicht denkbar, weil dort einfach nicht genug Platz ist. Autos mussten nicht importiert werden. Das waren die ersten Eindrücke. Ich war in Jünkerath in der Nähe von Gerolstein in der Eifel. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielte die Shoah bei diesem Schüleraustausch?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Die Shoah war offiziell eher weniger präsent. Wir waren zwar mit der deutschen Schülergruppe zusammen in Weimar und in Buchenwald, aber die Lehrkräfte hatten uns nicht gut vorbereitet. Sie hatten mit uns die israelische Zeremonie des Holocaust-Gedenktags, des Yom HaShoah, eingeübt, auf Hebräisch. Das ist bei einem Austausch mit einem anderen Land schon schräg, denn die deutschen Schüler:innen verstanden gar nichts. Der Besuch war eher performativ. Es hat auch furchtbar geregnet.  Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand konkret über das Lager gesprochen hätte. Wegen des Regens haben wir die Zeremonie auch nicht auf dem Gelände, sondern in dem Krematorium durchgeführt. Ich hatte in Erinnerung, dass es sechs Öfen gab, weiß aber nicht, ob es wirklich so war oder ob ich mir diese  symbolische Zahl eingebildet habe. </em></p>
<p><em>Vor einem Jahr war ich wieder in Buchenwald und stellte fest, dass die Zahl stimmte. Dieser zweite Besuch war wichtig, weil ich reflektieren konnte, was es heißt, wenn man über solche Sachen nicht spricht. Was kommt dann heraus? Jünkerath habe ich damals „Judenrath“ genannt. Das war so etwas, das man als Jugendliche unausgesprochen versteht. Solche Erlebnisse haben meine Arbeit mit Jugendlichen sehr beeinflusst, insbesondere die Frage, wie man solche Besuche vor- und nachbereitet.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jünkerath und Buchenwald liegen ziemlich weit auseinander.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Und auf dem Weg waren wir im Fantasialand! Wir waren etwa zehn Tage in Deutschland. Wir haben in Familien gewohnt, aber haben eben eine Nacht in Weimar verbracht. Das war schon eine längere Busreise. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind inzwischen israelische und österreichische Staatsbürgerin.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Seit 2021 habe ich neben der israelischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Das beruht auf einem österreichischen Gesetz, das die FPÖ im Jahr 2019 auf den Weg gebracht hat. Bis dahin konnte man die österreichische Staatsangehörigkeit nur beantragen, wenn der Vater oder der Großvater Österreicher waren. Durch die Gesetzesänderung war es auch möglich, wenn die Mutter oder die Großmutter Österreicherinnen waren. Das war bei mir der Fall, weil meine Oma in der Steiermark geboren war. Österreich hat seit 2019 das Verfahren für diejenigen, die die österreichische Staatsangehörigkeit auf dieser Grundlage beantragten, sehr einfach gestaltet. Es ging extrem schnell.</em></p>
<h3><strong>Didaktische Leitgedanken </strong></h3>
<div id="attachment_7508" style="width: 406px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7508" class="wp-image-7508 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="396" height="264" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-2-Von-der-Ausgrenzung-zum-Massenmord-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 396px) 100vw, 396px" /><p id="caption-attachment-7508" class="wp-caption-text">Raum 2 Von der Ausgrenzung zum Massenmord © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Klassenfahrten und Schüleraustausch leiden oft unter einem Dilemma: Man bekommt etwas mit und bekommt es doch nicht mit. Sie wollen, dass sich dies ändert, und dies ist auch der Auftrag, den sich das Haus der Wannsee-Konferenz gegeben hat. Das Besondere des Hauses der Wannsee-Konferenz als Gedenkstätte und Bildungsstätte liegt meines Erachtens erst einmal darin, dass es ein Täterort ist wie sonst in Deutschland nur die Wewelsburg bei Paderborn und Vogelsang in der Eifel.</p>
<p>Ich habe zur Vorbereitung unseres Gesprächs Ihren neuen Katalog angeschaut, der mich sehr beeindruckt. Man findet Originaldokumente im Faksimilie, Biografien von Opfern und Tätern, eine Übersicht über Anklagen und Nicht-Anklagen, Fotografien von Tatorten und vieles mehr. Sehr ansprechend ist auch der Einstieg mit kurzen Erklärungen, was aus Dokumenten ersichtlich ist, was wir über Verfasser und Empfänger erfahren, worum es inhaltlich geht, was Stempel bedeuten, was Fotos verraten, was wir dort sehen, was wir dort nicht sehen und wie die Perspektiven von Betroffenen, Tätern und Umstehenden erschlossen werden können. Was war der Leitgedanke?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Die Bezeichnung „Täterort“ mag ich zunächst nicht so gern. Natürlich beschäftigen wir uns dort stärker mit den Täter:innen als an anderen Orten, wie zum Beispiel einer KZ-Gedenkstätte. Aber es gab und gibt keine Täter:innen ohne Opfer und keine Opfer ohne Täter:innen – deshalb müssen wir immer über beide Gruppen sprechen. Zu Ihrer Frage: Es gab ein Projektteam unter Leitung des damaligen Direktors Hans-Christian Jasch und von Elke Gryglewski, die damals die Bildungsabteilung leitete. Beide sind nicht mehr im Haus, Herr Jasch kehrte ins Bundesinnenministerium zurück, Elke Gryglewski leitet jetzt die </em><a href="https://bergen-belsen.stiftung-ng.de/de/">Gedenkstätte Bergen-Belsen</a><em> und ist Geschäftsführerin der </em><a href="https://www.stiftung-ng.de/">Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten</a><em>. Aus dem Team ist nur noch eine Person im Haus. Wir haben die Ausstellung im Grunde übernommen. Ich finde sie und den Katalog sehr gelungen. </em></p>
<p><em>Am Prozess war die Bildungsabteilung damals nicht so sehr beteiligt, aber das ursprüngliche Konzept wurde aufgrund ihrer Intervention verändert. Es gab im Grunde zwei Konfliktpunkte. Im Vordergrund stand unserer Meinung nach zunächst viel mehr die Nachkriegszeit als die Ereignisse selbst. Die jetzige Ausstellung beschäftigt sich ausdrücklich mit der sogenannten Wannsee-Konferenz und zeigt die Verstrickung der deutschen Behörden in diesen Prozess. Daher fallen einige Zeiträume raus, beispielsweise die Weimarer Republik. In der Konzeptionsphase gab es viele, die meinten, man könne den Nationalsozialismus und die Shoah nicht erklären, wenn man nicht die Vorgeschichte erkläre. Raum 2 spannt einen weiten historischen Bogen – von Ausgrenzung über Verfolgung bis zum Massenmord an den Jüdinnen und Juden. Das ist nicht so einfach, denn die Gruppen, die zu uns kommen, beschäftigen sich nicht unbedingt mit anderen Abschnitten an anderen Orten. Es gibt bei uns viele Referent:innen und Mitarbeiter:innen, die die Vorgeschichte integrieren. Ich selbst mag diesen Raum 2 nicht so sehr, weil er zu voll mit Informationen ist. Ich habe daher einen Weg gefunden, mich von hinten an die Wannsee-Konferenz anzunähern. Viele loben, dass die Ausstellungen niemanden zwingt chronologisch vorzugehen. Man kann an vielen unterschiedlichen Punkten beginnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anders kann man es eigentlich auch gar nicht machen. Ich halte das für didaktisch besser als wenn man sich entlang der Chronologie vorwärtsbewegt. In Katalogen blättere ich gerne herum, finde eine besonders spannende Stelle und erschließe mir von dort aus dann alles andere. Ebenso in Ausstellungen.</p>
<div id="attachment_7507" style="width: 384px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7507" class="wp-image-7507 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="374" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-6-Arbeitsteilige-Taeterschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 374px) 100vw, 374px" /><p id="caption-attachment-7507" class="wp-caption-text">Raum 6 Arbeitsteilige Täterschaft © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>:<em> Im Raum 6 gibt es zum Beispiel die Zeit nach der Wannsee-Konferenz. Anhand verschiedener Tafeln kann man aber zurückgehen. Wir denken nicht linear, auch die Geschichte lässt sich nicht linear erzählen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht auch den unterschiedlichen Vorerfahrungen von Besucher:innen. An manchen Stellen werden sie sich fragen, warum sie sich etwas anschauen sollen, das sie schon längst kennen, an anderen Stellen haben sie ein Aha-Erlebnis und werden hellwach, weil sie etwas völlig Neues entdecken.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Früher war es oft so, dass die Besucher:innen sich den Raum, in dem die Konferenz stattgefunden hatte, anschauten und wenige Minuten später im Garten mit Blick auf den See standen. Das ist nicht mehr so. Jetzt verbringen sie viel mehr Zeit in der Ausstellung, können Vieles selbst erschließen und werden nicht von Textmassen abgeschreckt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Historische Fakten lassen sich meines Erachtens am besten mit Fotos und Dokumenten vermitteln. Im Katalog wird man an verschiedenen Stellen immer wieder auf dieselbe Sache gestoßen. Zum Beispiel das Protokoll: Es ist nicht einfach über endlose Seiten abgedruckt, sondern es gibt dazwischen Kommentare, Bilder, kurze Texte in verschiedenen Schrifttypen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>In der Ausstellung gibt es daher auch immer wieder Gelegenheiten, etwas zu vertiefen. Man kann, aber man muss nicht alles nutzen. Die 15 Teilnehmer sind beispielsweise in drei unterschiedlichen Kategorien abgebildet, SS und Polizei, Regierung, Administration in den besetzten Gebieten. Danach kommt man in Raum 6 und erfährt, wer vor Gericht kam, wer sich selbst tötete und so weiter. Ich muss nicht erst einmal die Biographien lesen, sondern kann über Flex-Tafeln bestimmte Quellen nach Berufsgruppen durchsuchen. Zum Beispiel auch die Wirtschaft, was hatte die deutsche Wirtschaft mit dem Holocaust zu tun? Oder die Wehrmacht? Diese war an der Wannsee-Konferenz nicht beteiligt, aber das heißt nicht, dass sie nicht in den Holocaust involviert war. </em></p>
<p><em>Bei Führungen erleben wir, dass es für Schüler:innen, auch für erwachsene Besucher:innen sehr schwierig ist, dies zu verstehen. Eine Führung dauert bei uns etwa 90 Minuten. Wir bemühen uns, von den 15 Männern wegzukommen. Das ist eine Tätergruppe, aber es gibt auch andere Tätergruppen, und wie verhalten sich verschiedene Berufsgruppen, Privatleute? Neben der Frage, wer beteiligt war, steht die Frage im Vordergrund, was man in der deutschen Gesellschaft wissen konnte. Das finden wir vor allem im Raum 7.</em></p>
<h3><strong>Eine Ressortbesprechung zum Massenmord</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Kernpunkt in Diktaturen und erst recht im Nationalsozialismus ist die Verschränkung von Staat und Partei. Es gibt inzwischen drei Filme über die Konferenz. Als ich den ersten Film sah, hatte ich als Beamter eines Ministeriums ein merkwürdiges Erlebnis. Es wird ja immer gesagt, auf der Wannsee-Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden beschlossen. So einfach war es nun doch nicht. In der Wannseekonferenz trafen sich nicht die Top-Leute des NS-Regimes, sondern die zweite oder zum Teil auch dritte Reihe. Ich sah 15 Männer, die sich in ihren jeweiligen Zuständigkeiten völlig zivilisiert über das weitere Vorgehen beim Mord an den europäischen Juden verständigten. Der eigentliche Streitpunkt war neben der Frage, wer als Jude gelten sollte und wer nicht, und der Frage nach den Rechtsgrundlagen, auf denen vor allem Wilhelm Stuckart bestand, der als <em>„Gesetzesonkel“ </em>bezeichnet wurde, die Frage der Federführung, die Reinhard Heydrich für sich beanspruchte und durchsetzte. Ist dies vermittelbar?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Das ist eine wichtige Frage. Ich sagte schon, dass ich die Ausstellung von hinten durchgehe. Ich fange mit den Filmen an. Warum braucht man drei Filme? </em>Warum ging diese Besprechung als <em>Wannsee-Konferenz</em> in die Geschichte ein und nimmt (bis heute) eine so große Bedeutung ein?<em> Die Bedeutung der Konferenz entstand im Nachhinein, manchmal mit falschen Vorstellungen. Wir enttäuschen unsere Besucher:innen immer wieder, wenn sie sehen, der Hitler war gar nicht da und das ganze dauerte etwa 90 Minuten. Ich sage immer, es geht nicht darum, dass ihr falsch liegt und ich als tolle Historikerin das besser weiß. Das Bedürfnis, den Holocaust zu verstehen, ist das eine, aber wir können ihn nicht verstehen, wenn wir nicht die Komplexität zeigen. Das war eben nicht eine einmalige und einfache und klare Entscheidung. Für unsere Besucher:innen ist es viel nachvollziehbarer, wenn es ein Datum gibt, einen Heydrich, ein Protokoll. Die meistgestellte Frage bei Führungen ist die nach dem Tisch? Warum ist der weg? Wir hatten den echten Tisch in der Ausstellung nie gehabt und wissen auch nicht, ob alle rund um einen Tisch saßen. Im dritten Film hat Peter Klein das geändert. Es gibt nicht mehr einen Tisch, sondern in T-Form zusammengestellt drei Tische. In Yad Vashem werden die Teilnehmer nicht an einem Organogramm gezeigt, sondern an einem Tisch mit Heydrich an der Spitze, Eichmann daneben gleichrangig.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Obwohl Eichmann in der Beamtenhierarchie zwei Stufen unter Heydrich stand, ein einfacher Referatsleiter, mit einem jedoch ausgesprochen großen Referat. Und auch Heydrich hatte einen Vorgesetzten.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Bei uns sieht man sehr schnell, dass Eichmann zwar der bekannteste, aber nicht der hochrangigste war. Alle anderen hatten einen höheren Rang. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es war im Grunde eine – man traut sich bei der Ungeheuerlichkeit des Gegenstands kaum es zu sagen – einfache Ressortbesprechung. Und das Referat von Eichmann, das Referat IV B 4, hatte die Aufgabe, sie vorzubereiten und zu protokollieren.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei uns war, sagte er, dass ihm die Abläufe sehr bekannt vorkämen, auch wenn man manche Begriffe selbstverständlich nicht mehr verwendet. Ich erinnere mich, als ich im Journalismus gearbeitet und Texte redigiert habe, konnte man sofort erkennen, welche Reporter einfach eine Pressemitteilung eines bestimmten Ministeriums kopiert hatten und welche sich die Mühe gemacht hatten, sie in eine einfache Sprache zu übersetzen, damit die Leser verstehen, welche Auswirkungen das für sie hat. Im Protokoll ist die Rede von einer „Besprechung“ und nicht von einer Konferenz. Die jetztige Ausstellung benutzt die Formulierung „die Besprechung am 20. Januar 1942”. Ich habe das Endlektorat für die hebräische Übersetzung des Katalogs gemacht und dabei gemerkt, dass das auf Hebräisch gar nicht funktioniert. Wenn ich „Wannsee-Konferenz“ in Anführungszeichen schreibe, ist das fast schon Geschichtsleugnung. Wir haben daher an manchen Stellen doch wieder „Wannsee-Konferenz“ geschrieben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff <em>„Wannsee-Konferenz“</em> hat natürlich auch Symbolcharakter. Ich kann mir gut vorstellen, dass dann eine <em>„Besprechung“</em> zum Euphemismus wird und den Eindruck erweckt, als wolle man gezielt die Konferenz und damit die Shoah, den Holocaust, verharmlosen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Dabei spielt auch die jeweilige Perspektive eine Rolle, aus der man auf die Wannsee-Konferenz blickt. Es ist schon ein Unterschied, ob ich aus jüdischer oder aus nicht-jüdischer Perspektive auf die Wannsee-Konferenz schaue. Aus der nicht jüdischen Perspektive ist es – ich sage es auf englisch – „state sponsored mass murder“. Unter der Schirmherrschaft des Staates, mit Beamten, mit Gesetzen, mit allem, was ein Staat so macht. Aus der jüdischen Perspektive geht es um die Totalität, bis zum letzten Juden, auch die 200 aus Albanien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben im Katalog auch die Liste mit den Zahlen der elf Millionen Juden in den verschiedenen europäischen Ländern abgedruckt. Eine ungeheuerliche Zahl, die wir heute auch im Hinblick auf die Zahl der von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordeten sechs Millionen Jüdinnen und Juden.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Maxim Biller hat bei seinem Besuch zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung sinngemäß geschrieben: „Ich war mit Rosa an dem Ort, an dem, wenn wir in den 1940er Jahren gelebt hätten, über unser Schicksal entschieden worden wäre.“ Diese Liste hat einen ganz persönlichen Bezug für Jüdinnen und Juden. Diese Ebene versuchen wir in unseren Führungen immer deutlich zu machen.</em></p>
<div id="attachment_7509" style="width: 248px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7509" class="wp-image-7509" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-200x300.jpg" alt="" width="238" height="357" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-600x899.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-1366x2048.jpg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Haus-der-Wannsee-Konferenz-Riefenstahl-Tafel-Foto-Steven-Sieberth-002-scaled.jpg 1708w" sizes="(max-width: 238px) 100vw, 238px" /><p id="caption-attachment-7509" class="wp-caption-text">Tafel mit Leni Riefenstahl als Augenzeugin einer Massenerschießung, Tafel aus einer früheren Version der Ausstellung © Steven Sieberth.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der früheren Ausstellung war ein Bild zu sehen, das Leni Riefenstahl zeigte, wie sie kurz nach dem Überfall auf Polen, schon am 12. September 1939, an einer Erschießung teilnahm. Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände und zeigte auch, dass sie log, wenn sie behauptete, sie hätte nichts von den Verbrechen der Nazis gewusst. Die drei Soldaten auf dem Bild schauen mehr oder weniger teilnahmslos, emotionslos, Blicke fast ohne jedes Gefühl, einer wirkt vielleicht skeptisch, aber nicht unbedingt erschreckt. Leni Riefenstahl hingegen schaut geradezu entsetzt. Ist das Bild noch in der Ausstellung zu sehen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em> Nein, es ist nicht mehr zu sehen. Das Bild erinnert mich an den Film „Zone of Interest“. Wenn man den Kontext kennt, stellt man sich sehr genau vor, was sie sieht, obwohl man es auf dem Bild nicht sieht. Es ist da, man weiß es. </em></p>
<h3><strong>Wer lernt was aus der Geschichte?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz hatten alle einen biederen, bürgerlichen Habitus. Wie wohl auch viele Soldaten, deren Habitus Christopher Browning oder Harald Welzer analysierten und wie wir sie auf dem Bild sehen. Ich denke dabei immer an Hannah Arendts Begriff der <em>„Banalität des Bösen“</em>, auch wenn ich wohl nie damit fertig werde, diesen Begriff zu verstehen, geschweige denn glaube, ihn jemals adäquat kommentieren zu können. Aber vielleicht passt der Begriff genau auf das, was geschehen ist. Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler darauf, die sich die Ausstellung anschauen? Viele haben möglicherweise Großeltern oder Urgroßeltern, die in der NS-Zeit zumindest als Bystander agierten, manche dieser Groß- und Urgroßeltern waren selbst Täter. Gleichzeitig haben wir die Ergebnisse der <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie/">MEMO-Studien</a>, die besagen, dass die Zahl derjenigen immer größer wird, die glauben, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern im Widerstand gewesen wären, Juden gerettet oder sonst wie aktiv gegen die Nazis aufbegehrt hätten. Hier wird nicht der Holocaust geleugnet, wohl aber die individuelle Beteiligung daran. Völlig an der Realität vorbei.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>:<em> Ich denke, man muss von den 15 Männern der Wannsee-Konferenz wegkommen und über die deutsche Gesellschaft sprechen. Was konnte man wissen, was kann man nicht wissen, wenn man es nicht wissen möchte? Wie blende ich was aus? Im Katalog ist auch ein Foto von einer Versteigerung in Lörrach. Versteigert wurden verschiedene Gegenstände von deportierten Jüdinnen und Juden aus der Stadt. Auf dem Foto sieht man viele Menschen und ich stelle immer die Frage, ob diese wissen, dass sie aufgenommen wurden? Was heißt das, wenn ich in die Kamera hineinschaue? Dann kann ich nicht sagen, dass ich nicht einverstanden bin mit dem, was da geschieht. Wie entsteht diese Empathielosigkeit? Ich habe immer das Gefühl, dass viele Jugendliche überrascht sind, wenn sie sehen, dass die Deportationen in aller Öffentlichkeit stattfanden. </em></p>
<p><em>Wir arbeiten zurzeit an dem Projekt </em><a href="https://atlas.lastseen.org/">#Last Seen</a><em>. Es geht um die Sammlung und Erschließung einer Datenbank von Bildern aus dem Deutschen Reich. Die Bilder zeigen, dass die Deportationen mit wenigen Ausnahmen am helllichten Tag stattfanden. </em></p>
<p><em>Die Schülerinnen und Schüler sind heutzutage zu jung um die Frage zu stellen, wie es in der jeweiligen Familie war. Wer soll auch die Frage beantworten? In den Bildungsangeboten kommt das in der Regel nicht vor. </em></p>
<p><em>Als wir im Projekt #LastSeen diskutiert haben, wo man im Spiel Deportationsfotos finden soll, haben wir die Rolle eines Bloggers ausgewählt. Es war klar, dass in unserer diversen und post-migrantischen Gesellschaft die Erzählung nicht über Großeltern oder Urgroßeltern in der NS-Zeit die in Deutschland lebten laufen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sprechen Sie auch die jungen Menschen an, deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren sind. Elke Gryglewski hat sich intensiv um diese Gruppe gekümmert. Was bedeutet die Shoah für sie? In der Schule denken manche Lehrkräfte, dass diese Schülerinnen und Schüler sich gar nicht dafür interessierten. Elke Gryglewski karikierte das einmal mit der Bemerkung, dass eine Lehrerin die Schülerinnen und Schüler beauftragt hätte, mal bei den Eltern oder Großeltern nachzufragen, was sie im Krieg erlebt hätten, aber dann dem türkischen Schüler gesagt habe, er müsse diese Aufgabe natürlich nicht erledigen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich hatte ein Projekt mit </em><em>Tanja Lenuweit von </em><a href="https://minor-kontor.de/team/"><em>MINOR</em></a><em> mit einer kleinen Gruppe vor allem Personen mit Fluchterfahrung. Die meisten kamen aus Syrien. Wir waren im Haus der Wannsee-Konferenz. Sie hatten großes Interesse am Thema, brauchten aber viele Grundkenntnisse. Wir haben mit einer Zeitleiste gearbeitet. Ihre erste Reaktion war, wie schnell es alles ging. Daraus dann die Frage, was heißt es, wenn die AfD Wahlen gewinnt? Sie wussten von Nazis, aber es war ihnen nicht präsent, dass es so schnell gehen konnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist es bei internationalen Gruppen?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Sehr unterschiedlich. Früher habe ich mehr auf Englisch und auf Hebräisch gearbeitet. Bei britischen Gruppen gab es ein großes Interesse für Täterbiographien. Das interessiert mich nicht so sehr, ich interessiere mich mehr für die Strukturen und Kontexte. Manchmal kommen da Fragen, der Arzt von Hitlers Mutter wäre doch Jude gewesen. Ich frage zurück, warum brauchen wir eine solche Geschichte, was steckt dahinter? Bei manchen Gruppen habe ich das Gefühl, dass ich erklären muss, warum wir uns mit Täterschaft überhaupt beschäftigen: Deutsche haben das nicht getan, weil sie Deutsche sind, sondern weil sie Menschen sind und Menschen sind dazu fähig. </em></p>
<p><em>Ich glaube, deutschen Gruppen, mit denen ich arbeite, ist nicht klar, dass das mein Ansatz ist. Die Geschichte ist unangenehm, und dass eine Ausländerin ihnen davon erzählt, ist noch einmal unangenehmer. Ich hatte einmal eine Führung im Jüdischen Museum und auf die Frage, was man von einem Jüdischen Museum erwarte, sagte jemand: „Schuldgefühle“. Ich fand es gut, dass jemand das so transparent sagte. Das ist nicht der Ansatz vom jüdischen Museum oder vom Haus der Wannsee-Konferenz – warum kommt es bei Jugendlichen so an? </em></p>
<p><em>Vor dem 7. Oktober hatte ich eine israelische Gruppe, in der ich einen Denunziationsbrief vorgelesen hatte. Aus der Gruppe kam dann die Frage, was ich wohl 1943, in einer Diktatur, von Menschen erwarte? Daraus hat sich eine spannende Diskussion entwickelt, nämlich, auf welchen Zeitraum wir den Fokus legen sollten um aus der Geschichte etwas zu lernen. Als Antwort kam von jemanden, dass wir jeden Samstag gegen den juristischen Coup der israelischen Regierung demonstrieren müssten. Dazu hatte ich nichts gesagt, aber der Transfer zu heute war da. Es waren in der Gruppe nicht alle einverstanden. Das können wir in einer solchen Führung an diesem Ort auch nicht ausdiskutieren. </em></p>
<p><em>Wir haben die Forderung „Nie wieder“. Aber was heißt das, nie wieder was? Ich lasse Gruppen den Satz manchmal vervollständigen. Dann sieht man natürlich, dass es mehr als eine Antwort darauf gibt. Wenn ich nicht weiß, was jemand darunter versteht, ist es eine leere Floskel, die eigentlich gar nichts aussagt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte ergänzen: Nie wieder wehrlos!</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Nie wieder schwach! Ist eine Option, ja. Ich habe das Gefühl, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich untereinander nach einem solchen Austausch besser verstehen.  </em></p>
<p><em>Der Gegenwartsbezug ist in Gedenkstätten ein heikles Thema. Man will etwas „aus der Geschichte für die Gegenwart lernen”, aber man muss genau hinschauen: mit welcher Motivation spricht man über die Gegenwart? Wird der Holocaust dabei relativiert oder werden problematische Vergleiche ohne Kontext herangezogen. Wenn genau in dem Augenblick, in dem ich über die sogenannte „Endlösung“ in der Ausstellung spreche, ein Hinweis auf Israel und Gaza kommt, ist es eine Abwehrreaktion, die fehl am Platz ist und die wir oft als sekundärer Antisemitismus betrachten. </em></p>
<p><em>Im besten Fall wird die Person schon von der Gruppe korrigiert. Aber solche Bemerkungen kommen vor allem von Erwachsenen, nicht von Jugendlichen. Es ist aber auch ein Phänomen, dass Jugendliche gar nicht so offen sagen, was sie denken. Viele denken, wenn sie kommen, dass von ihnen eine bestimmte Meinung oder eine bestimmte Haltung erwartet wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage stellt sich auch in der Debatte, ob Gedenkstättenbesuche in der Schule zur Pflicht werden sollen.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich bin dagegen. Man könnte es anders aufziehen. Man könnte sagen, wir beschäftigen uns mit dem Thema Nationalsozialismus, wir sind in Berlin und es gibt mehr als zehn Orte, die wir besuchen könnten. Wir entscheiden gemeinsam, welche wir besuchen. Man könnte auch sagen, wir sind vier Lehrkräfte, zwei fahren mit der einen Hälfte an einen Ort, andere an einen anderen Ort. So haben Schülerinnen und Schüler das Gefühl, dass sie gehört werden, dass sie entscheiden können, und dann tauschen sie sich darüber aus, was sie gesehen haben. Manchmal sagen Lehrkräfte auch: „Morgen haben wir ein sehr emotionales, bedeutsames Erlebnis.“ Aber sie wissen doch noch gar nicht, ob es das sein wird. Das wird im Vorhinein viel zu aufgeladen. </em></p>
<p><em>Ich hatte einmal im Jüdischen Museum eine Gruppe aus Bayern, die keine Führung zum Nationalsozialismus wollten. Diese hatte der Lehrer gebucht. Sie wollten es einfach nicht. Sie hatten das Gefühl der Übersättigung. Ich habe dann gefragt, ob sie vielleicht Interesse an einem anderen Thema hätten, zum Beispiel zum jüdischen Leben, zur jüdischen Religion. Genau das! Das wollten sie machen, das interessierte sie. Ich habe den Wunsch des Lehrers ignoriert und mit ihnen eine tolle Führung zu einem Thema gemacht, das sie selbst ausgewählt hatten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und sie erfuhren etwas, wovon sie noch nie etwas gehört hatten.</p>
<div id="attachment_7510" style="width: 417px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7510" class="wp-image-7510" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg" alt="" width="407" height="271" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Raum-7-Beteiligung-der-Gesellschaft-©-GHWK-Thomas-Bruns.jpg 1800w" sizes="(max-width: 407px) 100vw, 407px" /><p id="caption-attachment-7510" class="wp-caption-text">Raum 7 Beteiligung der Gesellschaft © GHWK / Thomas Bruns.</p></div>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Schule ist kein demokratischer Ort, aber wenn sie zu uns kommen, sollen sie Demokratie erleben. Wir müssen die Jugendlichen ernstnehmen, wir müssen sie beteiligen, denn dieses Wissen bedeutet Teilhabe. Ich kann manche der problematischen Diskussionen der heutigen Zeit, zum Beispiel „Remigration“ nicht verstehen, wenn ich die Geschichte nicht kenne.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel die Aberkennung der Staatsbürgerschaft, die die Nazis für Jüdinnen und Juden sehr schnell durchsetzten.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Zum Beispiel. Irgendwann sind wir nicht mehr dabei und die jungen Leute, die heute zu uns kommen, müssen die Erinnerungskultur selbst gestalten. Aber ich habe den Eindruck, dass viele sich noch nicht so recht trauen. Man muss schon länger mit ihnen arbeiten.</em></p>
<h3><strong>Nach dem 7. Oktober</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hat sich nach dem 7. Oktober in den Führungen etwas verändert?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Vor allem haben wir in unseren Gästebüchern Kommentare dazu. Im Gegensatz zu anderen Gedenkstätten, wie zum Beispiel </em><a href="https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/04/kz-gedenkstaette-sachsenhausen-oranienburg-hass-antisemitismus.html"><em>Sachsenhausen</em></a><em>, mussten wir diese nicht wegnehmen. </em></p>
<p><em>Wir diskutieren intern anders, man bereitet sich anders auf Veranstaltungen vor. </em></p>
<p><em>Wir hatten im letzten Jahr bei uns das bundesweite Gedenkstättentreffen und haben darüber diskutiert, was wir tun, wenn jetzt eine Pro-Palästina-Kampagne die Veranstaltung für ihre Proteste nutzt. Es kam aber nicht vor. </em></p>
<p><em>Es gibt Besucher:innen, die versuchen über dieses Thema mit den Kolleg:innen an der Rezeption oder der Bibliothek zu sprechen, aber das meiste läuft eigentlich anonym über die Gästebücher.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es nach Ihrem Eindruck weiter?</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Ich glaube, dass wir – zumindest in Berlin, aber wahrscheinlich auch bundesweit – zurzeit ein strukturelles Problem haben. Wir haben nicht den Raum gefunden, in dem wir über den 7. Oktober und den Krieg in Gaza sprechen können. Dann landet das bei uns. Bei den kurzen Formaten in Gedenkstätten passt dieses Thema nicht rein. Das können wir nicht alleine leisten. Das ist auch nicht der Auftrag von Gedenkstätten. Das Ergebnis sind stellvertretende Debatten. Es gibt Themen, die Lehrkräfte in der Ausbildung nicht zwingend behandeln, wie Ambiguitätstoleranz oder wie geht man mit Antisemitismus. Man muss keine Expertise im Nahostkonflikt haben, sondern Jugendlichen einen Raum geben, gehört zu werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Gedenkstätte ist nicht der Ort, an dem man über all das sprechen und diskutieren kann, das anderswo nicht gemacht wird.</p>
<p><strong>Aya Zarfati</strong>: <em>Genau das ist mein Punkt.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 30. September 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin-Wannsee,_Villa_Marlier_(1).jpg">Zufahrt zur Villa Marlier, Berlin-Wannsee</a>, Foto: Palickap, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.)<em>    </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Des génocides populaires</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Jul 2025 09:55:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Des génocides populaires Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid „Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Des génocides populaires</strong></h1>
<h2><strong>Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid</strong></h2>
<p><em>„Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es läuft auch nicht auf die Behauptung hinaus, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden sei ein Thema, mit dem wir abgeschlossen hätten. Es ist nicht allein der Krieg in Israel und Gaza, der augenscheinlich macht, wie absurd ein solches Schlussstrich-Denken wäre. Mehr denn je stecken wir selbst in der Geschichte der nationalsozialistischen Gewalt, ihren verheerenden Folgen und in allem fortwirkend Unaufgearbeitetem, jetzt brutal Hervorbrechenden. Die weltweit zu beobachtende Verstärkung rechtsextremen, antidemokratischen Denkens ist Warnung genug. Die wild wuchernde, gar karnevalistisch-beliebige Benutzung des Begriffs ‚Genozid‘ tritt hinzu.“ </em>(Anne Peiter im einführenden ersten Kapitel ihres Buches „Der Genozid an den Tutsi Ruandas“)</p>
<p>Anne Peiter bezieht sich in dieser Passage wie auch an vielen anderen Stellen ihres Buches auf Ruth Klügers „weiter leben – Eine Jugend“ (München, dtv, 2001). Weitere Gewährsautor:innen sind Nora Bossong mit „Schutzzone – Roman“ (Berlin, Suhrkamp, 2019). Anne Peiter verbindet in ihren Forschungen Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaften, Soziologie und Politologie, all dies auf der Grundlage literarischer Zeugnisse von Überlebenden des Genozids an den Tutsi Ruandas im Jahr 1994, die weit mehr als bloße Dokumente eines Genozids bieten und im Folgenden ausführlich beschrieben werden sollen. Wer sich an vergleichende Genozidforschung heranwagt, wird in den Analysen von Anne Peiter eine Fülle von literarischen Hinweisen finden, die ein höchst differenziertes Bild eines Menschheitsthemas erschließen helfen, gleichermaßen in Bezug auf Täter:innen, Opfer und all diejenigen, die im Nachhinein versuchen mögen, Erklärungen zu finden, die sich vielleicht doch zur Begründung eines wie auch immer gearteten „Nie wieder“ fügen ließen.</p>
<div id="attachment_7325" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7325" class="wp-image-7325 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg" alt="" width="300" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-177x142.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-200x160.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-400x320.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-600x480.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-768x615.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-800x640.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1024x819.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1200x960.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat.jpg 1271w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7325" class="wp-caption-text">Anne Peiter. Foto: privat.</p></div>
<p>Die Germanistin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> lehrt und forscht an der <a href="https://www.univ-reunion.fr/">Universität von La Réunion</a>, einem französischen Département d’outre-mer im Indischen Ozean. Sie wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und habilitierte sich in Paris an der Sorbonne Nouvelle mit der Arbeit <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4567-5/traeume-der-gewalt/">„Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismässigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien – Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg“</a> (Bielefeld, transcript, 2019). Koloniale Gewalt war auch Thema ihres gemeinsam mit der an den Universitäten Rouen und Luxemburg tätigen Kulturwissenschaftlerin <a href="https://www.uni.lu/fhse-en/people/sonja-malzner/">Sonja Malzner</a>, herausgegebenen Buches <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3753-3/der-traeger/">„Der Träger – Zu einer ‚tragenden‘ Figur der Kolonialgeschichte“</a> (Bielefeld, transcript, 2018). Gegenstand dieses Buches war die Figur des Lastenträgers. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie bei Büchner in Marburg. Gemeinsam mit <a href="https://wolframette1966.wordpress.com/publikationen/">Wolfram Ette</a> veröffentlichte sie den Band <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-ausnahmezustand-ist-der-normalzustand-nur-wahrer/">„Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer – Texte zu Corona“</a>, zur Literatur im Zeichen der Corona-Pandemie. Im Jahr 2024 folgte – ebenfalls bei Büchner – das zu Beginn zitierte Buch <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"> „Der Genozid an den Tutsi Ruandas – Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart“</a>. In ihrem nächsten Projekt befasst sie sich mit dem, was sie <em>„konfluierende Erinnerung“</em> nennt – gehen soll es um eine Zusammenschau der Shoah, des Tutsizid und der Massengewalt der Roten Khmer in Kambodscha.</p>
<h3><strong>„Tutsizid“ – ein umstrittender und dennoch angemessener Begriff</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vergleichende Genozidforschung ist eine höchst umstrittene Disziplin. Das betrifft nicht zuletzt die Rezeption des <em>„Tutsizids“</em>, eines meines Erachtens durchaus passenden Begriffs für das, was in Ruanda geschah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Der Begriff des „Tutsizids“ ist aus einem bestimmten Grund umstritten: Er unterschlage, dass nicht nur die Minderheit bei der Katastrophe des Jahres 1994 Opfer geworden sei. Es gibt Schätzungen, dass auch etwa 200.000 Hutu, die sich gegen das Regime aussprachen und engagierten, zu Opfern geworden sind. </em></p>
<div id="attachment_7326" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7326" class="wp-image-7326 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-600x879.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-699x1024.jpg 699w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-768x1126.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-800x1173.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner.jpg 1048w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7326" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild, weitere Informationen über das Titelbild auf der <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403612">Seite des Kolonialen Bildarchivs /Goethe Universität Frankfurt am Main</a>.</p></div>
<p><em>Ich glaube aber, dass der Begriff trotzdem seine Richtigkeit hat. Man muss unterscheiden zwischen einer Verfolgung, die rassistisch bedingt war, und einer Verfolgung, die politischen Motiven folgte. Es wäre sonst so, als wenn man die Shoah mit der Ermordung von Kommunisten und Sozialisten durch die Nationalsozialisten zusammenwerfen würde. Auch dort nimmt man eine kategoriale Trennung vor. Genau dies tue ich, indem ich das Wort „Tutsizid“ als Variante von „Genozid“ einführe. </em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine bestimmte Form von Negationismus, die das spezifische Schicksal der Tutsi in Abrede zu stellen versucht. Der Begriff ist meines Erachtens nützlich, um solchen negationistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Dieser Negationismus unterscheidet sich allerdings vom Negationismus gegenüber der Shoah. Niemand sagt, es habe diese Massaker in Ruanda nicht gegeben, aber es wird behauptet, die Tutsi hätten ihrerseits einen Genozid an den Hutu begangen. Dies nennt man die These vom „doppelten Genozid“. Den Opfern wird eine Verantwortung an den Massakern zugeschrieben. Damit ist nicht gesagt, dass es gegen Ende des Genozids an den Tutsi nicht zu einzelnen Racheaktionen der Tutsi gekommen wäre. Es ist extrem kompliziert, weil sich diese auch im Rahmen eines Bürgerkriegs vollzogen. Es entspricht jedoch nicht der Wahrheit, dass es zwei Genozide gegeben hätte. Mit diesem Argument versuchen Täter, ihre eigene Verantwortung in Abrede zu stellen. Insofern verteidige ich den Begriff des „Tutsizids“, allerdings mit dem Hinweis, dass auch Hutu zu Opfern werden konnten und auch tatsächlich zu Opfern geworden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerte ich in diesem Kontext die Rückkehr der Tutsi, nicht zuletzt von Paul Kagame, der inzwischen seit etwa 30 Jahren in Ruanda regiert? Paul Kagame mischt sich unter anderem in Auseinandersetzungen im benachbarten Kongo ein, indem er die dortige Rebellengruppe M 23 militärisch unterstützt. Er regiert ausgesprochen autoritär.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ich muss gestehen, dass die Zusammenhänge in Nord- und Süd-Kivu meine Kompetenzen übersteigen. Das ist ein höchst komplexes Feld, sodass ich mich dazu nicht äußern möchte. Mir fällt jedoch auf, dass dieser Krieg in Le Monde und in anderen Zeitungen auf Fragen des Zugangs zu Rohstoffen reduziert wird. Der Genozid kommt in der Berichterstattung über diesen Krieg praktisch nicht vor. Das ist wiederum eine problematische Leerstelle. Es gibt durchaus in Ruanda die Angst, dass die Vernichtungspläne vom Kongo aus fortgesetzt werden könnten. </em></p>
<p><em>Offensichtlich ist, dass Paul Kagame vom Typus genau dem Bild entspricht, das gemeinhin auf die Tutsi angewendet wurde: Groß gewachsen, schlank, mit einer in den USA erfolgten Ausbildung. Auch da ließen sich Verschwörungserzählungen anheften. Zugleich ist klar, dass es sich bei Kagames Regime um ein Regime handelt, in dem rechtsstaatliche Prinzipien nicht respektiert werden. Die Idee, die auch in Deutschland zirkuliert, Ruanda sei der „Phönix“, der aus der „genozidalen Asche“ erstanden sei, muss als hochproblematisch bezeichnet werden. Gleichzeitig muss man sagen, dass in einer ersten Phase der Regierung Kagame die Aufgabe darin bestand, die Genozidäre daran zu hindern, ihr Vorhaben fortzusetzen, und dass die Regierung versuchen musste, als Minderheit eine Kontrolle über die Täter auszuüben und zu einer Rechtsprechung zu finden, die wenigstens in Ansätzen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen könnte. Diese Machtfragen muss man bei der Beurteilung der Situation in Rechnung stellen. </em></p>
<h3><strong>Konfluierende Zeugnisse in der Literatur – ein kurzer Überblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 30 Jahre sind ja auch keine lange Zeit. Was 30 Jahre bedeuten oder nicht bedeuten, sollten wir in Deutschland nach 1945 und nach 1989 eigentlich wissen. Ängste können lange nachwirken, es gibt einen eigenen Forschungszweig, der sich mit dem Thema des Traumatransfers in der zweiten und in weiteren Generationen befasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst als Literaturwissenschaftlerin. Sie präsentieren und analysieren eine Fülle von literarischen Quellen, von denen mich manche an Quellen zur Shoah erinnern. Diesen Eindruck erhalte ich auch, wenn ich Ihre Aufsätze zum Thema lese. Ich darf zwei Beispiele nennen: „Genozid und antichronologisches Erzählen – Zum Konzept der ‚extremen Grundlosigkeit‘ in autobiographischen Texten von überlebenden Tutsi und Juden“ (in: Julia Seeberger, Sabine Schmolinsky, Markus Vinzent, Hg., <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111157610/html">Beyond the timeline – Resetting historiography</a>, Berlin, Boston, De Gruyter, 2024) oder „Gedenkbrücken – Über den Austausch zwischen Überlebenden der Shoah und des Tutsizids in Ruanda“ (in: <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/publikationen/ZfG_Velbr%C3%BCck_14.html.de">Zeitschrift für Genozidforschung 23,1, 2025</a>).</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Eines meiner Anliegen ist es, die groß angelegte Literatur zum Tutsizid auch in Deutschland bekannter zu machen. In französischer Sprache gibt es einen großen Buchmarkt an Autobiographien und an fiktionalen Werken. Ich nenne beispielsweise die in Frankreich sehr bekannte </em><a href="https://scholastiquemukasonga.net/en/"><em>Scholastique Mukasonga</em></a>,<em> eine in Frankreich lebende Romanautorin, die regelmäßig mit Romanen hervortritt, die den Genozid wie auch die Vorgeschichte thematisieren. Es gibt einige wenige Übersetzungen, beispielsweise von „Notre-Dame du Nil“ (Paris, Gallimard, 2012, eine deutsche Ausgabe erschien 2014 unter dem Titel „Die heilige Jungfrau vom Nil“ im Heidelberger Verlag </em><a href="https://www.wunderhorn.de/"><em>„Das Wunderhorn“</em></a><em>).</em></p>
