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	<title>Jugendhilfe Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/teilhabe-ist-viel-mehr-als-teilnahme/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 05:30:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme! Ein Buch von Ulrich Deinet und Christina Muscutt über die Sicht der Kinder „Berücksichtigung des Kindeswillens: (1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Teilhabe ist viel mehr als Teilnahme!</strong></h1>
<h2><strong>Ein Buch von Ulrich Deinet und Christina Muscutt über die Sicht der Kinder </strong></h2>
<p><em>„Berücksichtigung des Kindeswillens: (1) Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. (2) Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden.“ </em>(<a href="https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/fuer-kinderrechte/un-kinderrechtskonvention">UN-Kinderrechtskonvention</a> Artikel 12)</p>
<p>Früher gehörte es zu den üblichen Fragen, die Verwandte und Bekannte Kindern beim sonntäglichen Besuch stellten: <em>„Wie ist es in der Schule?“</em> Vielleicht stellten sie die Frage, weil sie sich ein Leben der Kinder außerhalb der Schule gar nicht vorstellen konnten. Aber wie auch immer, die Schule war noch nie der einzige relevante Ort im Leben von Kindern. Das haben leider noch nicht alle Politiker:innen gemerkt, sodass sie nach wie vor die Leistungen eines Bildungssystems, insbesondere der Schule, daran messen, ob das, was sie dort an Finanzmitteln hineinstecken, die schulischen Leistungen verbessere. Wehe wenn nicht, denn dann taugt die jeweils finanzierte <em>„Maßnahme“</em> – so nennen Politiker:innen das – eben nichts. Dies gilt selbst für die inzwischen in vielen Schulen vorhandenen Ganztagsangebote, manche glauben immer noch, es handele sich um die bloße Verlängerung des vormittäglichen Unterrichts in den Nachmittag, obwohl viele Schulen und vor allem ihre Partner aus Jugendhilfe, Kultur und Sport inzwischen ein erheblich differenziertes Programm auf den Weg gebracht haben.</p>
<div id="attachment_8014" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/die-sicht-der-kinder-auf-schule-und-sozialraum/BEL448343"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8014" class="wp-image-8014 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-196x300.jpeg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-196x300.jpeg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-200x307.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-400x613.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-600x920.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-668x1024.jpeg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-768x1178.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa-800x1227.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Deinet-Muscutt-Sicht-der-Kinder-Beltz-Juventa.jpeg 945w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-8014" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wie Kinder ihre Schule, ihren Stadtteil, ihre Gemeinde und so manches darüber hinaus – in den Sozialwissenschaften ist das der <em>„Sozialraum“</em> – wahrnehmen, ist eine in der Politik bei der Konzeption der jeweiligen <em>„Maßnahmen“</em> jedoch nur nachrangige Frage. Umso wichtiger ist es, dass sich Forschende dieser Frage annehmen. Dies taten Ulrich Deinet und Christina Muscutt gemeinsam mit elf weiteren Kolleg:innen in dem Band <a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/55163-die-sicht-der-kinder-auf-schule-und-sozialraum.html">„Die Sicht der Kinder auf Schule und Sozialraum“</a>, der 2025 bei Beltz Juventa erschien, Untertitel: „Projekte, Methoden und Konzepte für die Gestaltung einer kooperativen Ganztagsbildung“.</p>
<p>Der Band bietet einen guten Überblick über verschiedene erfolgreich erprobte Methoden zur Einbeziehung der Sicht von Kindern in Forschungsvorhaben, die auch in der alltäglichen Praxis einer Kindertageseinrichtung, oder einer Ganztagsschule unter Einbeziehung des Sozialraums angewandt werden können. In 14 Beiträgen werden Begrifflichkeiten geklärt, Unterschiede zwischen Stadt und Land thematisiert, verschiedene Aspekte wie Armut, Inklusion und Familienbildung sowie kommunalpolitische Implikationen angesprochen. Einige Kinder haben aktiv zur Entstehung des Buches beigetragen. Christina Muscutt und Ulrich Deinet danken ausdrücklich <em>„den Kindern Anna, Marlene und Sophia für ihre Mitarbeit“</em>.</p>
<p>Das Buch und das im Folgenden dokumentierte Gespräch bieten neben der Sicht der Kinder auf den Ganztag auch einen Überblick über aktuelle Debatten zur Qualitätsentwicklung des Ganztags.</p>
<h3><strong>Rechtsanspruch und Öffnung von Schule</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr Buch ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Buch. Es thematisiert die Schule nicht als Insel in der Kommune, sondern als Teil eines Sozialraums, der auch in der Regel viel weiter reicht als über das direkte Umfeld der Schule und der Elternhäuser. Kinder haben ihre eigene Perspektive auf Bedarfe und Bedürfnisse. Sie erleben aber auch Vorgaben und Ansprüche beziehungsweise Gegebenheiten, auf die sie zunächst keinen eigenen Einfluss haben.</p>
<p>Die damit verbundenen komplexen Fragen wurden durch die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen verstärkt. Daran knüpfen Sie an, aber Sie befassen sich nicht zum ersten Mal mit der Frage der Sicht von Kindern auf Schule und Sozialraum. Aber warum haben Sie dieses Buch jetzt herausgegeben und welche Rolle spielt es in aktuellen allgemeinen Debatten über Beteiligung beziehungsweise Nicht-Beteiligung von Kindern? Die aktuelle Debatte um die Rolle von Sozialen Medien im Leben von Kindern gehört sicherlich dazu, aber sie ist meines Erachtens nur eine Scheindebatte. Die Psychologin und Beteiligungspädagogin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">Marina Weisband hat mir in einem Gespräch gesagt</a>, dass sich doch eher die Frage stelle, an welchen realen Orten sich Kinder aufhalten können und welchen Einfluss sie auf deren Gestaltung haben.</p>
<div id="attachment_8015" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8015" class="wp-image-8015 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/4-2023-11-20_15-29-31_18-scaled-e1778303816527-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" /><p id="caption-attachment-8015" class="wp-caption-text">Christina Muscutt. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Anlass für uns war die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz, der am 1. August 2026 in Kraft tritt. Die Debatte über die Qualität der Ganztagsbildung wird hauptsächlich aus der Perspektive der Lehr- und Fachkräfte oder aus der Elternperspektive geführt. In diesen Debatten spielen vor allem die Infrastruktur des Ganztags, die Raumausstattung, die Qualifizierung der Fachkräfte eine Rolle. Wir haben den Eindruck, dass die Perspektive der Kinder noch deutlich unterrepräsentiert ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Elternrechte werden in dem Beitrag von <a href="https://isep.ep.tu-dortmund.de/institut/personen/markus-sauerwein/">Markus Sauerwein</a> zum Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz konkret angesprochen. Die Kinder haben keinen Einfluss darauf, wie das Angebot dann aussieht.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>So sieht es aus.</em> <em>Wir wollten daher Methoden vorstellen, wie man Kinder bei der Öffnung von Schulen in den Sozialraum und der Entwicklung von Ganztagschulen zu „Lebensorten“ beteiligen kann. Wir wollten die Kinderperspektive auch im Hinblick auf die UN-Kinderrechtskonvention stärken, die das Recht auf Gehör und Beteiligung ausdrücklich enthält. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Formulierungen in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention sind noch recht weich als unbestimmte Rechtsbegriffe formuliert, sodass manche meinen dürften, man könne Kindern, vor allem jüngeren Kindern die <em>„Reife“</em> absprechen, über die Qualität in KiTa oder Schule mitzuentscheiden. Ihr zeigt, dass sie diese <em>„Reife“</em> durchaus haben.</p>
<div id="attachment_2010" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2010" class="wp-image-2010 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/07/Deinet14-002.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2010" class="wp-caption-text">Ulrich Deinet. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Wir haben kein Alleinstellungsmerkmal mit unserem Buch, aber es gibt nach wie vor nicht viele Wissenschaftler:innen, die sich mit der Sicht der Kinder beschäftigen. Es sind in den letzten Jahren ein paar mehr geworden. Dazu gehört auch das Buch von </em><a href="https://www.unibz.it/de/faculties/education/academic-staff/person/41498-iris-nentwig-gesemann"><em>Iris Nentwig-Gesemann</em></a> unter anderem „Ganztag aus der Perspektive von Kindern im Grundschulalter“ aus dem Jahr 2021 für die Bertelsmann-Stiftung. Wir wollten aber nach unserer <em>Düsseldorfer Studie aus dem Jahr 2014 noch einmal nachlegen. Zielgruppe unseres neuen Buches sind Fachkräfte im Ganztag, Verantwortliche in Jugendämtern, bei Trägern, auch im Schulbereich, die jetzt den Ganztag ausbauen müssen. Diese Absicht zeigt sich auch darin, dass wir zum ersten Mal ein Buch in einer Praxis-Reihe veröffentlichen, das heißt es ist diesmal ein Buch mit Farbfotos und farbigen Abbildungen; die methodische Seite kann man eigentlich nur farbig darstellen, um die Bilder der Kinder auch wirklich sehen zu können. Das Buch soll Menschen motivieren, das, was wir vorstellen, mit Kindern auszuprobieren und so Einblicke in deren Lebenswelt zu erhalten.</em></p>
<p><em>Ein zweiter Punkt ist die Verbindung von Schule und Sozialraum. Das, was es zurzeit an Veröffentlichungen, auch Zeitschriften zum Ganztag gibt, ist oft sehr auf Schule bezogen. Wir verstehen Schule aber immer im Zusammenhang zwischen Schule und Sozialraum, Schule und Stadtteil. Es ist ja schon fast programmatisch, dass wir beide, Herr Reichel, hier zusammensitzen. Es gab in Nordrhein-Westfalen das alte Programm GÖS (= Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule), mit dem genau dies gefördert wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich war damals in den 1990er Jahren für das GÖS-Programm zuständig und Sie, Herr Deinet, Fachberater im Landesjugendamt Westfalen-Lippe. Ich erlaube mir einige Anmerkungen zum GÖS-Programm, das viele Leser:innen möglicherweise nicht kennen dürften. Das Programm wurde 1987 vom Landtag Nordrhein-Westfalen auf den Weg gebracht, zunächst stark angefeindet, dann aber in vielen Schulen und Kommunen umgesetzt. Im Jahr 1999 beschloss der Landtag <a href="https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD12-3990.pdf">Perspektiven der Weiterentwicklung</a>.</p>
<p>Es gab seit 1994 eine Landesförderung, auch jährliche <a href="http://www.bildungsfuchs.de/goes_eval.pdf">Evaluationen</a>, insbesondere von Hans Hänisch, der beim damaligen Landesinstitut für Schule in Soest arbeitete. In einer seiner Evaluationen aus dem Jahr 2000 sind auch Gelingensbedingungen benannt: <em>„Vier Bedingungen scheinen – wenn man von der Häufigkeit der Nennungen ausgeht – besonders für das Gelingen von GÖS-Vorhaben verantwortlich zu sein: eine enge Kooperation mit den außerschulischen Partnern, ein über das ‚Normale‘ hinausgehendes Engagement der Lehrkräfte, die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler sowie der unermüdliche Einsatz einzelner Lehrkräfte, die in kleinen Teams die Sache vorantreiben. Von diesen vier Bedingungen weist die Zusammenarbeit mit dem außerschulischen Partner die mit Abstand höchste Nennungszahl auf. Sie scheint die Schlüsselvariable für den Erfolg. Merkmale dieser Zusammenarbeit sind Engagement, Offenheit, Arbeitsteilung und eine längerfristige Perspektive. Es sind zudem die Fachkräfte von außen, die mit ihrer Professionalität in besonderer Weise zum Erfolg der Projekte beitragen.“ </em>Die <em>„Schlüsselvariabel“ </em>ist die Zusammenarbeit Schule, Jugendhilfe, Kultur, Sport, die bei der Überführung des Programms in die Förderung von Ganztagsangeboten und Ganztagsbildung im Jahr 2003 zu einer <em>„zentralen Grundlage“</em> erklärt wurde.</p>
<p>Ich darf erwähnen, dass es beim <a href="https://isa-muenster.de/">Institut für soziale Arbeit</a> in Münster eine umfangreiche Bibliothek, auch mit sonst nicht zugänglichen Dokumenten und grauer Literatur gibt, mit der sich junge Studierende in Bachelor-, Masterarbeiten oder auch in Dissertationen ein gutes Bild über die Entwicklungen vom GÖS-Programm zur Ganztagsbildung machen können. Eine originelle Anekdote darf ich anfügen: Die Landesregierung grenzte zu Beginn GÖS zunächst deutlich vom Ganztag ab, weil sie befürchtete, eine steigende Nachfrage nach Ganztagsangebote nicht mehr befriedigen zu können. Das änderte sich dann im Jahr 2003 mit dem Aufbau der offenen Ganztagsgrundschule (OGS).</p>
<h3><strong>Chancen für die Jugendarbeit</strong></h3>
<div id="attachment_8017" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8017" class="wp-image-8017 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079293-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8017" class="wp-caption-text">Foto: Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr Buch hat mehrere Adressatengruppen: Forschung, Politik, Praxis. Oft meinen diejenigen, die ich auf die Beteiligung von Kindern anspreche, man könnte die Kinder ja mal Bilder malen lassen, wie sie sich die Schule, ihr Umfeld vorstellen. Dann gibt es eine Ausstellung in der Schule oder vielleicht sogar im Rathaus und das war es dann.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Uns war es wichtig, nicht nur die Verantwortlichen an den Schulstandorten anzusprechen, sondern auch die Kommunalvertreter:innen. Wir wollen das Thema in den Sozialraum, in die Stadtteile und Gemeinden hineindenken und müssen daher auch darüber nachdenken, wie wir die Verantwortlichen in den kommunalen Räten und Behörden einbinden, damit wir die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in der Kommune selbst erreichen. Wie können beispielsweise Schülerparlamente oder </em><a href="https://www.familiengrundschulzentren-nrw.de/"><em>Familiengrundschulzentren</em></a><em> eingebunden werden? Wie kann man beispielsweise aus den Jugendämtern heraus partizipative Projekte anstoßen? </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Es gibt ein aktuelles Interesse, sich um den Ganztag und die Ganztagsbildung zu kümmern. Ich möchte den Begriff der „Betreuung“ dabei aber nicht diskreditieren. Ich denke an einen Dreiklang von Bildung, Betreuung und Erziehung. In dem der Einführung des Rechtsanspruchs zugrundeliegenden </em><a href="https://www.recht-auf-ganztag.de/gb/eltern/rechtsanspruch-und-ganztagsausbau/das-ganztagsfoerderungsgesetz-223836"><em>Ganztagsförderungsgesetz</em></a><em> (GaFöG) ist enthalten, dass die Betreuung auch in den Ferien stattzufinden hat und daher die Angebote der Jugendhilfe für die Ferien in den Ganztagsbetrieb aufgenommen werden können. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hatte dies vor kurzem in einer Konferenz als eine „Chance für die Jugendarbeit“ bezeichnet. Ich sehe auch diese Chance, im Sinne der Öffnung von Schule, dass nicht nur die Nachmittage, sondern auch die Ferien dazugehören. </em></p>
<p><em>Christina Muscutt und ich hatten vor einigen Monaten im LVR einen Workshop mit Leuten durchgeführt, die Kinderspielstädte organisieren. Diesmal beteiligten sich ausgesprochen viele Schulvertreter, von denen einige sagten, sie sähen die Schule, den Ganztag mit den Ferien inzwischen als „Gesamtpaket“. Sie interessierten sich für die Kinderstädte, weil diese aus ihrer Sicht auch ein gutes Potenzial für die Demokratiebildung hätten. Das passt zu unserem Ansatz. Wir bereiten zurzeit ein neues Buch zum Thema „Kinderstädte“ vor: „Die Kinderstadt – Ein kommunales Beteiligungsprojekt der Ganztagsbildung in den Schulferien“. </em></p>
<p><em>Ich war vor einigen Monaten einige Tage in der </em><a href="https://www.ddorf-aktuell.de/2022/07/12/duesseldorf-ferienspass-in-der-kinder-zeltstadt-flingerntal/"><em>„Zeltstadt Düsseltal“</em></a><em>. Die „Zeltstadt Düsseltal“ in Flingern unterscheidet sich mit einer ganz anders zusammengesetzten Teilnehmerschaft deutlich vom </em><a href="https://www.akki-ev.de/duesseldoerfchen-die-stadt-der-kinder/"><em>„Düsseldörfchen“</em></a><em>. Da tun sich drei Schulen zusammen, legen ihre OGS in den Sommerferien auf einen Platz, der dann die Kinderstadt wird. Da passt das auch vom Personal: Die OGS-Fachkräfte sind alle dabei.</em></p>
<h3><strong>Aktivierende Methoden: Aneignung und Teilhabe</strong></h3>
<div id="attachment_8018" style="width: 420px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8018" class="wp-image-8018 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-300x214.jpg" alt="" width="410" height="293" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-600x427.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-768x547.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-800x570.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1024x729.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1200x854.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/590-1536x1094.jpg 1536w" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" /><p id="caption-attachment-8018" class="wp-caption-text">Subjektive Landkarte. Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie stellen in dem Buch mehrere Methoden vor, die aus meiner Sicht relativ leicht nachmachbar sind. Ich nenne die Nadelmethode, die subjektive Schulkarte, die subjektive Landkarte, Autofotografie. Sie haben Gruppeninterviews gemacht, Sozialraumbegehungen mit Kindern, Lehr- und Fachkräften sowie kommunalen Kolleg:innen durchgeführt.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>All diese Methoden können wissenschaftlich, analytisch eingesetzt werden, sodass wir als Außenstehende Kinderperspektiven systematisch erheben können. Gleichzeitig aktivieren diese Methoden. Sie machen Spaß, sie knüpfen an den Interessen der Kinder an, die viel Freude daran haben. </em></p>
<p><em>Es gibt natürlich auch Studien mit Fragebögen und Interviews. Es ist aber eine besondere Herausforderung, Kinder für solche Methoden zu begeistern. Unsere Methoden sind niedrigschwellig. Wir gehen in den Sozialraum, in die Schule. </em></p>
<p><em>Bei der Nadelmethode haben wir große Karten, auf denen die Kinder mit verschiedenfarbigen Nadeln in der Schule, im Stadtgebiet Orte markieren, an denen sie sich gerne aufhalten, wo sie ihre Freizeit verbringen und auch Orte, an denen sie sich möglicherweise nicht wohlfühlen oder Konflikte entstehen. Die Kinder kommentieren auch, was sie da machen. Autofotografie ist eine ebenfalls aktivierende Methode, in der die Kinder mit ihren persönlichen Handys durch die Gegend streifen und ihre persönliche Sicht auf den Sozialraum, auf die Schule abfotografieren. Das sind ganz persönliche Einblicke, die wir als Fachkräfte oder als Forschende sonst gar nicht erhalten könnten. Das gibt viel Aufschluss über den Standort der Schule, den Sozialraum, das Raumerleben der Kinder. In jeder Befragung haben wir beispielsweise das Problem mit den Toiletten, Probleme mit der Verdrängung von Mädchen und Jungen auf dem Schulgelände. </em></p>
<p><em>Es sind spielerische, auch kurzweilige Formate, durch die wir mit den Kindern in Austausch kommen und gleichzeitig eine externe forschende Perspektive einnehmen. Wir lassen uns erst einmal alles zeigen, sammeln O-Töne, lassen die auch so stehen, bevor wir zu einer Interpretation kommen.</em></p>
<p><em>Ich möchte auch etwas Theoretisches ergänzen. Wir unterscheiden mit unseren Methoden zwei theoretische Begriffe. Einmal den Sozialraum, der als geografischer Raum verstanden wird, aber auch den ganz anders aufgeladenen Begriff der Lebenswelt. Das beginnt dann mit einem Erzählimpuls für die Methode der subjektiven Landkarte (Mapping): „erzähl doch etwas von deiner Schule, mal doch mal das Haus, in dem du wohnst und zeichne die Stationen, an denen du dich an einem Tag aufhältst“. Diese dann entstehenden Bilder der Kinder haben mit dem geografischen Raum eher weniger zu tun. Man erhält auch Hinweise auf weiter entfernte Orte, z.B. Kinder mi</em>t <em>Migrationshintergrund schreiben beispielsweise auch „Türkei“ hinein also Orte, wo sie auch regelmäßig sind. Dieser lebensweltliche Blick ist nicht einfach zu interpretieren, aber ein wichtiger Punkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich spreche das Migrationsthema gerne einmal aus einer ganz anderen Perspektive an. Ich habe den Eindruck, dass bei vielen Studien dieses Thema kaum bedacht wird, es sei denn, es handelt sich um Studien, in denen Migration oder Integration ausdrücklich Thema sind.</p>
<p>In eurem Buch fiel es mir in einem Text auf, in dem es konkret um Geflüchtete ging. Die Kinder, die auf eure Dokumente „Türkei“ oder „Marokko“ schreiben, sind jedoch Kinder, die schon in der zweiten, dritten oder vierten Generation in Deutschland leben, aber eben noch Verwandte in der Türkei oder in Marokko haben. Ferienangebot heißt bei denen: Besuch der Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins in der Türkei oder in Marokko.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Das ist ein interessanter Punkt in den subjektiven Landkarten. Die Kinder kommentieren diese Karten auch. Vor Kurzem war ich in einer Ruhrgebietsstadt und befragte die Kinder mit der Methode der subjektiven Landkarte. Zu den Bildern erzählen die Kinder dann auch gern und dabei kommen auch die verschiedenen kulturellen Unterschiede zum Ausdruck. Ein Kind erzählte, man würde sich jedes Wochenende in einer Wohnung von Verwandten treffen. Das ist eine verbreitete Tradition in den deutsch-türkischen Familien. Er erzählte dann, was sie da so machen. </em></p>
<p><em>Sie sagten eben in einem Nebensatz, dass diese Bilder der Kinder auch gerne in einem Rathaus ausgestellt werden. Wir haben immer wieder an verschiedenen Stellen gesagt, wie fürsorglich man mit den Daten umgehen muss. Das ist bei Kindern oft so, dass sie sich sehr öffnen, und dann erzählen dann sie alles Mögliche und machen bei der Fotomethode auch schon einmal Bilder vom Kinderzimmer. Die müssen wir dann schnell aussortieren wegen Datenschutz. Deshalb sagen wir immer: Vorsicht vor dem verbreiteten pädagogischen Reflex, alles zu präsentieren und dann auch gleich eine Ausstellung zu machen!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist vielleicht auch ein kommunalpolitisches Thema: Schau mal, wie toll wir die Kinder beteiligen!</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Die tun das natürlich sehr gerne!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und sind sich nicht im Klaren darüber, was sie da möglicherweise mit anrichten. Mit Teilhabe hat das nichts zu tun.</p>
<p>Mir gefiel an Ihrem Buch sehr gut, dass Sie herausgearbeitet haben, dass Teilhabe etwas anderes ist als Teilnahme. Sie verwendeten auch den Begriff der Aneignung von Räumen durch die Kinder. Bisher haben wir darüber gesprochen, wie wir herausbekommen, wie Kinder Räume sehen. Das wäre jetzt der zweite Schritt, damit die Räume auch wirklich zu Räumen der Kinder werden, in denen sie sich zurechtfinden, wohlfühlen und ihr Leben gestalten. Dann wird aus Teilnahme Teilhabe.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Teilhabe ist oft unsichtbar und den Fachleuten &#8211; gleichviel ob aus der Schule oder aus der Sozialarbeit nicht bekannt. Wir haben in Hessen mit Mädchen gesprochen, die uns erklärten, sie würden gerne nach dem Ende der Schule in der Schule bleiben. Wir haben gefragt, warum. Sie sagten, erstens dürfen wir das, weil wir den Eltern sagen können, wir sind in der Schule, und zweitens werden wir hier nicht von unseren Brüdern kontrolliert. Für sie war die Schule ein sicherer Raum. Die Schule hat das gar nicht verstanden. Die Mädchen wollten nicht viel, sie wollten sich nur in der Schule weiter treffen und die Schule als Schutzraum zu nutzen. Das ist ein sehr positives Bild von Schule.</em></p>
<h3><strong>Schule als Safe Space</strong></h3>
<div id="attachment_8019" style="width: 419px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8019" class="wp-image-8019 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-300x225.jpg" alt="" width="409" height="307" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/1079342-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 409px) 100vw, 409px" /><p id="caption-attachment-8019" class="wp-caption-text">Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Schulen müssen inzwischen alle Schutzkonzepte entwerfen, um einer möglichen Kindeswohlgefährdung vorzubeugen beziehungsweise im konkreten Fall einzugreifen. Das, was die Mädchen beschrieben, mit denen sie gesprochen haben, muss nicht gleich auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen, aber eine Nötigung innerhalb der Familie ist es allemal, die die Spielräume der Mädchen einengt.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Unsere Methoden sind auch für die Entwicklung von Schutzkonzepten nutzbar. Bei der Nadelmethode fragen wir ja auch immer nach positiv und negativ erlebten Orten, auch nach Angstorten, beispielsweise Bahnunterführungen oder schlecht beleuchteten Wegen. </em></p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das wird in den Risikoanalysen der Schutzkonzepte auf jeden Fall nachgefragt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass es in der Praxis als eher sehr schwierig eingeschätzt wird, Kinder bei der Erstellung der Schutzkonzepte zu beteiligen. Der Blick auf die Räume ist dabei sicher hilfreich. Ich denke, man muss hier von dem Gewaltschutzbegriff wegkommen und auch auf andere Schutzrechte von Kindern achten. Generell wird in Deutschland Kinderschutz sehr auf Gewalt bezogen. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt weitere Schutzrechte wie den Schutz vor Diskriminierung, Gesundheitsschutz, Medienschutz. Ein wichtiger Punkt ist das Recht auf Privatsphäre. Meines Erachtens sollte man diesen erweiterten Begriff von Schutzkonzepten zugrunde legen. Ich kann mir von Kindern ihren Alltag erklären lassen und nachfragen, wo es vielleicht Streit gibt, Konflikte, Probleme, wo die Kinder vielleicht unschöne Dinge erlebt haben, auch in Bezug auf Räume. Dabei spielt dann der Schutz der Privatsphäre eine wichtige Rolle. Wohin kann sich ein Kind zurückziehen, sich selbst schützen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Räume und Orte sind die eine Geschichte, die andere Personen.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das verknüpft sich. Die Räume werden von Menschen gestaltet. Ich nannte eben das Thema Toiletten. Das können Räume sein, auf denen Privatsphäre eingeschränkt wird, es können aber auch Personen sein, die diese einschränken oder gar bedrohen. Darüber muss man sprechen und man landet automatisch bei den sozialen Beziehungen, auch bei Schulhöfen, wenn sich herausstellt, dass es dort Räume gibt, aus denen bestimmte Gruppen verdrängt werden. Man findet auf diese Art und Weise viel über das soziale Miteinander heraus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen schon die Familiengrundschulzentren an. Hier spielt der Kontakt mit den Eltern, mit den Familien eine wichtige Rolle.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das ist Thema in dem Beitrag von </em><a href="https://katho-nrw.de/hermes-michael-prof-dr"><em>Michael Hermes</em></a><em> und </em><a href="https://www.ostfalia.de/bjoern-hermstein"><em>Björn Hermstein</em></a><em>: „Familienbildung als dritter Sozialraum zwischen Familie und Schule“. Die Familiengrundschulzentren sind ein Teil der Familienbildung. Es gibt noch nicht viele Erfahrungen, wie die Sicht der Kinder in Familiengrundschulzentren erhoben werden kann, aber das Potenzial ist unbestritten. Das entspricht auch den Rückmeldungen der Kommunen, die danach fragen, welche Angebote Kinder und Eltern wünschen. Unsere Methoden sind bei der Entwicklung der Familiengrundschulzentren gut anwendbar.  </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Björn Hermstein, einer der in unserem Buch vertretenen Autoren, war bis vor wenigen Jahren in der Stadt Duisburg im Schulverwaltungsamt als Schulentwicklungsplaner tätig. Er hat jetzt eine Stelle als Professor an einer Fachhochschule in Niedersachen, an der er ein Projekt zu den Familiengrundschulzentren durchführt. Unsere Methodik lässt sich auch auf niedrigschwellige Angebote wie Elterncafés anwenden, die wir aber in unserem Buch nicht explizit angesprochen haben.</em></p>
<p><em>Ich erinnere mich an eine Schulsozialarbeiterin, die mir von einer paradoxen Intervention berichtete. Sie sagte, sie würde Eltern anrufen, wenn die Kinder etwas besonders Gutes getan hätten. Normalerweise bedeuten Anrufe bei den Eltern aus der Schule ja eher etwas Schlechtes, weil das Kind mal wieder irgendetwas angestellt hat, was es besser nicht getan hätte. Wir haben jetzt nicht wie in Skandinavien eine Tradition von Community Schools, aber vielleicht ist eine solche paradoxe Intervention ein kleiner Schritt in diese Richtung.</em></p>
<p><em>Alle unsere Methoden und Projekte sind auch ein Thema für die Qualifizierung des Personals im Ganztag. Professor Markus Sauerwein ist seit einigen Jahren an der TU Dortmund tätig. Er hat ein großes sehr interessantes Projekt über die Quereinsteiger:innen im Ganztag, die keine spezifische pädagogische Ausbildung haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht zuletzt von Bedeutung, weil es einfach nicht genug Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Viele sind an ihnen interessiert und werben sie sich gegenseitig auch ab.</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Das Projekt von Markus Sauerwein heißt Laien als Akteure im Ganztag (Laktat), hier gibt es einige Veröffentlichungen, zum Beispiel: </em><a href="https://eldorado.tu-dortmund.de/items/4ca1d5e4-6a71-45d9-acae-c115ef9c0590/full"><em>„Pädagogische Lai:innen im Ganztag“</em></a><em>. </em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Das ist ein wichtiges Thema. Quereinsteiger:innen im Ganztag wurden bisher eher negativ bewertet, weil sie eben nicht die traditionelle Ausbildung der sozialpädagogischen Fachkraft haben. </em></p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong>: <em>Die Familiengrundschulzentren zielen auf eine Art Bildungspartnerschaft. Ich halte den Begriff für eher schwierig, weil er eigentlich ein Ungleichgewicht signalisiert, auch etwas Paternalistisches. Eltern werden in der Schule nie die gleichen Rechte haben wie die Lehr- und Fachkräfte. Ich sehe schon in unseren Methoden Möglichkeiten, Eltern und Fachkräfte mehr in Kontakt zu bringen, um sich gemeinsam Sozialräume anzuschauen. Lehrkräfte sind eher davon abgeschnitten, aber die Fachkräfte haben in den außerunterrichtlichen Angeboten des Ganztags und Familiengrundschulzentren mehr Spielräume, genauer hinzuschauen, wie Kinder und Eltern die Schule erleben. So lassen sich Eltern auch stärken. Sie werden nicht mehr nur als Adressaten gesehen, wie sie bessere Eltern werden könnten.</em> Auch</p>
<h3><strong>Prekäre Querverbindungen</strong></h3>
<div id="attachment_8020" style="width: 420px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8020" class="wp-image-8020" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-300x217.jpg" alt="" width="410" height="296" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-400x290.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-600x435.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-768x556.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-800x579.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1024x742.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1200x869.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/601-1536x1112.jpg 1536w" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" /><p id="caption-attachment-8020" class="wp-caption-text">Subjektive Karte des Schulgeländes. Institut für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – ISPE e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir aber auch bei einem Punkt, der bei Ihnen im Vordergrund steht und vielleicht doch Ihr Alleinstellungsmerkmal ist: Der Bezug auf den Sozialraum. Das sollte in der Kinder- und Jugendhilfe eigentlich Standard sein, ist es aber leider auch dort nicht in dem Maße, wie es erforderlich wäre.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Wir erleben eine starke Trennung. Es gibt im schulischen Bereich inzwischen schon – wenn auch zaghaft – Partizipationsformen wie den Klassenrat. Das ist verbreitet, Schülerparlamente noch nicht so sehr. Zuletzt sagte mir eine Schulleiterin, sie wäre froh, dass sie ein solches Parlament habe. Das sei keine zusätzliche Belastung, sondern eine Erleichterung, weil so vieles einvernehmlich geklärt werden könne. </em></p>
<p><em>Entscheidend ist aus meiner Sicht die Kooperation von Schule, Jugendhilfe und Kommune. Es hat keinen Zweck, eine „Beteiligungsinsel“ anzubieten. Kinder erleben in einem konkreten Projekt Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten, die dann aber im Alltag nicht weitergeführt werden. In der Schule spielt eine Rolle, dass Kinder- und Jugendparlamente, die es in immer mehr Kommunen gibt, zum Beispiel über die weiterführenden Schulen gewählt werden. Es gibt aber keine wirkliche Verbindung. Wir haben einmal in einer OGS nachgefragt, ob sie Klassenräte hätten und erhielten die Antwort, dass die Klassenräte an der Schule über die Schulsozialarbeit durchgeführt würden, während es in der OGS eine andere Form der Beteiligung der Kinder gäbe. Ich sehe das besondere Problem, dass es kaum möglich ist, in dem komplexen System Schule durchgehende Beteiligungsformen zu etablieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist (nicht nur) in Nordrhein-Westfalen ein Problem, das durch die fehlende Abstimmung zwischen den einzelnen Referaten und Abteilungen in dem zuständigen Ministerium immer wieder entsteht. Es gab schon in den 2010er Jahren in Nordrhein-Westfalen verschiedene Programme der Schulsozialarbeit, die aber alle von unterschiedlichen Referaten betreut wurden. Es war nicht möglich, diese zu einem Gesamtprogramm zusammenzufügen (nur am Rande: ich hatte hierzu 2018 einmal einen Vorschlag gewagt, dem die damalige Hausleitung jedoch nicht folgen wollte, weil es hausintern zu viele Widerstände gab). Von der Zusammenarbeit der für Schule und Jugend zuständigen Ministerien möchte ich da gar nicht reden. Die funktionierte zwischen den federführenden Referaten, aber diese hatten große Schwierigkeiten, eine gemeinsame Linie mit den anderen Referaten herzustellen. Das aktuelle mit Bundesmitteln geförderte <a href="https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/bildung/schule/startchancen-programm-274440">Startchancenprogramm</a> verschärft das Problem nur noch, weil es mit anderen Programmen beispielsweise in Nordrhein-Westfalen mit der OGS nicht verknüpft wird. Synergien werden nicht genutzt, Ressourcen ineffektiv eingesetzt. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass auch die zuständigen Hausspitzen sich dessen nicht bewusst sind.</p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong>: <em>Bei der Schulsozialarbeit gibt es eine Art Kastensystem. Das ist ganz furchtbar. Ich höre zurzeit immer wieder, zuletzt von einem zuständigen Schulaufsichtsbeamten in einer Bezirksregierung in NRW, dass Schule sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Ich führe das darauf zurück, dass die Binnenkooperationen im Rahmen des angestrebten „multiprofessionellen Teams“ inzwischen sehr kompliziert geworden sind. An einer Grundschule habe ich den Träger des Ganztags, den Träger der kommunalen Schulsozialarbeit, den Träger der Integrationshilfe. Und das sind leider nicht immer dieselben Träger. Das ist eher ein Hemmnis für die Öffnung von Schule. Ich kann das nicht durch Studien belegen, aber der Eindruck scheint mir nicht zu trügen.</em></p>
<p><strong>Ulrich Deinet</strong> war bis 2021 Professor für Didaktik / Methoden der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Lehrbeauftragter und Leiter des <a href="https://ispe-net.de/">Instituts für Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung</a> (ISPE e.V.)</p>
<p><strong>Christina Muscutt</strong> ist Fachberaterin im LVR-Landesjugendamt Rheinland, Lehrbeauftragte und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (ISPE e.V.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">Radikal, demokratisch, pädagogisch</a> – Die Psychologin Marina Weisband über Zuversicht und Resilienz, Juni 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-kind-im-mittelpunkt/">Das Kind im Mittelpunkt</a> – Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin, September 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</a> – Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer, August 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommunale-gestaltungsvisionen/">Kommunale Gestaltungsvisionen</a> – Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis, Mai 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/">Paradies für Glückspilze</a> – Das Bildungshaus Bad Aibling – ein Jugendhilfeträger gestaltet Schule, September 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwierige-partnerschaft/">Schwierige Partnerschaft</a> – Ein Gespräch mit Ulrich Deinet über Jugendhilfe und Schule, Juli 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinderrecht-ganztagsbildung/">Kinderrecht Ganztagsbildung</a> – Wie Kinder ihre OGS gestalten – neue Chancen mit dem Rechtsanspruch? Juni 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradigmenwechsel-kinderrechte-in-kommunen/">Paradigmenwechsel – Kinderrechte in Kommunen</a> – Ein Gespräch mit Anne Lütkes über kinderfreundliche Politik, Juni 2022.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinder-wissen-was-sie-wollen/">Kinder wissen was sie wollen</a> – Die UN-Kinderrechtskonvention und das Landesprogramm Kinderrechte, März 2020.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 23. April 2026. Titelbild: Bildungshaus Bad Aibling, Foto: Claudia Kohnle.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lina Morgenstern</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/lina-morgenstern/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/lina-morgenstern/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 06:43:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lina Morgenstern Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin Lina Morgenstern (1830 - 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren. Im 19.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lina Morgenstern</strong></h1>
<h2><strong>Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin</strong></h2>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern">Lina Morgenstern</a> (1830 &#8211; 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren.</p>
<p>Im 19. Jahrhundert durften Frauen per Gesetz weder eine Firma noch einen Verein gründen. Lina gelang all das. Aus einer wohlhabenden Breslauer Familie stammend brach sie aus dem von ihren Eltern vorgegebenen Lebensweg aus: Statt sich zu vergnügen und das schöne Leben zu genießen, kämpfte sie für <em>„das Gute“</em>. Dabei definierte Lina <em>„das Gute“</em> wie es Immanuel Kant in seiner Ethik definiert: <em>„Gut ist derjenige Wille, der ausschließlich durch Gründe der praktischen Vernunft bestimmt wird und nicht durch Neigungen.“</em></p>
<p>Als Gründerin von 17 Volksküchen versorgte sie täglich 10.000 hungrige Menschen und betreute mit ihrem Frauenteam an Berliner Bahnhöfen 300.000 aus dem Krieg von 1870/1871 zurückkehrenden Soldaten: Freund und Feind. Danach initiierte sie über 30 „Wohlfahrts-Startups“, die sich um alleinerziehende Mütter, haftentlassene Mädchen, Prostituierte und andere Bedürftige kümmerten. Mit Zeitgenossinnen gründete sie von Friedrich Fröbel inspirierte Kindergärten und exportierte die Idee nach England. Hinter der Maske von Linas quirligem Humor verbarg sich die nervöse Unrast einer leidenschaftlichen Unternehmerin.</p>
<p>Wie aber hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfeindungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand?</p>
<h3><strong>Breslau 1846</strong></h3>
<div id="attachment_7666" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7666" class="wp-image-7666 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1189x1536.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1200x1550.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern.jpg 1434w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /><p id="caption-attachment-7666" class="wp-caption-text">Lina Morgenstern, Public Domain.</p></div>
<p>Als Lina 16 Jahre alt war, sandte ihr Vater sie auf die Höhere Töchterschule. Lina langweilte sich, denn es wurde vorwiegend Handarbeiten, Kochen und Nähen unterrichtet; sie wollte nicht mehr in diese Schule. Ihr strenger Vater Albert, ein in Breslau etablierter Möbel- und Antiquitätenhändler, warf seinem Kind Undankbarkeit vor, denn die private Höhere Töchterschule kostete ihn viel Geld, die meisten jungen Frauen bekamen gar keine Ausbildung – ein eskalierender Vater-Tochter-Streit.</p>
<p>Plötzlich wurde die Familie von der Revolution in Breslau überrascht. 1846 demonstrierten Arbeiter, Handwerker und Lehrer vor dem Schloss in Sichtweite der Familien-Wohnung. Bewaffnete Uniformierte stellten sich den Aufgebrachten entgegen, versuchten das Schlosstor zu schützen. Doch die Protestierenden stapften entschlossen darauf zu. Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Blut floss. Lina erkannte unter den Demonstranten einen jüdischen Jungen aus dem Nachbarhaus, kaum siebzehn Jahre alt. Er drängte sich mit seinem Freund nach vorne, warf einen Ziegelstein. Sofort wollte Lina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Jenny raus, um ihn zu unterstützen. Der Vater ließ es nicht zu. Deshalb konnte Lina nur mit dem Operngucker beobachten, wie vor der Wohnung die Demonstrierenden von Wachsoldaten niedergetrampelt und angeschossen wurden, darunter auch ihr Freund aus dem Nachbarhaus. Verzweifelt musste sie mitansehen, wie der Verblutende leblos wegetragen wurde.</p>
<p>Dieses Erlebnis muss Lina geprägt haben, denn bald darauf verfiel sie in eine Depression, flüchtete sich nächtelang bei schlechtem Kerzenlicht ins Lesen von Büchern über Medizin und Astronomie, bis sich Gesichtszuckungen und Augenprobleme einstellten. Die besorgte Mutter verbot ihrer Tochter die nächtliche Lektüre – was die Krise noch verschlimmerte. Schließlich erlaubte die Mutter der Sechzehnjährigen, eine Tanzschule zu besuchen.</p>
<h3><strong>Die Aktien der Liebe </strong></h3>
<div id="attachment_7667" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7667" class="wp-image-7667 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7667" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Polka. Lachen. Verträumte Blicke. Damenwahl. Auf glattem Parkett lernte Lina den neunzehnjährigen Theodor Morgenstern (1827-1910) kennen. Er kam aus Sieradz, einer kaum zweitausend Einwohner zählenden Kleinstadt mit Synagoge in der Nähe von Łódź. Der junge Mann erzählte von seiner lebensgefährlichen Flucht. Wie viele andere Juden hatte er sich am Krakauer Aufstand beteiligt und gegen Österreich, Russland und Preußen für eine polnische Nationalregierung gekämpft, denn nur diese versprach die vollständige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation">Gleichberechtigung der Juden</a>. Allerdings wurde der Aufstand von der österreichischen Armee brutal niedergeschlagen. Hals über Kopf musste Theodor flüchten. Lina war von seinem revolutionären Habitus angetan – was für ein Held. Und wie er tanzte! Trotz Etikette und den strengen Blicken des Tanzlehrers genoss Lina die Momente der gemeinsamen Bewegungen, des Festhaltens, der Nähe.</p>
<p>Lina wollte Theodor heiraten, am liebsten sofort. Sie wusste jedoch: Ihr Vater würde nicht zustimmen solange sie noch unter 20 war. Zu Linas 18. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Fest, Lina aber durfte ihren Liebsten nicht einladen. Stattdessen bat der Vater Geschäftsfreunde und Adelige zu Tisch. Mitten auf der Feier riss Lina das Wort an sich und präsentierte ihre Idee eines <em>„Pfennigvereins“</em>: Für arme Arbeiterkinder bat sie alle Anwesenden monatlich einen Pfennig für Schulmaterial und Kleidung zu spenden. Einige Gäste versuchten, sich elegant aus der Affäre zu ziehen: Wer garantiere denn, dass die Spenden tatsächlich die Richtigen erhalten? Sollen die Zuwendungen vielleicht nur jüdische Kinder bekommen? Eloquent konnte Lina alle Zweifel zerstreuen. Noch auf dem Fest begann sie Geld einzusammeln. Schließlich gelang es ihr, dass nahezu alle Gäste ein <em>„Spendenabo“</em> unterzeichneten. Der Pfennigverein existierte dreißig Jahre lang, unterstützte 16.000 bedürftige Kinder und war Linas erstes Wohltätigkeits-Unternehmen.</p>
<p>Indes stellten Lina und Theodor fest: Zwischen ihnen bestand mehr als eine sinnliche Anziehung. Linas Art zu fragen, ihre Neugierde auf die Welt und ihre pointierten Schlussfolgerungen faszinierten Theodor. Beide mochten Menschen, die sich nicht anpassten und beide hatten Interesse an unternehmerischen Ideen. Natürlich verfügten sie auch über entgegengesetzte Charaktereigenschaften: Die spontane, quicklebendige und auf Äußerlichkeiten nichts gebende Lina und der kaum zu erschütternde Theodor, der es liebte, in feinem Zwirn zu beeindrucken. Lina lernte ihm zuliebe sogar seine Muttersprache. Lange hielten sich die beiden an ein damals übliches Motto, das aus einer oft verwendeten Liederstrophe (aus dem 17. Jahrhundert) stammt: <em>„Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß!“</em></p>
<p>Linas Vater recherchierte hinter ihr her und fand heraus: Theodor besaß nur eine kleine Handelsagentur, mit der er kaum in der Lage sein würde, eine Familie zu ernähren. Der Vater hielt Linas Geliebten für einen geschäftlichen Versager – was er seine Tochter wissen lässt. Hartnäckig stellte er Fragen: Was hat Theodor für Ziele? Wie stellt er sich die Zukunft seiner Agentur vor? Wie viel Geld hat er, wie viele Aktien?</p>
<p><em>„Die Aktien der Liebe!“</em> – Über sieben Jahre lang trafen sich die beiden, bis der Vater unwillig einer Hochzeit zustimmte.</p>
<h3><strong>Die verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</strong></h3>
<div id="attachment_7668" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7668" class="wp-image-7668 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg" alt="" width="469" height="335" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-600x429.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-768x549.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-800x572.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1024x732.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1200x857.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1536x1098.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7668" class="wp-caption-text">Lina (Mitte) mit Müttern und Kindergartenkindern, Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Um dem dominanten Vater zu entfliehen, zogen Lina und Theodor 1855 nach Berlin. Der Vater sprang über seinen Schatten und gewährte Lina eine großzügige Mitgift. Während Lina in Berlin schwanger wurde, verfolgte Theodor eine neue Geschäftsidee: Ein internationales Modehaus in der noblen Friedrichstraße. Es sollte ein Etablissement werden, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte! Theodor kaufte von Linas Aussteuer die feinsten Kollektionen aus Paris, London und Konstantinopel und präsentierte seiden-, gold- und silbergewirkte Kleider auf zwei Etagen. Die Leipziger Illustrirte Zeitung vom 13. Dezember 1856 jubelte: <em>„Dank der <u>verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</u>, die nun Herr Theodor Morgenstern erfüllt, wird Berlin endlich eine Weltstadt.“</em> Aufwendig warb Theodor mit teuren Zeitungsanzeigen um kaufkräftige Kundinnen. Und Lina wurde zum zweiten Mal schwanger. Nachts befasste sie sich mit den Erziehungsmethoden des Pädagogen <a href="https://froebel-museum.de/pages/de/friedrich-froebel/leben-und-werk.php">Friedrich Fröbel</a> (1782-1852) – für ihn hatten die Frauen die Zukunft der Menschheit in der Hand, denn sie gestalteten die ersten Lebensjahre, den entscheidenden Zeitabschnitt. Jede junge Frau sollte eine Ausbildung als Erzieherin erhalten; diese Ideen gefielen Lina.</p>
<p>Kaum schliefen die Kinder, versuchte sie aus Fröbels komplizierten Schachtelsatz-Schriften lesbare Exzerpte zu verfassen. Und sie gründete in Berlin – trotz des staatlichen Kindergarten-Verbots – mit Kolleginnen zusammen den ersten Fröbel-Kindergarten. Ein Erfolg.</p>
<p>Indes entwickelte sich <em>„Herr Morgenstern“</em> mit seinem exklusiven Modesalon in der Friedrichstraße zum Parvenü, war in Berlin gefragt und begehrt. Lina aber sorgte sich: Zwar besuchten viele Damen Theodors Geschäft, doch sie kauften wenig. In Wahrheit ging es der Familie immer schlechter. Ein drittes Kind verschärfte die Lage. Theodors Reserven und Linas Aussteuer waren bald aufgebraucht – was von den frisch Vermählten souverän verdrängt wurde.</p>
<p>Plötzlich konnte das Paar die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weder Linas noch Theodors Eltern wollten die junge Familie neuerlich unterstützen, der Schwiegervater fühlte sich bestätigt: Theodor ist ein Versager!</p>
<p>Tatsächlich schlitterte Theodor mit seinem Modehaus in den Bankrott. Der Schwiegervater verhinderte mit einer allerletzten Zuwendung das Schlimmste, doch Theodor musste seine unternehmerischen Träume aufgeben. Indes wurde Lina erneut schwanger, die jungen Eltern plagten nun Existenzängste: Wie die immer größer werdende Familie durchbringen?</p>
<p>Nächtelang grübelten die beiden, auch der sonst so geduldige Theodor geriet in Panik. Die Krise drohte, die Ehe zu zerreißen. Bis Lina realisierte: Nur sie konnte die Familie noch retten.</p>
<p>Verzweifelt besuchte Lina den Verleger und Chefredakteur des renommierten Modemagazins BAZAR und bot ihm ihren Artikel über Friedrich Fröbel an. Der Chefredakteur reagierte erst skeptisch. Nachdem er jedoch die ersten Absätze gelesen hatte, änderte er seine Meinung. Er forderte Lina auf, Fröbels komplizierte Schriften in ein unterhaltsames Handbuch zu verwandeln. Kaum zu Hause, setzte sich Lina an den Schreibtisch. Und schrieb in nur vier Wochen einen Bestseller: „Das Paradies der Kindheit“. Über 280 Seiten! Das Handbuch der Fröbel´schen Lehre erlebte sieben Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema gewaltfreie Erziehung an.</p>
<p>Vor allem konnte Lina mit den Tantiemen ihre Familie ernähren.</p>
<p>Nun schrieb sie weitere Auftrags-Bücher während Theodor sich um Haushalt und Kinder kümmerte &#8211; was in dieser Zeit völlig neu war und dem jungen Ehemann einiges abverlangte, denn zahlreiche Zeitgenossen verspotteten ihn als „Schwächling“. Das Paar lebte, was in dieser Zeit als unmöglich galt: <em>„Keine übertriebene Ehe“</em>, wie Lina es in ihrer Deutschen Hausfrauenzeitung selbst nannte – also eine gleichberechtigte. Mit viel Humor.</p>
<p>Parallel gründete Lina eine Vielzahl von Wohlfahrtsvereinen, kümmerte sich um haftentlassene Mädchen und alleinerziehende Mütter. Linas Motto, wie ebenso in ihrer Zeitung nachzulesen ist: <em>„Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit!“</em></p>
<p>Als Lina ob ihrer vielen Tätigkeiten schwächelte, schlug Theodor einen Familien-Urlaub vor. Im Süden. Am Meer. Erst reagierte Lina begeistert, dann irritierte sie der im Juni 1866 eskalierende Konflikt zwischen Preußen und Österreich – ein Krieg stand bevor. Die Not schwoll an, in Berlin grassierte Hunger, sogar Lehrer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren.</p>
<p>Statt Urlaub hatte Lina eine andere Idee; sie wollte eine Volksküche gründen. Und zwar auf eine ganz neue Art: Das Unternehmen sollte sich selbst erhalten. Allerdings verfügte sie weder über Anfangskapital, noch über Räumlichkeiten und Personal. Wie also die Idee umsetzen?</p>
<h3><strong>Linas Businesskonzept </strong></h3>
<div id="attachment_7669" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7669" class="wp-image-7669 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg" alt="" width="469" height="311" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1200x797.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1536x1020.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7669" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1883)_b_477.jpg">Sonntags in der Volksküche</a>, Die Gartenlaube (1883), Originalzeichnung von H. Lüders, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lina erlebte eine schlaflose Nacht, im Morgengrauen dann Heureka, sie hatte einen Plan: Spenden als Anfangskapital, freiwillige Helferinnen in der Küche, ein günstiger Raum und reduzierte Einheitspreise für jede Speise. Doch die Behörden wollten ihr weder einen Raum stellen noch konnte sie jemand auf die Schnelle überreden, Kapital zu borgen. Lina überzeugte Frauen aus dem Bürgertum, unentgeltlich beim Kochen und Essenverteilen zu helfen. Noch vor Kriegsbeginn beabsichtigte sie, die erste Küche zu eröffnen. Dafür aber benötigte sie dringend Geld. Ihre Idee: Ein Spendenaufruf in einer renommierten Zeitung. Wie aber an einen Chefredakteur gelangen, wie ihn überzeugen?</p>
<p>Kurzerhand besuchte sie die Vossische, eines der angesehensten Berliner Blätter dieser Tage. Der diensthabende Sekretär, ein Mann mit dicker Brille und zerschlissenen Manschetten, ließ Lina nicht zum Chefredakteur vor. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit strahlte Lina eine natürliche Autorität aus, die in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zumeist trug die Sechsunddreißigjährige ein schwarzes, schmuckloses Kleid, ihre Haare hatte sie streng hochgesteckt, eine Nickelbrille zierte ihre Nase. Sie beharrte auf der Dringlichkeit ihres Anliegens und verlangte, Chefredakteur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Otto_Lindner">Dr. Otto Lindner</a> (1820-1867) zu sprechen. Irgendwann gab der Sekretär nach.</p>