<p><em>Es gibt in Deutschland auch einige Bücher von </em><a href="https://www.bnf.fr/sites/default/files/2019-01/biblio_jean_hatzfeld.pdf"><em>Jean Hatzfeld</em></a><em>, eine ganz wichtige Quelle, eine Art von Kollektivbiographie, für die sowohl die Überlebenden als auch die Täter sowie die nachfolgende Generation interviewt wurden. Durch diese Interviews entsteht ein Miniaturporträt der Stadt Nyamata. Am Beispiel einiger weniger ausgesuchter Familien zeigt Hatzfeld, wie in den Familien über diese Katastrophe gesprochen wird. In seinem Buch „Là où tout se tait“ (Paris, Gallimard, 2021), das leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde, sucht er – auch in Bezug auf die Shoah – den Zugang zu Menschen, die versucht haben, Menschenleben zu retten, indem sie sich als Hutu auf die Seite der Tutsi gestellt haben. </em></p>
<p><em>In Düsseldorf lebt und arbeitet die von mir über alles geschätzte Psychotherapeutin </em><a href="https://www.genocide-alert.de/esther-mujawayo/"><em>Esther Mujawayo</em></a><em>. Sie hat im Genozid ihre drei damals noch sehr jungen Töchter retten können, aber ihren Mann und ihre Großfamilie verloren. Sie hat gemeinsam mit ihrer frankoalgerischen Freundin </em><a href="https://wordswithoutborders.org/contributors/view/souad-belhaddad/"><em>Souâd Belhaddad</em></a><em> ein sehr schönes Buch geschrieben, in dem sie ihr Erinnerungsmaterial ordnet und strukturiert. Sie berichtet als Psychotherapeutin über die Vorgeschichte, ihr Leben mit der Familie, vom Einbruch der Katastrophe und den Folgen für die Frauen. Es ist ein feministisches Buch, wie schon der Titel mit der femininen Form ankündigt: </em><a href="https://editionsdelaube.fr/catalogue_de_livres/survivantes/"><em>„SurVivantes“</em></a><em> (Paris, Editions de l‘Aube, 2004, deutsche Übersetzung: „Ein Leben mehr – Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda“, Wuppertal, Peter Hammer, 2005).</em></p>
<p><em>Darüber hinaus gibt es viele weitere Texte, die der deutschen Öffentlichkeit entgangen sind, darunter auch Kollektivprojekte. Die französische Philosophin Florence Prudhomme hat eine Schreibwerkstatt organisiert, in der sich Überlebende gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Idee war, dass das Schreiben auch einen therapeutischen Wert haben sollte. Die Schreibwerkstatt sollte durch den Austausch in der Gruppe Solidaritätsstrukturen unter den Schreibenden ermöglichen. So entstanden die </em><a href="https://www.fondationshoah.org/memoire/cahiers-de-memoire-kigali-2014-dir-florence-prudhomme"><em>„Cahiers de mémoire, Kigali, 2014“</em></a><em>. Die Quellen wurden nicht kondensiert und montiert wie bei Jean Hatzfeld, sondern es sind Texte, die von den Überlebenden selbst stammen.</em></p>
<p><em>Eine weitere kleine Autobiographie gibt es leider auch nicht in deutscher Übersetzung. Der Autor ist Révérien Rurangwa. Er war im Genozid 15 Jahre alt und lebt heute in der Schweiz, weil er auch nach dem Genozid in Ruanda von Hutu bedroht wurde. Er hat als Fünfzehnjähriger erleben müssen, wie 43 Mitglieder seiner Familie vor seinen Augen umgebracht wurden. Man hat ihn auf furchtbarste Weise verstümmelt und einfach liegen lassen, weil man dachte, er würde ohnehin sterben. Man hat ihm einen schnellen Tod verweigert. Das Buch dokumentiert, dass der Genozid eigentlich nicht überlebbar ist, wie aber der Autor trotzdem in der Erinnerung an die anderen die Pflicht sieht, weiterzuleben. Er hat schönheitschirurgische Eingriffe, die ihm sein Gesicht hätten wiedergeben können, abgelehnt, weil er sagt, dass das Gesicht, das er hat, das Gesicht sei, das ihm seine Mutter gegeben habe, und dass die Narben an seinem Körper eine Spur sind, die sich nicht mehr auslöschen lässt. Er ist selbst ein Mahnmal, mit einem ausgestochenen Auge, einer abgeschlagenen Hand. Die Evidenz der Katastrophe ist an seinem Körper abzulesen. Das Buch heißt </em><a href="https://rwandaises.com/2018/04/genocide-de-reverien-rurangwa-on-la-tue-mais-il-nest-pas-mort/"><em>„Génocidé – Récit“</em></a><em> (Paris, J’ai lu, 2006). </em></p>
<p><em>Dieses Buch hat mich besonders interessiert, weil sich darüber im Grunde auch die Kritik an einer Forschung etablieren lässt, die sich einseitig auf den Begriff der Erinnerungskonkurrenz stützt. Ich setze dem dortigen Konfligieren – also dem Konflikt – etwas entgegen, das ich Konfluieren nenne, so wie in Lyon die Flüsse Rhône und Saône zusammenfließen. Diese Confluence bedeutet nicht, dass Shoah und Tutsizid – metaphorisch gesprochen – ein einziger Fluss wären. Es gibt ganz unterschiedliche Quellen, ganz unterschiedliche Wege hin zu diesen beiden Katastrophen. Die ruandischen Überlebenden suchten selbst Vorväter und Vormütter ihrer eigenen Geschichte, um diese auf irgendeine Weise einordnen zu können. Dafür ist dieses Buch von Rurangwa äußerst interessant: Er wurde über eine jüdische Organisation in Frankreich eingeladen, sich mit Überlebenden der Shoah auf eine Reise nach Auschwitz zu begeben. Er sieht sich existenziell im Austausch mit der Katastrophe der Shoah. In seinen Lektüren interessierte er sich auch für die jüdische Geschichte – in seinem Buch ist diese häufig Thema.</em></p>
<p><em>Damit steht er nicht alleine. Esther Mujawayo dokumentiert am Ende ihres Buches ein Gespräch mit der sehr alten Simone Veil. Beide Frauen suchen ihre Gemeinsamkeiten. Dieses Anliegen lässt sich im Übrigen durch die gesamte Landschaft von Autobiographien verfolgen, vor allem von Überlebenden aus Ruanda. So ist der Kontakt zu jüdischen Organisationen leicht herzustellen. Es gibt in Frankreich auch jüngere überlebende ruandische Autorinnen und Autoren, die ganz bewusst gemeinsam mit Überlebenden der Shoah Schulen zur Aufklärung über ihre Erfahrungen besuchen. Sie versuchen, in Frankreich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das eigene Land, gerade unter François Mitterand, schuldig geworden ist, weil es nicht eingegriffen hat, auch bedingt durch die Freundschaft zwischen Mitterand und dem damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana. Esther Mujawayo und Simone Veil erlauben damit einen kritischen Blick auf die europäische Geschichte.</em></p>
<p><em>Diese kurze Liste soll einfach zeigen, dass es gut wäre, einen Austausch zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Ländern zu ermöglichen, durch den in den deutschsprachigen Ländern mehr Zugang zu den französischsprachigen Reflektionen und Dokumentationen entsteht. Dies zu befördern sehe ich als meine Aufgabe, die ich auch über mein Buch zu erfüllen versuche.</em></p>
<h3><strong>Alltagsgeschäft und Arbeitsethos im Genozid</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen die Haltung Mitterands an, der das, was in Ruanda geschah, für etwas erklärte, das dort eben zur Normalität gehörte. Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Begleitung des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler durch den Autor Hans-Christoph Buch, der eine ausschließlich Hutu-zentrierte Auffassung vertrat, Ausformung einer Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie auch in Deutschland angesichts der Popularität antisemitischer Äußerungen oder auch von manchen scheinbar Friedensbewegten im Hinblick auf den russländischen Angriffskrieg auf die Ukraine kennen.</p>
<p>Aber vielleicht sollten wir erst einmal noch etwas genauer beschreiben, was geschah. Ein erschreckendes Dokument ist zum Beispiel der Roman „Le passé devant soi“ von Gilbert Gatore (Paris, Phébus, 2006, eine deutsche Übersetzung erschien 2014 unter dem Titel „Das lärmende Schweigen“ in Berlin bei Horlemann). Auch in Ihrem Buch dokumentieren Sie das Vorgehen der Täter, die ihr Mordgeschäft wie die Arbeitszeit eines Beamten abwickelten, von 9 bis 5. Gilbert Gatore war damals 13 Jahre alt. Mich erinnerten seine Beschreibungen an die Ergebnisse der Forschungen von Christopher Browning oder Harald Welzer über die Täter der Shoah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Zeit von 9 bis 5 hängt auch damit zusammen, dass dies etwa den Zeiten entspricht, in denen es in Äquatornähe hell ist. Dort ist der Tag deutlich kürzer als in West- oder Nordeuropa. Das nur am Rande. Es gibt aber einen interessanten Begriff in der Forschung, auf Französisch „un génocide populaire“. Übersetzen kann man das als „ein volkstümlicher Genozid“ oder auch als „ein populärer Genozid“ im Sinne von „ein beliebter Genozid“. </em></p>
<p><em>Der Genozid hatte im Grunde zwei Hauptakteure. Zuerst wuchs der Genozid von unten. Es waren Nachbarn, Freunde, Bekannte, es war „ein Genozid der Nähe“. Es waren Menschen, die die gleiche Schulbank gedrückt hatten, die in der gleichen Kirchengemeinde gewesen waren, die sich durch ein Generationen andauerndes Leben als Nachbarn kannten. Das ist der Punkt: Wie ist es möglich, dass aus solchen Intimbeziehungen heraus die Gewalt hervorbricht?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch an Jugoslawien denken, nicht zuletzt an den <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563876/das-massaker-von-srebrenica/">Genozid vom 11. Juli 1995 in Srebenica</a>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>In Ruanda, in Srebenica, in der Shoah gab es als zweiten Punkt den Genozid von oben: Da sind diejenigen, die steuerten, die staatlichen Akteure, Polizisten, Gendarmen, die Präfekturen, ganz wesentlich auch die extremistische Hutu-Miliz, die sich Interahamwe nannten. Diese sind vielfach zu Anleitern der Gewalt geworden. Sie koordinierten, sie hatten das Radio zu ihrer Verfügung, nicht nur für Hass-Propaganda, sondern auch als Kommunikationsmittel, um zu zeigen, wo man sich gerade befand und wer prioritär zu töten sei. Sie hatten Fahrzeuge, schweres, auch modernes Gerät. Es ist somit einseitig, nur auf die Macheten als Mordwerkzeug abzuheben, wie das oft genug geschieht. Wenn man sich verschiedene Publikationen anschaut, sieht man, wie sich in der Shoah ein Topos in der Bildrhetorik abzeichnet: Stacheldraht. Es gibt praktisch kein Buchcover, dass nicht das Motiv des Stacheldrahts hervorhebt. Bei Publikationen zu Ruanda ist es wiederum die Machete, die als visuelle Erkennungsmarke fungiert. Die Machete war neben anderen Hieb- und Stichwaffen, Messern, Äxten in der Tat eine verbreitete Waffe, darunter Waffen, die auch in der Landwirtschaft verwendet wurden, auch Nagelkeulen, aber eben nicht nur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Shoah werden immer die Gaskammern und Schornsteine als Orte des Todes benannt, der holocaust by bullets, der schon vorher etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden den Tod brachte, wird weniger bedacht. Diese Einseitigkeit trug nicht zuletzt zum auch heute noch von manchen verbreiteten Mythos der angeblich unbeteiligten und unschuldigen Wehrmacht bei.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Darum geht es mir. Man darf nicht vergessen, dass die große Effizienz der Vernichtung und die extreme Schnelligkeit dadurch zustande kam, dass es neben den genannten einfachen Waffen auch Granaten und moderne Schusswaffen gab. Die Mordprofis, die in den Jahren davor schon viele Menschen getötet hatten, konnten auf dieses Gerät zurückgreifen. In Kombination mit Orten, an denen sich viele Menschen versammeln konnten, ergab sich die ungeheure Beschleunigung des Genozids. Gemordet wurde in Kirchen, in Krankenhäusern, in Schulen, in Sportstadien und so weiter. </em></p>
<p><em>Ich glaube, man muss diesen Aspekt der Morde hervorheben, weil sonst die Mordprofis aus dem Blick geraten. Das lässt sich in der Tat mit den beiden Phasen der Shoah vergleichen, der Shoah durch die Kugel auf offenem Feld und der Shoah durch das Gas in den Vernichtungslagern. Die industrielle Form der Vernichtung hat sich vor den direkten Kontakt der Täter mit den Opfern geschoben, nicht für Historiker, aber im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Auch beim Genozid in Ruanda muss man beides benennen. </em></p>
<p><em>Das ändert jedoch nichts daran, wie verstörend es ist, dass Leute, die sich kannten, in die Gewaltmaschine hineingeraten konnten. Die Beschleunigung des Genozids ergibt sich gerade auch durch diese Nähe, weil sich im Unterschied zur Shoah Identifizierungsprozesse erübrigten. In der Shoah brauchte man etwas, das Juden als Juden sichtbar machte. Raul Hilberg beschrieb die Markierung von Menschen durch Zeichen an der Kleidung, an der Haustür, durch ihre Konzentration in sogenannten „Judenhäusern“. Diese Absonderung der jüdischen Familien war in Ruanda vielfach nicht nötig. In Ruanda wusste man, ob der Nachbar Hutu oder Tutsi war. Man musste nicht mehr in die Pässe hineinschauen, in denen die Ethnie verzeichnet war. Man wusste einfach, wer leben durfte und wer nicht. Hier besteht ein großer Unterschied zwischen den beiden Genoziden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beschreiben auch Professionalisierungsprozesse. Täter berichten, dass sie ihr Werk – man könnte zynisch sagen, ihr Handwerk – von Tag zu Tag besser beherrschten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Daher ist Ihr Hinweis auf Browning gut. Im Grunde kann man da nachvollziehen, wie sich Vergemeinschaftungsprozesse durch Gewöhnung vollziehen. Es gibt einen gegebenen Rahmen, einen Befehlsrahmen. Einer der Täter sagte: „Wir gehorchten aus freiem Willen“. Ein irrer Satz. Ein solcher Satz resümiert die Ambivalenz. Es gibt auf der anderen Seite auch Täter, die sagten, dass sie mit der Zeit gar nicht mehr wussten, wie viele Menschen sie überhaupt getötet hatten. Sie hätten gar nicht mehr zählen müssen, weil sie wussten, dass es am nächsten Tag weiterging. Solche Äußerungen finden wir zum Beispiel in den Interviews, die Jean Hatzfeld mit Tätern im Gefängnis vom Rilima geführt hat. </em></p>
<p><em>Es liegt etwas Autotelisches darin. Es klingt erst einmal so einfach, aber ich glaube, es steht im Zentrum: Meine These lautet, dass, wenn ein Genozid angefangen hat, eine Eigendynamik beginnt. Und diese Eigendynamik hat damit zu tun, dass Zeugenlosigkeit hergestellt werden soll. In dem Augenblick, in dem man angefangen hat, schuldig zu sein, haben die Täter Interesse daran, dass niemand mehr da sein soll, der bezeugen kann, dass es diese Verbrechen gegeben hat. Man schafft die Verbrechen aus der Welt, indem man anstrebt, dass niemand übrigbleibt, der je davon berichten kann. Das erklärt zum Teil auch diese immense Tötungswut und die Brutalität, wie sie 1994 in Ruanda zu beobachten war.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings nicht nur diese Effizienz. Es gibt auch den Feieraspekt. Die Dorfbewohner trafen sich am Abend, um die Beute unter sich aufzuteilen. Sie führten Machtkämpfe darüber, wer das Stück Land der Ermordeten bekam, was angesichts des Landmangels in Ruanda von großer Bedeutung war. Es gibt Historiker, die den Genozid aus diesem Landmangel und der hohen Bevölkerungsdichte erklären. </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch eine Einbuße von Effizienz, wenn man mit dem Arbeiten aufgehört hat, gemeinsam feiert, gemeinsam Alkohol trinkt, das Rindfleisch von den Tieren genießt, die man den Ermordeten weggenommen hat. Manche Überlebende erklären ihr Überleben damit, dass es Täter gab, die irgendwann faul wurden, keine Lust mehr hatten, das Ganze auch zu mühsam fanden. Manche Täter beklagten sich sogar, dass die Letzten, die noch übrig waren, die Arbeit erschwerten, weil sie schneller laufen konnten, dass – im Euphemismus der Tätersprache – „die Arbeit zu anstrengend geworden war“. </em></p>
<p><em>Es ist ein vielschichtiges Bild. Es gibt auf der einen Seite dieses Arbeitsethos im Genozid, auch in Erinnerung an vorgenozidale Zeiten, als man irgendwann einmal im Monat daran mitwirken musste, kollektiv Infrastruktur herzurichten. Diese Verpflichtung zur kollektiven Arbeit übersetzte man ins Tötungsgeschäft. Es wurde zu einer Art Pflichterfüllung. Gleichzeitig gibt es Täter, die von einer Hoch-Zeit, einer feierlichen Zeit sprechen, in der sie endlich aus ihrem Alltag herauskatapultiert wurden, Dinge tun durften, die man normalerweise nicht tun durfte: Ein Ausscheren aus der Armut, ein Genuss, den man sonst so nicht gehabt hatte. </em></p>
<h3><strong>Morden vor aller Augen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine Spuren hinterlassen – das ist ein gängiges Verhalten von Menschen, die ein Verbrechen begehen wollen und es dann auch in die Tat umsetzen. In der Shoah fuhren einerseits die Transporte in die Vernichtungslager fast bis zum letzten Tag pünktlich und verlässlich, andererseits versuchten die SS und ihre Helfershelfer mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, indem sie Massengräber aushoben und versuchten, alle Spuren zu vernichten. Lager wurden geräumt, inhaftierte Menschen auf Todesmärsche geschickt. Die Nazis wussten sehr genau, was sie getan hatten und taten, aber sie hatten ihre Pläne eben nicht vollständig umsetzen können.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Dies ließe sich zu Ruanda ebenso sagen. Ein Unterschied zwischen dem Tutsizid und der Shoah liegt jedoch darin, dass es in Ruanda keinerlei Geheimhaltung gab. Das heißt nicht, dass in der Shoah nicht auch offensichtlich war, was geschah. Man muss sich nur im Film von Claude Lanzmann ansehen, was die polnischen Bauern sagen, die ihre Felder unmittelbar neben den Vernichtungslagern hatten. Es war auch offensichtlich, wenn die Nachbarn im eigenen Haus verschwanden. </em></p>
<p><em>Ich habe das in Bezug auf Mauthausen untersucht. Dort beschwerte sich eine Anwohnerin oberhalb der Steinbrüche, man möge doch damit aufhören, tagelang Erschossene und Agonisierende vor ihrem Wohnzimmerfenster abzulegen. Sie bat die SS auf dem Umweg über die örtliche Polizei, die Tötungen etwas versteckter zu veranstalten, damit sie sie nicht sehen musste. </em></p>
<p><em>Natürlich ist Geheimhaltung in Bezug auf die Shoah ein sehr relatives Konzept. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede. In Ruanda wurde vor den Augen aller getötet. Auch Kinder sollten zuschauen, es wurden keine Anstalten getroffen, um das Ganze vor möglichen anderen Zuschauern, zum Beispiel aus dem Ausland, zu verbergen. Man ging allerdings auch davon aus, dass es keine Journalisten mehr im Land gäbe, die die Morde bezeugen könnten. Es fand alles auf offener Straße statt, eben nicht in Lagern.</em></p>
<p><em>Die Ambivalenz, die Sie eben im Hinblick auf die SS beschrieben, lässt sich auch in Ruanda beobachten. Auf der einen Seite muss man sich für den Juli 1994 ein Land vorstellen, das mit Leichen bedeckt war. Die Graphic Novel </em><a href="https://arenes.fr/livre/la-fantaisie-des-dieux/"><em>„La fantaisie des dieux“</em></a><em> des Figaro-Journalisten Patrick de Saint-Exupéry thematisiert das. Der Zeichner zeigt Flüsse voller Leichen. Auf der anderen Seite zeigen die Autobiographien von Überlebenden, wie unendliches und erschreckendes Leid entstand, weil die Leichen von Angehörigen nicht gefunden werden konnten. Opfer wurden oft in Latrinen verscharrt. Das sind nicht kleine Gebilde, sondern metergroße Gruben, die oft hinter den Häusern ausgehoben worden waren. Mit dieser Form der Leichenbeseitigung wollten die Täter zwei Ziele erreichen, erstens eine totale Herabwürdigung der Opfer über den Tod hinaus, zweitens die Unmöglichkeit für die Überlebenden, ihre Angehörigen christlich und würdig zu begraben. </em></p>
<p><em>Das Leid, das aus vielen Autobiographien spricht, zeigt sich auch während der Gaçaça, den Laiengerichten, die versuchten, so etwas wie Gerechtigkeit zu schaffen. In den Gaçaça ging es oft darum, ob die Täter bereit waren, den Ort zu zeigen, an dem die Ermordeten lagen, oder ob sie nicht dazu bereit waren. Das war der Schlüssel, um die Ernsthaftigkeit eines Bedauerns oder gar einer Entschuldigung zu ermessen. Auch in der Leichenverbergung gibt es eben diese Ambivalenz, die Sie bei der Shoah erkennen. Einerseits wurde offen ausgestellt, andererseits wurden Spuren verwischt, als Zeichen der Macht über den Genozid hinaus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einäscherung eines Toten ist im Judentum nicht zulässig. Das Verbrennen der Ermordeten in den Krematorien war auch als weitere Entwürdigung gedacht.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Hier ist jedoch im Hinblick auf Ruanda auch ein Unterschied zur Shoah festzustellen. Es gibt keinen Genozid der Asche, wie man es nach Paul Celans „Todesfuge“ nennen könnte. Im Sommer 1994 war offensichtlich, was passiert war. Das Land war fast menschenleer, die Hutu waren geflohen und man fand Unmengen von Leichen, auch weil man an vielen Orten die Leichen einfach liegen ließ. Kirchen, Schulen, sehr berühmt die Schule von Murambi, wurden belassen, wie man sie vorgefunden hatte. Man sah die Leichen nicht nur, man roch sie und der Geruch war so stark, dass der Besuch fast unmöglich war. Dahinter stand die Idee, dass man denjenigen, die an diese Orte kommen, zeigt, was evident ist. Über Jahrzehnte zuvor wurde die Gewalt gegen die Tutsi geleugnet, die Täter, die schon vor dem Massaker gemordet hatten, waren nicht bestraft worden. Man wollte die Evidenzen belassen und diese so ausstellen, sodass niemand sein Auge abwenden konnte. Das war die erste Phase.</em></p>
<p><em>Dann kamen Kontakte auch nach Yad Vashem zustande. Berater aus Israel reisten nach Ruanda und versuchten die Regierung dabei zu unterstützen, Gedenkorte zu schaffen. Man versuchte, von der Masse der Toten wegzukommen, nicht mehr allein auf den Schrecken zu setzen und stattdessen die Körper zu begraben, an würdigen Orten zusammenzuführen. Auch das ist ein Beispiel für das Konfluierende im Genozid, das ich zeigen möchte. Ich hoffe, dass dies auch in Deutschland bedacht wird. Ich befinde mich mit meinem Buch immer wieder in einer zwiespältigen Situation. So manche Akteure aus den postkolonialen Studien mögen mich nicht besonders. Die Ignoranz gegenüber dem, was in Ruanda geschah, ist so groß, dass deutlich darüber gesprochen werden müsste.</em></p>
<h3><strong>Juristische Aufarbeitung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Frantz Fanon beschreibt in „Les damnés de la terre“ seine Begegnung als Psychiater mit dem Täter und mit dem Opfer einer Folterung. Dies ist meines Erachtens die Ursituation. Aber es gibt nicht nur die überlebenden Täter und Opfer, sondern auch die nachfolgenden Generationen. In Deutschland habe ich wahrgenommen, dass die Gaçaça-Gerichte, in anderen Ländern Wahrheitskommissionen, beispielsweise in Südafrika, und ähnliche Einrichtungen als vorbildlich wahrgenommen wurden. Ich kann mir das so nicht vorstellen. Ich sehe in diesen Einrichtungen eher große Hilflosigkeit, weil der Staat kaum Möglichkeiten zu haben scheint, solche Menschheitsverbrechen aufzuklären und zu bestrafen.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das ist ein ganz großes und schwieriges Thema. Die Gaçaça-Gerichte sind eine Reaktion auch auf die Langsamkeit und die engen Grenzen, die dem </em><a href="https://unictr.irmct.org/"><em>Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda</em></a><em> gesetzt wurden. Man konnte dort allenfalls einige Haupttäter verurteilen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Strafgerichtshof_f%C3%BCr_Ruanda">Wikipedia-Eintrag zu diesem Strafgerichtshof</a> nennt 93 Anklagen und 62 Urteile in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das betrifft auch die ruandische Justiz. Die Gerichte, die in Ruanda von professionellen Richtern geführt wurden, hätten einen unendlichen Zeitraum in Anspruch genommen. Im Grunde ist die Entscheidung für die Laiengerichte eine pragmatische Entscheidung. Mit der Zeit sind Hutu ebenso wie Tutsi, die sich im Exil befunden hatten, wieder nach Ruanda zurückgekehrt, und damit mussten Täter und Opfer wieder Tür an Tür leben. Sie waren wieder in der gleichen Situation wie vor dem Genozid. Sie waren wieder Nachbarn! Das musste man irgendwie lebbar machen. Die Idee war, dass man die völlig überfüllten Gefängnisse, die auch in keiner Weise humanitären Standards entsprachen, leeren musste. Man musste dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder in Gang kam, dass das Land nicht weiter im Zusammenbruch verharrte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke an Konrad Adenauer, dem der Satz zugeschrieben wird, dass man schmutziges Wasser nehmen müsse, wenn man kein sauberes habe.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ja, genau dies. Das lässt sich gut übertragen. Die Gaçaça waren für die Überlebenden eine ungeheure Zumutung. Es lief darauf hinaus, dass Täter auch mit Lippenbekenntnissen, kleinen Andeutungen des Bedauerns, ihre Strafen deutlich reduzieren konnten, wenn sie nicht sogar ganz straffrei blieben. Das war für die Überlebenden ein Schmerz sondergleichen, auch verbunden mit Angst, denn aussagebereiten Überlebenden wurde gedroht, dass man sie ermorden werde.</em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite sind die Gaçaça ein pragmatischer Versuch, der notwendig scheitern musste, aber dennoch nötig blieb. Die ruandische Gesellschaft hatte letztlich keine Wahl. Die Tutsi konnten nicht alle ins Ausland gehen, sich nicht alle eine neue Heimat suchen. Die Hutu mussten irgendwie versuchen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Da kam es zu Reibungen, zu einem Sich-Zurückziehen, gerade bei Überlebenden. Das kann man bei Esther Mujawayo sehr gut nachlesen. Sie sagt, dass die konkrete, auch die materielle Hilfe für verwitwete Frauen und für ihre Kinder im Vordergrund stand und dass sie sich selbst in die Fragen der Rechtsprechung gar nicht einmischen wollte. Sie war nicht bereit, als Zeugin oder als engagierte Überlebende ihr Wort gelten zu machen. Das ist die eine Position. Eine andere formuliert Révérien Ruwanga. Er sagt, dass es ohne Prozesse kein Zusammenleben geben könne. Ohne eine juristische Aufarbeitung könne nicht ermessen werden, was der Genozid wirklich bedeutet hat.</em></p>
<h3><strong>Frankreich und Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen bereits die denkwürdige Positionierung von Mitterand an. In Deutschland hatten wir – ich sage es einmal so – den wohlmeinenden Bundespräsidenten Horst Köhler, der sich unter anderem von Hans-Christoph Buch beeinflussen ließ. Man fragt sich ohnehin, welche Ahnung die Berater im Bundespräsidialamt von der gesamten Geschichte hatten. Möglicherweise fand dort ein Referent zufällig einen Text von Hans-Christoph Buch und dachte, mehr brauche er nicht, um den Bundespräsidenten auf seine Reise vorzubereiten. Hinzu kommen viele Stimmen aus der antikolonialistischen und antiimperialistischen Szene. Sie erwähnen in Ihrem Buch unter anderem ein Erlebnis aus Berlin, wo aus dieser Szene behauptet wurde, dass es einen Genozid von Schwarzen an Schwarzen gar nicht geben könne. Mörder wären immer nur die <em>weißen</em> Kolonisatoren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Mit solchen Aussagen bin ich immer wieder konfrontiert worden.</em> <em>Ich war schon naiv. Ich habe mir das Thema nie unter dem Blickwinkel eines Schwarzen Rassismus angesehen, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass hier Menschen Menschen getötet haben. Für mich steht außer Zweifel, dass es sich in Ruanda um ein rassistisches System handelte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Tutsi wurden umgebracht, weil sie Tutsi waren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Es gab nur den Grund der Geburt. </em></p>
<p><em>Mitterand ist ein interessanter Fall, der inzwischen auch in der französischen Öffentlichkeit aufgearbeitet wird. Emmanuel Macron hat 2019 eine Historikerkommission damit beauftragt sich mit der „opération turquoise“ auseinanderzusetzen, aber auch mit dem Verhalten von Mitterand und der französischen Diplomatie und französischen Kooperationsprojekten im Vorfeld des Genozids. Wichtige Experten wurden zwar nicht in die Kommission berufen, was zu großem Aufruhr führte, doch </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-in-ruanda-blutige-spur-in-den-elysee-palast-1.3592390"><em>der Bericht der Kommission</em></a><em> ist von großer Härte und Klarheit. Er umfasst über 1.000 Seiten und stellt klar, dass nicht nur die französische Diplomatie versagt hatte, sondern dass auch Mitterand selbst und sein Sohn freundschaftliche Verbindungen zum ruandischen Präsidenten unterhielten. Um der Verteidigung der Frankophonie willen sei es nötig gewesen, die Bevölkerungsmehrheit der Hutu zu unterstützen. Mitterand betrachtete die Tutsi, die in der ruandischen Diaspora im Ausland tätig waren, als Gefahr, weil sie häufig zur englischen Sprache gewechselt waren. Ihm erschienen daher die Hutu im Interesse Frankreichs als verlässlicher. Es steht fest, dass Mitterand warnende Stimmen, die es durchaus gegeben hatte, ignoriert hat. Darunter war zum Beispiel der beeindruckende französische Historiker </em><a href="https://histoirecoloniale.net/passe-colonial-le-devoir-d/"><em>Jean-Pierre Chrétien</em></a><em>, ein Kenner der Länder rund um die großen afrikanischen Seen und der ruandischen Geschichte. </em></p>
<p><em>Besonders schockierend wird dies, wenn man bedenkt, dass der Genozid in dem Jahr stattfand, in dem der 50. Jahrestag der Landung der US-amerikanischen Truppen in der Normandie gefeiert wurde. Es gibt Aufnahmen von Mitterand in </em><a href="https://www.visitlimousin.com/centre-de-la-memoire-doradour-sur-glane/"><em>Oradour-sur-Glane</em></a><em>, wo die SS die Menschen eines ganzen Dorfes ermordet hatte. Mitterand sagte direkt zum Thema des Genozids, dies dürfe nie wieder geschehen. Er merkte jedoch nicht, was zeitgleich in Ruanda geschah. Ähnlich bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie. Dies wurde in der französischen Gesellschaft lange unter den Tisch gekehrt, aber das ändert sich. Dies ist der Zivilgesellschaft zu verdanken, aber auch der Historikerkommission, die sich nicht hat einschüchtern lassen. Die schon genannte Graphic Novel von Patrick de Saint-Exupéry „La fantasie des dieux“ beginnt mit Mitterand, der sich wie ein Pontius Pilatus die Hände in Unschuld wäscht, aber gleichzeitig die Erinnerung an die Shoah hoch zu halten vorgibt. Das ist einer der Gründe, warum mir eine vergleichende Genozidforschung so wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch deshalb ist Ihr Buch so verdienstvoll. Ich nenne eine Auswahl von vier Genoziden, die eigentlich unbestritten als solche anerkannt werden müssten, die Shoah, der Tutsizid, der Genozid an den Armenieren, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Genozide – hier ist der Plural angebracht – an den Êzîden</a>. Heutzutage wird der Begriff des Genozids jedoch zunehmend missbraucht, nicht nur in Bezug auf Israels Vorgehen in Gaza, zuletzt mit Trumps unsäglicher Äußerung, es gäbe einen Genozid an der weißen Bevölkerung Südafrikas.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Wir erleben eine Inflation des Begriffs. Ich denke, wir müssen abwägend argumentieren. Aber es ist ein Problem, dass dieses Abwägen, das Sprechen in Nuancen oft gar nicht mehr gewünscht wird. Hier passt ein Blick auf das Verhalten von Horst Köhler. Es ist nun nicht so, dass dieser unglückliche Präsident gar nichts verstanden hätte. Er hatte mit der Zeit schon begriffen, dass es bei der Positionierung von Hans-Christoph Buch ein Problem gab, erst recht, nachdem dieser in der Frankfurter Rundschau auch gegen den Bundespräsidenten polemisierte, weil er den ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Deutschland empfangen hatte. </em></p>
<p><em>Sicherlich war Horst Köhler schlecht beraten. Die interessantere Figur ist jedoch Hans-Christoph Buch, weil sich bei ihm die deutsche Kolonialgeschichte mit einem misogynen Blick auf ruandische Frauen fortsetzt. Mit einem widerlich heroisierenden Männlichkeitsblick beschreibt er sein Verhältnis mit seiner ruandischen Dolmetscherin, eine überlebende Tutsi, die mehrfach vergewaltigt worden war. Die Frau sagte, sie könne seit diesem Erlebnis Sexualkontakte nur noch als Gewalt wahrnehmen. Hans-Christoph Buch hält es für nötig zu erklären, dass er sich in diesem Moment sexuell erregt fühlte. Dabei blieb es nicht: Das Schockierende ist, dass er auch die angeblich tolle Nacht beschreibt, die er mit dieser Frau verbracht habe, in Missachtung dessen, dass sie ausdrücklich gesagt hatte, dass sie keine Sexualkontakte wünsche. Das ist meines Erachtens eine Schlüsselszene, die bekannter werden müsste, um die erforderliche Distanz zu all dem zu gewinnen, was Hans-Christoph Buch zur Kolonialgeschichte beizutragen vorgibt. Als junge Doktorandin habe ich ihn einmal bei einer Lesung erlebt und konnte ihn mit seinem Männlichkeitswahn damals schon nicht ertragen.</em></p>
<p><em>Alles, was man etwa um 1900 in deutschen Büchern zur Kolonialgeschichte lesen kann, wird von Hans-Christoph Buch geradezu Wort für Wort reproduziert, auch dadurch, dass er sich an einem bestimmten Buch ausrichtet, das im Jahr 1904 erschien: </em><a href="https://archive.org/details/caputnilieineemp00kanduoft"><em>„Caput Nili – Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils“</em></a><em> von Richard Kandt, dessen problematische Position er in keiner Weise begreift. Was er schreibt, ist ein Abklatsch davon. Hans-Christoph Buch beruft sich auf seine Augenzeugenschaft eines Massakers, das Tutsi an Hutu begingen. Dieses Massaker hat es wirklich gegeben. Es steht nicht in Frage, dass hier etwas Grauenvolles geschah. Das Problem liegt woanders. Seine Erfahrung muss für Buch so traumatisierend gewirkt haben, dass es ihm nicht mehr gelang, die gesamte Gewaltgeschichte zu sehen und Abstand von negationistischen Thesen zu finden, deren Vertreter er dann schließlich auch wurde. Er geht ausschließlich von seiner persönlichen Erfahrung aus und verliert die Geschichte des Genozids damit aus dem Blick. </em></p>
<p><em>Hans-Christoph Buch ist aber auch ein Beispiel dafür, wie gering die Kenntnisse über Ruanda in der deutschen Presselandschaft ausgeprägt sind. Ich habe in meinem Buch versucht, die „Tribalisierung“ Afrikas in der deutschen Presse zu beschreiben. Dieses Wort muss unbedingt in Anführungszeichen gesetzt werden. Afrika habe keine eigene Geschichte, es gebe immer nur Kriege zwischen „Stämmen“, der „Blutrausch“ liege den Afrikanern „im Blut“. So sagte es ja auch Mitterand. Im Spiegel findet man im Jahr 1973, einem Jahr der Höhepunkte der Gewalt in Ruanda, als viele Schüler und Studenten betroffen waren, einen Bericht, in dem von den „Kurzen“ und den „Langen“ die Rede ist. Die „Langen“ sind die Tutsi, die „Kurzen“ die Hutu. Das sind die gängigen rassistischen Klischees.</em></p>
<h3><strong>Ethnifizierung </strong></h3>
<div id="attachment_7381" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11489176"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7381" class="wp-image-7381 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7381" class="wp-caption-text">&#8222;Riesen und Zwerge&#8220;. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie dokumentieren, dass die Kolonisatoren die Tutsi als <em>weiße</em> Schwarze (sie verwendeten natürlich ein anderes Wort) bezeichneten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Kolonisatoren waren voller Bewunderung für die Tutsi, die sie damals vorfanden. Sie meinten, das könnten doch unmöglich Afrikaner sein. Man erfand ihnen eine andere Herkunft. Man hatte mit diesem Aussehen und den Besonderheiten der Kultur und Regierungsform nicht gerechnet und musste nun eine Erklärung finden, die dem eigenen rassistischen Weltbild entsprach. Jean-Pierre Chrétien sagt, dass die Identität der Tutsi, wie sie ihnen die Europäer zuschrieben, schon festgestanden habe, bevor es zu dem Erstkontakt gekommen war. Der Hamiten-Mythos habe vorgezeichnet, wie die Kolonisatoren die ruandische Bevölkerung wahrnehmen würden. </em></p>
<p><em>Tutsi hieß eigentlich nur „Hirte sein“. Eine ethnische Bedeutung gab es nicht. Es war die Bezeichnung einer Berufsgruppe, die man auch verlassen konnte. Insofern stellt sich die Frage, wie die deutschen Kolonisatoren zu einer künstlichen Ethnifizierung der ruandischen Gesellschaft und der späteren Rassifizierung beigetragen haben, die in den Ethnien etwas Naturgegebenes sah. </em></p>
<p><em>Mich ärgert, dass man das Wort „Ethnie“ unkritisch weiter benutzt. Ich glaube, dass man nicht nur vom N-Wort sprechen sollte, sondern dass es vielleicht sogar wichtiger wäre, vom E-Wort zu sprechen. Wenn man schon mit Tabuismen sprechen will, ist dies das Schlüsselwort, das alle Gefahren in sich enthält. Es ist noch nicht der Kern des Genozids, aber der Kern der Möglichkeit einer Eskalation bis hin zum Genozid.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das E-Wort geistert ständig durch Politikerreden, unabhängig von der jeweiligen politischen Botschaft. Und zurzeit erleben wir in Deutschland eine Debatte, ob der Volksbegriff im Grundgesetz ethnisch definiert wäre. Das Gefährliche ist die dahinterstehende Geisteshaltung.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das Wort „Ethnie“ ist in Ruanda verboten. Aber das kann – wie im Antisemitismus – den Tutsi wieder als Bösartigkeit ausgelegt werden, indem gesagt wird, sie wollten ihre Identität nur verschleiern. Sogar, wenn man auf ethnische Begriffe verzichtet, ist auch das wieder für die Gegner ein Zeichen von Machtwillen, nicht zeigen zu wollen, zu welcher Gruppe man gehört. Auch das kann wieder in Negationismus überführt werden. </em></p>
<div id="attachment_7379" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403677"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7379" class="wp-image-7379 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7379" class="wp-caption-text">Watussi-Rinder. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs Goethe Universität Frankfurt am Main erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zeigen in Ihrem Buch das Bild einer Kuh und vermerken, dass dieses Bild eminent rassistisch sein könne.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das geht noch weiter. Die Behauptung war, die langen Hörner der Rinder der Tutsi sähen aus wie die der Rinder auf den ägyptischen Hieroglyphen. Man fand in diesen Rindern den „Beweis“, dass die Tutsi aus dem Ägypten der Pharaonen stammen und daher früh mit dem Christentum in Kontakt gewesen sein müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jetzt fehlen nur noch die zehn verschwundenen Stämme Israels</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Dazu gibt es Forschung. Eine Theorie sagt, die Tutsi wären einer der verlorenen Stämme. Es ist wichtig, die jüdische Geschichte immer wieder einzubeziehen, weil auch antisemitische Stereotype auf die Tutsi übertragen wurden. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Antisemitismus, Rassismus und dem Gedanken, die Tutsi seien die „Juden Afrikas“, die eigentlich schon vor langer Zeit die Chance gehabt haben müssten, zu einer Art Proto-Christen zu werden, weil sie aus dem Raum der Bibel stammten. </em></p>
<p><em>Der Antijudaismus wird durch das biologistische Denken im 19. Jahrhundert in den rassistischen Antisemitismus überführt. Mit dem Hamiten-Mythos geschieht etwas Ähnliches. Ham ist einer der Söhne Noahs, der die Schuld auf sich geladen habe, seinen Vater nackt zu sehen und daher von Gott verurteilt worden sei. Der Versuch der Bibel-Exegese verbindet sich hier mit anthropometrischen Projekten, in denen ausgemessen wurde, wie lang „die Tutsi-Nase“ oder „der Hutu-Schädel“ sei. Dann gibt es diese abstrusen Zahlenkolonnen, Statistiken ohne Ende, in denen das verwissenschaftlicht wird. Hannah Arendt nannte dies „Wissenschafts-Aberglauben“. Und genau das ist es. Auch hier gibt es Parallelen zum modernen Antisemitismus.</em></p>
<h3><strong>„Versöhnung ist Unsinn“ (Nora Bossong in: Schutzzone)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht zum Abschluss ein Satz von Nora Bossong, deren Roman „Schutzzone“ Sie mehrfach zitieren: <em>„Versöhnung ist Unsinn“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: (denkt etwas länger über die Antwort nach). <em>Vielleicht muss man mit Paradoxien antworten. Versöhnung ist unmöglich, ist nötig, aber zwischen diesen beiden Polen hat sich die ruandische Gesellschaft eingerichtet, und das sollten wir in Deutschland wahrnehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Versöhnung als Pflichtprogramm? Mich erinnert das ein wenig an die DDR und die dortige staatsoffizielle Instrumentalisierung von Buchenwald.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das zeigt sich auch bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen in Ruanda. Die psychologische Forschung zeigt, dass Krisen in der Auseinandersetzung mit dem Genozid nicht abnehmen, sondern sich verstärken. Die Krisen werden gerade dann ausgelöst, wenn sich Überlebende zusammenfinden und einen Raum finden, in dem sie ihren Schmerz ausdrücken können. Die Präsenz der Katastrophe wird unleugbar. Daher sollte man auch nicht leichtfertig den Resilienz-Begriff benutzen, sondern den Akzent erst einmal auf das Leid setzen, dass diesen Menschen widerfahren ist, und erst dann darüber sprechen, dass das Land wieder zum Funktionieren gebracht wurde. Man darf nicht naiv optimistisch sein und einfach so tun, als wenn dies so einfach zustande gekommen sei. Die Menschen hatten einfach nicht die Wahl. Frauen waren gezwungen, fremde Kinder zu sich zu nehmen, alle mussten soziale Netzwerke ins Nichts hinein neu aufbauen. Das war nicht Zeichen einer Resilienz, sondern einer schieren Notwendigkeit. Auch Kinder haben Großes geleistet, wenn sie als ältere Geschwister für ihre jüngeren verantwortlich handelten. Esther Mujawayo schreibt, in einem Genozid stirbt nicht jemand, sondern in einem Genozid sterben <u>alle</u>. In diese Leere hinein müssen sich die Überlebenden neu erfinden. In diesem Sinne muss ich Nora Bossong vielleicht doch recht geben. Es ist ein „Zivilisationsbruch“ – wie Dan Diner es über die Shoah sagte –, und ein solcher „Zivilisationsbruch“ hat auch in Ruanda stattgefunden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir könnten jetzt beispielsweise – nur beispielsweise – mit dem Sudan fortfahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> In unserer jetzigen Zeit wäre es gut, nicht immer in Oppositionen zu denken, als wenn man sich immer klar entscheiden müsste, auf wessen Seite man stehen oder wem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. </em></p>