<p>Lina kämpfte sich zu Dr. Lindner vor. Der ebenfalls aus Breslau stammende Musikwissenschaftler fand Linas Idee interessant und lächelte freundlich. Im Laufe ihres Vortrags merkte sie jedoch, dass in diesem Lächeln ein Hauch von Verachtung steckte. Was will die Kleine schon ausrichten? Sie sprach den Sechsundvierzigjährigen darauf an, er konterte: Die Sache sei eben schwierig. Er wolle nur einen Spendenaufruf drucken, wenn Lina berühmte Berliner als Fürsprecher gewinnen könne. Andernfalls würden die Leser denken, Frau Morgenstern möchte bloß für ihre eigene Familie Geld einsammeln. Lina versprach, mit Honoratioren wiederzukommen. Es muss Lina getroffen haben, dass ihre Person offensichtlich nichts galt, sondern nur renommierte Männer. Doch sie kannte keine Renommierten.</p>
<p>Geschickt entwickelte Lina eine Strategie der kleinen Schritte. Erst verfasste sie ein leidenschaftliches Plädoyer, dann besuchte sie das Café Kranzler, setzte sich auf die schmale Terrasse und durchforstete die ausliegenden Zeitungen nach Berliner Persönlichkeiten. Als sie in <em>der Vossischen, in der Volkszeitung und im Beobachter an der Spree zehn vielverspr</em>echende Namen entdeckt hatte, ermittelte sie deren Adressen.</p>
<p>Beharrlich und mit spröder Herzlichkeit versuchte Lina, die Prominenten mit ihrem Plädoyer anzusprechen. Darunter <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow">Dr. Rudolf Virchow</a> (1821-1901) von der Charité. Der renommierte Pathologe positionierte sich als Liberaler im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen Bismarck. Als Lina den Arzt besuchte, bat sie ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern fragte erst um Rat für ihr geplantes Kochbuch. Der fortschrittlich denkende Virchow mit seinen ernsten, wie aus Bronze gegossenen Gesichtszügen, hatte längst erkannt, dass sich nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus der unteren Mittelschicht schlecht ernährten. Er empfahl Lina, jedem Essen ausreichend Gemüse und 75 Gramm Fleisch beizumischen. Was Lina beherzigte. Dann erst fragte sie, ob er nicht als Fürsprecher der Volksküche in der Vossischen Zeitung erscheinen wolle. Er stimmte zu.</p>
<p>Ermutigt ging sie auf weitere Persönlichkeiten zu. Manchen Männern fiel es in dieser Zeit schwer, wie sie später in ihrer Autobiographie beschrieb, eine <em>„Kooperation“</em> mit einer Frau an führender Stelle zu akzeptieren. Geschickt bot Lina an, die Angesprochenen könnten sich ihre Unterstützung mehr als eine Art von <em>„freundlichem Hinweis“</em> oder <em>„kollegialen Rat“</em> vorstellen. Mit dieser diplomatischen Finte gelang es ihr, einige Honoratioren zu gewinnen, darunter den Verleger <a href="https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-franz-gustav-duncker-1822-1888.htm">Franz Duncker</a> (1822-1888) sowie Stadtgerichtsrat <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz31122.html#ndbcontent">Karl Twesten</a> (1820-1870) als auch den Arzt und Schriftsteller <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ring.html">Max Ring</a> (1817-1901), den Sozialpolitiker <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz50667.html#ndbcontent">Adolf Lette</a> (1799-1868), den Fabrikanten <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/werner-von-siemens">Werner Siemens</a> (1816-1892) und den Journalisten und ehemaligen Eisenbahndirektor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Lehmann_(Schriftsteller)">Joseph Lehmann</a> (1801-1873), der das Vertrauen vieler Behörden genoss.</p>
<p>Als Lina schließlich die Unterstützungserklärungen der Vossischen vorlegte, genehmigte Chefredakteur Lindner einen Spendenaufruf. Damit gelang es ihr, bis zum 8. Juni 1866 ein Gründungskapital von 5.500 Thaler (entspricht 2025 circa 200.000 Euro) einzusammeln.</p>
<p>Von diesem Anfangskapital wollte Lina nun Lebensmittel sowie Geschirr kaufen und einen Raum mieten. Doch sie kam an das von ihr organisierte Geld nicht heran, denn die Männer des von ihr gegründeten Volksküche-Vereins verhinderten das – nur Männer durften in dieser Zeit juristisch einen Verein oder eine Firma gründen und Geld verwalten. Diese Männer aber zweifelten plötzlich an Linas Fähigkeiten, so schnell eine Küche eröffnen zu können. Nach harten Diskussionen genehmigte ihr der Vorstand schließlich eine kleine Teilsumme. Zum Probieren. Ausnahmsweise. Sofort legte Lina los. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein: Würden ausreichend Gäste in den kleinen, rußigen Keller kommen?</p>
<p>Linas Kochkünste, der Duft der Suppen und ihr Konzept zogen tatsächlich Gäste an. Die Volksküche entwickelte sich zum Erfolg, sechzehn weitere folgten. Während der Deutsch-Französische Krieg tobte, versorgte Lina auf den Berliner Bahnhöfen von der Front zurückkommende Soldaten. Sie gründete sogar Notlazarette, um die 6000 Verletzten zu betreuen, weil sich der Staat nicht kümmerte. Überraschend besuchte Königin Augusta eine Küche. Sie verkostete Linas Graupensuppe, bewunderte die Arbeit der <em>„Ehrendamen“</em> und ermutigte Lina, ihren „Business-Plan“, wie man ihn heute nennen würde, zu verschriftlichen. Was Lina auch tat. Zahlreiche Städte übernahmen Linas Ideen, darunter Stockholm, Budapest, Wien und 25 anderen Metropolen.</p>
<h3><strong>Der Berliner Hausfrauenverein, das Universalkochbuch und eine Zeitung</strong></h3>
<div id="attachment_7670" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7670" class="wp-image-7670 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg" alt="" width="271" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-400x583.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-600x874.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-703x1024.jpg 703w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-768x1119.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-800x1165.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1054x1536.jpg 1054w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1200x1748.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1406x2048.jpg 1406w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-scaled.jpg 1757w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-7670" class="wp-caption-text">Im vollbesetzten Saal des Roten Rathauses. Berliner Ilustrirte Zeitung 4. Oktober 1896. Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Weil Nahrungsmittel aufgrund der Inflation immer teurer wurden, eskalierten in Berlin Lebensmittel-Verfälschungen: Milch wurde mit Wasser verdünnt und mit Kreide eingefärbt, Mehl sowie Gips angedickt; Butter mit Schwerspat, Borax oder Blei versetzt, um das Gewicht zu erhöhen; von Parasiten befallenes Fleisch oberflächlich gesäubert und weiterverkauft. Deshalb starben unzählige alte Menschen und Babys, Lina ertrug es kaum. Erst gründete sie zur Aufklärung ein öffentliches Lebensmittelabor, dann mit Theodor den Berliner Hausfrauenverein: Sie erwarb große Mengen an Lebensmitteln bei Bauern und verkaufte diese – als Vorläufer von Lebensmittel-Genossenschaften – günstig an Mitglieder, um die Preise niedrig zu halten. Bald schon durften sich Lina und Theodor über 2.000 Mitglieder freuen.</p>
<p>Der Chefredakteur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsb%C3%BCrger-Zeitung">Staatsbürgerzeitung</a> Dr. Bachler allerdings kritisierte den Verein: Dieser schädige die Händler und verkaufe schlechte Qualität. In einem Pamphlet verunglimpfte er auch die Volksküche und behauptete, Lina wolle damit bloß die Arbeiter beruhigen, damit sie nicht demonstrieren. Und er fragte: Warum organisieren gerade <em>„geldgierige Jüdinnen“</em> Volksküchen statt deutscher Frauen?</p>
<p>Indes verfasste Lina in langen Nächten das „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ mit 2732 Rezepten und über 700 Seiten. Es entwickelte sich zum Welterfolg mit elf Auflagen und zahlreichen Übersetzungen. Weitere Bücher folgten.</p>
<p>Gegenüber Dr. Bachler beschloss sie, den Spieß umzudrehen. Sie wollte ihn mit seinen eigenen Mittel schlagen und eine Zeitung gründen. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Dafür mit juristischer, medizinischer und lebensmitteltechnischer Beratung als auch, um für Frauenrechte zu kämpfen. Da sie keinen Investor fand, riskierte sie die gesamten Einnahmen aus ihren Buch-Verkäufen.</p>
<p>Die Zensurbehörden unter Bismarck machten es bereits Männern schwer, in einer Zeitung ihre Meinung frei zu äußern. Erst recht unmöglich war es, für eine jüdische Frau eine Zeitung zu gründen! Bismarck hatte Überwachung und Zensur verstärkt, über 6.000 Staatsdiener kontrollierten in Berlin Flugzettel, Plakate und sämtliche Druckerzeugnisse, unterstützt von einer Schar <em>„</em><em>Geheimer in Zivil“</em>. Die Berliner ätzen: <em>„Statt Gas und Elektrizität, an jeder Ecke ein Schutzmann steht!“</em></p>
<p>Um die Zensur zu umschiffen, nutzte Lina einen raffinierten Trick: Sie gründete keine Zeitung, sondern gab bloß ein <em>„Informationsblatt“</em> ihres Berliner Hausfrauenvereins heraus. Dagegen konnte kein Amt etwas haben. In Wahrheit hatte das Informationsblatt alle Merkmale einer kritischen Zeitung, die sich für Wohlfahrt und Frauenrechte einsetzte. Es war ein Journal ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Darin veröffentlichte Lina Hinweise, wie Frauen dem damals üblichen Lebensmittelbetrug zu erkennen vermochten, wie sie zu einer besseren Ausbildung gelangten und ihre Rechte einklagen konnten. Vor allem kämpfte Lina darum, dass Frauen zum Abitur zugelassen werden und Universitäten besuchen durften.</p>
<p>Sofort wetterte Chefredakteur Dr. Otto Bachler in seiner Staatsbürgerzeitung dagegen, machte sich über das <em>„Damenblättchen der Frau Lina“</em> lustig. Schon bald aber war Linas Hausfrauenzeitung ohne Klatsch und Tratsch erfolgreicher als Dr. Bachlers Gazette. Bis nach Australien gewann Lina Abonnentinnen.</p>
<p>In Rage lancierte Dr. Bachler in der Staatsbürgerzeitung eine Kampagne: Er unterstellte Lina, sie versetze in ihren Läden des Berliner Hausfrauenvereins Feigenkaffee mit Sägespänen und verkaufe verschimmeltes Obst. Mehr noch: Angeblich vergifte Lina in den Volksküchen sogar die Arbeiter!</p>
<p>Anfangs versuchte Lina, die absurden Vorwürfe zu ignorieren. Doch als andere Zeitungen die Unterstellungen ungeprüft übernahmen und über 1.000 Mitglieder aus ihrem Hausfrauenverein austraten als auch Linas Volksküchen schlechter besucht wurden, sah sie keinen Ausweg mehr. Verzweifelt entschied sie sich, gegen Dr. Bachler zu klagen.</p>
<h3><strong>Der Prozess </strong></h3>
<div id="attachment_7671" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7671" class="wp-image-7671 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7671" class="wp-caption-text">Gerichtsakte Lina Morgenstern. Foto: Gerhard J. Rekel.</p></div>
<p>Vor einem Berliner Gericht nützte Chefredakteur Dr. Bachler 1883 die antisemitische Stimmung und brachte Lina in arge Bedrängnis. Er bezichtigte sie des vorsätzlichen Betrugs und rief als Zeugen einen Feigenkaffeehändler auf, der behauptete, Lina hätte in ihren Vereinsläden tatsächlich ihrem Kaffee reichlich Mahagoni-Späne beigemischt. Lina gelang es nachzuweisen, dass der Händler dem Hausfrauenverein seinen Kaffee angeboten hatte – doch dieser war Theodor zu teuer gewesen, er hatte das Angebot abgelehnt. Nun wollte sich der Händler rächen!</p>
<p>Es schien den Richter zu überzeugen. Da holte Dr. Bachler einen Militärarzt in den Zeugenstand. Dieser sagte aus, Lina hätte 1870 durch falsche medizinische Behandlungen in ihren Notlazaretten den Tod von mindestens fünfzig deutschen Soldaten verschuldet. Außerdem hätte sie auch Feinde behandelt – nämlich französische Gefangene! Plötzlich stand eine Anklage gegen Lina wegen fahrlässiger Tötung, Betrug und Landesverrat im Raum. Bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten!</p>
<p>Inzwischen ruinierte Dr. Bachler mit weiteren Verleumdungen in der Staatsbürgerzeitung den Ruf von Volksküche und Hausfrauenverein, sodass Lina mit ihren Vereinsläden in den Bankrott schlitterte.</p>
<p>Der Prozess dauerte über 15 Monate. Immer mehr Menschen behandelten Lina herablassend. Ein Netz von Missachtung und Schuldzuweisungen stülpte sich über sie und raubte ihr den Schlaf. Irgendwann verließen Lina die Kräfte. Zittern, Herzrasen, Gesichtszuckungen – wie mit 16 Jahren, als Lina die Höhere Töchterschule besuchte. Die Volksküchen, die Vereine, die Zeitung, der Prozess und ihre fünf Kinder – war es ein Zuviel an machen, wollen, verändern?</p>
<p>Im letzten Moment gelang es Lina, einige Soldaten in den Zeugenstand zu rufen, die sie 1870 in ihren Notlazaretten gerettet hatte. Die Männer erzählten die Wahrheit. Schließlich sprach der Richter das Urteil. Dr. Bachler wurde wegen Verleumdung zu einer Strafe von 39 Tagen Haft oder 390 Mark Geldbuße verdonnert. Lina gewann in allen Punkten und freute sich.</p>
<p>Doch bald fiel ihr auf: Die Not von über einer Million alleinstehenden Frauen ohne Arbeit wurde immer größer. Da entschloss sie sich, einen Schritt weiter zu gehen, politischer zu werden. Ihre neue Idee: Der 1. Internationale Frauenkongress auf deutschem Boden! Im Herbst 1896 empfing Lina mit ihren Kolleginnen über 1700 Besucherinnen aus der ganzen Welt im Roten Rathaus. 65 internationale Zeitungen berichteten neun Tage lang. Die Delegierten forderten das Wahlrecht für Frauen, Zugang zu Ausbildungen und Universitäten sowie die juristische Gleichstellung in Geschäftsangelegenheiten. Bald darauf gaben sogar konservative Politiker zu, dass mehr für Frauen getan werden müsse. In den folgenden Jahren wurde der Zugang zu Abitur und Universitäten für Frauen erleichtert, weitere Verbesserungen folgten. Langsam. Sehr langsam.</p>
<h3><strong>Das Geheimnis ihres Erfolgs</strong></h3>
<p>Wie hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfein­dungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand? Was waren ihre Methoden, wie konnte sie sich durchsetzen?</p>
<p>Lina hatte zwei große Geheimnisse: Das ihrer unglaublich modernen Ehe und das ihres fulminanten Lebenswerks. Davon erzählt meine Biografie <a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/">„Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin“</a>, die auf über 700 Quellen beruht, viele davon neu entdeckt und erstmals veröffentlicht. Lina Morgensterns Geschichte ist eine, die Mut macht!</p>
<p><strong>Gerhard J. Rekel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://www.gerhardrekel.com/">Gerhard J. Rekel</a> ist Autor der im Verlag Kremayr &amp; Scheriau im Jahr 2025 erschienenen Biographie „Lina Morgenstern“. Erstveröffentlichung dieses Porträts im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volksk%C3%BCche_in_Wien_-_Theodor_Breitwieser_-_%C3%9Cber_Land_und_Meer_43_(1880).jpg">Volksküche in Wien</a>, aus: Theodor Breitwieser in der Zeitschrift Über Land und Meer 43, 1880. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Diversity &#8211; Equality &#8211; Inclusion</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 May 2025 09:20:31 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Diversity – Equality – Inclusion Ein Gespräch mit der Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan In pädagogischen Berufen wird immer wieder diskutiert, wie man der Vielfalt unserer Welt gerecht werden könnte. Manche sprechen von Interkulturalität, andere von Multikulturalität, manche setzen eher auf Vereinheitlichung, Assimilation, andere auf Diversifizierung, die jedoch mitunter eher identitätspolitisch motiviert ist und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Diversity – Equality – Inclusion </strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan</strong></h2>
<p>In pädagogischen Berufen wird immer wieder diskutiert, wie man der Vielfalt unserer Welt gerecht werden könnte. Manche sprechen von Interkulturalität, andere von Multikulturalität, manche setzen eher auf Vereinheitlichung, Assimilation, andere auf Diversifizierung, die jedoch mitunter eher identitätspolitisch motiviert ist und damit Konflikte schafft, die eigentlich vermieden werden könnten. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus, wie kann sozialpädagogische und sozialarbeiterische Praxis sich auf veränderte Wirklichkeiten – der Plural ist hier sicherlich angemessen – einstellen? Wie verbinden sich verschiedene Wirklichkeiten, Identitäten, man könnte vielleicht auch sagen Identitätssplitter zu einem Ganzen? Was haben Geschlecht, Herkunft, die vielleicht gar nicht die eigene, sondern die der Eltern oder gar Großeltern ist, körperliche und seelische Besonderheiten, die so besonders gar nicht sind, aber so angesehen werden, Religion und Religiosität miteinander zu tun? Was ist eigentlich das Verbindende, was das Trennende oder was ist das, was in der Wissenschaft <em>„Intersektionalität“</em> genannt wird?</p>
<p>Von der Wissenschaft in die Praxis: Welche Folgen ergeben sich für das Berufsbild von Sozialpädagog:innen und Sozialarbeiter:innen? Mit welchen Einstellungen beginnen diese ihr Studium? Welche Angebote machen Aus- und Fortbildung? All diese Fragen sind durchweg Gegenstand der Arbeit von <a href="https://www.iu.de/hochschule/lehrende/kulacatan-meltem/">Meltem Kulaçatan</a>, die als Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule Nürnberg lehrt. Als Forschende hat sie sich insbesondere mit der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/diversitaet-im-paedagogischen-alltag/">Diversität im pädagogischen Alltag</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/feministisch-tuerkisch-deutsch/">feministischen Perspektiven</a> und  den <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jung-muslimisch-demokratisch/">Einstellungen junger Muslim:innen</a> befasst und ausgewählte Ergebnisse unter anderem im Demokratischen Salon vorgestellt. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sie dort auch eine sehr persönliche Einschätzung der Folgen dieses Tages formuliert: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/">„Wider die Empathiesperre“</a>.</p>
<div id="attachment_6091" style="width: 236px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6091" class="wp-image-6091 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-226x300.png" alt="" width="226" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-200x265.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-226x300.png 226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025.png 246w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /></a><p id="caption-attachment-6091" class="wp-caption-text">Meltem Kulaçatan, Februar 2025. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du hast im Wintersemester 2024/2025 in der Schweiz, <a href="https://www.edi.uzh.ch/de.html">in Zürich eine Gastprofessur</a> wahrgenommen.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>In der Schweiz war ich in einer Funktion, die das ursprüngliche Herzstück meiner Arbeit betraf, Religionsforschung und Religionspädagogik. Es handelte sich um die </em><a href="https://www.edi.uzh.ch/de/projekte/gastprofessur_verena_meyer.html"><em>Verena-Meyer-Gastprofessur</em></a><em>. Verena Meyer war die erste Rektorin an der Universität Zürich. Zu ihrem Andenken wurde diese Gastprofessur insbesondere zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft ins Leben gerufen. Ich wurde um meine Bewerbung gebeten und über die Stelle „Diversity, Equality, Inclusion“ (DEI) angenommen. Genau das, was zurzeit in den USA von der Trump-Regierung bekämpft und auch in Deutschland sehr kritisch und sehr abwehrend diskutiert wird, gerade in der Zeit, in der ich in der Schweiz war. Ich war dort am religionswissenschaftlichen Seminar von Oktober 2024 bis Ende Februar 2025 angestellt. Ich habe unterschiedliche Formate erfüllt, Lehrveranstaltungen, Vorträge und die beratende Begleitung von weiblichen Wissenschaftlerinnen in der Post-Doc-Phase im Mentoring-Format, ein genuines Anliegen der Verena-Meyer-Gastprofessur. Das hatte aber mit meiner Professur der Sozialen Arbeit eher wenig zu tun. Es nahm einen anderen Aspekt meiner Forschung in Anspruch.</em></p>
<h3><strong>Schwierige Debatten an den Hochschulen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Siehst du Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz im Hinblick auf DEI?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich kann nur über die Deutsch-Schweiz sprechen. Die Lage in der Westschweiz, der französischsprachigen Schweiz kann ich nicht beurteilen. Deutschland ist in diesem Punkt immer ein Stück weiter und breiter aufgestellt als die Deutsch-Schweiz. Das ist das eine. Das andere ist, dass in den Berufungskommissionen nicht immer automatisch Expert:innen aus dem Bereich von DEI, zum Beispiel Gleichstellungsbeauftragte vertreten sind. In Deutschland ist das der Fall. Allerdings muss man ergänzen, dass auch in Deutschland Gleichstellungsbeauftragte weder Veto noch Placet besitzen, sondern beratend fungieren. Das heißt aber nicht, dass man aus der DEI-Perspektive nicht kritisch begleiten könnte. Ich habe sogar den Eindruck, dass diese kritische Begleitung in Deutschland stärker ausgeprägt ist als in der Schweiz. Ich maße mir kein bewertendes Urteil an, das ist nur eine Beobachtung aus einigen wenigen Monaten. Der populistische Diskurs zu diesem Thema scheint mir in der Schweiz ähnlich weit eingedrungen zu sein wie in Deutschland. Es gibt ihn auch in der Schweiz, und in Teilen leider auch in vulgärpopulistischer Form.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Würdest du in Deutschland eine ähnlich große Bedrohung sehen wie wir sie zurzeit in den USA erleben?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ja, aber nicht erst seit den aktuellen Ereignissen, sondern schon seit einigen Jahren. Aus der Frauen- und Geschlechterforschung wissen wir aus Erfahrung, dass bei Stellenabbau vor allem Stellen abgebaut werden, die Gender und Diversity, Inklusion im weitesten Sinne, für Menschen mit einer internationalen Geschichte ebenso wie für Menschen mit Beeinträchtigungen, betreffen. Das muss man zusammendenken. Das sind fragile Stellen. Die meisten Stellen sind noch nicht so alt. Die Institutionalisierung ist fragil. Diese Stellen und Forschungsfelder werden permanent angegriffen, vor allem, wenn es um Kritik an der sogenannten „Woke-Kultur“ geht, ein Behelfswort, das den Inhalt des Wortes „woke“ gar nicht richtig wiedergibt. Es ist nicht weit zu heftigen Attacken, verbal, auch körperlich. Wir sind mitten in dieser Attacke drin. </em></p>
<p><em>Mich ärgert und belastet als Wissenschaftlerin sehr, dass Diversity, Equity, Inclusion immer als ein „nice to have“ markiert werden. Es sind jedoch Stellen, die im Sinne der Gleichberechtigung und im Sinne des demokratietheoretischen Versprechens handeln und arbeiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie es das Grundgesetz verlangt!</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Diese Stellen versuchen den minimalen Anspruch an Gleichberechtigung und Demokratie zu erfüllen! Und das wird sukzessive abgebaut oder zumindest angegriffen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer sind die Angreifer in Deutschland? Abgesehen von einer unappetitlichen Partei auf der rechten Seite, deren Spitzenkandidatin ankündigte, bei einer Übernahme der Regierung alle Gender-Professoren (sie genderte natürlich nicht) zu <em>„entlassen“</em>.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Es ist eine Phalanx. Es sind Mischungen. Ich erlebe Menschen, denen ich das nicht zugetraut hätte, die die institutionalisierten Stellen angreifen. Sie reden davon, dass sie benachteiligt würden, selbst nicht zum Zuge kämen oder ihre eigenen Leute nicht unterbringen könnten. Es geht letztlich um Verteilungskämpfe an den Hochschulen. Dazu gehört auch der Eindruck, dass Hochschulen hier Mittel bereitstellten, die anderswo doch besser investiert werden könnten. Das ist ein gängiges Argument, natürlich ein obsoletes Argument, wenn wir uns die Ist-Situation an den Hochschulen anschauen.</em></p>
<p><em>Die Aversion gegen Gender, Diversity, Equity, Inclusion und alles, was damit verbunden wird, besteht schon lange. Als ich das erste Mal eine abwertende Stimme hörte, war ich noch Promovendin. Es muss etwa 2006 oder 2007 gewesen sein, als ich noch am Anfang meiner Promotion war. Ich war mit Kolleginnen in der Mensa. Ein junger Kollege, von dem ich das tatsächlich nicht erwartet hätte, äußerte sich sehr abfällig über die damalige Stelle für „Gender und Diversity“ – so hieß die Stelle an der Universität, an der ich damals studierte. Er meinte, das bräuchte man alles gar nicht, die Förderung von Frauen, auch nicht die Förderung von Wissenschaftlerinnen, von zukünftigen Professorinnen. Das wäre doch endlich vorbei. Ich habe damals das erste Mal gemerkt, dass meine Daten und Zahlen, die ich vorbrachte, überhaupt nicht ernst genommen wurden. Meine Argumentation hat überhaupt nicht funktioniert. Die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen war damals in einem Ranking an einer unrühmlichen Stelle, das den Anteil von Professorinnen und fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen betraf. Das hat sich inzwischen glücklicherweise geändert. Ich bin mir sicher, dass dir andere, wenn du sie jetzt interviewen würdest, dir noch mehr solche Geschichten erzählen könnten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind im Grunde zwei Fragen: Die eine Frage ist die, wer eingestellt wird, die andere die nach den Inhalten. Meines Erachtens wird beides miteinander vermischt, man delegitimiert das Thema und greift die Personen an, die es vertreten. Im Grunde ist das Wokism von rechts.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>:<em> Genau. Es ist im Grunde ein identitätspolitisches Anliegen. Rechtspopulisten, männlich wie weiblich, sagen, wir brauchen das nicht mehr und verwenden das jetzt anders. Jetzt ist mal Schluss! Es ist – ich wiederhole mich – ein identitätspolitisches Anliegen von der rechten Seite. Diese hat nicht Gleichstellung oder Gleichberechtigung oder Diversität zum Ziel, sondern ausschließlich das Ziel, das eigene Netzwerk, das eigene Klientel in verantwortungsvollen Positionen zu platzieren, die eigenen Leute in Position zu bringen. Wir erleben einen Mentalitätswechsel, einen Kultur- und Strukturwandel. Wir erleben, wie vulnerable Gruppen markiert und angegriffen werden, mürbe gemacht werden. Das sind exemplarisch die Gender Studies, die ständig abgewertet werden. Professorinnen werden letzten Endes bedroht, in ihrer Arbeit, in den Wissensbeständen, die sie eruieren. An dem Punkt sind wir leider. </em></p>
<h3><strong>Studierende einer Menschenrechtsprofession</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es bei den Studierenden aus? Du vertrittst Soziale Arbeit, ein Fach und ein Berufsbild, die zumindest in früheren Zeiten eher als fortschrittlich, als links galten. Das war vielleicht auch eine vereinfachte Sicht, aber gilt diese noch? Gibt es eine empirische Grundlage für Einstellungen von Studierenden?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Seit etwa drei Jahren stelle ich unter Studierenden eine Besorgnis erregende Tendenz fest. Sie sind durchaus für rechtsextreme und rechtspopulistische Sichtweisen empfänglich, die ihr Menschenbild verändern. Es ist nach wie vor ein Fach, das durchweg als Menschenrechtsprofession wirkt.. Ich möchte es nicht verallgemeinern, aber es erscheint mir signifikant, auffällig. Diese Auffälligkeit gab es vor zehn Jahren noch nicht, aber jetzt gibt es sie. Wir müssen unter diesen Bedingungen arbeiten. Das gibt aber auch das gesamtgesellschaftliche Bild wieder. Ich habe Studierende, die ein intrinsisches und professionelles Interesse an einem offenen und diversitätsorientierten Menschenbild haben und sich dafür auch einsetzen. Im Studium wie in ihren Arbeitsplätzen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Seminar sitzen die Studierenden mit ihren unterschiedlichen Ansichten nebeneinander. Streiten die sich?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong> (zögert ein wenig mit der Antwort): <em>Ich hatte zwei Debatten. Ich habe auch versucht, das zu steuern, weil ich selbst in einen solchen Streit aus Selbstschutz nicht involviert sein wollte. Ich werde von den Studierenden migrantisch gelesen und habe daher keine neutral anmutende Position.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Obwohl es eigentlich absurd ist, wenn eine solche <em>„neutral anmutende Position“</em> jemanden mit einem klassischen männlichen, deutschen, <em>weißen</em> Erscheinungsbild offenbar per se zugestanden wird.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist wohl so. Das ist sehr anstrengend. Ich werde einfach nicht so gesehen. Ich habe zwei oder drei Mal erlebt, dass dies so geäußert wurde. Ich habe versucht das zu unterbinden, indem ich klar benannte, was für eine Einstellung das ist und dass es nach den ethischen Vorgaben für die Soziale Arbeit, die Sozialpädagogik, aber auch der Pädagogik, der Erziehungswissenschaften nicht entspricht. All diese sind Menschenrechtsprofessionen. Ich sage schon sehr deutlich, dass jemand, der das nicht sieht, in diesem Berufsfeld nichts zu suchen hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie reagieren die Studierenden darauf?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Genervt. </em>(lacht)</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was tun sie? Verlassen sie den Raum?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Nein, das nicht. Sie sind einfach genervt. Bei den jüngeren Männern merke ich eine gewisse Form von Aggressivität, die sie dann aber nicht ausdrücken. Ich bin ja immer noch ihre Professorin. In einer hierarchischen Position. Sie sind auf mich angewiesen, wollen den „Schein“ und die „Punkte“ erhalten, die sie brauchen. Ich mache ihnen das schon klar, aber ich merke auch, dass die Stimmung ins Aggressive, in eine Missstimmung kippt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn sich das so weiterentwickelt, sind irgendwann Leute in sozialen Berufen, die nichts mit Diversität zu tun haben wollen, sie vielleicht sogar leugnen, aber auf eine Wirklichkeit treffen, die völlig anders ausschaut.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Und dann sind sie hilflos. Haben keine Sprache dafür, keine professionelle Haltung, haben sich selbst die Option versperrt, das auch einzuüben. Es geht nicht darum, als Hochschullehrerin den Anspruch zu haben, dass die Studierenden dies von vornherein so mitbringen. Es geht darum, ihnen im Studium die Mittel, das Rüstzeug zu geben, um das einüben zu können. Ich unterrichte im Dualen Studium. Das heißt, sie haben regelmäßig die Option dafür. Sie studieren nicht erst und kommen dann in die Praxis. Sie werden während des Studiums schon ständig mit der Praxis konfrontiert. Praxis und Studium sind miteinander verschränkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich halte das für eine vernünftige Lösung.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Je nachdem. Es kommt auf die Balance an. Zu viele Praxistage während des Studiums bringt die Studierenden kognitiv aus dem Rhythmus. Ich ziehe Blocksysteme vor. Einige Wochen im Studium, einige Wochen in der Praxis. Das ist kognitiv für die Studierenden einfacher. Auch für mich als Lehrende. Das wird aber von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich gehandhabt.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann ich sagen, dass die Gegner von Diversity eher herkunftsdeutsche Studierende sind, die klassischen männlichen, <em>weißen</em> Studierenden mit deutsch-deutschen Eltern, Großeltern und so fort?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Zumindest halten sie sich für solche. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Schon klar. Wenn wir lange genug forschen, finden wir alle ganz viel Diversität in uns.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan </strong>(lacht): <em>Das würde ich auch sagen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen hatten wir mal einen Integrationsminister der FDP, der sich in einer Veranstaltung als Migrant outete, weil jemand aus seiner Familie aus Schlesien kam.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Angela Merkel hat das auch mal gemacht, weil ihr Großvater aus Polen kam. Diese Frage kann man ja stellen. Sie hat das natürlich viel eleganter ausgedrückt und es ging ihr wohl auch darum, eine solche Behauptung als unangebracht zu entlarven. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht das denn bei Studierenden aus klassischen migrantisch gelesenen Communities aus, zum Beispiel Studierende, deren Eltern oder Großeltern als <em>„Gastarbeiter“</em> aus der Türkei, aus Griechenland, aus Marokko kamen? Oder Geflüchtete, die schon vor längerer Zeit, vor zehn oder fünfzehn Jahren nach Deutschland kamen und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben, beispielsweise jetzt aktuell als Studierende? Sind die per se an Diversity interessiert? Oder eher doch nicht?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>So würde ich das nicht sagen. Sie sind erst einmal froh, dass sie mit einer professionalisierten Sprache in diesem Feld in Berührung kommen und lernen, Dinge, denen sie begegnen, zu benennen, sie zu kontextualisieren, zu reflektieren, wie sie damit umgehen. Es gibt ein professionelles und intrinsisches Interesse. Das ist das eine. </em></p>
<p><em>Das andere ist, dass sehr viele Studierende plötzlich einen biographischen Zugang entwickeln. Das ist beeindruckend. Sie beginnen auf einmal zu erzählen, so war das mit meiner Großmutter, so hat das mein Großvater erlebt. Ich beobachte eher, dass – sie sind junge Erwachsene etwa im Alter zwischen 20 und 27 – zu Hause über die Geschichten der Eltern, der Großeltern nicht gesprochen wurde. Das ist dort kein Thema, wird nicht angesprochen, und wenn, dann als bloße Information, dass der Großvater irgendwann einmal aus Spanien, aus Griechenland oder woher auch immer nach Deutschland kam und „Gastarbeiter“ war. Was das migrationsbiographisch bedeutet, was das für die sogenannte jüngere Generation im Rahmen der transgenerationalen Übertragung bedeutet, darüber wird nicht gesprochen. Das merken sie dann im Studium: Da passiert etwas, das hat etwas mit mir zu tun! Das hat etwas mit meiner Familiengeschichte zu tun! Wie das dann letztlich ausgeht, vermag ich nicht zu beurteilen, weil ich sie nur in diesem kurzen Abschnitt begleite. </em></p>
<p><em>Ich habe auch Studierende, die sich ganz klar von ihrer Familiengeschichte distanzieren. Sie sind letzten Endes von einer Akkulturation in eine Assimilation erzogen worden, von Generation zu Generation. Da war mal was, aber es wird nicht weiter genannt. Das zeigt sich auch in den Namen. Manchmal erinnert auch nur der zweite Vorname an die Migrationsgeschichte. So wird in den Familien Distanz geschaffen. Ich denke, es ist eine Distanz, bei der sie spüren, dass sie sich verwundbar machen und natürlich nicht zu einer Minderheit gehören möchten, die potenziell abgeschoben werden könnten. Es ist ein Schutz-, ein Abwehrmechanismus, den ich durchaus zu spüren bekomme. Ich spreche das nicht an, denn das wäre übergriffig, eine Kompetenzüberschreitung.</em></p>
<h3><strong>Fremd sein, eigene Fremdheit erleben</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für manche Studierende kann es in der Praxis schwierig werden. Ein Klischee ist der Begriff des sogenannten Praxisschocks. Manche Studierende treffen nach dem Studium auf eine Klientel, die sie so vorher noch nie getroffen haben und im Privatleben wahrscheinlich auch nie treffen würden.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Sie reflektieren das durchaus. Viele, die ich derzeit unterrichte, kommen aus einem eher dörflichen Raum und arbeiten dann in einem urbanisierten Raum. Dieser Raum ist dann doch viel diverser als das Dorf oder die Kleinstadt, aus dem sie kommen. Da erleben sie den Kulturschock, unabhängig von den sozialen Milieus. Ich nenne das den ersten Check mit der Realität. Ich stelle aber auch fest, dass ich noch ein bisschen zu naiv bin. Die gegenwärtige Generation, die ich unterrichte, geht nicht mehr so oft weg, sucht nicht mehr den Kontakt im internationalen Raum. Das konzentriert sich auf Urlaubsreisen. Ich habe nur sehr wenige Studierende, die mal im Ausland gearbeitet haben, in Lateinamerika, in Bosnien. Das ist deutlich zurückgegangen. Ausland erleben sie so gut wie nur touristisch. Das hat einen Effekt auf diesen Kulturschock. Das hat etwas mit der Haltung so tun. Wo schaue ich hin, wo gehe ich hin, wo nehme ich das Risiko auf, selbst einmal fremd zu sein, mich selbst orientieren zu müssen? Das kann bedrohlich sein, das ist eine echte Herausforderung! Ich würde den Schritt viel früher ansetzen als bei der Begegnung mit einem unvertrauten sozialen Milieu. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre es nicht eine sinnvolle Voraussetzung für ein Studium, selbst vorher irgendwo gearbeitet, gelebt zu haben, wo man selbst fremd war?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Idealerweise würde man sich das als Hochschullehrer:in wünschen. Aber das ist natürlich immer auch eine finanzielle Frage. Viele können sich das nicht leisten. Ich hatte auch Wünsche im Studium, die ich aufgrund meiner finanziellen Situation nicht verwirklichen konnte. Ich hatte vor, in Großbritannien zu studieren, aber es war zu teuer. Ich wäre auch gerne längere Zeit in Syrien geblieben, aber dafür reichte das BAföG nicht, denn die Mieten wurden in Dollar abgerechnet. Das BAföG-Amt ging davon aus, Syrien wäre billig, und hat mir daher das BAföG für meinen Syrien-Aufenthalt halbiert. Die Lebenshaltungskosten sind ein erheblich einschränkender Faktor.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als ich in den 1970er Jahren studierte, konnten die meisten Studierenden, auch ich, sich einen Auslandsaufenthalt nicht leisten. Die einzige internationale Erfahrung war für viele das Interrail-Ticket.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Immerhin. Damit geht schon etwas Offenheit einher. Ich stelle immer wieder fest, dass meine Studierenden sich eine andere Lebenssituation gar nicht vorstellen können. Ich versuche sie immer wieder anzuregen, sich einmal vorzustellen, wie es wäre, migrieren zu müssen: Ihr wisst gar nicht, ob ihr irgendwann nicht einmal migrieren müsst, ob ihr nicht irgendwann einmal die Fremden sein werdet. Ihr könnt nicht davon ausgehen, dass automatisch Deutsche willkommen geheißen werden. Das irritiert sie zutiefst. Sie können sich weder vorstellen, einmal flüchten zu müssen, noch dass sie anderswo mit Abneigung, mit Aversionen, mit Feindlichkeit konfrontiert werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein guter Geschichtsunterricht könnte helfen. Warum beschäftigt man sich nicht mit den Auswanderungsgeschichten von Deutschen im 19. Jahrhundert? Das wären nach der allgemeinen Diskussionslage doch alles Wirtschaftsflüchtlinge! Und die politisch Verfolgten, Kriegsflüchtlinge in der NS-Zeit. Nicht zuletzt die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in dieser Zeit. Gibt es das als Thema im Studium?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich habe das gemacht, freiwillig. Vorgesehen war es nicht. Ich habe gemerkt, dass sie zum ersten Mal davon hörten. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man aus einem Raum, der Deutschland hieß, in welcher Konstellation auch immer, auswandern musste. Auch aus ökonomischen Gründen! </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich an meine Zeit als Lehrer im Unterwesterwald. Im kollektiven Gedächtnis war die Armutswanderung ins Gelobte Land Amerika – so hieß das damals – im 19. Jahrhundert präsent, in der Schule war es kein Thema.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich habe den Studierenden auch erklärt, warum so viele Städte in den USA deutsche Namen haben, Annaheim, Rhinelander, Berlin und so weiter. Wir haben über die Communities rund um New York gesprochen und wie despektierlich sie dort über die Deutschen gesprochen haben. Schnell wurden deutsche Volksfeste wie das Oktoberfest institutionalisiert und die einheimischen New Yorker schüttelten nur den Kopf. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Heute noch gibt es zum Beispiel in Wisconsin Städte mit einem <em>„German Gemuetlichkeitsfest“</em>, aber ob die Feiernden wissen warum, wäre interessant zu erfahren. (beide lachen)</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Es war vollkommen neu für meine Studierenden zu erfahren, dass viele, die nach Amerika gelangten, es dort nicht schafften, eine auskömmliche Existenz aufzubauen, sondern in der Armut landeten oder zwingend wieder zurückkehren mussten, weil sie es nicht geschafft hatten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre doch etwas für Rollenspiele im Unterricht. In den Kontext gehört auch ein Buch wie „How the Irish Became White“ von Noel Ignatiev. Das trifft doch den Nagel auf den Kopf. Die Iren waren in den 1950er Jahren nicht <em>weiß</em>, auch die Italiener nicht. <em>Weiß</em> waren die WASP und heute sieht es wieder so aus, als setzten sich ausschließlich die WASP als <em>weiße</em> vor. Oder ein Buch wie „Stell dir vor es wäre Krieg und er wäre hier“ von der Dänin Janne Teller, in der Deutsche vor dem Krieg in Deutschland nach Ägypten flüchten und dort all das erleben, was Kriegsflüchtlinge hier in Europa erleben.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ob das behandelt wird, liegt im Ermessensspielraum der Dozierenden. Zumindest dort wo ich zurzeit arbeite. Ich kann mir vorstellen, dass es Hochschulen mit besseren Rahmenbedingungen für ein solches Thema gibt.</em></p>
<h3><strong>Intersektioneller Zugang </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zu ergründen wäre ein eigenes Thema. Ich bin offen gesagt nicht so sonderlich optimistisch. Im schulischen Geschichts- oder Politikunterricht findet ein solcher Perspektivwechsel nur in Ausnahmefällen statt. Die Lehrpläne ergeben das nicht. Ähnliches dürfte für das Thema Klassismus gelten, ein meines Erachtens unterschätztes Thema in den politischen Debatten. Dort wird es oft auf den Gegensatz von Faulheit und Fleiß reduziert. Wer nicht zurechtkommt, ist eben faul. Aber ist das Thema im Studium?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das wird thematisiert. Viele Studierende gelten selbst als Bildungsaufsteiger:innen, auch über das Duale Studium. Sie gelten selbst als First Generation, die studiert. Ich würde von etwa 40 Prozent sprechen, die sich ihrer sozialen Herkunft bewusst sind. Ob man das als Klassismus analysieren kann, dass es etwas ist, das wir zwingend benötigen, wenn wir uns mit Sozialer Arbeit, Pädagogik, Erziehungswissenschaften beschäftigen, weiß ich nicht. Ich denke, das muss gelehrt werden. Meine Studierenden sind sich durchaus aber bewusst, dass das Narrativ, dass Deutschland keine Klassengesellschaft wäre, dass es in Deutschland keine Klassen mehr gäbe, eine Mär ist. Das wissen sie. Sie durchdringen weniger andere Aspekte wie den Habitus, was der Habitus ermöglicht, was er nicht ermöglichen kann. Das muss gelehrt werden. Aber dazu ist ein Studium da.</em></p>
<p><em>Mir ist es wichtig, Klassismus im Rahmen von Intersektionalität zu unterrichten. Was bedeutet Armut? Welche Faktoren bedingen Armut? Welche Faktoren verstärken Armut? Wie könnte Armut besser bekämpft, eingeschränkt, reduziert werden? Und wie schwierig es ist, aus der sogenannten Armutsfalle herauszukommen, nach einem Abstieg, einem „sozialen Abstieg“ wieder herauszukommen, wegen einer Krankheit, wegen des Verlusts von Partner:innen, weil im Leben Krisen passieren. Dass all dies zu einer schwierigen sozioökonomischen Situation führt, wenn man nicht gerade über ein größeres Erbe verfügt und entsprechend weich fallen kann. Diese intersektionale Analyse ist mir wichtig. Daraus leitet sich dann auch ein Verständnis für Sozialpolitik ab.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche behaupten, alles Migrantische spiele keine Rolle, es sei immer etwas Ökonomisches, etwas Klassistisches.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Im Grunde legen Migrationsthemen Dinge offen, die bereits im Argen sind. Ich denke beispielsweise an Geflüchtete aus der Ukraine, die bereits seit über drei Jahren hier leben. Über die Kinder ist wieder einmal deutlich geworden, wie schlecht es um manche Schulen steht. Wir haben eine Wiederholung der Wiederholung. Ich hatte zuletzt den Fall eines ukrainischen Mädchens an einem Gymnasium. Einer der Fälle, die mich immer zutiefst erschüttern. Das Mädchen ist in der sechsten Klasse, hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt, spricht aber wenig, hat in ihrem Leben Dinge erlebt, die sie niemals hätte erleben dürfen. Sie war mit ihren Eltern und ihrer Großmutter in einer Kirche eingesperrt. Die Kirche wurde von russischen Soldaten in Brand gesteckt, ihr Vater und die Großmutter sind dabei gestorben, sie und ihre Mutter konnten flüchten. Sie spricht weder in der ukrainischen noch in der deutschen Sprache und die Lehrerin erklärt ihr im Unterricht, sie wäre jetzt in einem deutschen Gymnasium und müsse sich endlich an das deutsche Gymnasium anpassen und deutsch sprechen. So etwas ist furchtbar. Ich finde das empörend. Von einer solchen Empfindung kann ich meine Professionalität überhaupt nicht trennen. </em></p>
<p><em>Migrantische Verhältnisse machen Defizite sichtbar, die man vorher verdecken konnte. Es gibt genügend institutionelle Vertreter:innen, die das nicht sehen wollen, die sich damit nicht beschäftigen wollen, die das Mantra der Anpassung, der Pseudo-Integration – ich nenne das nicht mehr Integration, es ist ein völlig unreflektiertes politisches Paradigma – vor sich hertragen.</em></p>
<p><em>Das Mädchen aus der Ukraine steht doch für etwas. Sie ist ein Symbol für viele Schüler:innen, die nach Deutschland flüchten mussten, die alles zurücklassen mussten, was ihnen wichtig war, die Dinge gesehen haben, die ein Kind nicht sehen sollte. Das spielt keine Rolle, ob das Kind aus der Ukraine, aus dem Sudan, aus Eritrea oder aus welchem Kriegsgebiet auch immer kommt. Dieser Fall des ukrainischen Mädchens wurde vor wenigen Tagen an mich herangetragen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie hast du davon erfahren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Von einer Lehrerin aus der benachbarten Schule. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man intervenieren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist nicht einfach. Man muss natürlich die Eltern ins Boot holen, in dem Fall die Mutter, die mit ihrer Tochter überlebt hat. Die auch noch Angst hat, weil sie von staatlichen Leistungen abhängig ist, weil sie noch auf die Anerkennung ihres beruflichen Abschlusses warten muss, was in Deutschland ohnehin schon viel zu lange dauert. Übrigens auch ein solches Problem, das durch die Migration deutlich wird, aber von manchen Politiker:innen immer wieder mit Vorwürfen an die Geflüchteten diskutiert wird, sie wollten gar nicht arbeiten. </em></p>
<p><em>Es ist so verächtlich, wie diskutiert wird. Man wünscht sich fast schon sich daran zu gewöhnen, um eine kognitive Distanz zu erreichen. Ich beobachte das aus einer professionellen Perspektive. Das ist das eine. Das andere ist, was ich aus meiner eigenen Forschung weiß, aus den Daten, die ich vorstelle, aus Treffen mit Kolleg:innen auf entsprechenden Tagungen und Veranstaltungen, die öffentlich zugänglich sind. Wer ist auf solchen Tagungen und Veranstaltungen nicht anwesend? Das sind all diese Entscheidungsträger:innen. Sie lassen sich nicht blicken, lassen sich auch auf solchen Tagungen nicht beraten. Aber man könnte doch mal in den Austausch gehen! Ich sehe, dass man es nicht einmal versucht, die Offenheit für einen solchen Versuch ist nicht vorhanden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hört sich eher resignativ an. Oder denkst du, wir haben eigentlich genügend Instrumente entwickelt, die nur noch implementiert werden müssten.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Intellektuell würde ich mich als chronisch pessimistisch bezeichnen. Aber in der Umsetzung der Notwendigkeiten würde ich mich als optimistisch bezeichnen. Sonst könnte ich auch nicht forschen und unterrichten. Wir haben das Wissen, ein langjähriges, Jahrzehnte langes Wissen über unterschiedliche Formen der Migration, über die Generationen hinweg. Wir haben die Instrumente, wir haben die Fachdisziplinen, die das Know-How besitzen, wir haben die Artikulation und den Transfer an die politischen Entscheidungsträger:innen, aber zurzeit sehe ich eher problematische Perspektiven auf uns zukommen. Und dennoch müssen wir einen handlungsfähigen Realismus beibehalten. </em></p>
<h3><strong>Radikalisierungen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben eben auch das Thema einer Radikalisierung von rechts angesprochen. Ein verwandtes Thema ist die Radikalisierung von Muslim:innen. Islamismus und Rechtsextremismus haben eine Menge miteinander gemeinsam, in den Inhalten, beispielsweise Frauenfeindlichkeit und das Eintreten gegen jede Diversität, aber auch in den Methoden der Rekrutierung von neuen Anhänger:innen über die sogenannten sozialen Netzwerke. Mein Eindruck ist, dass in beiden Fällen junge, aber auch nicht ganz so junge Leute gefährdet sind, die in der realen Welt keinen verlässlichen Anschluss finden und dann in den sozialen Netzwerken oder an den falschen Orten Influencern in die Hände fallen. Gegen solche Radikalisierungsprozesse gibt es auch staatliche und staatlich unterstützte Maßnahmen und Netzwerke wie in manchen Ländern die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus, zum Islamismus in Nordrhein-Westfalen das meines Erachtens beispielhafte <a href="https://wegweiser.nrw.de/">Wegweiser-Projekt</a>. All das müsste doch in pädagogischen Studiengängen thematisiert werden! Anders gesagt: Prävention muss gelernt werden, in der Diagnose von Radikalisierungsprozessen bis hin zu konkreten Interventionen.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Die Grundeinstellung von Islamisten und Rechtsextremen unterscheidet sich in der Tat nicht sehr voneinander.. In diesem Gebiet erhalte ich die meisten Anfragen, auch von Behörden, im schulischen und im außerschulischen Bereich, von Einrichtungen, die für die Aus- und Fortbildung von Polizei, Justiz und Verwaltung zuständig sind. Das läuft eigentlich sehr gut. Sie reagieren sehr gut auf jüngere Entwicklungen, weil sie in dem Feld sehr genau wissen, wer wo was macht. Ich selbst bin seit einigen Jahren Mitglied der </em><a href="https://www.gegen-gewaltbereiten-salafismus.nrw/de"><em>Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) Salafismusprävention in Nordrhein-Westfalen</em></a><em>, eine Arbeitsgruppe, die vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nordrhein-Westfalen geleitet wird. </em></p>
<p><em>Das Land hat in dieser IMAG interdisziplinäre Expert:innen zusammengebracht, die unmittelbar und zeitnah die Politik beraten können. Das Interesse an unserer Expertise ist in dieser ministeriell verankerten Gruppe sehr hoch. Die IMAG funktioniert, weil es bei allen Beteiligten ein intrinsisches Interesse gibt. Das wird auch konkret: Wie handeln wir in diesem oder jenem oder jenem Fall? Was könnten wir tun? Wie können wir präventiv arbeiten? Wir sind davon überzeugt, dass wir ein viel stärkeres forensisches Augenmerk entwickeln müssen, um deutlich stärker in die psychiatrische und therapeutische Begleitung eingehen zu können. </em></p>
<p><em>Ich möchte an dieser Stelle eines betonen – es verschwindet sonst so schnell aus dem Blick: Die Täter sind Männer. Sie sind Täter beziehungsweise potenzielle Täter, auch wenn sie insgesamt und prozentual betrachtet – je nach Erhebung – gering in der Zahl ausfallen, aber in der Handlung letztendlich mit einer ungeheuren Wirkung. Wir müssen auf diese und auf jene, die in diese Gruppe hineingeraten könnten, pro-aktiv zugehen. Politik tut zurzeit jedoch das Gegenteil. Mittel für Projekte in diesem Bereich werden aus Haushaltsgründen gestrichen. Wir brauchen dringend mehr Geld in der Forschung und der konkreten Präventionsarbeit in diesem Bereich. Das ist eine langfristige Aufgabe. Die Wirkung merken wir nicht sofort, vielleicht erst in fünf, in zehn oder gar in fünfzehn Jahren. Aber so lange stehen die Gelder gar nicht zur Verfügung. Wenn sich hier nichts ändert, wird uns das sicher noch auf die Füße fallen. Diese Tendenz ist zunächst einmal Besorgnis erregend und bedarf multifaktorieller Lösungsstrategien. Wir sparen meines Erachtens am falschen Ende und das ist gefährlich.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. April 2025. Das Titelbild zeigt eine Tafel aus dem Bildungshaus Bad Aibling, das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon </span>als <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/"><em>„</em>Paradies für Glückspilze“</a> portraitiert wurde.)</p>
<p>P.S.: Wie schwierig es ist, Diversity, Equality, Inclusion zu fördern, belegt die Autokorrektur bei Microsoft. Wenn man die Abkürzung DEI eingibt, wird automatisch auf DIE korrigiert.</p>
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		<title>Reale Basis</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/reale-basis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 May 2024 06:29:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Reale Basis Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Kinderpolitik „Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt  [...]</p>
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<h2><strong>Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Kinderpolitik</strong></h2>
<p><em>„Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als <u>Staat</u> eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis (…).“ </em>(Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW 3)</p>
<p>Es lohnt sich immer wieder, Karl Marx und Friedrich Engels zu lesen. Man darf nur nicht den Fehler machen, ihre Analysen als Handlungsanweisung zu verstehen, denn das kann – wie wir wissen – fatale Folgen haben. Ihre Analysen haben aber die Kraft, Entwicklungen der damaligen wie der heutigen Zeit einmal aus einer tiefergehenden Perspektive zu betrachten. Dies tun beispielsweise Ulrike Hermann oder Kohei Saito, deren Gedanken ich unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/">„Jenseits des Kapitalismus – Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik“</a> vorgestellt habe. Darin enthalten sind auch Hinweise auf die <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/da/20/8f/oa9783839456644.pdf">Perspektiven der Konvivialistischen Manifeste</a> (veröffentlicht im transcript-Verlag).</p>