<p><em>Es ist das Konfluierende, man muss Dinge zusammendenken, vergleichen, auch um Unterschiede herauszustellen. Es geht nicht darum, gleichzusetzen, aber ohne das Vergleichen macht man auch das Gedenken an die Shoah steril. Aus dem Shoah-Gedenken folgt „Nie wieder Auschwitz“. 1994 war die Weltöffentlichkeit in Ruanda nicht in der Lage, dies einzulösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bundesaußenminister Joschka Fischer begründete seine Zustimmung zu den NATO-Angriffen auf Belgrad angesichts der serbischen Massaker in Srebenica und anderswo mit <em>„Nie wieder Auschwitz“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Ich folge Ruth Klüger, die schrieb, man müsse Brücken zwischen den Singularitäten bauen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 24. Juli 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nyamata_Memorial_Site_13.jpg">Nyamata Memorial Site</a>, Rwanda, © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Inisheer">Fanny Schertzer</a>, Wikimedia Commons. Für die Vermittlung des Kontakts zu Anne Peiter danke ich <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/neuzeit/krueger/team/krueger">Christine G. Krüger</a>, Universität Bonn, Autorin des Beitrags <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/versoehnerinnen">„Versöhnerinnen?“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> gemeinsam mit Victoria Fischer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Vermächtnisse der Bukowina</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 14:57:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermächtnisse der Bukowina Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger „Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermächtnisse der Bukowina</strong></h1>
<h2><strong>Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger</strong></h2>
<p><em>„Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders unterzukommen und für sich Spielräume zu (er)finden. Anders gesagt, in der Dunkelheit wird ein Danach geformt. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Prozess ohne Metaphern beschreiben kann.“ </em>(Kateryna Mishchenko, <a href="https://weiterschreiben.jetzt/texte/erste-gedanken-an-heilung/">Erste Gedanken an Heilung</a>, veröffentlicht im Oktober 2024 auf der Plattform „Weiter Schreiben“)</p>
<p>Die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">Plattform „Weiter Schreiben“</a> gibt Autor:innen, die durch Krieg und Terror ihre Heimat verloren haben, die Gelegenheit, in dem Land ihres Exils weiter zu schreiben. Kateryna Mishchenko ist Ukrainerin. Die Autorin engagiert sich unter anderem im Verlag Medusa. Sie stellt eine, vielleicht sogar <u>die</u> entscheidende Frage, die sich allen stellt, stellen müsste, die versuchen, den Schrecken von Terror und Krieg in Worte zu fassen, ihn literarisch – so heißt es empathiereduziert oft – aufzuarbeiten.</p>
<p>Die Ukraine, nicht zuletzt die West-Ukraine, ist die Heimat eines bedeutenden Teils der deutschsprachigen Literaturgeschichte, die zugleich eine Geschichte der von Jüdinnen und Juden geschriebenen Literatur ist. Ein geradezu mythisch aufgeladener Ort ist Czernowitz, nicht nur, weil Czernowitz einer der größten jüdischen Gemeinden Osteuropas Heimat war. <a href="https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/290248#:~:text=Czernowitz%20%28deutsch%20auch%20Tschernowitz%3B%20ukrainisch%20%D0%A7%D0%B5%D1%80%D0%BD%D1%96%D0%B2%D1%86%D1%96%20%2F%20Tscherniwzi%3B,Karpatenvorland%2C%20haupts%C3%A4chlich%20am%20rechten%20Ufer%20des%20Flusses%20Pruth.">Die verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens</a> spiegeln die wechselvolle Geschichte der Stadt, deutsch auch Tschernowitz, ukrainisch Чернівц / Tscherniwzi, russisch Черновцы / Tschernowzy, rumänisch Cernăuţi, polnisch Czerniowce, jiddisch טשערנאָװיץ Tschernowitz). Die Stadt liegt am Fluss Pruth in der Landschaft der Bukowina, die wiederum ein Teil des ebenso mythisch aufgeladenen Galiziens ist.</p>
<h3><strong>What Poems and Music Can Tell</strong></h3>
<p><a href="https://www.uni-saarland.de/fakultaet-p/gutenberg.html">Norbert Gutenberg</a> hat für die Edition Noack &amp; Block zwei Bände gestaltet, die einer Autorin und einem Autor gewidmet sind, die in der Bukowina, in Czernowitz aufgewachsen sind: Paul Antschel, bekannt als Paul Celan, und Selma Meerbaum-Eisinger. Beide schrieben in deutscher Sprache, beide repräsentieren eine mit der Shoah zerstörte Kultur, die deutschsprachige jüdische Kultur in Osteuropa.</p>
<p>Paul Celan überlebte die Shoah und wurde zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker, Selma Meerbaum-Eisinger erlebte nach ihrem frühen tragischen Tod im Lager Michailowka ihre Wiederentdeckung nicht mehr, gehört aber nach einer aufregenden Überlieferungs- und Publikationsgeschichte zu den berühmten in deutscher Sprache schreibenden Autorinnen und Autoren der Bukowina. Wer mehr über die Biographien von Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger wissen möchte, greife zu den bei Hentrich &amp; Hentrich erscheinenden „Jüdischen Miniaturen“. Helmut Braun schrieb das Buch <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-helmut-braun.html">„Selma Meerbaum – ‚Ich will nicht sterben‘“</a>, Gernot Wolfram den Band <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-paul-celan.html">„Paul Celan – Der Dichter des Anderen“</a>.</p>
<p>Bevor ich im Detail auf die beiden Bände von Gutenberg eingehe, erlaube ich mir einige grundsätzlichen Überlegungen, im Anschluss an den Gedanken von Kateryna Mishchenko. Ist es möglich, über die Shoah, über einen Genozid ohne Metaphern zu schreiben oder sind Metaphern unabdingbar, um Unsagbares in irgendeiner Art lesbar und hörbar, weniger unerträglich zu machen?</p>
<p>Diese Frage belastet alle, die die Shoah in ihre Texte aufnehmen, im Übrigen weil sie wohl gar nicht anders können, als sie, wenn sie schreiben, aufzunehmen: Wie lässt sich über den Schrecken, den Terrorregime und Milizen dieser Welt verbreiten, sprechen oder schreiben? Oder müssen wir Adornos Diktum aus dem Jahr 1951 akzeptieren, nach Auschwitz wäre es <em>„barbarisch“</em>, Gedichte zu schreiben? Oder ist es doch nicht eher so, dass gerade Gedichte helfen, die Welt wieder neu zusammenzusetzen, zumindest den Anschein einer neu zusammengesetzten Welt zu erzeugen? Wolfgang Hildesheimer deutete in seinen Frankfurter Vorlesungen (Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1969) an, dass Gedichte oder kurze an Gedichte mahnende Prosaformen (unter anderem am Beispiel der „Maulwürfe“ des in seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Günter Eich) helfen könnten. Seine zweite Vorlesung überschrieb Hildesheimer mit „Das absurde Ich“: <em>„Das absurde Ich konstatiert die greifbaren Dinge in seiner Welt, es stellt Überlegungen an über ihre oft rätselvolle Funktion und definiert das eigene Verhältnis zu ihnen.“</em></p>
<p>Ein Gedicht wie „Todesfuge“ von Paul Celan, vielleicht das bekannteste Gedicht zur Shoah in deutscher Sprache überhaupt, lässt diesen Gedanken vertiefen. Eine „Fuge“ verbindet als Musikstück wie als Bauelement Unverbundenes, verschachtelt es, kittet, aber in der Verbindung mit dem „Tod“ mahnt sie als „Todesfuge“ an den Zivilisationsbruch der Shoah (Dan Diner), mit der die Welt wohl für immer aus den Fugen geraten ist. Provokativ gefragt: Gäbe es eine Zukunft für Hamlet?</p>
<p>Nicht nur für Hamlet. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Das Volk der Êzîd:innen erlitt 74 Genozide</a>. Ronya Othman sucht in ihrer Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Êzîd:innen in ihren Romanen und in ihren Gedichten einen geeigneten Modus und findet Hybride von Roman, Geschichtsbuch, Reportage und Autobiographie. Diese Mischung spiegelt die Unsicherheit, die geeignete literarische Gattung zu finden. Im Zentrum landet immer wieder das „Ich“. Es ist und bleibt in höchstem Maße persönlich. Lena Gorelik formulierte diesen Gedanken in ihrer Poetikvorlesung „Ich schreibe weil ich glaube ich bin“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2024): <em>„So wie alles, was ich schreibe, ein Text ist und es andere sind, die eine Gattung darüber legen, Roman, autofiktionaler Roman oder autobiographischer Roman, als könne man den fiktionalen Anteil mit einem Lineal vermessen, Essay, Geschichte, aber ich, ich warte einfach, bis ich diese Stimme hören kann, die Melodie. Bis ich nur noch zu tippen brauche, was die Stimme diktiert, Worte, Töne, Zwischentöne, Pausen, Lücken, den Text.“ </em>Überleben in der Literatur, im literarischen, im poetischen Schaffen?</p>
<p>Aber was kann die Kunst, was darf sie, was soll sie leisten? Peter E. Gordon stellte im New York Review of Books vom 17. Oktober 2024 in dem Essay <a href="https://www.nybooks.com/articles/2024/10/17/music-and-memory-times-echo-jeremy-eichler/">„Music and Memory”</a> ein Buch von Jeremy Eichler vor: „The Second World War, the Holocaust, and the Music of Remembrance” (Knopf, 2024). Gegenstand des Buches sind unter anderem „Ein Überlebender von Warschau“ von Arnold Schoenberg, die „Metamorphosen“ von Richard Strauss, das „War Requiem“ von Benjamin Britten und der erste Satz der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=acDDPoopgvw">13. Symphonie in B-Moll op. 113 von Dmitri Schostakowitsch</a>, der mit einem Chor beginnt, der auf einem Gedicht von Yevgeny Yevtuschenko über die Ermordung von über 33.000 Jüdinnen und Juden durch Wehrmacht und SS am 29. und 30. September 1941 in Babyn Yar beruht. Paul Celan hat dieses Gedicht ins Deutsche übersetzt: <em>„Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. Mir ist angst. Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.” </em>(zitiert nach Natan Sznaider, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/erst-wurden-die-opfer-ermordet-dann-die-erinnerung/">Erst wurden die Opfer ermordet, dann die Erinnerung – Über das Gedenken an die jüdischen Opfer in Babi Jar</a>, in: Jüdische Allgemeine 7. Oktober 2016.)</p>
<p>Peter E. Gordon schreibt: <em>„No historical interpretation, no matter how elaborate, will succeed in nailing down its meaning once and for all.” </em>Natan Sznaider stellt fest, dass Juden in der sowjetischen Erinnerung keinen Platz hatten. Katja Makhotina und Franziska Davies nannten dies eine der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">„Offenen Wunden Osteuropas“</a>, denen sie in ihrem gleichnamigen Buch nachgingen (Darmstadt, WBG Theiss, 2022). Peter E. Gordon nennt das Zeitfenster, das Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1962 nutzen konnte, in seiner Symphonie zugleich an die von den Nazis ermordeten Juden zu erinnern <u>und</u> an das sowjetische Vergessen. Aber die Aussage Adornos bleibt auf der Tagesordnung und muss stets von Neuem erörtert werden: <em>„But we must ask: Are there any limits to what art can tell? </em><em>Are some events simply too gruesome for aesthetic transfiguration? Is writing music after Auschwitz ‚barbaraic’, as Adorno famously said about poetry.” </em>Und was bleibt von Czernowitz? Czernowitz liegt heute im Westen der Ukraine. Es gibt eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">höchst aktive Germanistik in der Ukraine</a>, die nicht nur an die deutsche Sprache erinnert, sondern auch an die in der Region mit ihr verbundene jüdische Kultur. Das österreichische Außenministerium fördert diese Erinnerung, in Deutschland weiß man davon nur unter Spezialist:innen.</p>
<h3><strong>Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah</strong></h3>
<p>Metaphern, Bilder, Allegorien – all dies sollen Schüler:innen im Deutschunterricht analysieren, aber damit landen sie in einer literarischen Sackgasse. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich im Deutschunterricht zu Beginn der 1970er Jahre, als Gymnasiast in der Oberstufe, ein Gedicht, das ein Autor geschrieben hatte, von dem meine Mitschüler und ich damals nicht mehr wussten als dass er dieses Gedicht geschrieben hatte, auf Metaphern untersuchen sollte, es war „Todesfuge“ von Paul Celan. Was hat es auf sich mit <em>„schwarze Milch“</em>, <em>„Meister aus Deutschland“</em>, <em>„Grab in den Lüften“</em>, <em>„dein aschenes Haar, Sulamith“</em>?</p>
<p>In meiner Schulzeit kamen Auschwitz, die Zeit des Nationalsozialismus, im Übrigen nicht vor. Dass <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-zeitenwandler/">Walter Scheel zum 30. Jahrestag des 8. Mai 1945</a> von <em>„Befreiung“</em> sprach, merkte kaum jemand. Erst <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/niemals-taeter/">zehn Jahre später platzierte Richard von Weizsäcker den Begriff der <em>„Befreiung“</em></a> erfolgreich in der deutschen Erinnerungskultur, allerdings noch ohne das Bekenntnis, wie viele Deutsche die Nazis bei ihrem Vernichtungswerk unterstützten. Ob mein Deutschlehrer wusste, was es mit „Todesfuge“ auf sich hatte, weiß ich nicht. Ich vermute, eher nein, oder vielleicht wollte er es als Schüler des erst spät wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Bonner Germanisten Benno von Wiese auch nicht wissen. Das Gedicht stand eben im Lesebuch, ebenso wie andere Lesebuchgedichte, die Autor oder Autorin verschwinden ließen (das Schicksal von Ingeborg Bachmanns „Reklame“ ließe sich als weiteres Beispiel nennen, auch dies ein Gedicht, in dem Schüler:innen viel zu oft etwas such(t)en, was es darin gar nicht gibt, und darüber das Eigentliche verpassen). Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass es in „Todesfuge“ keine einzige Metapher gibt, keine Allegorien. Alles ist real. Was tranken die in Auschwitz eingesperrten Menschen? Was geschah mit den Ermordeten? Wie nannten sich die SS-Aufseher? Und die <em>„Asche“</em>?</p>
<p>Die Edition Noack &amp; Bock in der Frank &amp; Timme GmbH hat – wie auch mit anderen ihrer Publikationen – den Mut, ein Buch zu veröffentlichen, das mit den vielen mysteriösen Versuchen der Interpretation von Literatur aufräumt. Sie hatte den Mut, das von Norbert Gutenberg herausgegebene Buch „Celan und die Anderen – Eine Anthologie zur <em>Todesfuge</em>“ zu veröffentlichen. Das Buch bietet viel mehr als der bescheidene Titel vermuten lässt. Norbert Gutenberg war Professor für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung an der Universität des Saarlandes. Er hat eine Einführung geschrieben, die im Titel die Begriffe <em>„Metaphern- und Sprachengeflechte“</em> nennt, die er auch in der Literatur über das Gedicht vorfand. Woher diese beiden Begriffe stammen, lässt sich – so scheint es – nicht mehr im Detail ermitteln.</p>
<p>Letztlich erinnert mich das Vorgehen von Norbert Gutenberg an Susan Sontags Essay „Against Interpretation“ sowie ihre Plädoyers, dass Krankheiten keine <em>„Metaphern“</em> sind. Krankheiten sind Krankheiten sind Krankheiten – so ließe sich vielleicht in Anlehnung an Gertrude Steins Rose sagen. Oder: Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah. Susan Sontag schrieb: <em>„Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar, bequem.“ </em>(Zitiert nach der Übersetzung von Mark W. Rien, in: Susan Sontag, Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982.) Worte verlieren Klarheit, Prägnanz, Wirklichkeit, wenn sie nur als Metaphern gelesen werden.</p>
<h3><strong>Die Singularität von „Todesfuge“</strong></h3>
<div id="attachment_6386" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/norbert-gutenberg-hg-celan-und-die-anderen/backPID/norbert-gutenberg-hg.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6386" class="wp-image-6386 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6386" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Norbert Gutenberg geht noch einen Schritt weiter. Er versteht „Todesfuge“ nicht nur als Gedicht, sondern – unter Bezug auf die Pittsburgher Komparatistin Amy-Diana Colin – auch als Kaddisch, in der Melodie erinnere „Todesfuge“ an einen Tango. Das Gedicht ermöglicht somit ein synästhetisches Erlebnis des Sprechens und Singens über die Shoah, sei aber von dem mittelalterlichen Genre des „Totentanzes“ abzugrenzen. „Todesfuge“ und andere Gedichte Celans verbänden sich im „Bezug zur Mutter Celans“: <em>„Die Todesfuge war für Celan das einzige Grabmal für seine Mutter!“</em></p>
<p>„Todesfuge“ ist – so führt Gutenberg seinen Gedankengang fort – einzigartig im Werk Celans wie im Werk zeitgenössischer Autor:innen, die sich in ihren Texten ebenfalls mit der Shoah auseinandersetzten. Gutenberg belegt die herausgehobene Stellung von „Todesfuge“ (nicht nur) im Werk von Paul Celan, indem er versucht, solche Parallelen in Gedichten von Paul Celan selbst sowie von 13 anderen internationalen Autor:innen in Tanach und Siddur zu suchen. So fand er einen anonymen Text in deutscher, englischer und französischer Sprache („Das Todestango“, „Le Tango de la Mort“, „The Deathtango“), der zwar nicht aus Auschwitz, sondern aus dem Lager Janowska bei Lemberg stammt und möglicherweise Celan inspiriert haben könnte. Nachweisbar ist dies nicht, aber plausibel. In seiner Einleitung kommentiert Gutenberg mögliche Vergleiche. Ein Beispiel: <em>„‚O die Schornsteine‘ von Nelly Sachs ist ein schlagender Beweis für die These, dass identische Erfahrungen zu zumindest ähnlichen sprachlichen Verarbeitungen führen.“ </em></p>
<p>Gutenberg teilt die Auffassung mehrerer Interpret:innen, <em>„die Shoah-Gedichte wörtlich zu nehmen: aus der gleichen Erfahrung resultieren gleiche oder ähnliche Sprachbilder.“</em> Allerdings versteht er dies nicht als Argument gegen die Singularität von „Todesfuge<em>“</em>, die Gutenberg mehrfach hervorhebt<em>: „Die zentralen Motive der Todesfuge kommen in keinem anderen Gedicht vor: die schwarze Milch, das Grab in den Lüften (nur einmal heißt es ‚das Grab in den Wolken‘), der Mann, der mit den Schlangen spielt, der Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, Margarete mit dem goldenen und Sulamith mit dem aschenen Haar.“</em></p>
<p>Drei Überschriften verwenden den Begriff <em>„Metapherngeflecht“</em>: <em>„Das bukowinische Metapherngeflecht“</em>,<em> „Das außerbukowinische Metapherngeflecht“ und „Das (nicht nur) bukowinische Sprachgeflecht“</em>, dieses mit neun Übersetzungen ins Rumänische, Ukrainische, Jiddische, Französische, Russische, Englische, Iwrit, Italienische, Portugiesische. Eine Literaturliste und Kurzbiografien der vorgestellten Autor:innen runden den inhaltlichen Teil ab.</p>
<p>Liest man „Todesfuge“ als religiösen Text, wie Gutenberg mit Amy-Diana Colin sagt, als Kaddisch, liegt auch der musikalische Gedanke nicht fern, zumindest im zu wählenden Vortragsstil, auch in der Prosodie. Diesen findet er in weiteren Texten, zum Beispiel „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz, der „Todesreigen“ von Immanuel Weißglas“ oder auch Paul Celans Gedicht „An den Wassern Babels (Chanson juive)“. Das Musikalische ist ein Modus des Sprechens, des Vortrags, es ist kein Bild, keine Metapher und schon gar keine Allegorie. Es ist kein Verweis auf die Praxis in einer Synagoge oder bei einem jüdischen Begräbnis, es ist was es ist: Ein Epitaph für sechs Millionen ermordete Juden, wie meines Erachtens sonst nur noch in Elfriede Jelineks grandios-gigantischem Roman <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-shoah-erzaehlen/">„Die Kinder der Toten“</a> gibt oder in Schostakowitschs 13. Symphonie.</p>
<p>Der Klang der Sprache: Eine Besonderheit, die Gutenbergs Buch ein Alleinstellungsmerkmal gibt, sind die Tonaufnahmen, die über QR-Codes abgerufen werden können. Auch die Links sind gelistet. Das Buch profitiert von Gutenbergs Expertise als Sprechwissenschaftler und Sprecherzieher. Mit dieser Expertise eröffnet Gutenberg einen völlig neuen Blick auf das Gedicht, denn er weiß zu vermitteln, was es bedeutet, ein solches Gedicht zu hören und wie schwer es sein mag, es überhaupt zu sprechen. Er unterscheidet den Vortrag eines Gedichtes vom Vortrag eines Theaterschauspielers. Ihm ist es gelungen, unter diesem Kriterium ausgezeichnete Sprecher:innen zu gewinnen, auch für die Übersetzungen.</p>
<p>Mit Recht kritisiert Gutenberg die Ansicht von Günter Grass, als dieser den Vortrag von Paul Celan in der Gruppe 47 im Jahr 1952 in Niendorf nicht verstand oder vielleicht auch nicht verstehen wollte. <em>„Grass erzählt von ‚priesterlicher‘ Stilisierung durch Kerzenanzünden beim Vorlesen.“</em> Ein Teilnehmer soll sogar gesagt haben, Celan lese wie Goebbels und alle hätten gelacht. Ob das stimmt, lässt sich nicht mehr überprüfen, aber die Anekdote belegt selbst wenn sie nur erfunden ist immerhin, wie Unverständnis die Gedichte Paul Celans begleitete und auch heute noch begleitet. Paul Celan war ein Außenseiter. Dass in der Gruppe 47 Menschen, die im Exil überlebt hatten, nicht sonderlich geschätzt wurden, hat <a href="https://nachtundtag.blog/">Nicole Seifert</a> in ihrem Buch „… und einige Herren sagten etwas dazu“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024), belegt.</p>
<p>Über Celans Vortragsstil schreibt Gutenberg: <em>„Diese Formhöhe der Sprache verlangt einen Sprechstil der gleichen Kategorie. Dass Celan darüber hinaus auch noch sich als Dichterorakel zelebrierte, seine Gedichte wohl auch selbst als auratisch empfand und sich gerne George-haft inszenierte, muss einen wie Grass natürlich befremdet haben. Dass er nicht versteht, dass die Celan’schen Gedichte nicht einfach sachlich abgelesen werden dürfen, sondern den hohen Ton brauchen, das ist schon irritierend. Dass aber Grass von Pathos nichts versteht, das sieht man an seiner hohlen Hymne ‚Ich singe dich, Espede.‘ Celan wäre das nicht passiert.“</em></p>
<p>Mit den letzten beiden Sätzen sind wir allerdings auch bei einem kleinen Problem des Buches. Norbert Gutenberg formuliert mitunter recht polemisch, man merkt seiner Sprache an, dass er sich über manche Einlassungen sehr geärgert haben muss. Mit Recht. Das Unverständnis und der Unwille zahlreicher Autoren der Gruppe 47 ist bekannt. Mit Autor:innen, die sich mit der Shoah auseinandersetzten oder diese gar im Exil überlebt hatten, konnten Hans-Werner Richter und Kollegen nicht viel anfangen. Deshalb sind die harten Formulierungen Norbert Gutenbergs auch angemessen. <em>„Celans Gedichte vertragen keinen sachlichen, unterkühlten, reduzierten Sprechstil; so etwas ist ihnen völlig unangemessen. Es muss nicht, z.B. bei der Todesfuge, die Art sein, wie Celan das Hymnische realisiert, aber der Klagehymnus muss erklingen.“</em></p>
<p>Ich empfehle, sich das Buch zu Hause an einen Ort zu legen, an dem man immer schnell zugreifen kann, um die darin enthaltenen Texte zu lesen und – das gehört dazu – zu hören! Dies wird den Zugang zu Paul Celans Gedicht erleichtern, nicht zuletzt auch zu ihm als Autor. „Todesfuge“ ist kein <em>„Theater“</em>, auch wenn – so Gutenberg – Schauspieler:innen beim Vorlesen von Gedichten gerne Theater spielen. <em>„Celans Stil hat damit nichts zu tun! Er mimt überhaupt nichts. Mag sein, er klingt für Heutige zu sakral, aber die Formhöhe ist für die Texte unentbehrlich. </em><em>“ </em>Wie gesagt: <em>„What Art Can Tell!”</em> Peter E. Gordon: <em>„We are strange creatures gifted with two kinds of inventiveness for killing and for creating. Our capacity for violence seems boundless, but so too our capacity for art.” </em>Realismus pur!</p>
<h3><strong>Chasak – Sei stark</strong></h3>
<div id="attachment_6387" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/selma-meerbaum-eisinger-bluetenlese-gilu/backPID/selma-meerbaum-eisinger.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6387" class="wp-image-6387 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6387" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Falle von Paul Celan stand ein einziger Text im Vordergrund, im Fall von Selma Meerbaum-Eisinger stellt Norbert Gutenberg alle Gedichte der Autorin vor. Auch dieses Buch verdient zu Hause einen herausgehobenen Platz. Die Ausgabe der Gedichte soll an den 100. Geburtstag der Autorin erinnern. Das Cover ziert die Skulptur von Selma Meerbaum-Eisinger von Wolodymyr Cisaryk, die am 7. Mai 2023 in Czernowitz enthüllt wurde. Wir sehen eine junge Frau, die ein Buch umarmt, an dem sie sich vielleicht sogar festhält, vielleicht ein Zeichen für ihr Überleben in der Literatur.</p>
<p>Gutenberg beschreibt die Unterschiede zu anderen Ausgaben. Grundlage sei für ihn das auf der Plattform von Jad Vashem vorhandene digitalisierte Original gewesen, das über einen QR-Code auch im Buch verfügbar wird. Gutenbergs Ausgabe trägt den Titel „Blütenlese – Gilu! – Alle Gedichte“. Auch in diesem Band kann man die Gedichte hören und man sollte diese Gelegenheit nutzen. Sie werden von Anabel Möbius vorgetragen, sie sich auch an dem Celan-Band beteiligt hatte. Jedem Gedicht folgt ein QR-Code.</p>
<p>Norbert Gutenberg befasst sich mit der literarischen und musikalischen Qualität der Gedichte, thematisiert aber auch den politischen Hintergrund des nationalsozialistischen Terrors. Gleich in der Einführung verweist er auf inhaltliche Diskrepanzen, die die die Gedichte Lesenden und Hörenden irritieren könnten. Es geht um das einfach klingende Wort <em>„Weh“</em>. <em>„Natürlich hat Selma mit ‚Weh‘ nicht die Shoah gemeint, sondern ihren Liebesschmerz. Aber nach ihrem eigenen Schicksal als Opfer in der Shoah kann man die Zeile nicht mehr lesen, ohne an das große jüdische Weh zu denken, und im Klang ihres Liedes hört man die Klage darüber mit.“</em> Wir wissen natürlich nicht, ob Selma Meerbaum-Eisinger in diesem Begriff nicht doch auch mehr sah als nur die Gefühle der jungen Frau, die sie nun einmal war, als sie das Gedicht schrieb. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass individuelle und über-individuelle Gefühle sich nicht miteinander vermischen. Damit ist noch nichts darüber gesagt, was die junge Dichterin empfand, als sie die Gedichte schrieb.</p>
<p>Liest man das mit „Wiegenlied“ überschriebene Gedicht, wird der mehrfache Schriftsinn in den Gedichten sehr deutlich. Dieses Gedicht ist höchst aktuell, es ließe sich auch als ein Kommentar zum 7. Oktober lesen (und war Gegenstand einer unter anderem vom Rezensenten mitgestalteten literarischen und musikalischen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">szenischen Collage zum 7. Oktober</a>, die von der nordrhein-westfälischen Antisemitismusbeauftragten gefördert wurde). Norbert Gutenberg kommentiert: <em>„Besonders das ‚Wiegenlied‘ ist erstaunlich, weil es ein völlig unromantisches Verständnis von Alija und zionistischer Siedlung dokumentiert.“ </em>Obwohl Selma Meerbaum-Eisinger wohl in ihrem Leben nie einen Araber gesehen hat, war ihr klar, dass die Jüdinnen und Juden, die nach Palästina ausgewandert waren, dort nicht in Frieden lebten. Von den Pogromen des Jahres 1936 muss sie gewusst haben. Die vierte Strophe dieses Gedichtes lautet: <em>„Sieh die Araber in weißem Gewand / sie schleichen von hinten sich an. / Bald steht das Zelt, bald die Wiege in Brand. / bald schreien Kranke im Wahn.“</em> Im Gedicht folgen Widerstand und Hoffnung: <em>„Doch nein. Dein Vater und viele mit ihm, / sie hüten dein Glück. / Sie geben für dich ihr Leben hin / und ihren letzten Blick.“ </em>In der letzten Strophe lassen der <em>„Pflug in der Hand“ </em>und die nächtliche <em>„Wacht“</em> ein gutes Ende erhoffen, ein Ende, das Selma Meerbaum-Eisinger selbst nicht erlebte.</p>
<p>Den Anspruch der zionistischen Bewegung, etwas Neues aufzubauen, sodass Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben konnten, lässt sich in dem aus dem Lager Michailowka erhalten Brief Selma Meerbaum-Eisingers an ihre Freundin Renée Abramovici finden, der mit dem Wort <em>„Chasak“</em> endet, in deutscher Übersetzung <em>„Sei stark“</em>. Dies war – wie Amy-Diana Colin in ihrem programmatisch mit „Chasak“ überschriebenen Beitrag ausführt – der <em>„Gruß der zionistischen Bewegung“</em>. An dem Gymnasium, das Selma Meerbaum-Eisinger besuchte, befand sich auch <em>„der Sitz des jiddischen sozialdemokratischen Arbeiter-Bildungsvereins ‚Morgenroit‘</em>“. Sie <em>„war auch Mitglied der zionistischen Jugendorganisation ‚Haschomer-Hazair‘“</em>.</p>
<h3><strong>Märchen, Gedichte und die Fantasie</strong></h3>
<p>Amy-Diana Colin zitiert Jürgen Serke, dessen Sammlung im <a href="https://www.verfolgte-kuenste.com/">Zentrum für verfolgte Künste in Solingen</a> zu sehen ist und der Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan zum <em>„literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz“</em> zählte. Sie referiert die mit dem grundlegenden Artikel von Jürgen Serke vom 8. Mai 1980 im „Stern“ beginnende deutsche Editionsgeschichte, das große Interesse auf der einen Seite, die Probleme, einen Verlag zu finden, auf der anderen Seite. Jürgen Serke finanzierte <em>„auf eigene Kosten einen Privatdruck in 400 Exemplaren“</em>. Nicht zuletzt sorgten mit der Zeit <em>„theatralische Aufführungen“</em> und Lesungen, vor allem von <a href="https://www.irisberben.de/">Iris Berben</a>, eine der besten Sprecherinnen deutscher Literatur, dafür, dass die Gedichte in Deutschland immer bekannter wurden.</p>
<p>Die Editionsgeschichte der Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers hat eine Vorgeschichte. Es gibt eine geradezu abenteuerliche Überlieferungsgeschichte, die Amy-Diana Colin detailliert beschreibt und in der Freundinnen eine Rolle spielten, die die Shoah überlebten, Else Schächter und Renée Abramavoci, sowie ihr Lehrer Hersch Segal, der auch der erste Herausgeber ihrer Gedichte war. Amy-Diana Colin nennt einige der Fragen, die Hersch Segal beschäftigten: <em>„Wieso schrieb eine junge jüdische Lyrikerin, die in Rumänien zur Welt gekommen war, deutsche Gedichte? Welche Rolle spielte die Dichtung und insbesondere das Schreiben deutschsprachiger Gedichte in ihrem Leben? Warum schrieb sie überhaupt deutsche Gedichte zu einer Zeit, da deutsche Nazis und rumänische Faschisten im Zuge der Besetzung ihrer Geburtsstadt fast dreitausend Juden ermordet hatten und die Überlebenden in ein Ghetto trieben, um sie von dort in die Vernichtungslager in Transnistrien zu verschleppen?“</em> Diese Fragen wären auch genau die Fragen, die sich Historiker:innen, Literaturwissenschaftler:innen, auch Künstler:innen eigentlich automatisch stellen dürften, wenn sie die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger lesen. Es geht letztlich immer um die Frage der Durchdringung des Coming of Age einer jungen Frau in einer aus den Fugen gebrachten Welt.</p>
<p>Selma Meerbaum-Eisinger war nicht einsam mit ihrem Schreiben. Der an der Universität Czernowitz lehrende Literaturwissenschaftler Petro Rychlo beschreibt in seinem Beitrag den <em>„Czernowitzer Dichterkreis“</em>, in dem sie verkehrte. Es handelte sich nicht um eine fest gefügte Organisation, sondern eher um eine informelle Form, sich untereinander auszutauschen. Es trafen sich fast ausschließlich Mädchen, aber auch Paul Antschel spielte eine tragende Rolle. Man las Gedichte, Szenen aus Dramen, trug eigene Gedichte vor. Petro Rychlo vergleicht in seiner Analyse die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan. Journalismus und Wissenschaft befassten sich nach dem erwähnten Artikel von Jürgen Serke mit Selma Meerbaum-Eisinger, wenn auch zunächst <em>„zögerlich“</em>. Immer wieder <em>„wird vor allem die frappierende Schicksalsähnlichkeit mit Anne Frank betont, aber auch Versuche unternommen, Selmas Gedichte aus dem ästhetischen und poetologischen Standpunkt her zu charakterisieren.“</em></p>
<p>Gleichviel, ob man nun Anne Frank oder Selma Meerbaum-Eisinger in den Vordergrund einer literarisch motivierten Erinnerung an die Shoah stellen mag, so bleibt auch die Frage, was mit Texten vieler anderer Frauen und Männer geschah, die nicht über die bekannten Zufälle der Nachwelt überliefert wurden. Insofern werden Anne Frank und Selma Meerbaum-Eisinger auch zu Stellvertreterinnen und Botinnen all derjenigen, die von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordet wurden. Bei Selma Meerbaum-Eisinger kommt – wie auch bei Paul Celan – hinzu, dass sie Bot:innen einer untergegangenen Kultur sind, der Kultur jüdischer Autor:innen und Künstler:innen deutscher Sprache in der Bukowina.</p>
<p>Vielleicht passt das Gedicht „Märchen“ mit seiner zweiten Strophe am besten zu diesem Gedanken: <em>„So geht wohl jedes Märchen aus. / denn sonst – ist es nicht wahr: / Einer allein in den Wind hinaus / und die Nacht ist sein Altar.“</em> Lebte sie ein Märchen? Hoffte sie auf ein Märchen? Das Märchen, das Theodor Herzl versprach, wenn Jüdinnen und Juden nur wollten, hat viele Formen, Wirklichkeit zu werden, nicht zuletzt in der Literatur. Norbert Gutenberg lässt diesen Gedanken anklingen, wenn er den wesentlichen Unterschied seiner Ausgabe zu anderen Ausgaben benennt. Amy-Diana Colin habe ihn inspiriert, <em>„Selmas Originaltitel mit dem Titel ihres chronologisch ersten Gedichts zu kombinieren: ‚Gilu‘. Das Wort bedeutet ‚Freut euch‘ und bezeichnet einen Tanz, den Selma in ihrem Text beschreibt.“</em> Eben diese Freude war vielleicht die Hoffnung, die Selma hatte, als sie ihr Manuskript bei der Deportation ihrem Freund Lejser Fichmann zusteckte.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Czernowitz_Univ_Rum%C3%A4n.jpg">Universität Czernowitz in der Zwischenkriegszeit</a>, unbekannter Fotograf. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Auf Simches: Der Tod und das Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 06:56:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Auf Simches: Der Tod und das Leben Sara Soussan zur Ausstellung „Im Angesicht des Todes“ in Frankfurt „No one here gets out alive.“ (The Doors, aus: Five to One) Jim Morrison (1943-1971) pflegte seine Neigung zum Morbiden, in Habitus, Kleidung, Melodien und Texten: „When the music’s over“. Das Ende des Lebens faszinierte ihn und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Auf Simches: Der Tod und das Leben</strong></h1>
<h2><strong>Sara Soussan zur Ausstellung „Im Angesicht des Todes“ in Frankfurt</strong></h2>
<p><em>„No one here gets out alive.“ </em>(The Doors, aus: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ABsBCEfNero">Five to One</a>)</p>
<p>Jim Morrison (1943-1971) pflegte seine Neigung zum Morbiden, in Habitus, Kleidung, Melodien und Texten: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CKw9JA66H-A">„When the music’s over“</a>. Das Ende des Lebens faszinierte ihn und seine Fans folgen ihm noch heute. Es ist daher gar nicht so weit hergeholt, dass sein erster Biograph, Jerry Hopkins (1935-2018), diese Verszeile aus „Five to One“ als Titel seiner 1980 erschienenen Biographie verwendete. Botschaft: Die unabwendbare Möglichkeit des Todes schreckt und fasziniert zugleich.</p>
<p><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/520471/vita-von-sara-soussan/">Sara Soussan</a>, Kuratorin für jüdische Gegenwaltskulturen am <a href="https://www.juedischesmuseum.de/">Jüdischen Museum Frankfurt am Main</a>, leitet das die von ihr kuratierte <a href="https://www.juedischesmuseum.de/de/besuch/detail/im-angesicht-des-todes/">Ausstellung „Im Angesicht des Todes – Blicke auf das Lebensende“</a> begleitende Buch mit eben diesem scheinbar so absolut klingenden Vers ein und schließt die Frage an, warum wir so ungern über den Tod sprechen, ihn geradezu tabuisieren. Eine Formel zur Enttabuisierung des Todes findet sie bei Scholem Alejchem (1859-1916): <em>„No matter how bad things get, you’ve got to go on living, even if it kills you.“</em> Der Tod ist nun einmal unausweichlich, aber er ist eben auch „nur“ das Ende des Lebens oder vielleicht auch nicht, sodass sich die Frage stellt: <em>„Wo fordert uns der Tod im Leben heraus?“</em> Vielleicht ist seine <em>„Omnipräsenz“</em> sogar ein Auftrag? Vielleicht ist das Leben der eigentliche Auftrag des Wissens um den Tod? <em>„Auf Simches!“ </em>So verabschieden sich Trauernde nach der Beerdigung und hoffen auf zukünftige freudige Feiern.</p>
<div id="attachment_6098" style="width: 239px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-sara-soussan.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6098" class="wp-image-6098 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-229x300.jpg" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-200x263.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-229x300.jpg 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1-400x525.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Wenzel_Angesicht-1.jpg 457w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /></a><p id="caption-attachment-6098" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“ ist die erste kulturgeschichtliche Ausstellung zu jüdischen Debatten und jüdischer Praxis im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Der aufwendig und sehr ansprechend gestaltete Begleitband erschien im Jahr 2024 in Leipzig bei <a href="https://www.hentrichhentrich.de/">Hentrich &amp; Hentrich</a> (der Band ist auch in englischer Sprache erhältlich). Er wurde von Erik Riedel, Kurator für die Kunst des 20. Jahrhunderts, Sara Soussan und Mirjam Wenzel, Direktorin des Museums herausgegeben. Ausstellung und Buch rücken die gezeigten Kunstwerke, Medien und Objekte in einen anthropologischen und philosophischen Zusammenhang. In 17 Beiträgen präsentieren Expertinnen und Experten medizinische Forschungsergebnisse, diskutieren ethische Fragen, erörtern religionsvergleichende Perspektiven zu Islam und Christentum und zeichnen nach, welche Rolle der Tod in Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte spielt.</p>
<p>Mit ihrem multiperspektivischen Ansatz eröffnen Buch und Ausstellung einen neuen Zugang zur letzten Passage des Lebens, nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für Angehörige anderer Religionen oder Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Im Einzelnen dokumentieren sie ein Interviewprojekt auf einem der jüdischen Friedhöfe in Frankfurt. Die Ausstellungsarchitektur wird über ein Interview mit <a href="https://www.yrd.works/">YRD.Work</a>  im Katalog vorgestellt. Beeindruckend und ergreifend wirkt nicht zuletzt ein Bild, ein Bild vom Gelände des am 7. Oktober 2023 überfallenen Nova-Festivals, auf dem ein DJ vor den Bildern der Ermordeten auflegt: „Wir werden wieder tanzen“ – ganz im Sinne des Tattoos von Mia Schem, die der Geiselhaft der Hamas entkam. Schließlich gibt es den von Shelly Kupferberg moderierten <a href="https://soundcloud.com/user-156352819">Podcast „Auf Simches“</a> und eine App (<a href="https://play.google.com/store/apps/details?id=juedischesmuseum.mediaguide">Android</a> beziehungsweise <a href="https://apps.apple.com/de/app/j%C3%BCdisches-museum-frankfurt/id1671538542">iphone</a>), die man sich von der Seite des Jüdischen Museums herunterladen kann, sodass die Multimedialität nicht nur in der Ausstellung selbst, sondern auch darüber hinaus deutlich wird.</p>
<h3><strong>Gegenwarten und Vergangenheiten </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie arbeiten am Jüdischen Museum in Frankfurt am Main als <em>„Kuratorin für jüdische Gegenwartskulturen“</em>. Ich denke, dass der Plural doch recht wichtig sein dürfte.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Diese Bezeichnung hat natürlich die Intention zu zeigen, dass es nicht nur eine jüdische Kultur gibt, sondern verschiedene Ausrichtungen, je nach Glaubensrichtung, je nach Region. Osteuropäisch geprägte Traditionen sind anders gefärbt als irakische oder marokkanische. Der Plural „Gegenwartskulturen“ ist eine erste Anerkennung, dass das Judentum sehr divers zu sehen ist. Im Titel steckt natürlich auch die „Gegenwart“. Es geht um gegenwärtige Ausdrucksformen. Welche Themen beschäftigen Juden zurzeit? Überregional, aber auch auf unseren Standort, auf Frankfurt bezogen? Das Jüdische Museum in Frankfurt erzählt auch die Geschichte der Juden in Frankfurt, was für Jüdinnen und Juden in Frankfurt von Belang ist, wie sie sich positionieren, Dinge wahrnehmen. Dem Museum ist es immer wichtig, die jüdische Perspektive einzunehmen, nicht den Blick von außen vorzunehmen und in Ausstellungen und Programme zu transferieren. Es geht darum, die jüdischen Perspektiven einem breiten Publikum transparenter zu machen. Das sind die „jüdischen Gegenwartskulturen“. Ich mache das seit etwa sieben Jahren, seit dem Jahr 2018.    </em></p>
<p><em>Auch in das große Projekt „Im Angesichts des Todes“ gehen Gegenwartsperspektiven ein, aber nicht nur. Unabhängig von der Ausstellung betrifft dies den Sammlungsbereich. Wir haben zeitgenössische Kunst, Kunst des 19. Jahrhunderts und Exilkunst. Ein Sammlungsbereich sind die „jüdischen Gegenwartskulturen“. Dieser Bereich befindet sich noch im Aufbau. Meine Aufgabe ist es, ihn mit entsprechenden Artefakten zu bestücken. Gegenwart ist nun sehr flüchtig, schnell wieder vorbei, es gibt Trends, die man ergreifen und begreifen möchte. Daher macht es Sinn, sich auch in die digitale Welt zu begeben. So sammele ich relativ viele sogenannte „Digital Born Objects“. Das kann ein Meme aus den Social Media sein, ein Facebook-Post, eine Webseite, Dinge, die nur digital existieren, keine Stofflichkeit haben. Dennoch bilden sie Gegenwart ab, vielleicht sogar mehr und auch schneller als dies 3-D-Objekte tun. Ich sammele Posts, die müssen inventarisiert, in die Datenbank des Museums integriert werden. Das erfordert noch einmal eine andere technische Betreuung, über die ich in ständigem Austausch mit meinen IT-Kollegen bin. Aber das ist noch ein sehr neuer Bereich.</em></p>
<div id="attachment_6117" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6117" class="wp-image-6117 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Standbild-aus-Der-Gute-Ort-Foto-Katrin-Koester-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6117" class="wp-caption-text">Standbild aus dem Interviewfilm &#8222;Der gute Ort&#8220;. Foto: Katrin Köster.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte es einmal vorsichtig so formulieren: Ohne Vergangenheiten keine Gegenwarten. Beides im Plural. Ich denke an über 3.000 Jahre Judentum, verbunden mit vielen verschiedenen Entwicklungen, mit Kontroversen innerhalb des Judentums über die Auslegung der Torah oder die zukünftige politische Ausrichtung bis hin zu Gründung und Wirklichkeit des Staates Israel, immer wieder heimgesucht durch Katastrophen, Verfolgung, Vertreibung, Pogrome, die Shoah, der 7. Oktober.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ich möchte dies am Beispiel unserer Ausstellung illustrieren. Gegenwart baut auf Historie, auf geschichtlichen Ereignissen auf, wird dadurch gefärbt, manchmal kreiert. Man kann das nicht losgelöst voneinander betrachten. Daher gibt es in der Ausstellung diesen <strong>Interviewfilm</strong>. Die Interviews zeigen, dass die Vergangenheit, dieser alte jüdische Friedhof in Frankfurt, im Bewusstsein der ganzen jüdischen Welt präsent ist und weiterhin gestaltet und geprägt wird. Das Erscheinungsbild des Friedhofs ist ja nicht nur architektonisch oder gärtnerisch geprägt, sondern auch durch die Menschen, die sich dort treffen. Hier begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Begleitband stellt Michael Lenarz, der etwa zehn Jahre lang stellvertretender Direktor des Museums war, alle 13 jüdischen Friedhöfe vor. Das Interviewprojekt fand auf dem Friedhof an der Battonnstraße statt.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Der Friedhof Battonnstraße liegt in Frankfurt mitten in der Stadt, direkt neben dem Gelände, auf dem im 15. Jahrhundert die Frankfurter Judengasse errichtet wurde, ein Zwangswohnbezirk für Jüdinnen und Juden, übrigens das älteste Ghetto Europas, älter als das venezianische Ghetto, auch wenn die Venezianer das gerne anders erzählen. Der Frankfurter Zwangswohnbezirk wurde 1462 eingerichtet, das venezianische Ghetto im Jahr 1512. Die ehemalige Frankfurter Judengasse zieht sich durch die gesamte Innenstadt. Die Fundamente sind noch vorhanden. Dies zeigte sich, als man in den 1980er Jahren ein Bürogebäude errichten wollte und auf Fundamente der Judengasse stieß. Es entbrannte eine große Diskussion. Im Ergebnis wollte man dann einige der Fundamente rekonstruieren und der Öffentlichkeit in einem kleinen Museum zugänglich machen, im Museum Judengasse. Der Friedhof Battonnstraße liegt direkt daneben, er ist jedoch älter als die Judengasse. </em></p>
<p><em>Die ältesten Gräber wurden im 13. Jahrhundert angelegt, etwa um 1260. Es ist noch dasselbe Areal, es steht aber eben noch nur ein kleiner Teil der Gräber. Es gibt nur noch einige Grabsteine, große leere Flächen, die aber alle Gräber waren. Unter den Nazis wurde der Friedhof zerschlagen, als Schuttabladeplatz verwendet. Nach dem Krieg gab es dann Versuche, den Friedhof, Grabsteine wieder zu rekonstruieren, Teile zusammenzusetzen. Der Friedhof war jedoch extrem zerstört, viele Grabsteine waren nicht mehr vorhanden. Es gibt immer wieder verschiedene Bestrebungen, nach und nach etwas über die dort begrabenen Menschen herauszufinden. Durch den Bruch der Shoah findet auf dem Friedhof natürlich kein familiäres Gedenken mehr statt. Es gibt kaum Nachfahren, die die Gräber besuchen könnten. Dieser Ort ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz ganz toter Ort. </em></p>
<p><em>Dadurch, dass dorthin Menschen kommen, Gebete sprechen, den Ort auch mit ihren Emotionen füllen, belebt sich der Friedhof wieder in der Gegenwart. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Menschen kommen von sehr weit her, bringen Leben an den eigentlich toten Ort.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ja, sie kommen aus New York, aus Israel, aus Australien. Wir wussten bei dem Interviewprojekt natürlich nicht, wer kommt. Es waren daher Stand-Up-Fragen. Wir waren da und haben gewartet. Manchmal warteten wir acht Stunden und es kam nur eine einzige Person, am nächsten Tag hatten wir nach drei Stunden bereits zehn Interviews. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Interviews sind auch nach Ende der Ausstellung hörbar?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Mit Sicherheit. Wir wissen noch nicht wie, aber es gibt ja die Website, auf der wir die Interviews platzieren können. Den Interviewfilm können wir auf youtube hochladen. Er soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Wir sind mit dem Projekt auch noch nicht fertig. Es ist ein Forschungsprojekt, nicht nur eine Projektion für die Ausstellung. Wir haben etwa 40 Interviews geführt. In dem Film kommen nicht alle zur Sprache, aber das Material ist vorhanden. Es wird in unsere Online-Sammlung eingehen, sodass Forschende es nutzen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel Studierende für ihre Bachelor- und Masterarbeiten.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Da ist einiges zu entdecken!</em></p>
<h3><strong>Vom Sterbeprozess in die kommende Welt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Ausstellung können wir im Detail die gesamte Zeitleiste – so möchte ich das einmal nennen – rund um Tod und Beerdigung verfolgen. Sie dokumentieren bildhafte Darstellungen des Todesengels, die Debatte um den Todeszeitpunkt und die Frage, was nach dem Tod geschieht, die Rolle der Beerdigungsgesellschaften, die Gebete, die gesprochen werden und widmen sich nicht zuletzt der Frage, was uns Menschen nach dem Tod in einem wie auch immer gearteten Jenseits erwartet. Interessant fand ich den ausdrücklichen Hinweis, dass im Kaddish, dem vielleicht bekanntesten mit dem Tod verbundenen Gebet, der Tod gar nicht genannt wird.</p>
<div id="attachment_6120" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6120" class="wp-image-6120 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-297x300.jpg" alt="" width="297" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-200x202.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-297x300.jpg 297w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-400x404.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-600x607.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-768x776.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-800x809.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1013x1024.jpg 1013w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1200x1213.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Else_Meidner_-Todesengel-1519x1536.jpg 1519w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /></a><p id="caption-attachment-6120" class="wp-caption-text">Else Meidner, Frauenakt mit Todesengel, um 1949, Aquarell und Kohle, 57&#215;65, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><strong> Sara Soussan</strong>: <em>Ich beginne mit dem <strong>Todesengel</strong>. Wir haben uns Gedanken gemacht, was das Erste sein sollte, das unsere Besucherinnen und Besucher sehen. Wir fanden eine gewisse Visualisierung interessant, unter der ganz einfachen Fragestellung, wie der Tod aussieht. Welche Personifizierungen gibt es? Aus der europäischen christlich geprägten Kunst kennen wir die Darstellungen eines Gerippes, den Sensenmann. In den jüdischen Darstellungen tut sich insbesondere die Haggadah hervor, die zu Pessach am Seder-Abend gesungen, durchgebetet wird, ein Sammlungsbuch mit Geschichten und Liedern, die irgendwie um den Auszug aus Ägypten kreisen. Dort gibt es zwei Stellen, an denen der Tod personifiziert auftritt. In der zehnten Plage werden die Erstgeborenen der Ägypter erschlagen. Dies geschieht nach Legenden durch den Todesengel. Es gibt darüber hinaus ein Kettenlied. Es beginnt mit einem Zicklein, das von einer Katze gefressen wird, die dann von einem Hund gefressen wird und so geht es weiter bis hin zum Todesengel, der den Schächter tötet, und dann G‘‘tt selbst, der den Todesengel tötet. </em></p>
<p><em>Wir haben viele Haggadot durchforstet, aus unserem eigenen privaten Gebrauch, aus Museen, Bibliotheken und natürlich online und haben diese zusammengetragen, ganz einfache ebenso wie Faksimiles von mittelalterlichen Haggadot-Buchillustrationen. Das Bild des Todesengels ist sehr vielfältig. Immer wieder erscheinen auch das Skelett oder Anmutungen eines Sensenmannes. Jüdische Illustrationen unterscheiden sich im europäischen Raum nicht immer unbedingt von denen der christlichen Mehrheitskultur. Diese Bilder waren eben präsent. Ein oft wiederkehrendes Motiv ist der Todesengel mit einem Schwert in der Hand. Von dem Schwert hängt ein Tropfen herab. Dies basiert auf einer talmudischen Erzählung: Der Todesengel lässt diesen Tropfen dem Sterbenden in den Mund fallen, in diesem Augenblick stirbt er. Es gibt auch Darstellungen eines Todesengels, der über den gesamten Körper mit Augen besetzt ist. </em></p>
<p><em>Engel sind ohnehin ein vielfältiges Thema. Man hat sehr schnell den verklärten Blick auf kleine speckige Babys oder ätherische Wesen. Da ist das Judentum viel deutlicher und pragmatischer. Der Todesengel ist ein Bote, auch im Sinne der griechischen Urbedeutung des Wortes „angelos“. Mit den Engeln gibt es um G‘‘tt herum eine Art Staff, der bestimmte Aufträge, verschiedene Funktionen ausführt und eben auch ausgeschickt wird, um zu töten.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke gerade an den Kampf Jakobs am Jabbok mit dem Engel. Aber wir beginnen jetzt keine theologische Debatte um die Bedeutung dieser Stelle.</p>
<div id="attachment_6114" style="width: 234px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6114" class="wp-image-6114 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-200x268.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-224x300.jpg 224w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-400x537.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-600x805.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-763x1024.jpg 763w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-768x1030.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-800x1073.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1145x1536.jpg 1145w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1200x1610.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-1526x2048.jpg 1526w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/LG_Nicholls_01-scaled.jpg 1908w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a><p id="caption-attachment-6114" class="wp-caption-text">Jacqueline Nicholls, Rebbe&#8217;s Maid, 2012, Bestickter Seidenorganza, 45x30cm, Sammlung der Künstlerin. Foto: Jacqueline Nicholls.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Das machen wir ein anderes Mal. Sie haben den <strong>Todeszeitpunkt</strong> angesprochen. Dies klang in der Erzählung des Engels mit dem Schwert und dem Tropfen bereits an. Es gibt im jüdischen Denken eine Debatte um den Todeszeitpunkt, der ja irgendwie auch festgelegt werden muss. Und es gibt einen <strong>Sterbeprozess</strong>, in dem offensichtlich ist, dass ein Mensch bald sterben wird. Jüdische Quellen sagen sehr viel zum Sterbeprozess, der ermöglicht werden soll. Im Talmud gibt es folgende Geschichte: Rabbi Jehuda ha-Nasi, der Endredakteur der Mischna, etwa im zweiten Jahrhundert, liegt im Sterben. Um ihn herum sitzt seine gesamte Gefolgschaft und betet für ihn Psalmen, wünscht sich, er möge wieder gesund werden. Dies zieht sich über Tage. Er leidet zunehmend, es geht ihm immer schlechter, aber er stirbt nicht. Die Magd, die sich im Raum befindet, beschließt zu handeln. Sie wirft ein großes Tongefäß auf den Boden. Es gibt einen großen Knall. Alle erschrecken sich und sind kurze Zeit still. In diesem Bruchteil der Sekunde kann die Seele des Rabbis entweichen. Er kann endlich sterben. Weiter wird ausgeführt, dass das Sterben an sich auch möglich gemacht werden muss. Dieses Denken findet man auch an anderen Stellen im Talmud. Wenn jemand stirbt und draußen hämmert jemand, muss man dem Einhalt gebieten, damit es den Sterbeprozess nicht stört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu dieser Geschichte und dem Bild von Jacqueline Nicholls lesen wir im Katalog das Statement von Sevim, einer Köchin: <em>„Ich habe das Bild ausgesucht, weil es so zart ist. Und weil mir die Geschichte hinter dem Bild gefällt &#8211; die Magd, die für die Erlösung ihres Rebbe betet, als sie sieht, wie sehr er leidet. Und die schließlich den Krug fallen lässt, und in dem darauffolgenden Durcheinander kann seine Seele aufsteigen in die andere Welt. Leider muss man die Geschichte kennen, um das Bild wirklich zu verstehen.&#8220; </em></p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Heute wird diese Erzählung in halachischen Diskussionen bei modernen medizin-ethischen Fragestellungen herangezogen, beispielsweise zur <strong>Frage des Hirntodes</strong>. Es gibt die traditionelle im Talmud beschriebene Festlegung, dass ein Mensch tot ist, wenn er keinen Herzschlag und keine Atemtätigkeit mehr hat. Manche Hirntote atmen noch, das Herz schlägt noch. Es war sehr schwer, eine Entscheidung zu finden, wie man diesen Hirntod eigentlich bezeichnen soll. Es war auch ein langer Weg des Austauschs unter halachischen Autoritäten. In früheren Zeiten wurde der Hirntod mehrheitlich nicht akzeptiert. Das hatte zur Folge, dass gewisse Organspenden nicht vorgenommen werden konnten. Es gibt natürlich Lebendspenden wie zum Beispiel Nierenspenden, das ist für die Halacha kein Problem, denn Lebensrettung steht über allem, sogar über der körperlichen Unversehrtheit. Aber was ist mit Totenspenden? Zum Beispiel bei einer Herztransplantation. Dafür braucht man einen Menschen, der gerade gestorben ist. Wenn der hirntote Mensch jedoch noch lebt, kann man das Herz nicht entnehmen, denn dann würde man ihn ja töten. Es wurde lange diskutiert. Vor etwa 25 oder 30 Jahren hat man sich geeinigt, nicht alle, aber es gab eine Mehrheit, auch unter strengen orthodoxen Autoritäten, dass einem Hirntoten unter Umständen Organe entnommen werden dürfen. Dies ist alles in einen ethischen Findungsprozess eingebettet, der von halachischen Autoritäten begleitet wird, damit auch sicher ist, dass ein Hirntod vorliegt.</em></p>
<p><em>Aber wie gesagt: Jüdisches Religionsgesetz und halachische Entscheidungen funktionieren nicht über „ich finde“, „mein Bauchgefühl sagt mir“, es geht immer darum, eine Verschriftlichung zu finden, auf der man die Entscheidung begründen kann. Das hat für das Thema „Hirntod“ eben lange gedauert. </em></p>
<div id="attachment_6115" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6115" class="wp-image-6115 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-300x189.jpg" alt="" width="300" height="189" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-200x126.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-300x189.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-320x202.jpg 320w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-400x252.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-600x378.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-700x441.jpg 700w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-768x484.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-800x504.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1024x645.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1200x756.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Ematai-ID-sample-verso-1536x967.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6115" class="wp-caption-text">Rückseite eines Organspendeausweises der US-amerikanischen jüdischen Organisation Ematai, auch bekannt als Halachic Organ Donor Society HODS, Kunststoff, 6,5&#215;9,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So sollte es auch bei weltlichen Juristen sein. Man muss sich schon damit beschäftigen, wie Gesetze entstanden sind. Und es gibt ethische Grundlagen wie die berühmte Radbruch’sche Formel. Unrecht kann noch so sehr in Recht gegossen werden, es bleibt Unrecht und kann und muss daher verfolgt werden.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>So wird es in der deutschen Gerichtsbarkeit ja heute auch angewandt. Manchmal mag man sich wundern, aber das ist nicht die Regel. Wir sind nicht in einer Diktatur, da sind wir noch nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und da kommen wir hoffentlich auch nicht hin.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Hoffentlich. Ich bin immer skeptischer und pessimistischer. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich in diesem Punkt auf mein kürzliches <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">viertes Gespräch mit Marina Weisband</a> verweisen. Sie sagt einiges zu diesem Thema: Es gebe nicht nur ein Morgen, sondern immer auch ein Übermorgen. Aber vielleicht passt gerade hier an dieser Stelle, dass wir über Gebete sprechen.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es gibt <strong>Gebete</strong> für den Sterbenden, die während des Sterbeprozesses gesprochen werden sollen, die auch – wenn möglich – der Sterbende sprechen soll. Wenn es nicht möglich ist, sprechen die Sterbebegleiter. Das können Rabbiner sein, aber auch Familienangehörige. Es sind Formen eines Sündenbekenntnisses, die Anerkennung von Dingen, die man falsch gemacht hat, sowie bestimmte Bekenntnisse wie beispielsweise das Schma Jisrael, dass G‘‘tt der einzige G‘‘tt ist. </em></p>
<div id="attachment_6103" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6103" class="wp-image-6103 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Begraebniskleidung-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6103" class="wp-caption-text">Traditionelle jüdische Begräbniskleidung (Tachrichim), 2024, Leinengewebe, Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz.</p></div>
<p><em>Die <strong>Beerdigungsgesellschaft, die Chewra Kadischa</strong>, begleitet manchmal bereits den Sterbeprozess. Sie kümmert sich spätestens, wenn ein Mensch gestorben ist. Es handelt sich um Vereine, Gruppierungen, die es in jeder jüdischen Gemeinde gibt, die sich darauf konzentrieren, die Beerdigung so durchzuführen, wie es sein sollte. Dazu gehört die <strong>Totenwäsche</strong>. Das ist keine hygienische Reinigung, sondern eine rituelle Reinigung. Der Leichnam wird mit Wasser übergossen und in die traditionellen <strong>Totenkleider</strong> gehüllt. Diese sind sehr schlicht gehalten, aus einem schlichten Baumwollleinen, in weiß. Es gibt kaum Nähte, nur an den Stellen, an denen die Kleidung zusammengehalten werden muss. Gleich für Frauen und für Männer. Die Idee dahinter ist, dass man nichts Materielles mitnehmen kann, sondern in eine rein geistige Welt hinübertritt, jenseits der physischen Welt. Alle sind gleich. Reichtum spielt keine Rolle mehr. Niemand kann sich mit besonders verzierten Totengewändern hervortun. Der <strong>Sarg</strong> ist ein einfacher gezimmerter Holzsarg, eine Holzkiste. Ohne Dekor, ohne Polsterungen, ohne Beschläge. Die Chewra Kadischa bereitet den Leichnam für die Beerdigung vor. </em></p>
<div id="attachment_6109" style="width: 230px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6109" class="wp-image-6109 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-400x545.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-600x818.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-751x1024.jpg 751w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-768x1047.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer-800x1091.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Kleid-mit-eingerissenem-Kragen-getragen-auf-einer-Beerdigung-2023-Privatbesitz-Foto-Herbert-Fischer.jpg 1027w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-6109" class="wp-caption-text">Kleid mit eingerissenem Kragen (Kria), 2023, Baumwollgewebe, Privatbesitz. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><em data-wp-editing="1">Die Beerdigung findet in einer <strong>Zeremonie</strong> statt. Der Sarg wird in der Friedhofshalle aufgebahrt, aber geschlossen mit einer Decke darüber. Es werden Trauerreden gehalten, manchmal auch von den Angehörigen selbst. Die anwesenden Menschen werden auch oft gefragt, ob sie noch etwas sagen möchten. Dies dient dazu, den verstorbenen Menschen zu würdigen. Dann wird der Sarg bestattet. Am Grab selbst machen die nahen Angehörigen einen <strong>Riss in ihre Kleider</strong>, oben am Revers, symbolhaft auch für die innere Zerrissenheit, die man in dem Augenblick auch fühlt. Beerdigungen sollen sehr schnell stattfinden, möglichst noch am selben Tag. Das ist hier in der Regel nicht der Fall, aber man versucht es schon schnell, vielleicht wenige Tage später. Die Trauernden sind noch in einer Schockstarre und der Riss fügt sich in dieses Gesamtbild ein. </em></p>
<p><em>Von den Hinterbliebenden wird zum ersten Mal am Grab das <strong>Kaddish</strong> gesprochen, das – wie Sie schon zu Beginn sagten – den Tod nicht erwähnt. Man lobpreist G‘‘tt. Es gibt verschiedene Formen des Kaddish, je nach Anlass. Es müssen auch immer mindestens zehn Mitbetende gemeinsam beten, der Minjan. Man spricht das Kaddish nie alleine. Es wird auch in Synagogen gesprochen, nicht nur für Trauernde, auch in bestimmten Gebetsteilen. Das Kaddish selbst ist aus der Antike überliefert und hat sich seit dieser Zeit nicht verändert. Auch der Brauch des Einreißens ist ein antiker Brauch, den wir im Tanach an mehreren Stellen finden. Ebenso der Brauch, sich Asche aufs Haupt zu streuen oder sich auf den Boden zu setzen. Einige dieser Bräuche haben sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt, wurden verändert, angepasst, haben sich aber teilweise bis heute gehalten. </em></p>
<p><em>Man setzt sich heute nicht mehr auf den Boden, aber unmittelbar an die Beerdigung schließt sich die <strong>Shivah</strong> an. Shivah ist ein hebräisches Wort und bedeutet „sieben“. Gemeint sind die sieben Trauertage, die nahe Angehörige durchlaufen und in denen sie zu Hause sind, niedriger sitzen – das ist die Anbindung an die Antike –, von Freunden, Verwandten, Gemeindemitgliedern versorgt werden, die jeden Tag kommen und im Trauerhaus einen kleinen G‘‘ttesdienst halten, in dem das Kaddish noch einmal gesagt werden kann. Nach den sieben Tagen schließen sich die <strong>Shloshim</strong> an. Shloshim ist das hebräische Wort für „dreißig“. In diesen dreißig Tagen wird noch einmal abgemildert getrauert. Man kann schon arbeiten, aber man macht zum Beispiel keine Partys. Manchmal wird schon nach dreißig Tagen der <strong>Grabstein</strong> gesetzt, je nach Tradition und Brauch, manchmal auch erst nach einem Jahr. Das ist eine kleine Zeremonie am Grab, die man halten kann, aber nicht halten muss. Das Kaddish wird im Trauerjahr durchgehend gebetet.</em></p>
<p><em>Jedes Jahr nach dem Trauerjahr, zum Todestag, findet ein Gedenken statt. Man kommt gemeinschaftlich in einem G‘‘ttesdienst zusammen, sagt dort das Kaddish. Man sagt zu den jüdischen Feiertagen ebenso gemeinschaftlich in der Synagoge ein <strong>Jiskor</strong>. Jiskor heißt „Erinnere dich“. Es ist ein Gedenkgebet, in dem auch der Name der verstorbenen Person genannt wird. Im Gebetbuch sind daher im Text an der entsprechenden Stelle drei Auslassungspünktchen notiert. Es ist ein sehr persönlich definiertes Gedenken. Dieses wiederholt sich im Jahresrhythmus. Man zündet auch im Gedenken Kerzen an, die durch das aufsteigende Licht die aufsteigende Seele der verstorbenen Person symbolisieren sollen.</em></p>
<p><em>Die aufsteigende Seele – das ist der nächste Punkt, <strong>die kommende Welt</strong>, hebräisch Olam ha-Ba. Alle Autoritäten sind sich einig, dass es eine kommende Welt gibt. Aber niemand ist sich einig, wie diese Welt aussieht. Von der Antike bis heute gibt es verschiedene Quellen, verschiedene Worte, die dafür verwendet werden. Es gibt das Sheol aus der hebräischen Welt, eine Art Unterwelt, die auch etwas unangenehm geschildert, aber nicht so genau definiert wird. Wir haben auch das Wort der Gehennah, das schon einen Anklang von Hölle hat. Allerdings kennt das Judentum das Konzept der ewigen Verdammnis nicht. Selbst wenn man annehmen möchte, dass es Höllenmomente gibt, dann sind sie temporär, Orte des Läuterns, der Besinnung oder des Sich-Auseinandersetzens, bevor man dann in die Welt der Seelen aufsteigt, die Olam ha-Neshamot, eine Welt, die wirklich g‘‘ttlich ist. </em></p>
<div id="attachment_6108" style="width: 231px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6108" class="wp-image-6108 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-221x300.jpg" alt="" width="221" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-200x272.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-221x300.jpg 221w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-400x543.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-600x815.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-754x1024.jpg 754w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-768x1043.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer-800x1086.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Rosy-Lilienfeld-Flug-gen-Himmel-nach-dem-Tode-1930-JMF-Foto-Herbert-Fischer.jpg 1031w" sizes="(max-width: 221px) 100vw, 221px" /></a><p id="caption-attachment-6108" class="wp-caption-text">Rosy Lilienfeld, Flug gen Himmel nach dem Tode, aus: Bilder zu der Legende des Baalschem (Kreis 2), 1930, Kohle auf Papier, 31&#215;22,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><em>Die Seele kehrt zu G‘‘tt zurück. So wie G‘‘tt dem aus Erde geschaffenen Menschen die Seele einhaucht, kehrt sie zu G‘‘tt zurück. In der messianischen Zeit sollen diese beiden Bestandteile eines Menschen wieder vereinigt werden. Daher gibt es im Judentum auch keine Feuerbestattung. Es wird auf der Erdbestattung bestanden, unter allen Umständen. Das Körperliche, Organische kehrt zurück in die Erde, verbindet sich dort mit ihr, während die Seele zu G‘‘tt zurückkehrt. Wenn der Messias kommt – es gibt verschiedene Schilderungen in verschiedenen Schriften –, gibt es eine ideale Welt. Es ist eine irdische Welt, nicht irgendwo in den Wolken, die aber friedlich sein wird. In dieser Welt – so die Schilderungen – werden die Toten wieder auferstehen, auf der Erde. Das ist die <strong>messianische Hoffnung</strong> – in der jüdischen Vorstellung ist der Messias noch nicht gekommen. </em></p>
<p><em>Das sind natürlich alles menschliche Vorstellungen, die in den diversen Schriften geschildert werden. Es gibt überhaupt keine Hinweise, die aus der G‘‘ttessprache kämen. Es gibt in der Torah nur einen einzigen Hinweis, in dem bei einer Person gesagt wird, dass G‘‘tt sie mitnimmt. Daraus folgern viele, dass es tatsächlich eine g‘‘ttliche Welt gibt. Das ist alles unklar, aber das ist auch – so muss ich sagen – erfrischend, dass es nicht als so nötig empfunden wird zu definieren, was nach dem Tod kommt. Es wird auf jeden Fall etwas Positives damit verbunden, für alle Menschen, auch für Nicht-Juden. Das unterscheidet das Judentum von anderen Religionen, in denen man Teil der jeweiligen Religionsgemeinschaft sein muss, um in die g’‘ttliche Nachwelt einzugehen. Im Islam muss man das Glaubensbekenntnis gesprochen haben, im Christentum muss man getauft sein. Alle anderen verfallen der ewigen Verdammnis in der Hölle. Dieses Konzept kennt das Judentum nicht. Die g‘‘ttliche Nachwelt ist auch für alle Nicht-Juden gedacht, die sich einigermaßen ethisch verhalten haben. </em></p>
<p><em>Das Erfrischende daran ist, dass man sich doch mehr auf das fokussiert, was im Leben jetzt und hier geschieht. Die Trauerrituale geschehen natürlich im Gedenken an den Verstorbenen, sie zielen auch darauf ab, die Seele zu erhöhen, aber eigentlich zielen sie alle auf den Trauerprozess ab. Es geht im Grunde um auch zeitgenössische Konzepte der Trauerbewältigung, die einen therapeutischen Effekt haben können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Mir scheint das Entscheidende, dass man das Leben ehrt…</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>…und Leben und Zukunft aktiv mitgestaltet. Das ist der eigentliche Anspruch, nicht, sich in dem zu verlieren, das kommen wird, denn das können wir im Leben ohnehin nicht klären.</em></p>
<h3><strong>Die Pflicht, Leben zu retten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Satz lautet: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“</em>. Eine grundlegende Mizwa, ein Gebot. Das betrifft gerade auch so schwierige ethische Fragen wie Sterbehilfe, Triage oder auch Suizid und Tyrannenmord.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Der Satz ist ein Zitat aus der Torah. Man ist verpflichtet, Leben zu retten. Wenn ein Mitmensch in Not, in Lebensgefahr ist, bin ich verpflichtet, alles zu tun, um ihn zu retten. Unter allen Umständen. Das hat eine große Bewandtnis auch bei medizinischen Fragestellungen wie den Organspenden. Im Grunde muss man ein Organ spenden, zum Beispiel eine Niere oder Knochenmark. </em></p>
<p><em>Ein weiteres Thema ist <strong>der assistierte Suizid</strong>, die Sterbehilfe, die zurzeit aufgrund eines Urteils des Verfassungsgerichts in Deutschland intensiv diskutiert wird. Das Verfassungsgericht hat den Gesetzgeber aufgefordert, eine Basis zu geben. Zwei Anläufe im Bundestag sind gescheitert. Im europäischen Ausland sehen wir, dass es auch anders als bei uns gehandhabt werden kann, zum Beispiel in der Schweiz. Es ist natürlich auch ein Thema, zu dem das Judentum etwas zu sagen hat. Grundsätzlich gilt, dass der Suizid der Halacha komplett widerspricht. Man wird niemanden finden, der eine Erlaubnis des Suizids aus dem Schrifttum begründen wird. Das hatte bis vor etwa 40, 50 Jahren die Konsequenz, dass jüdische Selbstmörder nur am Rande des Friedhofs beerdigt, bestimmte Trauergebete für sie nicht gesprochen wurden. Dramatisch!</em></p>
<p><em>Heute ist man dazu übergegangen, den ethischen Grundsatz heranzuziehen, dass man bei allen Entscheidungen in dem Zustand sein soll, diese Entscheidung auch treffen zu können, dass es aber durchaus Situationen geben kann, in denen Menschen nicht in der Lage sind, darüber zu entscheiden, ob sie ihr Leben beenden wollen oder nicht, weil sie schwerst depressiv sind. Ich denke, dass heutzutage kein Arzt einem schwerstdepressiven Patienten den Suizid ermöglichen wird. Schon gar nicht einem Neunzehnjährigen, der sagt, er wolle nicht mehr leben, weil ihn seine Freundin verlassen habe. Hier sind sich alle einig. Wenn es dann in einem solchen Fall zu einem Suizid kommt, kann man davon ausgehen, dass dieser Mensch nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Das heißt, dieser Mensch war krank. Diese Krankheit führte dazu, dass dieser Mensch sich das Leben nahm. Deshalb werden jüdische Selbstmörder heute ganz regulär bestattet, mit allen Gebeten, allen Ritualen. </em></p>
<p><em>Schwieriger ist es für den Sterbehelfer. Denn jemandem das Leben zu nehmen ist nach jüdischer Definition ein Mord. Das ist einfach verboten. Wir kommen jetzt in hochdramatische Fälle von schwerkranken Patienten, die sehr leiden und für die es keine Aussicht auf Heilung gibt. Da ist das Modell der Schweiz von Interesse. Was tue ich, wenn jemand sagt, er möchte diese schwerkranke Phase durch einen assistierten Suizid beenden? Zunächst muss man nach jüdischer Vorstellung alles tun, das palliativ möglich ist, um Schmerzen zu lindern und Menschen einen schmerzfreien Tod zu ermöglichen. Das geht bis hin zu hohen Morphin-Gaben. Man kann so hoch in den Dosen gehen, dass manche Sterbende nicht mehr bei Bewusstsein sind. Das ist jüdischerseits erlaubt, sogar geboten. Man muss den Schmerz nehmen, palliativ alles tun, was möglich ist, selbst, wenn es bedeutet, dass es das Leben verkürzt. Man kann das Sterben mit hoher Dosierung sogar so weit erleichtern, dass das Herz möglicherweise etwas früher stehenbleibt. </em></p>
<div id="attachment_6118" style="width: 241px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6118" class="wp-image-6118 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-231x300.jpg" alt="" width="231" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-200x260.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-231x300.jpg 231w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-400x520.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-600x781.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-768x999.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-787x1024.jpg 787w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette-800x1041.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Lilienfeld.An_dem_Totenbette.jpg 1076w" sizes="(max-width: 231px) 100vw, 231px" /></a><p id="caption-attachment-6118" class="wp-caption-text">Rosy Lilienfeld, An dem Totenbette ihres Mannes schreit eine Frau auf und der Ruf entfliegt ihrem Munde, aus: Bilder zu der Legende des Baalschem (Kreis 1), 1929, Kohle auf Papier, 31&#215;22,5 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Herbert Fischer.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Analog zur Erzählung vom zerbrochenen Tonkrug?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Ja, das ist analog zum zerbrochenen Tonkrug zu sehen. Man darf das Risiko eingehen, dass ein Mensch etwas früher stirbt, wenn er dafür schmerzfrei bleibt. Die Schmerzfreiheit ist das Gebot, das auch von strengster jüdischer Seite gesucht wird. Jetzt sind wir gar nicht mehr so weit vom assistierten Suizid entfernt. Der nach wie vor für jüdische Halachisten schwierig ist, ist der, einem Menschen eine Tablette oder eine Infusion zu geben, der sagt, er wolle nicht mehr leben. Da sind wir noch auseinander. Das ist ein meines Erachtens nur noch kleiner Konflikt, ein Graubereich. Klar ist: Die Ausschaltung des Leidens ist eine Erleichterung des Sterbeprozesses und daher geboten. </em></p>
<p><em>Wie ist es mit stark dementen Menschen, über 80 oder 85 Jahre alt, die von Familienmitgliedern angesprochen werden, sie möchten sich überlegen, ob sie wirklich dahinsiechen oder vielleicht doch ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Es wird Druck ausgeübt. Oder alte Leute sagen von selbst, sie wollten ihren Kindern nicht zur Last fallen, auch nicht in ein Pflegeheim. Diese Dinge sind aus ethischer Sicht noch nicht ausdiskutiert. Hier stellt sich die Frage, wie dafür gesorgt werden kann, dass Pflegeheime schöne Orte sind, dass alte Menschen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen müssen, dass es eine Infrastruktur für sie in der Gesellschaft gibt, ein Freundeskreis da sein kann, sodass keine Vereinsamung erfolgt. Das sind für mich eher die Punkte, auf die man sich konzentrieren soll. Man muss das Lebensfeld so gestalten, dass es lebenswert für alle ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder bei dem entscheidenden Punkt aller Debatte im Angesicht des Todes: Das Leben steht im Mittelpunkt all unseres Strebens und Bemühens. Eigentlich stünde jetzt eine große Debatte zum Thema Pflege an.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong><em>: Das müsste man eigentlich jetzt tun. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Thema, das die bisherigen Regierungen nicht so hinbekommen haben, um es mal vorsichtig zu formulieren.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Absolut.</em> <em>Das hat auch mit einer ethischen Wertsetzung zu tun. Aber anscheinend wird dies in der Gesellschaft nicht so empfunden, dass alte Leute, Menschen in schwierigen Situationen, auch vermeintlich schwierigen Situationen, in denen sie „Arbeit machen“ nicht auf den vorderen Plätzen der Prioritätenlisten stehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist vielleicht bezeichnend, dass bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer nur über die Betreuung von Kindern geredet wird, nicht aber über die Betreuung alter Menschen in der Familie.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Großeltern, Urgroßeltern werden nicht so gut beachtet, versorgt. Das führt natürlich zu Lösungssehnsüchten, auch politisch und gesellschaftlich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir diskutieren vehement über Sterbehilfe, aber wie wäre es, vehement über Lebenshilfe zu sprechen, für alle Menschen, alt und jung, egal welcher Herkunft, in welchen Lebenslagen?</p>
<div id="attachment_6106" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6106" class="wp-image-6106 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-300x204.jpg" alt="" width="300" height="204" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-600x408.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-768x522.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-800x544.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1024x696.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1200x816.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Felix-Nussbaum_Triumph-des-Todes_1944-©-Museumsquartier-Osnabrueck-Foto-Christian-Grovermann-1536x1044.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6106" class="wp-caption-text">Felix Nussbaum, Triumpf des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz), 1944, Öl auf Leinwand, 100&#215;150 cm, Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Foto: Christian Grovermann.</p></div>
<p>Aber kehren wir zurück zu dem zentralen Satz: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“. </em><strong>Tötung, Mord</strong> sind Thema in diesem Kontext, auch die Frage des Tyrannenmordes. Ich denke an die Erzählung von Judith und Holofernes. Wir haben im Tanach, den die Christen das „Alte Testament“ nennen, viele blutige Geschichten und auch in dem christlichen „Neuen Testament“ werden nicht nur friedliche Lösungen von Konflikten propagiert. Im Koran geht es oft auch recht blutig zu bis hin zu Mordaufrufen, die heutige Anhänger eines fundamentalistischen Islams wörtlich nehmen.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>„Stehe nicht still beim Blut deines Nächsten“ ist die Basis der Pflicht zur Lebensrettung anderer Menschen und auch des eigenen Lebens. Um dieses Gebot zu erfüllen, darf man alle anderen Gebote übertreten, zum Beispiel das Ruhegebot am Shabbat. Zum Beispiel schneidet sich jemand am Shabbat zu Hause in die Hand, es blutet sehr stark und hört nicht auf. Stirbt man daran? Wahrscheinlich nicht. Kann man also warten, bis Shabbat zu Ende ist und dann zum Arzt gehen? Aber bin ich Arzt, der beurteilen kann, wie schlimm eine Verletzung ist? Nein. Vielleicht ist die verletzte Person Bluter, vielleicht entzündet sich die Verletzung in einer Stunde, es droht eine Sepsis? Also habe ich die Verpflichtung, die verletzte Person so schnell wie möglich ins Auto zu packen und ins Krankenhaus zu fahren. Die Verpflichtung, Leben zu retten, ist so stark, dass man Gebote übertreten muss. </em></p>
<p><em>Anderer Fall: Die klassische Frage bei früheren Prüfungen der Kriegsdienstverweigerung: Jemand bedroht mich mit einer Pistole. Die Lebensrettung gilt auch für mich. Ich muss mein Leben retten. Oder denken wir an die Konzentrationslager. Die Menschen mussten ihr Leben erhalten, daher auch etwas essen, das nicht koscher war. Die Speisegesetze, die Kashrut, gelten nicht, wenn mein Leben gefährdet ist.</em></p>
<p><em>Eine Ausnahme ist Mord. Ich darf niemanden ermorden, um mein Leben zu retten. Eine weitere Ausnahme ist Inzest, die dritte ist Götzendienst. Wenn ich gezwungen werde, eine Statue anzubeten, muss ich dies verweigern und mich eher töten lassen. Hier gibt es ein jüdisches Bild von <strong>Märtyrertum</strong>. Es geht darum, dass man eher stirbt als dass man diese drei Grundsätze verletzt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab immer wieder den Zwang zur Konversion in der jüdischen Geschichte.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Darüber gab es große Diskussionen. Es gab immer wieder jüdische Gruppen, die Massenselbstmord begangen haben, damit sie sich nicht taufen lassen mussten. Oder Masada! </em></p>
<p><em>Aber das Töten an sich ist nicht verboten. In den zehn Geboten steht nicht: „Du sollst nicht töten“. Da steht: „Du sollst nicht morden.“ Selbstverteidigung, Kriege, Tiere schlachten – das ist alles Töten. Es ist aber auch der ethische Versuch, die grausame Komponente des Tötens herauszulassen. Verboten ist das Töten um des Tötens willen, denn das wäre Mord. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und der <strong>Tyrannenmord</strong>?</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Na ja. Auch hier ist die Frage, ob es eigentlich eine Rettung ist. Man kann man das so sehen, dass man durch die Tötung des Tyrannen das Leben einer große Gemeinschaft vor dem Verderben rettet. Also ja. Hätte man Hitler töten dürfen? Natürlich gibt es da Diskussionen, aber die Basis ist eigentlich klar.</em></p>
<h3><strong>Der Tod in Kunst und Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_6104" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6104" class="wp-image-6104 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD3-19c-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6104" class="wp-caption-text">Laura J. Padgett, Solemnity: We who are always lighted from above, 2024, Fotografie, 64,5&#215;96 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Laura J. Padgett.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben ausführlich über die ethischen Grundlagen der Ausstellung gesprochen, mitunter auch künstlerische Darstellungen einfließen lassen, beispielsweise bei der Darstellung des Todesengels. Mehrere Beiträge im Begleitband der Ausstellung kommentieren die literarischen und künstlerischen Aspekte. Zur Literatur möchte ich die Beiträge von <a href="https://jewishstudies.unibas.ch/de/personen/alfred-bodenheimer/">Alfred Bodenheimer</a>, der jüdische literarische Texte nach 1900 vorstellte, und Shelly Kupferberg erwähnen, die über das familiäre Gedenken angesichts ihres Buches <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-reh-im-palais/">„Isidor“</a> geschrieben hat. Unter den Künstlern möchte ich auch neuere Künstlerinnen wie zum Beispiel <a href="http://katalog.bbk-frankfurt.de/portfolio/tatjana-ovruchskaja/">Tatiana Ovrutschskaja</a> („Triptichon der Angst“, 2020) und ihre Tochter <a href="https://malkurse-ffm.de/vita.html">Julia</a> („Avatar“, 2020) hervorheben oder <a href="https://lpadgett.net/">Laura J. Padgett</a> mit der Fotografie der Friedhofshalle des 1928 erbauten Neuen Jüdischen Friedhofs „Solemnity – We who are always lighted from above“ (2024) und der Installation „From the four corners of the world, the dust of the body“ (2024), die drei hochkant gestellte Holzsärge zeigt. Oder <a href="https://www.juedischesmuseum.de/sammlung/bildende-kunst/detail/else-meidner-malerin/">Else Meidner</a> mit ihrem Bild „Tod mit Globus“ (1952).</p>
<p>Viele Bilder werden von der Shoah geprägt. In manchen Texten, zum Beispiel „O ihr Schornsteine“ von Nelly Sachs oder „Todesfuge“ von Paul Celan spielen das Motiv der <em>„Asche“</em>, das Verbrennens der Toten, das <em>„Grab in den Wolken“</em> eine zentrale Rolle. Erinnerung ist auch das Thema der Bilder des 1933 in Wilna geborenen <a href="https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/bak/index.asp">Samuel Bak</a>, die er kurz nach der Befreiung malte: „Kinder im Feuer“ (1948), „Kinderakzie“ (1947) und „Mutter ist nicht mehr“ (1946). 1974 malte er „Die Familie“, ein Bild, auf dem sich Lebende, Überlebende, Ermordete, Verstorbene treffen und wie in einer traditionellen Familienaufstellung präsentiert werden, aber im Hintergrund sehen wir unzählige Menschen, die ein Lager mit rauchenden Schornsteinen verlassen, möglicherweise eine Erinnerung an die Todesmärsche, in die die Nazis angesichts der anrückenden sowjetischen Armee die Inhaftierten zwangen.</p>
<div id="attachment_6105" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6105" class="wp-image-6105 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-300x185.jpg" alt="" width="300" height="185" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-200x123.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-300x185.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-400x247.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-600x370.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-768x474.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt-800x494.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Samuel-Bak-Ner-Tamid-1978-1992-Foto-Juedisches-Museum-Frankfurt.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6105" class="wp-caption-text">Samuel Bak, Ner Tamid, 1978-1992, Öl auf Leinwand, 114x195cm, Jüdisches Museum Frankfurt, Stiftung Franziska Heuberger s.A. zum Gedenken an Dolek Heuberger s.A. © Samuel Bak.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>:<em> Wir sprachen darüber, dass die Feuerbestattung verboten ist. In der Shoah wurden Menschen ermordet, für die keine Gräber vorhanden sind. Es gab zunächst Massenerschießungen, dann die Gaskammern. Es gab große Massengräber, dann die Verbrennung der Leichen in den Krematorien der Vernichtungslager. Samuel Bak greift dies in seinem Gemälde „Ner Tamid“ (deutsch: „Das ewige Licht“ (1978-1992) auf. Das ewige Licht ist kein Gedenklicht, sondern das Licht, das immer in den Synagogen hängen soll und an das ewige Licht im Tempel erinnert. Samuel Bak malt es jedoch in einem Kontext des Gedenkens, in einem Grundriss, der einem Davidstern entspricht, in dem Ruinen, zerstörte Städtearchitektur stehen, kleine Häuser, wie sie Samuel Bak auch aus den osteuropäischen Stetl kennt, aus denen er selbst stammt. In die Ruinen eingewoben ist ein gelber „Judenstern“. Das ewige Licht manifestiert sich in dem Kuratoriumsschornstein, aus dem eine dunkle Flamme kommt, die dunklen Rauch produziert. Ein sehr hoffnungsloses Bild. </em></p>
<p><em>Ähnlich ist es bei </em><a href="https://wwv.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/nussbaum/about-nussbaum.asp"><em>Felix Nussbaum</em></a><em> im „Triumph des Todes“ (1944). Dieses Bild ist natürlich viel bunter als das von Samuel Bak. Aber auch da ist eine Ruine jeglicher europäischer Kultur, jeglicher Ethik zu sehen, in Form kaputter Schreibmaschinen, zerstörter Bücher, die dort am Boden liegen, die Basis jeglichen freiheitlichen Seins und Denkens, freiheitlicher Errungenschaft. Darauf spielen Gerippe zum Tanz auf und triumphieren. Auch dieses Bild ist alles andere als hoffnungsvoll.</em></p>