<p>Die Frage läge eigentlich nahe: wo ist nun diese <em>„reale Basis“</em>, von der die beiden sprechen? Wie sieht sie aus? Wer schafft sie, mehr oder weniger frei- oder unfreiwillig oder gar gezwungen? Was können wir kontrollieren, was nicht? Auf die aktuelle Kinderpolitik bezogen bedeutet dies, dass es einfach nicht ausreicht, das Gute zu wollen. Manche verstricken sich in gutem Glauben im Spiel der Interessen, sodass die Realität oder wenn man so will die <em>„reale Basis“</em> ihrer <em>„Kontrolle entwächst“</em>.</p>
<h3><strong>Das Elend der Kindergrundsicherung</strong></h3>
<p>Das Ziel einer Kindergrundsicherung sollte eigentlich allen einleuchten: Aufwachsen ohne materielle Sorgen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Bildung, Kultur, Sport. Das hat nicht nur mit Geld zu tun, eine der Zauberformeln kinderpolitischer Grundsatzerklärungen heißt: weniger Bürokratie = weniger Armut. Mitunter verweist jemand Gebildetes auf Estland. Dort erhalten die glücklichen Eltern drei Tage nach der Geburt von ihrer Gemeinde eine Gratulationsmail, verbunden mit der Bitte, die Kontonummer zur Überweisung des Kindergeldes mitzuteilen. Es wäre nicht schwer, das auch in Deutschland umzusetzen, wäre da nicht die alles beeinträchtigende deutsche Misstrauenskultur, es könnte jemand eine Leistung erhalten, der sie nicht verdient. Bei den Zuschüssen zu den Energiepreisen wird ein Kollateralnutzen für Bestverdienende gerne in Kauf genommen, beim Bürgergeld für die ein oder andere arme Familie jedoch nicht. Die Lösung: mehr Kontrolle, mehr Sanktionen und damit nicht weniger, sondern mehr Bürokratie. Auch das gehört zur <em>„realen Basis“</em>.</p>
<p>Die Einführung einer Kindergrundsicherung wurde im Koalitionsvertrag der sogenannten Ampel als gemeinsames Projekt verankert. <a href="https://web.de/magazine/politik/armutsforscher-20-milliarden-euro-kindergrundsicherung-38409792">Christoph Butterwegge</a>, einer der wichtigsten Armutsforscher in Deutschland, und die <a href="https://www.diakonie.de/informieren/infothek/2023/august/gutachten-zur-kindergrundsicherung-wer-bei-den-kindern-spart-zahlt-spaeter-drauf">Diakonie</a> hatten unabhängig voneinander einen Bedarf von etwa 20 Milliarden EUR errechnet. Bundesfamilienministerin Lisa Paus, die vielleicht eines Tages – sofern man sich überhaupt noch an sie erinnern wird – als eine der ungeschicktesten Minister:innen dieser und vergangener Regierungen in die Geschichte eingehen dürfte, hatte vor einiger Zeit 12 Milliarden EUR Bedarf genannt, musste diese Zahl zurücknehmen, weil sie nicht erklären konnte, wofür sie das Geld bräuchte, und gab sich mit 2,4 Milliarden EUR zufrieden, die sie die grüne Bundestagsfraktion als Erfolg verkaufen ließ. Aber die Geschichte war nicht zu Ende, denn die nächste Zahl, die sie nannte, waren 5.000 neue Stellen, die erforderlich wären, um den in der Tat höchst unübersichtlichen Verfahren für die Verteilung von Unterstützungsleistungen für Kinder ein Ende zu bereiten. Auch diese Zahl gilt nicht mehr. Nun hat sie weder die Chuzpe noch die Unterstützung eines Andy Scheuer, dies vielleicht zu ihrer Entlastung. In der FAZ reagierter Katja Gelinsky angesichts des Desasters der Familienministerin mit der Forderung, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schafft-das-familienministerium-ab-familien-brauchen-kein-nanny-ministerium-19699169.html">das Familienministerium einfach abzuschaffen</a>. Wir bräuchten kein <em>„Nanny-Ministerium“</em>.</p>
<p>Eigentlich müssten Grüne (und SPD) das Gesetzgebungsverfahren für die Kindergrundsicherung in Hoffnung auf andere Mehrheiten auf die nächste Legislaturperiode vertagen. Es ist weder etatreif noch verspricht es eine für Kinder und Familien spürbare Entlastung. Der Clou ist jedoch der Sturmlauf von FDP und CDU/CSU gegen die Kindergrundsicherung, durchaus vergleichbar ihrem Sturmlauf gegen das Bürgergeld (das – offen gesagt – in seiner Ausgestaltung auch nicht viel besser ist als Hartz IV). Und damit sind wir bei der Frage nach der Infrastruktur für Kinder. CDU/CSU und FDP fordern, die Mittel für die Kindergrundsicherung sollten in Bildung investiert werden statt in Sozialleistungen. Was da geschehen soll, bleibt unklar, aber es klingt erst einmal gut. Christoph Butterwegge hat am 19. April 2024 in der Süddeutschen Zeitung in seinem Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/kindergrundsicherung-kindergeld-soziale-absicherung-1.6563858">„Wie meinen, Frau Paus?“</a> jedoch die hinter dieser wohlmeinenden Forderung steckende Heuchelei entlarvt: <em>„Bildung gerät zur Ideologie, wenn sie nicht als Mittel zur Bekämpfung der Kinderarmut genutzt, sondern als Mittel zur Verhinderung einer kostenträchtigen Armutsbekämpfung missbraucht wird.“</em></p>
<p>Das eine tun, das andere nicht lassen – das wäre die Botschaft, die Wirksamkeit verspricht. Noch besser wäre es sicherlich, einen auskömmlichen Mindestlohn (ob 15 EUR reichen wie sie die Linke fordert, ließe sich diskutieren, meines Erachtens nicht) zu schaffen, prekäre Ein-Euro-Jobs in auskömmlich finanzierte Arbeitsverhältnisse zu überführen und dies durch den Abbau von Privilegien zu refinanzieren, die Kindern nun einmal gar nichts nützen, beispielsweise pauschale Kinderfreibeträge und Inflationsausgleiche für hohe und höchste Einkommen, Ehegattensplitting, Kerosinsteuer, Dienstwagenprivileg und einiges mehr. Auch die Einführung einer Vermögenssteuer ist nach wie vor tabu und wird allenfalls leise von der ein oder anderen sozialdemokratischen Unterorganisation gefordert, natürlich auch von der Linken, aber wer hört schon auf diese Partei?</p>
<p>Unzureichender Mindestlohn führt zu höheren Sozialausgaben. Es gibt eine Fülle solch verdeckter Subventionen für Wirtschaftsunternehmen. Wer das Geld hat, kann – so dokumentierte es Ingo Malscher in der ZEIT unter dem Titel <a href="https://www.zeit.de/2024/18/steuer-finanzamt-coach-selbststaendig">„Gier ist geil“</a> – alle seine Luxusausgaben, vom handgenähten Anzug über den Luxusurlaub und den Restaurantbesuch bis zu welchen luxuriösen Ausgaben auch immer, von der Steuer absetzen, natürlich auch die Kosten für die Finanzberatung, die dieses ermöglicht. Cum-Ex und andere Steuervermeidungs- und Steuerbetrugsmodelle kommen hinzu. Norbert Walter-Borjans hatte in seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Finanzminister CD’s aus der Schweiz angekauft, denen Daten über Steuerhinterziehung zu entnehmen haben. Als CDU und FDP die Regierung wieder übernahmen, schafften sie diese Einnahmequelle umgehend ab. Norbert Walter-Borjans arbeitet inzwischen ebenso wie die ehemalige Kölner Staatsanwältin Anne Brorhilker, die beste Expertin Deutschlands zur Aufdeckung des Cum-Ex-Schwindels, für das Team von <a href="https://www.finanzwende.de/">„Finanzwende“</a>.</p>
<p>Geld wäre in Hülle und Fülle vorhanden, Deutschland ist ein reiches Land, selbst dann noch, wenn deutlich mehr als bisher in die Ausrüstung des Militärs investiert werden muss. Das bestehende System müsste allerdings vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wirtschaftsunternehmen ließen sich durch einen Bürokratieabbau, der diese Bezeichnung verdient, sicherlich leichter entlasten als durch Dumpinglöhne. Allein die Zeitersparnis wäre schon ein Geldwert für sich. Aber wie das so ist – der Bürokratieabbau, und ganz besonders der Bürokratieabbau durch Digitalisierung, wird in der Regel ebenso rhetorisch verkündet wie die Forderung nach besserer Bildung. Und das seit Jahrzehnten. Man könnte fast unken, dass manche Parteien die Unübersichtlichkeit deutscher Behördenzustände geradezu brauchen, weil sie ja sonst ihre vollmundigen Parteiprogramme nicht mehr aufschreiben könnten. Ergebnis: Arme Menschen bleiben arm, arme Kinder sowieso.</p>
<h3><strong>Die Rückabwicklung der Kinderbetreuung</strong></h3>
<p>Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie ihre Arbeitsstelle gekündigt habe. Ihr Ehemann habe jetzt viele Termine im Ausland, sie müsse sich daher mehr um die Kinder kümmern. Ihr Beruf: Erzieherin in leitender Position. Kein Einzelfall.</p>
<p>Was geschieht da eigentlich? Wir erleben eine Rückabwicklung der Kinderbetreuung mit massiven Folgeschäden für die wirtschaftliche Entwicklung. Und weil Eltern, vor allem Frauen, ihre Kinder zunehmend wieder selbst betreuen müssen, wird auch die Armut von Erwachsenen wie von Kindern steigen. Die Auswirkungen auf die Rente der betroffenen Frauen sind damit noch nicht berücksichtigt. Und das geschieht, obwohl von den demokratischen Parteien immer wieder betont wird, wie wichtig ihnen die diversen Rechtsansprüche auf eine Betreuung der Kinder von 0 bis 10 Jahren wären. Sind die demokratischen Parteien in einem Landtag in der Opposition, tun sie das sehr laut, in Regierungen werden sie oft kleinlaut.</p>
<p>Ein Blick in die Geschichte: In den 1960er Jahren, auch noch in den 1970er Jahren, stritten sich die politischen Parteien in Westdeutschland darüber, ob Jungen und Mädchen, katholische und evangelische Kinder, Kinder aus finanziell unterschiedlich gut oder schlecht ausgestatteten Elternhäusern gemeinsam lernen dürften. Sicherlich, es gab Horte, die schon eine lange Tradition in Deutschland hatten, weil sie bereits im 19. Jahrhundert die Betreuung der Kinder von Arbeiterinnen sicherstellen sollten, damit die Kinder nicht auf den Straßen herumlungerten. In der DDR war das anders. Dort gab es eine umfassende Betreuung von Kindern, eine Infrastruktur, von der die östlichen Bundesländer nach wie vor profitieren. Dies war wiederum Anlass genug, dass CDU und CSU im Westen mit der Einführung staatlich unterstützter Kinderbetreuung die unmittelbar bevorstehende Einführung des DDR-Sozialismus an die Wand malten. Manche meiner Leser:innen erinnern sich sicherlich noch an den Brief von Franz Josef Strauß, in dem er ankündigte, jede gesetzliche Regelung für Kinder und Jugendliche zu verhindern, damit die linken Sozialarbeiter nicht die intakten Familien kaputtmachten. Bis in die 1970er Jahre gab es im Westen den despektierlichen Blick auf sogenannte <em>„Doppelverdiener“</em> und <em>„Schlüsselkinder“</em>. Das Wort von den „<em>Alleinerziehenden“</em> traute sich damals noch niemand in den Mund zu nehmen. Der Makel einer Scheidung oder eines nicht ehelich geborenen Kindes färbte auf die Kinder ab.</p>
<p>Es ist das Verdienst von Ursula von der Leyen und Jürgen Rüttgers, dass die CDU (mit nachhallendem Knurren auch die CSU) ihren Frieden mit einer ganztägigen Kinderbetreuung machten. Zumindest rhetorisch. Zwischenzeitlich versuchte die CSU zwar, eine scheinbare Wahlfreiheit einzuführen, indem Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuten, ein <em>„Betreuungsgeld“</em> erhalten sollten, scheiterte damit jedoch ebenso kläglich wie später mit der Maut für Ausländer (gemeint waren Österreicher, getriggert wurden Türken) auf deutschen Autobahnen. Heute verlangt nur noch die AfD ein solches <em>„Betreuungsgeld“</em>, Kinderbetreuung hält sie für überflüssig, die Frau gehört ins Haus.</p>
<p>Heute fordert nicht zuletzt die Wirtschaft mehr und verlässliche Kinderbetreuung. Mit gutem Grund. Vielleicht lohnt sich ein Rückblick in die im Jahr 2011 im Auftrag der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann von der Firma Prognos erstellte bildungsökonomische Studie <a href="https://www.schulministerium.nrw/sites/default/files/documents/Langfassung-Prognos-Studie.pdf">„Fiskalische Wirkungen des Ganztags in Nordrhein-Westfalen“</a>. Die Studie belegt, dass sich die für den Ganztag ausgegebenen Finanzmittel mit der Zeit amortisieren und die Produktivität steigt, weil sich vor allem das Arbeitsverhalten von Frauen verändert, die bei verlässlicher Betreuung ihre Arbeitszeiten aufstocken oder überhaupt erst einmal eine Arbeit aufnehmen, im Übrigen auch mit Langzeitwirkungen auf eine auskömmliche Rente (die vor allem von der CSU propagierte Mütterrente ist dagegen nur ein Tropfen auf den heißen Stein). Darüber hinaus schafft Ganztagsbetreuung eine ganze Menge Arbeitsplätze. Sybille Stöbe-Blossey hat die Verknüpfungen des Ausbaus von Ganztagsbetreuung und einer aktivierenden Beschäftigungspolitik mehrfach differenziert dargestellt. Ein <a href="https://www.uni-due.de/imperia/md/content/iaq/20231026_stoebe-blossey.pdf">Vortrag vom 26. Oktober 2023</a> nennt beispielsweise die einzelnen Aspekte.</p>
<p>Das Prognos-Gutachten belegt allerdings auch, dass von den zusätzlichen Einnahmen dank Ganztag vor allem der Bundeshaushalt und die Sozialkassen profitieren, in geringem Maße auch die Landeshaushalte. Zahlen müssen die Kommunen. Bisherige Bundesprogramme lassen sich daher insgesamt als eher halbherzig charakterisieren. Pressestellen sprechen zwar gerne von einem <em>„Schritt in die richtige Richtung“</em>, sagen aber leider nie, wie das Ziel aussehen könnte und sollte. Wie die Kommunen mit steigenden Kinderzahlen, gerade im Hinblick auf die steigende Zuwanderung, nicht nur aus der Ukraine, in Kindertageseinrichtungen und Schulen umgehen, bleibt eine ungelöste Frage. <em>   </em></p>
<h3><strong>Bund, Länder und Kommunen – ein Mexican Standoff</strong></h3>
<p>Die kommunale Infrastruktur ist eine grundlegende Herausforderung. Manches Problem ist hausgemacht. Zu erinnern wäre an Cross-Border-Leasing-Geschäfte der Vergangenheit, überflüssige und scheinbar prestigeträchtige Bauvorhaben wie bestausgestattete Stadthallen, Schwimmhallen in jedem Stadtteil und Müllverbrennungsanlagen. Sanierung wurde lange Jahre vernachlässigt, sodass sich der Sanierungsbedarf alleine von Schwimmbädern inzwischen auf über <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/929946/dd8ccc993328b3616955f94c1f7dd3b0/230125-BV.pdf">8,5 Milliarden EUR</a> aufsummiert hat. Das Bundesbauministerium hat im Jahr 2023 <a href="https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/Webs/BMWSB/DE/2023/06/startschuss_sanierung_schwimmbaeder.html">400 Millionen EUR für diesen Zweck bereitgestellt</a> (im Jahr 2022 waren es 476 Millionen EUR). Immer schwieriger wird es für viele Kommunen, Eigenanteile zu erbringen, denn sie werden erheblich mit Sozialleistungen belastet, gerade auch im Zusammenhang mit Zuwanderung, sodass ihnen einfach die Spielräume fehlen, nachhaltig in ihre Infrastruktur zu investieren, die sie dann aber mangels Finanzmitteln entweder verkommen lassen oder erforderliche Bau- und Sanierungsvorhaben auf Eis legen.</p>
<p>Bund, Länder und Kommunen schieben sich gerne gegenseitig die Verantwortung zu. Während Bundesregierung und Landesregierung auf ihren Schuldenbremsen beharren, werden sie nicht müde, die Kommunen für ihr Beharren auf dem Konnexitätsprinzip zu kritisieren, das jedoch Bundestag und Landtage beschlossen haben und die Landesregierungen über ihre Kommunalaufsicht durchsetzen lassen. In dieser Konstellation erinnert das Aufeinanderzeigen von Bund, Ländern und Kommunen an eine Art Mexican Standoff.</p>
<p>Zur Infrastruktur gehören auch Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, die so lange geöffnet sein sollten, dass Mütter und Väter gleichermaßen einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen können. Im Jahr 1996 wurde im Kontext einer Reform des Abtreibungsrechts ein Rechtsanspruch für die Betreuung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren in einer Kindertageseinrichtung eingeführt, 2013 folgte der Rechtsanspruch auf die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Am Freitag vor der Bundestagswahl im September 2021 stimmte der Bundesrat dem vom Bundestag beschlossenen <a href="https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-rechtsanspruch-ganztagsbetreuung-grundschulen-178966">Ganztagsförderungsgesetz</a> zu. Es soll jetzt ab 2026 schrittweise ein Rechtsanspruch auf die Betreuung von Kindern im Grundschulalter bis zur vierten Klasse eingeführt werden. Dass Eltern auch für vielleicht zehn- bis zwölfjährige Kinder eine Betreuung bräuchten, wurde bisher nicht bedacht, auch nicht, dass Ganztagsprogramme manchen Teenagern Bildungserlebnisse eröffnen könnten, die sie in der Familie oder in ihrer Gemeinde nicht finden. Die Länder sind jetzt gehalten, Ausführungsgesetze zu schaffen, doch verzögert sich dieser Prozess erheblich, vor allem in den westdeutschen Flächenländern. Die ostdeutschen Bundesländer haben ihre bekannten Hortstrukturen, die Stadtstaaten haben ordentlich ausgebaute Systeme. Hamburg dürfte den Spitzenplatz verdienen.</p>
<p>Aber Vorsicht: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Es ist alles Obst, aber es gibt entscheidende Unterschiede. Der Rechtsanspruch auf eine Kinderbetreuung von Kindern unter sechs Jahren bezieht sich in der Regel auf den Vormittag, nicht mehr und nicht weniger. Der Rechtsanspruch auf eine Betreuung von Grundschulkindern bis zur vierten Klasse bezieht sich auf insgesamt acht Stunden täglich, Unterricht einschließlich. Hinweise aus Wohlfahrts- und Wirtschaftsverbänden, dass eine verlässliche Ganztagsbetreuung bis zu zehn Stunden täglich erforderlich wäre, damit Eltern sorglos einer Ganztagsbeschäftigung nachgehen könnten, verhallten ungehört. Und ob die Arbeitszeiten der Eltern zu den in der Regel zwischen acht Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags anberaumten Betreuungszeiten passen, ist eine weitere offene Frage.</p>
<h3><strong>Quantität vor Qualität?</strong></h3>
<p>Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 72 SGB VIII) enthält ein <a href="https://www.agj.de/fileadmin/files/publikationen/Fachkraeftegebot.pdf">Fachkräftegebot</a>. Dies müsste in Kindertageseinrichtungen wie in Ganztagsgrundschulen umgesetzt werden. Inzwischen wissen jedoch alle, die in irgendeiner Art für Bildung und Betreuung von Kindern politisch verantwortlich zeichnen, dass es einen enormen Fachkräftemangel gibt, der sich auch in den nächsten Jahren nicht auflösen wird. Die Kinderbetreuung – übrigens auch der Unterricht von Kindern in der Schule – wird in einem hohen Maße von Menschen übernommen werden (müssen), die keine grundständige pädagogische Ausbildung haben. Es käme niemand auf die Idee, einen Mangel an Richter:innen oder Staatsanwält:innen durch Personen ohne juristische Ausbildung, einen Mangel an Ärzt:innen durch Personen ohne medizinische Ausbildung, einen Mangel an Polizist:innen durch Bürgerwehren zu kompensieren. Aber Bildung und Betreuung – das können doch offenbar wohl alle. Der Vollständigkeit halber: Bei Pflegeberufen gibt es ähnliche Annahmen. Hinzu kommt, dass gut ausgebildete Menschen, die in den Schulen oder in den Kindertageseinrichtungen (oder in der Pflege) tätig sind, sich inzwischen immer öfter eine andere Beschäftigung suchen, aus welchen Gründen auch immer. Bezahlung (vor allem bei Erzieher:innen und Pflegekräften) und Arbeitsbedingungen (dies auch bei Lehrer:innen) sind offenbar nicht attraktiv genug.</p>
<p>Studien wie die <a href="https://steg.dipf.de/de/ueber-steg/">Bundesstudie StEG</a> oder die <a href="https://www.bildungsbericht-ganztag.de/cms/front_content.php?idcat=37&amp;lang=1">Bildungsberichterstattung Ganztag</a> in Nordrhein-Westfalen (beide leider inzwischen eingestellt) belegen, dass eine professionell organisierte und kontinuierlich angelegte Kinderbetreuung präventiv wirkt. Ich könnte weitere Studien benennen, denn mit dem Ausbau des Ganztags für Schulkinder in den 2000er Jahren entstand in den Hochschulen ein Boom von Studien, die mehr oder weniger alle zum guten Ergebnis kamen: Kinder entwickeln soziale Kompetenzen, schließen Freundschaften mit Kindern, die sie sonst nicht kennenlernen würden. Möglich werden Förderprogramme, die – in den Ganztagsschulen – Hausaufgaben überflüssig machen, in der Kindertageseinrichtung helfen, die deutsche Sprache leichter zu lernen. Aber leider nicht immer, denn letztlich hängt die Qualität der Ganztagsbetreuung, die – nach einem Begriff von <a href="https://pub.uni-bielefeld.de/person/21770">Hans-Uwe Otto sel. A.</a> und <a href="https://www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/t_coelen/">Thomas Coelen</a> – als <em>„Ganztagsbildung“</em> konzipiert werden könnte und sollte, angesichts des unzureichenden finanziellen Engagements von Bund und Ländern, von der Postleitzahl ab. Die Frage <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/300067/gleichwertige-lebensverhaeltnisse/"><em>„gleichwertiger Lebensverhältnisse“</em></a> ist nicht nur eine Frage zwischen West und Ost, sondern auch zwischen reichen und armen Städten und Gemeinden, oft sogar eine Frage zwischen ärmeren und reicheren Stadtteilen.</p>
<p>Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, in Ganztagsgrundschulen am Nachmittag mehr Leseförderung zu ermöglichen, beispielsweise über eine Schulbibliothek, in der Kinder Bücher entdecken könnten, die sie sonst nicht kennenlernten. Theaterbesuche, eine Theatergruppe, Gruppen- und Klassenorchester, all dies wäre möglich. Zumindest in der Theorie und dort, wo die Einrichtungen kompetent geleitet und von den jeweiligen Kommunen verlässlich unterstützt werden. Es gibt dies alles. In Schulen kommt die verlässliche Zusammenarbeit von Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften hinzu. Einen ausgezeichneten curricularen Rahmen bieten die nordrhein-westfälischen <a href="https://www.kita.nrw.de/kinder-bilden/bildungsgrundsaetze/leitfaden-bildungsgrundsaetze-fuer-kinder-von-0-bis-10">Bildungsgrundsätze von 0 bis 10</a>. Diese umfassen im Grunde alle Lebensbereiche. Und sie enthalten Hinweise zur <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kinderrecht-ganztagsbildung/">Kinderbeteiligung</a>! Auch dafür gibt es im Ganztag hervorragende Modelle. Das haben diejenigen, die die Lehrpläne der Grundschulen schreiben, zwar noch nicht gemerkt, aber wer weiß, der Tag wird vielleicht kommen. Einige Wohlfahrtsverbände, beispielsweise die Diakonie, haben einen eigenen Qualitätsrahmen entwickelt, das Institut für Soziale Arbeit in Münster das Qualitätsentwicklungsinstrument <a href="https://quigs-nrw.de/">QUIGS</a>. Inhaltlich ist Nordrhein-Westfalen durchaus Vorbild, in der Umsetzung leider nicht (mehr).</p>
<p>Einige Studien widmeten sich der vor allem von PISA-hörigen Politiker:innen gepflegten Frage, wie sich die Schulnoten im Ganztag betreuter Kinder entwickeln. Signifikante Ergebnisse gibt es zu dieser Frage nicht. Dies liegt allerdings auch daran, dass es zu viele Faktoren gibt, die sich auf Schulnoten und Schulleistungen auswirken und in ihren Wirkungen nicht im Einzelnen ausdifferenzieren lassen. Der Ganztag ist eben auch nur einer von vielen Faktoren. Aber immerhin gibt es Hinweise, dass eine gute Ganztagsbetreuung die Übergangsquoten zu Gymnasien nach der vierten Klasse erhöht. Kurz: Vieles wäre möglich, manches geschieht, es kann jedoch keine Rede davon sein, dass dies flächendeckend so erkannt und umgesetzt wird. Denn dazu sind die Rahmenbedingungen des Ganztags in Schule und Kindertageseinrichtungen zu labil.</p>
<h3><strong>Fachkräfte – gesucht und unauffindbar</strong></h3>
<p>Manche Kommunen helfen sich angesichts des Fachkräftemangels, indem sie Betreuungszeiten reduzieren. <a href="https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebinger-oberbuergermeister-boris-palmer-zu-kitas-100.html">Boris Palmer ging in Tübingen voran und kommunizierte diese Notwendigkeit öffentlich</a>. Das war ehrlich, aber eine Lösung konnte auch er nicht anbieten, zumal die baden-württembergische Landesregierung keine Anstalten macht, die Personalausstattung und die Arbeitsbedingungen in KiTas und Schulen zu verbessern. Die Beschäftigten, die in einer KiTa oder einer Ganztagsschule ganztägig arbeiten wollen, brauchen oft einen Zweitjob. Dies ist eine der Paradoxien der Ganztagsentwicklung. Für die Kinder gilt der Ganztag, das Personal arbeitet oft genug in Teilzeit und angesichts der ohnehin schlechten Bezahlung entweder in prekären Arbeitsverhältnissen oder mit einem Zweitjob.</p>
<p>Nun ja, sagen viele, sicherlich guten Glaubens, die Kassen sind leer (siehe oben), und helfen sich mit der Ansage, man müsse erst einmal die Quantitäten einer flächendeckenden Kinderbetreuung schaffen, bevor man sich um die Qualität kümmern könne. Das hat man vor 20 Jahren auch schon gesagt, aber die Qualität, die man für die Zukunft versprach, kam nie. Es gab zwar im pressetauglichen Giffey-Jargon ein „Gute-KiTa-Gesetz“, der Bund ließ sich jedoch von den Ländern abhandeln, dass damit auch Beitragsfreiheit geschaffen werden könne, mit dem Ergebnis, dass Wahlgeschenke an bestverdienende Familien möglich wurden, das Gesetz sich – wen wundert es – jedoch nicht in der Qualität der Angebote auswirkte.</p>
<p><a href="https://www.dji.de/themen/ganztagsschule.html">Das Deutsche Jugendinstitut</a> (DJI) hat vor etwa fünf Jahren errechnet, dass man für einen Ganztagsplatz in der Grundschule zusätzlich etwa 4.000 EUR pro Platz bräuchte, für zusätzliches Lehrpersonal, für sozialpädagogisches Personal und für Ergänzungskräfte, beispielsweise für Sport und Kultur, für die Gestaltung von Ausflügen, die Nutzung außerschulischer Lernorte. Andere Berechnungen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Personal zur Umsetzung der Inklusion ist darin noch nicht eingerechnet. Die nordrhein-westfälischen Grünen haben die vom DJI errechnete Zahl in ihr Wahlprogramm für die Landtagwahl 2022 hineingeschrieben, es gibt Hinweise aus informierten Kreisen, dass in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU diese Zahl auch vereinbart worden sei. Inzwischen dürfte der Bedarf angesichts Inflation und Tarifabschlüssen auf etwa 5.000 EUR gestiegen sein. Zumindest gehen die Wohlfahrtsverbände von einem solchen Anstieg aus.</p>
<p>Geschehen ist bisher nichts und es sieht auch nicht danach aus, dass etwas geschieht. Es hat alles etwa den Anschein des Mannes, der in einer Heinrich-Böll-Geschichte am Telefon immer den Satz sagen muss: <em>„Es muss etwas geschehen.“</em> Es war beispielsweise in Nordrhein-Westfalen nicht einmal möglich, dass für die Beschäftigten im Nachmittagsbereich der Grundschulen, in der offenen Ganztagsgrundschule (OGS), eine Art Inflationsausgleich gezahlt wurde. Für die Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen gab es einen solchen Ausgleich in Höhe von zehn Prozent, in der OGS blieb es bei den ohnehin jährlich vorgeschriebenen drei Prozent für Tarifsteigerungen.</p>
<p>Nun könnte der Bund vielleicht helfen (die nach wie vor unsinnige Kompetenzverteilung im Bildungsbereich wäre eine weitere Frage, ist aber nicht Gegenstand dieses Essays). Ein großer Erfolg war das in den Jahren 2003 bis 2009 laufende <a href="https://www.ganztagsschulen.org/de/service/izbb-programm/izbb-programm_node.html">Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“</a> (IZBB). Das Bundesprogramm umfasste immerhin vier Milliarden EUR. Einige Länder, beispielsweise Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, nutzten es sehr produktiv, um die Infrastruktur für die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen zu verbessern. Andere Länder, beispielsweise Niedersachsen und Baden-Württemberg, kassierten das Geld, sorgten aber nicht für zusätzliches Personal. Dies überließen sie den Schulen. Erst einige Jahre später kam Baden-Württemberg auf die Idee, den Ganztag mit zusätzlichem Ehrenamt zu gestalten (sie nannten das <a href="https://www.jugendstiftung.de/"><em>„Jugendbegleitung“</em></a>). Das Programm wurde mit der Zeit modifiziert, weil sich der ursprüngliche Zweck so nicht erreichen ließ. Auch für die Umsetzung des Rechtsanspruchs hat der Bund zwei Milliarden EUR bereitgestellt, und – das ist neu – er will auch einen bescheidenen Anteil zu den Betriebs- und Personalkosten beitragen. Ob dieser Anteil mehr als ein Tropfen auf den berüchtigten heißen Stein ist, bleibt abzuwarten. Viel hängt davon ab, ob die Länder sich über diesen Anteil refinanzieren oder ob sie auch ihre Beiträge für die Finanzierung des Personals erhöhen.</p>
<p>In Nordrhein-Westfalen und in Hamburg gibt es für die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen ein Trägermodell. Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe – so steht es in dem einschlägigen nordrhein-westfälischen Erlass – ist eine <em>„zentrale Grundlage“ </em>(ein Verdienst des damaligen Abteilungsleiters <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">Klaus Schäfer</a>). Die Schule und ein Träger der freien Jugendhilfe arbeiten auf der Grundlage von Kooperationsverträgen zusammen. Eine Chance, diese Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule weiterzuentwickeln böte das vom Bundesbildungsministerium aufgelegte <a href="https://www.bmbf.de/bmbf/de/bildung/startchancen/startchancen-programm.html">„Startchancenprogramm“</a> mit 20 Milliarden EUR über zehn Jahre für sozialpädagogische Fachkräfte in sogenannten <em>„Brennpunktschulen“</em> über. Dieses Programm ließe sich gut mit der Förderung von Ganztagsprogrammen koppeln, beispielsweise über <a href="https://www.wuebben-stiftung-bildung.org/programme/familiengrundschulzentren/">Familiengrundschulzentren</a>, die in den offenen Ganztagsgrundschulen eine Fülle psychosozialer Beratungsbedarfe auffangen könnten. Leider scheint dies nicht zu funktionieren (in anderen Ländern im Übrigen auch nicht). Ein Gedanke der Vorgängerministerin im nordrhein-westfälischen Schulressort, Yvonne Gebauer (FDP), das zu ihrer Zeit schon angekündigte Programm nach dem Muster der flächendeckend eingeführten Familienzentren in den Kindertageseinrichtungen, über Familiengrundschulzentren umzusetzen, ist offenbar den aktuellen Hausleitungen in Schul- und Jugendministerium (einmal CDU, einmal Grüne) unvertraut. Stattdessen pflegen die beiden Ministerien zwei konkurrierende Programme der Familiengrundschulzentren. Im Schulministerium ressortieren immerhin OGS und Familiengrundschulzentren in einem Referat, allerdings ist für das Startchancenprogramm eine andere Abteilung zuständig.</p>
<p>In den 16 Bundesländern, bei den westdeutschen Flächenländern auch innerhalb der Länder, ist ein erschreckender Flickenteppich entstanden. Es gibt Länder und Kommunen, in denen für die Betreuung von Kindern in Kindertageseinrichtungen und Schule kein Elternbeitrag gezahlt werden muss, es gibt andere, in denen dies der Fall ist, allerdings mit unterschiedlicher Höhe. Es gibt Einrichtungen mit Fachpersonal, andere, in denen es kein Fachpersonal gibt.</p>
<p>Dennoch wird immer wieder von den Ministerien betont, Kinder bräuchten bessere Bildung. Nicht ohne Grund, zumal es inzwischen – offenbar nicht nur pandemiebedingt – Kinder in den fünften Klassen sogar von Gymnasien kaum wissen, wie man einen Stift hält. Die Zahl der Kinder, die am Ende der Grundschulzeit weder richtig lesen noch schreiben können, ist erschreckend hoch, sie liegt im Durchschnitt bei etwa 25 Prozent, womit deutlich ist, dass es Stadtteile gibt, in denen diese Zahl erheblich höher liegt. Auch dies ist ein Faktor, der die Arbeitszufriedenheit der dort tätigen Lehr- und Fachkräfte beeinträchtigen dürfte. Inzwischen gibt es angesichts der unzureichenden Finanzierung Jugendhilfeträger, die die Ganztagsbetreuung von Schulkindern aufgeben und sich nur noch auf die Betreuung von Kindern unter sechs Jahren konzentrieren.</p>
<p>Der Fachkräftemangel in Ländern und Kommunen ist ein Fachkräftemangel mit Ansage. <a href="https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/fruehkindliche-bildung/projektnachrichten/fachkraefte-radar-fuer-kita-und-grundschule-2023-ergebnisse-kita-fachkraefte">Die Bertelsmann-Stiftung wird nicht müde, jedes Jahr den Fachkräftemangel in Kita und Grundschule zu beziffern</a>. Geschehen ist – ich wiederhole mich – in den vergangenen zwanzig Jahren nichts. Aufwendige Werbekampagnen oder martialisch geframte <em>„Fachkräfteoffensiven“</em> erweisen sich als wirkungslos, zumal sie oft ein Bild der pädagogischen Berufe vermitteln, das nicht den Realitäten entspricht. Die Zahl der Studien- und Ausbildungsplätze wurde nicht erhöht, nach wie vor gibt es zu wenige Standorte, beispielsweise für zukünftige Lehrkräfte in Förderschulen. Letztlich ist eine immer weiter um sich greifende Entprofessionalisierung pädagogischer Berufe zu befürchten. Und wenn die Qualität sinkt, sinkt auch die Motivation von Eltern, ihre Kinder zur Ganztagsbetreuung anzumelden. Manche Frauen übernehmen die Betreuung ihrer Kinder dann wieder selbst (übrigens auch eine Variante von Long-COVID, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-unsichtbaren/">Jutta Allmendinger wies darauf bereits zu Beginn der Lockdowns hin)</a>. Zu Lasten ihrer Berufstätigkeit. Sie fehlen dann in anderen Berufen, manche davon auch eben in den pädagogischen Berufen. Zur Erinnerung: all dies konstituiert die <em>„reale Basis“</em>, von der Marx und Engels sprachen.</p>
<h3><strong>Privatisierung und Klassismus</strong></h3>
<p>Tragfähige Lösungen hat die Politik keine, vielleicht will sie auch keine und manche glauben immer noch geradezu magisch an das Konrad Adenauer zugeschriebene Diktum: <a href="https://www.focus.de/politik/experten/ruettgers/neuer-generationenvertrag-adenauer-kinder-bekommen-die-leute-immer_id_3578157.html"><em>„Kinder bekommen die Leute immer</em></a><em>“</em>. Erhöhung des Kindergeldes – das muss doch motivieren, Kinder in die Welt zu setzen! Wer das wirklich glaubt, leidet unter heftigem Realitätsverlust. Feststellbar ist jedoch eine erhebliche Privatisierung der Verantwortung für Bildung und Betreuung. Dazu gehören ein Trend vor allem vermögender Familien, ihre Kinder in Privatschulen anzumelden, sowie ein Boom der Nachhilfeinstitute, die aber auch wiederum nur diejenigen in Anspruch nehmen können, die es sich leisten können.</p>
<p>Die Eltern, deren Kinder ohne Probleme studieren können, hatten immer schon unter dem heuchlerischen Siegel sozialer Gerechtigkeit die Möglichkeit, selbst geringste Studiengebühren zu verhindern. Sie sprachen von armen Kindern, meinten aber in der Regel die eigenen wohlsituierten Kinder. Betreuung von kleinen Kindern, Schulkindern und Teenagern ist für Eltern jedoch ausgesprochen teuer und kann sich auf mehrere 100 EUR im Monat pro Kind belaufen. Und die Freizeit? Christoph Butterwegge verweist mit Recht darauf, dass es früher preiswert war, mit den Kindern in ein Hallenbad zu gehen, diese jedoch inzwischen oft geschlossen sind, dafür die Eintrittspreise in kommerziellen Spaßbädern für Familien mit geringen Einkommen nicht mehr finanzierbar sind: <em>„Die Gesellschaft hat die Kindheit privatisiert und kommerzialisiert.“</em></p>
<p><a href="https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb09/institute/prof-i-r/meier-graewe">Uta Meyer-Gräwe</a> referierte in der <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/april/kitas-in-der-krise-wirtschaft-in-gefahr">Aprilausgabe 2024 der Blätter für deutsche und internationale Politik</a> in ihrem Essay „Kitas in der Krise, Wirtschaft in Gefahr“ den <em>„Aufschrei von 30 Dax-Vorständen, CEOPs und Personalverantwortlichen, die ihr Geschäftsmodell durch den Mangel an Betreuungsplätzen in Kitas und Schulen akut bedroht sehen.“</em> Sie stellte zwei Fragen und beantwortete sie gleich selbst: <em>„Doch hat sich diese sehenden Auges zuspitzende Care-Katastrophe von der Wiege zur Bahre in den Verhandlungen um den Bundeshaushalt 2024 auch nur in einem einzigen Redebeitrag im Deutschen Bundestag eine Rolle gespielt? Nein. Gibt es eine Task Force im Bundeskanzleramt, die sich dieses Dramas annimmt? Nein.“</em></p>
<p>Das hat strukturelle Ursachen. Wenn die FDP in ihrer bedrohlichen Umfrage-Lage und die CDU/CSU in ihrer gemütlichen Oppositionsrolle sich vehement gegen eine Aufweichung der sogenannten <em>„Schuldenbremse“</em> äußern, verfehlen sie ebenso wie Bundesregierung und Landesregierungen ihren Auftrag. Care-Berufe, Bildungsberufe, pädagogische Berufe zählen einfach nicht als wirtschaftsrelevant. Die Beschäftigten haben auch weder Traktoren noch Lokomotiven. Uta Meyer-Gräwe: <em>„Einmal mehr zeigt sich, wie fatal es ist, wenn lediglich die Produktion von Maschinen, Autos und Rüstungsgütern als Investitionen betrachtet werden, wohingegen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsausgaben als Konsumausgaben gelten, die vor allem in Krisenzeiten unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden.“</em></p>
<p>Angesichts der heiligen <em>„Schuldenbremse“</em> steht inzwischen mehr oder weniger alles unter Vorbehalt, sodass sich die Frage stellt, ob und wie der Staat überhaupt noch in irgendeiner Form Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nehmen will. Wer sich mit Steuersparmodellen und schwer nachweisbarer Steuerhinterziehung – von Cum-Ex bis hin zur Verlagerung auf Auslandskonten in Luxemburg oder auf irgendwelche Inselstaaten – zu helfen weiß, profitiert und inszeniert sich als <em>„Leistungsträger“</em>. Hedge-Fonds-Manager ist ein attraktiver Berufswunsch, Erzieher:in oder Pfleger:in eher nicht. Wolfgang M. Schmitt hat diesen schon im Bildungssystem vermittelten Klassismus in seinen Besprechungen zu den Filmen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=NwVRJU9YdEk">„Fuck you Goethe“</a> und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=vl2YZsSKoG4">„Chantal im Märchenland“</a> treffend beschrieben.</p>
<p>Erlaubt ist schließlich die These, dass die Beteiligung von Menschen an Wahlen oder auch anderen Formen des öffentlichen Lebens sinkt, je prekärer die Arbeitsverhältnisse und Einkommen sind. Dies belegen die niedrigen Wahlbeteiligungen in entsprechenden Stadtteilen, in denen oft genug auch viele migrantische Familien (die meisten mit deutscher Staatsangehörigkeit!) zu Hause sind. Es sinkt einfach die Zuversicht, dass man es schaffen könne. Ausnahmen bestätigen die Regel, insbesondere dann, wenn es sich ungeachtet der prekären Finanzlage um gebildete Eltern handelt. Sehr lesenswert zu diesem Thema sind die Bücher von Undine Zimmer <a href="https://undinezimmer.de/blog/buch/">„Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie“</a> (Frankfurt am Main, Fischer, 2013) und <a href="http://www.christian-baron.com/">Christian Baron</a> „Ein Mann seiner Klasse“ (Berlin, Claassen, 2020).</p>
<h3><strong>Die Faulen und die Fleißigen</strong></h3>
<p><a href="https://www.mafaalani.de/">Aladin El-Mafaalani</a> vertrat in einem Gespräch mit Leila Al-Serori, das die <a href="ttps://www.sueddeutsche.de/politik/geburtenrate-el-mafaalani-demografischer-wandel-babyboomer-fachkraefte-kita-kinder-1.6495061">Süddeutsche Zeitung am 29. März 2024</a> veröffentlichte, die These, dass eine höhere Erwerbsbeteiligung von Müttern den Fachkräftemangel in manchen Bereichen erheblich lindern könnte. Vorschläge, den Fachkräftemangel vorwiegend mit mehr Zuwanderung zu lösen oder einfach darauf zu setzen, dass die Geburtenrate stiege, hülfen nicht. Würden mehr Kinder geboren, verschärfe sich natürlich auch die Belastung von Kindertageseinrichtungen und Schulen. Abgesehen davon sind die neugeborenen Kinder nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt zu finden wie sich das manche Politiker:innen in ihrem grenzenlosen Optimismus erhoffen. <em>„Wir hätten noch weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt, weil neben vielen Rentnern auch viele Kinder versorgt werden müssten. Vor allem Mütter würden ausfallen, der Fachkräftemangel sich massiv verschärfen. Frauen arbeiten vermehrt in der Pflege, in Kitas und Schulen – man kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn noch mehr Fachkräfte ausfallen und gleichzeitig mehr gebraucht werden, denn wir bräuchten dann ja mehr Kita- und Schulplätze. Dazu würden die Folgen für den Wohnraum kommen, der jetzt schon knapp ist. Wir sind also in einer enorm schwierigen demografischen Phase.“ </em></p>
<p>Wenig hilfreich sind auch die üblichen Vorschläge, alle müssten eben mehr arbeiten, in der Regel von Politiker:innen vorgetragen, die sich selbst eigentlich nie groß um Kinderbetreuung und Altenpflege kümmern mussten. Der Bundesfinanzminister schwärmte zuletzt, man müsse mehr <a href="https://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-maybrit-illner-ampel-christian-lindner-ricarda-lang-1.6862144"><em>„Lust auf die Überstunde“</em></a> machen, ein Modell, das – wie <a href="https://www.zeit.de/2024/19/arbeitsmoral-deutschland-arbeitszeit-wirtschaft">Carla Neuhaus in der ZEIT</a> vermerkt – sich nach wie vor am männlichen Vollzeitmodell orientiert. Die angestrebte Steuerfreiheit für Überstunden soll es natürlich nur für Vollzeitkräfte geben, damit diese nicht ihre Arbeitszeit reduzieren, um bisher steuerpflichtige Arbeitszeit in steuerfreie Überstunden zu verwandeln.</p>
<p>Julia Wertheim nennt all dies – ebenfalls in der ZEIT – <a href="https://www.zeit.de/kultur/2024-02/arbeitsmoral-faulheit-deutschland-job-leistung/komplettansicht">„Eine ganz faule Geschichte“</a> – es ist wieder einmal der Versuch einer Spaltung der Gesellschaft in <em>„Faule“</em> und <em>„Fleißige“</em>, anders gesagt ein Versuch der <em>„Moralisierung“</em> der Debatte mit Schuldzuweisungen an Menschen, die gerne arbeiten wollen, aber nicht dürfen oder aufgrund der Rahmenbedingungen nicht arbeiten können, Kranke und Zugewanderte gehören dazu, aber auch viele Frauen, die Teilzeit nicht wählen, weil sie nicht mehr arbeiten wollten, sondern aus den Gründen der Doppelbelastung mit Familie und Beruf sowie der fehlenden öffentlichen Kinderbetreuung.</p>
<p>Besonders beliebt ist zurzeit die Anprangerung der angeblich fehlenden Bereitschaft der sogenannten <em>„Generation Z“</em> zu arbeiten. Abgesehen davon, dass die Erhöhung von Arbeitszeiten auch die Forderung nach mehr Kinderbetreuung nach sich ziehen wird, die schon jetzt nicht gewährleistet werden kann, zeugt das Generation-Z-Bashing von einer unerträglichen Arroganz. Es ist mehr als berechtigt, wenn junge Menschen fordern, dass ihre Arbeitsplätze menschen- und familienfreundlich gestaltet werden, dass ihre Chef:innen sich nicht patriar- beziehungsweise matriarchalisch verhalten, sondern sie als Kolleg:innen akzeptieren und ihnen Gestaltungsspielräume ermöglichen. Niemand darf sich über mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von Ehrenämtern beschweren, wenn freie Zeit ausschließlich von Arbeitszeit in Anspruch genommen wird. Die Betreuung von Kindern und Eltern beziehungsweise Großeltern – oft sogar gleichzeitig – kommt nun einmal für viele dazu. Das wissen junge Menschen, vor allem die jungen Frauen.</p>
<p>Klaus Hurrelmann hat sich im Gespräch mit Julia Bell <a href="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/karriere/generation-z-in-der-arbeitswelt-das-hat-es-nicht-mal-bei-den-68ern-gegeben-11558312.html">am 23. April 2024 im Tagesspiegel</a> (auch zuvor im Handelsblatt erschienen) zu diesem Thema geäußert. Heute haben junge Menschen eine hohe <em>„Marktmacht“</em>: Sie brauchen keine Traktoren, um ihre Interessen zu bekunden (abgesehen davon: Erzieher:innen und Altenpfleger:innen habe Traktoren und Lokomotiven nur im Spielzeugformat). <em>„Sie wollen arbeiten und etwas erreichen, aber eben zu ihren Bedingungen. Ich rate Unternehmen übrigens auch dazu, sich klarzumachen: Nur weil jemand im Einstellungsprozess bestimmte Forderungen stellt, heißt das nicht, dass er oder sie sich später nicht auf Kompromisse einlassen wird.“</em> Klaus Hurrelmann ist optimistisch: <em>„Die Forderungen der Gen Z werden ein besseres Arbeitsklima für alle zur Folge haben. Und wenn ihre Ansprüche erst mal umgesetzt sind, dann ist diese Generation auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sobald die Gen Z erst mal richtig ernst genommen wird, werden alle anderen von ihr profitieren, etwa von ihrer digitalen Intuition. Bis dahin müssen Arbeitgeber aber stark sein.“ </em></p>
<p>Nicht nur am Rande: Erinnert sich noch jemand an die Aufdeckung der skandalösen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie während der Corona-Pandemie? Und was hat sich im Pflegesektor verändert? Dazu lohnt sich vielleicht ein Blick in frühere Beiträge im Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-kapitalismus-und-die-pandemie/">„Der Kapitalismus und die Pandemie“</a> mit einer Vorstellung von Büchern von Christoph Butterwegge und Michael Klundt sowie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/who-cares/">„Who Cares?“</a> über eine (autobiographisch inspirierte) Dokumentation von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-glueck-der-aussenseiter/">Frédéric Valin</a> zum Pflegebereich. Was sich in der Pandemie zeigte, gilt nach wie vor. Das Image sozialer Berufe leidet angesichts der fehlenden Bereitschaft zu nachhaltigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erheblich. Nach wie vor.</p>
<p>Es gäbe auch noch eine weitergehende Lösung, Engpässe in der Kinderbetreuung und Arbeitsbedingungen aneinander anzupassen. In einem von David Gutensohn protokollierten Gastbeitrag für die ZEIT bekennt Carsten Maschmeyer, der sich bisher nicht gerade als profilierter Sozialpolitiker ausgewiesen hat: <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2024-01/viertagewoche-arbeitszeitmodell-carsten-maschmeyer/komplettansicht"><em>„Ich als Investor fürchte mich nicht vor der Viertagewoche“</em></a>. Das starre Beharren auf der Fünftagewoche und der Glaube, dass Produktivität mit Überstunden steige, sei einfach falsch. Eine Viertagewoche mit 32 Stunden reduziere die Fehleranfälligkeit in Randstunden (nicht nur am Montagmorgen, auch am Freitagnachmittag oder am späten Nachmittag), reduziere überflüssige Meetings, verringere die Zahl von Burn-Out-Fällen, mache Arbeit attraktiver: <em>„Unternehmen sollten nach Leistung und nicht nach Anwesenheit bezahlen.“ </em>Das gerade begonnene bundesweite Pilotprojekt mit 50 größeren wie kleineren Unternehmen sei ein Schritt in die richtige Richtung. <em>„</em><em>Wer in Zukunft noch erwartet, dass alle Angestellten an fünf Tagen arbeiten und dazu am besten nur noch in Präsenz und nicht im Homeoffice, wird erst den Wettbewerb um die Talente und dann den um alle anderen Fachkräfte verlieren. Ich als Chef eines Unternehmens kann mit meiner Verantwortung vielleicht nicht nur an vier Tagen in der Woche arbeiten, aber fast alle anderen können das.“ </em>Gute Ergebnisse hat wohl auch der <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2023-02/vier-tage-woche-produktivitaet-pilotprojekt">Feldversuch mit 61 Unternehmen in Großbritannien</a>. Es habe unter anderem weniger Fehlstunden gegeben. 56 Unternehmen wollen die Viertagewoche beibehalten.</p>
<p>Kurz: Es geht um auskömmliche Bezahlung sozialpädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, Ganztagsschulen und Pflege, familienfreundliche Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen, eine gut ausgestattete und qualitativ anspruchsvolle Kinderbetreuung, alles finanzierbar mit dem Geld, das der Staat bisher an diejenigen verschwendet, die es gar nicht brauchen, während diejenigen, die es dringend bräuchten, sich noch beschimpfen lassen müssen, sie wären nicht fleißig genug. Neoliberalismus und Klassismus sind ein wirkmächtiges Paar. Sie sind die <em>„reale Basis“</em> einer scheiternden und illusionären Kinderpolitik.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2024, Internetzugriffe zuletzt am 6. Mai 2024, Titelbild: © Stiftung SPI / Thomas Richert.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Diversität im pädagogischen Alltag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Apr 2024 10:08:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Diversität im pädagogischen Alltag Ein Gespräch mit der Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan „Während die quirlige Multikulturalität in Metropolen wie New York oder London als im besten Sinne an- und aufregend erlebt wird, weckt die multikulturelle Vielfalt vor der eigenen Haustür Ängste von Heimatverlust und Untergang des Abendlandes (…). Angst ist zwar menschlich, aber  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Diversität im pädagogischen Alltag</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan</strong></h2>
<p><em>„Während die quirlige Multikulturalität in Metropolen wie New York oder London als im besten Sinne an- und aufregend erlebt wird, weckt die multikulturelle Vielfalt vor der eigenen Haustür Ängste von Heimatverlust und Untergang des Abendlandes (…). Angst ist zwar menschlich, aber ein schlechter Ratgeber für die Politik im Umgang mit dem Unbekannten.“ </em>(<a href="https://www.uni-bremen.de/fb12/arbeitsbereiche/abteilung-a-allgemeine-erziehungswissenschaft/interkulturelle-bildung/team/prof-dr-phil-yasemin-karakasoglu/">Yasemin Karakaşoǧlu</a>: Gegen den Gedächtnisverlust in der Migrationspolitik, in: Hilal Sezgin, Deutschland erfindet sich neu – Manifest der Vielen, Berlin, Blumenbar Verlag, 2011)</p>
<p>Es ist eine lange – man ist versucht zu sagen: gefühlt ewig andauernde – Geschichte, die Geschichte der Ein- und Zuwanderung, die Geschichte der Integration, die zugleich auch die Geschichte von exotisierendem Orientalismus, von Rassifizierung, von Ablehnung der als <em>„anders“</em> oder <em>„fremd“</em> gelesenen Menschen ist. Yasemin Karakaşoǧlu referiert in ihrem Beitrag zum „Manifest der Vielen“ diese Geschichte, die verträglicher hätte gestaltet werden können, wenn die Vorschläge verwirklicht worden wären, die Heinz Kühn als erster Ausländerbeauftragter – so hieß das damals – der Bundesregierung im Jahr 1978 (!) veröffentlichte. <em>„Aufstieg durch Bildung“</em> – so lautete eine der politischen Parolen, die in den vergangenen 50 Jahren immer wieder erhoben wurden, zunächst aus Kreisen der SPD, dann auch aus konservativen Kreisen, in denen vor allem Armin Laschet dafür sorgte, dass die CDU sich für eine integrative Gesellschaftspolitik öffnete. Inzwischen befinden wir uns wieder in einem Wellental der Migrations- und Integrationspolitik. Die aktuelle Stimmung in Bevölkerung und Politik ist ungeachtet des immer wieder vorgetragenen Fachkräftemangels migrationsskeptisch, wenn nicht gar migrationsfeindlich. Die deutsche Migrations- und Integrationspolitik ist leider auch eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-lampedusa-syndrom/">Geschichte von Lebenslügen</a>.</p>
<div id="attachment_1514" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1514" class="wp-image-1514 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-400x569.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-600x854.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-720x1024.jpg 720w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-768x1093.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-800x1138.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-1080x1536.jpg 1080w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-1200x1707.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651-1439x2048.jpg 1439w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Meltem.Kulacatan-scaled-e1713089257651.jpg 1646w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /><p id="caption-attachment-1514" class="wp-caption-text">Foto: privat</p></div>
<p>Eine Disziplin, die zu mehr gesellschaftlichem Miteinander, zu mehr Respekt beitragen könnte und sollte, ist die Soziale Arbeit. Sie ist im besten Sinne des Wortes grundlegendes Element einer menschenfreundlichen Bildungspolitik, die sich gleichermaßen als Teil einer auf sozialen Aufstieg ausgerichteten Wirtschaftspolitik sowie einer inklusiven Gesellschaftspolitik versteht. Meltem Kulaçatan ist Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule in Nürnberg. Zuvor forschte und lehrte sie an den Universitäten Frankfurt am Main und Oldenburg. Im Demokratischen Salon war sie bereits zwei Mal zu Gast. Im Dezember 2023 ging es um ihre Studien zur Muslimfeindlichkeit sowie die von ihr diagnostizierte <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/"><em>„Empathiesperre“</em></a> in Teilen deutschen Bevölkerung, auch unter Muslim:innen in Deutschland, nach dem 7. Oktober 2023. Im Oktober 2021 sprach sie unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/feministisch-tuerkisch-deutsch/">„Feministisch – türkisch – deutsch“</a> über die Enttäuschungen vieler Menschen in der türkischen Community in Deutschland und die fehlende Anerkennung der Frauen und Mütter der aus der Türkei zugewanderten Familien, die maßgeblich zum Bildungsaufstieg ihrer Kinder beigetragen haben. Sie fragte nach der Rolle der Familie, der hauptsächlich von Frauen geleisteten Care-Arbeit und den Möglichkeiten weiblicher Partizipation.</p>
<h3><strong>Auf die soziale Schichtung kommt es an</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Unser Thema hat zwei Aspekte, die Frage des Verhältnisses von Fachkräften zu Kindern mit einer internationalen Familiengeschichte sowie die Frage der Arbeitsbedingungen und Arbeitsformen von Fachkräften, die selbst eine internationale Familiengeschichte haben.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Wir können gerne mit den Kindern anfangen, mit den Kindern und Jugendlichen, die in der offenen Jugendarbeit sowie in der Familienbetreuung eine Rolle spielen. Das sind zwei klassische Segmente der Sozialen Arbeit. Vorab muss klar sein: es geht um Kinder! Es geht um den Blick der Fachkraft auf Menschen in einem sehr jungen Alter, mit entsprechenden Bedürfnissen und Wünschen, in zweiter Linie um die lebensweltliche Perspektive. Dazu gehören Aspekte wie Flucht, die Migrationsgeschichte, die mögliche Herkunftsgeschichte der Eltern. Ich sage ganz bewusst: „mögliche Herkunftsgeschichte“. Oft handelt es sich um Annahmen, es sei denn, die Eltern bringen es selbst ganz klar zur Sprache, auch in der Erstberatung. Wir legen in der Sozialen Arbeit Wert darauf, dass transkulturell und kultursensibel gearbeitet wird. Die Kompetenzmittel besitzen wir eigentlich schon lange, aber aus der professionellen Perspektive geht es erst einmal darum, die einzelne Person in den Mittelpunkt zu stellen, unabhängig von kulturellen Vorannahmen der Fachkraft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Unterschiede je nach Alter der Kinder?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Natürlich. Fünfzehnjährige sind in dieser Phase der Adoleszenz auf der Suche nach ihrer Identität. Da können die Herkunftsbiographien der Eltern oder der Großeltern eine Rolle spielen, wenn sie diese Herkunft als möglichen Aspekt ihrer Identität entdecken. Das kann empowernd, selbstermächtigend sein, es kann aber auch zu einer Distanzierung führen, wenn man sich die eigene Peer-Group sucht. Dies geschieht mittlerweile über Social Media und über Freizeiträume, in denen sich die Jugendlichen treffen. Bei jüngeren Kindern können erfahrungsgemäß Aspekte wie Spracherwerb, Multilingualität im Vordergrund stehen. Ich sage „können“, nicht „müssen“. Das hängt auch davon ab, welche internationale Biographie die Eltern besitzen. Ich habe in meinem Umfeld Kolleg:innen, Jugendpsychiater:innen, die sehr viel mit Akademiker:innen aus dem globalen Raum zu tun haben, die in internationalen Firmen arbeiten, Expats. Das sind oft Expats aus der Türkei, die um 2015 und danach ausgewandert sind. Geflüchtete aus der Türkei, oft Hochschulabsolvent:innen. </em></p>