<p><em>Wir haben in der Ausstellung erstaunlicherweise viel Kunst, erstaunlich auch für uns. So viel hatten wir eigentlich nicht eingeplant. Dann fanden wir dies und das, sahen, das eine würde gut hier, das andere gut dort passen, und so erhielten wir viel Kunst in der Ausstellung, nicht nur Gemälde, auch Videoinstallationen, Raum- und Soundinstallationen, Objekte, an denen sich die Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Tod und Trauer auseinandergesetzt haben. Diese Kunstwerke bieten vielleicht noch einmal eine andere Projektionsfläche als ein Dokument oder ein Wandtext.  </em></p>
<h3><strong>Die Statements der Besucherinnen und Besucher</strong></h3>
<div id="attachment_6107" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6107" class="wp-image-6107 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-600x894.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-768x1144.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-800x1192.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1031x1536.jpg 1031w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1200x1788.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-1375x2048.jpg 1375w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Marc-Babej-Ehrung-der-Selbstmoerder-2015-Fotografie-1016-x-76-cm-Juedisches-Museum-Frankfurt-©-Marc-Babej-scaled.jpg 1718w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-6107" class="wp-caption-text">Marc Babej, Ehrung der Selbstmörder, 2015, Schwarz-Weiß-Fotografie, 101,6&#215;72 cm, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. © Marc Babej.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele Objekte und Bilder werden von Statements der Besucherinnen und Besucher begleitet. Ich möchte als Beispiel nur eines zitieren, das Statement von Lothar, einem Techniker zu einer Schwarz-Weiß-Fotografie von <a href="https://marcerwinbabej.com/">Marc Babej</a> aus dem Jahr 2015. Marc Babej zeigt Gräber von Personen, die sich in der NS-Zeit der drohenden Deportation durch Suizid entzogen haben, im Katalog enthalten ist das Bild des Ehepaars Dr. Karl und Jenny Kahn, die sich am 11. Juni 1942 der Deportation durch Suizid entzogen, und den beiden jungen ihrer gedenkenden Frauen (Enkelinnen vielleicht?): <em>„Die Frauen auf dem Bild faszinieren mich und irritieren mich. Sind sie Todesengel? Sind sie Boten aus der Unterwelt? Das Schicksal von Jenny und Karl Hahn erschreckt mich. Wollten sie wirklich schon sterben? Oder war ihre Lage so schrecklich und so ausweglos, dass sie den Tod als einzigen Ausweg sahen? Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, mich umzubringen. Aber ich bin davon überzeugt, dass niemand das Recht hat, andere zu verurteilen, die voller Verzweiflung diesen Schritt gehen</em>.“</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Eine Ausstellung wird lange vorgeplant. Ausstellungstexte müssen schon etwa ein halbes Jahr vor der Eröffnung feststehen. Das heißt, die Texte sind keine Texte wirklicher Besucherinnen und Besucher dieser Ausstellung. Sie wurden nicht von uns, aber von potenziellen Besucherinnen und Besuchern geschrieben. Wir haben im Vorfeld der Ausstellung verschiedene Gruppen kontaktiert, Schulklassen, Studierende, Hospizgruppen, Altersheime, mit der Bitte, ein Objekt auszusuchen und dazu einen Text zu verfassen. Die Aufgabe war keine wissenschaftliche Recherche, es sollte ein persönlicher Text werden. Was sehe ich, was empfinde ich, woran erinnert mich dies? Wir erhielten etwa 200 Texte, aus denen wir eine Auswahl getroffen haben. Im Katalog haben wir die ausgewählten Texte den Objekten zur Seite gestellt. Dasselbe haben wir in der Ausstellung gemacht. Wir haben diese Texte so gedruckt, dass sie sich von unseren wissenschaftlichen Erläuterungen unterscheiden. Mit diesen Texten haben sie die Ausstellung mitgebaut, indem sie ihre Persönlichkeit hineinbrachten. Man nennt dies ein „Audience Development Projekt“. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein partizipatives Verfahren. Im Begleitbuch, dem Katalog, beschreibt Duygu Rana Heinz, eine an das Jüdische Museum abgeordnete Lehrerin, die Vorgehensweise dieser Methode. Sie vermerkt, <em>„dass vor allem Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrem Vorwissen und ihrer Erfahrung, uns durch und über die Kunst viel zu sagen hatten.“ </em>Im Grunde haben diejenigen, die die Ausstellung konzipiert hatten, so <em>„die Deutungshoheit über ausgestellte Kunst freigegeben.“</em></p>
<p>Darf ich zum Abschluss unseres Gesprächs das beeindruckende Foto einer Performance auf dem Gelände des Nova-Festivals hervorheben?</p>
<div id="attachment_6116" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD4-25-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6116" class="wp-image-6116 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/TOD4-25-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p id="caption-attachment-6116" class="wp-caption-text">Das Bild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re&#8217;im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel.</p></div>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es handelt sich um ein Foto, das wir in den sozialen Medien gefunden haben. Es zeigt das Gelände des Nova-Festivals, das bei dem Angriff der Terroristen und Zivilisten aus Gaza am 7. Oktober 2023 besonders im Fokus stand. Es wurde schwer überfallen. Über 250 Menschen wurden ermordet, etwa 50 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt, unendlich viele verletzt. Wir haben dieses Gelände immer wieder vor uns gesehen. Einige Wochen später </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Uoi-1nZX7P8"><em>kommt DJ Skazi auf das Gelände und legt noch einmal die Techno-Musik auf, die auf dem Festival gespielt wurde</em></a><em>. Auf dem Platz, wo das Publikum stand, stecken jetzt Holzpfähle im Boden mit Fotos und Namen der Ermordeten. Auch das ist ein Akt des Gedenkens, eine traditionelle jüdische Vorstellung, dass man durch die Nennung der Namen gedenkt, an Stelle eines großen Denkmals. Inzwischen gibt es viel mehr Holzpfähle mit den Fotos und Namen auf dem Gelände. Viele Angehörige kommen dorthin, legen persönliche Gegenstände der Ermordeten ab, viele Teddybären, Blumen, bemalte Steinchen. Jedes der Bilder auf den Pfählen ist reich bestückt. Wir wollten das in der Ausstellung zeigen, auch als Zeichen neuer Gedenkformen, die vermeintlich erst einmal dem traditionellen Gedenken nicht entsprechen, indem man vielleicht nicht das Kaddish aufsagt, sondern es so macht, wie es die Techno-Leute gemacht haben, aber sich dennoch an jüdische Traditionen anlehnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man kann die Musik auch hören.</p>
<p><strong>Sara Soussan</strong>: <em>Es gibt einen Mediaguide, den man sich hochladen oder auch im Museum ausleihen kann. Mit diesem Guide bekommt man an einigen Stellen vertiefendes Material und an der Station des Gedenkens an die Opfer des 7. Oktober kann man das Musikstück hören, das dieser DJ dort aufgelegt hat.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 12. Mai 2025. Titelbild: Die Kuratorin Sara Soussan in der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“. Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Renate Hoyer. Alle weiteren Objekte sind in der Ausstellung und zum Teil auch im Begleitband zu sehen.)</p>
<p>P.S. am 6. Juli 2025: Die Ausstellung endete am 6. Juli 2025. Umso mehr ist ein &#8211; und vielleicht nicht nur ein &#8211; Blick in das bei Hentrich &amp; Hentrich erschienene Buch zu empfehlen.</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Es ist Mai und wir sitzen im Garten&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-ist-mai-und-wir-sitzen-im-garten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 15:13:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“ Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren „‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ (Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren</strong></h2>
<p><em>„‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ </em>(Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Buch „Stolpertexte – Literatur gegen das Vergessen“, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich 2024.)</p>
<p><em>„Erinnere dich!“ – „Zachor!“ – </em>das ist das Programm der Geschichten, die Geschichte und vor allem die vielen Menschen lebendig werden lassen, denen in Deutschland und in Österreich die Heimat geraubt wurde. Dies ist das Anliegen, der Auftrag der im von jüdischen Emigrierten im Jahr 1955 gegründeten <a href="https://www.lbi.org/de/">Leo-Baeck-Institut</a> tätigen Menschen. Das Institut hat drei Standorte: In Jerusalem, in London und in New York City. Letzteres agiert zusätzlich als transatlantische Brücke mit einer Archivdependance und Repräsentanz in Berlin.</p>
<div id="attachment_5738" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-stolpertexte.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5738" class="wp-image-5738 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-400x553.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte.jpg 434w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-5738" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin Miriam Bistrovic arbeitet seit 2013 im Berliner Standort des New Yorker Instituts, den sie selbst mit aufgebaut hat. Sie hat im Jahr 2024 gemeinsam mit David Brown und Matthias Pfeffer beim Leipziger <a href="https://www.hentrichhentrich.de/">Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> den Band „Stolpertexte“ veröffentlicht, in dem 22 Autorinnen und Autoren die Geschichte von Menschen erzählen, die in der NS-Zeit Deutschland verließen oder ermordet wurden. Grundlage waren in New York gesammelte Dokumente. Einige Texte wurden an einem Abend der Leipziger Buchmesse 2024 im Capa-Haus, in den Räumen des Verlags, vorgestellt, der Band erschien dann im Herbst und wurde – seinen Zielen und seiner Bedeutung angemessen – in einem Zelt auf dem Berliner Bebel-Platz, dem Ort der Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, vorgestellt.</p>
<p>Die „Stolpertexte“ sind beispielhaft für die Arbeit des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin. Dies gilt für den in deutscher und englischer Sprache gehaltenen Band „In Echtzeit“ beziehungsweise „Posts from the Past“ aus dem Jahr 2020, der jeden Tag des Jahres 1938 aus jüdischer Perspektive dokumentiert. Diesen Band hat Miriam Bistrovic gemeinsam mit Frank Mecklenburg, William H. Weitzer und Magdalena Wrobel herausgegeben. David Brown und Barbara Ann Schmutzler haben sich um die Übersetzungen gekümmert. Er erschien ebenfalls bei Hentrich &amp; Hentrich. Ein drittes Produkt ist die am 7. Dezember 2023 gestartete Podcast-Reihe „Exil“ beziehungsweise „Exile“, ebenfalls in deutscher und in englischer Sprache verfügbar. Die deutsche Fassung wird von Iris Berben gesprochen, im Englischen leiht Mandy Patinkin den Episoden seine Stimme. Der Podcast präsentiert zwölf Geschichten bekannter und weitestgehend unbekannter jüdischer Persönlichkeiten, basierend auf persönlichen Briefen, Tagebüchern und Interviews und wird im Deutschen als Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.</p>
<h3><strong>Ein langer Weg (nicht nur) nach Berlin</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es war nicht einfach, nach 1945 ein Institut in Deutschland anzusiedeln, das sich dem Judentum verpflichtet sah. Da gab es viele Vorbehalte, gerade auch auf Seiten der jüdischen Community. Deutschland – das war das Land der Täter, der Mörder. Manche wollten lange Jahre nicht einmal mehr deutsch sprechen. Andererseits war die deutsche Sprache für viele Muttersprache.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das war in der Tat eine schwierige Debatte. Es gab das Leo-Baeck-Institut in New York, in London und in Jerusalem, den drei Zentren jüdischer Emigration, die alle zeitgleich im Jahr 1955 gegründet worden sind. Es entstanden sehr schnell unterschiedliche Schwerpunkte. In New York war sehr schnell klar, dass man versuchen sollte, das zu bewahren, was vom deutschsprachigen Judentum erhalten und nicht zerstört worden war. </em></p>
<p><em>Es gab aber immer wieder die Überlegung, wie man den Kontakt nach Deutschland halten konnte, sollte oder vielleicht auch wollte und gleichzeitig sicherstellte, dass man kein Institut in Deutschland gründete. Eine der Lösungen war 1989 die Gründung der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts (WAG), in dem sich deutschsprachige Forscherinnen und Forscher zusammenfanden. Eine weitere Lösung war schon in den 1950er Jahren ein Förderverein, der ursprünglich in Frankfurt am Main saß und jetzt seit 2020 in unserem Büro in Berlin sitzt. Seit etwa zwei Jahrzehnten heißt es Leo-Baeck-Institut New York / Berlin. Wie kam es dazu? Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass das Leo-Baeck-Institut New York immer das Archiv des Instituts war. </em></p>
<div id="attachment_5745" style="width: 239px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5745" class="wp-image-5745 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-200x262.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-400x524.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-600x786.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg 611w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /></a><p id="caption-attachment-5745" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. Elaobad. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sehr früh meldeten sich die ersten Emigrierten und sagten, sie hätten ihre Familiennachlässe, ihre Bibliotheken, Bestände gerettet, die sie unbedingt bewahren wollten. Einige hatten unterschiedliche Bestände in ihren Koffern mitgebracht, ganz private Aufzeichnungen, Dokumentationen. Andere hatten ihre Memoiren aufgeschrieben sobald sie in den USA angekommen waren, Manuskripte mit Titeln wie „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933“. Viele Materialien sind auf sehr komplexen Wegen, teilweise über verschiedene Orte des Exils, in die USA gekommen. Aber eben in die USA. Wer diese Materialien einsehen wollte, Forschende ebenso wie Menschen, die ein privates Interesse hatten, mussten in die USA reisen, ein oft sehr beschwerlicher und auch sehr kostspieliger Weg. Es gab noch kein Internet, man fuhr mit dem Schiff, Flüge waren extrem teuer. Israelische Forschende berichteten beispielsweise oft mit großem Gram, wie schwierig es doch sei, in die USA zu kommen, um dort zu forschen. </em></p>
<p><em>Das änderte sich, als </em><a href="https://www.jmberlin.de/thema-w-michael-blumenthal"><em>Michael Blumenthal</em></a><em> sich in Berlin für ein Jüdisches Museum einsetzte. Als US-Amerikaner, der er inzwischen war, fand er es überlegenswert, mit dem Leo-Baeck-Institut in New York zusammenzuarbeiten. Anlässlich der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin im Jahr 2001 kamen erstmals Bestände als Mikrofilme und Mikrofiches aus New York nach Berlin. Es handelte sich um etwa 90 Prozent des damaligen Bestandes, der in New York beherbergt wurde und so kam auch Berlin in den Namen des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für wen sind die Quellen verfügbar?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Im Prinzip für alle Interessierten. Man kann sich an uns wenden, man kann sich anmelden. In New York seit 1955. Im Jüdischen Museum seit 2001. Jetzt nähern wir uns langsam der Gründung der Berliner Repräsentanz des Leo-Baeck-Instituts New York: Seit 2012 gab es durch unser Projekt DigiBaeck eine unglaubliche Welle der Digitalisierung. Es wurde möglich, etwa 95 Prozent unserer Bestände online zu recherchieren. Nicht nur der Katalog, der in mühevoller Handarbeit zusammengestellt wurde, ist sichtbar. Man sieht die Fotos, man sieht die Texte, die handschriftlichen Notizen und man kann alles am heimischen PC durchsuchen. 2013 war es dann so weit, dass das Berliner Büro Gestalt annahm.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wie kamen Sie selbst ins Leo-Baeck-Institut?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich bin ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin. Aufgrund voriger Tätigkeiten wurde ich 2013 gefragt, ob ich in Berlin ein Büro aufbauen wollte. Ich wusste von den beeindruckenden Sammlungen im Leo-Baeck-Institut in New York, die es Forschenden weltweit ermöglichen, sich mit deutschsprachiger jüdischer Geschichte zu befassen. Genau das wollte ich machen und unterstützen. In meinem Leben habe ich viele Überlebende und Ausgewanderte kennengelernt. Man hätte mich somit nicht zwei Mal fragen brauchen. Ich bin sehr froh, dass das Institut und unser Büro inzwischen seit mehreren Jahren ein fester Bestandteil auch der deutschen Erinnerungslandschaft ist und dass es uns gelingt, den Spagat weiterhin zu bewahren, als transatlantische Brücke zu agieren, die Nachfahren als Zielgruppe zu erreichen, aber auch die inzwischen sehr heterogene deutschsprachige Gesellschaft hier in Europa, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz anzusprechen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Berlin ist dann natürlich genau der richtige Ort.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist wahr. Man kommt von Berlin auch gut überall hin. Man kann überregional mit anderen Ländern interagieren, dort, wo es früher jüdische Gemeinden gab. Man landet schnell in Prag, in Krakau, in Warschau, in Wien. </em></p>
<p><em>Bei unseren „Stolpertexten“ und auch in anderen Publikationen sieht man, dass wir zugleich einen sehr starken österreichischen Fokus haben. Fast 30 Prozent unserer Bestände kommen aus Österreich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen deutschen und österreichischen Quellen?</p>
<div id="attachment_5750" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5750" class="wp-image-5750 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1024x736.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1200x862.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1536x1104.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5750" class="wp-caption-text">Franz und Grete Hillinger mit Edith und Klaus in Trabzon (Türkei). Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Der Unterschied besteht ein wenig darin, dass viele, die aus Österreich geflohen sind, schon sehr früh geflohen sind, weil sie sahen, was sich in Deutschland entwickelte. Mit dem „Anschluss“ ist diese Entwicklung mit all ihren Repressalien und Entrechtungen innerhalb weniger Tage in Österreich umgesetzt worden. Es gab zwar schon davor den Austrofaschismus, das – zwar verbotene, aber dennoch aktive – Unwesen der österreichischen Nazis, aber die Vehemenz, wie sich der nationalsozialistische Terror nach dem Anschluss realisierte, wirkte binnen weniger Stunden. Man sah, wie Flaggen gehisst wurden, Nachbarn zusammengeschlagen, Fenster eingeschlagen, Wohnungen ausgeraubt wurden. Es fanden wilde Arisierungen statt. Es war, als hätte man der Hölle Tür und Tor geöffnet. Wir haben viele Berichte, die genau diesen Zeitraum wiedergeben, diese ein oder zwei Tage. Wer noch auswandern wollte, wer noch seine Bestände retten wollte, musste sehr schnell handeln. Das war 1938 schon schwieriger als 1933 oder 1934. Man musste jung genug sein, möglichst schon Geld im Ausland haben, Familie im Ausland oder gute Freunde, die bereit waren, für einen zu bürgen. Man brauchte idealerweise die Fremdsprachenkenntnisse. Und nur die wenigsten hatten das Glück, dass sie sofort in die USA kamen. 1938 standen etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung auf Wartelisten der US-Konsulate.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 1938 war auch das Jahr der Evian-Konferenz, an der unter anderen Golda Meir teilnahm und völlig desillusioniert zurückkehrte. Nur die Dominikanische Republik war bereit, einige Jüdinnen und Juden aus Deutschland aufzunehmen.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Mit der Evian-Konferenz waren unglaubliche Hoffnungen verbunden, aber es war rückblickend ein furchtbares Scheitern. Hier sieht man sehr genau den Unterschied zwischen der zeitlichen Wahrnehmung damals und der Rückschau. Wir könnten jetzt auch über die Kindertransporte sprechen und die Frage, wie die Amerikaner und andere damals reagierten. Die Kinder, die gerettet wurden, wurden sobald sie 18 Jahre alt waren, in Großbritannien auf der Isle of Man und anderen Camps als enemy aliens interniert. Sie waren ja Deutsche und die Deutschen waren die Feinde, auch die deutschen Juden.  </em></p>
<h3><strong>Die Erinnerungen zugänglich machen</strong></h3>
<div id="attachment_5751" style="width: 218px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5751" class="wp-image-5751 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x288.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x576.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x863.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-712x1024.jpg 712w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x1105.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x1151.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1067x1536.jpg 1067w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x1727.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1423x2048.jpg 1423w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1574w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" /></a><p id="caption-attachment-5751" class="wp-caption-text">Bertha und Martin Grigoleit in Brieselang mit Klaus Hillinger. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Die Recherche in einem Archiv ist nicht immer leicht. Ich denke, dass viele Interessierte, die sich an Sie wenden, nur wenig Erfahrung in der Arbeit mit und in Archiven haben.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Man braucht natürlich ein paar Vorkenntnisse, wie Archive aufgebaut sind, aber im Prinzip können alle Interessierten recherchieren, ohne Paywall, ohne weitere Restriktionen, weil es uns sehr sehr wichtig ist, die Dinge zugänglich zu machen. Es gibt immer wieder Familienangehörige, die recherchieren wollen. Es ist oft schwierig, in manchen Ländern Informationen zu bekommen, wenn man nicht den direkten Zugriff hat. Wir wollen sicherstellen, dass wir etwas gegen Falschinformationen, gegen die Fälschung von Geschichte anbieten können. Das, was man bei uns findet, sind die authentischen Materialien, die authentische Geschichte, der Nachweis, dass diese Menschen tatsächlich gelebt haben und das, was ihnen passiert ist, tatsächlich passiert ist, dass das, was sie berichten, ihnen auch wirklich am Herzen lag. Die Vermittlung der Originaldokumente ist ein prioritäres Anliegen unseres Berliner Büros. Wir möchten gerne sicherstellen, dass die Bestände des Leo-Baeck-Instituts nicht nur bewahrt werden, sondern der Öffentlichkeit bekannt sind, und dass sie helfen, Geschichte und Geschichten zu vermitteln.</em></p>
<p><em>Von der Entwicklungsgeschichte war das Leo-Baeck-Institut immer eine Anlaufstelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zunächst haben sich Akademikerinnen und Akademiker mit den Dokumenten befasst. Zu finden sind auch Korrespondenzen, die helfen, das Leben und das Werk von Berühmtheiten zu erforschen. Viele schauen darauf, wie sahen die Netzwerke aus, wie die Verbindungen untereinander? Dies lässt sich dort sehr gut nachvollziehen. Man hat Briefe, die privaten Sammlungen, Fotografien. Es eröffnet sich ein breites Geflecht, wenn man sich immer tiefer in das Archiv hineingräbt.</em></p>
<p><em>Natürlich ist es für Historikerinnen und Historiker eher zugänglich als für jemanden, der noch nie in einem Archiv war und daher Unterstützung benötigt. Das ist der Moment, in dem unsere Projekte greifen. Wir versuchen, die Materialien auch für Personen zugänglich zu machen, die nicht so genau wissen, wie sie einen Nachlass finden, damit sie ihre Scheu verlieren und die Lust erfahren, sich immer weiter zu vertiefen.</em></p>
<h3><strong>„Leuchtend roter Mohn“</strong></h3>
<div id="attachment_5739" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-in-echtzeit-posts-from-the-past.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5739" class="wp-image-5739 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg" alt="" width="300" height="275" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-200x183.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-400x366.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit.jpg 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5739" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu tragen Sie auch mit Büchern wie „Stolpertexte“ oder „In Echtzeit“ bei.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Bei „In Echtzeit“ war es so, dass wir uns als Institut das Ziel gesetzt hatten, im Jahr 2018 jeden Tag des Jahres einen Beitrag zu veröffentlichen, der den jeweiligen Tag des Jahres 1938 dokumentiert. Wir haben uns entschlossen, es nicht nur aus unseren Archivalien zu realisieren, sondern haben auch bei anderen Institutionen angefragt. Viele haben Beiträge mitgeliefert, allerdings stellten wir fest, dass wir oft viel genauer wussten, auf welchen Tag sich die Materialien bezogen. Das ist aber auch nur möglich, weil wir Archivarinnen und Archivare haben, die seit Jahren an diesem Material arbeiten. Selbst wenn wir nicht nur etwas zu dem Datum, sondern auch zu einer bestimmten Perspektive haben wollten, konnten wir gezielt recherchieren, beispielsweise zur Sichtweise einer emanzipierten Frau. In diesem Moment griffen die persönliche Beziehung zu den Sammlungen, die eigene Institutserfahrung und die genaue Kenntnis des Materials ineinander. </em></p>
<p><em>Es war ein ziemlich großer Kraftakt, aber wir haben es geschafft, mit vielen helfenden Händen, die 365 Tage zusammenzubekommen. Die Beiträge sind oft sehr persönlich. Jedes Dokument, jede Postkarte, jedes noch so unauffällige kleine Ding berichtet viel über die jeweilige Person. Man muss sich nur darauf einlassen. Uns war es bei dem 1938er Projekt wichtig, eben nicht aus unserer Zeit zu blicken, sondern die Unmittelbarkeit herzustellen, bei den Postings nicht in die Zukunft zu schauen. Wer zum Beispiel wissen möchte, ob sich das Gesuch eines jungen Mannes nach einem Affidavit oder der Wunsch auszuwandern realisierte, muss sich an die Sammlung heransetzen und genau gucken, wo in unserem Katalog die bibliographischen Angaben zu finden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den „Stolpertexten“ ist es ähnlich. Es sind oft Momentaufnahmen. Sehr beeindruckend fand ich die Geschichte „Leuchtend roter Mohn“, der Stolpertext von Juli Zeh für Edith Hillinger. Ich darf einige wenige Sätze zitieren: <em>„Als Edith ihr neues Leben in Istanbul begann, waren die Hügel entlang des Bosporus kaum bebaut. Dort wuchs wilder Mohn in riesigen Feldern. / Da waren sie wieder, die knallroten Blumen mit den weichen Blütenblättern, die Edith und ihre Großmutter in der alten Heimat so geliebt hatten. Alles in der neuen Welt war unvertraut, die Sprache, die Gewohnheiten – aber die Pflanzen waren die gleichen wie zu Hause und vermittelten dem kleinen Mädchen ein Gefühl von Geborgenheit. Der rote Mohn wurde zu einer Brücke, die das alte und das neue Leben miteinander verband.“</em></p>
<div id="attachment_5740" style="width: 296px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5740" class="wp-image-5740" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg" alt="" width="286" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x407.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x521.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x543.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x695.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x815.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1536x1043.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1573w" sizes="(max-width: 286px) 100vw, 286px" /></a><p id="caption-attachment-5740" class="wp-caption-text">Postkarte von Edith Hillinger an ihre Großmutter Bertha Grigoleit. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> An diese Geschichte erinnere ich mich besonders, weil in der Zeit, in der Juli Zeh noch recherchierte, meine New Yorker Kollegen eine Kiste fanden, die noch nicht erschlossen worden war. Als sie einen Brief in der Kiste öffneten, rieselten ihnen die Mohnblüten entgegen. Deshalb griffen wir diese Geschichte auch im Vorwort auf. Als David mir davon erzählte, war das so ein Moment, in dem man merkt, dass das Historische so unglaublich nahbar sein kann. Diese Mohnblüten waren nie bewegt worden und rieselten aus dem Umschlagheraus, als dazu geforscht wurde. Ein Brief wurde erst entdeckt, als die Stolpertexte geschrieben wurden. In diesem Brief waren die Mohnblüten. Juli Zeh hatte zuvor schon herausgefunden, dass die junge Künstlerin immer wieder in ihrem Leben diese Mohnblüten aufgegriffen hatte, aber es war noch nicht bekannt, dass es diesen Brief gab. </em></p>
<h3><strong>„So geht die Geschichte</strong><strong>“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auffällig ist in den Texten auch immer die sehr beeindruckende Wortwahl. Hilde Schlesinger-Schiff aus Eisenstadt im Burgenland, über die Konstantin Schmidtbauer geschrieben hat, schrieb beispielsweise: <em>„die Wurzeln aus der Erde ziehen“</em>, <em>„keine schmerzlose Angelegenheit, wie man uns die Heimatliebe ausgebläut hat“. </em>Sie verwendet den Begriff<em> „Leichenraub“. </em></p>
<div id="attachment_5746" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5746" class="wp-image-5746 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x215.jpg" alt="" width="300" height="215" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-768x551.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-800x574.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1024x735.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1200x861.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1536x1103.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581.jpg 1843w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5746" class="wp-caption-text">Friedl Roth um 1920. Joseph-Roth-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p>Mich hat auch der Stolpertext „So geht die Geschichte“ von Lena Gorelik über Friederike („Friedl“) Roth sehr berührt. Ich verehre Joseph Roth sehr, aber er war ja auch kein einfacher Mensch. Das Schicksal seiner Frau ist sehr tragisch. Sie wurde mit 692 anderen Patient:innen in der NS-Euthanasie-Anstalt im Schloss Hartheim ermordet. Joseph Roth hatte ihr Leben sogar in einem seiner Romane verarbeitet, aber ihre Eltern gebeten, ihr nichts davon zu erzählen. Dieser Text endet mit folgenden Sätzen: <em>„Er</em> (Joseph Roth, NR) <em>hat, so geht die Geschichte, vielen Jüdinnen und Juden zu helfen versucht. Auf einem Bild trägt Friederike Reichler, die Geehelichte, ein gestreiftes Kleid. Auf einem anderen einen am Kragen mit Pelz besetzten Mantel, ihre Haare kurz. Sie stemmt auf den meisten Bildern die Hände in die Hüften, ich denke ir, sie tat das gerne, trotzig und frech. Ich denke mir Friederike, ich hoffe, dass die Stimmen aufgehört haben zu kreischen. Eine rauchen mit dir, du im Sommer, in jenem gestreiften Kleid.“  </em></p>
<p>22 Stolpertexte, aber das ist nicht alles.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es sind 22 Texte im Buch, aber wir haben über 30 Texte, die schon geschrieben und zum Teil auch in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Die ursprüngliche Absicht war, diese Texte in regionalen Tageszeitungen zu veröffentlichen. Später kam dann die Idee, sie in einem Buch zusammenzufassen. Wir haben aber viel mehr Material, an digitalisierten Dokumenten über fünf Millionen Seiten. Wir bewahren etwa 2.500 unveröffentlichte Memoiren und Manuskripte, die erstmals in den 1950er Jahren auftauchten, von denen vielleicht das ein oder andere inzwischen im Buchhandel erschienen ist, aber bei Weitem nicht alles.</em></p>
<div id="attachment_5754" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5754" class="wp-image-5754 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg" alt="" width="300" height="232" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-200x155.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-400x309.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-600x464.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-768x593.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5754" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer, Lehmhäuser im Hohen Atlas, Marokko. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sie haben ja schon erwähnt, dass die Wortwahl, die Direktheit in der Sprache bei der Lektüre mitreißt. Das merkt man gerade bei sehr frühen Manuskripten, die in einer großen Direktheit sprechen, dann lange Zeit nicht mehr, inzwischen wieder. Es ist schon von Interesse, wie die Überlebenden mit ihrer eigenen Situation umgehen, wie sich das auch innerhalb der einzelnen Communities abbildet. Viele Manuskripte fangen mit der Aussage an, dass man sich im eigenen Umfeld ausgetauscht hatte und zu hören bekam, wozu man das denn noch brauche, denn daran wolle sich doch niemand erinnern. Aber es ist das Gegenteil davon: Die meisten wollen, dass man sich nicht nur ihrer eigenen Geschichten erinnert, sondern auch, dass wir uns an die erinnern, die nicht mehr selbst für sich sprechen können. Versuche, die Erinnerung wachzuhalten, versuchen das zu tun, was andere nicht mehr machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deshalb haben manche bei ihrer Flucht, bei ihrer Deportation, Fotographien mitgenommen. Manche konnten diese bis zu ihrer Befreiung bewahren oder haben sie an andere übergeben, die sie bewahren konnten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das verdeutlicht nur umso mehr, wie wichtig es ist, gegen diesen Vernichtungswillen aufzubegehren. Einer der Aspekte, der in den „Stolpertexten“ anklingt, der ebenso in unserem 1938er-Projekt und in unserem Podcast immer mitschwingt, ist die Tatsache, dass es nicht immer der große Widerstand war, wie er heute oft im Vordergrund steht, sondern dass es viele kleine Momente des Widerstandes gab, die oft vergessen wurde, aber deutlich zeigten, dass jeder in seinem kleinen Rahmen aufbegehren konnte. Und das Wichtigste war dann zu bewahren. Damit es am Ende den Nazis nicht gelang, alles an Erinnerung auszulöschen. In vielen Fällen ist es gelungen, Erinnerungsstücke zu bewahren. An diesen kleinen bruchstückhaften Elementen und Momenten lässt sich wieder ein ganzes Leben entdecken und die Namen aus dem Vergessen zu reißen.</em></p>
<div id="attachment_5741" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5741" class="wp-image-5741 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-600x417.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-768x534.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-800x556.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1024x712.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1200x834.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg 1265w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5741" class="wp-caption-text">Ernst und Erna Feder. Ernst-Feder-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört zum Beispiel auch der Brief von Ernst an Erna Feder. Er ist in Marseille, sie ist noch in Deutschland. Besser kann man Hoffnung bei aller Bedrohung nicht darstellen. Olga Grjasnowa schrieb den Stolpertext für Ernst Feder: „Ich brauche dich, Erna“. Ein doppeltes „Stolpern“? Olga Grjasnowa, die an Ernst Feder erinnert, aber über den Briefe schreibenden Ernst auch an Erna: <em>„Fast jeder seiner Briefe fing mit der Ansprache ‚Meine geliebte Erna‘ an oder auch ‚Meine Inniggeliebte‘. Doch auch Erna war klar, dass sie nur zwei Menschen von sehr vielen waren und dass es kaum jemanden kümmerte, ob sie überleben würden oder nicht. Ihre Leben zählten nicht. Seine Aufgabe war es, sie von dieser Tatsache abzulenken, Zuversicht zu bieten. Er war es nicht gewohnt, von Erna getrennt zu sein, auf Reisen war es manchmal, als er durch die USA gereist war, oder die Niederlande, aber das war so lange her – in einem anderen Leben.“</em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In all diesen „Stolpertexten“ merkt man, was diese kleinen Momente der persönlichen Stärke, des persönlichen Aufbegehrens bedeuten, die sich so unglaublich schwer aus der Vergangenheit retten lassen aber gleichzeitig – wenn man sich damit auseinandersetzt – durch ihre Emotionalität sowie durch ihre zeitübergreifende Wirkung bis heute Menschen ansprechen und dann auch in Erinnerung bleiben.</em></p>
<h3><strong>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Texte, die Sie besonders berührt haben?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es gibt immer wieder Geschichten, die besonders in Erinnerung bleiben, aber es würde mir schwerfallen, einen Liebling herauszufinden. Es ist eher immer ein kurzes Aufblitzen, ein ungewöhnlicher Moment oder ein leicht zu übersehendes Detail, das in Erinnerung geblieben ist. Dazu gehört die Geschichte von Edith Hillinger und den Mohnblüten. Ähnlich war es mit dem Stolpertext „Flieder“ von Tara Meister für Helen Bilber: „Es ist Mai und wir sitzen im Garten, die ganze Familie beisammen. Mein Vater zeigt uns seine Blumen, Pfingstrosen und Begonien, das Tränende Herz, Akeleien, Rhododendron, Klematis, Lichtnelken, Schwertlilien und Flieder. Ich erzähle meiner Großmutter, die neben mir am Tisch sitzt, von dem Projekt, bei dem ich mitmachen werde, von den Stolpertexten.“</em></p>
<p><em>Das ist einer der Texte, die mehrere Generationen überbrücken und zeigen, wie sich Geschichte an den kleinsten Dingen festhalten lässt und wie sehr sie einen auch mitnehmen kann, sodass man selbst in den unbedarftesten Momenten davon überrascht werden kann, wie gegenwärtig etwas noch ist, wie man in einer scheinbar vertrauten Umgebung plötzlich Risse entdeckt, Dinge wiederentdeckt, die man vielleicht in einem archivarischen Text gelesen hat. In diesem Fall ging es auch noch darum, dass sie mit ihrer eigenen Großmutter sprach, die selbst Journalistin war und Frauen interviewt hat, um deren Geschichten aufzunehmen, damit dieses gesprochene Erinnern im Wortlaut nicht verloren geht.  </em></p>
<div id="attachment_5742" style="width: 261px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5742" class="wp-image-5742 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg" alt="" width="251" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-200x239.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg 251w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-400x479.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-600x718.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-768x919.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-800x957.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-856x1024.jpg 856w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1200x1436.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1284x1536.jpg 1284w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg 1379w" sizes="(max-width: 251px) 100vw, 251px" /></a><p id="caption-attachment-5742" class="wp-caption-text">Porträt von Bertha Pappenheim. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Sehr beeindruckt hat mich auch das Bild von <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bertha-pappenheim">Bertha Pappenheim</a>, das wohl gerettet werden konnte. Sie zeigen dieses Bild, ein Jugendbild, vor dem Stolpertext „Vielleicht Quittengelee“ für Helene Krämer von Mascha Jacobs: <em>„Bertha Pappenheim hat auch Helene Krämers Leben stark beeinflusst. Helene Krämer wurde 1881 geboren und wuchs in einem Kinderheim des Jüdischen Frauenbundes auf. Ihr Vater, ein Lehrer, verstarb kurz vor ihrer Geburt und die Mutter konnte die acht Kinder nicht versorgen.“</em> Einige Absätze weiter lesen wir: <em>„Vielleicht mochte Helene Quittengelee. Vielleicht las sie viel und hatte eine Vorliebe für einander ins Wort fallende Sätze. Für Tanzabende. Ich vermute, sie mochte Bilder und Karikaturen, vielleicht hing in ihrem Arbeitszimmer eine Lithographie von Honoré Daumier.“ </em>1938 wurde der Jüdische Frauenbund verboten. Der Stolpertext endet mit den Deportationen und der Ermordung der Frauen, die in diesem Heim lebten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das Bild Bertha Pappenheims ist auf den ersten Blick unscheinbar, aber es war für viele unglaublich es zu sehen, weil kaum jemand wusste, dass es überhaupt existierte. Wenn man genau wissen will, wie Bertha Pappenheims letzten Tage und Stunden waren, kann man das in unseren Sammlungen finden. Diejenigen, die ihren Weg begleitet haben, haben davon berichtet. Sie war so krank, dass ihr die Ärzte geraten hatten, das Haus nicht mehr zu verlassen. Sie tat es trotzdem und hat versucht, im Polizeigefängnis einen ihrer Schützlinge, eine junge Frau, herauszuboxen. Wenige Wochen später ist sie gestorben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Flieder“ finden wir einen grundlegenden Satz zu dem gesamten Projekt des Aufbewahrens und Erinnerns, am Schluss: <em>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart. Es ist Spätsommer, als ich den Text fertig schreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke, nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“ </em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die Texte zeigen immer wieder, wie unterschiedlich man mit dem Material umgehen kann. Wir haben den Autorinnen und Autoren keine Vorgaben gemacht. Wir wollten ihnen Gelegenheit geben, sich mit den Biographien auseinanderzusetzen und ihren eigenen Zugang zu finden. Das Ergebnis ist beeindruckend, weil man immer neue Wege findet, wie man Geschichten freilegen kann, wie bruchstückhaft ein Leben dargelegt werden kann, aber dass diese Brüche nicht in sich etwas Negatives sein müssen, sondern dass diese Leerstellen gerade zeigen, wie sich die Dinge abrupt verändern können. </em></p>
<p><em>Die Autorinnen und Autoren haben versucht, nicht nur eigenen biographischen Hintergrund hineinzubringen. Gleichzeitig schwingt er in der Wortwahl mit. Wir haben unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Persönlichkeiten, mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen und mehrschichtigen Biographien. Damit haben wir auch einen gewissen Bruch zum vorherrschenden  „gesamtdeutschen“ Erinnerungsnarrativ, das sich sehr lange durchgesetzt hat. Das zu hinterfragen, auch aufzubrechen, war ein langer Prozess. </em></p>
<h3><strong>Wer bewahrt unsere Geschichte?</strong></h3>
<div id="attachment_5747" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5747" class="wp-image-5747 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-400x613.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-600x920.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-668x1024.jpg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-768x1177.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg 779w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5747" class="wp-caption-text">Hans Landshut. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist – wenn ich das sagen darf – auch gelungen. Einen biographischen Hintergrund, der mich sehr berührt hat, fand ich in dem Stolpertext mit dem scheinbar so didaktisch klingenden Titel „Erinnerung lernen“ für Hans Landshut von Ulrike Draesner. Sie schreibt, als Fünfzehnjährige habe sie gemerkt, dass ihre Eltern sich ohne Hitler nie kennengelernt hätten. So war das auch bei mir: Mein Vater kam aus Schlesien, meine Mutter aus Köln. Wäre mein Vater nicht über den „Umweg“ über Russland und Kriegsgefangenschaft in Belgien nach Köln gekommen, hätten meine Mutter und er sich nie kennen und lieben gelernt. Wenn man dies begreift, stockt einem schon der Atem.</p>