<p><em>Wenn wir über Kinder und Jugendliche sprechen, dürfen wir auf keinen Fall generalisieren, weil die soziale Schichtung in der Regel deutlich ausschlaggebender ist als das bloße Vorhandensein einer internationalen Familiengeschichte. In der psychotherapeutischen oder sozialarbeiterischen Praxis spielt diese natürlich eine Rolle, aber den Ausschlag gibt nicht die Migrationsgeschichte, sondern die soziale Schichtung im Kontext der Migrationsgeschichte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was bedeutet das konkret: <em>„soziale Schichtung im Kontext der Migrationsgeschichte“. </em></p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Eltern, die beispielsweise erst vor Kurzem aus der Türkei geflüchtet sind, oft über Stationen in mehreren europäischen Ländern, haben in der Regel eine gute Chance, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Sie bewerben sich auf Englisch, bringen vielleicht noch andere Sprachen mit, haben somit gute Zugangsvoraussetzungen, um sich in dem Aufnahmeland zurechtzufinden. Das sind keine traumatisierenden Fluchtgeschichten, die sich auf die Kinder abfärben oder an sie weitergegeben werden können. Sie sind aus politischen oder aus wirtschaftspolitischen Gründen geflohen, vielleicht auch, weil sie aus welchen Gründen auch immer ihre Arbeit in der Türkei verloren haben. Diese Eltern sind in der Lage, ihre Kinder, beispielsweise in der Schule, zu unterstützen. Ganz anders ergeht es Menschen, die sich nach der Flucht erst einmal um existenzielle Fragen kümmern müssen, erst einmal sicher ankommen müssen, bevor sie sich um Arbeit oder Schule kümmern können. Der Unterschied liegt im Einstieg der Kinder und Jugendlichen und der ist hier schon sehr groß.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Rolle spielt sicherlich die Frage, ob die Berufs- und Studienabschlüsse der Eltern in Deutschland anerkannt werden oder nicht.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Damit steht und fällt es. Wir haben jetzt das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das – so würde ich es sagen – schon einige Fortschritte ermöglicht, aber doch nicht der große Wurf ist. Eigentlich sollten Menschen, die hier ankommen, <u>sofort</u> eine Arbeitserlaubnis erhalten, auch während der Zeit, in der ihr Asylverfahren noch läuft. Wir wissen, dass die Integration über die beruflichen Aspekte alles Weitere erleichtert. Das wissen wir aus den Berichten der Expert:innen in den Arbeitsämtern, aus den Erzählungen der Betroffenen. Die Erwerbstätigkeit ist zentral. Sagen zu können: „Ich sorge für mich selbst, ich bin nicht auf Sozialleistungen angewiesen.“ So erleben sich Menschen als durch ihre eigene Kraft angekommen. Es ist eine grundlegende Erfahrung von Selbstwirksamkeit…</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: … die sich dann auch auf die Kinder überträgt. Aber die deutsche Politik ist da ja noch ziemlich ängstlich.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>So kann man das diplomatisch sagen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine andere Gruppe wären noch die Kinder der dritten oder gar vierten Generation, Kinder und Jugendliche, die von Lehrkräften, von Fachkräften migrantisch gelesen werden. Wie sieht es bei dieser Gruppe aus?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Erfahrungsgemäß kommt es auch da wieder auf die soziale Schichtung, die sogenannte „Klassenzugehörigkeit“ an. Die Problemlagen unterscheiden sich dann nicht von denen der Herkunftsdeutschen. Ich nenne ein Beispiel, ein junger Mensch der vierten Generation, der, als „younger carer“, Care-Aufgaben in der Familie übernimmt. Zu dieser Care-Arbeit gehören die Versorgung der Geschwister, die Versorgung eines kranken Elternteils oder der Großeltern, die Begleitung zum Arzt, zu Ämtern. Bedeutsam ist die Übersetzungsleistung, die Jugendliche oft übernehmen müssen. Sie gewährleisten, dass der Alltag funktioniert. Vor allem Mädchen! </em></p>
<p><em>Das ist keine Aufgabe, die Minderjährige stemmen sollten, neben Schule, Freizeit, eigener Orientierung, bei ihrer Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Insofern unterscheiden sich diese jungen Menschen nicht unbedingt von denen mit deutscher Herkunftsgeschichte. Aber die Problemsituationen, die Belastung können sich verstärken, für den Fall, wenn dieser junge Mensch die Aufgabe und Rolle eines Erwachsenen einnimmt, damit die Eltern gut durch den Alltag kommen, nicht zuletzt dann, wenn der Aufenthaltsstatus der Eltern nicht abgesichert ist. Das betrifft die dritte oder vierte Generation der Nachkommen von sogenannten Gastarbeitern, von denen du gesprochen hast, nicht automatisch, aber auch da gibt es solche Fälle. Solche Unsicherheiten färben sich auf die Kinder und Jugendlichen ab. </em></p>
<h3><strong>Stereotype der Fachkräfte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung durch die Fachkräfte in unterschiedlichen Settings, in der Kindertagesseinrichtung, in der Schule, der außerschulischen Jugendarbeit, von den Offenen Türen bis zur Jugendverbandsarbeit.? Unterschiedliche oder stärkere Formen der Rassifizierung, verweigerter Inklusion? Was wissen Fachkräfte? Ich nenne ein Beispiel: ein Kind aus einem anderen Land hat gelernt, Respektpersonen wie beispielsweise den Lehrer:innen nicht in die Augen zu schauen. Das Kind schaut auf die eigenen Füße und der Lehrer sagt, das Kind kann mir nicht in die Augen schauen, das hat bestimmt etwas zu verbergen. Das ist nur ein Beispiel interkultureller Missverständnisse.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Wir erleben immer wieder, dass viele Fachkräfte der Sozialen Arbeit Stereotype als abrufbar besitzen, die sie nicht kritisch reflektieren, die ich auch immer wieder höre, wenn ich mit Fachkräften spreche. Kinder aus sogenannten „fremden Kulturen“ sind oft Projektionsflächen, Projektionen der „Kulturlosigkeit“, des „fehlenden Benehmens“, der „fehlenden Anpassungsfähigkeit“. Das sind die drei Punkte, die immer erwähnt werden: „Bei uns ist das so, bei denen ist das anders.“ Solche verinnerlichten Stereotype führen ein Eigenleben. Es wird oft sogar als störend, als lästig empfunden, das reflektieren zu sollen. Es ist ähnlich wie bei männlichen oder weiblichen Stereotypen. Ich spreche von einer gesellschaftlichen Einverleibung dieser Stereotype. </em></p>
<p><em>Das ist die eine Baustelle. Die andere Baustelle: Wir haben viel zu wenig flächendeckende obligatorische Inhalte der rassismuskritischen Arbeit und der Migrationspädagogik in der universitären und in der außeruniversitären Ausbildung. Hier könnten die entsprechenden Kompetenzen eingeübt werden, um sich in einer pluralen Gesellschaft mit plural orientierten, mit diversen Adressat:innen zurechtzufinden. Das wird einfach abgekoppelt. Ich erlebe oft, dass das Erlernen dieser Kompetenzbereiche von vielen nicht als integraler Bestandteil ihres Handwerks begriffen wird, sondern als etwas, für das zusätzliche Zeit aufgewendet werden muss. Das ist ein Denkfehler, denn die Arbeit mit Menschen findet immer in einem diversen und pluralen, in einem strukturellen Umfang statt. Das wird aber weder bewusst wahrgenommen noch ist es Teil des beruflichen Selbstverständnisses. Diese Stereotype entladen sich oft einfach verbal, verletzten oft auch die Kinder. Kinder und Jugendliche können das nicht einordnen, auch wenn diese Stereotype erst einmal gar nichts mit ihnen zu tun haben, weil sie den Lehr- und Fachkräften in einem asymmetrischen Machtverhältnis begegnen. Kinder und Jugendliche können das nicht auffangen, es ist auch nicht ihre Aufgabe.</em></p>
<p><em>Kurz: die Fachkräfte als Expert:innen müssen sich in einem diversen Umfeld orientieren, sie müssen diversitätssensibel arbeiten können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie reagieren deine Studierenden?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt sehr stark davon ab, woher die Studierenden selbst kommen. In einer Metropolregion wie Frankfurt am Main ist das deutlich leichter als in ländlich geprägten Räumen. Es gibt in diesen Räumen eher ein homogenes Umfeld, in dem die Studierenden wenig oder keinen Kontakt mit „<u>den</u> Migranten“ haben. Das bezeichnen sie dann auch so: „Ich habe nicht so viel mit <u>den</u> Migranten zu tun.“ Ich schlage ihnen dann vor, sich einfach einmal die Straße anzuschauen, in der sie zu Mittag essen gehen. </em></p>
<p><em>Es ist erst einmal ein Schock für die Studierenden, wenn sie mit Verhältnissen konfrontiert sind, die hoch divers sind. Eigentlich müsste dieser Schritt deutlich früher stattfinden, unabhängig von der Figuration „migrantisch“. Wir müssen als Lehrende, auch schon in den Schulen dafür sorgen, dass Diversität nicht bloß etwas mit Migration zu tun hat. Es hat etwas mit der Gesamtgesellschaft zu tun und lässt sich auf Geschlecht, Familienbilder (Patchwork- wie Regenbogenfamilien), sexuelle Orientierung übertragen. Das muss bewusst werden und eingeübt werden, auch wenn man erst einmal niemanden trifft, auf den das ein oder andere Merkmal oder vielleicht sogar mehrere zutreffen. </em></p>
<p><em>Das heißt: Weg von einem Sozialtyp des hilfsbedürftigen, fremden Migranten, der als komisch wahrgenommen oder abgelehnt wird, den man uns anpassen müsste, zu einem großzügigen Diversitätsbewusstsein. Ich möchte das als „großzügiges Diversitätsbewusstsein“ bezeichnen, mit den entsprechenden Kompetenzeinübungen. </em></p>
<h3><strong>Diversitätsbewusstsein</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du sprichst von Diversitätsbewusstsein, das ist noch etwas mehr als Diversitätssensibilität. Wie kann man das trainieren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Durch grundlegendes theoretisches Wissen zunächst über die Geschichte des eigenen Landes. Da bleiben schon viele auf der Strecke. Die Stunde Null ist die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die wird als ein ziemlich homogenes Konzept verstanden.</em></p>
<p><em>Auf dieses Phänomen stoße ich immer wieder und zunehmend. Ich finde das spannend, mir klarzumachen, dass es hier Vorstellungen über die Bundesrepublik gibt, die völlig homogen sind. Die jungen Studierenden haben oft ein Bild der 1950er Jahre im Kopf. Bewusst ist ihnen das nicht. Die Hartnäckigkeit dieses Bildes habe ich nicht für möglich gehalten. Ich wurde eines Besseren belehrt. Aber Empirie schlägt die Konstruktion der eigenen Bilder. Spätestens seit den 1990er Jahren haben wir manches in den Curricula verankert, in einem relativ breiten Segment. Es wäre einiges möglich, aber es reicht leider einfach nicht.</em></p>
<p><em>Ich versuche dann bei historischen Aspekten anzusetzen, beispielsweise bei der Zerstörung der jüdischen Sozialarbeit in Deutschland, an Vorstellungen des pluralen Deutschlands. Bei der historischen Betrachtung der sozialen Arbeit wird dann oft eingeworfen: „Als Hitler an die Macht kam“. Ich sage dann jedes Mal: „Hitler kam nicht an die Macht, er wurde an die Macht gewählt und er wurde ernannt.“ Damit fängt es an. Ich versuche peu à peu die Wiederaufnahme des Pluralismus in der Bundesrepublik anzusprechen. Du hast eben die dritte und vierte Generation der sogenannten „Gastarbeitergeneration“ erwähnt. Ich erlebe immer häufiger, wirklich spannend, junge Menschen, deren Großeltern eingewandert sind, die dann sagen, ja, mein Großvater hat das mal erwähnt, aber er hat nie darüber gesprochen. Diese jungen Menschen machen sich mit diesem Erkenntnismoment dann auf die Suche als angehende Sozialpädagog:innen. Sie entdecken über die eigene Familiengeschichte die Kompetenzbereiche, die notwendig sind, damit sie adressatengerecht arbeiten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diversität wird über die Familiengeschichte entdeckt.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist der Effekt, den ich beobachte. Wie nachhaltig das sich dann im Berufsleben auswirkt, ist eine andere Frage. Es sind aber junge Menschen, die auf den Arbeitsmarkt kommen, aber sich kaum Gedanken gemacht haben, wie ihre Großeltern nach Deutschland kamen, wo und wie die Eltern in die Schule gingen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant wären auch die Familiengeschichten der Deutschen. Die Zuwanderung aus Polen im Ruhrgebiet, die Zuwanderung der Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten nach 1945. Homogen war Deutschland nach 1945 nicht, abgesehen von der dann 1949 endgültig vollzogenen Teilung von Bundesrepublik und DDR. Auch der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wird von vielen ignoriert, so als habe sich insgesamt aus der Sicht des Westens gar nichts verändert. All das wäre eigentlich eine Aufgabe des Geschichts- und Politikunterrichts in den Schulen, aber das ist eine andere Frage. Wie diversitätsbewusst sind deine deutschen Studierenden?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist sehr unterschiedlich, je nach schulischer Vorprägung und Ausbildungsort und vor allem Wohnort oder Alltagserlebnis und folglich Beziehungsgestaltung. Letzteres bedeutet, dass hier Alltagskontakte ausschlaggebend sind, die quasi die Grundlage der hochdiversen Gesellschaft bilden und folglich einen selbstverständlichen Bestandteil des eigenen Alltags auf der Kontaktebene bedeuten. Ein Bewusstsein für Diversität bedeutet zunächst einmal sich darüber klar zu werden, dass die Gesellschaft, in der wir leben per se divers IST, dass Menschen divers sind – und dass hier Diversität nicht über Migration oder migrationsgesellschaftliche Verhältnisse ausschließlich sowie obsessiv in den „Tunnelblick“ genommen werden kann. Diversität besteht auch ohne Migration.</em></p>
<p><strong>Lehr- und Fachkräfte mit Zuwanderungsgeschichte</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wieder zurück zu den Studierenden, die eine internationale Familiengeschichte haben oder die diese in deinen Kursen entdecken. Für Lehrkräfte gibt es in mehreren Ländern Netzwerke von Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte. In der Politik heißt es oft, man müsse nur mehr Migrant:innen einstellen, dann würde sich das Problem mit der sogenannten <em>„Integration“</em> schon richten. Ich halte das für etwas naiv.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Vor zehn oder fünfzehn Jahren hätte ich das auch so formuliert. Mein Blick hat sich jedoch gewandelt. Ich fange mal so an. Ein Mensch mit einem sogenannten „Migrationshintergrund“ im Lehramt macht noch keinen guten Pädagogen aus, der sich in einem pluralen Setting automatisch positionieren kann. Das sind eben keine Automatismen. Andererseits gibt es so etwas wie Erfahrungswissen, ein Begriff, der vor allem in der feministischen Theoriebildung Bedeutung hat. Das bedeutet, dass Menschen, die eine Lehramtsausbildung aufnehmen und migrationsbiografische Elemente mitbringen, sich vielleicht doch besser orientieren können, nicht nur im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, sondern auch im Umgang mit den Eltern.</em> <em>Das wird oft vergessen: Schule ist nicht nur Unterricht für junge Menschen, sondern auch Elternarbeit. Das muss Hand in Hand gehen. </em></p>
<p><em>Zum Netzwerk, das du eben nanntest: ich habe im letzten Jahr an einer Tagung teilgenommen, zu der ich eingeladen war. Ich war sehr beeindruckt von den unterschiedlichen Herkunftsgeschichten und von der Arbeit mit den Schüler:innen und den Eltern, den anstehenden Fragen, die oft auch herkunftsspezifische Fragen sind. Ein Klassiker sind die Feiertage. Oder wie geht man mit Diskriminierungsfragen bei der Suche nach einem Praktikums- oder Arbeitsplatz um? Hier können die Lehrkräfte – wenn sie gut ausgebildet sind – mit ihrem eigenen Erfahrungswissen, das sie mitbringen, gut unterstützen. Ich würde aber dringend vor einem Automatismus warnen. Die eigene Migrationsgeschichte reicht natürlich nicht aus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einstellung mancher Politiker:innen ließe sich vielleicht so karikieren, als wären alle Herkunftsdeutschen nur weil sei Deutsch sprechen in der Lage, ein Seminar über Thomas Mann durchzuführen.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>… oder einen schweizerischen oder österreichischen Dialekt zu verstehen. Ich sage meinen Studierenden immer, überlegt euch mal, ihr kommt in eine ganz andere deutschsprachige Region, geht einmal nicht davon aus, dass ihr alle versteht, nur weil ihr Deutsch kennt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oberdeutsch wie Niederdeutsch. Dialekte verorten manche nur im Süden, gibt es aber auch im Norden. Diejenigen, die in den Netzwerken mitmachen, sind irgendwie doch eine privilegierte Auswahl.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Sie sind gut im Beruf angekommen, haben eine gute Ausbildung. Und sie sind alle deutsche Beamt:innen. Aber sie haben sich auch hochgearbeitet. Ich kenne einige persönlich. Wirklich gut aufgestellt ist das </em><a href="https://www.lmz-nrw.de/"><em>Netzwerk in Nordrhein-Westfalen</em></a><em>. Darunter sind einige Menschen, die über den Zweiten Bildungsweg gekommen sind. Ich habe einen sehr hohen Respekt vor ihnen und ihrem Lebensweg. </em></p>
<p><em>Die Frage nach der Anwerbung für pädagogische und soziale Berufsfelder enthält jedoch auch noch eine andere Frage. Wir haben eine Schieflage an den Universitäten. Nur ein Bruchteil kommt aus sogenannten Arbeiterfamilien. Was auch immer das heißt. Das sind Familien, in denen die Eltern keine akademischen Abschlüsse besitzen. Ich habe vor Kurzem noch die Zahl gelesen, nur etwa 20 Prozent kommen aus Haushalten, in denen die Eltern nicht studiert haben. Wenn wir genauer hinschauen, stellen sich dann mehrere Fragen, zum Beispiel wer begleitet diese jungen Menschen, wer sagt ihnen, auch du kannst das studieren, für dich stehen diese Studiengänge offen, du wirst gebraucht. Dieses Selbstverständnis wird aber nicht eingeübt, und zwar in einer Alterspanne <u>vor</u> dem Schulabschluss, in der Schule, im Alltag. Wir brauchen – bundesweit – mehr Multiplikator:innen, die in diesen sehr sensitiven Phasen an die Schulen herantreten und gezielt auf diese Jugendlichen zugehen: „Schau mal, das kannst du auch studieren, du kannst auch Lehrerin werden, du kannst deutsche Beamtin, deutscher Beamter werden.“ Ich möchte das nicht generalisieren, aber wenn wir uns die 20 Prozent anschauen, sehen wir immer wieder die gleichen schwierigen Voraussetzungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Lehrberuf war lange Zeit der klassische Aufstiegsberuf. Die ersten Akademiker:innen waren in vielen Familien Lehrer:innen, zunächst die jungen Männer, später auch die jungen Frauen. Inzwischen ist der Lehrberuf zumindest für jüngere Männer nicht mehr attraktiv, wohl aber für junge Frauen. Der Beruf ist inzwischen ein weitgehend weiblich geprägter Beruf, sodass es inzwischen sogar Bestrebungen gibt, junge Männer für diesen Beruf zu begeistern. In den Berufen der Sozialen Arbeit sieht es ähnlich aus. Über die Erfolgsaussichten dieser Bestrebungen möchte ich jetzt nicht spekulieren. Wie sieht das bei migrantischen Familien aus?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>In migrantisch geprägten Familien ist der Lehrberuf viel besser angesehen als in herkunftsdeutschen Familien. Das Wissen einer Lehrkraft, das Unterrichten haben einen deutlich höheren Stellenwert. In herkunftsdeutschen Familien spielen jedoch die fehlenden Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten in pädagogischen und sozialen Berufen eine Rolle. Was auch immer Karriere meint. Aber dies ist gerade bei jungen herkunftsdeutschen Männern ein Grund, den Lehrberuf nicht zu wählen. In migrantischen Familien ist der Beruf noch ein wichtiger Aufstiegsberuf. Es spielt eine ganz wichtige Rolle, dass es um „unsere“ Kinder geht, es gibt auch den Wunsch, der Gesamtgesellschaft etwas zurückgeben zu wollen. Das ist eine ganz hohe Motivation, die sich bei der Nacherzählung der Biographien von jungen Menschen aus migrantischen Familien immer wieder bestätigt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hört sich nach einer guten Perspektive an.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ja, das ist eine Perspektive. Ich bin da ganz optimistisch.</em></p>
<h3><strong>Blindheit auf dem rechten Auge</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es auch Entwicklungen, die Sorgen bereiten?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Wir haben es leider auch in der Sozialen Arbeit mit Studierenden zu tun, die rechtspopulistische Ansichten verinnerlicht haben. Deren Ansichten führen dazu, dass sie den menschenrechtlichen Charakter der Profession nicht verstehen. Das erlebe ich jetzt im zweiten Jahr mit großer Sorge. Es wird überhaupt nicht erkannt, dass solche Einstellungen mit der Ausrichtung der Sozialen Arbeit nichts zu tun haben. Wir haben allerdings sogar rechtspopulistisch eingestellte junge Menschen, die ganz gezielt in die Soziale Arbeit gehen. Das haben wir als Problemfeld noch viel zu wenig auf der Agenda. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Früher war die Soziale Arbeit ein in der Wahrnehmung eher links besetztes Feld. Es gab ja mal in der Zeit, als es darum ging, ein Bundesgesetz für die Kinder- und Jugendhilfe zu schaffen, das heutige SGB VIII, einen Brief von Franz Josef Strauß, er werde eine solche gesetzliche Regelung verhindern, weil er nicht wolle, dass diese linken Sozialarbeiter in die guten Familien gingen und die kaputtmachten. Das sieht heute kaum noch jemand so. Im Gegenteil: es wird von allen demokratischen Parteien immer wieder gefordert, wir bräuchten mehr Sozialarbeiter:innen, gerade auch in den Schulen. Kann man aber von einem Trend sprechen, dass jetzt rechtsgerichtete Sozialarbeiter:innen den Beruf nutzen, um ihre Propaganda zu platzieren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das weiß ich nicht. Dazu müsste ich mich noch mehr mit meinen Kolleg:innen austauschen. Ich sehe aber zwei Faktoren, die einen solchen Trend begünstigen könnten. Einmal haben wir einen Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit. Zweitens haben wir einen Mangel an männlichen Sozialarbeitern. Diese beiden Faktoren begünstigen meines Erachtens eine Blindheit auf dem rechten Auge. Die Arbeitgeber schauen viel zu wenig auf die Haltung der Bewerber. Sie können problematische Haltungen in Vorstellungsgesprächen nicht dechiffrieren. Und wenn eh schon eine Einstellung gegen Migration, gegen Diversität gegeben ist, wird diese schon gar nicht als rechtspopulistisch und menschenfeindlich eingeordnet. Wir haben ein politisches Vakuum, in Gebieten, die von starker Abwanderung geprägt sind, im eher ländlichen Raum, wo anti-diverse, anti-migrantische Einstellungen akzeptiert werden. Diese strukturelle Problematik haben wir durchaus. Ich denke, beobachten zu können, dass sich hier ein Phänomen entwickelt hat, dass eine weitere negative Entwicklung noch verstärken könnte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann könnten sich migrantische Kinder und Jugendliche vor die Alternative gestellt sehen: Anpassung oder Ausreise. Dazwischen gibt es dann nichts. Der <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-92575-6_1">Gedanke der <em>„akzeptierenden Jugendarbeit“</em></a>, den Franz Josef Krafeld entwickelt hatte, bekommt dann noch einmal eine ganz andere Ausrichtung. Franz Josef Krafeld hat die Kritik an seinem Ansatz aufgenommen und die <em>„akzeptierende Jugendarbeit“</em> <a href="https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=2663625">zur <em>„gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit“</em> weiterentwickelt</a>. Ob dies ausreicht, wäre eine weitergehende Frage. Ich befürchte, dass die aktuelle gesellschaftliche migrations- und in Teilen menschenfeindliche Stimmungslage im Gegenzug Radikalisierungsprozesse auf der migrantischen Seite befördern könnte. Dann steht die eine menschenfeindliche Position der anderen menschenfeindlichen Position gegenüber und das bleibt kein Stalemate.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das könnte ein realistisches Szenario sein. Wir können davon ausgehen, dass rechtspopulistische Fachkräfte auch negative Einstellungen gegenüber Frauen und Mädchen und gegenüber nicht-binären Menschen haben, die sie anfeinden, abwerten oder gar ausschließen. Dieses Ausschließen kann zu Mobbingstrukturen führen, zu Gewalttätigkeiten, eben auch unter den Jugendlichen. Ich würde mir das Menschenbild bei Bewerbungsgesprächen schon einmal genauer anschauen, es ist ein sehr einseitiges Menschenbild.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2024, Internetzugriffe zuletzt am 4. April 2024. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Demokratie wagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jan 2024 06:26:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Demokratie wagen Ein Gespräch mit dem Aktivisten, Verleger und Buchautor Klaus Farin „Im Grunde kämpfen sie nämlich nicht gegen mich, sie kämpfen gegen sich selbst. Sie fürchten Sympathie für ihr Feindbild, das sie eigentlich hassen sollen, wie der Teufel das Weihwasser. Sie würden alles tun, damit da nichts rausblubbert. Ihr größter Feind sind ihre  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Aktivisten, Verleger und Buchautor Klaus Farin</strong></h2>
<p><em>„Im Grunde kämpfen sie nämlich nicht gegen mich, sie kämpfen gegen sich selbst. Sie fürchten Sympathie für ihr Feindbild, das sie eigentlich hassen sollen, wie der Teufel das Weihwasser. Sie würden alles tun, damit da nichts rausblubbert. Ihr größter Feind sind ihre eigenen Gefühle. / Sollte sich da was entwickeln, das wissen sie, sind sie geliefert. Vorbei mit dem Alles-auf-andere-Schieben, vorbei, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen.“ </em>(Mo Asumang, Mo und die Arier – Allein unter Rassisten und Neonazis, Frankfurt am Main, Fischer, 2016)</p>
<p>Klaus Farin und Mo Asumang haben einen vergleichbaren Arbeitsstil. Sie haben sich beide in die Höhle der Löwen begeben, von denen sich manche als kleine Katzen herausstellten. Ein Fazit: Demokratie hat etwas mit Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit zu tun, Rassismus und Extremismus damit, dass dies fehlt.</p>
<p>Dies ist Thema dieser Dokumentation des Gesprächs mit Klaus Farin, ebenso wie utopische Entwürfe der Vergangenheit, die uns auch heute noch viel zu erzählen haben. In den über 50 Jahren seines Engagements hat er sich nicht nur aus der Ferne mit Jugendkulturen und ihren Verknüpfungen zur Gestaltung der Demokratie befasst, er hat das direkte und offene Gespräch mit schwierigen Szenen gesucht, mit Neonazis, Skingruppen, Punks, Jesusfreaks, die er in seinen Büchern hat zu Wort kommen lassen. Er hat festgestellt, dass es eine Menge Wege gibt, Menschen für die Demokratie (zurück) zu gewinnen und Extremismus erfolgreich zu bekämpfen.</p>
<p>Klaus Farin wurde 1958 in Gelsenkirchen geboren. Er lebt seit Mitte der 1970er Jahre in Berlin. Die Gesamtauflage seiner Bücher liegt bei über 300.000 Exemplaren, Auszüge erschienen in zahlreichen Schulbüchern. Er ist Gründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer des <a href="https://shop.hirnkost.de/impressum/">Hirnkost-Verlags</a>. <a href="https://klausfarin.de/">Auf seiner Internetseite</a> bewirbt Klaus Farin den von ihm mitgestalteten „<a href="https://www.hirnkost.de/wp-content/uploads/2023/07/Kongress-der-Utopien-2023-2025-Konzept-kurz.pdf">Kongress der Utopien</a>“, ein Projekt, das er gemeinsam mit mehreren Aktivist:innen, Zukunftsforscher:innen und Expert:innen der Science Fiction auf den Weg gebracht hat. Auch der Demokratische Salon beteiligt sich.</p>
<p><a href="https://www.deutscher-verlagspreis.de/presse-detailseite/preistraeger-des-deutschen-verlagspreises-2021.html">Der Hirnkost-Verlag erhielt 2021 und 2022 den Deutschen Verlagspreis</a>. Klaus Farin erhielt 2019 für seine <em>„Verdienste um die Jugendforschung“</em> das Bundesverdienstkreuz des Bundespräsidenten.</p>
<h3><strong>Hinein in die Berliner Szenen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würdest du dich in einigen wenigen Sätzen vorstellen?</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-4267 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/journal-der-jugendkulturen-no-11-600x600-1-e1705386251912-295x300.jpg" alt="" width="295" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/journal-der-jugendkulturen-no-11-600x600-1-e1705386251912-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/journal-der-jugendkulturen-no-11-600x600-1-e1705386251912-200x203.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/journal-der-jugendkulturen-no-11-600x600-1-e1705386251912-295x300.jpg 295w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/journal-der-jugendkulturen-no-11-600x600-1-e1705386251912.jpg 299w" sizes="(max-width: 295px) 100vw, 295px" />Klaus Farin</strong>: <em>Ich komme aus der politischen Bildung. Das habe ich schon als 16-/17-Jähriger gemacht, Vorträge, Workshops, beim </em><a href="https://www.aktuelles-forum.de/"><em>Aktuellen Forum</em></a><em> in Gelsenkirchen, für die Volkshochschule. Ich habe als Journalist gearbeitet, angefangen mit der Schülerzeitung, für verschiedene Tageszeitungen, beispielsweise für die </em><a href="https://www.waz.de/"><em>WAZ</em></a><em>. Inhaltlich war mein Schwerpunkt Jugendkulturen und Subkulturen. Als Jugendlicher interessiert man sich natürlich mehr für solche Szenen als für die Grauen Panther. Dazu habe ich Bücher geschrieben und 1997 das </em><a href="https://jugendkulturen.de/"><em>Archiv der Jugendkulturen</em></a><em> gegründet. Daraus entstanden 2010 die </em><a href="https://respekt-stiftung.de/"><em>Stiftung Respekt</em></a><em> und im Jahr 2003 der </em><a href="https://shop.hirnkost.de/impressum/"><em>Hirnkost-Verlag</em></a><em>, eine Gründung des Archivs der Jugendkulturen. Heute arbeite ich im Wesentlichen ehrenamtlich als Geschäftsführer des Hirnkost-Verlages.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamst du von Gelsenkirchen nach Berlin?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Ich wollte immer schon in die Großstadt, und die einzig relevante Großstadt war für mich Berlin. Schon als ich mit 13, 14 Jahren zum ersten Mal da war, war klar: Ich will nach Berlin. Da gab es Subkultur, da gab es Punks, Hausbesetzer und so weiter. Seit ich 17 war, bin ich nach Berlin getrampt, habe bei Freunden gewohnt und bekam irgendwann – Anfang 1980 – in einer Kneipe in Kreuzberg eine Wohnung angeboten, mit 121 DM Miete.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine WG?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Das war schon eine kleine Wohnung für mich, Hinterhof, in Neukölln, das konnte man nicht ablehnen. Am nächsten Tag bin ich eingezogen. Ich war eh immer in Berlin. Und als Journalist ist es eigentlich egal, wo man wohnt. In Berlin gibt es natürlich viel mehr Themen. Ich war Kulturjournalist und habe viel über Filme geschrieben, Musik und Literatur. Ich habe für den „Vorwärts“ von der Berlinale berichtet. Ich konnte viele Interviews machen, weil die, die ich interviewen wollte, ohnehin in Berlin waren. Ich habe aber auch weiterhin für den WDR, den Deutschlandfunk und nicht zuletzt für den Kinderfunk des RIAS gearbeitet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war das West-Berlin der späten 1970er und der 1980er Jahre. Dann kam der Mauerfall am 9. November 1989.</p>
<div id="attachment_4271" style="width: 262px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4271" class="wp-image-4271 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto-252x300.jpg" alt="" width="252" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto-200x238.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto-252x300.jpg 252w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto-400x476.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto-600x714.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/KF-pressefoto.jpg 633w" sizes="(max-width: 252px) 100vw, 252px" /><p id="caption-attachment-4271" class="wp-caption-text">Klaus Farin. Pressefoto.</p></div>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Für uns West-Berliner war die Öffnung der Mauer gar nicht so einschneidend. Es waren nur viele neue Menschen mit diesen kleinen, etwas anders riechenden Autos in der Stadt. Auch Deutsche, aber irgendwie anders als wir. Unser Leben hatte sich nicht verändert. Für Ostdeutsche hat sich alles verändert, das System, das Leben. Als Westdeutsche, als Westberliner konnte man das lange Zeit ignorieren. Die Folgen waren natürlich nachhaltig, die Diversifizierung der Stadt, die kommerzielle Aufwertung, die vielen Möglichkeiten, die Berlin vorher nicht hatte, auch weil Berlin beides hatte, Ost und West, was auch für den Tourismus interessant war.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Veränderte sich deine journalistische Arbeit mit dem Mauerfall?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Zu dem Zeitpunkt habe ich eigentlich kaum noch als Journalist gearbeitet, vor allem nicht als aktueller Journalist. Ich habe noch Kinderfunk gemacht und Literaturkritiken für den Deutschlandfunk. Der Grund war, dass ich es erbärmlich fand, wie Medien mit dem Thema Jugend umgingen. Je mehr man sich in einem Thema auskennt, umso mehr merkt man, wie sensationsheischend und oberflächlich es in den Medien verhandelt wird. Das hat mich immer mehr genervt. Deswegen habe ich immer mehr politische Bildung gemacht, Hintergrundrecherchen, viele Reisen. Das hat gut funktioniert. Ich hatte immer aktuelle Bücher auf dem Markt, die sich verkauften. </em></p>
<p><em>Außerdem hat man mir damals dauernd Stellen angeboten. Das war eine Horrorvorstellung für mich. Ich habe nie als festangestellter Redakteur gearbeitet. Ich wollte immer Freiberufler bleiben, nicht fest in eine Redaktion eingebunden. Deshalb musste ich auch beim Kinderfunk aufhören. Die Vorstellung, bis zur Rente in einer Redaktion oder einem Rundfunkhaus zu sitzen und immer das Gleiche zu machen, war für mich wirklich ein No Go. Dazu bin ich viel zu hyperaktiv.</em></p>
<h3><strong>Ein anderer Blick auf Jugendkulturen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat dich denn konkret an der journalistischen Arbeit über Kinder- und Jugendthemen gestört? Manches kann ich mir schon vorstellen, wenn ich an den Spiegel-Titel <em>„Tollhaus Schule“</em> denke. Solche Titel gab es in der damaligen Zeit immer wieder und gibt es auch heute noch, nur mit dem Unterschied, dass als Verantwortliche für dieses <em>„Tollhaus“</em> ganz bestimmte Gruppen von Menschen ausgemacht werden, deren Vornamen dann in den Parlamenten abgefragt werden.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Für alle Medien gilt, dass die schlechte Nachricht die gute ist. Das gilt auch heute, gerade in den Zeiten verschärfter Konkurrenz. Printmedien stehen unter Druck, ebenso das Fernsehen seit der Gründung der vielen privaten Kanäle. Da müssen die Schlagzeilen immer größer werden, die Zeit für seriöse Recherchen wird immer kürzer. Ein Thema ist nicht mehr wochenlang aktuell, sondern nur wenige Tage. Das hat die Qualität erheblich verschlechtert. Bei Jugendlichen speziell ist das ohnehin so. Die Erwachsenenwelt glaubt eh immer alles, was bei Jugendlichen schlecht sein soll, denn die müssen ja schlechter sein als wir es damals waren. Die Gesellschaft benutzt Jugendliche immer als Sündenbock für ihre eigenen Fehler. Man diskutiert Rassismus am Beispiel von Jugendlichen, obwohl wir wissen, dass das Hauptwählerpotenzial der AfD nicht bei 16-18-Jährigen liegt, sondern bei 35- bis 55-jährigen Männern. Drogen, Alkohol, Gewalt, all das wird immer am Beispiel Jugend diskutiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Kehrseite ist die Forderung nach Dienstpflichten für Jugendliche. Von Dienstpflichten für andere Altersgruppen ist nur selten die Rede, es sei denn, es geht um Langzeitarbeitslose und Asylbewerber.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Es wird immer gefragt: Welche Probleme machen Jugendliche? Nicht: Welche Probleme haben sie? Heute im 21. Jahrhundert lässt man 14- oder 16-jährige mit wenigen Ausnahmen immer noch nicht wählen. Das ist völlig absurd. Mit denselben Argumenten hat man vor über 100 Jahren Frauen das Wählen verboten: Die sind zu emotional, die sind nicht kompetent, eigentlich wollen die gar nicht. Jugend ist daher ein besonders krasses Thema für das Missverhältnis zwischen Realität und Berichterstattung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Galt das auch für den Kinderfunk?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Als Kinderfunk hatten wir den Problemdruck nicht. Ich war beim RIAS-Kinderfunk, bei „Panther &amp; Co.“, der dann abgewickelt wurde, wie vieles Gute. Wir hatten jeden Sonntag eine Stunde Sendung. Da konnten wir viele Themen aufgreifen, die Kinder interessieren. Aber etwas änderte sich durch Glasnost und Perestroika: 1985 war ich das erste Mal in Moskau, als Gorbatschow gerade Generalsekretär der Kommunistischen Partei geworden war. In Begleitung von Udo Lindenberg bei den Weltjugendfestspielen. Wenige Jahre später hatten wir eine Kooperation zwischen dem russischen Kinderfunk und RIAS. Ich habe in Moskau mit Kinderbuchautoren sprechen können. Zu Ostern hatten wir Sendungen über verschiedene Osterbräuche der Menschen in Berlin, die ja damals schon aus über 150 Ländern kamen. Wir haben damals mit Rafik Schami und Erich Fried gearbeitet. Der Kinderfunk war in Deutschland in der Regel sehr engagiert. Sendungen, die mit dem pädagogischen Zeigefinger arbeiteten, waren eher die Ausnahme.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach 1989 wurden viele Kinderbücher und Kinderfilme aus Osteuropa im Westen bekannt, auch aus der DDR. Dazu gehören richtige Schätze.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Es ist kein Zufall, dass ich russische Kinderbuchautoren erwähnte. Die waren nicht unbedingt systemkonform. Es gab damals sehr viele kritische Kinderbuchautoren, auch tolle Zeichner, Illustratoren. Da war viel zu holen. Die kannte man in Westdeutschland nicht. Heute sind die allerdings kaum noch auf dem Markt. </em></p>
<p><em>Auffällig war, dass es in anderen Ländern, auch im skandinavischen Bereich, viel größere Vielfalt gab als bei uns. Viele Autorinnen und Autoren, die man hier nicht kannte und die auch viel besser waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und aus deiner intensiven Beschäftigung mit Jugendlichen entstand das Archiv der Jugendkulturen?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Das war die Konsequenz. Irgendwann haben wir zu mehreren Freunden entschieden, dieses Archiv zu schaffen, damit sich alle, die das wollen, dort informieren können. Wir haben Bücher, Tonträger, Sneakers, Aufkleber, authentische Fanzines und andere Schriften gesammelt. Zehntausende von Heften, die Jugendliche selber machten, Punk, Hiphop, Fußballfans. Wer es wissen wollte, auch Studierende, Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigten, konnten mit Originalmaterial arbeiten. Wir hatten bald an die 100 Menschen, jüngere Menschen aus Jugendszenen, die auch bereit waren, Vorträge zu halten, die Workshops an Schulen durchführten. Wir hatten „Culture on the Road“, einen Bus, mit dem wir mit zehn oder fünfzehn Leuten an eine Schule gefahren sind und einen ganzen Jahrgang mit Hiphop-Workshop, Punk, Tanzworkshops und allen möglichen Themen bespaßt und informiert haben. Wir haben Lehrerfortbildungen angeboten. Das war ein kleines Zeichen gegen die nicht sehr realitätsbezogene klischeehafte Berichterstattung in anderen Medien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem Verlagsprogramm gibt es auch einiges zum Thema Punk. Das war ja so eine Art Alternativkultur, die mit der Zeit wie so manch andere ehemalige Alternativkultur aber auch kommerzialisiert wurde.</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-4272 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/freaks-fur-jesus.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/freaks-fur-jesus-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/freaks-fur-jesus-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/freaks-fur-jesus-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/freaks-fur-jesus.jpg 300w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Klaus Farin</strong>: <em>Sicherlich. Ich selbst habe gar nicht so viel über Punk geschrieben, weil ich mich der Szene irgendwie zugehörig fühlte. Ich habe mich als Autor mehr mit anderen Szenen beschäftigt, die mir eher wesensfremd waren, weil ich da ja mehr lernen konnte. Wenn ich mich monatelang mit einer Szene beschäftige, möchte ich dabei etwas lernen. Das sind natürlich sehr unterschiedliche Szenen. Ich habe mich mit Neonazis beschäftigt, mit Hooligans, mit Jesusfreaks. Ich bin ein absolut nicht religiöser Mensch, die Begegnung mit den Jesusfreaks war eine Erfahrung der dritten Art für mich. Die Jesusfreaks – das war in den 1990er Jahren neu, interessant, wir wollten einfach wissen, was da geschieht. Wir haben die überall in Deutschland besucht, waren bei Festivals, zum Beispiel in Thüringen, wo junge Leute mehrere Tage lang Jesus gefeiert haben. Das war eine spannende Entdeckungsreise, aus der auch ein Buch entstanden ist. </em></p>
<p><em>Noch einmal zum Punk. Das ist eine sehr widersprüchliche Szene. Sie gilt oft als links, ist sie zum Teil, zum Teil nicht. Sie hat eine enorme Kreativität. Deshalb schreiben so viele Ex-Punks heute Bücher, schreiben Biografien, ihre Geschichten. Deshalb gibt es dazu auch mehr Angebote als zu anderen Szenen. Wir haben jetzt aus mehreren Regionen, Nürnberg, Hannover, Berlin, die Regionalgeschichte(n) des Punks aufbereitet. Das ist eine spannende Szene, mit einer langen Tradition. Wir haben natürlich auch über Techno, Hiphop veröffentlicht. </em></p>
<h3><strong>Allein unter Rechten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Neonazis: Ich habe mich einmal mit jemandem unterhalten, der mit den Deutschen Jungdemokraten sich in der DDR mit Vertretern der FDJ getroffen hat. Er berichtete, dass nach mehreren <em>„Braunen“</em> sein Gesprächspartner von der FDJ ihn gefragt hätte, was sie im Westen gegen Neonazis machten, das wäre auch in der DDR ein Problem. Offiziell gab es das ja nicht. Nachlesbar ist auch einiges zu diesem Thema in Biografien und nach 1989 veröffentlichten Tagebüchern, beispielsweise bei <a href="http://www.salli-sallmann.de/">Michael „Salli“ Sallmann</a> (erschienen in der von Ines Geipel und Joachim Walther herausgegebenen Reihe „Die verschwiegene Bibliothek“), der auch den Antisemitismus in der DDR beschrieb.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Für mich lag es nahe, weil ich in meiner Jugend aus der antifaschistischen Szene komme. Ich habe zum Beispiel Demonstrationen organisiert. Rechtsextremismus war schon in den 1970er und 1980er Jahren in Westdeutschland ein Thema, Michael Kühnen, die Wehrsportgruppe Hoffmann. Ich habe Material gesammelt, bin immer wieder hingegangen, zu Nazitreffen, Konzerten, habe mich mit rechten Hooligans – es gibt auch andere – getroffen und gefragt, was ist für die wichtig, wie kommt man in die Szene rein? Ich habe mich mit dem Schachgroßmeister Luděk Pachman getroffen, der in Westdeutschland sich in der „Konservativen Aktion“ engagierte, mit rechtem CDU-Rand, Republikanern, DVU-Treffen und mit Hardcore-Neonazis. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur am Rande, manche deiner damaligen Gesprächspartner vom rechten CDU-Rand dürften heute in der AfD ihre politische Heimat gefunden haben.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Ich wollte einfach begreifen, was führt Menschen in solche Szenen hinein? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Bei Jugendlichen passt ein Satz von Wilhelm Heitmeyer: Menschen, die wirklich glücklich und selbstbewusst leben, sind nicht anfällig für autoritäre und extreme Szenen. Das hat natürlich etwas. Wenn jemand in so einer Szene ist, ist er oder sie das nicht aus politischen Gründen. Einmal ist da die familiäre Prägung. Wächst man beispielsweise in einer rassistischen Familie auf? Wächst man selbstbewusst auf? Viele in der Szene waren so klein mit Hut, wenn sie auf sich selbst gestellt waren. Sie brauchten die Szene, um sich selbst ein wenig größer zu fühlen. Das gilt nicht für alle, es gibt auch andere, Professoren, Intellektuelle. Aber bei einem Großteil der jungen Leute, vor allem bei gewaltbereiten und gewalttätigen war das so. Das war das Einzige, was sie können: Halt’s Maul, sonst kriegst du eine drauf. Sie hatten nie gelernt, sich mit Reden, mit Argumenten durchzusetzen. Das war eine kleingeistige, ängstliche Welt. Das wirkt schon komisch, wenn man vor kräftigen jungen Männern von 1,80 und größer steht, mit denen man sich nicht anlegen möchte. Es war schon verwunderlich, wie ängstlich die waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie haben die auf dich reagiert?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Ich bin offen aufgetreten. Ich bin ein großer Fan von </em><a href="https://www.guenter-wallraff.com/"><em>Günter Wallraff</em></a><em>, den ich schon mit 17 Jahren kennengelernt habe. Er hat das Vorwort zu meinem ersten Buch geschrieben. Auch während der Anti-Bild-Zeit haben wir zusammengearbeitet. Bei jungen Leuten kann man aber nicht undercover auftreten. Wenn ich zu einem Neonazi-Konzert gegangen bin, habe ich mindestens ein Clash-T-Shirt angehabt, dazu einen roten Stern, außerdem hatte ich immer lange Haare, damit die Leute gleich wussten, dass ich anders bin. Das war nicht gefährlich. Ich war weiß, als Schwarzer wäre das schwieriger geworden, weil ich nicht zu ihrer Hauptopfergruppe gehörte. Ich war Journalist, das fanden die spannend. Und da ich zu ihnen ging, mussten sie sich nicht bedroht fühlen. Ich war allein, sie waren zu Hunderten. Ich war die einzige „Zecke“, wie sie das so sagten. Und da sie das sahen, kam ich mit ihnen ins Gespräch. Erst provokativ: Was willst du Zecke hier? Mit der Zeit bin ich dann nie rausgegangen ohne ein paar Telefonnummern, später auch E-Mail-Adressen, Zusagen, dass ich mit denen Interviews führen durfte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du kennst das Buch von Mo Asumang <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/mo_und_die_arier/9783596034437">„Mo und die Arier“</a>, auch ihren <a href="http://www.die-arier.de/">Dokumentarfilm „Die Arier“</a>. <em>     </em></p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Ja klar. Mo gehört ja wie ich auch dem Vorstand von Aktion Courage an, dem Träger von Schule ohne Rassismus. Sie brauchte sicherlich mehr Mut, weil sie als Afrodeutsche viel mehr zur Opfergruppe gehört. Sie ist allerdings auch Journalistin, das ist ein Schutzfaktor. Das zeigt, dass man so etwas wirklich machen kann, wenn man offen auftritt. Viele, vor allem junge Leute, die es gar nicht gewohnt sind, dass sich andere für sie interessieren, sind dann ganz offen. Ich bin ja nicht hauptsächlich zu irgendwelchen Stammtischen gegangen, wo der Jüngste um die 60 war, irgendwelche NPD- oder DVU-Treffen. Das waren Alte-Herren-Treffen, da war wenig zu holen. Die waren so kaputt, so rassistisch, in der Wolle braun gefärbt, dass man da nichts machen kann. Mit jungen Leuten kann man immer sprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hast du eine Idee, wie man es schafft, Leute aus einer solchen Szene herauszulösen? Wie soll ich die Übergabe beispielsweise einer Telefonnummer verstehen? Hilferufe? Oder denke ich zu sozialpädagogisch?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Nein, keine Hilferufe, es war einfach die Bereitschaft, ein Interview zu geben. Ich habe Bücher veröffentlicht, in denen sie zu Wort kamen. Ich habe auch Bücher über Skinheads veröffentlicht, in denen die zu Wort kamen, Skinheads aller möglichen Couleur. Antirassistische Sharpskins, linke Skins, schwule Skins, Skins, von denen kaum jemand etwas wusste, weil in den Medien Skins immer mit rechten Einstellungen identifiziert wurden. Ich habe einen ganzen Ordner von Briefen, in denen Leute mir schrieben, dass ihnen unser Skinheadbuch – ich habe es mit </em><a href="https://www.maerzverlag.de/autor-innen/eberhard-seidel/"><em>Eberhard Seidel</em></a><em> gemacht – die Augen geöffnet hat, dass es auch andere gibt, und sie hätten den Weg raus aus der Nazi-Skin-Szene zu anderen Skinheadgruppen gefunden, nicht rechten, nicht rassistischen. Unser Buch habe ihnen den Impuls gegeben, die Szene zu verlassen.</em></p>
<p><em>Wir kennen das auch von uns, dass ein Satz das Aha-Erlebnis gibt, unser Leben zu ändern. Aber ich glaube, im Grunde war es nur der Impuls. Sie mussten sich schon selbst Fragen gestellt haben, schon im Kopf gezweifelt haben, ob sie in dieser Szene richtig zu Hause wären. Dann war der Impuls der entscheidende Tritt, die Szene zu verlassen. Das können Medien bewirken! Im Grunde müssen die Leute jedoch sich selbst die Fragen stellen. Dass sie sich Fragen stellen, da sind die entscheidenden Einflussgrößen die Menschen im engen Umfeld, Menschen, die man mag, die man liebt, auf die hört man, die haben den größten Einfluss, nicht diese staatlichen Ausstiegsprogramme und Sonderprogramme der Innenministerien. Die bringen niemanden aus der Szene heraus. Ganz offen gesagt. </em></p>
<p><em>Wichtig ist: Was denken die eigenen Freunde? Wenn jemand in so einer Neonaziszene eine Freundin hat – eines der größten Probleme der Szene ist, dass es dort kaum Frauen gibt – und die ist nicht Teil der Neonaziszene, dann ist das immer ein Beziehungsproblem. Auch wenn sie gar nicht so sehr anders denkt. Dann ist er derjenige, der sich prügelt, immer derangiert nach Hause kommt, nie Zeit für sie hat, gerade am Wochenende, und dann sagt die Freundin: Entscheide dich, Rudolf Heß oder ich. Dann denken manche jungen Männer, die Freundin ist doch spannender. Gerade wenn sich eine Beziehung verfestigt, Familiengründung ansteht, ein Kind unterwegs ist, das ist ganz ehrlich gesagt ein Hauptausstiegsgrund, zumindest aus dem engen Kreis der Szene. Damit sind sie schon ein Stück aus dem Kreis entfernt. Es sind selten abstrakte politische Wandlungen. Die Änderungen bewegen sich auf der persönlichen Ebene, indem sie ihr Leben auf die Reihe bekommen oder Widerspruch im eigenen Freundeskreis erfahren, nicht zuletzt von der Freundin.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber wie ist das in den Schulen, wenn diese jungen Männer, vielleicht schon als 12-/13-Jährige, zehn oder zwölf Gleichgesinnte in der Klasse finden. Ich denke an diverse Vorfälle, beispielsweise im Brandenburgischen, wo dann die von diesen Rechten gemobbten und drangsalierten jungen Menschen die Schule verließen, in einem Fall sogar die Lehrkräfte, die den Fall öffentlich machten, gingen.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Umso wichtiger ist, dass die, die anders denken, das auch deutlich sagen, vor allem Menschen, die Einfluss haben. Auch Jugendliche hören auf ihre Freunde. Wir Erwachsenen ja auch. Im Grunde sind wir doch opportunistisch. Wir wollen nicht alleine durch die Gegend laufen. Wir wollen Freunde haben, die uns akzeptieren. Daher ist es so wichtig zu widersprechen und deutlich zu machen, dass eine Nazi-Haltung, rassistische Positionen nicht die einzigen sind, die es gibt. Oft ist es natürlich so, dass in der Nazi-Szene viele gewaltbereit sind. Und wenn niemand etwas dagegen sagt, glauben diese sehr schnell: Es denken alle doch so. In Wirklichkeit denken bei Weitem nicht alle so. Sie trauen sich nur nicht, es zu sagen, sie sagen es einfach nicht. Deshalb ist es so wichtig, die Andersdenkenden zu stärken und zu ermuntern, zu widersprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das bedeutet, wir müssten Lehrerinnen und Lehrer, Gleichaltrige ermutigen, diesen Widerspruch zu leisten, auch sich selbst zusammenzutun, um zu zeigen, dass sie die Mehrheit sind.</p>