<p>Das ist der Punkt: Wie kann ich ehrlich und aufrichtig Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbinden? So sind die letzten Sätze von „Flieder“ vielleicht so etwas wie das Programm des Leo-Baeck-Instituts, so wie ich es verstanden habe: <em>„Es ist Spätsommer, als ich den Text fertigschreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke: Nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“</em> Die erinnernde Autorin – so möchte ich es sagen – rahmt die Erinnerungen von und an Helen Bilber und schafft über den „Flieder“ einen Zusammenhalt, eine neue Gemeinsamkeit, eine Gemeinschaft über die Generationen, über die verschiedenen Welten hinaus, etwas dass es vorher so nicht gab und das erst durch den „Stolpertext“ entsteht.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In gewisser Weise ist das unser Programm. Es ist ein ziemlicher Spagat, denn jeder Standort des Leo Baeck Instituts hat seine eigenen Schwerpunkte und Zielgruppen – sei es in London, Jerusalem oder bei uns in New York und Berlin. Zum einen ist das Leo Baeck Institut ein Forschungsinstitut. Zum anderen ein Archiv, das inzwischen wohl größte für deutsch-jüdische Geschichte und Diaspora weltweit und zugleich, wie manche sagen, das wohl bestgehütete Geheimnis von New York. Es ist aber auch ein sicherer Ort für Nachfragen und Nachfahren der dritten und vierten Generation, die die Geschichte des Leo-Baeck-Instituts noch von ihren Groß- oder Urgroßeltern kennen. </em></p>
<p><em>Es war die Exil-Zeitung der Aufbau, es war – egal wie man zu Deutschland stand – der Kaffee, der am Sonntag, wenn man es noch retten konnte, zusammen mit dem guten Porzellan auf der Tischdecke stand. Es war nicht nur das, es war auch die Frage: „Wer bewahrt unsere Geschichte, wenn wir nicht mehr sind?“ Da war das Leo-Baeck-Institut immer ein sicherer Hafen, an den man sich wenden konnte. Solange sie es körperlich noch schaffen, kommen Angehörige der ersten und zweiten Generation ins Institut. Sie entschlüsseln Texte, sehen sich Fotos an, sagen: „Das ist die Straße, die Person kenne ich noch…“. Einfach um sicherzustellen, das, was in unseren Beständen vorhanden ist, auch in der Form aufbewahrt werden kann, dass man Namen, Orte, Geschichte identifizieren und miteinander verbinden kann.</em></p>
<p><em>Manche kommen erst, nachdem sie aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Sie sagen, ich möchte etwas Sinnstiftendes machen, nicht nur für meine Familie, für die gesamte Community.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es fällt manchen Menschen gar nicht so leicht zu erzählen. Es sind nicht nur die Täter, die nichts über ihre Taten erzählen wollen, es sind auch die Opfer, die nicht erzählen wollen, was sie erlitten haben. Es gibt Forschungen über das Schweigen, über Überlebende der Shoah, die ihren Kindern nichts erzählten oder nur Andeutungen machten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist sehr oft der Fall. Es gibt viele Menschen in der zweiten Generation, die nichts über ihre Familienangehörigen wissen, die vielleicht nur subkutan erahnen, dass es da etwas geben muss, über das sie von den Eltern aber keine Auskunft erhielten. Es ist dann anders mit den Enkelkindern, die schon sehr früh mit den Geschichten konfrontiert werden, weil die Großeltern langsam anfangen, sie aufzuarbeiten.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir ist aufgefallen, dass mehrere der Autorinnen und Autoren der „Stolpertexte“ an einem Schreibseminar von Ulrike Draesner teilgenommen hatten.</p>
<div id="attachment_5752" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5752" class="wp-image-5752 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1280w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5752" class="wp-caption-text">Fotos und Briefe aus der Franz und Grete Hilllinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die jungen Studierenden bei Ulrike Draesner waren nicht nur sehr engagiert,</em> <em>sondern haben sich auch selbst organisiert. Einige sind nach New York gereist, um sich vor Ort mit den Originalen auseinanderzusetzen, um mit David Brown in Austausch zu treten. Das machte auch etwas mit den Texten, dieses persönliche Interesse an den Personen spiegelte sich in ihnen. Der Austausch endete auch nicht mit den Texten. </em></p>
<p><em>Bei einigen wissen wir, dass sie zum Beispiel mit dem MDR zusammen an einem Podcast arbeiten, um dort einige der biographischen Aspekte unterzubringen, die sie in den Texten nicht unterbringen konnten. Sie konnten auch mit einigen Familienangehörigen der Personen sprechen, deren Dokumente sie sich angeschaut hatten. Gerade wenn man sich den Stolpertext „Hoffentlich ist es dann nicht zu spät“ von Victor Sattler über Robert Bachrach und Theo Hochner anschaut. Diesen Text haben wir nur in Auszügen im Buch publiziert, </em><a href="https://www.lbi.org/projects/podcast/episode-17/"><em>den kompletten Text haben wir auf unserer Website veröffentlicht</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Es wurden viele familiäre Bezüge konsultiert, Personen in Austausch gebracht, die selbst über Jahrzehnte keinen Kontakt zueinander hatten. Es entstanden neue Verbindungen, die ohne das Projekt nicht entstanden wären. Das haben wir auch bei dem 1938er Projekt festgestellt: Je mehr man versucht, über eine Person herauszufinden, desto intensiver beschäftigt man sich mit Familienbiographien und versucht, die verschiedenen Familienzweige zu konsultieren. Daraus ergeben sich plötzlich Kontakte mit Personen, die gar nichts davon wussten, dass sie eine Verbindung hatten. Beispielsweise über einen Brief, über den beide Seiten miteinander in Verbindung kamen und man anhand dieser einen Begebenheit herausfinden konnte, wie eng verzweigt Geschichte sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann das gut nachvollziehen. Erst nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich über seinen Nachlass, den er in seinem Nachtschränkchen und anderswo aufbewahrte, dass ich Verwandte in Polen habe. Die Schwestern meines Großvaters hatten alle Polen geheiratet. Eine Tochter, eine Großkusine von mir, hatte einen kompletten Stammbaum erstellt, den manche in der Familie schon kannten, von dem ich aber noch nie etwas erfahren hatte.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Manchmal sind das ganz kleine Dinge. Geschenkte Bücher mit einer kleinen Eintragung, Widmungen. Oder Schulfotos, wo man erfährt, da ist meine Großtante drauf, oder die war eine Freundin meiner Großmutter.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen zweiten Band? Und welche weiteren Pläne haben Sie?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich will mich noch nicht auf ein Datum festlegen.</em> <em>Ich denke jedoch, dass wir den nächsten Band 2026 oder 2027 veröffentlichen können. Material gibt es sicherlich genug. </em></p>
<h3><strong>„Exil“ – manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort</strong></h3>
<div id="attachment_5743" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5743" class="wp-image-5743 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-768x768.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-800x800.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1024x1024.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1200x1200.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1536x1536.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5743" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Leo Baeck Instituts über den Podcast erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein weiteres Projekt ist der Podcast „Exil“, im Grunde auch eine Spielart von „Stolpertext“.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic:</strong> <em>Aktuell sind wir dabei, die zweite Staffel des englischsprachigen Podcasts abzuschließen und </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><em>die deutsche Staffel</em></a><em> herauszubringen. Für erfolgreiche Geschichtsvermittlung braucht es ziemlich viel Energie, um auch Personen zu erreichen, die nicht direkt das nächste Buch in die Hand nehmen. Wir versuchen daher zurzeit, etwas aktueller zu werden und verschiedene Wege und Formate der Vermittlung aufzugreifen. Ein Podcast ist eine gute Lösung, auch wenn in der Vorbereitung und Umsetzung das ein oder andere ineinandergreift.</em></p>
<p><em>Der Podcast trägt den Titel „Exile“ beziehungsweise „Exil“. Im Englischen wird er von Mandy Patinkin gesprochen, im Deutschen von Iris Berben. Wir haben auch hier den biographischen Ansatz gewählt. Jede Folge befasst sich mit einer Protagonistin, einem Protagonisten, die etwa in dem Zeitraum 1910 bis 1950 lebten und zeigen, was es heißt, ins Exil zu gehen, was das mit jemandem macht, wie das Leben davor und danach aussieht. Eine Episode widmet sich </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-11/"><em>Stefan Zweig und Joseph Roth</em></a><em>, eine andere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-3/"><em>Albert Einstein</em></a><em> und seinem Sommerhaus in Caputh, eine weitere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-12/"><em>Ruth Westheimer</em></a><em>. Wir haben aber nicht nur Berühmtheiten ausgewählt, die fast alle kennen. Viele Personen kennen die Zuhörenden wahrscheinlich nicht, aber ihre Geschichten sind auf jeden Fall hörenswert. </em></p>
<div id="attachment_5744" style="width: 223px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5744" class="wp-image-5744" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png" alt="" width="213" height="273" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-200x257.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-400x513.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-600x770.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-768x985.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-798x1024.png 798w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-800x1026.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1197x1536.png 1197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1200x1539.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png 1559w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" /></a><p id="caption-attachment-5744" class="wp-caption-text">Florence Mendheim. Mendheim-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Die erste Episode handelt von </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-1/"><em>Florence Mendheim</em></a><em>. Sie war eine junge Frau aus New York, die als Bibliothekarin arbeitete, aber dann angeworben wurde, in nazinahen Communities zu spionieren und deren Umtriebe zu melden. Sie hat sich ein Pseudonym zugelegt und ist am Abend in diese pronazistischen Versammlungen gegangen, war sehr erschüttert von dem, was sie dort erlebte, aber in der Lage, dann sehr detaillierte Berichte zu verfassen, was sie gesehen und gehört hatte und wer dabei war. Man muss sich vor Augen halten, dass im Madison Square Garden eine große Naziversammlung stattfand, andererseits aber vor dem Madison Square Garde Protestaktionen stattfanden, deren Akteure sehr deutlich machten, dass sie nicht passiv zusehen würden, wie sich die USA in einen profaschistischen Staat verwandeln. Dass wir so viele Details darüber wissen, basiert zu großen Teilen auf Berichten von Personen wie Florence Mendheim. Ohne sie und andere, die ebenfalls ihre Beobachtungen festhielten, wären diese Nazi-Expats und mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Gruppen sowie deren Umtriebe als Teil des Spektrums freier Meinungsäußerung oder als eine beliebige Art von Heimatverbundenheit abgetan worden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Nazis hatten in den USA durchaus ihre Sympathisanten. Ich nenne nur Henry Ford und Charles Lindbergh. Die waren durchaus populär, eindeutig antisemitisch und pronazistisch.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Das waren die großen Namen der Szene. Wir wollten zeigen, was eine einzelne Person wie Florence Mendheim bewegen konnte. Es war ein sehr mutiger und auch gefährlicher Protest. Es war klar, warum sie das machte. Sie stand mit ihrer Tante in Berlin in Briefkontakt, die schrieb, dass sie zu alt sei, um auszuwandern. Wir wissen, dass sie kurze Zeit später ermordet wurde, obwohl Florence ihr immer zuredete, sie solle doch in die USA kommen, sie würden das schon gemeinsam schaffen.</em></p>
<div id="attachment_5748" style="width: 244px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5748" class="wp-image-5748 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg" alt="" width="234" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-200x256.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-400x512.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-600x768.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg 625w" sizes="(max-width: 234px) 100vw, 234px" /></a><p id="caption-attachment-5748" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Eine weitere Frau, die ich gerne nenne, ist, ist </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-5/"><em>Lene Schneider-Kainer</em></a><em>. Sie war eine in Berlin sehr aktive Künstlerin, die auch in der Galerie Gurlitt ausstellte und noch vor dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft mit Bernhard Kellermann auf den Spuren von Marco Polo die alte Seidenstraße entlang reiste. Die beiden berichteten in verschiedenen Berliner Tageszeitungen darüber. Sie hat aber auch Tagebuch geführt und unzählige Aquarelle gemalt, in denen sie das, was sie gesehen hatte, festhielt. Sie war in vielem ihrer Zeit voraus, weil sie sich nicht auf die üblichen Rollen von Frauen und Männern festlegen ließ. Sie packte sich die ohnehin kurzen Haare zur Seite, band sich die Brust ab, ging ins Bordell oder in die Opiumhöhle, um zu sehen, was dort passiert. So recherchiert man halt. Aus heutiger Sicht gar nicht so ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber, dass dies in den 1920er Jahren geschah. Sie hat auch einen Film aufgenommen, der jetzt wiederentdeckt worden ist und den wir einigen aktuellen Regisseuren gezeigt haben, die sahen, wie sehr sich die Räume verändert hatten, wie damals bestimmte gesellschaftliche Interaktionen stattfanden. Vieles von dem Gezeigten wäre heute kaum noch vorstellbar. </em></p>
<p><em>Wir haben versucht, nicht nur sogenannte Opfergeschichten zu präsentieren. Wir wollten das Selbstbestimmte zeigen, das Engagement. </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-10/"><em>Eva Kollisch</em></a><em>, die ihr ganzes Leben als Radikale verbrachte, die sich als junge Geflüchtete in den USA zunächst für kommunistische Ideen begeisterte, dann aber feststellte, dass auch die sehr misogynen Strukturen im Kommunismus ihr überhaupt nicht entsprachen. Sie machte sich dann als Feministin einen Namen. Es gibt viele Stationen, die sich in einer Biographie zeigen lassen. Jede einzelne Biographie offenbart, dass es ganze Bewegungen nicht gegeben hätte, wenn sich diese Menschen nicht so klar und mutig geäußert und engagiert hätten. Sie hatten in der Regel wenig Unterstützung, aber ihre Geschichten zeigen, wie viel sich bewegen lässt, wenn man den Mut dazu aufbringt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 6. Februar 2025. Titelbild: Alma Landshut 1932. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wiederentdeckungen mit dem Lilienfeld Verlag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Nov 2024 09:40:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wiederentdeckungen mit dem Lilienfeld Verlag Axel von Ernst über das Programm und die Stärken unabhängiger Verlage „Alles Erzählen ist nur eine Annäherung. Über die Geschichte (Historie), über die Beweggründe von Menschen, sogar über die eigenen Erinnerungen lässt sich nur schwer Gewissheit erlangen. Gleichzeitig ist da ein unstillbares Verlangen, es immer wieder zu versuchen –  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Wiederentdeckungen mit dem Lilienfeld Verlag</strong></h1>
<h2><strong>Axel von Ernst über das Programm und die Stärken unabhängiger Verlage</strong></h2>
<p><em>„Alles Erzählen ist nur eine Annäherung. Über die Geschichte (Historie), über die Beweggründe von Menschen, sogar über die eigenen Erinnerungen lässt sich nur schwer Gewissheit erlangen. Gleichzeitig ist da ein unstillbares Verlangen, es immer wieder zu versuchen – <u>dennoch</u>.“</em> (Julia Schoch, Einige ungeordnete, mitunter widersprüchliche Gedanken zur Frage ‚Wer darf wie über die Vergangenheit schreiben?“, in: Charlotte Gneuß, Hg., Diktatur und Utopie – Wie erzählen wir die DDR, in: Neue Rundschau 134/4, 2024, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024)</p>
<p><img decoding="async" class="wp-image-5496 size-medium alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-300x180.jpg" alt="" width="300" height="180" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-200x120.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-300x180.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-400x240.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-600x360.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-768x460.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-800x479.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-1024x614.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002.jpg 1103w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Erinnern ist Wiederentdecken, sich einer vergangenen Zeit vergewissern, Wiedervergegenwärtigung. Texte wieder zu lesen, die eigentlich schon (fast) vergessen zu sein scheinen – das wäre sicherlich hilfreich, doch wo findet man Texte, die vor längerer Zeit veröffentlicht, inzwischen vergriffen und zum Teil sogar nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich sind? Auch nicht als pdf im Internet. Der Düsseldorfer <a href="https://lilienfeld-verlag.de/">Lilienfeld Verlag</a> hat sich die Wiedervergegenwärtigung solcher Literatur zur Aufgabe gemacht. Seit 2007 sorgen Viola Eckelt und Axel von Ernst dafür, dass Bücher wieder neu aufgelegt werden, die uns im besten Sinne des Wortes das Erinnern erleichtern. Natürlich spielt dabei der neue Kontext der Veröffentlichung eine Rolle, denn wer Texte liest, Gedichte, einen Roman, Tagebücher, die vielleicht vor 100 Jahren geschrieben, vor 90 Jahren veröffentlicht, seit 70 Jahren vergriffen waren, muss sich nicht nur den Text selbst vergegenwärtigen, sondern auch die unterschiedlichen autobiographischen wie gesellschaftlichen und politischen Kontexte vergangener Zeiten im Kontrast zur heutigen Zeit, in der wir diese Texte wieder entdecken und lesen, reflektieren.</p>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Lilienfeld Verlag ist ein unabhängiger Verlag. Er macht seit 2007 Programm. In dem hier dokumentierten Gespräch hat Axel von Ernst das Anliegen der unabhängigen Verlage vorgestellt. Anlass war die im Jahr 2024 erschienene erweiterte Neuauflage des Buches „Gesperrte Ablage“, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-klondike-der-texte/">Ines Geipel</a> und Joachim Walther im Jahr 2015 veröffentlichten. Dieses Buch war ebenso Gegenstand dieses Gesprächs wie weitere Bücher von Karen Gershon, Franz Hessel und Moacyr Scliar. Julia Schoch formuliert eine auf den ersten Blick eingängige Hypothese, die sich auf diese und viele andere wieder entdeckte oder noch wieder zu entdeckende Bücher anwenden ließe: <em>„Wir bewohnen unsere Vergangenheit, wie man Träume bewohnt.“</em> Und sie stellt klar: <em>„Die Literatur ist nicht der Ort, an dem wir versuchen sollten, verlässlich in Erfahrung zu bringen, wie etwas gewesen ist. Wobei die Betonung auf <u>verlässlich</u> liegt.“</em> Lesen ist eben Annäherung. Auch Schreiben. Und Verlegen von Büchern!</p>
<h3><strong>Anliegen und Qualität der unabhängigen Verlage</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Verlag wurde 2007 als unabhängiger Verlag gegründet. Was für eine Zeit war das damals für Sie und andere unabhängige Verlage?</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Wir haben im Jahr 2007 mit vier Büchern angefangen. Wir sind von Anfang an in der Gruppe der Independent-Verlage angetreten, um Bücher zu machen, die Wiederentdeckungen sind. Damals gab es eine Bewegung der Independent-Verlage, beispielsweise mit </em><a href="https://www.aufbau-verlage.de/blumenbar"><em>Blumenbar</em></a><em> oder dem </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/anarchische-aesthetik/"><em>Verbrecher Verlag</em></a><em>. Junge frische Verlage, die einen neuen Impuls gegeben haben. Es gab schon die </em><a href="https://www.kurt-wolff-stiftung.de/"><em>Kurt Wolff Stiftung</em></a><em> und weitere Initiativen, die das Ziel verfolgten, für die unabhängigen Verlage einen Auftritt zu entwickeln, der mehr Einfluss im Buchhandel, in der Presse, im Publikum erlaubt. Es war damals schon schwer für unabhängige Verlage. Ich kam als Autor mit diesen Kreisen über Literaturzeitschriften in Kontakt, in denen ich veröffentlicht habe, oder über Lesungen, und so konnten wir uns anschließen. </em></p>
<p><em>Die meisten dieser Verlage boten neue Literatur an, Lyrik, die Jetzt-Zeit. Wir hatten einen anderen Ansatz. Meine Partnerin und Mit-Gründerin Viola Eckelt ist Germanistin, ich selbst bin auch Germanist. Wir haben uns für die Literatur der 1920er Jahre, für die Literatur im Exil interessiert. Das wollten wir in unserem Verlag herausbringen. Wir dachten auch daran, etwas zum 19. Jahrhundert zu machen. Das mussten wir jedoch leider zurückstellen, weil das im Buchhandel nicht so lief. Unser Schwerpunkt wurde das 20. Jahrhundert, teilweise noch vor dem Ersten Weltkrieg, in der Regel aber die 1920er Jahre bis hin in die 1980er Jahre. Wir verlegen viel internationale Literatur, auch von Autorinnen und Autoren, die in ihren eigenen Ländern nicht so bekannt sind, aus Brasilien, Argentinien, aus den USA oder auch aus Russland. </em></p>
<p><em>Wir veröffentlichen vor allem Prosatexte, weniger Lyrik, Texte, die heute noch relevant sind, keine Texte, die nur historisch interessant sind. Wir wollen Texte verfügbar machen, die heute noch Geschichten erzählen und so auch ein breiteres Publikum erreichen. „Breit“ muss man bei einem unabhängigen Verlag natürlich in Anführungszeichen setzen, denn ein so breites Publikum wie die Konzernverlage werden wir mit diesen Titeln nicht erreichen. Dennoch denken wir schon etwas größer. Die Grundauflage bei uns sind etwa 1.500 Exemplare. Das ist aus der Sicht eines kleinen Verlags schon groß gedacht. </em></p>
<p><em>In dem Kreis der unabhängigen Verlage sind wir sehr freundlich aufgenommen haben. Das zeichnet diese Verlage auch aus. Der große Teil derjenigen, die als unabhängiger Verleger:innen Bücher machen, tun dies aus Idealismus. Als Geschäftsfeld ist das – wenn ich das sagen darf – eine Katastrophe. Der Idealismus hat etwas damit zu tun, dass wir alle in den unabhängigen Verlagen Literatur vermitteln wollen. Das ist ein Feld, in dem sehr viel zu gewinnen ist, an Menschlichkeit, Freundlichkeit, an Zielen, die erreicht werden sollen, an Aufmerksamkeit für Marginalisiertes. Die Menschen, die das tun, sind besondere Menschen, und sie gehen auch so miteinander um. Auf der ersten Buchmesse, an der wir 2007 teilnahmen, wurden wir sofort vorgestellt, an Journalist:innen zum Beispiel. Es gibt auch sehr offene Buchhandlungen, das könnte mehr sein, aber das hängt auch mit deren finanziellen Bedingungen zusammen. Buchhandlungen müssen sehen, dass sie finanziell zurechtkommen. Aber dennoch bleiben manche hartnäckig und präsentieren sehr stark unabhängige Verlage.</em></p>
<div id="attachment_5497" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5497" class="wp-image-5497 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5497" class="wp-caption-text">Axel von Ernst, Foto: U.A. Kirsten.</p></div>
<p><em>Besonders wichtig war die Pressearbeit mit den Kontakten in die Öffentlichkeit.  Sigrid Wilhelm hat für uns damals den Presseverteiler aufgebaut, 300 Adressen zusammengetragen, persönliche Kontakte organisiert. Darauf fußt unser heutiger Erfolg nach wie vor. Schon mit unserem ersten Programm hatten wir eine gute Presseresonanz. Die erste Welle machte uns schon so bekannt, dass wir uns auch trotz mancher Schwierigkeiten bis heute halten können, auch mit Texten von Namen, die noch nie jemand gehört hatte. Aber es wird immer schwieriger. Das Problem liegt nicht an den Verlagen, sondern in der Gesellschaft. Dort findet eine Entwicklung statt, die – ich muss das so sagen – bildungs- und kulturfeindlich ist. Das Feuilleton bricht zusammen, wird immer weiter eingekürzt. Es gibt immer weniger professionelle freie Kritikerinnen und Kritiker. Die Wirkung der alten Zeitungen kann im Internet nicht aufgefangen werden. Es gibt tolle Blogs, die das versuchen. Das ist wichtig, wurde aber früher auch kritisiert, als eine Art Selbstermächtigung, denn – so hieß es – nur die Feuilletons dürften so etwas machen. Heute bröckelt das Feuilleton, es wird auch sehr stark von den Konzernverlagen dominiert. Die marktgängigen Titel werden in den Vordergrund gestellt. Auf der Liste der Titel für den Deutschen Buchpreis finden sich nur selten Titel aus unabhängigen Verlagen, es waren im Jahr 2024 zwei von zwanzig Titeln und die waren übrigens aus Österreich und der Schweiz, nicht aus Deutschland. Es ist ungefähr so, als wenn bei einer Bestenliste von Käsesorten nur Supermarktkäse angeboten würde. Bei Büchern fällt uns das nicht auf, die wichtigsten Bücher kommen scheinbar aus den Konzernverlagen. Diesmal kamen sieben der 20 Titel allein aus der </em><a href="https://holtzbrinck.com/de/"><em>Holtzbrinck-Gruppe</em></a><em>. </em></p>
<h3><strong>Vielfalt sichtbar machen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich frage mich manchmal nach den Auswahlkriterien der Mitglieder der Jury des Deutschen Buchpreises.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Marketing-Werbung spielt eine wichtige Rolle, bedingt durch die Macht der Konzerne, die Diskussion zu bestimmen. Es wird viel Werbung geschaltet, die Presseabteilungen bereisen die Redaktionen der großen Zeitungen. Das können kleine Verlage nicht leisten. Sie haben auch einzelne Kontakte, können aber nicht flächendeckend und so intensiv agieren. Durch dieses enge Zusammenwirken wird Bedeutung erzeugt. Das beeinflusst uns alle und wir denken – ich schließe mich selbst nicht aus: Das sind die bedeutenden Titel. Das heißt nicht, dass es schlechte Bücher sind, aber es heißt im Umkehrschluss auch nicht, dass die Bücher, die nicht im Vordergrund der Feuilletons stehen, schlechte Bücher wären. Die Gefahr besteht, dass die Konzerne und Großverlage erst einmal geschäftlich denken und ein Down-Trading stattfindet, sodass sie immer stromlinienförmigere Sachen veröffentlichen, um Umsatz zu machen. Das heißt, sie müssen Literatur verlegen, die sich gut verkaufen lässt. Das Geld entscheidet, was wir für wichtig halten und welche Qualität angeboten wird. So sinkt leider auch das Niveau.</em></p>
<p><em>Wir schaffen aber auch ein Gegengewicht. Ich bin Vorstand des Vereins </em><a href="https://www.hotlist-online.com/"><em>Hotlist</em></a><em>, einem Wettbewerb, der ein Gegengewicht zum Deutschen Buchpreis bilden soll und jährlich in jedem September zehn Bücher auszeichnet, die bei unabhängigen Verlagen erscheinen. Den Wettbewerb gibt es seit 2009. Die Preisverleihungsveranstaltung findet im Literaturhaus in Frankfurt statt.</em><strong>  </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit tun Sie auch etwas gegen die große Gefahr des Aktualismus. Da wird etwas gerade einmal hochgehypt und schon hat man den Titel dazu, schnell geschrieben, schnell verlegt, oft auch auf Kosten einer ordentlichen Recherche, vor allem im Sachbuchsektor. Und wenn das einmal läuft, dann läuft das auch mehrfach. Ich dachte gerade daran, welche Auflageziffern Bücher von Autoren wie Thilo Sarrazin oder Dirk Oschmann schaffen. Literatur hat es da schon schwer, sich in solche Wellen der Aufmerksamkeit einzuklinken.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist ein gefährliches Feld. Manchmal ist Aktualismus aber auch ein Vorteil. Ein Beispiel: Schwarze Literatur. Aber was musste alles passieren, damit die Konzerne sich damit befassten? Morde, große Demonstrationen, Black Lives Matter, und erst dann wurde das interessant. Das war Thema in der Gesellschaft und schon suchten alle großen Verlage junge Schwarze Autorinnen und Autoren, brachten Klassiker der </em><a href="https://www.history.com/topics/roaring-twenties/harlem-renaissance"><em>Harlem Renaissance</em></a><em> heraus. Da gab es eine Welle. Das ist Aktualismus, der funktioniert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zwei Jahre später ist das oft schon wieder vorbei.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist die Gefahr. Vorher hatten nur kleine Verlage Schwarze Autor:innen, Schwarze Theorie im Programm. Es gibt zwei kleine Verlage in Münster, </em><a href="https://www.edition-assemblage.de/"><em>Edition Assemblage</em></a><em> und </em><a href="https://unrast-verlag.de/"><em>Unrast</em></a><em>. Oder den Berliner </em><a href="https://orlanda.de/"><em>Orlanda Verlag</em></a><em>, der zum Beispiel Schwarze mit feministischer Literatur oder mit queerer Literatur verbindet. Wenn eine solche lukrative Welle abebbt, werden diese Verlage ihre wichtige Arbeit auch weiter tun, so lange sie können. </em></p>
<p><em>Die unabhängigen Verlage bilden Vielfalt ab. Diese Vielfalt habe ich selbst erst wahrgenommen, als wir unseren Verlag gegründet haben. Vor allem habe ich verstanden, welcher Reichtum von unabhängigen Verlagen geschaffen wird. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ging mir genauso. Erst seit ich mein Internetmagazin aufgebaut habe, wurde mir klar, wie viele tolle unabhängige Verlage es gibt und was für vielfältige und spannende Programme die bieten. Sie machen Vielfalt sichtbar oder vielleicht sollte ich sagen (nach)lesbar.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gibt so viele unterschiedliche Dinge. Da gibt es Verlage, die sich mit bestimmten Szenen beschäftigen. Es gibt Verlage, die Traditionen pflegen, Verlage, die Lyrik machen. All diese Verlage sind für viele Autor:innen wichtig, denn bei Konzernverlagen hat man mit bestimmten Titeln keine Chance. Es gibt natürlich auch einige unabhängige Verlage, die 10.000er-Auflagen schaffen. </em></p>
<p><em>Abzusehen ist, dass unabhängige Verlage unter den jetzigen Bedingungen vermehrt sterben werden. Einige tun sich jetzt zusammen, beispielweise bei </em><a href="https://www.bedey-media.de/"><em>Bedey Media</em></a><em>, wo sich 18 Verlage unter einem Dach zusammengetan haben. Der </em><a href="https://kampaverlag.ch/"><em>Kampa-Verlag</em></a><em> hat jetzt mehrere Verlage unter seinem Dach aufgenommen, darunter auch sehr bekannte Namen wie </em><a href="https://jungundjung.at/"><em>Jung und Jung</em></a><em>, </em><a href="https://www.schoeffling.de/"><em>Schöffling</em></a><em>, </em><a href="https://doerlemann.ch/"><em>Dörlemann</em></a><em>, im unabhängigen Bereich umsatzstärkere Verlage. Aber viele Verlage geben auch einfach auf, Verlage, die im Feuilleton für ihre Projekte hoch gelobt werden, können nicht weitermachen, manche auch, weil die Verlegerin, der Verleger ein gewisses Alter erreicht haben und keine Nachfolge finden. Es ist nicht attraktiv, so etwas zu übernehmen, viel Arbeit ohne davon wirklich Gewinn zu haben. </em></p>
<h3><strong>Plädoyer für eine strukturelle Verlagsförderung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Förderung von Vielfalt wäre meines Erachtens eine grundlegende Aufgabe staatlicher Kulturförderung.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Wir kämpfen gerade für eine strukturelle Verlagsförderung. In der Schweiz und in Österreich gibt es das, auch in anderen Ländern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie steht die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien dazu?</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Sehr positiv. Sie hat im Haushalt 2023 bereits Gelder dafür bereitgestellt. Ein Hauptproblem sind jedoch die Bundesländer. Es handelt sich auch um eine Länderzuständigkeit und die einzelnen Länder haben sehr unterschiedliche Vorstellungen. Es gibt eben Länder, in denen es viele Verlage gibt, wie in Berlin oder in Bayern, andere, in denen es nur wenige Verlage gibt. Aber das ist falsch gedacht. Das Geld würde ja nicht nur an die Verlage gehen, sondern an eine ganze Szenerie, an Übersetzer:innen, an Graphiker:innen, an Buchbindereien, an Druckereien. Es würde eine ganze Struktur erhalten bleiben und die gibt es in allen Bundesländern. Da ist noch einiges an Lobbyarbeit erforderlich.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings auch den Gedanken, dass Verlage Wirtschaftsunternehmen sind und daher keine Kulturförderung bekommen könnten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann dürfte ich kein Theater mehr unterstützen.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Kein Theater, keine Oper, kein Kino. Abgesehen davon gibt es Wirtschaftsförderung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht um die Frage, was einer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich Literatur auf das reduziert, was in Abiturprüfungen abgefragt werden könnte.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Eigentlich hat Literatur einen guten Ruf, aber wie sieht es mit den Leser:innen aus? Es gab ja diese sogenannte </em><a href="https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/studien-umfragen/studie-buchkaeufer-quo-vadis/"><em>„Leserschwundstudie“</em></a><em>  aus dem Jahr 2018. Das war ein großes Schockmoment. Es wurde festgestellt, dass zwischen 2012 und 2017 etwa sieben Millionen Leser:innen verschwunden waren. Das hatte man nicht am Umsatz gemerkt, weil die Bücherpreise angestiegen waren, auch teurere Bücher gekauft wurden. Untersucht wurden die Gründe: Es lag an den neuen technischen Möglichkeiten, die Leute schauen im Bett vorm Schlafengehen lieber in ihr Smartphone oder schauen Serien. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass es nach wie vor eine große Sehnsucht nach Büchern gibt, dass das Buch auch als etwas Schönes verehrt wird und dass es eine große Sehnsucht gibt, mal wieder in Ruhe zu lesen. Im Kinder- und Jugendbuchbereich ist der Buchverkauf nicht zurückgegangen, vor allem die mittleren Generationen kaufen weniger.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht kommt es nicht nur darauf an, dass man liest, sondern auch darauf, was man liest. Ich erinnere mich an eine merkwürdige Äußerung des China-Experten Klaus Mehnert (China nach dem Sturm, Stuttgart, DVA, 1971). Er bewunderte, wie die Kinder in Maos Reich lesen lernten. Sie lernten an Maos Schriften. Klaus Mehnert meinte, es sei doch letztlich egal, an welchen Texten man das Lesen lernte, Hauptsache, der Analphabetismus werde beseitigt.</p>
<p>Bei der Frankfurter Buchmesse 2024 gab es eine eigene Halle für <a href="https://www.buchmesse.de/themen-programm/publikumsprogramm/themen/new-adult">„New Adult“</a>. Beworben wurde das auf der Seite der Buchmesse wie folgt: <em>„Du liebst aufregende Love Stories, die am College oder in geheimnisvollen Welten spielen? Du kanntest die Bücher schon, bevor sie Serienhits auf Netflix wurden? Und auf BookTok bist du immer auf der Suche nach dem neuesten ‚Enemies To Lovers‘-Roman?“ </em>Im Grunde eine neue Variante von Populärliteratur oder vielleicht sollte ich sagen populärer Literatur.</p>
<p>Ein Beispiel staatlicher und ein Beispiel kommerzieller Literaturförderung.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Ich denke schon, dass es schöner ist, wenn jemand sich hinsetzt und einen dicken Fantasy-Schmöker liest und genießt, als wenn er oder sie sich den ganzen Tag mit Quiz-Shows vor dem Fernseher oder Klicks auf dem Smartphone vergnügt. Das Problem liegt eigentlich darin, dass auch Menschen, bei denen es mal anders war, nicht mehr lesen, Menschen, die studiert haben, oder dann, wenn sie lesen, aber auch ausschließlich Fantasy und Krimis lesen.</em></p>
<h3><strong>„Gesperrte Ablage“ – die Dritte Literatur des Ostens</strong></h3>
<div id="attachment_4874" style="width: 171px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4874" class="wp-image-4874 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-161x300.jpg" alt="" width="161" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-161x300.jpg 161w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-200x373.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-400x746.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-549x1024.jpg 549w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-600x1118.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-768x1432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-800x1491.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-824x1536.jpg 824w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-1099x2048.jpg 1099w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-1200x2237.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-scaled.jpg 1373w" sizes="(max-width: 161px) 100vw, 161px" /><p id="caption-attachment-4874" class="wp-caption-text">© Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei der Vorstellung ausgewählter Bücher aus dem Lilienfeld Verlag würde ich gerne mit „Gesperrte Ablage“ beginnen, das Sie 2015 veröffentlicht und dann im Jahr 2024 neu aufgelegt haben. Ines Geipel und Joachim Walther haben sich für eine Literatur eingesetzt, die aus ideologischen Gründen in der DDR unterdrückt und verfemt, aber auch nach der Friedlichen Revolution weitgehend ignoriert wurde. Ines Geipel spricht von der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-dritte-literatur-des-ostens/">„Dritten Literatur des Ostens“</a>. Die <a href="https://www.ddr-aufarbeitung.de/start/bücher-verschiedene-themen/verschwiegene-bibliothek/">„Verschwiegene Bibliothek“</a>, die in der Büchergilde Gutenberg veröffentlicht wurde, war auf 20 Bände geplant, wurde aber nach zehn Bänden eingestellt, weil das Interesse erlahmte. Da haben Sie mit „Gesperrte Ablage“ in eine Lücke hineininvestiert. In diesem Buch findet man Biographien, Textbeispiele von über 100 Autorinnen und Autoren, deren Texte zu einem großen Teil nach wie vor im Archiv der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur darauf warten, entdeckt und gewürdigt, möglichst auch gedruckt zu werden. Zu entdecken sind noch etwa 70.000 Manuskriptseiten.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Publikum und Markt sind hart. Aber das Publikum kann für alles gewonnen werden. Davon bin ich fest überzeugt.  Aber es gibt Beschränkungen. Und es gibt natürlich auch eine Tendenz des Skandals. Wo stecken Provokationen? Ein Buch wie das von Dirk Oschmann provoziert natürlich außerordentlich, das funktioniert, darüber kann man Fernsehsendungen machen, Interviews, Talk-Shows. Dann gibt es den Trend, eher Täter darzustellen, in allen historischen Bereichen. Am interessantesten sind die Monster. Das ist auch mit der DDR so. Es gibt viele Bücher über Bonzenfamilien, über kommunistische Biographien, auch im Filmischen, da ist die StaSi interessant. Siehe „Das Leben der Anderen“. Damit gewinnt man einen Oscar. Und die Täter werden besonders menschlich und verständnisvoll dargestellt. Da beginnt die Verharmlosung. </em></p>
<p><em>Es gibt nur wenige Ausnahmen. Dazu gehört zum Beispiel </em><a href="https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/makro/mitarbeiter/Prof_Mau"><em>Steffen Mau</em></a><em>, aber vor allem Ines Geipel. Sie sagt provozierende Dinge, die Widerstand hervorrufen, aus meiner Sicht Wahrheiten, nimmt dafür auch viel Gegenwind in Kauf. Jetzt wieder in „Fabelland“, das 2024 bei S. Fischer erschien. Ines Geipel kämpft gegen Klischees an, die sich festgefressen haben und sich möglicherweise nur über Jahrzehnte wieder auflösen lassen. Es gibt die Fakten-Welt der Historiker:innen, in der die Dinge klarer liegen, die aber etwas anderes ist als die Welten der Menschen mit den verschiedensten Bezügen zur DDR.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu diesem Thema empfehle ich gerne das Buch „Tausend Aufbrüche“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">Christina Morina</a>. Sie hat keine Geschichte der Bürgerrechtsbewegung geschrieben, auch keine Geschichte der Transformationszeit, sondern eine Geschichte von Menschen, die sich in den ersten Jahren nach der Friedlichen Revolution gegenüber staatlichen Stellen und Repräsentanten geäußert hatten. Das waren noch andere Zeiten: Damals brauchte man Papier, auf das man etwas schrieb, dann einen Briefumschlag, auf den man eine Briefmarke kleben musste, den Brief musste man dann in den Briefkasten werfen. Da gab es schon einige Barrieren, die heute im Zeitalter der sogenannten „sozialen Medien“ und Kommentarspalten geschleift worden sind.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Ich bin bei diesem Thema eigentlich aus eigenem Trauma heraus etwas unwillig, weil mein Hintergrund auch ein Ost-Hintergrund ist. Meine Mutter kommt aus Düsseldorf, ist ihrem Mann in den Osten gefolgt, dann wurde die Mauer gebaut und sie kam nicht mehr zurück in den Westen. Es hat 27 Jahre gedauert, bis sie unter Schwierigkeiten mit mir zusammen wieder in den Westen zurückkam. Ich selbst bin 1971 geboren und bis zu meinem 15. Lebensjahr in der DDR aufgewachsen und kann daher beurteilen, was Ines Geipel erzählt und wer welchen Unsinn erzählt. Interessant ist natürlich, dass ich als jemand, der jetzt aus Düsseldorf kommt und dann mit dem Namen „von Ernst“ ohnehin sehr westdeutsch zu sein scheint, nie als Ost-, sondern immer als Westdeutscher gesehen werde. Dann höre ich zuerst, dass ich als Westdeutscher mir kein Urteil darüber erlauben dürfte, was in Ostdeutschland geschehen sei und geschieht. Irgendwann sage ich dann, woher ich kam, und bekomme dann zu hören, ich wäre ja so früh weggegangen. Und tatsächlich habe ich diese Umbruchszeit nur aus der Ferne mitbekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Fazit letztlich, Sie können sagen was Sie wollen, Ihnen wird die Ostkompetenz abgestritten, sofern es so etwas überhaupt gibt, zumindest setzen manche voraus, dass es so etwas gibt.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Man kann nicht alles, was schiefläuft, beziehungsweise schiefgelaufen ist, einfach pauschal dem Westen vorwerfen. Es sind Folgen der Diktatur. Ines Geipel schreibt unter anderem auch genau dies in ihren Büchern, Aufsätzen und Zeitungsartikeln. </em></p>