<p>Aber zur Gewaltbereitschaft: Einmal gibt es die sogenannten <em>„einsamen Wölfe“</em>, die so einsam nicht sind, weil sie im Internet genügend Gleichgesinnte finden, die ihnen den Eindruck vermitteln, sie wären Teil einer großen Bewegung. Auf der anderen Seite gibt es die Gangs, Gruppen, die sich zusammentun, um andere zu drangsalieren oder auch einfach sich mit Gleichgesinnten einer anderen Gruppe zu messen. Ich denke beispielsweise an den englischen <a href="http://awaydaysthemovie.com/">Film „Awaydays“</a> nach dem Buch von Kevin Sampson, in dem es um rivalisierende Gruppen von Hooligans geht, im Fall der Hauptperson übrigens auch um das von dir angesprochene Thema der Freundin und den Einfluss Gleichgesinnter, die Zweifel daran, ob das alles so seine Richtigkeit hat. Ein ganz wichtiger Aspekt ist zu Beginn die häusliche Langeweile.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Bei Hooligans geht es qua Definition um die Prügelei. Es gibt auch da nicht nur Rechte, es gibt Hooligans gegen Rassismus. Hooligans sind ein Teil der Gesellschaft, in der Regel bürgerliche Mittelschicht, nicht die Ärmsten der Gesellschaft. Mir geht es um den differenzierten Blick auf diese Szenen und die zu stärken, die anders sind, die nicht rassistisch, nicht rechtsextrem sind, nicht stillzuhalten. Hooligans sind erst einmal daran interessiert, sich mit anderen Hooligans zu prügeln, so eine Art Henry-Maske-Freestyle. Kritisch wird es, wenn das politisch aufgeladen wird. Deshalb hat Michael Kühnen immer aufgerufen, in die Skinhead- und Hooligan-Szene zu gehen, weil er da Gleichgesinnte vermutete. Das ist ihm temporär auch gelungen, auch wenn er gelegentlich selbst eine aufs Maul bekommen hat. Gewaltbereite Szenen sind für Neonazis attraktiv, für linke Gruppen eher nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mal den hübschen Satz gelesen, das beste Mittel gegen Gewalt wäre der 30. Geburtstag, weil dann erst der Frontallappen im Hirn vollständig ausgebildet sei.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Und weil man mit zunehmendem Alter auch nicht mehr so schnell laufen kann und an Kraft verliert. Aber vor allem sind es Beziehungen. Ich weiß von vielen Hooligans und anderen gewaltbereiten jungen Männern, die die Szene verlassen haben, weil sie eine Freundin oder sogar ein Kind hatten. Mir haben einige gesagt, ich kann doch jetzt, wo ich ein Kind habe, nicht mehr prügelnd durch die Stadt laufen. Wenn mein Sohn mich sieht, vielleicht sogar im Fernsehen! Ich habe doch jetzt eine andere Verantwortung. Mir hat mal jemand gesagt, schaut, dass man Neonazis und Hooligans gescheite Partnerinnen vermittelt. Dann lässt sich das Problem lösen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://f-richter.net/">Frank Richter</a> berichtete einmal von einem Brief eines jungen Mannes, der sagte, er werde so lange zur PEGIDA-Demonstration gehen, bis er einen Job und eine Freundin habe. Inzwischen hat sich für diese jungen Leute das Kürzel der INCELs etabliert. Das sagt schon fast alles. Aber heutzutage gibt es auch Rollenvorbilder in der extremen Rechten wie Götz Kubitschek mit seiner Familie und seinem Rittergut. Es gibt in Ostdeutschland inzwischen Siedlungen, in denen ganze Familien nach diesem Muster leben und ihre rechtsextrem-völkische Gesinnung pflegen.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Das lässt sich natürlich nicht verhindern. Es gibt sicherlich etwa 150.000 Menschen in Deutschland, die im Kern ihrer Identität rassistisch sind und auch vor rechtsextremer Organisierung nicht zurückschrecken. Die kann man natürlich nicht hindern, sich zu sammeln, ein Dorf zu gründen. Problematisch ist jedoch, wenn Neonazis ein bestehendes Dorf übernehmen und ihnen dort kein Widerstand entgegengesetzt wird. Letztlich ist die Ursache, dass die Gesellschaft, vor allem die Politik diese Region abgehängt hat, es ist immer ein Versagen der Mehrheitsgesellschaft, denn letztlich sind Neonazis eine kleine Minderheit. Die AfD hat ihre Wählerhochburgen vor allem in ländlichen Gegenden, die abgehängt sind, auch wenn die bürgerliche und zum Teil intellektuelle Parteielite etwas anderes vorgaukelt</em></p>
<h3><strong>Menschen wollen gestalten, Einfluss haben</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder in denen viele das Gefühl haben, sie wären abgehängt. Die Wirkung des sogenannten Heizungsgesetzes sollte man nicht unterschätzen. Gerade in Gegenden, in denen das Häuschen oft der einzige Besitz ist. Da hat niemand das Geld, von einem auf den anderen Tag eine andere Heizung einzubauen, auch nicht in zehn Jahren.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Die Motivation ist natürlich vielfältig, die AfD oder ähnliche Truppen zu wählen. Im Kern sind es Männer des 20. Jahrhunderts, die sich abgehängt fühlen, die sich von Frauen, von jeder Art von Fremdheit bedroht fühlen. Da kann man auch wenig machen. <u>Der</u> Zug ist abgefahren. Man muss auf die nächste Generation setzen. Aber um das Umfeld wegzubekommen, muss man Menschen das Gefühl geben, dass sie ihre Lebensumwelt und ihr Leben gestalten können. Es geht nicht darum, immer irgendwelche zumeist sowieso ineffektiven Anti-Nazi-Projekte zu machen, man muss den Menschen das Gefühl geben, die Gelegenheit, ihre Umwelt, ihr Dorf, ihre Stadt, ihr Leben zu gestalten, man muss ihnen eine Zukunftsperspektive geben, ihnen zeigen, eure Meinung ist wichtig, ihr könnt euch einbringen, ihr habt Einfluss. Wenn man sich das AfD-Programm anschaut, dürfte eigentlich kein Mieter, kein Arbeitnehmer diese Truppe wählen. Die beste Politik gegen Rechtsextremismus und Rassismus ist nicht eine zugleich neoliberalistische Politik gegen rechts, sondern eine Politik für die Menschen, die Willy Brandt mal sehr treffend in dem Slogan „Mehr Demokratie wagen!“ auf den Punkt gebracht hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das kann man auch in Italien und anderswo besichtigen, wo rechte Politik regiert. Giorgia Meloni mag nach außen verbindlich wirken, nach innen verfolgt sie einen radikalen Neoliberalismus.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>:<em> Menschen, die ohnmächtig sind, muss man eine Zukunftsperspektive geben und das Gefühl, ihr Lebensumfeld, vielleicht sogar die Gesellschaft allgemein, wirklich mitgestalten zu können. Aber das ist das Problem: Menschen haben den Eindruck, alles wird von irgendjemandem in der Ferne entschieden, in Berlin, in Brüssel, in Washington, nicht von meinem lokalen Bürgermeister und von mir schon gar nicht. Nein, wir müssen zeigen, du hast viel Einfluss. Wir müssen die Demokratie wiederbeleben. Deutschland ist nicht das demokratischste Land in Europa. Es gab in der deutschen Politik immer schon eine große Misstrauenskultur gegenüber der Bevölkerung. So heißt es heute oft: Wenn man Bürgerentscheide zulässt, wählen die wieder Nazis. Wir sollten uns einmal anschauen, wie das in der Schweiz funktioniert. Es gibt viele Dinge, die mit Bürgerentscheiden besser entschieden werden könnten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-machtfrage/">Marina Weisband</a> hat mir in Gesprächen, die ich veröffentlicht habe, gesagt, es käme darauf an, dass solche Bürgerentscheide dann auch verbindlich sind. Am Beispiel Bürgerhaushalt hat sie gezeigt, dass kaum jemand sich beteiligt, wenn sich die Räte nicht an das Votum dieser Beteiligung halten müssten. Sie müssen ja nicht alles annehmen, weil sich auch manche Vorschläge gegenseitig ausschließen, aber im Großen und Ganzen muss schon Verbindlichkeit herrschen. Die kommunale Ebene ist der Schlüssel. Ähnliches berichtet <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gute-orte-und-die-lust-zu-streiten/">Jürgen Wiebicke</a> aus den Gesprächen, für die er seine Bücher schreibt. Er zitierte Klaus Dörner, Menschen wären nicht <em>„hilfsbedürftig“</em>, sondern <em>„helfensbedürftig“</em>. Menschen wollen gestalten!</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Das ist der Punkt. Es muss verbindlich sein. In der Schweiz sind Bürgerentscheide verbindlich. In Berlin erleben wir gerade das Gegenteil: Es gab einen Entscheid, das Tempelhofer Feld nicht zu bebauen, und jetzt suchen CDU und SPD Wege, wie sie es doch bebauen könnten. Es gab einen eindeutigen Entscheid, den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen zu enteignen, aber der Senat verwies das Thema wieder in Kommissionen und Arbeitsgruppen, die jahrelang tagen. Umgesetzt wird nichts. Die Menschen erfahren immer wieder, dass sie in einer Placebo-Demokratie leben. Es gibt viel Scheinpartizipation, deren Ergebnisse nie umgesetzt werden. Und dann wundert sich die verantwortliche Politik darüber, dass die Menschen politikskeptisch und wahlmüde werden.</em></p>
<p><em>Für Jugendliche gilt das übrigens besonders. Ich plädiere dafür, </em><a href="https://www.dkhw.de/presse/schlagzeilen-archiv/schlagzeilen-details/deutsches-kinderhilfswerk-wahlalter-bei-bundestagswahlen-absenken/"><em>dass jeder Mensch ab dem 14. Lebensjahr wählen darf</em></a><em>. Die Wissenschaft ist da eindeutig.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, wer strafmündig ist, muss auch wählen dürfen.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <a href="https://www.dbjr.de/artikel/professor-klaus-hurrelmann-zu-wahlaltersenken/"><em>Klaus Hurrelmann hat ein Wahlrecht ab dem 12. Lebensjahr wissenschaftlich solide begründet</em></a><em>. Von der Kompetenz her gibt es keinen Unterschied zu 14- oder 16-Jährigen oder auch zu Erwachsenen. Aber zurzeit ist es noch schwierig, ein Wahlalter ab dem 16. Lebensjahr durchzusetzen. Oder wie ist es mit der Mitbestimmung in der Schule? Viele haben den Eindruck, sie leben in einer demokratiefreien Zone. Es reicht nicht, etwas sagen zu dürfen, wenn niemand zuhört und es ernstnimmt. Wenn etwas in Bürgerräten und anderen Beteiligungsformaten entschieden wird, muss es auch umgesetzt werden. Daran mangelt es! Es bedeutet – so pauschal muss man es sagen – dass die Politik Macht abgeben muss. Die Zeit der alten „Parteiendemokratie“ ist vorbei.</em></p>
<h3><strong>Science Fiction und der Kongress der Utopien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über Science Fiction haben wir uns kennengelernt. Welche Rolle spielt die Science Fiction in deinem Leben?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Für Science Fiction habe ich mich schon immer interessiert. Als 12-/13-/14-Jähriger habe ich Karl May und </em><a href="https://perry-rhodan.net/"><em>Perry Rhodan</em></a><em> gelesen. Science Fiction ist für mich <u>das</u> politische Genre, das Genre, das am meisten über die Gesellschaft aussagt. Es gibt natürlich auch schlechte Science Fiction, so eine Art Wild-West im Weltraum. Aber Science Fiction definiert sich im Prinzip darüber, dass sie die Gesellschaft kritisch betrachtet, die Werke in die Zukunft verlegt, weniger um etwas über die Zukunft zu erfahren, sondern über die Gegenwart. Was läuft dort schief? Was wäre wünschenswert? Das ist für mich ein hervorragender Ansatz für eine gesellschaftskritische Literatur. </em></p>
<p><em>Im Verlag ist das ein Schwerpunkt. Wir veröffentlichen zurzeit mit </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-als-wirklichkeitsmaschine/"><em>Hans Frey, der bei dir im Herbst 2023 eine dreiteilige Reihe veröffentlicht hat</em></a><em>, Science-Fiction-Romane des 19., auch des frühen 20. Jahrhunderts. Es ist erstaunlich, wie hochaktuell manche Werke sind, wie zukunftsweisend, prognostizierend. Nach über 100 Jahren.</em></p>
<p><em>Das ist eine auf fünfzehn Jahre angelegte 40-bändige Reihe. Darin sollen nur Klassiker der Science Fiction erscheinen, die kaum noch im Buchhandel erhältlich sind, schon gar nicht in schönen Ausgaben. Wer sich für die Geschichte von Utopien in der Weimarer Zeit, in der Kaiserzeit interessiert, den Aufstieg des Faschismus oder die Genese des Antisemitismus nachverfolgen möchte, wird dort die Romane finden, die gelesen werden sollten. Für Germanisten, Historiker ist das hochspannend. Es ist erstaunlich, wie viel literarische Geschichte in Deutschland vergessen wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kommt man an diese Texte heran?</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Manche Texte bekommt man schon noch online, als Facsimile. Manche Bücher bekommt man antiquarisch, auch wenn sie dann einen dreistelligen Betrag kosten, weil es eben nur noch sehr wenige Exemplare gibt, manchmal nur ein einziges. Wir haben einige Bücher über Sammler bekommen, haben sie digitalisiert, komplett neu aufgelegt, lektoriert, mit Vor- und Nachwort von zeitgenössischen Autor:innen. Uns fehlen nur noch vier oder fünf Titel, die wir bisher nicht besorgen konnten. Wir kennen zwar Sammler, die die haben, die die aber nie zum Scannen aus der Hand geben würden, weil es solche Raritäten sind. Aber fast keiner dieser Bände ist im Buchhandel erhältlich, und da sollen sie erscheinen, auch noch schön aussehen, Hardcover, zweifarbig, Lesebändchen. Viele dieser Bücher haben das nie erlebt, auch nicht in den Erstausgaben, die manchmal doch sehr schnoddrig gedruckt wurden. Wir wollen für manche Werke erstmals neue Leser:innen gewinnen, weil wir denken, die haben uns viel zu erzählen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr habt im Programm richtige Perlen, zum Beispiel „Ini“ von Julius von Voß.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Diesen Roman kennt kaum noch jemand. Er erschien noch vor Mary Shelleys „Frankenstein“, der in der Regel als der erste Roman der Science Fiction gilt. „Ini“ erschien schon früher, es ist ein im Grunde pazifistischer Roman, mit einer blaublütigen Prinzessin, einer Reise um die Welt. Wir werden gleich fünf Romane von Bertha von Suttner veröffentlichen, der Friedensnobelpreisträgerin und Weltbestsellerautorin, deren Werke heute – vielleicht mit Ausnahme von „Die Waffen nieder!“ – nicht mehr im Buchhandel erhältlich sind; zum 75-jährigen Jubiläum Israels haben wir Theodor Herzls „Altneuland“ veröffentlicht. Wenn man diese Utopie heute liest, ist das so spannend zu lesen, was aus Israel hätte werden können. Das zeigt, wie spannend es ist, wenn ein Schriftsteller nicht nur eine Utopie schreibt, sondern auch einen Staat danach gründen möchte. Das ist auch bei Theodor Herzka so, dem Autor von „Freiland“, das wir 2025 veröffentlichen werden. </em></p>
<p><em>Theodor Herzl war ja Science-Fiction-Fan, er hatte Edward Bellamy gelesen, auch Theodor Hertzka, und dachte, er schreibe jetzt einfach nach seinem Traktat „Der Judenstaat“ den Roman, der seine Utopie, seine Fantasie in erzählender Form zum Leben erweckt, um viel mehr Leute zu erreichen. So entstand „Altneuland“. In dem Roman beschreibt er auch die Opposition, die es in der Realität gab, gerade in der jüdischen Community, die den Zionismus ablehnten. Manches ist auch verschönert. Wenn man seine Tagebücher liest, sieht man, dass er auch kolonialistische Überlegungen hatte, dass seine Haltung zu den dort lebenden Arabern nicht so optimal war. Aber es ist gerade spannend, diese Widersprüche in der Utopie zu lesen. </em></p>
<p><em>Man muss solche Romane natürlich in ihrem zeitlichen Kontext lesen, auch in rassistischen oder antirassistischen Kontexten. Man muss berücksichtigen, dass man damals – vor 100 oder gar 200 Jahren – auch sprachlich anders drauf war, dass es zum Beispiel kolonialistische Facetten auch bei Autoren gab, die sich selbst als antikolonialistisch verstanden. Das sind keine Heile-Welt-Romane, die man idealisieren sollte. Man sollte Utopien auch kritisch sehen. Wir wollen das Ambivalente an Utopien zeigen, auch autoritäre Aspekte. Die Darstellung von Frauen war vor 100 Jahren ja auch eine andere als heute. All das lässt sich vermitteln, wenn man die Utopien heute liest und die Vor- und Nachworte dazu. Sie erweitern unsere Perspektive bei der Frage, wohin soll sich unsere Demokratie heute weiterentwickeln, wie können die großen Probleme der Gegenwart besser lösen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen ersten Eindruck kann man bekommen, wenn man die dreiteilige Reihe „Science Fiction als Wirklichkeitsmaschine“ von Hans Frey liest oder vielleicht seine vier Bücher zur Geschichte der Science Fiction. Manche Bücher der von euch geplanten Reihe passen auch gut in den Kreis der Utopisten des 19. Jahrhunderts. Ich denke an das Buch „Rote Blaupausen“ von Wolfgang Both oder auch an die entsprechenden Kapitel in „Die Farbe Rot“ von Gerd Koenen. Das nur als Empfehlung für unsere Leser:innen. Ihr sorgt jetzt dafür, dass die darin vorgestellten Bücher auch verfügbar werden. Zum Weiterlesen. Jetzt bereitet ihr einen Kongress der Utopien vor.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Wir denken, dass Utopien gerade heute spannend sind. Wir brauchen Utopien. Nach der 1968er-Bewegung, den frühen 1970er Jahren wurden mehr Dystopien geschrieben. Die schreiben sich natürlich leichter, weil sie spannungsgeladen sind, Konflikte enthalten. Aber wo immer man auch hinschaut, gibt es wieder einen Trend zu Utopien. </em></p>
<p><em>Der Kongress der Utopien ist eigentlich kein Kongress, sondern ein zweijähriges Programm, in dem wir 50 bis 70 Veranstaltungen organisieren. Das reicht von Literaturwerkstätten mit Kindern und Jugendlichen zum Thema Zukunft bis hin zu Symposien an Universitäten. Wir wollen Gedanken, Ideen, Wissen zusammentragen, mit diversen Perspektiven und das am Ende vielleicht in einem mehrtägigen Kongress bündeln. Science-Fiction-Autor:innen sind ganz vorne mit dabei, aber auch viele andere, aus der politischen Bildung, der Wissenschaft. Alle, die Lust haben, an diesem Projekt zu arbeiten, sind willkommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit diesem Projekt bist du wieder in Gelsenkirchen. Ein nicht ganz unwichtiger Ort der Zukunftsforschung. Dort war auch einmal das von Christoph Zöpel eingerichtete Sekretariat für Zukunftsforschung, an dem einer der Initiatoren des Kongresses der Utopien über zehn Jahre gearbeitet hat, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Karlheinz Steinmüller</a>, der nicht nur Zukunftsforscher ist, sondern auch mit seiner Frau Angela zu den bekanntesten Science-Fiction-Autoren der DDR gehört.</p>
<p><strong>Klaus Farin</strong>: <em>Hans Frey ist ebenfalls einer der Initiatoren. Er hat das </em><a href="https://www.aktuelles-forum.de/"><em>Aktuelle Forum (af) in Gelsenkirchen</em></a><em> als Partner und Förderer gewonnen. Das af finanziert uns eine Stelle zur Koordinierung. Karlheinz Steinmüller habe ich damals im Aktuellen Forum kennengelernt. Aber der Kongress findet überall in Deutschland und in Österreich statt, überall, wo Leute interessiert sind. Eine erste Veranstaltung fand in der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen statt, wo wir das Buch von Theodor Herzl vorgestellt haben. Ende November 2023 gab es eine weitere Veranstaltung mit </em><a href="https://www.university-of-labour.de/hochschule/team/prof-dr-christian-kellermann.html"><em>Christian Kellermann</em></a><em> in der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Zukunft der Arbeit“. Das setzen wir fort. Im April wird es einen dreitägigen Kongress der Ruhruniversität Bochum geben, bei dem wir mitwirken. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2024, Internetzugriffe zuletzt am 15. Januar 2024. Titelbild von der Internetseite des Hirnkost-Verlags.</p>
<p>P.S. am 23. Juni 2025: Die erwähnte Partnerschaft mit dem Aktuellen Forum in Gelsenkirchen ist wegen des plötzlichen Todes von Hans Frey leider nicht zustandegekommen. Das Forum hat sich zurückgezogen.</p>
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		<title>Das Kind im Mittelpunkt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-kind-im-mittelpunkt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Sep 2023 05:29:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Kind im Mittelpunkt Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin Ein Grundsatz der Kinder- und Jugendhilfe ist die Zusammenarbeit von öffentlichen und freien Trägern. § 4 SGB VIII enthält die gesetzlich verbriefte Vorschrift: „Die öffentliche Jugendhilfe soll mit der freien Jugendhilfe zum Wohl junger Menschen  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Gespräch mit Annette Berg, Direktorin der Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“ in Berlin</strong></h2>
<p>Ein Grundsatz der Kinder- und Jugendhilfe ist die Zusammenarbeit von öffentlichen und freien Trägern. <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__4.html#:~:text=Sozialgesetzbuch%20%28SGB%29%20-%20Achtes%20Buch%20%28VIII%29%20-%20Kinder-,Wohl%20junger%20Menschen%20und%20ihrer%20Familien%20partnerschaftlich%20zusammenarbeiten.">§ 4 SGB VIII</a> enthält die gesetzlich verbriefte Vorschrift: <em>„Die öffentliche Jugendhilfe soll mit der freien Jugendhilfe zum Wohl junger Menschen und ihrer Familien partnerschaftlich zusammenarbeiten.“</em> Es gibt in der Kinder- und Jugendhilfe einige Aktive, die beide Seiten in sich vereinen.</p>
<div id="attachment_3704" style="width: 293px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3704" class="wp-image-3704 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-283x300.jpg" alt="" width="283" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-200x212.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-283x300.jpg 283w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-400x424.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-600x637.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-768x815.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-800x849.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-965x1024.jpg 965w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg-1200x1273.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/02-Annette-Berg.jpg 1309w" sizes="(max-width: 283px) 100vw, 283px" /><p id="caption-attachment-3704" class="wp-caption-text">Annette Berg. Foto: privat</p></div>
<p>Eine davon ist Annette Berg, gelernte Erzieherin und studierte Sozialpädagogin. Sie ist Mitglied der SPD. Sie hat auf ihrer ersten Stelle in Wuppertal ein Jugendstadtteilzentrum für die Kirchengemeinde und das Diakonische Werk aufgebaut. Im Jahr 2000 wechselte sie nach Monheim (Kreis Mettmann, in der Nähe von Düsseldorf auf dem Weg nach Köln), ab Januar 2000 zunächst als Jugendpflegerin und Leiterin der Abteilung Jugendförderung, ab November 2000 als Leiterin des Jugendamtes, eine Funktion, die sie ab September 2014 auch in Essen erfüllte. Von Oktober 2016 bis September 2020 war sie Beigeordnete in Gelsenkirchen und dort für Kultur, Jugend, Schule, Sport und Integration zuständig. Seit Oktober 2020 ist sie Direktorin der <a href="https://www.stiftung-spi.de/">Stiftung SPI, Sozialpädagogisches Institut „Walter May“</a> in Berlin.</p>
<p>Schon zu Beginn ihrer Tätigkeit sprach sie beispielsweise <a href="https://www.businesstalk-kudamm.com/digitales/bildung-profitiert-vom-einsatz-multiprofessioneller-teams-anette-berg-stiftung-spi/">im Businesstalk Kudamm</a> engagiert über ihre Ziele und Veränderungen in Bildung und Jugendhilfe. Für den Demokratischen Salon haben wir im Anschluss an das <a href="https://vimeo.com/854643918">Fachgespräch „Den unsichtbaren Armutsrucksack leichter machen“ vom 2. Juni 2023</a> über die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen 25 Jahren gesprochen, nicht zuletzt über das Glanzstück ihrer Monheimer Zeit, das <a href="https://www.monheim.de/kinder-jugend/moki-monheim-fuer-kinder/">Projekt „Monheim für Kinder“</a>, das später die Blaupause für verschiedene aufeinander aufbauende Landesprogramme in Nordrhein-Westfalen wurde, die inzwischen unter der Bezeichnung <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark – NRW schafft Chancen“</a> landesweite Verbreitung finden. Die Vorläuferprogramme trugen die Namen „Kein Kind zurücklassen“ und „Kommunale Präventionsketten“.</p>
<h3><strong>Biographische Aspekte </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sehen Sie Ihre verschiedenen kommunalen Erfahrungen im Vergleich?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Monheim war ein kleines feines Jugendamt. Als ich anfing, gab es eine eher noch traditionell ausgerichtete Jugendhilfe, die mit dem Eintritt der Kinder in die Grundschule begann. Alles was davor war, wurde nicht so sehr beachtet. Alles war sehr von den Hilfen zur Erziehung (HzE) geprägt. Die Aufgabe in Monheim war die Weiterentwicklung des Jugendamtes über neue Perspektiven, insbesondere über das Thema Armut. Dies begründete sich auch aus der Haushaltslage der Stadt und der sozialen Situation der Kinder. Es wurde eine neue Struktur für das Jugendamt entwickelt, natürlich basierend auf dem SGB VIII. Die präventive und strategische Ausrichtung war aber etwas ganz Neues. Dazu gleich mehr.</em></p>
<p><em>In Essen war das Jugendamt wesentlich größer. Die Aufgaben stellen sich natürlich unabhängig von der Größe. Aber allein durch die Größe und die stadtteilorientierte Herangehensweise gab es einen anderen Fokus. Es ging darum, Bestehendes noch einmal anders auszurichten, in enger Zusammenarbeit mit den freien Trägern. Die Bezirke der Stadt sind einzelnen Trägern zugeordnet, die dort dann Hauptanbieter sind. In Essen ging es uns vor allem darum, den roten Faden zu finden. Wie kann man die Ziele besser ausrichten, auch das weiterentwickeln, was ich in Monheim aufgebaut hatte. Allerdings war ich in Monheim auch Mitglied des Vorstands und hatte daher einen breiteren Blick auf die Entwicklungen. In Essen konnte ich mich als Amtsleiterin vor allem auf das eigentliche Jugendamt konzentrieren. In Teilen gab es auch schon eine Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe. Für Schule war allerdings eine andere Amtsleitung zuständig.</em></p>
<p><em>In Gelsenkirchen stand die politische Arbeit im Mittelpunkt, mit Schwerpunkt auf Jugend, Kultur, Bildung, Sport und Integration. Mir ging und geht es immer zuerst um die Sicherung der Zukunftschancen für Kinder. Darauf sollte die Arbeit ausgerichtet werden. Die Situation in der Stadt Gelsenkirchen spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle, denn Gelsenkirchen hat eine hohe Armutsquote und dazu eine schwierige Haushaltslage. Die fachlich-inhaltliche Arbeit verband sich mit der politischen Arbeit, der Arbeit im Verwaltungsvorstand, mit dem Rat, um so eine Basis für eine gute Politik für Kinder zu schaffen. Es ging um die Grundlagen, im Hinblick auf die wachsende Bevölkerung gerade auch im Zusammenhang mit der Integrationspolitik.</em></p>
<p><em>Der Wechsel nach Berlin beruhte auf meinem eigenen Entscheidungsprozess. Mir ging es darum, dass ich die 20 Jahre im Öffentlichen Dienst, in der Kommunalverwaltung, in einen größeren Bezug bringe, das heißt, dass ich über die Stiftung SPI die Chance sah, auch anderen Kommunen Lösungsmöglichkeiten zu eröffnen. Auch wieder mit dem Fokus der Verbesserung der Lebensbedingungen für Kinder. Die Stiftung SPI hat etwa 800 Mitarbeiter:innen, eine sehr weite Streuung in Berlin, auch in Brandenburg. Wir haben auch Beziehungen in andere Bundesländer. Wir sind ein Sozialunternehmen, eine gemeinnützige Stiftung der Arbeiterwohlfahrt des Landes Berlin. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf vielleicht kurz einwerfen, dass jeder der zwölf Berliner Bezirke größer ist als fast jede nordrhein-westfälische Großstadt. Gelsenkirchen und Mönchengladbach haben jeweils etwa 260.000 Einwohner:innen, Bonn etwa 330.000, Pankow hat etwa 410.000, Neukölln etwa 330.000, Marzahn-Hellersdorf etwa 290.000.</p>
<p>Sie haben nach Ihrem Wechsel von einem freien Träger zu einer Kommune im Jahr 2000 einen Wechsel von der Seite der öffentlichen Träger zu einem freien Träger gewagt, zurück zu Ihren Ursprüngen in Wuppertal, aber diesmal in einer leitenden und weitreichend verantwortlichen Position.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Die andere Seite, ja. Die Stiftung hat enge Verbindungen zu den Kommunen und zu den Landesbehörden. Meine enge Kenntnis der Strukturen und Verwaltungsabläufe, der Entscheidungsstrategien und Prozesse in den Kommunen hilft mir natürlich sehr. Das ist für unsere Kooperationspartner immer wichtig, weil das Wissen um die internen Abläufe oft doch einige Schwierigkeiten macht, wenn man nur eine Seite kennt.</em></p>
<h3><strong>Wie Monheim zur Hauptstadt für Kinder wurde</strong></h3>
<div id="attachment_3705" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3705" class="wp-image-3705 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-300x189.jpg" alt="" width="300" height="189" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-200x126.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-300x189.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-320x202.jpg 320w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-400x252.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-600x378.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-700x441.jpg 700w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1-768x484.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/03-MoKi_1.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3705" class="wp-caption-text">Als Leiterin des Jugendamtes entwickelte Annette Berg das Konzept &#8222;Hauptstadt für Kinder&#8220; Hier zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein Daniel Zimmermann (l.) und dem Koordinator Kinderschutz Jürgen Meyer (r.). Foto: privat</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das lässt sich durchaus in der Breite der Zuständigkeiten sehen. Ich selbst habe das Glück gehabt, dass ich die Offene Ganztagsschule (OGS) in Nordrhein-Westfalen zunächst in der Jugendabteilung und dann nach einer Umorganisation in der Schulabteilung vorantreiben durfte. Das gibt schon einen breiteren Blick als wenn ich immer nur eine Seite kennengelernt hätte. Sie haben in Gelsenkirchen auch eine große Breite der Zuständigkeiten kennengelernt und darüber hinaus mit Monheim und Gelsenkirchen in Verwaltungsvorständen einer Großstadt und einer Mittelstadt arbeiten können. Monheim hat etwa 40.000 Einwohner:innen.</p>
<p>Eine wichtige Sache ist natürlich immer die Ressourcenfrage. Ich habe immer gesagt, dass die Stadt Gelsenkirchen eine Meisterin in der Erschließung von Ressourcen war und ist. Das war unter Ihrem Vorgänger Manfred Beck (Grüne) so, das haben Sie fortgesetzt. Gelsenkirchen hatte immer viel Fantasie und Kreativität.</p>
<p>Aber schauen wir einmal näher hin. Mit dem Berliner Viertel in Monheim fing es an.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ja, damit fing es an. Der Titel „Monheim für Kinder“ entstand im Verlauf. Als ich die Leitung des Jugendamtes übernahm, gab es einen sehr prominenten Jugendhilfefall, der in der Boulevardpresse breit diskutiert wurde. Es ging um den sogenannten „Brummi-Andi“, einen Jugendlichen, der LKW entwendet und in Holland einen Polizisten überfahren hat. Ich habe festgestellt, dass wir nicht nur diesen, sondern auch andere vergleichbare, wenn auch nicht so spektakuläre Fälle hatten. </em></p>
<p><em>Es gab zudem einen starken Anstieg der HzE-Fälle, der Hilfen zur Erziehung, und Monheim war Nothaushalts- und Haushaltssicherungskommune. Wir durften keinen Haushalt beschließen, der nicht vom Kreis Mettmann als Aufsichtsbehörde genehmigt war. Wir durften nur pflichtige Leistungen erbringen, keine freiwilligen Leistungen, und die HzE-Fälle fraßen als pflichtige Leistungen das Budget auf. Es gibt immer eine große Diskussion in der Kinder- und Jugendhilfe, was freiwillige Leistungen sind. Darunter versteht man oft die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Prävention. Die pflichtigen Leistungen sind dann die Hilfen zur Erziehung, die Kindertageseinrichtungen mit ihrem Rechtsanspruch, Leistungen, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Wir können im Nothaushalt nicht einfach beschließen, bestimmte Projekte zu finanzieren. Der Aufwand ist hoch, ein solches freiwilliges Projekt zu begründen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und damit sind wir beim Knackpunkt: ein Nothaushalt erschwert präventive Programme erheblich, während interventive Leistungen, die erst erfolgen, wenn das berühmte Kind in den Brunnen gefallen ist, pflichtige Leistungen sind, die aber vielleicht gar nicht erforderlich gewesen wäre, wenn man zuvor präventiv tätig geworden wäre. Mag kompliziert klingen, ist aber der Kern der Probleme zur Konzeption und Durchsetzung einer präventiv ausgerichteten Politik. MoKi ist nun einmal ein klassisches präventives Programm und daher auch eine freiwillige Leistung der Kommune.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Genau das war der Punkt. Wir haben uns die HzE-Fälle angeschaut und festgestellt, dass die die Leistung bedingende Problemlage bereits in der frühen Kindheit vorlag, die Leistung</em> <em>oft nicht lange genug gewährt wurde, es manchmal auch gar kein passendes Angebot gab oder die Eltern nicht früh genug zum Jugendamt gekommen waren. Manchmal begann die Hilfe bei einem vierzehnjährigen Teenager, aber man sah, dass die Probleme schon beim dreijährigen Kind bestanden hatten. Unsere Idee: Die Hilfe muss früher ansetzen und das heißt, dass uns die Eltern schon früher mit unseren Hilfsmöglichkeiten sehen können. Wir haben dann ein Konzept mit dem Titel „Kinderinfoladen“ entwickelt, im Berliner Viertel in Monheim, ein sozialer Brennpunkt, der auch im Landes- und Bundesprogramm „Soziale Stadt“ anerkannt war.</em></p>
<p><em>Dieses Projekt „Kinderinfoladen“ wurde als präventive Leistung von der Kommunalaufsicht nicht genehmigt. Wir waren aber sehr ambitioniert. Gleichzeitig wurde die </em><a href="https://www.iss-ffm.de/themen/alter/projekte-1/langzeitstudie-zur-lebenssituation-und-lebenslage-armer-kinder"><em>AWO-ISS-Armutsstudie</em></a><em> veröffentlicht, damals unter der Leitung von Gerda Holz. Die AWO Niederrhein hatte mit Jürgen Otto eine neue Leitung. Wir hatten auch festgestellt, dass etwa 90 Prozent der Hilfefälle aus Familien im Sozialhilfebezug kamen. Aus unseren Gesprächen entwickelte sich die Idee eines gemeinsamen Projekts mit dem Ziel, Kinder aus Armutsfamilien möglichst früh zu erreichen. Wir landeten damit beim </em><a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/organisation/lvrdezernate/jugend_1/landesjugendamt_1/landesjugendamt_1.jsp"><em>Landesjugendamt Rheinland</em></a><em>, beim Landesjugendhilfeausschuss, und so wurde diese Idee als Projekt des Landesjugendhilfeausschusses Rheinland gefördert. Parallel dazu konnten wir mit dem Kämmerer der Stadt Monheim, Max Hermann, übereinkommen, dass das Projekt ein Beitrag für ein Haushaltssicherungskonzept sei, weil es dafür sorgte, dass Familien zu einem späteren Zeitpunkt geringere Kosten verursachten, weil sie dann bestimmte Hilfen eben nicht mehr brauchen würden. Das sah dann auch die Kommunalaufsicht so. </em></p>
<p><em>So nahmen die Dinge ihren Lauf und „Monheim für Kinder“ startete im Jahr 2001 als Modellprojekt des Landesjugendhilfeausschusses Rheinland. Wir haben mit Kindertageseinrichtungen im Berliner Viertel begonnen. Wir haben Beratung in der KiTa aufgebaut, frühe Hilfen implementiert. Daraus entstand das erste Familienzentrum in Nordrhein-Westfalen. </em></p>
<h3><strong>Die Dinge nehmen ihren Lauf – Parteien übergreifend</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ab 2005 sorgte das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Jugendminister Armin Laschet (CDU) dafür, dass die Idee der <a href="https://www.familienzentrum.nrw.de/">Familienzentren</a> landesweit implementiert werden konnte. 2010 übernahm wieder eine rot-grüne Regierung, die die Familienzentren weiter ausbaute und – dies war eine Idee der damaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) – das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ auf den Weg brachte, das dann aber nach dem neuerlichen Regierungswechsel im Jahr 2017 unter anderem Namen – „Kommunale Präventionsketten“ – aufgegriffen wurde und etwas später in das Programm „kinderstark“ überführt wurde. Hannelore Kraft vertrat die These, dass Investitionen in die Prävention spätere Investitionen in die Intervention verringern. Das ist ungeachtet der Namensänderungen ein hervorragendes Beispiel für politische Kontinuität in diesem wichtigen Thema. Und Sie können sagen: in Monheim fing es an.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Durch den Beschluss des Landesjugendhilfeausschusses wurde die Politik aufmerksam. Wir sind viel herumgefahren, haben das Projekt vorgestellt, immer wieder darüber geredet.</em> <em>Ich sehe immer noch die damaligen Kolleg:innen mit langjähriger Erfahrung in den Jugendämtern vor mir, die sich anhörten, was wir uns in dem kleinen, feinen Monheim ausgedacht hatten. </em><a href="https://idw-online.de/de/news82176"><em>2004 erhielten wir mit dem Projekt den ersten Deutschen Präventionspreis</em></a><em> der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, des Bundessozialministeriums und des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und fünf Jahre später erschien der 13. Jugendbericht mit dem Generalthema „Gesundes Aufwachsen“. Ich sehe da viele Zusammenhänge, in der Aufmerksamkeit nicht nur der Jugendministerien, sondern auch der Sozial- und Gesundheitsministerien. Präventive Kinder- und Jugendhilfe sorgt für physisch und psychisch gesunde Kinder.</p>
<div id="attachment_3706" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3706" class="wp-image-3706 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/04-MoKi_2.jpg 414w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3706" class="wp-caption-text">DieKinder stehen im Mittelpunkt, so wie hier beim Sportevent im Rahmen von &#8222;MoKi&#8220;. Foto: privat</p></div>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Es war ein ganz großer Erfolg. Die zugrundeliegende präventive Idee wurde mit dem Präventionspreis noch bekannter. Die Präventionskette, wie wir das dann nachher nannten, wurde zum Standard. Wir blieben auch nicht bei der KiTa stehen, sondern gingen in den frühkindlichen Bereich, mit den „Frühen Hilfen“. Wir wollten eine die Lebensbiographie begleitende Struktur im Stadtteil schaffen. Mittlerweile wurde MoKi in fünf Etappen aufgebaut, die Frühen Hilfen, die KiTa, dann die Grundschule, der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule und der Übergang von der Schule in den Beruf. Ich bin stolz darauf, dass ich das mitgestalten durfte. Es hat sich zu einer Strategie entwickelt – Monheim als Hauptstadt für Kinder. Die Fokussierung auf die Zukunftschancen für Kinder ist in der integrierten Sozialplanung heute nicht mehr wegzudenken </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Am Anfang stand eine wissenschaftliche Studie. Gab es auch eine Evaluation?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>MoKi wurde durch das ISS, unter Federführung von Gerda Holz, </em><a href="https://www.iss-ffm.de/forschung-beratung/beratung/praeventionsketten"><em>evaluiert</em></a><em>. Die Wirkung von MoKi, die Wirkung einer präventiv ausgerichteten Politik wird immer wieder diskutiert. Zum Beispiel: Habt ihr weniger Heimunterbringung? Das ist natürlich schwierig zu belegen. Es gibt kaum Vergleichsdaten und viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, beispielsweise in Folge von steigenden Inobhutnahmen unbegleiteter Geflüchteter. Aber immerhin konnten wir feststellen, dass der Anstieg der Heimunterbringungen nicht linear zum Anstieg auf Bundesebene verlief, sondern darunter lag. Eindeutig klar ist, dass es zu Beginn unseres Projekts nur minimale Leistungszahlen für Kinder unter sechs Jahren gab. Weil unsere Arbeit mit vielen ambulanten Maßnahmen einherging, hat sich das inzwischen sehr verbessert. Es ging ja darum, früh bei den Eltern und den Kindern anzusetzen. Das ist wohl gelungen, in den Grundschulen sanken manche Unterstützungsbedarfe messbar. </em></p>
<p><em>Wir konnten auch feststellen, dass gerade in sozial benachteiligten Stadtquartieren die Übergangsquoten ins Gymnasium nachweislich gesteigert werden konnten. Es ist außerdem gelungen, das Eintrittsalter in Kindertageseinrichtungen zu senken. Vor allem aus migrantischen Familien kamen die Kinder oft erst im Alter von fünf Jahren in die KiTa. Wir haben erreicht, dass mehr Kinder früher und länger in die KiTa gehen. Die Verweildauer konnte von einem auf zwei oder sogar auf drei Jahre erhöht werden. Weitere Punkte lassen sich in den Studien von Gerda Holz nachlesen. </em></p>
<p><em>MoKi ist ein sehr filigranes System. Wir haben uns angeschaut, wie Schuleingangsuntersuchungen wirken, wie Wohnungssituationen aussehen, dabei natürlich die Frage gestellt, wie wir mit Wohnungsgesellschaften reden können, um die Verhältnisse für Kinder zu verbessern. Es geht um eine integrierte Herangehensweise. Alles, was Kinder betrifft, wird auf die Kinder ausgerichtet. Es ist uns auch gelungen, in die Schule hineinzuwirken, beispielsweise über die Offene Ganztagsschule (OGS). Zu vermitteln, welche Chancen darin für die Kinder liegen, war ein interessanter Weg. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Schulleiter aus dem Berliner Viertel, der zunächst gar nicht so aufgeschlossen war. Er hat erwartet, dass die Kinder in der Ganztagsgruppe lernen, einen Aufsatz zu schreiben. Dabei hat er nicht daran gedacht, dass die Kinder noch gar nicht genug Deutsch konnten. Wir mussten darüber sprechen, wie wir erreichen, dass Kinder Schule können. Das ist eine genuine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Das eine geht ohne das andere nicht, wenn wir für jedes Kind den bestmöglichen Schulabschluss erreichen wollen. </em></p>
<p><em>Wir haben ein Ampelsystem entwickelt, sodass die Schule sehen konnte, wie sich zum Beispiel das Sozialverhalten von Kindern aus MoKi-KiTas entwickelte. So konnten wir sehr schnell reagieren, wenn sich etwas veränderte, die Ampel zum Beispiel von grün auf gelb sprang. Wir haben in einigen Schulen sogar eine eigene MoKi-Kraft etabliert. Das war natürlich nur möglich, weil die Stadt sagte, MoKi ist unser Ding. Es gab auch eine Förderung über die </em><a href="http://www.sw-nrw.de/nachrichten/home/"><em>Stiftung Wohlfahrtspflege</em></a><em>, aber MoKi war in der Stadt und im städtischen Haushalt inzwischen etabliert. Wir waren auch darin ziemlich gut, Mittel über Dritte zu akquirieren. Kreativität in der Entwicklung von Lösungen und in der Akquise von Fördermitteln.</em></p>
<h3><strong>Am Anfang steht die Vision</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich höre immer wieder von manchen Seiten, es gebe doch so viele Programme, könnte man die nicht zu einem Programm zusammenfassen? Das ist natürlich Unsinn, weil diese Programme unterschiedliche Adressat:innen, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Themen und auch unterschiedliche Interessen von Seiten der Mittelgeber:innen spiegeln. Aber wie schafft man es als Stadt, in den vielen Programmen den Überblick zu erhalten und das zu nutzen, was einem nützt?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ich glaube, entscheidend ist, dass man sich klarmacht, wie integriertes Handeln, integriertes Management funktioniert. Bei MoKi ging es zunächst um die Reduzierung von Heimunterbringungen sowie um die Schaffung lebensbegleitender, Entwicklung fördernder Hilfen. Sie brauchen eine gute Analyse der Situation vor Ort und Klarheit über Ihre Ziele, Ihre Vision. Das ist das Handlungsleitende. Meiner Erfahrung nach ist es sehr effektiv, sich klarzumachen, was man erreichen will. Dann findet sich die Finanzierung. Wir haben in Monheim mit unserem Ansatz natürlich auch Politik gemacht, sodass das auch für das Land interessant wurde. So konnten wir uns in diesem Kreislauf bewegen. Das ist eine planungsvolle, strukturierte, strategische Vorgehensweise. Man muss erst einmal wissen, was man will.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Braucht man eine eigene Stelle für das Fundraising?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Eine Fundraisingstelle hatte ich nie. Aber es hat ja auch etwas mit Bewegung für die ganze Stadt zu tun. Wenn ich Politik mache, überzeuge ich andere Menschen. Wenn ich es gut mache. Dann gibt es auch Ressourcen. Es kann auch nicht sein, dass wir immer nur additiv denken. Wenn ich ein Ziel habe, muss ich darüber nachdenken, ob das, was ich mache, auch zu diesem Ziel führt. Das hat viel mit Kommunikation, mit Überzeugungsarbeit zu tun. Für mich war das immer meine Arbeit. Und wenn ich mal jemanden hatte, der Förderprogramme heraussuchte, war das eine Hilfe. Aber es war eben wichtig, dass viele auf das gleiche Ziel hinarbeiteten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine wichtige Unterstützung bieten – wenn sie sie bieten – die kommunalen Spitzen, die Oberbürgermeister:innen, Bürgermeister:innen, die Räte. Da gibt es sicherlich auch Widerstände?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Widerstände gibt es immer. Aber wenn die eine Tür zu ist, kann man fast immer eine andere öffnen. Dazu gehört auch Beharrlichkeit, eine gute Beteiligung, Einbindung. Man ist gut beraten, möglichst viele mitzunehmen, indem man Wirkungsmodelle vorstellt, auch im Verlauf. In Monheim würde niemand mehr in Frage stellen, dass man Zukunftschancen für Kinder aufbauen muss. Auch im Land Nordrhein-Westfalen nicht mehr. Das ist Standard.</em></p>
<p><em>Es gibt natürlich auch die Frage, was ist mit den anderen Kindern? Warum mache ich nur etwas für die armen Kinder? Wenn die Eltern nicht arbeiten, warum sollte ich die dann unterstützen? Die Eltern sind doch zu Hause, da sollen die sich doch um die Kinder kümmern. Solche Diskussionen erlebe ich öfter. Dahinter stehen ja auch Einstellungen. Deshalb sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, wie wir Zukunft für Kinder schaffen und nicht, wie wir die Eltern unterstützten wollen. Damit erreicht man einen parteiübergreifenden Konsens. Sie sehen es an den Parteizugehörigkeiten der Ministerpräsident:innen, Jugend- und Schulminister:innen der letzten 20 Jahre in Nordrhein-Westfalen. SPD, CDU, Grüne, FDP – alle waren und sind im Boot. </em></p>
<h3><strong>In Berlin: ein Institut für innovative soziale Arbeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu Berlin. Was sind die Hauptaufgaben der Stiftung SPI?</p>
<div id="attachment_3707" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3707" class="wp-image-3707 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/05-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3707" class="wp-caption-text">Jugendsozialarbeit in Brandenburg: die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist bei der Stiftung SPI zentral. © Stiftung SPI.</p></div>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Die Stiftung SPI wurde als gemeinnützige Stiftung öffentlichen Rechts 1981 durch den AWO-Landesverband Berlin gegründet. Wir haben fünf Geschäftsbereiche in Berlin und in Brandenburg. In Brandenburg haben wir kurz nach der Wende angefangen, die Jugendhilfe aufzubauen, in allen denkbaren Bereichen. Wir haben das Landesministerium begleitet. In Berlin haben wir den Geschäftsbereich Gesundheit, Wohnen und Beschäftigung, der Suchtberatung, Präventionsangebote zur Sucht und Wohnen für suchtkranke Menschen anbietet. Der Bereich Lebenslagen und Stadtentwicklung umfasst die Demokratiebildung, die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsradikalismus, wir begleiten die U18-Wahl in Berlin. Wir haben die Fachschule am Halleschen Ufer in Berlin-Kreuzberg. Diese wurde einmal von </em><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/marie-juchacz"><em>Marie Juchacz</em></a><em> geleitet, es gibt sie schon seit über 100 Jahren. Wir haben etwa 1.400 Studierende, Erzieher:innen, Heilpädagog:innen, im dualen Bereich sowie in Vollzeit. Es gibt Angebote für Fort- und Weiterbildung, Zusatzqualifikationen und so weiter. Wir haben einen großen Geschäftsbereich Strategien und soziale Integration, der für das Bundesfamilienministerium, für das Land Berlin, für die Kinderschutzkommission NRW große Programme begleitet. Ein Beispiel ist das jetzt beendete </em><a href="https://sprach-kitas.plattform-spi.de/"><em>SprachKiTa-Programm</em></a><em>. Viele bekannte Programme wie die Jugendstrategie der Bundesregierung werden von uns begleitet. </em></p>
<p><em>Wir verstehen uns als Institut für innovative soziale Arbeit. Meine Aufgabe als Direktorin, Institutsleiterin und Vorstandsvorsitzende ist einmal die strategisch-inhaltliche Ausrichtung, die Rahmung der Gesamtstiftung. Zu meinen Aufgaben gehören auch die Außenvertretung und die wirtschaftliche Sicherung. Wir sind eine sehr gesunde Stiftung. Eine besondere Stärke haben wir durch die Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Ausbildung. Das ist vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal der Stiftung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht suchen wir uns ein exemplarisches Projekt heraus, an dem deutlich wird, wie das Institut arbeitet. Ich schlage vor, dass wir über den Kinderschutz sprechen.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ein Mega-Thema. Als ich nach Berlin kam, gab es die schrecklichen Kinderschutzfälle in Lügde, auf dem Campingplatz. Der nordrhein-westfälische Landtag gründete in dem Zusammenhang eine </em><a href="https://www.landtag.nrw.de/home/der-landtag/ausschusse-und-gremien-1/fachausschusse-1/a041-kommission-zur-wahrnehmung.html"><em>Kinderschutzkommission</em></a><em>. Diese hat bei der Stiftung SPI ein </em><a href="https://www.stiftung-spi.de/service/projekte/detail/gutachten-nrw"><em>Gutachten</em></a><em> in Auftrag gegeben, zur Qualität und zu den Standards der Jugendämter in NRW. Für dieses Gutachten haben wir elf Jugendämter in Nordrhein-Westfalen analysiert und miteinander verglichen. Die Jugendämter sind unterschiedlich groß, es ging von einer großen Großstadt bis zu einem kleinen Kreisjugendamt. Die Landschaft ist in Nordrhein-Westfalen ja sehr vielschichtig, mit den 186 sehr unterschiedlich großen Jugendämtern. </em></p>
<p><em>Ergebnis war, dass es eigentlich keine standardisierten Formen von ASD-Arbeit gibt, nicht für die Ausstattung, nicht für das Qualitätsmanagement, nicht für die Anzahl an Fortbildungen. Es gibt natürlich vergleichbare Strukturen entsprechend dem SGB VIII, aber dort ist nicht beschrieben, wie die Qualität in den Jugendämtern gesichert wird. Wir haben das aufgeschrieben und empfohlen, eine landweite Fachaufsicht zu etablieren. Wir haben das „Expertisecluster“ genannt. In den Regionen sollte eine fachlich begleitete Stelle implementiert werden, die im Fall schwieriger Verläufe und Fragestellungen bereitsteht. Wir haben insbesondere das Modell des Kinderschutzbedarfsplans entwickelt. </em></p>
<p><em>Der Kinderschutz ist unseres Erachtens genauso wichtig wie etwa der Brandschutz. Brandschutzbedarfspläne müssen in jeder Legislatur überarbeitet werden – wie ist die Ausstattung, wie schnell ist man vor Ort? Das haben wir auf den Kinderschutz übertragen. Die Jugendämter sollen in jeder Legislatur dem Rat beziehungsweise dem Jugendhilfeausschuss einen Kinderschutzbedarfsplan vorlegen, sodass sich die örtliche Politik mit dem Thema auseinandersetzen und die erforderlichen Maßnahmen beschließen kann. Wo stehen wir? Welche Probleme gibt es? Wie gestalten sich Kinderschutzfälle in der Stadt? Wie lange ist die Verweildauer in den Hilfen? Mit all diesen Themen beschäftigen sich Jugendhilfeausschüsse fast gar nicht. Sie befassen sich mit Nachtragshaushalten, wenn man mal mit den Mitteln für die Hilfen zur Erziehung oder für unbegleitete minderjährige Geflüchtete nicht ausgekommen ist. Die Planung von Spielplätzen ist natürlich viel einfacher. Die Politiker:innen brauchen eine Basis, sich mit dem Kinderschutz zu beschäftigen, und sie müssen darin geschult werden. </em></p>
<p><em>Diese Idee haben wir publiziert und kommuniziert. Es gibt einige Kommunen in NRW, die das jetzt als Modell umsetzen wollen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann sind Sie in diesem Projekt an der Stelle, an der Sie nach der Studie von Gerda Holz im Jahr 2000 in Monheim angefangen haben.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Genau da sind wir. </em><strong> </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Immerhin müssen Schulen und KiTas nach der nordrhein-westfälischen Gesetzgebung inzwischen Kinderschutzkonzepte erstellen. Das sind natürlich noch keine kommunalen Konzepte.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Wir haben Kriterien entwickelt, das Thema kommunal strategisch aufzuarbeiten. Das Kinderschutzkonzept einer einzelnen Schule oder KiTa ist natürlich etwas Gutes, aber das muss in eine kommunale Strategie eingebunden werden. Sonst mache ich ein Kinderschutzkonzept, das ich zwar in der Schublade habe, aber habe nichts zu der Frage gesagt, was das eigentlich bedeutet. Was ist beispielsweise mit Fach- und Beratungsstellen in den Kommunen für den Kinderschutz? An wen wenden sich die Schulen, die Kindertageseinrichtungen, die Eltern oder auch die Kinder? Die Kinder haben nach der jüngsten </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/grosse-loesung-und-kinderrechte/"><em>Reform des SGB VIII</em></a><em> einen anlasslosen Beratungsanspruch. Es gibt schon einige gute Beispiele. Wir haben das damals in Essen aufgebaut, in Form einer der Fachdisziplin übergeordneter Kinderschutzberatung, nicht nur im ASD, sondern im Jugendamt.</em></p>
<p><em>Das Thema Kinderschutz wird im familiären Bezug <u>das</u> Thema des ASD. Wenn wir über präventiven Kinderschutz sprechen, über Beratung in der Kommune wäre zum Beispiel auch zu überlegen, ein Kinderschutzsiegel zu vergeben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beteiligt sich die Stiftung SPI an der Umsetzung der kommunalen Projekte?</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Ich hoffe, dass wir beauftragt werden, das erste Modell eines Kinderschutzbedarfsplans in Nordrhein-Westfalen begleiten zu dürfen. </em></p>
<h3><strong>Ressourcen für Gesamtkonzepte!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kindeswohlgefährdung wird oft auf das Thema der sexualisierten Gewalt reduziert. Dazu gehört jedoch viel mehr, auch der Bereich der Kinderarmut gehört dazu. In diesem Bereich haben wir zurzeit den Streit um die Frage, wie und zu welchen Kosten die Kindergrundsicherung eingeführt werden sollte. Auch mit der vorläufigen Einigung für den Bundeshaushalt 2024 ist das Thema noch nicht abschließend bearbeitet. Die andere Frage ist natürlich die, wie wir die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern und Eltern zielgenauer einbeziehen können. Hier schließt sich für mich der Kreis. Auch hier ist MoKi eine Blaupause.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Dem Thema der finanziellen Unterstützung konnten wir uns in den Kommunen nie richtig widmen, weil wir dafür keine Zuständigkeiten haben. Das, worüber wir sprechen können und müssen, sind die individuellen Folgen von Armut für Kinder. Die AWO-ISS-Armutsstudien geben Auskunft. Wer nicht genug Geld hat, hat möglicherweise eine weniger gute Wohnung, kann sich kein gesundes Essen leisten. Das hat Auswirkungen auf die Bildung, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Kultur, an Sport. Diese Lebenslagen müssen wir uns anschauen und die Unterstützung daran ausrichten. Das heißt beispielsweise in der Kultur, Möglichkeiten zu finden, dass Kinder daran teilhaben können, die sonst nie die Möglichkeit bekämen. Wir haben in diesen Familien oft Kinder, die noch nie in einem anderen Stadtteil waren, geschweige denn in einem Theater. In Monheim gab es Kinder, die noch am Rhein waren, obwohl der gerade einmal zwei Kilometer entfernt ist. Das hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. </em></p>
<div id="attachment_3708" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3708" class="wp-image-3708 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/06-Colo2022-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3708" class="wp-caption-text">Kulturangebote von jungen Menschen beim Colorossa-Festival im Lindenpark Potsdam. © Jona Freigang</p></div>
<p><em>Es gibt mehrere Wege, entweder man macht es in der KiTa, in der Schule, oder man motiviert Eltern, dass es etwas Schönes wäre, so etwas mit den Kindern zu machen. Das beruht ein wenig auf der Überzeugung, dass alle Eltern wollen, dass sich ihre Kinder gut entwickeln. Aber viele wissen nicht wie. Es geht deshalb darum, Bindung herzustellen. Je länger Kinder in Armut leben, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie eine schlechtere Schulbildung haben, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung. Es reicht nicht aus, den Eltern mehr Geld zu geben oder ihnen beizubringen, wie man damit gut umgeht. Das führt nicht dazu, dass Eltern mit ihren Kindern dann doch in den Zoo oder ins Theater gehen. In Gelsenkirchen haben wir ein Programm zum armutssensiblen Handeln in KiTas, mit der </em><a href="https://www.rag-stiftung.de/"><em>RAG-Stiftung</em></a><em>. Da gab es einen Zoo-Gutschein. Nach einem halben Jahr haben wir gefragt. Die Kinder waren nicht im Zoo. Es gab andere Gründe, schon der Weg zum Zoo war und ist ein Problem.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt Studien, die untersuchten, wer welche U-Bahn-Stationen in einer Stadt kennt. Die Zahl der Stationen, die Menschen aus armen Familien kannten, ist verschwindend klein.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Wir haben viele Familien, die aufgrund traumatischer Erfahrungen in einer schwierigen Situation leben. Die Eltern sind lange Zeit arbeitslos oder langfristig erkrankt. Es geht auch darum zu erkennen, was Kinder brauchen. Teil einer Strategie gegen Armutsfolgen ist die Stärkung der Empathie für das, was Kinder brauchen. Es gibt leider auch Eltern, die den ganzen Tag am Handy hängen und nicht mitbekommen, was die Kinder bräuchten. Die Kinder müssen im Mittelpunkt jeder Strategie stehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dafür muss ich auch manche Lehrer:innen und manche Erzieher:innen sensibilisieren.</p>
<p><strong>Annette Berg</strong>: <em>Auch da gibt es blinde Flecken. Viele Familien kommen nicht so einfach auf Lehrer:innen und Erzieher:innen zu. Kinder aus armen Familien sind nicht immer von vornherein interessiert, vielleicht manchmal auch schmuddelig, und dann werden sie übersehen. Mir ist es wichtig, dass Eltern darin gestärkt werden, Bindungserfahrungen mit ihren Kindern zu haben und dass wir für alle Kinder die bestmöglichen Perspektiven entwickeln müssen, in der Gesellschaft und auch als mündige Bürger:innen. Das ist keine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Das Kind in den Mittelpunkt stellen – und das in einem integrierten kommunalen Gesamtkonzept – darum geht es. Dafür müssen wir die Ressourcen schaffen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 5. September 2023,Titelbild: © Stiftung SPI / Thomas Richert.)</p>
<p>P.S.: Am 1. Januar 2025 wechselte Annette Berg von der Stiftung SPI als Beigeordnete nach Wuppertal.</p>
<p><em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>60 Jahre Jugendhilfe &#8211; ein Jubiläum</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-jugendhilfe-ein-jubilaeum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Sep 2023 05:10:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>60 Jahre Jugendhilfe – ein Jubiläum Portrait des Kölner Trägers Netzwerk e.V. „Ziel von Netzwerk e.V. ist es, gemeinsam verantwortungsvoll zu handeln und zukunftsfähige Entscheidungen im Sinne der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) zu treffen. Im Arbeitskontext von Netzwerk e.V. bedeutet das konkret, dass sowohl in der schulischen als auch in der außerschulischen Bildung  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>60 Jahre Jugendhilfe – ein Jubiläum</strong></h1>
<h2><strong>Portrait des Kölner Trägers Netzwerk e.V. </strong></h2>
<p><em>„Ziel von Netzwerk e.V. ist es, gemeinsam verantwortungsvoll zu handeln und zukunftsfähige Entscheidungen im Sinne der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) zu treffen. Im Arbeitskontext von Netzwerk e.V. bedeutet das konkret, dass sowohl in der schulischen als auch in der außerschulischen Bildung – von der Kita über die Primarstufe bis hin zum Übergang Schule-Beruf – die Vermittlung und der Erwerb notwendiger Kenntnisse und Qualifikationen zur Umsetzung einer nachhaltigen Lebensweise ihren festen Platz haben. Bei der ganzheitlichen Kompetenzentwicklung stehen die Handlungsfelder der Zukunft, wie z.B. Bildung, Klimawandel, Landwirtschaft, Konsum, Lebensstile und soziale Gerechtigkeit, im Mittelpunkt unseres Handelns.“ </em>(Die Ziele von <a href="https://netzwerk.koeln/schule/videos/20_jahre_ogs_pls.mp4">Netzwerk e.V. laut eigenem Internetauftritt</a>)</p>
<p>Der Kölner Jugendhilfeträger Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung, kurz: Netzwerk e.V. feierte im August 2023 sein 20-jähriges Bestehen. Im Jahr 2003 ist der Verein durch die Verschmelzung zweier Jugendhilfeträger entstanden. Netzwerk e.V. ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe gemäß <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__75.html">§ 75 SGB VIII</a> und führt an mehr als dreißig Standorten in Köln, Rösrath und Mönchengladbach vielfältige Angebote zur Pädagogik und Bildung im Kindes- und Jugendalter durch.</p>
<p>Das 20-jährige Jubiläum von Netzwerk e.V. bietet den Anlass, das Engagement und die (Um-)Wege, die die handelnden Personen in den vergangenen Jahrzehnten gegangen sind, in diesem kurzen historischen Rückblick zu würdigen. Auf der Startseite seines Internetauftritts fasst Netzwerk e.V. die <u>Kernaussagen seines Leitbilds</u> zusammen:</p>
<ul>
<li>„<em>Durch überlegtes Handeln erhalten wir unsere Lebensgrundlagen und vermitteln dieses Ziel in unseren Einrichtungen und Projekten. </em></li>
<li><em>Alle Kinder, Jugendlichen und ihre Familien, alle Mitarbeiter*innen sind Teil von Netzwerk e.V. und erfahren Wertschätzung. Die Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen können mitgestalten und erfahren persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei liegen die Stärken jedes einzelnen im Mittelpunkt. </em></li>
<li><em>Wir setzen die zur Verfügung stehenden Mittel bewusst und sorgfältig ein. </em></li>
</ul>
<h3><strong>Die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V.</strong></h3>
<div id="attachment_3753" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3753" class="wp-image-3753 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-400x553.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-600x829.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-741x1024.jpg 741w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-768x1061.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-800x1105.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1112x1536.jpg 1112w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1200x1658.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-1483x2048.jpg 1483w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/1.-Niederschrift-zur-Gruendung-der-Foerderergemeinschaft.IMG_6580-scaled.jpg 1853w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-3753" class="wp-caption-text">Niederschrift zur Gründung der Förderergemeinschaft. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die Geschichte von Netzwerk e.V. beginnt bereits mit der Gründung der beiden Vorgängervereine – die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. im Jahr 1960 und Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung e.V. im Jahr 1991. Der Verein wurde im Jahr 1960 als Förderergemeinschaft „Kinder in Not“ gegründet und 1961 und unter diesem Namen in das Vereinsregister des Amtsgerichts Düsseldorf eingetragen. Nach verschiedenen Namens- und Satzungsänderungen in den Jahren 1976 und zuletzt 1991 entstand schließlich die Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. (kurz: ÖFG). Geschichte und Vorgeschichte zeigen exemplarisch, wie sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/">die Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen 75 Jahren in (West)-Deutschland</a> entwickelte.</p>
<p>Den Anstoß zur Gründung des Vereins gab der junge Schaufensterdekorateur Johannes Wasmuth. Er prägte die ersten Aufbaujahre, während die strukturelle Weiterentwicklung bis hin zur Etablierung von noch heute bestehenden Einrichtungen von Netzwerk e.V. ohne den späteren Geschäftsführer, Pfarrer Wolfgang Kelm, nicht denkbar gewesen wäre.</p>
<p>Ausgangspunkt für die Gründung war die prekäre Situation obdachloser Kinder im Raum Düsseldorf und Neuss gegen Ende der 1950er Jahre. Johannes Wasmuth war Ende der 1950er Jahre zuerst in Neuss auf obdachlose Kinder gestoßen, die ihm beim Dekorieren zuschauten. Er kam mit ihnen ins Gespräch und erfuhr von ihren Lebensverhältnissen in einem Obdachlosenlager in der Nähe eines Bahngeländes. Hier fristeten die Kinder mit ihren Familien nach den Berichten der Kinder ein erbarmungswürdiges Dasein. Wasmuth unterstützte diese Kinder zusammen mit weiteren Helfer:innen bei ihren Hausaufgaben. Durch seine Aktivitäten wurde öffentlich wahrgenommen, dass Armut und Chancenlosigkeit für viele Menschen auch in einer reichen Stadt wie Düsseldorf den Alltag bestimmte.</p>
<p>Um den Familien zu helfen, wollte Johannes Wasmuth Ziel auf dem Bahngelände in der Nähe einer Obdachlosensiedlung eine Anlaufstelle für die von ihm und seinen Helfer:innen betreuten Kinder schaffen. In einem Memorandum weist die von ihm angestoßene Aktion „Kinder in Not“ noch vor der Vereinsgründung auf „<em>Elendssiedlungen mit Hunderten von Menschen, die in Baracken, abgewrackten Autos und Bretterverschlägen hausen</em>“ hin.</p>
<p>Johannes Wasmuth versuchte in dieser Zeit über Kunstauktionen Mittel für „Kinder in Not“ zu akquirieren und einflussreiche Personen für sein Anliegen zu gewinnen. Mit unterschiedlichem Erfolg, aber sein Engagement führte dazu, dass der damalige Ministerpräsident des Landes NRW, Franz Meyers, zu Beginn des Jahres 1960 die Schirmherrschaft übernahm und das Vorwort für eine dieser Kunstauktionen schrieb. Prominente Künstler spendeten ihre Kunstwerke und legten mit den Auktionen den Grundstein. Zusätzlich zu den auf den Kunstauktionen gewonnenen Mitteln wurden weitere Mittel vom Landschaftsverband Rheinland für den Bau von Kindergärten in vier nordrhein-westfälischen Städten, in Bonn, Mönchengladbach, Duisburg und Düsseldorf, bereitgestellt.</p>
<p>Die Verwaltung der Mittel und die Organisation der Aufgaben erforderten neue Strukturen. Dies gab letztlich den Impuls zur Gründung des gemeinnützigen Vereins, an der sich namhafte Personen aus Politik und Verwaltung beteiligten. Am 24. November 1960 wurde das Gründungsprotokoll erstellt und ein Beirat mit prominenten Persönlichkeiten aus ganz Nordrhein-Westfalen für die Förderergemeinschaft „Kinder in Not“ e.V. eingerichtet.  Die Aktivitäten fokussierten in den ersten Jahren auf Hilfen für obdachlose Menschen in Düsseldorf, später auf Unterstützungsangebote mit Schwerpunkten in den Städten Bonn und Köln.</p>
<p>Die Gründung eines Kindergartens in Bonn nahm der Vorstand zum Anlass, ein weiteres Memorandum zu veröffentlichen, in dem die Situation der Obdachlosen beschrieben und um Unterstützung gebeten wurde. Dieses zweite Memorandum, das mit einem Spendenaufruf verbunden war, nahm die damals weit verbreitete „Katholische Bildpost“ zum Anlass für einen Aufmacher in Form eines längeren Beitrags. Die große Resonanz dieser öffentlichkeitswirksamen Aktion führte zu einem Freundeskreis aus Förderern. Diese Förderer spendeten über Jahre hinweg regelmäßig Geld für die Aktivitäten des Vereins, und einige schlossen auch Erbschaften zugunsten der Förderergemeinschaft ab. Über die guten Kontakte von Johannes Wasmuth zur Künstlerszene kamen durch Fernsehauftritte des international bekannten Pantomimen Marcel Marceau weitere Gelder hinzu. All diese Zuwendungen sicherten dem Verein in den Anfangsjahren eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit.</p>
<h3><strong>Modellprojekte und erste Evaluationen</strong></h3>
<p>1962 wurde die Ökumenische Hausgemeinschaft in Bonn neue Basis des Vereins. Johannes Wasmuth hatte auf seiner Suche nach einem <em>„geistigen Zentrum“</em> für den jungen Verein Kontakt zu einer Hausgemeinschaft hergestellt, die sich aus Benediktinermönchen und evangelischen Theologen des „Laurentiuskonvents“, dem die späteren Geschäftsführer Wilfried Warneck und Wolfgang Kelm angehörten, zusammensetzte.</p>
<p>Nachdem der neue Sitz des Vereins zur Hausgemeinschaft in Bonn verlagert war, übernahm der evangelische Theologe Wilfried Warneck die Geschäftsführung, bis er im Jahre 1966 schließlich vom Pfarrer Wolfgang Kelm in dieser Funktion abgelöst wurde. Zur Unterstützung der Vereinsaktivitäten akquirierte Johannes Wasmuth weiterhin Mittel über Aktionen mit bekannten Künstler:innen und einflussreichen Persönlichkeiten. So konnte er beispielsweise Yehudi Menuhin für ein Wohltätigkeitskonzert gewinnen. Der Kontakt, den Wasmuth mit Yehudi Menuhin und dessen Familie aufgebaut hatte, sollte auch für die inhaltliche Arbeit der Förderergemeinschaft bedeutsam werden. Die Schwester von Menuhin, Hephzibah Hauser, war mit dem englischen Soziologen Richard Hauser verheiratet, der die Grundlage für die damals neue und zielführende Methode der aktivierenden Befragung in Obdachlosenunterkünften legte.</p>
<p>Damit war die Basis für die Arbeitsmethodik der kommenden Jahre geschaffen. Ziel war die Selbstaktivierung der von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen durch außenstehende Fachkräfte, die diese aktivierende Befragung durchführten. Ab 1964 führten Mitarbeitende des Vereins Modellprojekte für obdachlose Familien in Bonn und Köln durch. Neben der Arbeit in einer Obdachlosenunterkunft in Köln-Poll fand insbesondere das Engagement in der ehemaligen „Hacketäuerkaserne“ in Köln-Mülheim öffentliche Beachtung. Von Obdachlosigkeit Betroffene konnten mit Hilfe der Aktivierung ihr Schicksal nunmehr selbst in die Hand nehmen, während die Arbeit bis dahin- so formulierte es Wolfgang Kelm – als „<em>Faß ohne Boden</em>“ erschien.</p>
<p>Mit der erfolgreichen Anwendung der vom Soziologen Richard Hauser eingeführten Methode der katalytischen Aktivierung gelang es, die Bewohner:innen zu eigenen Aktivitäten zu ermuntern und zielgerichtete Angebote für Kinder zu etablieren. Von Mitarbeitenden des Vereins wurden Spielstuben eingerichtet, die als eine Art Verbindung von Kindergarten und sozialpädagogischem Zentrum konzipiert waren und durchaus als Vorstufen und Vorbilder für <a href="https://www.bildungsserver.de/Eltern-Kind-Zentren-Familienzentren-5689-de.html">Familienzentren</a> gesehen werden können, wie es sie inzwischen in mehreren Bundeländern gibt.</p>
<p>Die Arbeit des Vereins und die Methodik waren ein innovatives Element in der Obdachlosenarbeit und fanden bundesweit Beachtung, so dass „<em>bis Ende 1964 die Förderergemeinschaft nicht nur in der Bundesrepublik, sondern sogar auch im internationalen Bereich wohl bekannt (war)</em>“ Auch überregionale Medien wurden auf den Verein aufmerksam. Ilma Sturm berichtete beispielsweise am 18. Dezember 1971 enthusiastisch in der FAZ: „<em>Wir gewahren einen Koloß von Kunsthändler und einen schlanken Juden aus London; einen Inder und einen Benediktinermönch; eine zum Aufruhr blasende Sozialarbeiterin und eine ökumenische Hausgemeinschaft, einen Arzt und verschiedene Pfarrer (…), dazu zahlreiche Studenten und Leute vom Republikanischen Club, im Hintergrund Heinrich Böll, Yehudi Menuhin, Marcel Marceau, ein Universitätsinstitut und ein Amt.</em>“</p>
<p>Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit lag in dieser Zeit auf der regionalen und überregionalen Vernetzung sowie der wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung der neuen methodischen Ansätze. Die Veröffentlichungen von Ursula Adams und Gerd Iben entstanden während der Arbeit im Verlauf der Modellprojekte. Hinzu kamen Schulungen, Einzelberatungen und Praktika zur Verbreitung der Methoden, „<em>die sich zunehmend zu einer neuen ‚katalytischen‘ Sozialarbeit ausprägten</em>“.</p>
<p>Im Jahre 1965 wurde der Malteserhof in Römlinghoven bei Königswinter neuer Stammsitz des Vereins. Ein Jahr später übernahm Pfarrer Wolfgang Kelm die Geschäftsführung und Johannes Wasmuth zog sich aus dem operativen Geschäft zurück.</p>
<p>Auf Initiative der Förderergemeinschaft wurde im Herbst 1967 eine Bundestagung in Wiesbaden mit dem Thema „Hilfen für Kinder und Jugendliche in Notunterkünften“ durchgeführt und ein Beschluss gefasst, der Grundlage für die Bildung von Kommissionen für Spielstubenarbeit, Schülerhilfe, Kinder- und Jugendgruppen und Erwachsenenberatung war. Auch international vernetzte sich der Verein mit der Initiative „<a href="https://www.atd-quartmonde.org/qui-sommes-nous/notre-histoire/atd-quart-monde-ca-veut-dire-quoi/">Aide à toute détresse</a>“ (später: ATD Quart Monde) aus Frankreich und Organisationen aus England, Belgien und Holland. 1967 wurde gemeinsam die „Internationale Föderation“ (FIDAD) gegründet und 1970 wurde ein internationaler Kongress in Köln organisiert. 1971 wurde der Verein Mitglied in der „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“ (AGDF), ein Zusammenschluss von 20 christlich begründeten Organisationen mit dem Ziel einer innergesellschaftlichen Friedensarbeit.</p>
<h3><strong>Neubesinnung zu Beginn der 1970er Jahre </strong></h3>
<p>Der Theologe Otker Bujard und der Sozialwissenschaftler Prodosh Aich unternahmen in ihrem Buch „Soziale Arbeit, Beispiel Obdachlose – eine kritische Analyse“, eine Bestandsaufnahme der Obdachlosenarbeit am Beispiel der Förderergemeinschaft. Im Zentrum ihrer Analyse stand die Entwicklung der Arbeit und deren gesellschaftliche Ausrichtung. Sie beurteilten vor allem die Abhängigkeit von Finanzmitteln aus der öffentlichen Hand kritisch.</p>
<div id="attachment_3754" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3754" class="wp-image-3754 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-300x209.jpg" alt="" width="300" height="209" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-300x209.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-400x279.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-600x419.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-768x536.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-800x558.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1024x715.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1200x838.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/3.-Bahnhaus-Mitte-der-1970er-Jahre-1-1536x1072.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3754" class="wp-caption-text">Das Bahnhaus Mitte der 1970er Jahre. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die geplante Veröffentlichung dieses Manuskripts führte zu einem Rechtsstreit zwischen den Autoren und dem Verein bezüglich der Auftragsbedingungen und der Autorenrechte. Die geplante Vorstellung auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1971 fand trotz der bereits vorgenommenen Plakatierung des Buches aus diesem Grund nicht statt. Dies veranlasste den Geschäftsführer der Förderergemeinschaft, Wolfgang Kelm, den methodischen Ansatz und die Ziele des Vereins in der Veröffentlichung „Faß ohne Boden“ ausführlich darzulegen.</p>
<p>In diesem Werk wurden zehn Rundbriefe an die Förderer des Vereins in der Zeit von 1969 bis 1972 veröffentlicht, die Erfolge der bisherigen Arbeit und nicht zuletzt auch die finanzielle Lage des Vereins thematisierten. Diese Veröffentlichung kann als Statement für das Selbstverständnis und die Ausrichtung des Vereins in den kommenden Jahren gesehen werden.</p>
<p>Zu Beginn der 1970er Jahre wurde aufgrund der prekären finanziellen Situation eine mögliche Auflösung des Vereins diskutiert. In der Chronik des Vereins aus den 1980er Jahren heißt es: „<em>Vorstand diskutiert mehrmals kritische Situation: Zusammentreffen von finanziellen Schwierigkeiten und Kritik an der sozial- und gesellschaftspolitischen Situation (der Mitarbeiter) der FG, Auflösung des Vereins zum 31.03.1971 erwogen“. </em>Ab Mitte der 1970er Jahre standen jedoch bereits wieder zukunftsgerichtete Veränderungen auf der Agenda. Der Arbeitsschwerpunkt der Förderergemeinschaft hatte sich inzwischen zunehmend auf die Arbeit mit benachteiligten Menschen im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen verlagert.</p>
<p>Im Jahre 1975 wurde das Bürgerzentrum (später: „Bürgertreff“) in der Geldernstraße eröffnet – gedacht war es als Zentrum der Gemeinwesenarbeit zur Integration der Menschen im Stadtteil. Im gleichen Jahr konnte in einem der Bürgerhäuser in der Longericher Straße die bis heute bestehende Kindertagesstätte eröffnet werden.</p>
<div id="attachment_3756" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3756" class="wp-image-3756 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-300x220.jpg" alt="" width="300" height="220" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-200x147.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-300x220.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-400x294.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-600x441.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-768x564.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-800x588.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-1024x752.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996-1200x882.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/7.-Einweihung-Photovoltaikanlage-1996.jpg 1342w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3756" class="wp-caption-text">Einweihung der Photovoltaikanlage 1996. © Netzwerk.</p></div>
<p>In der Mitgliederversammlung vom 12. März 1976 wurde nach längerer Diskussion der Beschluss gefasst, die Kölner Initiative „Soziale Dienste und Ökumene“ (SDÖ) aufzunehmen. Dies führte zu einer veränderten Vereinsstruktur und nach entsprechenden Satzungsänderungen wurde der Verein unter dem neuen Namen „Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste – „Kinder in Not“ e.V.“ in das Vereinsregister beim Amtsgericht Düsseldorf eingetragen.</p>
<p>Pfarrer Wolfgang Kelm wurde in diesem Jahr zum stellvertretenden Vorsitzenden und geschäftsführenden Vorstandsmitglied gewählt und die Geschäftsstelle nach dem Umzug des „Laurentiuskonvents“ in das nordhessische <a href="https://oeg-wethen.de/uber-uns-2/berichte/im-zeichen-der-vier-ks/">Diemelstadt-Wethen</a> verlegt.</p>
<p>Im Oktober 1977 startete in Köln-Bilderstöckchen in Trägerschaft der Förderergemeinschaft der Heilpädagogische Dienst (später: „Kinder- und Familienberatung“). In diesem Jahr gab es im Haushalt der Stadt Köln erstmalig eine eigene Kostenstelle und die Finanzlage des Vereins entspannte sich aufgrund des Spendenaufkommens der Förderer sowie durch eine größere Erbschaft.</p>
<p>Ein Jahr später konnte das „Bahnhaus“, die spätere Geschäftsstelle, in der Longericher Straße 138 angemietet werden. Im gleichen Jahr wurde eine Schreinerwerkstatt für 15 Jugendliche im Keller des Bürgerzentrums Geldernstraße gegründet. Hieraus entwickelten sich eine Ausbildungswerkstatt und die spätere Jugendwerkstatt Nippes mit Sitz in der Florastraße. In Mönchengladbach ging 1979 schließlich auch die Jugendwohngemeinschaft an den Start. Als stationäre Jugendhilfeeinrichtung betreut sie bis heute ganztägig junge Menschen und konnte im Jahr 2019 ihr 40-jähriges Bestehen feiern.</p>
<p>Ende der 1970er Jahre werden folgende Arbeitsschwerpunkte in Köln beschrieben:</p>
<ul>
<li>eine Kindertagesstätte in der Longericher Straße</li>
<li>das Bürgerzentrum mit Werkstatt für arbeitslose Jugendliche</li>
<li>das Bundesbahnhaus mit Sozialberatung</li>
<li>der Heilpädagogischer Dienst</li>
</ul>
<p>Dazu kamen in Mönchengladbach neben der Jugendwohngemeinschaft ein Bürgerbüro am Römerbrunnen und die Projektgruppe Bahnhofskaserne in Minden für die Betreuung von obdachlosen Menschen. Am Ende des Jahrzehnts hatten die Ausgaben der Förderergemeinschaft erstmals fast die Grenze von einer Mio. DM erreicht. Der Haushaltsentwurf des Vereins für 1979 sah Ausgaben in Höhe von 953.050 DM vor, darin enthalten waren auch die Mittel für die neu gegründete Jugendwohngemeinschaft in Mönchengladbach. Die Ausgaben wurden inzwischen zu einem immer größeren Anteil aus Mitteln der öffentlichen Hand refinanziert.</p>
<p>Der Geschäftsführer Wolfgang Kelm beschreibt im Rahmen einer Mitgliederversammlung am 10. Februar 1979 Innovation als „<em>Lebensgesetz unseres Vereins</em>“ und weiter, es sei nach der „<em>kühnen und risikoreichen Aufnahme neuer Projekte eine Konsolidierung durch Expansion (eingetreten)</em>“.</p>
<h3><strong>Die 1980er Jahre – Von einer Bürgerinitiative zum professionellen Trägerverein</strong></h3>
<p>Während zu Beginn der 1980er Jahre die immer wieder prekäre Finanzlage des Vereins zum wiederholten Mal zum Anlass genommen wurde, die Weiterexistenz in Frage zu stellen, beispielsweise in einer Mitgliederversammlung am 27. April 1983 in Mönchengladbach, verbesserte sich die wirtschaftliche Lage bis Mitte der 1980er Jahre wieder deutlich. Im Jahre 1985 konnten in den neu angemieteten Räumlichkeiten in Köln-Nippes die Ausbildungswerkstatt und die Jugendwerkstatt Nippes ihre Arbeit aufnehmen.</p>
<div id="attachment_3757" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3757" class="wp-image-3757 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-300x170.jpg" alt="" width="300" height="170" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-300x170.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-400x226.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-600x339.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-768x434.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-800x452.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-1024x579.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage-1200x678.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/12.-Geschaeftsstelle-von-Netzwerk-mit-Dachbegruenung-und-Solarthermieanlage.jpg 1237w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3757" class="wp-caption-text">Die Geschäftsstelle von Netzwerk mit Dachbegrünung. © Netzwerk.</p></div>
<p>In der Festschrift „25 Jahre Wagnis“ blickte Pfarrer Wolfgang Kelm im Jahre 1985 auf ein Vierteljahrhundert soziales Engagement und eine wechselvolle Vereinsgeschichte zurück und zog aber auch das bedauernde Fazit, dass es für Randgruppen noch immer „<em>keine Lobby</em>“ gäbe: <em>„Obdachlosigkeit ist vielfältiger und langfristiger als wir uns vor 25 Jahren träumen ließen. Neue Probleme treten hinzu. Dauerarbeitslosigkeit der Älteren, Chancenlosigkeit der Jungen. Die Hoffnung, in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren brauche bald niemand mehr zu fürchten, daß materielle Not ihm und seinen Kindern das Grundlebensmittel Wohnung entziehen könnte, ist zerstoben.“</em></p>
<p>Ende des Jahres 1986 arbeiten insgesamt 72 Mitarbeitende beim Verein, und der Umsatz belief sich mittlerweile auf ca. vier Mio. DM. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Professionalisierung als Trägerverein wurde auf der Mitgliederversammlung am 23. Mai 1991 im Haus Landeskirchlicher Dienste in Düsseldorf mit einer erneuten Satzungsänderung gelegt. Unter dem neuen Namen <em>Ökumenische Förderergemeinschaft für soziale Dienste e.V. </em>lautete § 9 der Vereinssatzung nun: „<em>Der Vorstand kann eine(n) Geschäftsführer(in) einstellen. Der Vorstand kann den Geschäftsführer (die Geschäftsführerin) als seine(n) besondere(n) Vertreter(in) nach § 30 BGB bestellen</em>.“ Nach dieser Satzungsänderung und der finanziellen Konsolidierung des Vereins war damit der Weg frei für die Einstellung eines hauptamtlichen Geschäftsführers. Die Arbeitsschwerpunkte des Vereins konzentrierten sich inzwischen auf den Raum Köln, so dass auch die Verlagerung der Geschäftsstelle an diesen Standort überfällig war.</p>
<p>Im Jahre 1991, 30 Jahre nach der Vereinsgründung, befand sich die Geschäftsstelle des Vereins damit erstmals in Köln und wurde am 13. Dezember 1991 vom neuen Geschäftsführer Jochen Sander von der Meden und vom damaligen Bürgermeister Johannes Blum im alten Bahnhaus in der Longericher Straße 138 feierlich eröffnet.</p>
<p>Nach 30 wechselvollen und arbeitsreichen Jahren im Dienste des Vereins wurde Pfarrer Wolfgang Kelm damit als Geschäftsführer des Vereins abgelöst. In der Mitgliederversammlung vom 14. Mai 1992 erklärte Wolfgang Kelm auch seinen Rückzug aus dem Vorstand des Vereins. Anlässlich seines Abschieds wünschte er sich für das zukünftige Selbstverständnis des Vereins ein „<em>institutionelles ‚Biotop‘, weder nur kurzlebige Pflanzen (= spontane Initiativen) noch nur vieljähriges Gehölz (= routinierte Professionalität), sondern ein Miteinander, das sich gegenseitig herausfordert, stützt und belebt.</em>“ Ein Wunsch, der in den folgenden drei Jahrzehnten Realität werden sollte.</p>
<h3><strong>Seit 1991 mit Sitz in Köln: Konsolidierung</strong></h3>
<p>Im Jahr 1991, fast zeitgleich mit der Gründung des Vereins Natur &amp; Kultur, lag nach der Verlagerung der Geschäftsstelle in die Longericher Straße das organisatorische Zentrum der von der Förderergemeinschaft betriebenen Sozialen Dienste also erstmals in Köln. Zu den Einrichtungen, die bis zur Verschmelzung zu Netzwerk e.V. im Jahre 2003 bestehen bleiben sollten, gehörten damals:</p>
<ul>
<li>die Jugendwohngemeinschaft in Mönchengladbach</li>
<li>der Bürgertreff Bilderstöckchen</li>
<li>der Heilpädagogische Dienst und der Soziale Dienst</li>
<li>der Kindergarten in der Longericher Straße 153 sowie</li>
<li>die Jugendwerkstatt in der Florastraße 55–57</li>
</ul>
<p>Bis zum Jahr 2003 wurden weitere Kindertagesstätten in die Trägerschaft der ÖFG übernommen.</p>
<p>Durch die zunehmende Verlagerung der Arbeit auf den Raum Köln wurden, nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen, verschiedene überregionale Tätigkeiten aufgegeben. Dazu gehörte die Obdachlosenarbeit in der Bahnhofskaserne Minden und die Mitgliedschaft in der Aktionsgemeinschaft für den Frieden.</p>
<div id="attachment_3758" style="width: 214px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3758" class="wp-image-3758 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-204x300.jpg" alt="" width="204" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-200x294.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-204x300.jpg 204w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-400x589.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-600x883.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-696x1024.jpg 696w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-768x1130.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-800x1178.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1044x1536.jpg 1044w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1200x1766.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt-1391x2048.jpg 1391w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/5.-Katalog-zur-Ausstellung-Oekologie-findet-Stadt.jpg 1458w" sizes="(max-width: 204px) 100vw, 204px" /><p id="caption-attachment-3758" class="wp-caption-text">© Netzwerk.</p></div>
<p>Am 24. Oktober 1997 fasste die Mitgliederversammlung den zukunftsweisenden Beschluss, das alte „Bahnhaus“ in der Longericher Straße 138 zu erwerben und zu sanieren. Mit dem Kauf des Bahnhauses und anliegender Grundstücke besaß der Verein erstmals Grundeigentum, das für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten eine bedeutende Grundlage werden sollte.</p>
<p>Ein großer Einschnitt für den Verein war die Schließung der 1985 gegründeten Ausbildungswerkstatt Nippes im Jahre 1999. Einsparmaßnahmen der öffentlichen Hand ließen nur noch den Weiterbetrieb der Jugendwerkstatt zu. Aus diesem Grund wurden die Räumlichkeiten der Geschäftsstelle im alten Bahnhaus vermietet und die Geschäftsstelle im Jahre 2000 – vorübergehend – in die nach der Schließung der Ausbildungswerkstatt frei gewordenen Räume in Köln-Nippes verlegt. Hier sollte sie für die Verwaltung und Organisation der Sozialen Dienste bis zur Fertigstellung des Neubaus in der Longericher Straße 136 im Jahre 2009 bleiben.</p>
<p>Bis 2003 erfolgte die Sanierung des Bahnhauses in Köln-Bilderstöckchen und der Abriss der neben dem Gebäude befindlichen alten Halle. Anstelle der Halle wurde in einer Neubaumaßnahme ein weiteres Gebäude errichtet, das nach Fertigstellung im Jahre 2003 an das Raphaelshaus Dormagen vermietet wurde. Hier werden in der „Edith-Stein-Gruppe“ bis heute 10 Mädchen und Jungen in einer 5-Tages-Gruppe untergebracht und betreut.</p>
<p>In der Jahreshauptversammlung am 2. Dezember 2002 stimmten die Mitglieder schließlich dem Verschmelzungsvertrag der Förderergemeinschaft mit Natur &amp; Kultur mit Wirkung zum 1. Januar 2003 zu. Natur &amp; Kultur beschloss am 14. Dezember 2002 gleichlautend. Die Vereinsarbeit wurde unter dem Dach von Netzwerk e.V. weitergeführt.</p>
<h3><strong>Eine neue Dimension: Natur- und Umweltschutz</strong></h3>
<p>Die Gründung des Vereins „Natur &amp; Kultur e.V.“ (später: „Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung“, kurz: „Natur &amp; Kultur“) erfolgte auf Initiative von Pädagog:innen, Naturwissenschaftler:innen und Künstler:innen, die sich für umweltbewusstes Handeln im Raum Köln engagierten.</p>
<p>Zu Beginn der 1990er Jahre waren ökologische Fragestellungen zunehmend in das öffentliche Bewusstsein gerückt, und im Rheinland bildeten sich erste umweltpädagogische Arbeitskreise. Es wurden immer mehr Projekte in Schulen und verschiedene kommunale Ökologievorhaben realisiert. Die Gründer:innen des Vereins hatten sich in unterschiedlichen Kontexten für ökologisch sinnvolles Handeln engagiert und sich zum Ziel gesetzt, diese Ansätze zu bündeln und hierfür eine organisatorische und finanzielle Basis zu schaffen.</p>
<p>Diese Aufgabe konnte nur mit der Unterstützung von Institutionen und Menschen realisiert werden, die sich mit diesen Zielen identifizierten und den Verein in den Anfangsjahren ideell, finanziell und ehrenamtlich unterstützten. Dazu gehörten auch Verantwortliche der Deutschen Bundesbahn, die im Jahre 1991 für einen symbolischen Mietpreis Räumlichkeiten auf dem Gelände des ehemaligen Bundesbahn-Ausbesserungswerks in Köln-Nippes zur Verfügung stellten. Der erste Sitz von Natur &amp; Kultur war somit in der Werkstattstraße 100 in Köln-Nippes verortet. Im Jahre 1999 konnten in Nippes schließlich zentrumsnahe Räumlichkeiten in der Steinbergerstraße 40 angemietet werden. In dieser neuen Geschäftsstelle wurden die Projekte und Angebote von Natur &amp; Kultur bis zum Umzug in die neu errichtete Geschäftsstelle von Netzwerk e.V. im Jahre 2009 weitergeführt.</p>
<div id="attachment_3764" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3764" class="wp-image-3764 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/9.-Kompetenzteam-KlimaBildung-Koeln-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3764" class="wp-caption-text">Kompetenzteam Klimabildung Köln. Das Fot entstand am 5. August 2015 im Bürgerzentrum Ehrenfeld anlässlich einer Diskussionsveranstaltung mit den beiden Kandidat:innen für das Amt des:der Oberbürgermeister:in Henriette Reker (parteilos) und Jochen Ott (SPD). © Hacky Hagemeyer.</p></div>
<p>Zusammen mit dem Umweltamt der Stadt Köln und dem Schulministerium des Landes Nordrhein-Westfalen konnten bald nach der Gründung erste größere Projekte realisiert werden, die den Aufbau und die Weiterentwicklung des Vereins ermöglichten. Im Laufe der folgenden Jahre gelang es, sukzessive feste Planstellen zu schaffen und den Austausch mit regionalen und internationalen Partnerorganisationen zu intensivieren.</p>
<p>Am 30. November 2000 wurde von Natur &amp; Kultur das Stadtteilbüro für Nippes eröffnet. Es wurde im Rahmen der Lokalen Agenda 21 gegründet und hatte die Vernetzung der Initiativen und Akteur:innen im Stadtteil zum Ziel. Seit 2003 bringt Natur &amp; Kultur nunmehr als eine Einrichtung von Netzwerk e.V. seine Expertise im Projektmanagement mit dem Schwerpunkt „Nachhaltige Entwicklung“ ein. Der Ansatz einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung blieb der inhaltliche Schwerpunkt von Natur &amp; Kultur und wurde vor 20 Jahren die Grundlage für das Leitbild des neu entstandenen Jugendhilfeträgers Netzwerk e.V.</p>
<p>Natur &amp; Kultur hat seit 1991 zahlreiche innovative Projekte mit dem Schwerpunkt einer „Ökologischen Bildung“ bzw. einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ (BNE) konzipiert und durchgeführt.</p>
<p>Die im Laufe der letzten Jahrzehnte erarbeitenden Inhalte und Erfahrungen fließen nach der Verschmelzung beider Vorgängervereine in die Gestaltung der neuen Aufgabenfelder von Netzwerk e.V. ein. Folgende stichpunktartig dargestellte Inhalte wurden in den vergangenen 30 Jahren erarbeitet und finden sich bis heute in den Strukturen, Kooperationspartnerschaften und Angeboten von Netzwerk e.V.:</p>
<ul>
<li>Umweltbildung (seit 1994): Naturerlebnisangebote, Stadtteilerkundungen sowie Entwicklung und Durchführung von Rallys für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, Exkursionen für Schulklassen, Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für Multiplikator:innen, Entwicklung von Handreichungen für Lehrkräfte</li>
<li>Stadtökologie (seit 1994): Initiierung von Arbeitskreisen, Konzipierung und Präsentation von Ausstellungen, Entwicklung stadtökologischer Lernpfade, Bildungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Öffentlichkeitsarbeit</li>
<li>Energiesparen und Regenerative Energien (seit 1996): Ausrichtung von Kongressen mit Foren und Workshops für Schüler:innen und Lehrkräfte, Energiesparprojekte an Schulen, Zusammenarbeit mit Berufskollegs, theaterpädagogische Angebote, internationale Projekte und Workshops zu Regenerativen Energien</li>
<li>Kooperationen Schule – Wirtschaft zur Nachhaltigen Entwicklung (seit 1997)</li>
<li>Betriebsführungen in Wirtschaftsunternehmen, Messebesuche und Materialentwicklung für Schüler:innen und Lehrkräfte, Zusammenarbeit mit Hochschulen, Qualifizierungsmaßnahmen mit ökologischem Schwerpunkt zur beruflichen Bildung für Erwachsene und benachteiligte Jugendliche.</li>
<li>Klimaschutz-Bildung (seit 2010)</li>
<li>Erstellung des Klimaschutz-Bildungskonzepts für Köln und Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen zur Umsetzung des Konzepts, Gründung und Moderation des Kompetenzteams „KlimaBildung Köln“, Koordination und Jurybeteiligung bei der Mittelvergabe für Kleinprojekte im Raum Köln</li>
<li>Gesunde Ernährung (seit 2016): Analyse der Energieeffizienz und der Qualität bei der Zubereitung des Mittagessens in Offenen Ganztagsschulen in einem bundesweiten Projekt, Fachtagungen und Materialentwicklung für Multiplikator:innen, „Ernährungsparcours“ für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.</li>
</ul>
<h3><strong>Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung</strong></h3>
<div id="attachment_3763" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3763" class="wp-image-3763 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-300x212.jpg" alt="" width="300" height="212" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-200x141.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-300x212.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-400x283.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-600x424.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-768x543.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-800x566.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1024x724.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1200x849.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/17.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2023-1536x1086.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3763" class="wp-caption-text">Arbeitsfelder von Netzwerk 2023. © Netzwerk.</p></div>
<p>Nach der Verschmelzung der beiden Vorgängervereine startete im Jahr 2003 der neue Jugendhilfeträger „Netzwerk – Soziale Dienste und Ökologische Bildungsarbeit e.V.“ mit 12 Einrichtungen in eine neue Zeit. Im Namen spiegelten sich die Arbeitsschwerpunkte und Ausrichtungen beider Vorgängervereine, die sich seit Beginn des gemeinsamen Weges um zahlreiche Facetten erweitert haben. Der Name symbolisiert zum einen die Weiterführung der inhaltlichen Schwerpunkte „Soziale Dienste“ und „Ökologische Bildung“ und zum anderen die Vernetzung und Kooperation mit zahlreichen Partnerorganisationen, um die erweiterten Vereinsziele gemeinsam zu verwirklichen.</p>
<p>Ausgangspunkt für die Verschmelzung der Vorgängervereine zu Netzwerk e.V. war die mehrjährige enge Kooperation beider Vereine im Rahmen verschiedener Projekte. Die sich ergänzenden Erfahrungen während der intensiven Zusammenarbeit führten zu dem Beschluss, beide Vereine strukturell miteinander zu verbinden. Die Verzahnung der beiden Standbeine „Soziale Dienste“ und „Ökologische Bildung“ versprach eine längerfristige Planungssicherheit und verringerte Abhängigkeit von zeitlich befristeten Projektvorhaben.</p>
<p>Es dauerte einige Jahre, bis sich erste sichtbare Synergieeffekte zeigten. Die Zusammenlegung der Verwaltung und die Orientierung des „neuen“ Jugendhilfeträgers Netzwerk e.V. am Leitbild einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ waren erste Schritte. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass es von einem formalen gemeinsamen Dach bis zu einem gemeinsamen Selbstverständnis aller Mitarbeitenden ein langer Weg war.</p>
<p>Die Einrichtungen und Angebote beider Vorgängervereine wurden in den Anfangsjahren organisatorisch unabhängig voneinander weitergeführt. So gab es zu Beginn der Geschichte von Netzwerk e.V. zwei Geschäftsstellen in Köln-Nippes: für die Einrichtung Natur &amp; Kultur in der Steinbergerstraße 40 und für die Sozialen Dienste in der Florastraße 55–57.</p>
<p>Es sollte bis zum Jahr 2010 dauern, bis in der Longericher Straße 136 eine gemeinsame Geschäftsstelle für die inzwischen deutlich gewachsenen Verwaltungsaufgaben und Organisationsstrukturen eingerichtet werden konnte. Mit dem Erwerb des Bahnhauses und des benachbarten Bahngrundstücks an der Longericher Straße durch die ÖFG in den 1990er Jahren waren hierfür die Voraussetzungen geschaffen worden.</p>
<div id="attachment_3760" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3760" class="wp-image-3760 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-300x218.jpg" alt="" width="300" height="218" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-300x218.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-400x290.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-600x435.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-768x557.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-800x580.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1024x742.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1200x870.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/10.-Arbeitsfelder-von-Netzwerk-2003-1536x1114.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3760" class="wp-caption-text">Arbeitsfelder von Netzwerk 2003. © Netzwerk.</p></div>
<p>Die Errichtung der gemeinsamen Geschäftsstelle war ein Meilenstein in der Entwicklung. Anstoß für den Neubau war die Suche der Stadt Köln nach einem neuen Standort für das Kinderheim Köln-Sülz. In enger Abstimmung mit den Fachämtern der Stadt Köln wurde der Neubau in den Jahren 2007 bis 2010 in Regie und Verantwortung von Netzwerk e.V. errichtet. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss wurde der Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln (KiDS) auf Mietbasis zur Verfügung gestellt.</p>
<p>Netzwerk e.V. konnte damit endlich beide Geschäftsstellen im zweiten Obergeschoss zusammenlegen und den Erfordernissen gerecht werden, die sich durch die stark wachsende Mitarbeiterschaft ergaben. Für Workshops und Veranstaltungen steht seitdem ein eigener großer Seminarraum zur Verfügung, und es gibt ausreichend Platz für Lagerräume.</p>
<p>Allerdings musste der Verein im Laufe der 20-jährigen Geschichte von Netzwerk e.V. auch wichtige Einrichtungen aufgrund von Mittelkürzungen, Umstrukturierungen oder veränderten organisatorischen Rahmenbedingungen aufgeben. Dazu gehörten das Stadtteilbüro für Nippes und der Bürgertreff Bilderstöckchen, die beide in anderer Trägerschaft weitergeführt werden konnten. Der Heilpädagogische Dienst (später: Kinder- und Familienberatung) und der Soziale Dienst mussten demgegenüber nach 45 Jahren erfolgreicher Arbeit im Stadtteil Bilderstöckchen Ende 2022 aufgrund von Sparmaßnahmen und anderer Prioritätensetzungen durch die Kommune schließen. Beide Dienste haben in der Historie von Netzwerk e.V. eine tragende Rolle gespielt und waren maßgeblich an der positiven Entwicklung der Sozialstruktur im Stadtteil Bilderstöckchen beteiligt. Bis in die jüngste Zeit waren sie für viele Bürger:innen ein fester Anlaufpunkt – ein großer Verlust insbesondere für benachteiligte Menschen im Stadtteil. Weiterhin ist in Köln-Bilderstöckchen eine Sozialraumkoordinatorin in Trägerschaft von Netzwerk e.V. damit beauftragt, relevante Akteure vor Ort mit dem Ziel zu vernetzen, die Lebensbedingungen, Chancen und Perspektiven aller Einwohner:innen zu verbessern.</p>
<p>Am 12. Dezember 2008 verabschiedete die Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung, mit der ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat als Kontrollorgan für den Verein eingerichtet wurde und die Leitung der Geschäfte nunmehr auf zwei hauptamtlich beschäftigte Vorstände übertragen wurde. Damit wurde der erreichten Größe und den inzwischen gewachsenen professionellen Erfordernissen des Vereins Rechnung getragen. Im Rahmen der Satzungsänderung wurde auch der bis heute gültige Vereinsname modifiziert: „Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung, kurz: Netzwerk e.V.“</p>
<h3><strong>Und dann kam die OGS</strong></h3>
<div id="attachment_3761" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3761" class="wp-image-3761 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-300x252.jpg" alt="" width="300" height="252" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-200x168.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-300x252.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-400x336.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-600x505.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-768x646.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-800x673.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1024x861.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1200x1009.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/11.-Maskenbau-und-Maskenspiel-im-Offenen-Ganztag-1536x1292.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3761" class="wp-caption-text">Maskenbau und Maskenspiel im Offenen Ganztag. © Netzwerk.</p></div>
<p>Nach dem Start des Projekts <a href="https://www.ganztag-nrw.de/">„Offener Ganztag“</a> zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 wurde für das folgende Schuljahr an sechs Grundschulen für rund 300 Kinder eine Betreuungs- und Angebotsstruktur aufgebaut. In der Folgezeit kam es zu einer rasanten Entwicklung und Expansion des Vereins. Heute hält Netzwerk e.V. Ganztagsangebote in 26 Kölner Schulen bereit und die Teams sind in den meisten Schulen deutlich größer als die Lehrerkollegien.</p>
<p>Neben dem Bildungsauftrag kam auf Netzwerk e.V. in den Offenen Ganztagsschulen nun auch die Aufgabe zu, jeden Tag Hunderte von Kindern mit einem ausgewogenen Mittagessen zu versorgen. Entsprechend des Leitbildes war es für Netzwerk e.V. von Beginn an ein Anliegen, die Mahlzeiten für die Kinder hochwertig und frisch vor Ort zuzubereiten. Hierfür steht an jedem Standort ein kompetentes Team von Küchenkräften zur Verfügung.</p>
<p>Im Rahmen der Kooperation mit Offenen Ganztagsschulen kamen in den Folgejahren zusätzliche Jugendhilfeangebote hinzu, beispielsweise die Schulsozialarbeit und die Inklusionsbegleitung. Gleichzeitig wurden praxisnahe Projekte und Angebote zu einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ als Querschnittsaufgabe weiterentwickelt. Synergieeffekte, die sich die Verantwortlichen durch die Verschmelzung der beiden Vorgängervereine erhofft hatten, kamen somit wenige Jahre nach der Gründung zum Tragen.</p>
<p>Ziel der Arbeit in den Offenen Ganztagsschulen ist eine neue Lernkultur. Die Kinder nehmen am Unterricht teil und verbringen ihre Freizeit sowie einen Teil ihrer Ferien im Schulumfeld. Kinder und Jugendliche erhalten neben der formalen Bildung Zugänge zu non-formalen und informellen Bildungsangeboten. In Kooperationspartnerschaften mit Schulen steht damit nicht allein die klassische Vermittlung von Wissen im Vordergrund. Schule wird so immer mehr zu einem Ort des Lernens und des Lebens. Kinder und Jugendliche werden befähigt, eigene Handlungen kritisch zu reflektieren und eine Nachhaltige Entwicklung mitzugestalten. Mit der Aneignung von Schlüsselkompetenzen werden kognitive, praktische und kreative Fähigkeiten mobilisiert. Sie lernen mit unvollständigen und komplexen Informationen umzugehen, Entwicklungen vorausschauend zu analysieren und zu beurteilen, Perspektivenwechsel vorzunehmen und sich interdisziplinäre Erkenntnisse anzueignen.</p>
<p>Mit der OGS wuchs der Arbeitsbereich Schule. Im Jahr 2010 war der Verein, vor allem durch den Ausbau der Offenen Ganztagsschulen (OGS) auf über 400 Mitarbeitende angewachsen. Die Übernahme neuer Aufgaben in der Kooperation mit Schulen und das Hinzukommen neuer Verwaltungsaufgaben erforderten veränderte organisatorische Strukturen. Der in den Anfangsjahren von Natur &amp; Kultur aufgebaute Ganztagsbereich wurde als Fachbereich Schule unter dem Dach von Netzwerk e.V. als eigenständige Einrichtung geführt und weiterentwickelt. Im folgenden Jahrzehnt sollte dieser Bereich mit neuen Angeboten an der Schnittstelle Jugendhilfe und Schule weiter stark wachsen:</p>
<ul>
<li>Seit 2010: „Sicher Schwimmen“: In Kooperation mit der Stadt Köln und der KölnBäder GmbH begleiten Mitarbeitende von Netzwerk e.V. im Rahmen des Angebots „Sicher Schwimmen“ Kinder zum Schwimmunterricht. Ziel ist es, möglichst keine Kinder als Nichtschwimmer:innen nach der Grundschulzeit zurückzulassen.</li>
<li>Seit 2012: Schulsozialarbeit: Das Bildungs- und Teilhabegesetz ermöglichte es zahlreichen Grundschulen seit dem Jahr 2012, Schulsozialarbeiter:innen einzustellen. Mittlerweile unterstützen diese Fachkräfte die Kinder und Eltern ganztägig in zehn Schulen.</li>
<li>Seit 2012: Lernförderung: Für Kinder, deren Eltern auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, besteht die Möglichkeit unter festgelegten Rahmenbedingungen eine Lernförderung für ihre Kinder zu beantragen. Dieses Angebot wird seit dem Schuljahr 2012/2013 an verschiedenen Schulen von Mitarbeitenden von Netzwerk e.V. erfolgreich wahrgenommen.</li>
<li>Seit 2014: Inklusionsbegleitung: Als weiteres Jugendhilfeangebot kam im Schuljahr 2014/2015 die Begleitung von Schüler:innen mit Behinderung hinzu. Grundlage war eine Pilotphase für einen Inklusionspool, der auch an zwei Schulstandorten in Trägerschaft von Netzwerk e.V. installiert wurde. Pool bedeutet, dass sowohl ein Kind von mehreren Inklusionsbegleiter:innen als auch mehrere Kinder von einer Person begleitet und unterstützt werden können.</li>
</ul>
<h3><strong>Im Zeichen der Pandemie: neue Strukturen und Digitalisierung</strong></h3>
<div id="attachment_3762" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3762" class="wp-image-3762 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/14.-Lebensmittelpakete-waehrend-der-Coronazeit-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-3762" class="wp-caption-text">Lebensmittelpakete während der Corona-Zeit</p></div>
<p>Viele Vorhaben und Planungen aus den vergangenen fünf Jahren wurden durch die Corona-Pandemie geprägt oder auch unterbrochen. Am 13. März 2020 verhängte die Bundesregierung aufgrund der rasant steigenden Infektionszahlen den ersten Corona-Lockdown. Es sollten viele Monate mit Kontaktbeschränkungen folgen, die insbesondere für die Arbeit in Schulen und Kindertagesstätten zu einer großen Herausforderung wurde.</p>
<p>Die pädagogischen Mitarbeitenden mussten sich in schneller Abfolge auf immer neue Hygieneregeln zum Infektionsschutz einstellen. In Schulen und Kindertagesstätten wurden auch zu Lockdownzeiten Kinder von Eltern aus <em>„systemrelevanten“</em> Arbeitsfeldern in Notgruppen betreut und mit einem Mittagessen versorgt.</p>
<p>Die Arbeit mit Schutzmasken und face-shields sowie teilweise tägliche Testungen der Kinder brachte die Mitarbeitenden nicht selten an ihre Belastungsgrenze. Zusammen mit der Betriebsärztin konnte Netzwerk e.V. im eigenen Hause in den Jahren 2021 und 2022 Schutzimpfungen anbieten.</p>
<p>Im Zeitraum von 2019 bis 2023 gelang es trotz Corona, neue Angebote zu etablieren und bestehende Strukturen weiterzuentwickeln:</p>
<ul>
<li>Seit 2018: Praxis- und Fortbildungskonzepte für Mitarbeitende: In Onboarding-Seminaren werden neue Mitarbeitende – von Quereinsteiger:innen bis zu gestandenen Leitungskräften – auf ihr jeweiliges Einsatzgebiet vorbereitet. Für pädagogische Mitarbeitende im Offenen Ganztag wurde mit dem Netzwerk-Kompass ein Regel- und Anleitungswerk erstellt. In Inhouse-Qualifizierungskursen für Gruppenleitungen und Ergänzungskräfte im Offenen Ganztag wird Mitarbeitenden eine Vielzahl an Methoden und didaktischen Konzepten an die Hand gegeben.</li>
<li>Seit 2019: Institutionelles Kinder- und Jugendschutzkonzept: Ein Team rund um die „insofern erfahrenen Fachkräfte Kinderschutz“ (InsoFa) von Netzwerk e.V. ist seit 2019 mit der Erarbeitung eines „Institutionellen Kinder- und Jugendschutzkonzepts“ (ISK) befasst. Es wird aktuell in allen Einrichtungen des Vereins installiert.</li>
<li>Seit 2019: Praxisstelle für Dual-Studierende im Studiengang Soziale Arbeit: Netzwerk e.V. bietet den Dual-Studierenden in Kooperation mit verschiedenen Hochschulen eine Praxisstelle. Die Studierenden sammeln Praxiserfahrungen in den Einrichtungen des Offenen Ganztags, der Inklusionsbegleitung und in Kindertagesstätten.</li>
<li>Seit 2020 informiert die Nachhaltigkeitsmanagerin von Netzwerk e.V. über Zusammenhänge einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ und über Handlungsmöglichkeiten am jeweiligen Einsatzort. In einem Online-Newsletter werden die Mitarbeitenden über aktuelle Entwicklungen und Angebote von Netzwerk e.V. informiert.</li>
<li>Seit 2023: Social Media und Digitalisierung der Verwaltungsstrukturen: Seit Beginn des Jahres ist Netzwerk e.V. auf Instagram vertreten. Aktuelle Events, besondere Highlights sowie Veranstaltungen werden präsentiert und auch Werbung für die Mitarbeit bei Netzwerk e.V. gemacht.</li>
</ul>
<p>Eine digitale Personalakte und weitgehend papierlose Kommunikation mit Mitarbeitenden und Kooperationspartner:innen ist das Ziel der Steuerung der Verwaltungsaufgaben. Hierzu haben die Mitarbeitenden in der Verwaltung begonnen, sukzessive ein Personalmanagementprogramm einzuführen und ein professionelles Betriebsabrechnungsprogramm für Netzwerk e.V. auf den Weg zu bringen.</p>