<p><em>Die „Gesperrte Ablage“ ist für unseren Verlag eigentlich ein ungewöhnliches Buch. Wir veröffentlichen keine Sachbücher, sondern Literatur, die lange nicht lieferbar war, die bisher nicht übersetzt worden ist. Wir haben die „Gesperrte Ablage“ aber gemacht, weil viele der dort genannten Autorinnen und Autoren ja gar nicht in normaler Form wiederentdeckt werden können, weil sie nie verlegt wurden. Das Buch erzählt ihre Geschichten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche Texte findet man nur in der „Gesperrten Ablage“. Zum Beispiel Texte von Jutta Petzold. Insofern ist Ihr Buch gleichzeitig Sachbuch und Literatur.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Die „Gesperrte Ablage“ erzählt, was nicht stattgefunden hat. Das ist auch typisch für Ines Geipel. Sie schafft eine Gegenerzählung. Wenn man über kritischere DDR-Literatur spricht, hören Sie immer die gleichen Namen, Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Heym. Aber das ist nicht <u>die</u> DDR-Literatur. Da gibt es noch etwas ganz anderes. Die Autorinnen und Autoren, die Ines Geipel vorstellt, wurden extremer und sehr hart bekämpft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Autorin, die auch in der „Verschwiegenen Bibliothek“ und in der „Gesperrten Ablage“ eine wichtige Rolle spielt, jetzt aber wiederentdeckt wird, ist Gabriele Stötzer. Wir sehen sie in dem <a href="https://www.dieunbeugsamen-film.de/teil2/">Film „Die Unbeugsamen 2“</a>, wir lesen Interviews mit ihr, sehr lesenswert ein <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/wiedervereinigung-bsw-afd-diktatur-demokratie-e096379/">Doppelinterview mit Gabriele Stötzer und Christa Nickels in der Süddeutschen Zeitung</a>. Andererseits bleibt eine Autorin wie Edeltraud Eckert, die Ines Geipel meines Erachtens sehr treffend <em>„die Sophie Scholl des Ostens“</em> nennt, leider nach wie vor wenig bekannt.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist Lyrik, und die Frau ist tot, kann keine Interviews mehr geben. Das macht es schwierig. Wir wollen mit Ines Geipel darüber nachdenken, was wir in solchen Fällen noch mehr tun können. Es findet sich jedenfalls viel überraschende literarische Qualität im Archiv, und all das mit den Lebensgeschichten, die zeigen, wie hart die DDR wirklich war.   </em></p>
<p><em>Auch der westliche Blick ist manchmal schwierig. Heute gibt es zum Beispiel Interesse an DDR-Design. Als das aber in der DDR entstand, war es eigentlich immer schon veraltet, spießig, gar nicht so niedlich, wie der naive Blick es manchmal sieht; auch diese Designs waren Teil und Ausdruck des Zwangssystems. Die Ostalgie kenne ich aber auch, es ist so eine Art Kindheitsnostalgie. Ich war einmal in Leipzig in einer Bar, da gab es DDR-Schulessen, Jagdwurst und Makkaroni, und ich habe mich gefreut, es mal wieder zu schmecken. Das war nämlich fast das Einzige, was in der Schule schmeckte. Aber das hat mit der DDR eigentlich nichts zu tun, damit verbindet sich ein Kindheitsgefühl. Oft wird hier etwas verwechselt. Manche sagen z. B., wir haben doch damals so schön gefeiert. Das war sicherlich schön, aber macht das die DDR besser? Die war und blieb eine ekelhafte Diktatur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anna Kaminsky, die Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, sagte in unserem Gespräch für den Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommode-diktaturen-gibt-es-nicht/"><em>„Kommode Diktaturen gibt es nicht.“</em></a> Das hatte Günter Grass mal über die DDR gesagt und viele glauben das noch heute. Wer bedroht wurde, fand die DDR alles andere, aber nicht <em>„kommod“</em>.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gehörte zur Atmosphäre dazu, dass alle bedroht waren. Das gehörte zur Diktatur. Es war ein Gefängniskomplex. Ich bin da traumatisiert, ich habe mitbekommen, wie meine Mutter gequält wurde, wie ihr nach einem Ausreiseantrag gedroht wurde, man würde mich ihr wegnehmen und in ein Heim stecken. Sie wurde beleidigt, mit Gefängnis bedroht, so richtig mit Lampe ins Gesicht: „Warum wollen Sie ins imperialistische Ausland?“ Der Mann, der sie verhört hat, bekommt jetzt wahrscheinlich seine schöne Beamtenpension, wählt AfD, freut sich, wenn er der Demokratie eins auswischen kann, und erzählt wahrscheinlich, dass er nichts mehr sagen darf in der „Demokratur“.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dabei sollte er sich lieber fragen, warum ihm jemand nur widerspricht, wenn er sagt, was er sagen will. Ins Gefängnis will ihn niemand stecken.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Meine Mutter hat den Ausreiseantrag 1983 gestellt, wir mussten viereinhalb Jahre warten. Die Bekanntgabe fand in einer Telefonzelle statt. Meine Mutter wurde in meiner Heimatstadt Tangermünde in eine Telefonzelle bestellt. Sie wusste nicht, worum es ging. Das Telefon klingelte. Der Mann sagte als erstes: „Sie können sich freuen, Sie werden Ihren Sohn“ (gemeint war mein älterer Bruder) „und ihre Enkel nicht mehr wiedersehen.“ Das hieß übersetzt: Sie dürfen ausreisen. Diese Art der Kommunikation gehörte dazu. Sie wurde auf diese Art und Weise alle zwei Monate verhört. Das reichte, um sie fertigzumachen. Meine Mutter erschrak sich noch in Düsseldorf immer, wenn das Telefon klingelte. Sie zuckte extrem zusammen. Wenn ich dann lese, was andere an noch Schlimmerem durchmachten … All das hat Ines Geipel dokumentiert. Sie selbst hat es auch erleben müssen. „Zersetzungsmaßnahmen“, so hieß das.</em></p>
<h3><strong>„Das Unterkind“ – Das allmähliche Verschwinden der Sicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_5477" style="width: 193px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/karen-gershon-das-unterkind/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5477" class="wp-image-5477 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind.jpg 271w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-5477" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als zweites Buch würde ich gerne „Das Unterkind“ mit Ihnen besprechen, eine Übersetzung aus dem Englischen, obwohl die Autorin Karen Gershon aus Bielefeld kommt. In Bielefeld hieß sie noch Käthe Löwenthal. Sie ist mit den sogenannten Kindertransporten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine entkommen und hat später in England Bücher geschrieben und veröffentlicht, darunter das autobiographische Buch „A Lesser Child“. Das Nachwort schrieb Naomi Shmuel, Tochter der Autorin. Es wurde 1992 von Sigrid Daub übersetzt und erschien damals bei Rowohlt. Das Buch dokumentiert neben den autobiographischen Wirren eines Kindes und Teenagers schonungslos vor allem zwei Dinge:</p>
<ul>
<li>Das Erste: Es geschieht etwas Schreckliches, aber die Betroffenen merken zunächst nicht, was sich da zusammenbraut. Es erinnerte mich ein wenig an den Roman „Badenheim“ von Aharon Appelfeld, in dem die Jüdinnen und Juden dieser Kurstadt zunächst auch nicht ahnen, was für ein Schicksal ihnen von der Staatsmacht zugedacht ist. In „Badenheim“ besteigen sie den Zug und jemand sagt, die Reise könne nicht weit gehen, wenn die Waggons so schmutzig sind.</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Zweite: das Tempo, in dem sich seit dem 30. Januar 1933 der Terror entwickelte. Es dauerte keine zwei Monate und es war absehbar, wohin die Schikanen gegen Jüdinnen und Juden, gegen Andersdenkende, gegen Sozialdemokrat:innen, Kommunist:innen, gegen Christ:innen, die sich gegen die Nazis stellten, führen würden. Am 1. April 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert und die Bevölkerung machte mit. Am 7. April 1933 wurde das Gesetz mit dem euphemistischen Titel „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verkündet, das zur Entlassung aller jüdischen Angehörigen des öffentlichen Dienstes führte, in den Schulen, den Hochschulen, der Verwaltung. Ausgenommen waren zunächst nur die Kriegsteilnehmer, die sogenannten „Frontkämpfer“, aber auch das änderte sich schnell.</li>
</ul>
<p>Das Buch gehört zu den Wiederentdeckungen, denen Sie sich mit dem Lilienfeld Verlag verpflichtet sehen.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gehört auch zu den Büchern einer marginalisierten Literatur. Im Hinblick auf die deutsche Literatur betrifft das in hohem Maße Literatur, die im Exil entstanden ist. Da gibt es noch einige Entdeckungen zu machen. In diesem Kontext bin ich auf Karen Gershon aufmerksam geworden. Sie hatte ein Buch mit dem Titel „Wir kamen als Kinder“ geschrieben. Sie selbst war über einen Kindertransport gerettet worden. Nach dem Krieg, Anfang der 1960er Jahre, hatte sie andere Kinder der Kindertransporte gebeten, ihre Erlebnisse zu schildern. In welchen Pflegefamilien wart ihr? Welche beruflichen Karrieren habt ihr gemacht? Welche Schwierigkeiten gab es? Und so weiter. </em></p>
<p><em>Dieser Chor der Kinder der Kindertransporte beeindruckt, weil er ein Gesamtbild gibt und zeigt, was diesen Kindern eigentlich angetan worden ist. Zunächst denken wir, tolle Sache, die sind gerettet worden. Aber die haben ihre Eltern zum letzten Mal auf dem Bahnsteig gesehen, sie kamen in eine fremde Welt, wurden auf irgendwelche Familien verteilt, kamen in völlig andere Lebensverhältnisse als die, in denen sie bisher aufgewachsen waren. So kamen Kinder aus einer Arztfamilie zu Bauern. Es wurde willkürlich verteilt. So haben sich auch die Leben verändert. Einige Kinder, die als Kleinkinder gerettet wurden, schildern, wie sie später ihre Eltern wiedergesehen haben, die aus der KZ-Haft gerettet wurden, schwer beschädigt, physisch wie psychisch. Es gibt auch einige positive Geschichten, weil manche Kinder Glück gehabt haben, in eine gute Familie kamen, die ihnen eine gute Ausbildung schaffen konnte. Aber sie alle hatten das Trauma der Trennung von den Eltern. </em></p>
<p><em>Ich habe mich zuerst nach diesem Buch erkundigt und mich dann informiert, was es sonst noch von Karen Gershon gab. Es gab Bücher von ihr auf Deutsch in einem kleinen Verlag, dem </em><a href="http://www.alibaba-verlag.de/"><em>Alibaba-Verlag</em></a><em>, der später hauptsächlich Kinderbücher gemacht hat, ein Verlag, den es nicht mehr gibt. Dieser Verlag hatte in den 1980er Jahren „Wir kamen als Kinder“ veröffentlicht, Rowohlt dann in den 1990er Jahren „Das Unterkind“. Ich habe mir die Bücher kommen lassen, und ich dachte, diese Frau muss wiederentdeckt werden.</em></p>
<p><em>Karen Gershon hat Lyrik geschrieben, sie war eine Frau, die sich mit Sprache befasste. Sie blieb auch in der Art, wie sie schrieb, sehr trocken, das ist vielleicht das westfälische Erbe. Sie erzählt in keiner Weise romantisch, sie erzählt knallhart alle Probleme, die psychischen Verstrickungen junger Mädchen. Das Buch ist auch eine Art Coming-of-Age-Roman im Rahmen dieser politischen Entwicklungen. Und dann diese Familiengeschichte. Vor allem der Vater, der eigentlich Architekt ist, nicht mehr als solcher arbeiten kann, gezwungen ist, seine Familie mit vielen kleinen Nebenjobs über Wasser zu halten. Die Familie verarmt immer mehr, kommt immer mehr herunter. Gleichzeitig wird die Familie extrem diskriminiert, auf der Straße, die drei Töchter in der Schule. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Freundin zieht sich zurück und sagt eines Tages: <em>„Ich bin ein deutsches Mädchen, ich spiele nicht mehr mit dir.“ </em></p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Bei jedem Buch, das man über den Holocaust liest, ist etwas Neues dabei, das noch einmal im Kopf etwas aufploppen lässt, das man nicht wusste. Viele meinen, sie wüssten alles, weil sie die Leichenberge in Auschwitz im Fernsehen gesehen hätten. Aber das war das Ende. All die alltäglichen Diskriminierungen, die Schikanen und deren Zuspitzung, die Auschwitz möglich machten, sollte man kennen, wenn man wissen will, wie eine Diktatur funktioniert. </em></p>
<p><em>Ein Punkt, der für mich in diesem Buch besonders eindrücklich war, war die Bedeutung der Synagogen. Da wurden eben nicht nur Häuser angezündet, im „Unterkind“ wird erzählt, wie die Synagoge immer mehr zum letzten verbliebenen sicheren Ort für die jüdische Bevölkerung wurde. Da konnten sich alle noch sammeln, dorthin konnte man sich zurückziehen, auch diejenigen, die sonst mit Religion eigentlich wenig zu tun hatten. Dieser letzte sichere Ort wurde angezündet. In dem Buch wird deutlich, was das heißt. Der letzte Boden wurde unter den Füßen weggezogen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage die Analogie, dass dies zeigt, was es bedeutet, Israel als Safe Space zu verstehen. Dies ist mit dem genozidalen Terrorangriff der Hamas zerstört worden.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das zeigt das Buch von Karen Gershon. Es ist auch schön, dass sich die Stadt Bielefeld als Heimatstadt von Karen Gershon für diese Entdeckung so offen gezeigt hat. Die Autorin hat sich immer als Bielefelderin bezeichnet. Jetzt wird in Bielefeld ein Platz nach ihr benannt. Ihre Töchter waren in Bielefeld zu Besuch und wurden herzlich empfangen, im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als sie auch schon einmal in Bielefeld waren, ihnen aber die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden, als sie die Orte besuchen wollten, wo ihre Familie gelebt hatte. Diesmal wurden sie selbstständig von der Familie eingeladen, die jetzt in der Wohnung wohnt, wo die Familie von Karen Gershon, die Löwenthals, gewohnt hatten. Ein ganz anderer Zugang. Mich hat es, doch mit Glück erfüllt, dass sich da bei uns wohl etwas im Zugang zur Geschichte verändert hat, allen anders wirkenden aktuellen Wahlergebnissen zum Trotz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich würde mich freuen, wenn noch weitere Bücher von Karen Gershon in Ihrem Verlag erscheinen würden.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist auch so geplant.</em></p>
<h3><strong>„Heimliches Berlin“ und „Kafkas Leoparden“</strong></h3>
<div id="attachment_5479" style="width: 184px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/franz-hessel-heimliches-berlin/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5479" class="wp-image-5479 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-174x300.jpg" alt="" width="174" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-174x300.jpg 174w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-200x344.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-400x689.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-595x1024.jpg 595w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-600x1033.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-768x1323.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-800x1378.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-892x1536.jpg 892w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-1189x2048.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-1200x2067.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin.jpg 1268w" sizes="(max-width: 174px) 100vw, 174px" /></a><p id="caption-attachment-5479" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Einbandgestaltung unter Verwendung eines Gemäldes von Peter K. Kirchhof.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben drei Romane von Franz Hessel veröffentlicht: „Heimliches Berlin“, „Pariser Romanze“ und „Der Kramladen des Glücks“.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>:<em> Franz Hessel hat eine kleine Gemeinde, die ihn kennt und schätzt, vornehmlich durch seine Flâneur-Geschichten: </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/franz-hessel/spazieren-in-berlin.html"><em>„Spazieren in Berlin“</em></a><em>, das ist ein Buch, das nicht bei uns, sondern im </em><a href="https://www.verlagberlinbrandenburg.de/"><em>Verlag für Berlin und Brandenburg</em></a><em> erschienen ist. Der Roman „Heimliches Berlin“ ist eine wunderbare Ergänzung. Darin gibt es auch eine Flâneur-Passage, die ich bei Lesungen immer vortrage. Es geht in dem Roman um Ereignisse in den 24 Stunden eines einzigen Tages und einer einzigen Nacht im Jahr 1924. Er wurde 1927 veröffentlicht. An diesem einen Tag findet das gesamte 1920er-Jahre-Berlin statt. Marlene Dietrich tritt auf, auch wenn ihr Name nicht genannt wird. Sie singt in einer Bar. Sexuelles Durcheinander, Verarmung, Politik, Aufbruchstimmung, Antisemitismus, Aufkommen rechter Bewegungen, all das in diesen etwa 130 Seiten.</em></p>
<p><em>Wir sind durch den Düsseldorfer Professor </em><a href="https://www.hhu.de/news-einzelansicht/prof-dr-bernd-witte-ist-verstorben"><em>Bernd Witte</em></a><em> auf die Romane aufmerksam geworden. Die Romane waren in der Bibliothek Suhrkamp erschienen und er hatte die Bände betreut und Nachworte verfasst. Er gab auch Seminare über Franz Hessel. Viola schaute irgendwann einmal nach, was mit diesen Büchern ist, und stellte fest, dass sie lange nicht mehr lieferbar waren. Wir haben dann beschlossen, Franz Hessel in unser Programm aufzunehmen. Auch die anderen Romane, „Kramladen des Glücks“, u. a. ein Bild der Münchner Gesellschaft im Jahr 1913, „Pariser Romanze“, ein großartiger Paris-Bohème-Roman, verkaufen sich gut. Das hängt meines Erachtens vielleicht mit den drei Städten zusammen und der Zeit, in der sie spielen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die 1920er und 1930er Jahre interessieren ohnehin viele Menschen. Anders wäre der Erfolg der inzwischen zehn Romane von Volker Kutscher mit den Hauptpersonen Gereon Rath und Charlotte Ritter nicht erklärbar, verfilmt in der Serie „Babylon Berlin“, wenn auch zum Teil mit deutlichen Abweichungen vom literarischen Original. Aber Volker Kutscher schreibt bei aller Qualität seiner Recherchen und all seiner historischen Genauigkeit aus der Gegenwart der 2000er und 2010er Jahre über eine vergangene Zeit. Ich kann daher nur empfehlen, Franz Hessel zu lesen und dann vielleicht weitere Berlin-Romane und -Reportagen der damaligen Zeit zu entdecken.</p>
<p>1924 starb Franz Kafka, sodass wir irgendwie in der Zeit bleiben, wenn wir über „Kafkas Leoparden“ sprechen, eine Perle in Ihrem Angebot, eine Übersetzung aus dem Brasilianischen. Der Autor ist Moacyr Scliar. Ich hatte „Kafkas Leoparden“ in Ihrer schönen Ausgabe im Jahr 2013 erworben, als Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Außerdem haben Sie seinen Roman „Die Ein-Mann-Armee“ veröffentlicht, beide Romane aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt. Das Titelbild von „Kafkas Leoparden“ ist &#8211; wie auch alle Ihre anderen Titelbilder &#8211; schon ein Hingucker, hier ein Mensch, der vielleicht zum Leoparden werden könnte, hoffentlich nicht mit einem so unverständlich schrecklichen Ergebnis wie bei Gregor Samsa. Das wäre aber eine andere Geschichte und vielleicht ist es ja auch nur unser Blick, der den verwandelten Gregor Samsa so schrecklich findet. Schade, dass die beiden von Ihnen veröffentlichten Bücher von Moacyr Scliar zurzeit nicht lieferbar sind, aber das kann sich ja noch ändern? Wie haben Sie diesen Autor entdeckt?</p>
<div id="attachment_5480" style="width: 184px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/moacyr-scliar-kafkas-leoparden/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5480" class="wp-image-5480 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-174x300.jpg" alt="" width="174" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-174x300.jpg 174w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-200x344.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-400x689.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-595x1024.jpg 595w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-600x1033.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-768x1323.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-800x1378.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-892x1536.jpg 892w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-1189x2048.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-1200x2067.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka.jpg 1268w" sizes="(max-width: 174px) 100vw, 174px" /></a><p id="caption-attachment-5480" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Einbandgestaltung unter Verwendung eines Gemäldes von Norika Nienstedt.</p></div>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das Buch kam über </em><a href="https://www.michael-kegler.de/"><em>Michael Kegler</em></a><em>, den Übersetzer, zu uns. Übersetzer wissen, was wir machen, und wenden sich dann an uns. Manche schreiben uns an, manche sprechen uns auf Buchmessen an. Übersetzer:innen kennen sich gut in den Ländern aus, aus denen sie Bücher übersetzen. Michael Kegler wurde mehrfach ausgezeichnet. Er wusste, dass Moacyr Scliar in Brasilien ein Klassiker ist. Er hatte auch ein Lieblingsbuch, die „Ein-Mann-Armee“, die allerdings von </em><a href="https://www.wunderhorn.de/autoren/karin-von-schweder-schreiner/"><em>Karin von Schweder-Schreiner</em></a><em> übersetzt worden war. Da sagte er, es gäbe noch „Kafkas Leoparden“. Das Buch sei noch nie übersetzt worden. Um das Buch gab es einmal einen kleinen Skandal im Zusammenhang mit „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel. Scliar hat sich beschwert, dass einiges in diesem Buch bei ihm plagiiert worden sei. Das war aber eine Nebensache, Michael Kegler empfahl den Ton, den Humor, das Politische, das Spezielle des Jüdisch-Brasilianischen des Autors, das wäre etwas für uns. Wir haben uns darauf eingelassen, und er hat es fantastisch übersetzt. Das ist auch das Schöne am Verlag. Wir treffen tolle Leute mit vielen tollen Ideen. Die bringen immer wieder neue Autorinnen und Autoren, es entsteht ein Netzwerk von Erfahrungen mit Dingen, die man sonst nie entdeckt hätte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es einen jüdisch-brasilianischen Schriftsteller gibt, der sich mit jüdischem Leben in Brasilien beschäftigt und dann auch noch mit Trotzkismus. Trotzki ist natürlich auch ein zwiespältiger Fall. Er hat eine Diktatur aufgebaut, mit all ihrem Terror, wurde dann von seinen eigenen Leuten herausgeworfen und landete selbst im Exil. Diese Ambivalenz haben wir auch bei Scliar.</em></p>
<p><em>„Kafkas Leoparden“ beginnt in der Ukraine, in einem jüdischen Stetl, in der Armut und der Repression, da begeistern sich Leute für den Sozialismus und einer wird durch einen merkwürdigen Umstand beauftragt, einen Menschen in Prag aufzusuchen, mit dem er Kontakt aufnehmen soll. Ein Geheimauftrag Trotzkis. Da beginnt die Reise des Benjamin Kantarovich, der Hauptperson des Romans, und sie endet nach einem Treffen mit Kafka in Prag, den er für die Kontaktperson hält, der es aber nicht ist, in Brasilien. Dort hat die Geschichte noch Folgen in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur in den 1960er Jahren. Der Text von Kafkas Leoparden begleitet die Personen bis in diese Zeit, ein kleines Blatt Papier als Dreh- und Angelpunkt, von Kafka unterschrieben, das der Geheimdienst für einen Code halten wird. Subversiv oder Blödsinn? Das ist die Alternative. Wertvoll oder Blödsinn? Das ist die Alternative, die Gesellschaft und Politik bezogen auf die unabhängigen Verlage zu entscheiden haben. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2024, Internetzugriffe zuletzt am 26. November 2024. Titelbild: Bibliothek in Dublin, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Jüdische Geschichtsschreibung in der DDR</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2024 06:20:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Jüdische Geschichtsschreibung in der DDR Zur Aktualität des jüdischen Holocaustforschers Helmut Eschwege „Zwischendurch versuchte ich, gegen die antizionistische Kampagne in unseren Medien zu protestieren, die nicht selten in Verleumdungen gegen uns Juden und besonders gegen Israel ausartete. In Teilen der Bevölkerung wärmte die oft ungezügelte Hetze alte antijüdische Ressentiments auf.“ (Helmut Eschwege, Fremd unter  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Jüdische Geschichtsschreibung in der DDR </strong></h1>
<h2><strong>Zur Aktualität des jüdischen Holocaustforschers Helmut Eschwege </strong></h2>
<p><em>„Zwischendurch versuchte ich, gegen die antizionistische Kampagne in unseren Medien zu protestieren, die nicht selten in Verleumdungen gegen uns Juden und besonders gegen Israel ausartete. In Teilen der Bevölkerung wärmte die oft ungezügelte Hetze alte antijüdische Ressentiments auf.“ </em>(Helmut Eschwege, Fremd unter Meinesgleichen – Erinnerung eines Dresdner Juden, Berlin, Ch. Links, 1991)</p>
<h3><strong>Die unerfüllte Hoffnung auf eine demokratische DDR</strong></h3>
<p>Helmut Eschwege hat mit seiner Autobiografie „Fremd unter Meinesgleichen“ (alle folgenden Zitate Eschweges wenn nicht anders genannt aus diesem Buch) nahegelegt, sich selbst und seine fünf großen Publikationen, die hier vorgestellt werden sollen, als Spiegel des gescheiterten realsozialistischen Nachfolgestaates des deutschen Nationalsozialismus zu lesen. Das ist richtig und dennoch zu kurz gegriffen. Unter widrigsten Umständen betrieb Helmut Eschwege jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoa. Interesse fand er in der DDR nur in den kleinen jüdischen Gemeinden und bei den wenigen Christen, die begonnen hatten, sich vom Antisemitismus abzuwenden. International wurden seine Bücher mit großem Interesse aufgenommen. Helmut Eschwege gehört zu der Gruppe der frühen Forscher der jüdischen Geschichte und des Holocaust in Europa nach 1945. Dass sein Name bislang nicht in einer Reihe mit Leon Poliakov, Joseph Wulf und anderen genannt wird, ist eine Spätfolge der Zerstörung seines Lebenswerks in der DDR.</p>
<p>Wäre die DDR geworden wie Helmut Eschwege sie sich vorstellte, man hätte ihn zum Direktor des Museums für deutsche Geschichte berufen, oder mit Eugen Golomb und Arnold Zweig zum Mitarbeiter des ersten Botschafterteams der DDR in Israel ernannt. Zweifellos wäre dann auch in der DDR der 9. November ein Tag der Trauer für die Opfer der Shoah geworden.</p>
<p>Als Eschwege 1946, nach Rückkehr aus dem Exil im britischen Mandatsgebiet Palästina, vom Mitglied des KPD-Politbüros Paul Merker gefragt wurde, was denn jetzt eine antifaschistische Regierung tun solle, schlug er folgende Erklärung vor: <em>„Das deutsche Volk anerkennt durch aktive oder passive Beteiligung in seiner überwiegenden Mehrheit am Hitlersystem seine Schuld gegenüber den Juden und hofft, den wenigen überlebenden Juden und jüdischen Gemeinschaften durch weitgehende Wiedergutmachung der wirtschaftlichen und körperlichen Schäden einen Teil seiner Schuld abzutragen.“</em> (zitiert nach: Jeffrey Herf, Divided Memory)</p>
<p>Eschwege glaubte an die Möglichkeit einer Umkehr der nicht-jüdischen Deutschen. Er verstand sich als <em>„Jude“</em> und <em>„Humanist“</em>. Das Jahr begann für ihn mit Rosch Haschana und Jom Kippur. Auf dem Rückweg aus dem Exil, er kam über Prag, brachte er eine große Anzahl von Büchern mit, die Juden geraubt worden waren. Egon Erwin Kisch hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Eschwege übergab sie dem Museum für deutsche Geschichte und wurde einer von dessen Sammlungsleitern.</p>
<h3><strong>Antisemitismus in der DDR </strong></h3>
<p>Aber die DDR wurde keine demokratische Republik. Mit Beginn des Kalten Krieges änderte die Sowjetunion ihre Politik gegenüber den Partnern aus der Anti-Hitler-Koalition und Israel. Hatte sie noch 1947 den Teilungsplan der UNO und das sich neu gründende Israel militärisch gestützt, setzte sie bereits kurze Zeit später auf Israels arabische Feinde. Den Kurswechsel rechtfertigte sie mit einer antisemitischen Kampagne gegen das „Jüdische Antifaschistische Komitee“, die von vielen kommunistischen Parteien des sowjetischen Machtbereichs übernommen wurde, so auch von der SED.</p>
<p>Im Windschatten dieses Politikwechsels vertrieb die SED 1952/53 die Hälfte aller Holocaustüberlebenden aus der DDR. Die deutschen Kommunisten entsolidarisierten sich von ihren jüdischen Leidensgenossen aus den Konzentrationslagern und reaktivierten antisemitische Narrative, die bereits in der Weimarer Republik entwickelt worden waren. Sie wurden von Eschwege selbst, Anetta Kahane, Jeffrey Herf und vielen anderen bereits ausgiebig analysiert.</p>
<p>Das Zentralkomitee der SED dämonisierte 1952 Paul Merker, der gemeinsam mit Julius Meyer, Leo Zuckermann und anderen ein umfassendes Entschädigungsgesetz für alle Opfer des Nationalsozialismus erarbeitete, mit folgenden Worten: er habe <em>„Entschädigung jüdischer Vermögen“</em> nur gefordert, um dem <em>„USA-Finanzkapital“</em> das <em>„Eindringen in Deutschland“</em> zu ermöglichen. Sein Zionismus diene den Interessen <em>„jüdischer Kapitalisten“</em> und habe mit <em>„Humanität und wahrer Menschlichkeit“</em> nichts zu tun. Merker habe die aus <em>„deutschen und ausländischen Arbeitern herausgepressten Maximalprofite“</em> in <em>„angebliches jüdisches Eigentum“</em> verfälscht.</p>
<p>Merker wurde im Dezember 1952 verhaftet, später verurteilt. Er wurde auch nach seiner Entlassung aus der Haft nie rehabilitiert. Die SED hat sich für die antisemitische Vertreibung großer Teile der Holocaustüberlebenden aus der DDR bis zum Untergang des Staates nie entschuldigt. Es gibt dazu nach meiner Kenntnis bislang nur eine einzige valide Untersuchung, die Studie „Zurückgekehrt“ von Karin Hartewig.</p>
<p>Eschwege schloss sich damals der Flucht der meisten Juden nicht an. Er hätte Gründe gehabt. Er verlor seine Arbeit am Museum, weil er <em>„Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde“</em> war, <em>„jüdische Zeitungen“</em> las, weil er <em>„jüdische Flüchtlinge in Westberlin“</em> besuchte und <em>„in Palästina in der Emigration“</em> war. Dieselben Begründungen wurden auch für seinen Ausschluss aus der SED herangezogen, ergänzt um den Vorwurf seines Bekenntnisses zur <em>„jüdischen Nationalität.“</em></p>
<p>Er begann stattdessen intensiv jüdische Geschichte zu studieren und zu <em>„schreiben“</em>, um seinen jetzt ehemaligen Genossen zu zeigen, <em>„was die Nazis getan haben“</em>. Er hoffte, sie würden dann auch erkennen, dass die Vertreibung im Winter 1952/53, so Eschwege wörtlich in seinem Beitrag „Die unorthodoxe Sicht der jüdischen Geschichte in der DDR“ (in: Robin Ostow, Jüdisches Leben in der DDR), <em>„genau dasselbe ist.“</em></p>
<p>Er hielt nicht nur eine Umkehr der nicht-jüdischen Deutschen, er hielt auch Aufklärung und Umkehr seiner nicht jüdischen deutschen Genossen für möglich. Nach seiner Entlassung aus dem Museum begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Technische Universität in Dresden zu arbeiten. Seine Bücher schrieb er in der Freizeit.</p>
<h3><strong>Ungedruckt: „Der Leidensweg der deutschen Juden“</strong></h3>
<p>Die Bedingungen für eine Umkehr der deutschen Bevölkerung und Eschweges ehemaliger Genossen standen schlecht. Antizionismus und Antisemitismus gehörten zu den Traditionen der KPD seit der Weimarer Republik. Die Bevölkerung schleppte Antisemitismus und Rassismen wie in den anderen Nachfolgegesellschaften des deutschen Nationalsozialismus mit sich. Die DDR war keine demokratische Republik. Unzensierte Debatten über Schuld, Haftung und Verantwortung waren unmöglich.</p>
<p>Schon 1958 lieferte Eschwege sein erstes Manuskript „Der Leidensweg der deutschen Juden“ bei einem Verlag ab. Arnold Zweig, den er in der Emigration kennenlernte, hatte ihn ermutigt. Professor Bernard Mark, Direktor des jüdisch-historischen Instituts in Warschau, unterstützte ihn. Es handelte sich um eine mit Dokumenten versehene, 1.370 Seiten lange Darstellung der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden, die die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland als Voraussetzung und Ursache der Shoah schilderte und jüdischen sowie nicht-jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in die Darstellung integrierte.</p>
<p>Eschwege <em>„universalisierte“</em>, wie der Soziologe Lepsius sagt, deutsche Schuld nicht. Für ihn bestand kein Zweifel, dass nicht – wie es die offizielle Ideologie in Sowjetunion und DDR behauptete – das Kapital oder alleine die herrschenden Klassen, sondern alle antisemitisch motivierten und auch die nicht den Nazis widerstehenden Deutschen für die Ermordung der europäischen Juden verantwortlich waren.</p>
<p>Eschwege präsentierte die Perspektive eines von Juden im britischen Mandatsgebiet geretteten deutschen Juden, der jeden Fortschritt aller Alliierten und der verschieden Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus herbeigesehnt hatte. Viele Ermordete, Vertriebene und Dämonisierte kommen in Eschweges Manuskript selbst zu Wort. Mit heutigen Augen betrachtet, erinnert der Text in Anlage und Stil am ehesten an Saul Friedländers „Das Dritte Reich und die Juden.“</p>
<h3><strong>Torso: „Kennzeichen J“</strong></h3>
<p>Geschichte der Shoa und der Juden entstand in Europa nach 1945 in der Regel im Dialog mit Forschern aus Israel und der westlichen Welt. Eschwege traf seinen Vetter, den Historiker <a href="https://data.bnf.fr/fr/see_all_activities/16612144/page1">Shaul Esh</a>, der am Institut für Zeitgeschichte in Tel Aviv wirkte, zum ersten Mal 1961 in Israel. Er wurde eine wichtige Quelle seiner Inspiration.</p>
<p>Im Laufe der sich 15 Jahre hinziehenden Prüfungen von Eschweges erstem Manuskript über den Leidensweg der deutschen Juden schlugen die von Verlag und dem Ministerium für Kultur beauftragten Gutachter vor, die von Eschwege zusammengetragenen Dokumente zunächst getrennt von der Analyse herauszugeben.</p>
<p>Der dann 1966 erschienene Dokumentenband „Kennzeichen J“, bildete zwar, wie der Historiker Nicolas Berg schrieb <em>„die erste ernstzunehmende Dokumentation des Themas in der DDR“</em>, aber er blieb ein Torso. Eschweges Analyse fehlte. Noch nicht einmal die interpretierende Einleitung durfte Eschwege verfassen, lediglich die üblichen Dankesworte.</p>
<h3><strong>Zerstört: Faschismus nicht Shoah</strong></h3>
<p>Anders als zugesagt, erschien Eschweges Analyse der Shoah nie. Sie liegt ungedruckt im Nachlass, der sich im <a href="https://zentralarchiv-juden.de/">Zentralarchiv zur Erforschung der Juden</a> in Heidelberg befindet. Stattdessen veröffentlichten 1973 die vom Verlag beauftragten Gutachter, Rudi Goguel, Klaus Drobisch, Werner Müller sowie der Staatssekretär für Kirchenfragen Horst Dohle, er war für die Gängelung jüdischer Gemeinden in der DDR zuständig, „Juden unterm Hakenkreuz“ (die Gutachten sind im SED-Zentralarchiv zu finden, werden in Auszügen auch in Eschweges Memoiren sowie in Aufsätzen von Alexander Walther zitiert).</p>
<p>Eschweges Analyse wurde in diesem Buch in eine Geschichte des Imperialismus und Kapitalismus umgeschrieben. Antisemitismus kam lediglich als Instrument zur Aufrechterhaltung bürgerlicher Herrschaft vor, er schien zur Vernichtung der Juden, die außerhalb der Verwertungslogik des Kapitals steht, in keinem Zusammenhang zu stehen.</p>
<p>Im Verlauf der Bearbeitung des Ursprungsmanuskripts tauchten immer mehr Differenzen auf. Eschwege versuchte, wie er später berichtete, <em>„alle Einzelheiten des Geschehens mit Hilfe von Zitaten in das Manuskript einzubauen“</em>. Das wurde abgelehnt.</p>
<p>„Juden unterm Hakenkreuz“ transportiert darüber hinaus auch deutsche Schuldumkehr. Die Gutachter waren ganz konträr zu Eschwege der Auffassung, deutsche Juden hätten unbeirrt von den Ereignissen seit 1933 an ihren Assimilationsbemühungen festgehalten und seien deshalb mitverantwortlich für ihre Ermordung.</p>
<p>Und noch mehr: Eschwege wurde lediglich im Impressum des Bandes für Anregungen und Vorarbeiten gedankt. Die Gutachter verwandelten sich in Autoren, Eschwege wurde enteignet.</p>
<h3><strong>Gedruckt: „Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde“</strong></h3>
<p>Einen Teil seiner ursprünglichen Arbeit konnte Eschwege jedoch retten. Als während der Auseinandersetzung um seine Analyse deutlich wurde, dass die Gutachter den jüdischen Widerstand aus der Analyse des Nationalsozialismus ausklammerten, entwickelte er aus diesem Kapitel ein eigenständiges Werk. Es wurde von keinem DDR-Verlag angenommen.</p>
<p>Da Eschwege seit „Kennzeichen J“ international als <u>der</u> Holocaust-Forscher der DDR galt, gelang es ihm, <a href="http://wag-leobaeck.de/dr-dr-h-c-arnold-paucker-obe-1921-2016/">Arnold Paucker</a>, Historiker am Leo Baeck Institut in London, zu überzeugen, 1970 einen Auszug aus dem Widerstands-Manuskript (englischer Titel: Resistance of German Jews against the Nazi Regime, in: The Leo Baeck Institute Year Book, Volume 15, Issue 1, January 1970) zu drucken und nach einem Partner für eine Überarbeitung zu suchen. Eschweges Zugänge zu internationalen Archiven wurden von der DDR blockiert.</p>
<p>Es fand sich der deutsch-australische Historiker Konrad Kwiet. Der Hamburger Christians Verlag veröffentlichte das nach umfänglichen Recherchen Kwiets gemeinsam überarbeitete Buch 1984. Mit diesem Buch war es Eschwege endlich, allerdings nur in der Bundesrepublik, gelungen, dem jüdischen Kampf um <em>„Existenz und Menschenwürde“</em> gegen die Nazis Stimmen und Gesichter zu geben.</p>
<p>In diesem Buch und damit verbundenen Vorträgen wird auch sichtbar, dass Eschwege, der in einer jüdisch sozialdemokratischen Familie in Hamburg groß geworden war, für sich selbst eine jüdisch-sozialdemokratische Position reklamierte und auf die gemeinsame Verantwortung von Sozialdemokraten und Kommunisten für den Sieg des Nationalsozialismus verweist. So formulierte er es in seiner „Stellungnahme eines in Deutschland beheimateten Juden“ anlässlich einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung vom Mai 1983.</p>
<h3><strong>Torso: „Die Synagoge in der deutschen Geschichte“ </strong></h3>
<p>Mit der Entwicklung der DDR verbesserten sich die Bedingungen für eine Umkehr der DDR-Bevölkerung und von Eschweges ehemaligen Genossen nicht. Die DDR suchte nach dem Mauerbau internationale Anerkennung und fand sie vor allem bei den Staaten, die nach Niederlage und Waffenstillstand 1949 Israel immer noch vernichten wollten.</p>
<p>Walter Ulbricht und später Erich Honecker unterstützten nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 die Kriege zur Zerstörung Israels auch militärisch und förderten den Terror der PLO und ihrer Unterorganisationen gegen Israel. Die antisemitischen Rechtfertigungen waren bereits beim Angriff auf Paul Merker erarbeitet worden. Jetzt begann man auch Israels Politik mit der der Nazis gleichzusetzen. Jeffrey Herf hat die programmatische Rede Walter Ulbrichts in Leipzig vom 15. Juni 1967 in seinem Buch „Undeclared Wars with Israel“ analysiert. An eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel war nicht zu denken.</p>
<p>Aus der SED war Eschwege bereits als Jude ausgestoßen, jetzt verfolgte ihn das Ministerium für Staatssicherheit in einem Operativen Vorgang mit dem Namen <em>„Zionist“</em>. Er wurde, so heißt es da wörtlich, als <em>„Feind der DDR“</em> betrachtet, der einen <em>„potentiellen Stützpunkt des Gegners“</em> darstelle (MfS BV Dresden, Akte OD TU/H, 25. Juli 1984, Seitenpaginierung 000031, im Archiv der Außenstelle des BStU von Dresden).</p>
<p>Es ist daher verwunderlich, dass überhaupt noch ein weiteres Buch Eschweges zu jüdischer Geschichte in der DDR erscheinen konnte: „Die Synagoge in der deutschen Geschichte.“ Ganze Kapitel des neuen Manuskripts, zum Beispiel über die deutsche, antisemitische Romantik, wurden aus seinem Text entfernt. Gestrichen wurden auch Begriffe wie <em>„jüdische Nationalität“</em> und <em>„jüdisches Volk.“</em> Das Manuskript musste nach seiner Abgabe im Mai 1967, so Eschwege, <em>„alle paar Jahre der ideologischen Situation angepasst werden.“ </em>Der Band erschien durchzensiert zwölf Jahre nach seiner Fertigstellung 1980. Er blieb erneut ein Torso.</p>
<h3><strong>„Kulturpolitik auf eigene Faust“ </strong></h3>
<p>Die militärische Unterstützung der Kriege gegen Israel, die Unterstützung des Terrors der PLO gegen Israelis, waren in der DDR nur selten Protesten ausgesetzt. Nur Juden wie Eschwege und wenige andere hielten dagegen.</p>
<p>Eine kleine Gruppe deutscher Christen, häufig im Umkreis der „Aktion Sühnezeichen“ artikulierte jedoch ihre Kritik. So protestierten 1975 evangelische Bischöfe gegen die UNO Resolution 3379 der UN-Generalversammlung vom 10. November 1975, die Rassismus und Zionismus gleichsetzte. Die UNO-Vertreter der DDR hatten zugestimmt. Die Bischöfe formulierten (zitiert bei Karin Hartewig): „<em>Wir haben nicht zu vergessen: als Christen sind wir nach dem Zeugnis der Bibel in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel gestellt; als Deutsche haben wir in der Vergangenheit das Existenzrecht des jüdischen Volkes in einem erschreckenden Maße verneint.“</em></p>
<p>Bereits seit den 1960er Jahren wurden Eschwege und sein Freund Eugen Golomb, ein aus Auschwitz geflohener jüdischer Offizier Polens, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Leipzig, als Experten für Juden und Jüdisches von solchen deutschen Christen zu Vorträgen eingeladen. Eschwege machte, so formuliert die Historikerin Karin Hartewig, <em>„Kulturpolitik auf eigene Faust.“</em></p>
<p>Das Synagogenbuch und die nie gedruckten Manuskripte Eschweges über „Das Jiddisch, seine Geschichte und Kultur“, die „Geschichte der jüdischen Friedhöfe auf dem Gebiet der DDR“ und die „Geschichte der Juden in den Ländern und Städten der DDR“ gingen in solche Vortragsabende ein. Eine Würdigung jüdischer Traditionen, die in der verordneten politischen Kultur der DDR ausgeschlossen war, wurde hier möglich.</p>
<h3><strong>Die Aktualität von Helmut Eschwege</strong></h3>
<p>Der jüdische Historiker Helmut Eschwege hatte den Holocaust überlebt, weil – so schrieb er in „Der Leidensweg der deutschen Juden“ – Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina ihn, seine Mutter und Geschwister aufgenommen hatten und die alliierten Armeen sowie die ganz verschiedenen Widerstandbewegungen Europas Hitler besiegten. Eschwege hat nie aufgehört die Toten des deutschen Zivilisationsbruchs zu betrauern und die jüdischen und politisch sehr unterschiedlichen Traditionen des Widerstandes gegen seine Verursacher in ihrer Gesamtheit zu würdigen.</p>
<p>Eschwege schrieb im Dialog mit Bernard Mark, seinem Vetter Shaul Esh, den Historikern Arnold Paucker und Konrad Kwiet an der Geschichte modernen Judentums in Europa, das die deutschen Gesellschaften seit Beginn der Moderne hassten, verfolgten und schließlich vollständig auszulöschen versuchten. Ohne die Zensur wären Eschweges Bücher, wie Nicolas Berg schrieb, ähnlich wie die Werke Leon Poliakovs und Joseph Wulfs, heute als Pionierleistungen früher, jüdischer Forschungen zur Shoah und der Geschichte der Juden in Europa bekannt.</p>
<p>Es waren erst der Runde Tisch und die im März 1990 zum ersten Mal frei gewählte Volkskammer, die sich, wie Eschwege bereits 1946 vorschlug, in einem <a href="https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlamentarismus/10_volkskammer/mediathek/283478-283478">Beschluss am 12. April 1990</a> zu Verantwortung und Haftung der DDR für die deutschen Verbrechen bekannten, für eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel einsetzten, verfolgte Juden zur Einwanderung einluden und sich in einem weiteren Beschluss <a href="https://webarchiv.bundestag.de/volkskammer/dokumente/drucksachen/100169.pdf">von der Dämonisierung Israels wie der Juden durch die SED distanzierten</a>.</p>
<p>Die Geschichte von Helmut Eschwege und seinen gedruckten, zensierten und ungedruckten Manuskripten spiegelt die Abwehr der DDR-Gesellschaft gegen Juden und Jüdisches. Eschwege hat die Elemente dieser Abwehr in seiner Autobiografie sichtbar gemacht: (1) die Dämonisierung von Juden als Ausbeuter und Kapitalisten, (2) ihre Dämonisierung als antihumanistisch und antiuniversalistisch, (3) die Behauptung der Illegitimität Israels, (4) die Relativierung der Shoa als eines unter vielen Verbrechen des Kapitalismus, (5) die Beschuldigung, Juden seien mitverantwortlich für ihre Ermordung und die (6) Empathielosigkeit mit den Opfern des Nationalsozialismus, die Weigerung <em>„alle Einzelheiten des Geschehens“</em> zu erinnern und zu verinnerlichen.</p>
<p>Diese Elemente des Antisemitismus, gibt es immer noch. Eschweges Geschichte, seine gedruckten, zensierten und ungedruckten Manuskripte haben deshalb auch Bedeutung für die Analyse des Antisemitismus, weit über die DDR hinaus. Helmut Eschwege schloss mit seinen Texten an die lange Tradition säkularer, jüdischer Geschichtsschreibung an.</p>
<p><strong>Martin Jander</strong>, Berlin</p>
<p>Der Autor unterrichtet im Programm FU-BEST und an der Berliner Dependance der Stanford University deutsche Geschichte im europäischen Kontext. Neben der Geschichte der DDR und ihrer Dissidenten hat Jander ein zweites Forschungsfeld: die drei deutschen Terrorismen (links, rechts, islamistisch) nach 1945 und ihre internationalen Verbindungen. Mit Anetta Kahane entwickelte er die These von der <em>„unvollendeten Republik&#8220;</em>, um die Gegenwart der Bundesrepublik zu beschreiben (nachzulesen in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Buch „Gesichter der Antimoderne“).</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>
<ul>
<li>Abraham J.<em> Arnold, Judaism: Myth, Legend, History and Custom: From the Religious to the Secular. Montreal – Toronto, Robert Davies Publishing, 1995.</em></li>
<li>Alexandra Brandl, Helmut Eschwege – Das Schicksal eines jüdischen Historikers in der DDR, in: Sina Wolff, Sophie Spitzner, Bernd Zöllner, Martin Kaden, Stephan Conrad (Hrsg.), Das Verhältnis der DDR zum Antisemitismus, Döbeln 2023.</li>
<li>Michael Brenner, David N. Myers, Hg., Jüdische Geschichtsschreibung heute, München. C.H. Beck, 2002</li>
<li>Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker, Göttingen, Wallstein, 2003.</li>
<li>Dan Diner, Der Krieg der Erinnerungen, Berlin, Rotbuch-Verlag, 1991.</li>
<li>Hans Erler, Judentum und Sozialdemokratie, Würzburg, Königshausen &amp; Neumann, 2009.</li>
<li>Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, 2 Bde., München, C.H. Beck, 2007.</li>
<li>Friedrich Ebert Stiftung, Hg., Die Vergangenheit mahnt! – Zum 40. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto, Dokumentation einer Tagung vom 27. – 29. Mai 1983.</li>
<li>Jan Gerber, Die Holocaust-Rezeption in der DDR, in: Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, Hg., Der Holocaust in der deutschen und israelischen Erinnerungskultur, Hallesche Beiträge zur Zeitgeschichte, Heft 8, Halle 2000.</li>
<li>Karin Hartewig, Zurückgekehrt, Köln, Böhlau, 2000.</li>
<li>Thomas Haury, Antisemitismus von links, Hamburg, Hamburger Edition, 2002.</li>
<li>Jeffrey Herf, Divided Memory, Harvard University Press 1997 (deutsche Ausgabe: Zweierlei Erinnerung, Propyläen Verlag, 1998).</li>
<li>Jeffrey Herf, „Hegelianische Momente“, in: Christoph Cornelißen, Lutz Klinkhammer, Wolfgang Schwentker, Hg., Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien Japan seit 1945, Frankfurt, S. Fischer, 2003.</li>
<li>Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge University Press 2016.</li>
<li>Jeffrey Herf, Jews, Germans, Shoah and Israel, Thesen anlässlich des <a href="https://www.belltower.news/vortrag-jeffrey-herf-jews-germans-shoah-and-israel-95051/">Workshops der Amadeu Antonio Stiftung über Jeffrey Herfs Werke am 14. Januar 2020 im Centrum Judaicum</a>.</li>
<li>Anetta Kahane, Heike Radvan, <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/das-hats-bei-uns-nicht-gegeben-antisemitismus-in-der-ddr/">„Das hat`s bei uns nicht gegeben!“</a> – Antisemitismus in der DDR, Berlin, Amadeu Antonio Stiftung, 2010.</li>
<li>Anetta Kahane, Martin Jander, Hg., Gesichter der Antimoderne, Baden-Baden, Nomos, 2020.</li>
<li>Anetta Kahane, Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021 (darin enthalten auch ein Beitrag über Helmut Eschwege).</li>
<li>Olaf Kistenmacher, Arbeit und &#8222;jüdisches Kapital&#8220; &#8211; Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung ´Die Rote Fahne` während der Weimarer Republik, Bremen, edition lumière, 2016.</li>
<li>Rainer Lepsius, Demokratie in Deutschland, Göttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 1993.</li>
<li>Bernard Mark, Der Aufstand im Warschauer Ghetto – Entstehung und Verlauf. Berlin, Dietz, 1957.</li>
<li>Robin Ostow, Jüdisches Leben in der DDR, Frankfurt, Jüdischer Verlag, 1988.</li>
<li>Shulamit Volkov, Deutschland aus jüdischer Sicht, München, C.H. Beck, 2022.</li>
<li>Alexander Walther, Helmut Eschwege and Jewish Life in the German Democratic Republic, in: Jay Howard Geller, Michael Meng (Eds), Rebuilding Jewish Life in Germany, New Jersey 2020.</li>
<li>Alexander Walther, (Jüdische) Historiker*innen in der DDR und die Erforschung von Judentum und Shoah, in: Jörg Ganzenmüller (Hg.), Jüdisches Leben in Deutschland und Europa nach der Shoah, Köln 2020.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2024. Es handelt sich um einen Vortrag zur Konferenz „…und der Zukunft zugewandt? – Über jüdische Geschichte(n) in der DDR“ im <a href="https://www.mmz-potsdam.de/">Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam</a>, Jüdisches Museum Berlin, 18. bis 20. Oktober 2023. Internetzugriffe zuletzt am 10. November 2024. Titelbild: Synagoge in Görlitz, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Zivilcourage und Rechtsstaat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jan 2024 11:48:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zivilcourage und Rechtsstaat Ein Gespräch mit dem Rechtsanwalt Christoph Rückel „Das ganze Drama, das sich zu Lebzeiten Fritz Bauers weithin im Verborgenen abspielte, wird dann erst Jahrzehnte später langsam aufgedeckt. Das ist verblüffend. So viele positive Identifikationsfiguren hat die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht aufzuweisen. So viele Beispiele für Zivilcourage hat auch die Juristenschaft nicht.“ (Ronen  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Rechtsanwalt Christoph Rückel</strong></h2>
<p><em>„Das ganze Drama, das sich zu Lebzeiten Fritz Bauers weithin im Verborgenen abspielte, wird dann erst Jahrzehnte später langsam aufgedeckt. Das ist verblüffend. So viele positive Identifikationsfiguren hat die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht aufzuweisen. So viele Beispiele für Zivilcourage hat auch die Juristenschaft nicht.“ </em>(Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht – Mit einem Vorwort von Andreas Voßkuhle, München, Piper, 2014)</p>
<p>Eine der zentralen Figuren der Entführung Eichmanns aus Argentinien nach Israel war der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer. Er gab den entscheidenden Hinweis, schwieg jedoch bis zu seinem Tod darüber. Die Geschichte der Ergreifung und Verurteilung Adolf Eichmanns ist auch Gegenstand des bei Netflix verfügbaren Films <a href="https://www.youtube.com/watch?v=07Y4_6PD0Z4">„Operation Finale“</a>, für den Ben Kingsley die Rolle Eichmanns übernommen hat. <a href="https://www.rueckelcoll.com/rueckel-und-collegen-kanzlei/">Christoph Rückel</a>, Anwalt und Aufsichtsratsvorsitzender der Adolf-Rosenberger gGmbH, hat die Ausstellung <a href="https://adolf-rosenberger.com/">„How To Catch A Nazi“</a> aus den USA nach München gebracht.</p>
<p>Die Ausstellung war der Anlass des hier dokumentierten Gesprächs. Aber wir sprachen nicht nur über die Ausstellung, sondern auch über Fragen der Rechtsanwendung im Rechtsstaat. Christoph Rückel vertrat die Nebenklage für Überlebende der Konzentrationslager in sechs Prozessen gegen NS-Täter, fünf Männer und eine Frau. Er ist oft Gast auf Podiumsdiskussionen über die Wirksamkeit des Rechtsstaates, zuletzt auch im Zusammenhang mit den Ereignissen nach dem 7. Oktober 2023. Brauchen wir schärfere Gesetze oder sollten wir einfach nur die vorhandenen Gesetze konsequent anwenden? Christoph Rückel lebt und arbeitet in München und hat ein Büro auch in Atlanta (Giorgia), seine Kanzlei ist auch in Düsseldorf präsent.</p>
<h3><strong>Rechtsanwendung gibt Rechtssicherheit </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im November 2023 haben Sie in der Israelitischen Kultusgemeinde in München mit dem bayerischen Justizminister Georg Eisenreich über die Frage diskutiert, wie die Demonstrationen und anti-israelischen Übergriffe nach dem 7. Oktober 2023 zu bewerten seien und was der Staat tun könne, um Jüdinnen und Juden in Deutschland zu schützen. Es gibt aus den Kreisen der Politik eine Menge an Vorschlägen, die vom Verbot eines als pro-palästinensisch verstandenen Kleidungsstückes, der Kufiye, über das Verbot bestimmter Parolen bis hin zu einem Verbot anti-israelischer beziehungsweise propalästinensischer Demonstrationen reichen.</p>
<div id="attachment_4311" style="width: 209px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4311" class="wp-image-4311 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-400x602.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-600x904.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-680x1024.jpg 680w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-768x1157.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-800x1205.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-1020x1536.jpg 1020w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel-1200x1807.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Rueckel.jpg 1360w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" /><p id="caption-attachment-4311" class="wp-caption-text">Christoph Rückel (links) im Gespräch mit David Schaefer aus Ohio, USA, Direktor des Maltz-Museums bei der Eröffnung der Ausstellung &#8222;How To Catch A Nazi&#8220;. Foto: Alessandra Brunner.</p></div>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Auf dieser Veranstaltung wurde heftig diskutiert. An der Diskussion hat sich neben Georg Eisenreich auch der Münchner Oberstaatsanwalt Franck beteiligt, Leiter der Antisemitismus-Abteilung beim Generalstaatsanwalt. Beide haben dargelegt, mit welchen Mitteln in Bayern eingeschritten wird und wie stark der Verfolgungseifer ist. </em></p>
<p><em>Zwei Positionen standen einander gegenüber. Die eine Position: Wir müssen hier und dort gesetzlich etwas ändern. Die andere Position – ich mache keinen Hehl daraus, dass ich diese auch aus meinen Erfahrungen in NS-Prozessen vertrete: Wir müssen überhaupt nichts ändern, wir müssen keine neuen Gesetze fordern, sondern müssen die bestehenden Gesetze gescheit anwenden. Ich habe immer einen Begriff ins Feld geführt: Die Rechtsanwendung muss besser erfolgen. Wir sollten aufhören, ständig nach neuen Gesetzen zu rufen. Das macht die Politik nicht glaubwürdiger. Das worum es geht, ist mit Gesetzen gut genug ausgestattet. </em></p>
<p><em>Also: Rechtsanwendung oder neue Rechte schaffen? Ich bin für Rechtsanwendung. Ich kann das mit Beispielen aus den NS-Prozessen begründen. In den NS-Prozessen der jüngsten Zeit hatten wir immer wieder die Diskussion in der Öffentlichkeit, mit Prozessbeobachtern, mit Prozessteilnehmern: Ist es überhaupt zeitgemäß, das Recht so wie es ist anzuwenden? Ich habe bei Studenten grundsätzlich immer gesagt, es gibt eine ganz einfache Anordnung in der rechtsstaatlichen Ordnung. Nummer Eins: Ist dies ein strafbares Verhalten? Nummer Zwei: Ist dieses strafbare Verhalten verjährt oder nicht? Ist es nicht verjährt, muss ich jemanden, unabhängig vom Alter, als Staatsanwalt anklagen. Wenn er angeklagt ist, das Verfahren eröffnet ist, muss das Gericht die Frage prüfen: Ist diese Person verhandlungsfähig? Bei den NS-Prozessen der letzten Zeit waren diese Personen alle über 90 Jahre alt. Das heißt: Kann diese Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation den Prozess durchstehen, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen. In den sechs Verfahren, die ich als einer der vielen Nebenklägervertreter mitbetreut habe – es waren fünf Männer und eine Frau –, hat der hochqualifizierte Internist festgestellt, sie sind verhandlungsfähig, aber nicht mehr als zwei bis zweieinhalb Stunden pro Tag und nicht an zwei Tagen hintereinander, immer mit einem Tag Pause dazwischen. Daran haben sich die Richter gehalten. Das ist die zweite Stufe. </em></p>
<p><em>Erste Stufe: Verjährung. Zweite Stufe: Verhandlungsfähigkeit. Die dritte Stufe ist die Haftfähigkeit. Oskar Gröning wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde 2016 vom Bundesgerichtshof in der Revision bestätigt. Dann hat die Staatsanwaltschaft bestätigt, jetzt müssen Sie ihre Strafe verbüßen. Oskar Gröning hat dann über seinen Anwalt aus Hannover vorgetragen: „Ich bin nicht haftfähig.“ Man hat ihn untersucht und geprüft, ob er eingesperrt werden und dies ohne gesundheitlichen Schaden überstehen kann. Dabei muss man wissen, dass alle Justizvollzugsanstalten, die JVA‘s, wie Gefängnisse im eleganten Beamtendeutsch heißen, haben sehr ausgefeilte Krankenabteilungen und bieten eine gute Betreuung für kranke Menschen. Die ärztliche Untersuchung für Herrn Gröning hat ergeben, er ist haftfähig. Dann hat er – das ist aber eine Ebene, die im rechtsstaatlichen Verfahren nicht von Bedeutung ist – einen Gnadenantrag an den zuständigen Ministerpräsidenten gestellt, in dem Fall an Herrn Günther in Schleswig-Holstein. Er bat darum, seine Strafe nachträglich in eine Bewährungsstrafe umzuwandeln, weil er so alt und betagt war und im Wesentlichen – das muss man auch berücksichtigen – geständig war. Das Gnadengesuch wurde abgelehnt. Die rechtsstaatlichen Stufen und die Gnadenstufe sind alle durchgespielt worden. Er hätte einrücken müssen, aber kurz zuvor ist er verstorben. Das ist ein praktischer Fall, der zeigt, wie ein solches Verfahren rechtsstaatlich gelaufen ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses rechtsstaatliche Verfahren lässt sich auf alle anderen Tatbestände übertragen. Ich habe den Eindruck, Politik unterscheidet da nicht immer so sauber beziehungsweise sieht Unterschiede wo keine sind. Ich nenne jetzt mehrere Fälle: Die Blockaden durch die Letzte Generation, die Angriffe auf Jüdinnen und Juden nach dem 7. Oktober, die aktuellen Blockaden von Landwirten mit ihren Traktoren.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Ich habe das Beispiel aus den NS-Prozessen genannt, um zu begründen, dass es dort um die Rechtsanwendung ging. Bei den Demonstrationsfällen geht es auch um die Rechtsanwendung. Ich bin auf diese Fälle nicht im Einzelnen spezialisiert, aber ich kann Folgendes sagen. Es betrifft grundsätzlich zwei Rechtssphären. Wir unterscheiden ja zwischen unterschiedlichen Rechtsgebieten, Zivilrecht, Strafrecht, Verwaltungsrecht, Sozialrecht, Steuerrecht und so weiter. Das Verhalten der Letzten Generation betrifft einerseits das Strafrecht, wenn ich auf der Straße sitzen bleibe und nicht gehe, obwohl ich aufgefordert werde. Dann komme ich in den Verdacht des Widerstands gegen die Staatsgewalt. Hausrecht würde ich nicht sagen. Aber die vorgeschaltete Ebene betrifft das Verwaltungsrecht, in diesem Fall das Versammlungsrecht. Das ist eine grundgesetzliche Freiheitsgarantie. Beim Verwaltungsrecht haben die zuständigen Behörden, zum Beispiel die Autobahnbehörde oder die Freie und Hansestadt Hamburg, die Landeshauptstadt München, zu entscheiden, ob der Antrag auf Genehmigung einer Demonstration abgelehnt wird. </em></p>
<div id="attachment_4320" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4320" class="wp-image-4320 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4320" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Solidarity_with_Israel_Munich_2023-10-09_5031.jpg">Solidaritätsdemonstration für Israel am 9. Oktober 2023 auf dem Münchener Odeonsplatz</a>. Foto: Henning Schlottmann. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.</p></div>
<p><em>In München ging es am 8. Oktober zunächst um eine Veranstaltung, an der ich auch teilgenommen habe, der – so nenne ich es – Freunde und Sympathisanten Israels. Sie haben sich vor dem denkwürdigen Ort am Odeonsplatz, vor der sogenannten Feldherrenhalle, getroffen und haben Israelfahnen geschwenkt. Der Antisemitismusbeauftragte, Herr Spaenle, hat gesprochen, auch die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Frau Knobloch. Eine Stunde zuvor gab es eine nicht genehmigte Demonstration, die ich teilweise aus meinem Kanzleifenster beobachten konnte. Etwa 100 bis 200 zumeist jüngere Menschen gingen schweigend durch die Kardinal-Faulhaber-Straße in die Brienner Straße, mit Trommeln. Man konnte sehen, dass sie Baklava dabeihatten, die sie verteilten. Das war da schon aus der Berliner Sonnenallee bekannt, dass das ein Zeichen der Hamas- beziehungsweise Palästinenserfreunde war. Es gab aber keine Transparente. Auf der Veranstaltung auf dem Odeonsplatz, gegen 18 Uhr, wurde darüber gesprochen, dass diese Demonstration zum Marienplatz gezogen sei. Oberbürgermeister Reiter hat gesagt, wir werden jetzt diese Palästinenserdemonstrationen verbieten. Damit sind sie jedoch nicht durchgekommen, sie konnten sie nicht verbieten. Darauf gingen sie auf eine andere Schiene, die wiederum mit dem Strafrecht zu tun hat. Werden Symbole gezeigt, deren Zeigen mit Strafe bedroht ist? Im Strafgesetzbuch gibt es einen Katalog. Hakenkreuze gehören dazu, palästinensische Fahnen nicht.</em></p>
<p><em>Aber die Mischung von Verwaltungsrecht und Strafrecht ist hier interessant. Politiker sagen auf ihren Feiertagsdemonstrationen immer wieder, wir müssen das Gesetz schärfer machen. Da bleibe ich auf meinem Standpunkt: Wendet das Recht richtig an. Wenn eine Demonstration beantragt wird, können bestimmte Auflagen erlassen werden. Natürlich kann niemandem verboten werden, pro Palästina – auch wenn Palästina kein Staat ist, kann man „pro Palästina“ sagen – zu demonstrieren. Das muss erlaubt sein. Wenn es um Hamas-Zeichen geht – die Hamas ist für mich eine terroristische Vereinigung –, da muss die Juristerei handeln, aber da ist sie schwer zu handhaben, weil sie so feingliedrig ist. Natürlich haben alle diese Organisationen clevere Juristen auf ihrer Seite, die die entsprechenden Anträge stellen, beim Verwaltungsgericht oder Verwaltungsgerichtshof einstweilige Verfügungen beantragen.</em></p>
<p><em>Wir müssen aber grundsätzlich feststellen. Wir haben ein brillantes rechtsstaatliches Instrumentarium, ein Tafelbesteck. Die Speisen, die damit zubereitet werden, schmecken nicht immer. Aber wir müssen für unsere Freiheit auch einen gewissen Preis bezahlen und eine gewisse Toleranz zulassen. Dass demonstriert wird, das ist ein Grundrecht, die Versammlungsfreiheit, darf auf gar keinem Fall angegriffen werden. In diesem Rahmen bewegt sich das: Rechtsanwendung oder Rechtsänderung. Die lauthalsigen Schreie der Politiker, um die Wähler ruhigzustellen, stimmen mich immer sehr skeptisch. Man sieht ja landauf, landab, dass der Umgang mit der Letzten Generation in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Natürlich muss man dabei auch sehen, dass das Festkleben auf der Straße nicht meinen Vorstellungen einer Demonstration entspricht. Aber dann sieht man Autofahrer, LKW-Fahrer, die aussteigen und die Leute auf der Straße verprügeln oder wegschubsen. Das geht nicht. Das ist Selbstjustiz. Das ist nicht erlaubt. Der Rechtsstaat muss in jedem Fall bewahrt bleiben. Das ist mein Postulat, Rechtsanwendung, bitte korrekt und das durchgängig.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im konkreten Verhalten sieht man sicherlich den Unterschied zwischen einigen wenigen Menschen, die sich auf der Straße festkleben, und einer Gruppe von Bauern, die mit ihren Traktoren eine Auffahrt blockieren. In einem Fall wurde berichtet, dass der Fahrer eines Sattelzuges dann über die Autobahnabfahrt auffuhr, damit sich zum Geisterfahrer machte und zumindest gegen das Straßenverkehrsrecht verstieß. Die Polizei muss natürlich auch dafür sorgen, dass jede genehmigte Demonstration ordentlich und unbehelligt durchgeführt werden kann, auch dann, wenn unappetitliche Parolen gerufen oder Transparente getragen werden.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Und wenn unappetitliche Äußerungen da sind, muss man dagegen vorgehen. Da heißt es dann immer, die Gerichte müssten schnell entscheiden. Das Instrumentarium der Strafprozessordnung lässt zu, dass eine Anklage im sogenannten Schnellverfahren am nächsten Tag verhandelt wird. Man braucht einen Richter, einen Staatsanwalt, einen Strafverteidiger, einen Gerichtssaal. Es geht darum, die Strafprozessordnung anzuwenden und nicht ein Jahr zu warten und dann zu sagen, ist jetzt schon so spät, da lassen wir die mal wieder nach Hause zu gehen. Da muss die Justiz ihre Krallen zeigen und das Recht anwenden. Recht bleibt Recht.</em></p>
<h3><strong>Zivilcourage im Alltag</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Argumente tragen diejenigen vor, die für gesetzliche Verschärfungen eintreten? Auf der zu Beginn genannten Veranstaltung saßen Sie dem bayerischen Justizminister Eisenreich und Oberstaatsanwalt Frank gegenüber.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Beide haben zart einige Fragmente angesprochen, die einer Vertiefung bedürfen. Sie haben keine radikalen Änderungen verlangt. Ich persönlich bin der Meinung, dass das alles nicht notwendig ist. Sind die Änderungen gemacht, kommen wieder neue Vorschläge. Sie überzeugten auch nicht in der Weise, in dem sie einen Straftatbestand darstellten, der völlig neu und noch nie Gegenstand des Strafgesetzbuchs gewesen wäre. Das, was sie vorschlugen, sind alles Adjustments, kleine Veränderungen. Es ist aber auch von den beiden deutlich gesagt geworden, dass die Anzahl der antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr deutlich gestiegen ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist seit einigen Jahren leider Trend.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Die Zahlen haben die beiden geliefert, die sind nicht erfreulich. Ich habe mir auf der anderen Seite einmal die Frage gestellt: Was sagt es uns als Gesellschaft, dass wir in jedem Bundesland einen oder mehrere Antisemitismusbeauftragte haben? Ich habe in einer Veranstaltung am23. November 2023 mit der früheren Bundesjustizministerin Frau Leutheusser-Schnarrenberger, heute Antisemitismusbeauftragte in Nordrhein-Westfalen, und dem bayerischen Staatsminister der Justiz Herrn Eisenreich gefragt: Ist es nicht ein Zeichen unserer Schwäche, dass wir überhaupt Antisemitismusbeauftragte etablieren mussten? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine berechtigte Frage, aber das heißt natürlich nicht, dass wir es nicht tun sollten. Der vom ehemaligen Innenminister Horst Seehofer eingesetzte Expertenkreis Muslimfeindlichkeit hat in seinem im Herbst 2023 vorgelegten Bericht beschrieben, dass wir im Bereich der Muslimfeindlichkeit ähnliche Entwicklungen hätten. Zumindest Meldestellen wären erforderlich.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Wir haben Nachholbedarf. Andererseits: Peter Gutmann, ein jüdischer Anwaltsfreund von mir, Mitglied des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde hat die Frage gestellt: Wer weiß denn hier im Raum, wie viele jüdische Menschen wir in Deutschland haben? Die Frage fand ich schon sehr interessant. Kennen Sie die?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zahl liegt etwa bei 200.000, davon sind etwa 110.000 bis 120.000 Mitglieder örtlicher jüdischer Gemeinden. Etwa 80 bis 85 Prozent haben einen migrantischen Hintergrund, aufgrund der zu Beginn der 1990er Jahre ermöglichten Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus der damaligen Sowjetunion. <em> </em></p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Genau diese Zahlen nannte auch Peter Gutmann. Das ist ein sehr sehr kleiner Teil der Bevölkerung. Die meisten wissen das nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe schon des Öfteren gefragt, wie viele Jüdinnen und Juden 1933 im damaligen Deutschen Reich gelebt hätten. Es werden immer Zahlen irgendwo zwischen 15 und 25 Prozent genannt. Die Wahrheit lag bei 0,9 Prozent. Interessant ist, dass in solchen Fragen die Zahl der Jüdinnen und Juden immer überschätzt wird. Es ist übrigens bei Musliminnen und Muslimen ähnlich. Auch diese Zahl wird immer überschätzt, weil grundsätzlich alle orientalisch gelesenen Menschen automatisch als Muslime gelesen werden, obwohl viele Christen, Jesiden, Baha’i, Drusen, manche auch Juden sind. Die Bedrohungslage hat natürlich mit der Zahl nicht zu tun. Da wird Juden die Kippa heruntergerissen, einer Muslimin das Kopftuch, es werden Hakenkreuze oder Davidsterne an die Wohnung geschmiert. Das Gefühl der Bedrohung ist inzwischen bei Jüdinnen und Juden sehr verbreitet, bei Musliminnen und Muslimen ist es die Sorge, pauschal als Antisemiten adressiert zu werden.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Wenn ich mit Studenten in Bonn an der Juristischen Fakultät über die Nazi-Prozesse spreche, sprechen sie regelmäßig ein Diskussionsthema an: Was soll man tun? Ich gehöre zu denjenigen, die lieber sagen, lass uns etwas tun, statt zu sagen, das darf nicht wieder passieren. </em></p>
<p><em>Ich erinnere mich daran, dass ich – etwa um 2019 – im Internet ein Video sah, einen Vorfall in einer Trambahn in Jena oder in Erfurt, aufgenommen mit einem Handy. Da saß ein junger Mann mit dunklen Haaren, der eben nicht – um es mal so auszudrücken – wie ein blonder Deutscher aussah. Herein kam ein schrecklicher Mensch mit der Attitüde eines Neo-Nazis, schlägt grundlos auf den jungen Mann ein, sagt etwas, das man nicht verstehen konnte, nimmt das Handy des jungen Mannes, wirft es auf den Boden und zertrümmert es. Dieser Vorfall wurde mit einem Handy gefilmt. Aufgrund des Videos konnte der Täter ermittelt und einer strafrechtlichen Verfolgung zugeführt werden, um es einmal Amtsdeutsch auszudrücken.  </em></p>
<p><em>Ich sage, dieses Video ist symptomatisch für unsere Gesellschaft. Da wird ein Video aufgenommen, aber da ist niemand in der Bahn aufgestanden und dem jungen Mann zur Hilfe gekommen. Das zeigt das Video genau so deutlich. Mein Lieblingswort ist Zivilcourage. Wo ist sie?</em></p>
<p><em>Da ist jeder einzelne gefragt. Es gibt immer tolle Beispiele. Ein Fall, nach meiner Erinnerung in Würzburg. Ein junger Mann, Asylbewerber in Deutschland, hat mit einer Latte oder einem Stuhl einen Angriff abgewehrt und sich dazwischengeworfen. Das gibt es immer mal wieder. Das ist ja durchaus auch riskant. Zivilcourage heißt aber auch, dass ich einen Standpunkt beziehe, auch in der privaten Unterhaltung. </em></p>
<p><em>Ich vergesse nie, wie vor über 30 Jahren eine Mandantin von mir, eine vermögende, gut gestellte Dame, mit dem Flugzeug nach München kam. Wir waren zu einer Besprechung in meiner Anwaltskanzlei verabredet. Sie hatte sich etwa eineinhalb Stunden verspätet, sie hatte nicht angerufen, aber ich wusste, sie würde kommen. Ich habe gefragt, was da los war. Sie sagte, sie sei mit einem Taxi vom Flughafen gefahren. Während der Fahrt erzählt der Fahrer ihr saublöde Türkenwitze. Ich frage, was sie gemacht habe. Sie sagte, sie habe dem Taxifahrer gesagt, er solle sofort anhalten, sie würde aussteigen, er bekäme keinen Pfennig von ihr, sie halte die Hand hoch und hole sich auf der Straße ein anderes Taxi. Die Aktion hat mir so gut gefallen. Daran kann man sich ein Beispiel nehmen. Eine Frau, die ich von ihrer Eleganz und von ihrem privaten Vermögen nie so eingeordnet hätte. Sie hat es einfach gemacht, ohne jede Öffentlichkeit. Das ist es, was ich fordere, dass die Menschen mehr Zivilcourage zeigen und das auch umsetzen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen eben an, dass Zivilcourage auch riskant sein könne. In der Tat besteht die Gefahr, dass ich, wenn ich einschreite, ein Messer im Bauch habe. Wenn es so wäre, dass man in einer Gruppe reagieren könnte, wäre das möglicherweise anders, aber Gruppe gegen Gruppe kann auch sehr unangenehm werden. Das antworten mir Menschen oft genug, wenn ich sie so anspreche wie Sie das gegenüber Ihren Studenten getan haben.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Es gibt den Satz: Wehret den Anfängen. Wie oft werden Dinge nur im Stammtischgespräch erwähnt und niemand sagt etwas? Da wird ein Türkenwitz, ein Judenwitz, ein Araberwitz erzählt. Diese Worte sind diskriminierend und ausgrenzend. Da ist kein Messer im Raum. </em></p>
<h3><strong>The Nazis couldn’t destroy their names</strong></h3>
<div id="attachment_4314" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4314" class="wp-image-4314 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Eva_Erben_Drei_Generationen-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-4314" class="wp-caption-text">Während der Eröffnung der Ausstellung &#8222;How To Catch A Nazi&#8220;. Gespräch mit der Shoah-Überlebenden Eva Erben. Ihr Gesprächspartner ist Marcel Reif. Foto: Alessandra Brunner.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben recht, da fängt das an. Wenn bestimmte Worte akzeptiert zu werden scheinen, folgen irgendwann auch die Taten. Als Vertreter der Nebenklage in NS-Prozessen haben Sie Menschen vertreten, die unter den Taten, die den Worten folgten, litten, Taten, die als <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> bewertet werden müssen.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Das Faszinierende und Berührende an den Geschichten, die die Überlebenden, die Survivors, erzählen, gleichviel ob sie Auschwitz, Stutthof, Theresienstadt überlebten, welches Konzentrationslager auch immer, ist, dass jede Geschichte eine andere ist, aber dass allen gemeinsam ist, dass immer dann eine große Aufregung entstand, wenn es darum ging, dass sie eine Woche später an einem bestimmten Tag im Gerichtssaal auftreten und dass sie so betroffen sind, auch wenn das Erlebnis 70 Jahre und mehr her ist. Wenn sie dann ausgesagt hatten und einem Tatverdächtigen gegenübersitzen, das waren in den letzten Prozessen in der Regel einfache Wachtmeister, empfanden sie ein befriedigendes Gefühl. Das ist die große Gemeinsamkeit, aber wie gesagt: Jede Geschichte ist eine einzelne besondere Geschichte. </em></p>
<p><em>Ich erinnere mich an die Geschichte einer Mandantin, die leider vor Gericht nicht mehr auftreten konnte, weil sie gesundheitlich nicht mehr fit genug war. Sie ist mittlerweile verstorben, sie lebte in Atlanta in Georgia. In Vorbereitung des Hamburger Stutthof-Prozesses habe ich mit ihr gesprochen, um ihre Geschichte im Gerichtssaal wiedergeben zu können. Ich habe sie in Anwesenheit ihrer Tochter und ihrer Enkelin gefragt: Channa, warum hast du überlebt? Sie grinste, diese Leute haben einen unbeschreiblichen Charme und eine Leichtigkeit nach dem, was sie alles durchgemacht haben, sodass man fassungslos dasteht und fragt, wie geht das? Sie sagte: Da waren zwei Punkte. Das eine: „Ich war eine Näherin und hatte die Socken der SS-Männer zu stopfen.“ </em><em>„I had to repair the socks of the SS-guys.” </em><em>Und das zweite? „Ich habe mir geschworen, dass ich den Hitler überlebe und nicht der Hitler mich.“</em></p>
<p><em>Ich will es so sagen: Diese Selbstermutigung, diese selbstermutigende Willenskraft hat diese Menschen durch das Leben getragen und – so glaube ich – auch so alt werden lassen. Sie haben eine innere Kraft entwickelt, die unvorstellbar ist. Jeder Tag im Konzentrationslager, von dem sie berichtet haben, war so grausam, dass wir es uns nicht vorstellen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, das, was Sie sagen, charakterisiert viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, von denen viele in Schulen gegangen sind. Zuletzt wurde viel über <a href="https://margot-friedlaender-stiftung.de/">Margot Friedländer</a> geschrieben, die 102 Jahre alt ist und jetzt eine Stiftung gegründet hat. Es ist wohl eine ungeheure Selbstwirksamkeit, ein ungeheuer großes: Ich schaffe es trotzdem!</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Mit dieser Mandantin, von der ich eben sprach, habe ich noch etwas anderes erlebt. Ich kannte sie aus der Jüdischen Gemeinde in Atlanta, wo auch mein zweites Zuhause ist. Sie sagte mir in einem Nebensatz: „Die Nazis haben mir meinen Namen genommen und mir eine Nummer eintätowiert.“ Das blieb in meinem Kopf. Dann haben mich Journalisten, die eine Dokumentation machten, Journalisten von Spielberg, gefragt, ob ich mit ihnen in das Konzentrationslager Stutthof fahre. Sie haben auch teilweise mit meinen Mandanten gesprochen, um sich ein Bild zu machen. Wir fuhren nach Stutthof. Sie wissen, in den Konzentrationslagern wurden dicke Bücher geführt, Einlieferungsbücher. Die Menschen wurden wie eine Postsendung behandelt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Menschen wurden zu Gegenständen gemacht. Sie wurden in den NS-Dokumenten als <em>„Stück“</em> bezeichnet.</p>
<div id="attachment_4319" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4319" class="wp-image-4319 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-200x132.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-300x198.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-400x264.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-600x397.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-768x508.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-800x529.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof-1024x677.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stutthof.jpg 1200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4319" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stutthof_female_SS_guards_trial.jpg">Die Angeklagten im Prozess gegen weibliches Wachpersonal im Konzentrationslager Stutthof in Gdánsk vom 25. April bis zum 31. Mai 1946</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Genau so. Sie wurden auch so gezählt. Ich sagte zu der Historikerin in Stutthof, eine Polin, Frau Dr. Danuta Drywa, die auch über Stutthof promoviert hatte und auch immer wieder dazu veröffentlicht hatte: „Könnte ich bitte einmal das Einlieferungsbuch sehen, ich kenne die Nummer meiner Mandantin und weiß den Tag der Einlieferung im August 1944.“ Sie sagte ja, zieht weiße Handschuhe an, holt das Buch aus dem Regal, blättert, August 1944, und zeigt mir die Nummer meiner Mandantin und neben der Nummer stand der volle Name meiner Mandantin. Ich fragte, ob ich ein Handyfoto machen dürfe. „Sie können auch gerne eine Kopie haben.“ „Ein Handyfoto langt mir.“ Dieses Handyfoto habe ich Hilda, der Tochter meiner Mandantin, Amerikanerin, noch am gleichen Tag von Polen aus geschickt und dazu geschrieben: „Tell your mom she was not a number only, she also was registered with her full name. The Nazis couldn’t destroy her name.“ </em><em>Einige Wochen später war ich wieder in Atlanta, habe sie besucht. </em><em>Sie umarmte mich und sagte: „This was one of the best days of my life that you showed me that the Nazis couldn’t extinguish my name.” </em><em>Das werde ich nie vergessen. Als ich das erste Mal bei einem Vortrag in der Jüdischen Gemeinde in Atlanta war, kam jemand auf mich zu und sagte: „Christoph, du musst diese Dame treffen, sie ist eine Überlebende von Stutthof.“ Ich sagte, oh, sie dürfte die Eleganteste hier im Raum sein. Sie ging wie eine Grande Dame durch den Raum. Sie hat mir das Leben eher schwer als leicht gemacht, weil ich nicht verstanden habe, wie sie so leicht durch das Leben gehen konnte. Sie ist vor ein paar Jahren im Alter von 94 oder 95 Jahren gestorben.</em></p>
<p><em>Die Geschichte von Hedi ganz kurz, eine Zeugin im Gröning-Prozess, Mandantin von Rechtsanwalt Walther. Sie lebt meines Wissens noch, in Kanada. Sie dürfte etwa 100 Jahre alt sein. Eine sehr elegante Lady. An einem Prozesstag habe ich mich mit ihr im Gerichtssaal unterhalten, weil ich auch immer Leute suche, mit denen ich etwas Englisch sprechen kann, und sie gefragt: „Wie war das für dich, jetzt von Kanada nach Deutschland zu fliegen?“ Sie sagte: „Das war das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ich überhaupt nach Deutschland kam. Ich habe Angst gehabt. In mir steckt die Erfahrung des Konzentrationslagers.“ Das habe ich von vielen Mandanten so gehört. Anyway. Aber sie sagte: „Ich bin froh, dass ich gekommen bin und meine Geschichte erzählt habe, und ein Gericht mit jungen Richtern hat mir zugehört. Das fand ich gut.“ Ein paar Wochen später war die Urteilsverkündung. </em><em>Sie war wieder im Gerichtssaal. Sie sagte: „Now it was easy to come to Germany. I see that you are still working on the Nazi-trials.” </em><em>Die Tatsache, dass diese Prozesse noch heute zwar 70 Jahre zu spät durchgeführt werden – es werden wohl die letzten sein –, hatte für diese Dame eine ganz extraordinäre Bedeutung.    </em></p>
<h3><strong>Der Mut des Fritz Bauer</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In München haben Sie dafür gesorgt, dass eine Ausstellung über die Entführung Adolf Eichmanns aus den USA nach Deutschland geholt wurde. Diese Aktion ist nicht zuletzt mit dem Namen <a href="https://www.hdg.de/lemo/biografie/fritz-bauer.html">Fritz Bauer</a> verbunden, der den israelischen Behörden bei der Identifikation des Ortes, an dem sich Eichmann aufhielt, einen entscheidenden Hinweis gegeben hatte.</p>
<p><strong>Christoph Rückel</strong>: <em>Das hat letztlich mit meinen Mandaten in den jüngsten Nazi-Prozessen zu tun, eine der Geschichten, die das Leben schreibt. In Atlanta gibt es einen Professor, der mir erzählte, seine Tante habe Stutthof überlebt und lebe in Cleveland (Ohio). Wir haben mit der Jüdischen Gemeinde in Cleveland (Ohio) Kontakt aufgenommen. Dort haben mein Kollege Stefan Lode und ich zu den Nazi-Prozessen in Deutschland gesprochen. Die Gemeinde war sehr interessiert. Im Gemeindesaal saßen etwa 200 Menschen, von denen etwa 30 oder 35 Überlebende des Holocaust waren. Das war für uns als Deutsche schon eine ganz besondere Situation. Wir hatten keine Scheu, aber das hat einen schon berührt. Wir wurden wie gute Freunde empfangen, es gab Kaffee und Kuchen nach deutscher Art. Im Zuge dieses Gesprächs habe ich das nebenliegende </em><a href="https://www.maltzmuseum.org/"><em>Maltzmuseum</em></a><em> besucht, ein Museum, das die jüdische Familie Maltz, eine Verlegerfamilie, gesponsort hatte. Dort wurde gerade die Eichmann-Ausstellung eingepackt, um zum nächsten Ausstellungsort in den USA transportiert zu werden. </em><em>Der Museumsdirektor, David Schafer, sagte zu mir: „Christoph, can you bring this to Germany.“ Ich: „Oh yes, no problem.“ </em><em>Und damit fing mein Problem an.</em></p>
<p><em>Das war keine einfache Aktion. Darüber könnte ich stundenlang reden, aber dazu habe ich jetzt keine Lust mehr. Wir haben es schließlich geschafft und zeigen derzeit die Ausstellung in München. Wir mussten eine Menge verändern. Das war eine amerikanische Ausstellung. Alle Texte mussten ins Deutsche übersetzt werden. Wir mussten die Ausstellung mit einer Einführung und einem Nachwort rahmen, weil wir jetzt im Land der Täter waren, und haben großen Wert daraufgelegt, Fritz Bauer und auch Hannah Arendt, die Eichmann als „Hanswurst“ bezeichnet hat, in der Ausstellung mit einer Figur darzustellen. Die haben wir mit einer Agentur aus Nürnberg gebaut, die uns auch historisch beraten hat. Beraten hat uns auch Professor </em><a href="https://www.ngzg.geschichte.uni-muenchen.de/personen/pd/bajohr-frank/index.html"><em>Frank Bajohr</em></a><em> vom Institut für Zeitgeschichte. Die Ausstellung ist zweisprachig, wir glauben, dass wir die Ausstellung für ein deutsches Publikum verständlich gemacht haben.</em></p>
<p><em>Sinn dieser Ausstellung ist eigentlich der folgende Satz: Niemand, der in der NS-Zeit ein schwerer Nazi-Verbrecher war oder – das könnte auch in die aktuelle Zeit hinausstrahlen – ein sonstiger Kriegsverbrecher ist, soll glauben, dass er nicht eines Tages vor Gericht Rede und Antwort stehen muss. So wie Eichmann. Er wurde von Israel – so sage ich es jetzt einmal – sanft entführt. Er hat selbst ein Dokument unterschrieben, dass er bereit sei, sich der israelischen Justiz zu stellen. Ob das ganz freiwillig war, lasse ich mal dahingestellt. Meines Erachtens hätte er, wenn er sich den deutschen Behörden gestellt hätte, ein ganz anderes Schicksal gehabt. Die damals beginnenden Nazi Verfahren wären deutlich beeinflusst worden. Niemals wäre er zur Todesstrafe verurteilt worden, denn die Todesstrafe wurde in Westdeutschland mit dem Grundgesetz am 23. Mai 1949 abgeschafft. </em></p>
<div id="attachment_4317" style="width: 221px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4317" class="wp-image-4317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090-600x852.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Gideon_Hauzner_1969._D710-090.jpg 640w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /><p id="caption-attachment-4317" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gideon_Hauzner,_1969._D710-090.jpg#">Gideon Hausner</a>. Das Foto stammt aus seiner Zeit als Mitglied der Knesset am 30. November 1969. Foto: Israelischer Parlamentsfotograf. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Das Interessante an der Eichmann-Geschichte ist allerdings etwas anderes. In dem Prozess, in Jerusalem, im Jahr 1961 wird eines deutlich: Ankläger war Gideon Hausner, er trug die Anklageschrift vor und sagte: </em><a href="https://vrds.de/mit-mir-stehen-sechs-millionen-anklaeger/"><em>„Mit mir stehen sechs Millionen Ankläger.“</em></a><em> Die sechs Millionen ermordeten Juden. Eichmann hat sich in Buenos Aires, wo er unter dem Namen Ricardo Klement gelebt hatte, in einem Zirkel getroffen, mit Altnazis bei Kaffee, Kuchen, Wein und Bier. Darunter soll eine gewisse Zeit auch Mengele gewesen sein, der dann rechtzeitig abgehauen ist, weil er wusste, dass man auf seiner Spur war. Einer in diesem Nazi-Zirkel war </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Willem_Sassen"><em>Willem Sassen</em></a><em>. Ein Niederländer, im Zweiten Weltkrieg SS-Mann und wie Eichmann nach Argentinien geflüchtet. Der hat Interviews mit Eichmann gemacht, Tonbandaufnahmen, die verfügbar sind. Man schätzt etwa 800 bis 900 Seiten. Eichmann hat geredet wie ein Wasserfall. Willem Sassen hat ihn gefragt, wann er am Ende des Zweiten Weltkriegs ein glücklicher Mensch gewesen wäre. Eichmann antwortete, das ist wörtlich so überliefert: „Glücklich wäre ich gewesen, wenn es uns gelungen wäre, alle 10,3 Millionen Juden zu töten.“ </em></p>
<p><em>Dieser Satz wurde veröffentlicht. Sassen hat die Interviews mit all den Zitaten verkauft. In den USA an das </em><a href="https://hac.bard.edu/amor-mundi/excerpts-from-the-sassen-papers-2013-07-12"><em>Life Magazine</em></a><em>. In Deutschland veröffentlichte Henri Nannens Stern. Beide Zeitschriften haben zeitgleich während der Vorbereitung des Eichmann-Prozesses veröffentlicht. </em></p>
<p><em>Der Entscheidende am Eichmann-Prozess ist für mich als Jurist Fritz Bauer. Fritz Bauer war ein mutiger Mann – und hier kommt der Bezug zur Zivilcourage. Er hat nach einem Gespräch mit dem hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn (SPD) genau gewusst, eine Auslieferung Eichmanns war nicht machbar, weil Adenauer daran kein Interesse hatte. Adenauer hielt die Sozialdemokraten alle für Kommunisten und hatte stattdessen eine Reihe von ehemaligen Nazis an seiner Seite, nicht nur Hans Globke. Fritz Bauer hat dann in Kenntnis seines strafrechtlichen Risikos die Israelis, zuerst die Verbindungsstelle in Köln, denn eine Botschaft gab es damals noch nicht, über den Aufenthalt von Eichmann in Buenos Aires informiert. Die waren auch erst einmal skeptisch, haben es erst einmal nicht geglaubt, dann aber zugeschlagen und Eichmann maskiert als Stewart in einem El-Al-Flieger nach Israel gebracht. Aber das Zitat aus den Sassen-Interviews – „Glücklich wäre ich gewesen, wenn es uns gelungen wäre, alle 10,3 Millionen Juden zu töten.“ – zeigt die Einstellung. Und man ist fassungslos. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2024, Internetzugriff zuletzt am 23. Januar 2024. Für die Vermittlung des Kontakts zu Christoph Rückel und den Hinweis auf die Ausstellung danke ich Sylvia Löhrmann. Das Titelbild zeigt ein Foto von Alessandra Brunner aus der Ausstellung „How To Catch A Nazi“.)</p>
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