<h3><strong>Jubliläumsjahr 2023</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-scaled.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-3759 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-300x49.jpg" alt="" width="300" height="49" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-200x32.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-300x49.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-400x65.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-600x97.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-768x124.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-800x129.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1024x166.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1200x194.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/15.-Banner_20_jahre_netzwerk_ev-1536x249.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Im Jahr 2023 kann Netzwerk e.V. auf 20 Jahre Geschichte zurückblicken und begeht sein 20-jähriges Jubiläum! Zum Auftakt in das Jubiläumsjahr wurde am 24. März 2023 unter dem Motto „20 Jahre OGS“ zusammen mit Akteur:innen rund um den Fachbereich Schule im Rahmen des jährlich stattfindenden „Austauschforums Schule“ gefeiert. <a href="https://netzwerk.koeln/schule/videos/20_jahre_ogs_pls.mp4">Zu diesem Anlass wurde ein Kurzfilm präsentiert</a>, der die Kooperation zwischen Netzwerk e.V. und der Peter-Lustig-Schule in Köln Ossendorf portraitiert. Nach 20 Jahren ist <em>Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung </em>nunmehr zu einem gemeinnützigen Unternehmen herangewachsen, in dem über 900 Mitarbeitende Angebote für mehr als 6.000 Kinder und Jugendliche bereithalten.</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Ursula Adams, Nachhut der Gesellschaft, Freiburg i. Br., Lambertus-Verlag, 1971.</p>
<p>Prodosh Aich<strong>,</strong> Preis des aufrechten Gangs. Lebenserinnerungen eines Universitätslehrers aus den Jahren 1957–1987, Oldenburg, Acharyya Verlag, 2000</p>
<p>Otker Bujard, Prodosh Aich, Soziale Arbeit, Beispiel Obdachlose – eine kritische Analyse, Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 1972.</p>
<p>Gerd Iben, Kinder am Rande der Gesellschaft, München, Juventa Verlag, 1968 (Wissenschaftliche Arbeit von Dr. Iben in Verbindung mit dem Marburger Erziehungswissenschaftlichen Seminar unter Mitarbeit von Mitarbeitenden der ÖFG)</p>
<p>Wolfgang Kelm, Hg, Faß ohne Boden – Beiträge zum Obdachlosenproblem – Aus der Arbeit der Förderergemeinschaft „Kinder in Not“; Wuppertal, Jugenddienst-Verlag, 1973.</p>
<p>Wolfgang Kelm, 25 Jahre Wagnis; Die Arbeit der Förderergemeinschaft Kinder in Not e.V. 1960/1985, Köln, 1985.</p>
<p>Jana Muthny / Tobias Engelmann / Michael Scharp, KEEKS-Leitfaden für die klimaschonende Schulküche, Friedberg und Berlin, 2019</p>
<p>Christiane Reinecke, Wohlstand verpflichtet oder die Internationale der Moralisten, in: Sonja Levsen / Cornelius Torp, Hg., Wo liegt die Bundesrepublik? Göttingen, Vandenhoeck &amp; Rupprecht, 2016.</p>
<p>Dominique Simone Rychen; in: Inka Bormann / Gerhard de Haan, Hg., Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung, Berlin, Springer-Verlag, 2005.</p>
<p><strong>Friedhelm Meier</strong>, Köln</p>
<h3>Der Autor:</h3>
<p>Der Autor dieses Portraits, Friedhelm Meier, Jahrgang 1958, ist im ostwestfälischen Porta Westfalica geboren und aufgewachsen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung absolvierte er ein Studium der Biologie und forschte an der Universität Oldenburg zur Ökologie des Wattenmeeres. Er lebt heute mit seiner Ehefrau im Rheinland und war federführend an der Konzeptionierung und Durchführung zahlreicher Projekte und Veröffentlichungen zur Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung beteiligt. Friedhelm Meier war 1991 Gründungsmitglied des Kölner Jugendhilfeträgers „Natur &amp; Kultur – Institut für Ökologische Forschung und Bildung e.V.“ und ist seit 2003 Geschäftsführer der Nachfolgeorganisation „Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung“.</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text folgt im Wesentlichen den Inhalten der zum 20. Jahrestag veröffentlichten Festschrift. Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 28. August 2023. Titelbild: Pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/75-jahre-kinder-und-jugendhilfe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2023 05:32:20 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3577</guid>

					<description><![CDATA[<p>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer „Deutschland hat mit Blick auf sein öffentliches Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebot einen unübersehbaren Nachholbedarf. Zu lange und zu einseitig hat die ehemalige Bundesrepublik nahezu ausschließlich auf Familie und Schule als den fraglos gegebenen Stützpfeilern von Kindheit und Jugend gesetzt. Dabei war die  [...]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Staatssekretär a.D. Klaus Schäfer</strong></h2>
<p><em>„</em><em>Deutschland hat mit Blick auf sein öffentliches Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebot einen unübersehbaren Nachholbedarf. Zu lange und zu einseitig hat die ehemalige Bundesrepublik nahezu ausschließlich auf Familie und Schule als den fraglos gegebenen Stützpfeilern von Kindheit und Jugend gesetzt. Dabei war die Familie vor allem für die Betreuung und Erziehung der Kinder, die Schule für die Bildung verantwortlich. Gemeinsam bildeten sie das Koordinatensystem für das mehr oder minder reibungslose Aufwachsen von Kindern in einer sich rasch wandelnden Welt.“ </em>(<a href="https://www.bmfsfj.de/resource/blob/112224/7376e6055bbcaf822ec30fc6ff72b287/12-kinder-und-jugendbericht-data.pdf">12. Kinder- und Jugendbericht, 2005</a>)</p>
<p>Die gesetzliche Kodifizierung der Jugendhilfe kann auf eine 100jährige Geschichte zurückblicken. Mit dem Kinder– und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) kann sie heute auf eine ausgereifte gesetzliche Grundlage im Sozialgesetzbuch verweisen. Doch der Weg dahin war schwer. Es lohnt sich daher, so etwas wie einen roten Faden in der Entwicklung zu suchen. Denn es waren spannende Auseinandersetzungen, bei denen es nicht allein um mehr Fachlichkeit, sondern auch um gesellschaftspolitische Kontroversen ging.</p>
<p>Längst ist die Kinder- und Jugendhilfe ein professionell handelnder zentraler Akteur der Ausgestaltung des Sozialstaatsgebots <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html">Artikels 20 GG</a>. Ihr Portfolio spiegeln bundesweite Zusammenschlüsse wie der <a href="https://www.deutscher-verein.de/de/">Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge</a>, die <a href="https://www.agj.de/">Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe</a> (AGJ) und – bezogen auf die Heimerziehung –der <a href="https://afet-ev.de/">Allgemeine Fürsorge- und Erziehungshilfetag</a> (AFET) sowie die <a href="https://igfh.de/">Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen</a> (IGFH), nicht zuletzt von Bedeutung gerade im Hinblick auf die Demokratiebildung ist der <a href="https://www.dbjr.de/">Deutsche Bundesjugendring</a> (DBJR) als Zusammenschluss der Kinder- und Jugendverbände. In diesen Organisationen haben sich nahezu alle Akteure der öffentlichen und freien Träger zusammengeschlossen.</p>
<p>Kinder- und Jugendhilfe ist in gesellschaftlichen Zusammenhängen verwoben und daher einem stetigen Wandel unterworfen. Ziele und Arbeitsweisen haben sich in den vergangenen 75 Jahren immer wieder an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen angepasst und anpassen müssen. Die umfangreichen Nachjustierungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes haben den eigenständigen Auftrag und ihre eigenständige Funktion im Rahmen der Sozialen Arbeit gestärkt. Das zu erreichen war kein leichter und selbstverständlicher Prozess. Es bedurfte erheblicher Überzeugungs- und Durchsetzungskraft.</p>
<div id="attachment_2196" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2196" class="wp-image-2196 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/Zaun-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2196" class="wp-caption-text">Bildungshaus Bad Aibling. Foto: Claudia Kohnle</p></div>
<p>Manche Kontroversen dauern nach wie vor an. Immer wieder geht es um die Frage der finanziellen Lastenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen, oft aber auch um die Verteilung der Aufgaben zwischen öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe, nicht zuletzt, weil seit den 2000er Jahren durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Schulkinder die Schule als dritter Partner beteiligt wird. Ein Beispiel, das mehr Beachtung verdiente, ist das erfolgreiche Modell einer Schule in Trägerschaft der freien Jugendhilfe, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/">Bildungshaus Bad Aibling</a>. Bildung, Erziehung, Betreuung im Spannungsfeld von Prävention und Intervention werde heute viel komplexer diskutiert als dies noch vor 100, 50 oder gar vor der 30 Jahren der Fall war. Ein kritischer Punkt ist die bisher leider gescheiterte <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradigmenwechsel-kinderrechte-in-kommunen/">Aufnahme der Kinderrechte gemäß der einschlägigen UN-Konvention in das Grundgesetz</a>. Weitere Debatten wurden und werden im Demokratischen Salon immer wieder in der Rubrik „Kinderrechte“ angesprochen und dokumentiert.</p>
<p>Eines ist seit der Herausbildung der <em>„Jugendwohlfahrt“</em> in den 1920er Jahren durch bedeutende Akteurinnen (!) wie zum Beispiel <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_B%C3%A4umer">Gertrud Bäumer</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Juchacz">Marie Juchacz</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marie-Elisabeth_L%C3%BCders">Marie Elisabeth Lüders</a> bis heute geblieben: der Grundgedanke eines <em>„Rechts auf Erziehung“</em>, der bereits 1922 im damaligen <a href="https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/v1a/feh/feh1p/kap1_2/kap2_143/para3_1.html">Reichsjugendwohlfahrtsgesetz</a> enthalten war. Das war ein entscheidender Durchbruch, der bis heute das Fundament der Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe und auch des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/">Kinder- und Jugendhilfegesetzes</a> (SGB VIII) prägt.</p>
<div id="attachment_3590" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3590" class="wp-image-3590 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-400x401.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-600x601.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-768x769.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-800x801.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1022x1024.jpg 1022w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1200x1202.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Klaus_Schaefer-1533x1536.jpg 1533w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3590" class="wp-caption-text">Foto: privat</p></div>
<p>Über die Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe habe ich im Frühjahr und im Frühsommer 2023 mehrfach mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Sch%C3%A4fer_(Politiker)">Prof. Klaus Schäfer</a> (*1945) gesprochen. Klaus Schäfer hat seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe begleitet. Bis zu seinem Wechsel in das nordrhein-westfälische Sozialministerium im Jahr 1991 war er Geschäftsführer der AGJ. Zuletzt nahm er die Funktion des Staatsekretärs im Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Kultur und Sport in NRW wahr. Er wirkte in verschiedenen bundesweiten Gremien mit, unter anderem im Bundesjugendkuratorium, beim Deutschen Jugendinstitut und in den Sachverständigenkommissionen zur Erstellung des 14. und 15. Kinder- und Jugendberichts, deren stellvertretender Vorsitzender er war. Seit 2006 ist er Honorarprofessor an der Universität Bielefeld, Fakultät Erziehungswissenschaft.</p>
<p>In den Jahren 2003 bis 2005 arbeiteten wir im Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen eng zusammen, er als Abteilungsleiter, ich als Referatsleiter. Unser gemeinsames großes Projekt war die Offene Ganztagsschule im Primarbereich (OGS), die sich zu einer Erfolgsgeschichte der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule entwickelte.</p>
<p>Unser gemeinsamer Eindruck: es geht auch heute immer noch um das Wechselverhältnis von Kinder- und Jugendhilfe und gesellschaftlichen Entwicklungen. Besonders sichtbar wird dies an den steigenden Zahlen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), den Herausforderungen in der Bildungspolitik und vor allem auch in der frühen Bildung, um nur einige Aspekte zu nennen, sowie den aktuellen Debatten um <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wer-glaubt-an-dich/">Folgen und Prävention von Kinderarmut</a>.</p>
<h3><strong>Von der Fürsorge zum eigenständigen Erziehungsanspruch der Jugendhilfe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele Menschen denken: Kinder- und Jugendhilfe greift erst ein, wenn das sprichwörtliche Kind <em>„in den Brunnen gefallen ist“</em>.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es mag sein, dass diese Einschätzung noch in zahlreichen Köpfen der Menschen nachhallt. Und sicher ist es so, dass es manchmal gar nicht anders geht, wenn ich zum Beispiel an die Tätigkeit im ASD denke. Da kommen Kontakte mit den Eltern oft erst zustande, wenn diesen die Probleme und Herausforderungen „über den Kopf wachsen.“ Das Instrument der Inobhutnahme (§ 42 SGB VIII) ist hierfür ein gutes Beispiel. Doch für andere Handlungsfelder, wie zum Beispiel die Jugendsozialarbeit, die Schulsozialarbeit, die Familienberatung, die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen, die Kinder- und Jugendarbeit trifft diese Einschätzung nicht zu. Längst sind diese Felder Orte der Bildung und Erziehung, wie sie auch in ihrem pädagogischen Profil immer betonen. Sie sind aber auch Felder, in denen der präventive Charakter der Kinder- und Jugendhilfe greift. Aber eines ist mir wichtig: Die Kinder- und Jugendhilfe ist heute zentraler Akteur in der Gestaltung der Lebenswelten junger Menschen und ihrer Familien und seit Jahren in der kommunalen Verantwortungsebene ein enorm expandierender Bereich. </em></p>
<p><em>Hatte </em><a href="https://openlibrary.org/books/OL4322644M/Jugendhilfe_und_Jugendgesetzgebung_seit_1900"><em>Christa Hasenclever</em></a><em> noch 1978 festgestellt, dass die Jugendhilfe „eine noch weithin unbekannte und daher nicht populäre gesellschaftliche Funktion einnimmt“, so ist es heute unbestritten, dass die Kinder- und Jugendhilfe in der „Mitte der Gesellschaft“ und in jeder Hinsicht Begleiterin im Alltag junger Menschen und ihrer Familien ist. Da lohnt es sich, auf einen grundlegenden Durchbruch hinzuweisen: die gesetzliche Kodifizierung eines „Rechts auf Erziehung“ von Kindern und Jugendlichen. Das war 1922 keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis einer langen politischen Auseinandersetzung im Deutschen Reichstag. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielten dabei die freien Träger?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Na ja, die freien Träger in der Kinder- und Jugendhilfe waren (und sind es auch noch heute) eine richtige Macht. Nicht nur, weil etwa 70 % der Leistungen und Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe von ihnen wahrgenommen werden. Ihre Tätigkeit war auch bis zum Kinder- und Jugendhilfegesetz 1990 durch das Subsidiaritätsgebot geschützt, denn bevor der öffentliche Träger tätig werden konnte, war er verpflichtet, zunächst einen Träger der freien Jugendhilfe zu fragen, ob er nicht die erforderliche Leistung erbringen will. Aber auch die Eltern orientierten sich stark an den Ausrichtungen der freien Träger je nach ihrer Grund- und Werteorientierung. Das ist auch heute noch weitgehend so, auch wenn nicht mehr in dem Maße, wie dies vor 30 oder 40 Jahren der Fall war. </em></p>
<p><em>Aber in der fachlichen Gestaltung und in den Reformdiskussionen waren die freien Träger in ihrer Gesamtheit oftmals die Treiber, die Veränderungen wollten und in wichtigen fachlichen Grundsatzfragen weitgehend an einem Strang zogen. Daran wird auch heute kein Zweifel laut, auch wenn das Zusammenspiel der öffentlichen und freien Träger nicht mehr durch das Subsidiaritätsprinzip, sondern von einer „partnerschaftlichen Zusammenarbeit“, aber bei Beachtung der „Selbständigkeit der freien Jugendhilfe“ geprägt wird.</em></p>
<p><em>Aber ebenso wichtig waren, zum Beispiel in den Zeiten des Aufbruchs, die Initiativen, die sich herausbildeten und neue Impulse in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe einbrachten. Sie waren so etwas wie die Graswurzelbewegung der 1970er Jahre. Es war ein Jahrzehnt, in dem für die Kinder- und Jugendhilfe neue Maßstäbe in fachlicher struktureller und rechtlicher Hinsicht gesetzt wurden. Unzählige Projekte, zum Beispiel in der Gemeinwesenarbeit, der Stadtteilarbeit, den erzieherischen Hilfen, der Kinder- und Jugendarbeit etc. entstanden, oftmals durchaus außerhalb der klassischen Träger der Jugendhilfe. Sie waren zugleich auch Ausdruck einer Kritik an deren Arbeit. </em></p>
<p><em>„Innovativ“, „emanzipatorisch“ und „offensiv“ waren einige Schlagwörter der neuen Ansätze. Konkrete Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche wurden entwickelt und es bildete sich deutlich mehr Selbstbewusstsein in ihrem Anspruch, auch gesellschaftspolitisch zu agieren, heraus. Da ging auch vieles von den Hochschulen aus, vor allem bei der Prägung eines sozialpädagogischen Profils. Dieser Prozess war wichtig und er hat der Kinder- und Jugendhilfe gutgetan, wie sich an der weiteren Entwicklung zeigt. Es war ein Jahrzehnt einer grundlegenden Neuorientierung, in der Theorie wie in den Methoden und Angebotsformen. Es entwickelte sich ein grundlegend neues Profil ihres Handelns im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen, die die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit beeinflussten. Schon in dieser Zeit war der Begriff „Fürsorge“ kein für die Jugendhilfe kennzeichnender Begriff und entsprach auch nicht den fachlichen Herausforderungen. Für die Kinder- und Jugendarbeit galt er ohnehin nicht. Sie war – im Gegenteil – auch Teil neuer Jugendbewegungen wie zum Beispiel die Jugendzentrumsbewegung, die Lehrlingsbewegung und wirkte nicht zuletzt auch an den gesellschaftlichen Diskussionen um den „Jugendprotest im demokratischen Staat“ Ende der 1970er Jahre mit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei der Entwicklung der gesetzlichen Grundlagen gab es nicht nur Zustimmung, sondern auch erhebliche Widerstände.</p>
<div id="attachment_3587" style="width: 205px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/45373-den-sozialraumansatz-weiterdenken.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3587" class="wp-image-3587 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-195x300.webp" alt="" width="195" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-195x300.webp 195w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz-200x307.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Deinet_Sozialraumansatz.webp 213w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a><p id="caption-attachment-3587" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Klaus Schäfer </strong><em>In dieser Zeit war das geltende Jugendwohlfahrtsgesetz keine ausreichende gesetzliche Grundlage. Aber man nutzte die Schlupflöcher, die es vielfältig gab und die durch Bund, Länder und Kommunen gesetzten Richtlinien, die bereits auf neue Impulse eingingen. Aber um eine gesetzliche Reform durchzusetzen, reichte es nicht, denn zu stark wirkten immer wieder die Bremser. Kennzeichnend für diese Vergangenheit ist eine über 30 Jahre dauernde kontroverse Reformdebatte. Sowohl das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG), das 1953 nur unzureichend geändert wurde, als auch das Jugendwohlfahrtsgesetz, das das RJWG 1961 ablöste, waren keine grundlegenden, sondern allemal kleinere Veränderungen. Dennoch hatten sie eine Stärke aus der Sicht der Jugendarbeit: das Prinzip der „Einheit der Jugendhilfe“, das vor allem aus der Sicht der Jugendarbeit eine große strukturelle Bedeutung hatte. </em></p>
<p><em>Dennoch, trotz Änderungen zur Fürsorgeerziehung, zur Freiwilligen Erziehungshilfe, zur Stärkung der freien Träger und der Normierung der Heimaufsicht war die Unzufriedenheit über die Reformzurückhaltung sehr groß. Vor allem Teile der Kommunen und der Länder zeigten erhebliche Widerstände und kritisierten die ihnen übertragenen Aufgaben. Und wie immer wurde auch das Argument des Geldes als Bollwerk gegen die Reform genannt. Ein weiterer Streitpunkt war auch die gesetzliche Verpflichtung der Kommunen zur Errichtung von Jugendämtern. Die Kommunen betrachteten dies als einen Eingriff in ihre Organisationshoheit. Es waren Streitpunkte, die bereits 1922 eine besondere Rolle spielten. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahre 1967, das die Einführung der Jugendämter als Fachämter als verfassungskonform erklärte, kehrte dann etwas mehr Ruhe ein. Diese Entscheidung war zugleich aber auch ein Durchbruch zu einem Fachamt, das mit einem eigenen Ausschuss, dem Jugendhilfeausschuss ausgestattet wurde. Damit wurden auch die Träger der freien Jugendhilfe in die Gestaltung des Jugendamtes einbezogen.</em></p>
<h3><strong>Die Reformdebatten der 1960er, 1970er und 1980er Jahre</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Impulse gab es in anderen Bereichen?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es gab immer wieder Entwicklungen, die mit dem Begriff „Reformbewegung“ in Verbindung zu bringen waren – und auch heute noch sind. Ein Hintergrund war die Debatte um die „Bildungskatastrophe“ wie Georg Picht sie in seinem Bildungsgutachten bereits 1964 skizzierte. Ein Thema, welches die Jugendhilfe auch aus der alleinigen Betrachtung als „Fürsorge“ herausholen sollte. So wurde schon 1960 auf der Hauptversammlung der Arbeitsgemeinschaft für Jugendfürsorge und Jugendpflege (AGJJ) die gemeinsame Verantwortung von Jugendhilfe und Schule für die Jugend thematisiert und eine engere strukturell gesicherte Kooperation gefordert. </em></p>
<p><em>Es „wimmelte“ in dieser Zeit nur so von Vorschlägen, Empfehlungen und auch gesetzlichen Forderungen. Es kam zum Beispiel auch zu den ersten Ländergesetzen im Bereich der Kindergärten, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, denn für diesen Bereich war der Handlungsdruck besonders groß. Das alles konkretisierte sich in einer Ungeduld, die gegen Ende der 1960er Jahre, wie </em><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/autor_innen/autorenseite/10-christian-schrapper.html"><em>Christian Schrapper</em></a><em> es formulierte, so etwas wie „die Ruhe vor dem Sturm“ auslöste (nachzulesen in seinem 1999 erschienen Aufsatz „</em><em>Zwischen Aufbau und Umbruch“)</em><em>. </em></p>
<p><em>Das politische und gesellschaftliche Klima änderte sich massiv. Die Sehnsucht, konservative Strukturen zu verändern und die Formel </em><a href="https://willy-brandt.de/willy-brandt/publikationen/wir-wollen-mehr-demokratie-wagen/"><em>„Mehr Demokratie wagen“</em></a><em> (Willy Brandt, 1972), bestimmten auch die Forderungen der Kinder- und Jugendhilfe nach einer gesetzlichen Neuregelung. Denn in dieser Zeit wurde auch eine deutliche Kritik an der Praxis der Jugendhilfe laut, die vor allem an ihren repressiven Strukturen und Wirkungsweisen festmachte. Jugendhilfe bzw. Jugendwohlfahrt wie sie damals bezeichnet wurde, wurden von ihren Kritikern als „Instanz der sozialen Kontrolle“ gesehen. Somit wurden faktisch ihre Unterstützungsfunktionen konservativer gesellschaftlicher Verhältnisse betont. </em></p>
<p><em>Einen Anlauf für eine grundlegende gesetzliche Reform unternahm 1970 die damalige Bundesjugendministerin </em><a href="https://www.hdg.de/lemo/biografie/kaete-strobel.html"><em>Käthe Strobel</em></a><em> mit dem Einsetzen einer Sachverständigenkommission. Doch dieser Versuch, der über einem Diskussionsentwurf nicht hinausging, wurde nach Kontroversen zwischen Bund und Ländern 1974 nicht mehr weiterverfolgt. Ein neuer Versuch wurde dann – nach Vorläufen – 1977 unternommen, der eine breite Unterstützung der Praxis und der Träger fand. Der Gesetzesentwurf ging sehr weit auf Forderungen der Praxis ein, denn er beinhaltete neben einem fachlich begründeten neuen Verständnis der Angebote und Leistungen der Jugendhilfe vor allem auch einen stärkeren Einbezug der Jugendlichen bei Entscheidungen über Hilfe und Unterstützung. So räumte er ihnen eine klares Ablehnungsrecht ein (§ 8). Den dann folgenden Regierungsentwurf beschloss der Deutsche Bundestag 1980 mit Mehrheit der SPD/FDP Koalition. Die folgenden Beratungen im Bundesrat zeigten jedoch die deutliche Ablehnung seitens der meisten Länder, die dem Gesetz dann auch im Vermittlungsausschuss keine Chance gaben. Alternativ hatte das Land Baden-Württemberg einen Gesetzentwurf eingebracht, der zwar im Bundesrat angenommen, jedoch im Bundestag schließlich abgelehnt wurde. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das klingt doch sehr nach einer politischen und weniger nach einer fachlichen Debatte.</p>
<div id="attachment_3584" style="width: 197px" class="wp-caption alignright"><a href="https://75jahre.dbjr.de/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3584" class="wp-image-3584 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/Bundesjugendring.jpg" alt="" width="187" height="266" /></a><p id="caption-attachment-3584" class="wp-caption-text">Ausführliche Informationen des Deutschen Bundesjugendrings über seine Geschichte erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ja so war das, denn fachliche Fragen spielten bei der Ablehnung so gut wie keine Rolle. Die Reformdebatte war immer auch verbunden mit einer gesellschaftspolitischen Richtungsdebatte. So wurden die Reformwilligen als eine Gruppe von Ideologen dargestellt, die im Kern eine andere Gesellschaftsordnung wollten. Zentraler Gegenstand war (und ist immer noch) die Kontroverse zwischen Elternrechten und den eigenständigen Rechten von Kinder- und Jugendlichen. Das war die ideologische Kontroverse, die die Reform verhinderte und Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Konflikts war. Anschaulich dokumentiert das der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß in seiner Ablehnung der Reform. Er schrieb an den Deutschen Bundesjugendring, dass die vorgesehene Jugendhilferechtsreform sowie die Neuregelung der elterlichen Sorge „weder so noch in anderer Form das Licht der Welt erblicken“ dürfe. Der Brief ist im </em><a href="https://jugendhilfeportal.de/material/50-jahre-deutscher-bundesjugendring-150-jugend-macht-demokratie/"><em>Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen des Deutschen Bundesjugendrings im Jahr 1979</em></a><em> abgedruckt. Diese Haltung setzte sich schließlich durch. </em></p>
<p><em>Nach dem Scheitern entstand eine Phase der Enttäuschung und der Diskussionen darüber wie es nun mit einem für die Zeit völlig unzureichendem Gesetz, dem JWG, weitergehen konnte. Ein Versuch von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Gei%C3%9Fler"><em>Heiner Geißler</em></a><em>, der 1982 Jugend- und Familienminister wurde, scheiterte dann aber schnell. Die Praxis befürchtete, dass mit dieser kleinen Reform, die Option auf eine grundlegende Reform aufgegeben würde. Zudem stand der Entwurf auch wegen der Kostenneutralität in der Kritik. Schließlich wurde er von Familienministerin </em><a href="https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/bundestagspraesidenten_seit_1949/suessmuth-244860"><em>Rita Süssmuth</em></a><em> 1985 zurückgezogen. Die dann folgende Reformdebatte, ausgelöst durch einen neuen Entwurf 1988, war dann endlich erfolgreich und endete in dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 bzw. 1991 als Achtes Buch des Sozialgesetzbuches. </em></p>
<p><em>Das alles ist Geschichte, spiegelt aber wider, wie stark einerseits die Bremser agieren und sich durchsetzen konnten, andererseits zeigt sie auch die Beharrlichkeit der Reformbefürworter in allen Lagern, ohne die der Erfolg nicht möglich gewesen wäre</em>.</p>
<h3><strong>Thema Heimerziehung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Heimerziehung war lange Zeit das zentrale Thema der Jugendwohlfahrt, in Form der Fürsorgeerziehung. Ihre Praxis stand seit vielen Jahren in der Kritik, nicht zuletzt ausgelöst durch die sogenannte „Heim-Bambule“.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Diskussion um die Heimerziehung beherrschte in den 1960er und 1970er Jahren die fachliche Debatte. Die „Heimkampagne“ mit ihren „systemsprengenden Formen“ des Protestes Ende der 1960er und auch noch in den 1970er Jahren spiegelte auch die große Enttäuschung über die sehr bescheiden ausgefallene Reform des RJWG im Jahre 1961 wider. Es waren vor allem Studenten (unter Leitung von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Mollenhauer"><em>Klaus Mollenhauer</em></a><em> von der Frankfurter Universität) die sich in Hessen gegen die Formen der Heimerziehung wandten, auch durch Besuche in Heimen. Druck machte zudem in Berlin das </em><a href="https://www.rauchhaus1971.de/"><em>Georg-von Rauch-Haus</em></a><em>, in dem sich „Trebegänger“, die sich den Heimen entzogen haben, trafen und unterkamen. Auch die „Sprengung“ von Einrichtungen in Fulda und Biedenkopf durch Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Andreas Baader waren Teil dieser „Heimkampagne“.</em></p>
<p><em>Bereits bestehende Zweifel an der Wirksamkeit der Fürsorgeerziehung wurden durch massive Klage über die für Jugendliche unzumutbaren Zustände der pädagogischen Praxis immer deutlicher. Trotz einiger Reformansätze, die Ende der 1960ziger Jahre umgesetzt wurden, blieb die Kritik an der Praxis der Einrichtungen bestehen. Zu stark war die Fürsorgeerziehung in dem Gedanken einer Anstaltserziehung verhaftet und tat sich mehr als schwer, sich daraus zu lösen. Obwohl vor allem </em><a href="https://afet-ev.de/"><em>der Allgemeine Fürsorge- und Erziehungstag</em></a><em> (AFET), wie auch Teile der Träger der freien Jugendhilfe in ihren Absichten auf eine Modernisierung der Fürsorgeerziehung abzielten, konnten sie sich nicht so weit durchsetzen, dass sich Reformansätze schneller realisieren ließen. Allerdings sank die Zahl der Unterbringungen deutlich, was auch ein Zeichen der Verunsicherung war. Mit dem SGB VIII wurden dann auch die Bezeichnungen geändert, aus der Fürsorgeerziehung wurde die Heimerziehung im Rahmen der Erzieherischen Hilfen – ausgestattet mit einem klaren Erziehungsauftrag – und neue offene Formen bildeten sich heraus.  </em></p>
<p><em>Doch immer wieder verfingen sich „alte“ Formen der Zwangserziehung auch noch in den 1990er Jahren. Die Diskussionen um die „Geschlossene Unterbringung“ oder auch die Übernahme oder zumindest eine Orientierung an den in den USA entwickelten „Boot-Camps“ spiegelten bis weit in den 2000er Jahre wider, dass sich politische Kräfte so richtig von dem repressiven Unterbringungsgedanken nicht hatten abbringen wollen. </em></p>
<p><em>Viele Akteure haben an den Veränderungen der Heimerziehung mitgewirkt, nicht zuletzt die Landesjugendämter, die bis 1990 als überörtliche Träger in einigen Ländern die Unterbringungskosten finanzierten. Auch das Deutsche Jugendinstitut wirkte an den vielen Reformimpulsen der Heimerziehung maßgeblich mit. Wie auch das ISA mit seinen Beiträgen zur Heimerziehung zahlreiche Impulse für eine veränderte, an den Bedürfnissen der in den Heimen untergebrachten Kinder und Jugendlichen entwickelt hatte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das dunkle Kapitel der Heimerziehung: Seit dem Runden Tisch Heimerziehung Ende der 2000er Jahre haben sich nahezu alle Träger auf den Weg gemacht, Geschichte und Praxis der Heimerziehung genauer zu untersuchen. Inzwischen gibt es auch einige <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-das-schweigen/">wissenschaftliche Untersuchungen zum Schweigen</a> der Opfer und Täter*innen, zum Beispiel eine Untersuchung von Friederike Lorenz zur Gewalt in zwei Jugendwohngruppen, mit der ich für den Demokratischen Salon gesprochen habe. Es sind immer die selben Muster, gleichviel ob es um Gewalt in Heimen oder um Gewalt im Kontext von Antisemitismus und anderen menschenfeindlichen Ideologien geht.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ja, das ist richtig und auch sehr aufwühlend. Es bestätigt aber auch die Kritik in den 1970er Jahren an der Fürsorgeerziehung. Die Diskussion um die Aufarbeitung der Schicksale von Betroffenen in der Fürsorgeerziehung zeigt das „schreckliche“ Gesicht damaliger Erziehungsformen der schwarzen Pädagogik und der Grenzverletzungen. Es ist ein schwieriger Prozess der Aufarbeitung und der Anerkennung des für viele Betroffene erlittenen Leids und Unrecht. </em><a href="https://www.aufarbeitungskommission.de/service-presse/service/glossar/runder-tisch-heimerziehung/"><em>Der „Runde Tisch Heimerziehung</em></a><em> in den 1950er und 1960er Jahren“ hat in seinem Abschlussbericht 2011 sehr detailliert das erlebte Leid der Betroffenen sichtbar gemacht und Betroffene zu Wort kommen lassen. Im Juli 2011 beschloss der Deutsche Bundestag weitgehend die Forderungen des Runden Tisches und forderte die Länder auf, die Umsetzung zügig zu realisieren. Im Zuge der weiteren Entwicklungen sind „Unabhängige Kommissionen“ bei einzelnen Trägern der Sozialen Arbeit (und den Kirchen) eingerichtet und Gutachten in Auftrag gegeben worden, die sich mit der Aufarbeitung der in den Heimen erlebten Übergriffe befassen. Viele stehen erst noch am Anfang einer sicher noch langwierigen Aufklärung. Es bleibt Empörung zurück und vor allem die Frage: Warum ist es den Trägern und schließlich auch der der Heimaufsicht (jedenfalls ab 1961) nicht gelungen, längst früher auf Missstände aufmerksam zu machen und offensiv die Praxis der „schwarzen Pädagogik“ anzugreifen und zu unterbinden? So bleibt es ein dunkles Kapitel der Heimerziehung zurück, das schwer wiegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier passt vielleicht ein Hinweis auf die Entwicklungen in der DDR. Der Zentrale Runde Tisch befasste sich nach dem Fall der Mauer schon sehr früh mit der Heimerziehung in den Jugendhöfen in der DDR. Seine Vorschläge wurden nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 leider nicht mehr berücksichtigt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Der Runde Tisch „Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren“, war zunächst ausschließlich auf die Situation in Westdeutschland ausgerichtet. Er wurde in einer Neuauflage mit der Aufarbeitung der Heimerziehung in der ehemaligen DDR beauftragt. Ein wichtiges Stichwort ist </em><a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/342140/der-geschlossene-jugendwerkhof-torgau-eine-totale-institution/"><em>Torgau</em></a><em>, eine Einrichtung, in die vor allem Jugendliche mit politisch abweichenden Auffassungen eingewiesen wurden. </em></p>
<p><em>An dieser Stelle will ich festhalten, dass die Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe bis 1990 ausschließlich eine westdeutsche Geschichte ist und erst mit der Geltung des neuen Kinder- und Jugendhilferechts bereits 1990 in Ostdeutschland ein Prozess der Implementierung des Systems der Kinder- und Jugendhilfe Realität wurde. Seitdem haben sich in diesen Bundesländern und Kommunen enorme Entwicklungsprozesse auf allen Gebieten der Kinder- und Jugendhilfe ergeben, die das sozialpädagogische Profil deutlich stärkten.</em></p>
<h3><strong>Einheit der Jugendhilfe</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Heimerziehung ist nur ein Bereich der Sozialen Arbeit, wenn auch ein teurer Posten. Wie ging es weiter?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Diskussionen hörten nicht auf. Die Jugendhilfe wollte nicht Teil eines Sozialgesetzbuches sein, sondern forderte ein Jugendgesetzbuch mit klaren und verbindlichen Normen, die Kinder und Jugendliche als Subjekte betrachten und nicht allein aus dem rechtlichen Blick der Eltern oder als ein Unterfall des Sozialen. Sie wollte die Sicherung der „Einheit der Jugendhilfe“, d. h. die Gleichwertigkeit von Kinder- und Jugendarbeit einerseits und den erzieherischen Hilfen andererseits. Und sie wollte ein Gesamtwerk jugendrechtlicher Regelungsbereiche. Das war aber leider nicht durchsetzbar. Stattdessen wurde das Kinder- und Jugendhilfegesetz als VIII. Buch Teil des Sozialgesetzbuchs. Na ja, daran haben wir uns bis heute gewöhnt, wenn auch das, was wir uns vorstellten, nämlich eine abstimmende und vernetzende „Kommunikation“ zwischen den Gesetzesbüchern im SGB bis heute nicht oder nur ansatzweise erreicht wurde. So haben, das ist jedenfalls mein Eindruck, die einzelnen Gesetze kaum abgestimmte Verbindungen zueinander, funktionieren nach ihren eigenen Logiken und werden in der behördlichen Praxis nur wenig miteinander verknüpft und es fehlt an ämterübergreifenden Kooperationen, die es Betroffenen schwer machen, mit dieser Art von Bürokratie klarzukommen. </em></p>
<p><em>Einen wesentlichen Beitrag für die Weiterentwicklung der Praxis leisten die Kinder- und Jugendberichte der von der Bundesregierung jeweils in einer Legislaturperiode eingesetzten Sachverständigenkommission. Sie setzen immer wieder Impulse. Beispielhaft will ich auf den Achten und den Elften Kinder- und Jugendbericht hinweisen, die mit ihrem Grundverständnis von „Lebensweltorientierung“ beziehungsweise der „Gesundheitsförderung“ deutliche Akzente für eine engeres Kooperieren und Abstimmen der verschiedenen Regelungsbereiche gesetzt haben. Auch der Zwölfte Jugendbericht mit dem Schwerpunkt Bildung ist besonders zu nennen. Aber im Prinzip gilt die Impulsfunktion für alle Berichte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber haben Kontroversen über die Ausgestaltung der Jugendhilfe nicht auch etwas mit den Zuständigkeiten zwischen Bund, Länder und Kommunen zu tun?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Natürlich. Immer wieder ist von Seiten der Kommunen zu hören, die bundesgesetzlichen Regelungen belasteten sie über Maßen und fordern vom Bund mehr Geld. Anders als bei Bundesgesetzen, spielt bei den Ländergesetzen das Prinzip der Konnexität eine große Rolle. Das heißt, dass die Übertragung von Aufgaben auf die Kommunen immer mit einer Finanzierungsverpflichtung des Landes verbunden sein muss. Andererseits will der Bund sich stärker in die Gestaltung einmischen, wie zum Beispiel in der Sprachförderung von Kindern in Tageseinrichtungen oder aber in der Qualitätsdebatte in Kindertageseinrichtungen, wozu er dann auch einen Finanzierungsbeitrag leistet. Doch es sind immer wieder zum Teil hitzige Diskussionen um die erforderlichen Geldmittel.  </em></p>
<p><em>Und es ist auch nachvollziehbar, wenn die Kommunen feststellen, sie seien an den Rand der Finanzierbarkeit gestoßen. Tatsächlich steigen die Aufwendungen für die Kinder- und Jugendhilfe stetig. Ich will nur einige Zahlen nennen, die die Dimension sichtbar machen. Lag noch in den 1970er Jahren der finanzielle Aufwand für die Jugendhilfe bundesweit insgesamt bei etwa vier Mrd. DM, so beträgt er heute knapp 60 Mrd. EUR. Selbst wenn die Vergleichbarkeit hinkt, da seit 1990 die neuen Bundesländer hinzugekommen sind und auch Preis- und Gehaltssteigerungen einzurechnen sind, belegt die Größenordnung doch, wie stark die Kinder- und Jugendhilfe gewachsen ist und immer noch wächst. </em></p>
<div id="attachment_2193" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2193" class="wp-image-2193 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/09/im-Haus-3_Mensa-1-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-2193" class="wp-caption-text">Im Bildungshaus Bad Aibling leben und lernen Kinder im Alter von 0 &#8211; 10 Jahren gemeinsam. Im Bild zu sehen: die Mensa. Foto: Claudia Kohnle</p></div>
<p><em>Natürlich machen die Kosten für die Kindertagesbetreuung und die der Hilfen zur Erziehung mit einem Anstieg von ca. 240 % bzw. von 135 % seit 2006 die größten Posten aus. Hiervon entfallen auf die Kommunen nahezu rd. 85 %, was die Belastungen der kommunalen Haushalte verdeutlicht. Aber auch andere Maßnahmen zeigen deutliche Anstiege, wie zum Beispiel die Eingliederungshilfen nach § 35 a, die vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die Inklusion weiter zunehmen werden. Das zeigt aber auch, dass die Kostendimensionen immer auch den Gestaltungsprozess der Kinder- und Jugendhilfe beeinflussen werden. Umso wichtiger ist es fachlich zu überzeugen und auch die Wirkung sozialpädagogischen Handelns – soweit es möglich ist – immer wieder herauszufinden.</em></p>
<p><em>Aber gerade die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Bund und Länder hatte mit der Föderalismusreform I im Jahre 2006 noch einmal zu einer grundlegenden Kontroverse geführt, da sowohl die Einrichtung von Behörden wie auch – etwas später im Jahr 2009 – die Verfahrensvorschriften durch die Länder eigenverantwortlich wahrgenommen werden konnten. Die Sorge um das Jugendamt als eigenständige Fachbehörde war in dem Konflikt groß. Aber die Kommunen und Länder respektierten weitgehend die bestehenden Strukturen.</em></p>
<h3><strong>Meilensteine: Einmischung und Bildungsauftrag</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein zentraler Punkt der Neu-Orientierung der Sozialen Arbeit in den 1970er und 1980er Jahren war die Forderung nach der <em>„Einmischung“</em> der Kinder- und Jugendhilfe in andere Politikbereiche.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ohne Zweifel, die Kinder- und Jugendhilfe hat einen Einmischungsauftrag, wenn Sie den Aufgabenkatalog des § 1 Abs. 3 SGB VIII lesen. Dort wird als eine Aufgabe formuliert „positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihren Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“ Hier ist, wenn Sie so wollen, die „Strategie der Einmischung“ verankert (so nannte es </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Mielenz"><em>Ingrid Mielenz</em></a><em>). Die Erkenntnis, dass die Jugendhilfe – will sie wirkungsorientiert Lebenswelten gestalten – sich zwingend in andere Felder, die die Lebenswelt von jungen Menschen positiv oder auch negativ beeinflussen, einmischen muss. Auch der </em><a href="https://www.dji.de/veroeffentlichungen/literatursuche/detailansicht/literatur/12730-8-jugendbericht.html"><em>Achte Jugendbericht</em></a><em> der Bundesregierung (1989) hatte dies mit dem Begriff der „Lebensweltorientierung“ unterstrichen. Damit wurden auch Entwicklungen in der Praxis aufgegriffen. Bildung und Erziehung allein als pädagogisches Handeln zu verstehen, ohne eine Veränderung in den Lebenswelten zu erreichen, entsprach nicht mehr den Alltagsherausforderungen des Aufwachsens. Das führte zu einer kritischen Beobachtung, denn Zuständigkeitsgrenzen vor allem in der öffentlichen Verwaltung zu überschreiten führt schon zwangsläufig zu Protesten derjenigen, in deren Bereiche eingegriffen wird. Dass dies in der Praxis oftmals gar nicht so einfach ist, zeigt die Praxis täglich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Folge des Einmischungsgedankens war die Aufnahme des Bildungsbegriffs, insbesondere im Kontext des Zwölften Kinder- und Jugendberichts 2005.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Na ja, darüber wurde schon in früheren Jahren diskutiert. Aber mit der PISA-Studie von 2001 gewannen die damit verbundenen Fragen wieder erheblichen Aufwind. Denn es wurde zugleich deutlich, dass das enge Bildungsverständnis der Schule längst nicht für eine optimale Bildungsförderung ausreicht. Da sprach vieles für die Kinder- und Jugendhilfe. Sie hatte immer wieder auf die Bedeutung der non-formalen und informellen Bildung hingewiesen, die schon aus strukturellen Gründen von der Schule nicht oder nur unzureichend behandelt wurde. </em></p>
<p><em>Die </em><a href="https://bundesjugendkuratorium.de/presse/bildung-ist-mehr-als-schule.html"><em>Leipziger Thesen</em></a><em>, eine Gemeinsame Erklärung des Bundesjugendkuratoriums (BJK), der Sachverständigenkommission des Elften Kinder- und Jugendberichts und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) sowie der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt Bildung traten nachdrücklich für ein erweitertes Bildungsverständnis ein und sahen die Notwendigkeit Jugendhilfe und Schule stärker miteinander zu verbinden. </em><em>Auch entstand das Bild von sogenannten „Bildungslandschaften“ (</em><a href="https://www.deutscher-verein.de/de/uploads/empfehlungen-stellungnahmen/dv-19-09.pdf"><em>Deutscher Verein 2009</em></a><em>) mit dem Ziel, letztendlich das Gemeinwesen „Kommune“ als eine Bildungslandschaft zu begreifen und die Vielfalt ihre Orte der Bildung systematischer zu sehen und zu gestalten.</em><em> Natürlich gab es auch Warnungen, dass auf Grund der besonderen strukturellen Stärke der Schule die Kinder- und Jugendhilfe Gefahr liefe, zum Instrument der Schule und ihrer Denkmuster zu werden. </em></p>
<p><em>Die strukturelle Verbindung im Rahmen eines Ressorts gab es bereits auch in anderen Ländern, wie z.B. in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Bereits in Bayern und Baden-Württemberg waren zudem die Kinder- und Jugendarbeit im Bildungsressort angesiedelt, ohne jedoch eine konkrete Verbindung zu den Schulabteilungen zu entwickeln. </em><em>Doch die Herausbildung der Ganztagsschule und der stärkere Einsatz der Schulsozialarbeit in einigen Ländern zeigen durchaus, dass es hier Erfolge für beide Seiten gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich muss leider sagen, dass es mir in meiner Zeit bis 2018 im nordrhein-westfälischen Schulministerium nicht gelungen ist, die Vorbehalte von Seiten der Schule zu beseitigen. Immer wieder geisterte das Wort von der <em>„Unterstützung“</em> der Schule durch Kinder- und Jugendhilfe durch die Debatten. Alles unter der Ägide der Schulleitungen. Und die Rede von der <em>„Multiprofessionalität“</em> ist mitunter recht scheinheilig. Die OGS war anders gedacht, ihr Ziel war die Entwicklung einer Kooperation auf Augenhöhe, aber auch da ist noch lange nicht alles Gold, was glänzt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong><em>: Ja, es war und es ist immer noch schwer, die beiden Professionen konstruktiv zusammenzubringen und ein Gesamtverständnis von Bildungsförderung zu schaffen, die unterschiedlichen Kompetenzen als etwas Zusammenhängendes verstehen. Dennoch haben wir Anfang der 2000er Jahre einiges an Zusammenhalt erreicht. Bedauerlicherweise lehrt uns die Zeit nach der Auflösung des Ressorts im Jahre 2005, dass es immer wieder herausfordernd ist, „Schule“ mit unseren Gedanken und Verständnissen nachhaltig zu erreichen. Das gilt auch für die Offene Ganztagsschule, die ich noch immer für einen wesentlichen Meilenstein – jedenfalls in NRW, Rheinland-Pfalz und Hamburg – halte. </em></p>
<p><em>Aber auch hier zeigt sich, dass wichtige Grundstrukturen in der Gestaltung von Schule immer noch allein in der Verantwortung der Schule liegen. Es gibt gute Beispiele der gemeinsamen Verantwortungswahrnehmung aber auch negative Entwicklungen, die wieder Bildung als Aufgabe der Schule reduzieren und Betreuung im Ganztag als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe sehen. Da muss noch mehr Verbindlichkeit geschaffen werden. Dieses aber fordert auch die Kinder- und Jugendhilfe heraus: Sie muss das „System Schule“ auch verstehen lernen und die besonderen gesetzlichen Strukturen zwischen Elternrecht und Schulrecht einordnen können.</em></p>
<h3><strong>Professionalisierung und Ehrenamtlichkeit </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Kinder- und Jugendhilfe gehört – wie zur gesamten Sozialen Arbeit – das Ehrenamt. Die Politik lobt es immer gerne, denkt aber offensichtlich nicht darüber nach, dass Ehrenamtler*innen auch der Betreuung und Unterstützung durch Hauptamtler*innen bedürfen. Und manchmal habe ich den Eindruck, als solle das Ehrenamt nur genutzt werden, um Kosten für im Hauptamt tätige Menschen zu senken.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ehrenamtlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe ist ein hohes Gut. Unzählige Menschen wirken in den Einrichtungen und Angeboten mit. Sie übernehmen nicht nur Verantwortung in den Vorständen der Träger, sondern sind auch bei den Initiativen und in den Feldern der Praxis zu sehen. Ohne die Beiträge und Leistungen der ehrenamtlich Tätigen, wäre die Kinder- und Jugendhilfe ein wesentliches Stück ärmer. In der Kinder- und Jugendarbeit kommt dem ehrenamtlichen Engagement junger Menschen noch ein ganz anderer Effekt hinzu: Hier haben das Mitwirken und das Übernehmen von Verantwortung viel mit der persönlichen Entwicklungsförderung zu tun und prägen ein gelingendes Aufwachsen in besonderer Weise. Zurecht hat daher das SGB VIII eine besondere Regelung in § 12 zur Förderung der Ehrenamtlichkeit in den Jugendorganisationen. </em></p>
<p><em>Aber eines muss man auch sehen: ehrenamtliches Engagement von Menschen hat viel mit der Identifikation mit den Zielen, der Philosophie oder der gesellschaftspolitischen Verortung der Organisation zu tun. Da wächst man in das Ehrenamt hinein. Ein Blick in die Praxis zeigt aber, dass dieser Zusammenhang mehr und mehr als Motiv geringer gewichtet wird. Das hat wohl auch etwas mit zunehmendem Individualismus zu tun. Sicher ist es aber auch so, dass für das ehrenamtliche Engagement an Unterstützung noch einiges getan werden muss. Gerade für junge Menschen ist der Aufwand oftmals hoch, was viele auch davon abhält, sich zu engagieren. Übrigens sieht das SGB VIII für die Jugendverbände ausdrücklich die Förderung der eigenverantwortlichen Tätigkeit vor (§ 12 SGB VIII) und meint damit auch das ehrenamtliche Engagement junger Menschen. </em></p>
<p><em>Professionalität und Ehrenamt widersprechen sich aber nicht, es sind zwei Seiten einer Medaille. Wir sind längst weit weg von der Zeit, in der ehrenamtliches Engagement als Ersatz für fehlende – oder nicht öffentlich finanzierte – Hauptamtlichkeit gesehen wurde bzw. gesehen werden konnte. Ich habe das im Übrigen nie so gesehen, wohl die mangelnde Förderung von Professionalität immer wieder kritisiert. Heute ist das anders. In den letzten 20 Jahren haben wir einen enormen Aufschwung der hauptamtlich Tätigen. So wurden im Jahre 2018/2019 insgesamt etwa 1,1 Mio. hauptamtliche Personen gezählt. (Zum Vergleich: Die Autoindustrie beschäftigte zum gleichen Zeitpunkt rd. 830.000 Personen.). Aktuell beklagen wir, dass Fachkräfte fehlen. Professionelle Tätigkeit wird also weit mehr gebraucht als derzeit vorhanden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Heute wird oft vor De-Professionalisierung gewarnt. Es gibt zu wenig Fachkräfte. Sind noch mehr ehrenamtlich tätige Menschen die Lösung? Oder senken wir einfach unsere Ansprüche an Professionalität? Das gilt in der Schule wie in der Sozialen Arbeit. Außerdem beansprucht Schule große Anteile Sozialer Arbeit für sich, sodass auch die Gefahr besteht, dass sich verschiedene Bereiche gegenseitig die Fachkräfte ausspannen.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Von De-Professionalisierung möchte ich nicht sprechen. Es gibt ein Strukturproblem in der Fachlichkeit, das ist richtig. Kurz gesagt: Die Ausbildungsplätze reichen nicht aus und die Nachfrage nach Tätigkeitsangeboten schwächelt auch. </em><a href="https://www.dji.de/themen/kinderbetreuung/der-unermuedliche.html"><em>Thomas Rauschenbach</em></a><em>, langjähriger Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), hatte in den letzten Jahren immer wieder </em><a href="https://www.dji.de/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detailansicht/article/1149-bildungsbericht-2022-fachkraeftemangel-draengendstes-problem-der-fruehen-bildung.html"><em>auf den drohenden Fachkräftemangel hingewiesen</em></a><em>. Heute ist er da und scheint kaum bewältigbar zu sein. Doch es liegt sicher auch an anderen Faktoren, dass einige Bereiche besonders vom fehlenden Nachwuchs betroffen zu sein scheinen. Das trifft zum Beispiel für den ASD zu, obwohl sich dessen Personal seit 2006 nahezu verdoppelt hat. Aber die Herausforderungen sind stetig und führen zunehmend dazu, dass sich Fachkräfte überfordert fühlen, auch wenn 2011 Fallobergrenzen eingeführt wurden. Auch in den Tageseinrichtungen für Kinder fehlt es an Personal, Betreuungszeiten wurden – jedenfalls in einigen Einrichtungen – verkürzt. Nicht zuletzt werden die Soziale Arbeit insgesamt und die Kinder- und Jugendhilfe im Besonderen weiter expandieren. Es bleibt ein langer Weg, um das Fachkräfteproblem zu lösen.</em></p>
<h3><strong>Wissenschaft und Praxis – das Institut für Soziale Arbeit (ISA)</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-3620 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-300x129.png" alt="" width="300" height="129" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-200x86.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002-300x129.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/08/ISA-Wort-Bildmarke_F_72-rgb-002.png 329w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Norbert Reichel</strong>: Aus meiner Sicht zentral ist die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Dabei spielt das <a href="https://isa-muenster.de/"><strong>Institut für Soziale Arbeit (ISA)</strong></a> in Münster eine wichtige Rolle. Das ISA ließe sich meines Erachtens als Innovations- und Transformationsmaschine charakterisieren.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Es ist keine besondere Weisheit, dass die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis ein hohes Gut sein sollte, das man pflegen und fördern muss. Theorien entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind Ergebnisse der Praxis und müssen auf die Praxis übertragen werden und auch übertragbar sein. Daher reicht allein ein theoretisch geprägtes Studium nicht aus. Es müssen praktische Erfahrungen hinzukommen. Diese aber werden zu wenig gemacht. Das mag bei Sozialarbeitern und Sozialpädagogen an der grundlegenden Veränderung des Anerkennungsjahres liegen. Es liegt aber sicher auch daran, dass die Studierenden zu wenig über die Praxis wissen. Vielleicht spielt auch die Bologna-Reform eine Rolle, die zu einer Verschulung des Studiums geführt hat. Es ist sicher ein sehr komplexes Phänomen. Hier haben die Universitäten und Hochschulen eine besondere Verantwortung.</em></p>
<p><em>Umso wichtiger sind die Felder der Praxisforschung. Sie ermöglichen für die bereits in der Praxis Tätigen einen präziseren Einblick in die Realität und können die eigenen Handlungsansätze und methodische Vorgehen nachdrücklich unterstützen. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Im Jahre 1997 veröffentlichte das ISA die </em><a href="https://www.bibsonomy.org/bibtex/b3750cc35553cfd7fdc698db6d874a40"><em>Studie „Kinder in Not“</em></a><em> als Ergebnis eines Praxisforschungsprojektes. Nach Veröffentlichung förderte das Land NRW beim ISA das </em><a href="https://isa-muenster.de/fileadmin/images/ISA_Muenster/Dokumente/SFWS-arbeitshilfe.pdf"><em>Projekt „Entwicklung eines sozialen Frühwarnsystems“</em></a><em>. Gemeinsam mit dem Land und sechs Kommunen wurden erste Erkenntnisse und Impulse über rechtzeitiges frühes Handeln entwickelt. </em></p>
<p><em>Daraus entstand ein neues Verständnis über frühzeitiges präventives Eingreifen der Kinder- und Jugendhilfe in ihren unterschiedlichen Bereichen. Im Kontext der weiteren Entwicklungen ist ein sehr differenziertes und fachlich kompetentes Konzept „Frühe Hilfen“ in der </em><a href="https://www.fruehehilfen.de/"><em>Struktur des „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen“</em></a><em> entstanden, das heute nicht mehr wegzudenken ist. </em></p>
<p><em>An den Transformationsprozessen zwischen Theorie und Praxis wirken Viele mit: Universitäten, Hochschulen und Institute. Da ist das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sicher eine besonders wichtige Einrichtung. Aber nicht allein. Bezogen auf NRW ist das ISA für den Transformationsprozess ein wichtiger Partner schon damals zu meiner Zeit im Landesministerium gewesen. Dabei ist mir wichtig: Das ISA ist weder ein staatliches noch ein kommunales Institut, es ist ein freies Institut und daher nicht weisungsgebunden außer gegenüber dem eigenen Vorstand. In den Jahren des Großwerdens war uns immer wichtig, dass es politikunabhängig ist und bleibt und die Eigenständigkeit des ISA auch seitens des Ministeriums erhalten bleibt. So hat sich das Land bis heute verhalten, auch wenn zahlreiche Projekte gemeinsam mit dem ISA durchgeführt wurden bzw. das ISA beauftragt wurde. Die Eigenständigkeit der wissenschaftlichen Arbeit ist dabei ein unverzichtbares Gut und zugleich ihre Stärke bei der Entwicklung neuer – auch unkonventioneller – Lösungsansätze. </em></p>
<p><strong>N</strong><strong>orbert Reichel</strong>: Das ISA hat fachliche Standards gesetzt.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Ohne Zweifel und das in bereits über 40 Jahren. Es gab den Anstoß zu mehreren Mädchenprojekten in einer Zeit, in der das nicht so einfach war, darunter die Zeitschrift </em><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogiksoziale_arbeit/zeitschriften/betrifft_maedchen/alle-ausgaben.html"><em>„Betrifft Mädchen“</em></a><em>, nach wie vor die einzige Fachzeitschrift für Mädchenarbeit. Erinnern will ich neben den schon genannten „Frühwarnsystemen“ und an das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ – heute bekannt unter dem Namen </em><a href="https://www.kinderstark.nrw/"><em>„kinderstark“</em></a><em> – oder an seine Impulse zur Ganztagsbildung, zu Ganztagsschulen und der Entwicklung von Familienzentren. Die regelmäßig erscheinenden Jahrbücher des ISA thematisieren aktuelle Themen und Herausforderungen, die auch in der Landespolitik berücksichtigt werden, so bei der Formulierung der Kinder- und Jugendberichte des Landes NRW. </em></p>
<p><em>Der Erfolg des ISA lässt sich auch daran messen, dass immer wieder Mitarbeiter*innen Professuren an verschiedenen Hochschulen übernahmen. Andere fanden eine Anstellung in den Kommunen, auch im Kinder- und Jugendministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Das macht sicher auch die Qualität eines Instituts aus, dass man nicht über den Dingen schwebt, sondern Teil der Entwicklungen ist und dann auch diese verändern und fachlich gestalten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zusätzlichen Schwung erhielt das ISA durch die Einrichtung der <a href="https://www.ganztag-nrw.de/">Serviceagentur „Ganztägig lernen“</a> (SAG) im Jahr 2007. Vor diesem Datum gab es zwar schon Vorläufer beim damaligen Landesinstitut für Schule und parallel dazu beim ISA, doch die Auflösung des Landesinstituts für Schule durch die damalige Landesregierung bewirkte etwas Gutes im Schlechten, vielleicht sogar etwas sehr Gutes: Das ISA wurde zum Sitz der SAG und interagierte von da an mit Schulen.</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Das ist eine Aufgabe mit einer ganz besonderen Perspektive. Sie knüpft an die ersten Jahre der Diskussion um das Verhältnis von Jugendhilfe und Schule in den 1960er Jahren an. Sie sollte Motor der Ausgestaltung und der Qualität der Ganztagsschulen werden. Dass dies gelungen ist, ist ein besonderes Verdienst von Ihnen, Herr Dr. Reichel. Das war keineswegs selbstverständlich, dass ein solches Vorhaben gelingen kann. Sie haben dieser Stelle ihr fachliches Ausgangsprofil gegeben. Es wird bis heute von der Praxis von Schule und Jugendhilfe angenommen und genutzt. Aber man muss auch kritisch sagen: Dass es eines solchen Transformationsriemens bedarf, hat auch etwas damit zu tun, dass ein Schulministerium offensichtlich zu stark in der eigenen Logik arbeitet und wenig Blick für schulübergreifendes Handeln hat, wie es die Ausgestaltung der Ganztagsschule mit unterschiedlichen Partnern verlangt. Ich hoffe, dass das eines Tages überwunden werden kann. </em></p>
<h3><strong>Die Perspektiven </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Perspektiven oder auch Gefahren sehen Sie für die zukünftige Entwicklung der Sozialen Arbeit, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe?</p>
<p><strong>Klaus Schäfer</strong>: <em>Die Kinder- und Jugendhilfe ist für ein gelingendes Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenkendes Handlungsfeld, welches gerade in Zeiten gravierender gesellschaftlicher Herausforderungen auch ein sozialer Stabilitätsfaktor sein kann. Die Aufgaben und Herausforderungen bleiben gewaltig. Es geht um Bildungsgerechtigkeit durch mehr Bildungsteilhabe für alle; es geht um die Überwindung der Armut von Kindern und ihren Familien und es geht um stabile und sichere Unterstützungen von jungen Menschen in ihrer Lebenswelt. Stichworte für Herausforderungen sind aber ebenso Inklusion und Diversität und das Ziel einer diversen Gesellschaft mit all ihren Chancen offensiv anzugehen; und es geht um die Erhaltung des sozialpädagogischen Profils der Handlungsfelder, denn dieses Profil ist ein großes Pfund, das die Kinder- und Jugendhilfe in das Aufwachsen junger Menschen einbringt. Als eigenständige Sozialisationsinstanz bringt sie die erforderliche Kompetenz und Professionalität mit. </em></p>
<p><em>Diese Aufgaben zu bewältigen wird kein leichter Prozess in einem instabilen sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. Doch die Chancen, diese Aufgaben anzugehen und zur Bewältigung einen Beitrag zu leisten sind im Prinzip gut, trotz Fachkräftemangel, trotz immer wieder das Kämpfen um die personellen und finanziellen Ressourcen, trotz der immer wieder auftauchenden Frage nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Leistungen und, und, und &#8230; </em></p>
<p><em>Die gesetzlichen Rahmungen sind gegeben und – das zeigt sich an den zahlreichen Änderungen des SGB VIII – auch weiterhin flexibel anpassungsfähig an sich verändernde Alltagsbedingungen. </em></p>
<p><em>Wenn wir in dieser Zeit auf eine 100jährige Geschichte der gesetzlichen Kodifizierung des Erziehungsgedanken durch das RJWG zurückblicken können, dann kann dieser Blick zurück auch ein Motor für weitere Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe im Wandel der Gesellschaft sein.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<ul>
<li>Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe, Hg., Einheit der Jugendhilfe – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe, Bonn 1998.</li>
<li>Ulrich Deinet u.a., Offene Ganztagsschule &#8211; Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder, Opladen, Barbara Budrich, 2018.</li>
<li>Deutscher Bundesjugendring, 50 Jahre Deutscher Bundesjugendring, 1979.</li>
<li>Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Empfehlungen zur Weiterentwicklung kommunaler Bildungslandschaften, 2009.</li>
<li>Christa Hasenclever, Jugendhilfe, Jugendhilfe und Jugendgesetzgebung seit 1900, Paderborn, Vandenhoeck und Ruprecht, 1978.</li>
<li>Friederike Lorenz, Der Vollzug des Schweigens, Wiesbaden, Springer Fachmedien, 2020.</li>
<li>Ingrid Mielenz, Die Strategien der Einmischung – Soziale Arbeit zwischen Selbsthilfe und kommunaler Politik, in: Neue Praxis, Sonderheft 6, 1981.</li>
<li>Regine Müller / Dirk Nüsken, Hg., Child Protection in Europe &#8211; Von den Nachbarn lernen &#8211; Kinderschutz qualifizieren, Münster, Waxmann, 2015.</li>
<li>Philipp-Emanuel Oettler, Julia Pudelko, Jugendhilfeplanung in Deutschland, Münster, Waxmann, 2023.</li>
<li>Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe, Olten und Freiburg i. Brsg., Walter-Verlag, 1964.</li>
<li>Christian Reutlinger / Benedikt Sturzenhecker, Hg., Den sozialraumansatz weiterdenken &#8211; Impulse von Ulrich Deinet für Theorie und Praxis als sozialpädagogik im Diskurs, Weinheim, Beltz Juventa, 2021.</li>
<li>Rainer Schone u. a., Kinder in Not &#8211; Vernachlässigung im Kindesalter und Perspektiven sozialer Arbeit, Münster, Votum, 1997.</li>
<li>Christian Schrapper, Zwischen Aufbau und Umbruch, Gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Selbstverständnis der Jugendwohlfahrt in den 60er Jahren, in: Markus Köster / Thomas Küster, Hg., Zwischen Disziplinierung und Integration, Paderborn, Ferdinand Schöningh, 1999.</li>
<li>Peter Wensierski, Schläge im Namen des Herrn, Stuttgart, DVA, 2006.</li>
<li>Matthias Wissmann, Rudolf Hauck, Hg., Jugendprotest im demokratischen Staat – Enquetekommission des Deutschen Bundestages, 1982 (die beiden Herausgeber waren Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der Enquetekommission, Matthias Wissmann für die CDU, Rudolf Hauck für die SPD).</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2023, alle Internetzugriffe zuletzt am 30. Juli 2023. Das hier dokumentierte Gespräch wird Ende 2023 auch im Jahrbuch des Instituts für soziale Arbeit in Münster (ISA) veröffentlicht, dort unter dem Titel „Zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik – 75 Jahre Kinder- und Jugendhilfe &#8211; Ein Gespräch von Norbert Reichel mit Klaus Schäfer“. Das Jahrbuch erscheint wie alle Jahrbücher des ISA im <a href="https://www.waxmann.com/">Waxmann-Verlag</a>. Wir danken dem Waxmann-Verlag und dem ISA für die Genehmigung zur Vorab-Veröffentlichung. Titelbild: Pixabay. Wer durch Berlin fährt, wird vor allem in Pankow dieses Bild häufiger sehen.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Kommunale Gestaltungsvisionen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommunale-gestaltungsvisionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2023 05:47:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kommunale Gestaltungsvisionen Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis „Ich möchte unsere Geschichte von einem Leben mit Transferleistungen erzählen. Ich kann und will nicht für alle ‚Hartzer‘ oder ihre Kinder sprechen, ich kann nur das aufschreiben, was ich selbst erlebt und erfahren habe; wie es war, mit Eltern aufzuwachsen, die in  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Kommunale Gestaltungsvisionen</strong></h1>
<h2><strong>Zur Bekämpfung der Kinderarmut – ein Gespräch mit Alexander Mavroudis</strong></h2>
<p><em>„Ich möchte unsere Geschichte von einem Leben mit Transferleistungen erzählen. Ich kann und will nicht für alle ‚Hartzer‘ oder ihre Kinder sprechen, ich kann nur das aufschreiben, was ich selbst erlebt und erfahren habe; wie es war, mit Eltern aufzuwachsen, die in dieser Gesellschaft als Außenseiter betrachtet werden. Ich glaube, dass es höchste Zeit ist, über eine Normalität zu sprechen, die gern an den Rand der Gesellschaft verbannt wird, obgleich sie für viele schon lange Realität ist und längst die gutbürgerliche Mittelschicht erreicht hat. (…) / Träumen erfordert viel Mut (…)“ </em>(Undine Zimmer, Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2013)</p>
<p>Die Armut von Kindern und Jugendlichen wird schon seit mehreren Jahren mit einem Anteil von etwa 20 Prozent angegeben. Im Jahr 2023 wird als eines der Instrumente zu ihrer Beseitigung die „Kindergrundsicherung“ diskutiert. Auf der einen Seite sollen verschiedene Transferleistungen zusammengefasst werden, sodass Eltern diese nicht mehr bei verschiedenen Behörden beantragen müssen, auf der anderen Seite wird eine noch nicht abschließend bezifferbare Erhöhung debattiert, eine Debatte, die durchaus analog zu früheren Debatten über einen Mindestlohn oder über das sogenannte „Bürgergeld“ betrachtet werden kann. Wenn die parlamentarischen Beratungen Erfolg haben, sind die ersten Zahlungen im Jahr 2025 zu erwarten. Lesenswert zur „Kindergrundsicherung“ ist ein <a href="https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2022/Positionspapier_Armutssensibles_Handeln.pdf">Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) vom Dezember 2022</a>.</p>
<p>Staatliche Transferleistungen für Kinder und Jugendlichen sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere sind Investitionen in die Infrastruktur des Umfelds von Kindern und Jugendlichen, die ihnen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Der Landschaftsverband Rheinland ist einer der Akteure in Nordrhein-Westfalen, die solche Programme umsetzen. Die beiden Landschaftsverbände mit Sitz in Köln und Münster sind auch Sitz der beiden Landesjugendämter in Nordrhein-Westfalen. Die Landschaftsverbände sind Kommunalverbände. Oberste Landesjugendbehörde ist das nordrhein-westfälische Kinder- und Jugendministerium.</p>
<div id="attachment_3189" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3189" class="wp-image-3189 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Kinderarmut-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3189" class="wp-caption-text">Das Team der Koordinierungsstelle Kinderarmut, Alexander Mavroudis steht auf dem Bild ganz links. © Landschaftsverband Rheinland</p></div>
<p>Ein landesweites Programm zur Bekämpfung von Kinderarmut ist das <a href="https://www.kinderstark.nrw/">Programm „kinderstark“</a>. Programmmanager ist <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/metanavigation_5/nav_meta/kontakt/ansprechpersonen_3/cp_ansprechpersonen_detailseite_1285.jsp">Alexander Mavroudis</a>, der diese Aufgabe als Mitarbeiter des Landesjugendamts Rheinland wahrnimmt. Er leitet die <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/jugend_2/jugendmter/koordinationsstellekinderarmut/koordinationsstellekinderarmut_1.jsp">Koordinationsstelle Kinderarmut</a>. Die Koordinationsstelle gibt einen regelmäßig erscheinenden <a href="https://www.lvr.de/de/nav_main/jugend_2/jugendmter/koordinationsstellekinderarmut/presse_4/newsletteruebersicht_kinderarmut.jsp">Newsletter</a> heraus, der abonniert werden kann.</p>
<h3><strong>Was ist Armut?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was brauchen wir, um Armut zu bekämpfen?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ich befasse mich mit dem Thema seit etwa 2009. Der Grundansatz, der sich in dieser Zeit für uns als Landesjugendamt und das Team, mit dem ich arbeite, herauskristallisiert hat, ist, dass wir in der Armutsprävention eine Doppelstrategie brauchen. Armut hat viele Gesichter: Die möglichen Folgen von Armutslagen führen zu verschiedenen Effekten, bei der sozialen und kulturellen Teilhabe, beispielsweise bei der Teilnahme an Ausflügen für Kinder in der Schule, in der Größe von Wohnungen, der Ernährung. Der Kern des Ganzen sind letztlich sehr eingeschränkte finanzielle Verhältnisse, in die die betroffenen Kinder hineingeboren werden. Doppelstrategie heißt nun: Wir müssen uns die <u>Ursachen</u> anschauen – und wir müssen uns die <u>Folgen</u> anschauen, die diese Situation in den Familien bewirkt. Die Folgen könnte man als den manchmal unsichtbaren Armutsrucksack bezeichnen. Wir müssen – etwas überspitzt formuliert – also darauf hinwirken, dass Kinder, die in Armut aufwachsen, nicht in doppeltem Sinne arm dran sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie definiere ich Armut?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es gibt einen Berechnungsschlüssel, der besagt, ob das Geld, das einer Familie zur Verfügung steht, ausreicht, die Grundbedürfnisse zu befriedigen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Laut aktueller </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Armutsgrenze"><em>EU-Armutsdefinition</em></a><em> ist arm, wer weniger als 60 % des gewichteten Medianeinkommens zu Verfügung hat. Wir haben seit vielen Jahren eine relativ stabile Armutsquote von 20 Prozent. Die Folgen dieser statistischen Armut stellen sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich dar. Zum Beispiel hat das zur Folge, dass in den Städten – durch die in den letzten Jahren zum Teil sogar deutlich gestiegenen Mieten – Verdrängungsprozesse stattfinden. Menschen, die wenige finanzielle Ressourcen haben, können es sich kaum noch leisten, in Städten zu leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Mieten mögen auf dem Land niedriger sein, aber dafür steigen für diese Menschen die Kosten, um in die Stadt zum Arbeitsplatz zu pendeln.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Wenn sie denn eine Arbeit haben. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland einen im Vergleich zu anderen OECD-Staaten hohen </em><a href="https://www.oecd.org/berlin/presse/jungen-menschen-in-deutschland-faellt-der-aufstieg-in-die-mittelschicht-zunehmend-schwer.htm"><em>Niedriglohnsektor</em></a><em> haben. Das meine ich unter anderem mit den Ursachen von Armut, über die wir sprechen müssen. Letztlich geht es um die Frage, wie in der Gesellschaft Reichtum verteilt wird. Deutschland ist ein reiches Land, aber viele Menschen leben in prekären Verhältnissen. Das aber hat damit zu tun, dass die Ressourcen in dieser Gesellschaft ausgesprochen ungleich verteilt sind. Das hat etwas mit Einkommensverhältnissen zu tun, mit dem Lohnniveau in verschiedenen Arbeitsverhältnissen. Daran wird nicht gerüttelt. Dort müssten aber sozialpolitische Richtungsentscheidungen getroffen werden. Das betrifft vor allem Entscheidungsträger auf Bundesebene.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es geht nicht nur um die Frage, über die Runden zu kommen, sondern um die Frage, was Menschen brauchen, um einigermaßen gut leben zu können. Dazu gehört die Debatte um Mindestlöhne, aber auch die Frage, welche Ressourcen es für ein gutes Aufwachsen von Kindern braucht und welche Leistungen unsere Gesellschaft von daher für bedürftige Familien zur Verfügung stellen will. Insgesamt habe ich – auch wenn das nicht mein Spezialgebiet ist – aber den Eindruck, dass es hier keine gesellschaftlichen Mehrheiten für relevante Veränderungen gibt, denn sonst hätten wir nicht diese stabile Armutsquote, die sich seit Jahren nicht verändert. Es erfolgen immer nur kleine Korrekturen – die eigentlichen Ursachen bleiben unangetastet. </em></p>
<h3><strong>Mögliche Folgen der Armut</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bürgergeld und Kindergrundsicherung sind lobenswerte Konzepte, aber ob sie in der Form, wie sie dann beschlossen und umgesetzt werden, helfen, werden wir beobachten müssen. Ich bin nur sehr verhalten optimistisch. Offen gestanden: eher nicht. Aber ich lasse mich natürlich gerne von etwas anderem überzeugen. In deiner Arbeit hast du weniger mit der Sicherung einer finanziellen Grundausstattung einzelner Menschen zu tun als mit dem Umgang mit den Folgen einer unzureichenden Grundausstattung.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es geht um die <u>möglichen</u> Folgen. Das eine sind die Ursachen, das andere die <u>möglichen</u> Folgen. Dies ist das Handlungsfeld, in dem wir in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen viel bewegt haben. Es geht um die Kommunen, die Quartiere, und um die Spielräume, die die dort tätigen Akteure haben, um Armutslagen präventiv, das heißt frühzeitig und möglichst wirksam zu begegnen. Wichtig ist dabei: Die präventiven Maßnahmen führen nicht dazu, dass es weniger arme Kinder gibt oder weniger arme Familien. Was wir erreichen können ist, dass diese Kinder weniger arm dran sind, weil sie trotz begrenzter Ressourcen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, Zugang zu Sportvereinen, zu Kulturangeboten haben, in der Schule erfolgreich lernen können. Wenn ich von den <u>möglichen</u> Folgen spreche, bedeutet das, dass wir genau hinschauen müssen. Es kann, muss aber eben nicht sein, dass diese Kinder durchweg alle gleichermaßen unter den Folgen von Armut leiden. Das ist kein Automatismus. Die finanzielle Armut einer Familie ist zunächst einmal nur ein Hinweis, ein Indikator, dass wir genauer hinschauen müssen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Pauschale Zuschreibungen führen möglicherweise zu einer Art von Selffulfilling Prophecy, ein klassischer Priming-Effekt. Das Problem lässt sich nicht einfach lösen, in dem mehr Geld investiert wird.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Geld löst bestimmte Probleme, aber wir bewegen uns dann in einem anderen Kontext. Armut bedeutet nicht automatisch, dass wir ganz viel für diese Familien tun müssen, weil diese Familien ihr Leben nicht auf die Reihe bekämen. Ganz im Gegenteil: Die Leistungen dieser Familien sind oft enorm, müssen sie doch mit viel weniger Mitteln über die Runden kommen. Sie bemühen sich sehr um ihre Kinder. Sie haben nur eben begrenzte Ressourcen. Natürlich müssen Familien auch finanziell unterstützt werden, das ist keine Frage. Aber ich wehre mich gegen diesen Automatismus, der immer wieder unterstellt wird. Und wir müssen genau hinschauen, welche Ressourcen die Menschen haben, und das sind eben nicht nur finanzielle Ressourcen, die hier eine Rolle spielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du sprichst die Fähigkeit zu Resilienz an.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ja, finanzielle Armut</em> <em>bedeutet eben nicht, dass diese Menschen sozial schwach sind. Sie können ausgeprägte soziale Kompetenzen haben, weil sie darauf angewiesen sind, sich in ihren Milieus gegenseitig zu unterstützen. Wir müssen hier auch auf unsere Sprache achten, in der wir über diese Familien sprechen. Solche Zuschreibungen wie sozial schwach oder auch bildungsfern erfolgen leider viel zu oft, bis hin zu ausgeprägten Vorurteilen, auch bei Kolleg*innen in der Sozialen Arbeit.</em></p>
<p><em>Es geht also um die Anerkennung der Leistungen und damit zugleich darum, wie es gelingen kann, Menschen in Armutslagen in ihrer Resilienz zu stärken. Natürlich darf alles das nicht von dem Blick auf die Verhältnisse ablenken, im Sinne von jeder hat sein Glück selbst in der Hand. Ich nenne ein Beispiel, das die Möglichkeiten und die Grenzen von Resilienz zeigt, das Home-Schooling während der Pandemie. Hier spielt eine Rolle, wie groß eine Wohnung ist, ob das Kind einen ruhigen Platz für seine schulischen Aufgaben hat, wie die technische Ausstattung ist, wie der Zugang zum Internet funktioniert, welche Hilfen Eltern oder größere Geschwister geben können. Dies wurde jedoch viel zu wenig berücksichtigt. Die Familien wurden alleingelassen. </em></p>
<p><em>Finanzielle Armut wirkt sich auf das Alltagsleben aus. Das sind Familien, die eben nicht die Möglichkeit haben, mit ihren Kindern große Ausflüge zu machen, denn Mobilität kostet Geld. Das ist nicht überall so im Blick, Stichwort unsichtbarer Armutsrucksack. Ein weiteres Beispiel sind Kindergeburtstage. Haben die Familien das Geld für Geschenke, wenn ihre Kinder zum Geburtstag eingeladen werden? Und was ist mit dem eigenen Geburtstag, wenn ich die anderen Kinder einladen muss? Kann ich die Feier finanzieren, vielleicht einen Kinobesuch? </em></p>
<h3><strong>Armutssensibilität vs. Klassismus </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und dann oft genug auch noch der mitleidige oder mitunter verachtend-missbilligende Blick der anderen, letztlich <a href="https://demokratie.awo.org/demokratie-vor-ort/aktuelles-awo-demokratiepraxis/informationssammlung-ueber-klassismus/">Klassismus</a>.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Dazu gehört das immer wieder kolportierte Vorurteil, dass die von Armut betroffenen Menschen zusätzliches Geld nicht für ihre Kinder verwenden, sondern für ihre eigenen Bedürfnisse, für Tabak und Alkohol. Das ist vielfach widerlegt, auch durch Studien, aber das Vorurteil ist nicht aus der Welt zu bekommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Unterstützung in migrantischen Familien wird oft genug mit sogenannten <em>„Clan-Strukturen“</em> identifiziert. Natürlich gibt es diese, aber auf der anderen Seite gibt es in migrantischen Familien oft viel gegenseitige Unterstützung durch Großeltern, Tanten, Onkel, die auch die angesprochene Resilienz der Kinder fördern. Älteren migrantischen Frauen wird oft vorgeworfen, dass sie kaum Deutsch sprechen, Tochter oder Sohn übersetzen müssen. Kaum jemand sieht jedoch ihre Leistungen in der Familie, die dafür sorgen, dass die Kinder gut in der Schule zurechtkommen und sich – wie das so heißt – sozial <em>„integrieren“</em>. In eurer Arbeit müsst ihr solche Vorurteilsstrukturen im Grunde oft genug erst einmal auflösen.</p>
<div id="attachment_3190" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3190" class="wp-image-3190 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Undine_Zimmer-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3190" class="wp-caption-text"><a href="https://undinezimmer.de/blog/buch/">Undine Zimmer, Nicht von schlechten Eltern</a>. © Undine Zimmer.</p></div>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Dafür gibt es viele Beispiele. Viele Fachkräfte in den verschiedenen Handlungsfeldern – ich eingeschlossen – sind nicht in Armut aufgewachsen. Deshalb müssen wir immer wieder nachfragen. Selbst wenn es von außen so scheint, dass vieles nicht gut läuft, muss ich mich letztlich immer wieder bei den Familien, den Kindern, den Jugendlichen rückversichern: was brauchen sie wirklich? Aber dies passiert oft genug zu wenig. Allein der Umstand, dass jemand – objektiv gesehen – nur über wenige Ressourcen verfügt, beantwortet nicht die Frage, was diese Familien brauchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bekomme ich das heraus? Ich stelle mir das ziemlich aufwändig vor.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Nicht wirklich. Es gibt viele Fachkräfte in den Frühen Hilfen, in den KiTas, in den Schulen, in der Kinder- und Jugendarbeit, Kinderärzt*innen, die bereits in Kontakt mit diesen Menschen sind. Die Frage lautet, wie sie diesen Kontakt gestalten, mit welchen Einstellungen und welche Wahrnehmungsmuster dabei wirken. Es geht um Armutssensibilität. Wir müssen erst einmal selbst reflektieren, wie sensibel wir für deren Lebenslage sind. Eigentlich ist das ein ganz banaler pädagogischer Grundsatz und gilt grundsätzlich. Bei Armut ist es exorbitant wichtig zu erfahren, was die betroffenen Menschen selbst regeln können und wo sie Unterstützung brauchen. Wir machen in unseren Seminaren die Erfahrung, dass viele Fachkräfte sagen, dass sie das gar nicht im Blick gehabt hätten. </em></p>
<p><em>Man kennt das auch aus der Schule. Wenn nach den Ferien oder nach dem Wochenende gefragt wird, was die Kinder Tolles gemacht hätten, impliziert das, dass alle Kinder die Möglichkeit hätten, etwas Tolles zu machen. Das hören die Kinder. Sie hören, was die anderen erzählen und erkennen, was sie selbst nicht erzählen können. Das macht etwas mit den Kindern, auch mit den Familien. Mit Armutssensibilität können wir die Ursachen der Armut natürlich nicht beseitigen, aber wir können den Menschen anders begegnen und zum Beispiel verhindern, dass wir sie ungewollt beschämen. </em></p>
<p><em>Die Geschichte mit dem unsichtbaren Armutsrucksack spielt hier eine Rolle. Viele Menschen wollen das, was ihnen Probleme bereitet, nicht unbedingt nach außen tragen, aber solche Stuhlkreise, wie ich sie eben am Beispiel der Schule beschrieben habe, sorgen dafür, dass es nach außen dringt. Fachkräfte müssen die Belastungen vorher erkennen und darauf eine angemessene Antwort finden. Das ist ein ganz entscheidender Ansatzpunkt, der auch gar nicht so viel Geld kostet. Es geht nicht um zusätzliche Aufgaben wie oft vermutet wird, sondern um die Einstellungen, wie die vorhandenen Aufgaben bearbeitet werden. Diese Kompetenz gehört auch in die Ausbildung.</em></p>
<p><em>Armutssensibilität meint eben nicht, ich habe entdeckt, dass du arm bist und weiß damit, was du brauchst, sondern es ist ein Hinweis, Familien, Kinder und Jugendliche anzusprechen und sich zu vergewissern, was sie wirklich brauchen. Reichen gruppenbezogene Zugänge oder muss ich bei manchen Kindern individuell vorgehen? Möglicherweise auch diskreter als das in Gruppen möglich ist.</em></p>
<h3><strong>Kommunen stärken</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen gibt es schon seit längerer Zeit verschiedene Förderprogramme, die immer wieder ihren Namen änderten, weil jede*r Minister*in einen eigenen Akzent setzen wollte. Es begann mit „Kein Kind zurücklassen“, wurde zu „Kommunale Präventionsketten“ und heißt jetzt <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark“</a>.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>:<em> Die Crux sind die unterschiedlichen politischen Rahmungen. Das ist immer eine Herausforderung. Den Entwicklungsprozessen hat es jedoch nicht geschadet. Im Kern ging es immer um das Gleiche, den Aufbau von Präventionsketten, um den Folgen von Armutslagen präventiv entgegenwirken zu können. Inzwischen beteiligen sich mehr als zwei Drittel der Kommunen und Jugendämter. Der Titel von Programmen spielt keine Rolle, der entscheidende Punkt in der Kommunikation mit den Kommunen ist es, dass die Kommunen ihre eigenen Schwerpunkte setzen. </em></p>
<p><em>Präventionsketten sind kommunale Initiativen. Das Land unterstützt die Kommunen auf ihrem Weg, daher muss die einzelne Kommune wissen, was sie braucht und will. Das klingt banal, ist es aber nicht. Der Vorteil bei dem Programm „kinderstark“ ist eindeutig: es ist langfristig angelegt. Es geht um die Weiterentwicklung von Strukturen. Es reicht eben nicht, mal für ein Jahr ein Projekt zu machen, in dem es dann für Kinder ein gesundes Essen gibt und nach dem Jahr weiß niemand, wie das gesunde Essen weiter finanziert werden soll. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde ist das ein Paradigmenwechsel. Ich definiere nicht von oben, was zu tun wäre, sondern lasse den Kommunen die Spielräume, ihre Möglichkeiten zu finden und das zu tun, was bei ihnen vor Ort wichtig ist.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das ist der Vorteil. Deshalb beteiligen sich auch so viele Kommunen. Das ist natürlich ein langer Prozess und lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag schaffen. Das erste Modell war „MoKi“ – </em><a href="https://www.monheim.de/kinder-jugend/moki-monheim-fuer-kinder/"><em>„Monheim für Kinder“</em></a><em>, entwickelt und durchgeführt in enger Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt</em><em>. Unterstützung im Prozess leistete das </em><a href="https://www.iss-ffm.de/"><em>Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik</em></a>, <em>namentlich</em> <a href="http://www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/VORTRAG_GERDA_HOLZ_ARMUTSPRAeVENTION.pdf"><em>Gerda Holz</em></a>.<em> Gerda Holz und das Institut haben den Begriff der „Präventionsketten“ maßgeblich geprägt. Seit 2002 wurde die Initiative in Monheim systematisch entlang der Biographie des Aufwachsens durchgeführt und weiterentwickelt. </em></p>
<p><em>Seitdem gab es auch in vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen vergleichbare Entwicklungsprozesse, fachlich begleitet durch die Landesjugendämter Rheinland und Westfalen und auch das Institut für soziale Arbeit in Münster Mit „kinderstark“ haben wir erreicht: wir brauchen keine Modelle mehr, sondern wir brauchen eine dauerhafte Unterstützung für die Kommunen, entwickelte Modelle umzusetzen. Für die Verantwortlichen in den Kommunen ist es wichtig, dass es diese Unterstützung von Seiten des Landes gibt. Und die Unterstützung des Landes sorgt dafür, dass sich Kommunen auf den Weg machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was heißt das jetzt in der einzelnen Kommune konkret?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das hängt immer davon ab, wo eine Kommune steht. Es geht nicht darum, immer wieder Neues zu erfinden, sondern darum zu schauen, was es schon an Gutem gibt und wie die Beteiligten besser miteinander zusammenarbeiten, sich aufeinander abstimmen könnten. Wenn ich eine Präventionskette aufbaue, muss ich erst einmal wissen, was es schon gibt. Das weiß aber oft niemand. Die Jugendämter wissen, was in der Jugendhilfe geschieht, die Gesundheitsämter, was im Gesundheitswesen passiert, die Schule weiß, was in der Schule geschieht, jeder Bereich natürlich nur im Rahmen seiner Zuständigkeiten. Abstimmung ist alles andere als selbstverständlich. Das heißt: du brauchst einen Überblick. Wer sind die Akteure? Was tun die bereits, was sollten sie tun? Du brauchst Lösungen, damit die Ämter systematisch zusammenarbeiten, ihre Planungen aufeinander abstimmen, die Akteure miteinander kommunizieren. Armut ist ein klassisches Querschnittsthema. Wir reden zunächst noch sehr abstrakt über Strukturentwicklung und den Aufbau von Vernetzungsstrukturen. Das betrifft noch nicht die Angebote für die „Endverbrauchern“. Letztlich sind das erst einmal Prozesse zur Organisationsentwicklung. </em></p>
<h3><strong>Familienzentren und Familienbüros</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen gibt es <a href="https://www.familienzentrum.nrw.de/">„Familienzentren“</a>. Die gibt es fast flächendeckend in den Kindertageseinrichtungen und inzwischen auch <a href="https://www.familiengrundschulzentren-nrw.de/">in einigen Grundschulen</a>. Es begann mit den Familiengrundschulzentren vor einigen Jahren in <a href="https://www.gelsenkirchen.de/de/Bildung/Ausserschulische_Bildung/Familienzentren/Familienzentren_in_Grundschulen.aspx">Gelsenkirchen</a>. Inzwischen gibt es auf Landesebene zwei Förderprogramme. In den „Familiengrundschulzentren“ erreicht man doch die <em>„Endverbraucher“</em>. Das wäre dann schon mehr als Organisationsentwicklung. <em> </em></p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das Familiengrundschulzentrum könntest du auch als einzelne Maßnahme umsetzen. Im Ansatz der Präventionsketten kommt etwas Grundlegendes hinzu: es muss eine gute Abstimmung und Zusammenarbeit der relevanten Ämter geben, die Maßnahme ist eingebettet in kommunale Planung. Das gilt genauso im </em><a href="https://www.ganztag-nrw.de/"><em>Offenen Ganztag</em></a><em>. Es geht uns nicht nur um die einzelne Offene Ganztagsschule. Wenn es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Ämtern gibt, wissen wir, in welchen Stadtteilen es wichtig ist, ein Familiengrundschulzentrum einzurichten, und wir können uns auch darüber verständigen, was wir eigentlich mit einem Familiengrundschulzentrum erreichen wollen und können. Die kommunale Planung kann darauf Einfluss nehmen, wie es gestaltet wird, wer welche Verantwortung übernimmt und welche Angebote letztlich den Kindern und den Familien angeboten werden. Das Ergebnis wäre ein Familiengrundschulzentrum, das nicht zufällig aufgrund des Engagements einer einzelnen Schulleitung oder OGS-Leitung arbeitet, sondern ein Baustein einer abgestimmten Unterstützungslandschaft im Quartier in einer Kommune ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht konkretisieren wir dies am Beispiel Sport. Früher, viel früher, um es offen zu sagen, gab es die klassische Straßenkindheit. Kinder trafen sich auf der Straße, spielten Fangen oder Fußball, fuhren Fahrrad oder Rollschuh. Heute gibt es das kaum noch. Wer sich bewegen will, muss sich an einen anderen Ort begeben. Und alles, was Kinder tun, ist hochgradig institutionalisiert und pädagogisiert, im Schulsport ebenso wie im Verein. Zu einem Sportverein haben aber auch nicht alle gleichermaßen Zugang. Die Sportwissenschaft sagt, dass Kinder am Tag mindestens eine Stunde regelmäßig Bewegung haben sollten, nicht nur toben, sondern auch bestimmte Bewegungsabläufe wiederholen und dies möglichst so, dass sie sich nicht selbst schädigen.</p>
<p>Eine Präventionskette könnte sich das Ziel setzen, dass alle Bereiche gemeinsam daran arbeiten, dass sich Kinder ausreichend und gleichzeitig sicher bewegen. Dazu sollen dann entsprechende Angebote geschaffen werden. Auf der anderen Seite gibt es Studien, die zu dem Ergebnis kamen, dass sich an solchen Sport- und Bewegungsangeboten nur die Kinder beteiligen, in deren Familien die Eltern schon darauf achten, dass sie an solchen Angeboten teilnehmen. Die anderen werden jedoch nicht erreicht. Im Kulturbereich, in der Musikschule, der Jugendkunstschule gilt das ebenso. Und in der Pandemie hat sich das verschärft. Finanzielle Grenzen kommen hinzu, Mitgliedsbeiträge, Ausrüstung und so weiter.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Zum einen geht es um die Zugänge. Es ist wichtig, dass Fachkräfte in den verschiedenen Einrichtungen Eltern offensiv und gezielt ansprechen, ob es nicht gut wäre, wenn ihre Kinder an einem solchen Angebot teilnähmen, und dafür zu sorgen, dass dies nicht an finanziellen Hindernissen scheitert. Das zweite wäre eine Aufgabe der Kommune: sie müsste sich darüber Gedanken machen, in welchen Lebensphasen Bewegung eine Rolle spielt oder spielen könnte. Dann fange ich in den Frühen Hilfen an, gehe in die KiTa, in die Schule, den Ganztag, die Jugendarbeit und stelle mir immer wieder die Frage, was dort für Bewegungs- und Gesundheitsförderung getan wird und was noch getan werden könnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aufsuchende Sozialarbeit?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Der Grundgedanke: es geht nicht darum zu sagen, wo es Angebote gibt und die Familien zu bitten, sie möchten dorthin kommen. Wir müssen die Angebote zu den Familien bringen, wir können nicht erwarten, dass alle von selbst zu uns kommen, sondern wir müssen niedrigschwellige Anlaufstellen, Beratungsstellen schaffen, in denen die Menschen von uns erfahren, wo sie finden, was sie brauchen. Das geht natürlich ganz einfach an Orten, an denen sich die Kinder ohnehin aufhalten, in der Kindertageseinrichtung, in der Schule. Das ist die Idee der Familiengrundschulzentren, aber auch zum Beispiel von Familienbüros.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist ein Familienbüro?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das ist so etwas Ähnliches wie ein Familienzentrum, nur eben nicht in der KiTa oder in der Schule. Es gibt Kommunen, die haben Familienbüros in der Innenstadt, in der Einkaufszone eingerichtet. Dort können Eltern hingehen, einfach einen Kaffee trinken, sich unterhalten, es gibt Spielecken für die Kinder. Dort erfahren die Eltern so nebenbei oder auch, wenn sie nachfragen, gezielt, wo es für ihre Kinder ein Sport- und Bewegungsangebot gibt und wie sie es realisieren können. In den Familienbüros arbeiten Fachkräfte, die angesprochen werden können, auch bei ganz anderen Fragen der Eltern, die erst einmal gar nichts mit den Kindern zu tun haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ärger mit dem Vermieter zum Beispiel? Oder mit dem Jobzentrum?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Genau dies. Die Grundidee ist, dass die Familien im Prinzip dort erst einmal alle ihre Alltagsthemen abladen können und dass die Fachkräfte dafür sorgen können, dass die Familien erfahren, wo ihnen geholfen wird, oder sie schaffen selbst ein solches Angebot. Es gibt Sprechstunden der Sozialberatung, der Verbraucherzentrale, die dann in den Familienbüros stattfinden. Letztlich ist es auch eine Art Lotsendienst, gut erreichbar, nicht irgendwo weit weg, sondern dort, wo sich Menschen ohnehin aufhalten. </em></p>
<p><em>Ähnlich ist es mit den Elterncafés, die es inzwischen an einigen Familiengrundschulzentren gibt. Damit wird ein Ort geschaffen, an dem Eltern sich einfach miteinander austauschen können und auch Expert*innen treffen, die auf bestimmte Problemlagen eingehen können. </em></p>
<p><em>So neu ist das alles nicht: wir hatten schon lange Konzepte der Öffnung von Schule, der Öffnung zum Sozialraum. An manchen Orten gibt es schon seit Jahrzehnten Bürgerzentren. Das Besondere an den Konzepten der Familienbüros ist die nachhaltig angelegte Systematik der Geh-Struktur. Es ist eben nicht so, dass dann irgendwo die Erziehungsberatungsstelle ist, zu der die Eltern gehen können, die Probleme bei der Erziehung haben. Das geschieht in der Regel dann doch nicht. Die einen wissen gar nicht, dass es eine solche Einrichtung gibt, andere haben Vorbehalte oder vielleicht sogar Angst, dorthin zu gehen – wegen der möglichen Verknüpfung mit dem Jugendamt. Es gibt immer noch das Bild, dass das Jugendamt eine Behörde ist, vor der man Angst haben muss. Dass das Jugendamt Familien unterstützen kann und soll, ist in der Öffentlichkeit nicht so verbreitet. Das sind eben die Leute, die einem die Kinder wegnehmen. Manchmal geschieht das auch, aber das ist nicht die Kernaufgabe eines Jugendamtes, das ja im besten Sinne den Auftrag hat, das gelingende Aufwachsen zu unterstützen. </em></p>
<p><em>Wenn Erziehungsberatung durch die Anbindung an ein Familienbüro dort erreichbar ist, wo Eltern sich ohnehin aufhalten, ist es leichter, sie zu erreichen und eine Beratung zu ermöglichen, die sich an den Bedarfen der Eltern orientiert. Auch wenn das Jugendamt Träger der Einrichtung ist, ermöglicht eine solch niedrigschwellige Erreichbarkeit in einem Ladenlokal im Quartier oder der Einkaufszone, dass die Menschen erreicht werden, ihnen geholfen werden kann – und die üblichen Vorurteile gegenüber dem Jugendamt erst einmal außen vor bleiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden Eltern und Kinder beteiligt, wenn ihr solche Strukturen aufbaut?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Da bin ich etwas vorsichtig. Das weiß ich nicht im Einzelnen. Ich vermute, bei der Konzeptentwicklung oft erst einmal nicht. Die Beteiligung setzt aber dann an, wenn – wir bleiben einmal bei den Familienbüros – geschaut wird, was die Familien brauchen. Das ist dann ein kontinuierlicher Beteiligungsprozess in dem Sinne, dass ausgehend von den erfahrenen Bedarfen das Unterstützungsangebot weiterentwickelt wird. Die grundsätzliche Entscheidung über die Einrichtung erfolgt auf der Grundlage von Sozialdaten. Wenn ein solcher Ort gut funktioniert, sieht eine Kommune, dass das auch in anderen Quartieren möglich ist.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit der neuen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/grosse-loesung-und-kinderrechte/">Kinder- und Jugendgesetzgebung</a> haben Kinder und Jugendliche das Recht auf anlasslose Beratung durch das Jugendamt.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Auch das ließe sich niedrigschwellig an die Familienbüros oder Familiengrundschulzentren andocken.</em> <em>Das sind Orte, die nicht mit Barrieren verbunden sind. Das spricht sich bei Kindern und Jugendlichen herum. Sie können sich dort beraten lassen, ohne dass das alle mitbekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In ländlichen Räumen ist das vielleicht noch eine andere Herausforderung. Das Jugendamt in der Kreisstadt ist dort meines Erachtens ohnehin keine geeignete Anlaufstelle. Ähnliche Erfahrungen gibt es mit den Jobcentern. Da wundert es nicht, wenn Mittel für die Unterstützung von Familien nicht abgerufen werden. Umso mehr kommt es sicherlich dort darauf an, in den KiTas, in den Schulen, in Einkaufszonen solche Anlaufstellen zu schaffen.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Ich kenne einen Fall, in dem ein Familienbüro in der Kreisstadt eingerichtet wurde. Das kann man sicher so machen, aber idealtypisch betrachtet müssten Familienbüros in den kreisangehörigen Gemeinden eingerichtet werden, denn da leben die Menschen. Es ist schon ein großer Aufwand, wenn ich erst einmal ins Auto steigen muss – wenn überhaupt eins da ist – oder in den Bus – wenn er denn fährt –, um dann 20, 30 oder noch mehr Kilometer weit in die Kreisstadt zu fahren. Das macht niemand so einfach nebenbei. Es funktioniert auch nicht alles online, viele Familien haben gar nicht die Möglichkeit eines Online-Zugangs. Und wer weiß schon, wo man was suchen könnte. Vieles muss offen Face to Face besprochen werden. Letztlich geht es auch um Vertrauensbildung, und die funktioniert nicht virtuell.</em></p>
<h3><strong>Innovationsberatung durch den Landschaftsverband</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt dein Arbeitgeber, das LVR-Landesjugendamt, bei der Umsetzung der von dir vorgestellten Landesprogramme?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Unterstützung durch Beratung, Fortbildung und Wissenstransfer. Die Kommunen müssen Lösungen finden, je nach den dort gegebenen Rahmenbedingungen. Ich kann Kommune nicht anweisen, so oder so zu handeln, das will ich auch nicht tun. Ich sage, was aus meiner Sicht hilfreiche Bausteine sein könnten. Wir bieten Expertise an, können auf Erfahrungen anderer Kommunen verweisen, Kontakte schaffen. Wir machen Schulungen, Fortbildungen für Fachkräfte zur Armutssensibilität, zu den Erfahrungen von Familienbüros und anderen Beispielen. Ich kann werben und überzeugen. Und wir machen Lobbyarbeit, indem wir in der Fachöffentlichkeit auf die Lebenslagen von armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen hinweisen – wie zum Beispiel mit unserem gemeinsamen Fachgespräch am 02. Juni 2023. </em></p>
<p><em>Die Kommune schaut dann, welche Bausteine passen. Im Rahmen der Präventionsketten richten sie Koordinationsstellen ein. Sie brauchen eben jemanden, der sich in der Verwaltung darum kümmert. Die große Aufgabe ist es, Leitungen und Politik dafür zu gewinnen, dass das eine gute Sache ist. Politik und Leitungen setzen aber oft andere Schwerpunkte. Da gibt es Widerstände, zum Beispiel wegen begrenzter Ressourcen oder gewachsener Verfahrensabläufe. Wir arbeiten ja alle in versäulten Systemen. Es darf eben nicht heißen, da ist doch jemand anders zuständig. Wir müssen vielmehr erst einmal schauen, wie wir gemeinsam das Problem angehen, wer welche Expertise hat und wie wir das Problem gemeinsam lösen – losgelöst davon, wer dann was konkret umsetzt. Das ist für Verwaltungen schwerer getan als gesagt und erfordert Kulturentwicklung im Denken und Handeln.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde ist das was ihr tut so etwas wie Innovationsberatung und bei Konflikten auch Mediation.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Es sind Impulse für die Organisationsentwicklung, immer orientiert an der Frage, was sich bewährt hat und erhalten werden soll – und was aus guten Gründen zukünftig anders gehandhabt werden sollte. Die eigentliche Organisationsentwicklung müssen die Kommunen selbst machen. Dafür braucht man Leitungen und Politik. Es reicht nicht, wenn einzelne Mitarbeiter*innen sagen, dass sie etwas verändern wollen. Das muss schon an der Spitze so entschieden werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und das Land unterstützt durch die Ressourcen der genannten Förderprogramme.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das Förderprogramm „kinderstark“ ist ein fachlicher und finanzieller Impuls, um den überzeugten Akteuren in den Kommunen Argumente zu geben, die Ziele umzusetzen. </em></p>
<h3><strong>Nachhaltigkeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Aber es ist Projektförderung, keine institutionelle Förderung?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Fördertechnisch ist das noch die Crux. Mit einjähriger Projektförderung kann man die gewünschte Strukturentwicklung nicht erreichen. Das Land verlängert das Programm aber immer wieder. Darin ist das Land verlässlich.</em></p>
<p><em>Das betrifft auch das Personal. Ich kann Personal nicht alle Jahre neu einstellen, wir brauchen ähnlich wie in den Frühen Hilfen, in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder im Offenen Ganztag die Sicherheit, dass die Mittel den Kommunen dauerhaft zur Verfügung stehen. Die Aufgabe der Koordination ist sehr anspruchsvoll. Diese Expertise lässt sich nicht immer wieder neu aufbauen, das muss langfristig gesichert sein. Für die Fachkräfte in den Koordinationsstellen machen wir Schulungen. Diejenigen, die sich beteiligen und Erfahrungen in der Koordinationstätigkeit gesammelt haben, sind dann so gut qualifiziert, dass sie sofort einen anderen Job finden, wenn sie in einer Kommune nicht mehr weiterkommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie nachhaltig wirkt das Programm?</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Wir haben die ganze Spannbreite.</em> <em>Es sind in den letzten zwei bis drei Jahren viele Kommunen neu eingestiegen. Darunter sind einige, die erst einmal ein Familienbüro oder ein Familiengrundschulzentrum aufbauen wollen. Die gesamte Präventionskette ist noch gar nicht im Vordergrund. Die Überzeugung, dass eine Koordinationsstelle sinnvoll und hilfreich ist, muss sich entwickeln können. Das, was wir tun, ist Überzeugungsarbeit im besten Sinne. Manchmal gelingt es, manchmal ist es schwieriger. Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass das, was an Strukturen aufgebaut wurde, in vielen Kommunen schon sehr nachhaltig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf vielleicht zusammenfassen. Es begann mit „MoKi“, es entwickelte sich dann kontinuierlich weiter in den Kommunen, unterstützt durch verschiedene Landesprogramme und Programme der Landesjugendämter. Unbeschadet der diversen Namens- und Regierungswechsel von Seiten des Landes sehe ich, dass es doch Konsens zwischen den demokratischen politischen Parteien gibt, dass das, was wir eben besprochen haben, eine gute Sache ist, die weiterer und nachhaltiger Unterstützung bedarf. Die Grundstruktur wird akzeptiert, die Kommunen sind interessiert, die Kontinuität der Landesförderung und die internen Willensbildungsprozesse in den Kommunen sind zwei grundlegende Voraussetzungen für den dauerhaften Erfolg.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Für eine Kommune</em> <em>heißt das, sie braucht eine eigene Gestaltungsvision. Es geht eben nicht nur darum, aktuelle Krisen zu bewältigen. Ich brauche eine Idee, ein abgestimmtes Vorgehen; das hilft dann auch, leichter mit Krisen umzugehen, mit Flüchtlingsbewegungen, mit Pandemien, mit Armut, mit Inflation, mit all den Themen, die Menschen und Kommunen belasten. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der in der Politik anfängt, aber auch die Fachkräfte in den Einrichtungen betrifft. Sie müssen überzeugt sein, dass es sinnvoll ist nicht nur darauf zu achten, wer welchen Teil vom Kuchen bekommt, sondern dass die Zusammenarbeit zwischen Erziehungsberatung, Allgemeinem sozialen Dienst, Schule, KiTa, Gesundheitsamt, Job-Center – um nur einige zu nennen – ein wichtiger Qualitätsbaustein der eigenen Arbeit ist. </em></p>
<p><em>Und nicht zuletzt: ich brauche die zeitlichen Ressourcen, um das zu machen. Das fehlende Fachpersonal ist sicherlich ein Problem. Wenn ich das Anliegen der Präventionsketten aber als langfristigen Prozess sehe, kann ich relativ entspannt sagen: ich weiß zwar was ich alles tun möchte, kann vielleicht nicht alles heute machen, aber morgen oder übermorgen. Das ist eben eine langfristige Planung und ich muss wissen, wie meine Gestaltungsvisio aussieht, wo ich hinwill und in welchen Schritten das möglich ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann ein Kinderschutzkonzept, ein Konzept zur Armutsprävention, ein Konzept zum Ausbau des Ganztags in Schulen und Kitas, all dies planen, aber die Struktur, in der sich diese Planung vollzieht, scheint mir immer die gleiche zu sein.  <em> </em></p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Im besten Sinne ja. Es ist im besten Sinne immer die konzeptionelle Rahmung der Präventionskette. Ich denke beispielsweise an das neue </em><a href="https://www.kinderschutz-in-nrw.de/fachinformationen/gesetzliche-grundlagen/bundeskinderschutzgesetz-1-1/"><em>Landeskinderschutzgesetz</em></a><em>. Auch hier werden Koordinierungsstellen und Netzwerke eingerichtet, mit Landesfinanzierung, die sich wiederum in die kommunalen Strukturen einbetten müssen, von denen wir gesprochen haben. Die Akteure in den einzelnen Bereichen müssen die Bereitschaft haben, integriert zu denken und zu handeln.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, da hast sich in den letzten 30 Jahren einiges getan.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das denke ich auch. Aber wir müssen darauf achten, dass die verschiedenen Netzwerke in Nordrhein-Westfalen miteinander kooperieren und aufeinander abgestimmt sind. Ich nenne </em><a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kommunale-integrationszentren"><em>die Kommunalen Integrationszentren</em></a><em> (KI), </em><a href="https://www.regionale.bildungsnetzwerke.nrw.de/Regionale-Bildungsnetzwerke/index.html"><em>die Regionalen Bildungsnetzwerke</em></a><em>, die </em><a href="https://www.mags.nrw/uebergang-schule-beruf-startseite"><em>Unterstützungsleistungen im Übergang von der Schule in den Beruf</em></a><em> (KAoA) und andere. Das sind Bausteine einer integrierten Unterstützungslandschaft vor Ort, mit jeweilig verschiedenen Kompetenzen und Aufgaben. Das zu verbinden ist eine Aufgabe der Kommunen, für die wir beraten. </em></p>
<p><em>Sehr hilfreich wäre es natürlich – mal ganz vorsichtig ausgedrückt –, wenn die Abstimmung der Ressorts auch auf Landesebene – auf der Bundesebene gilt das natürlich genauso –funktioniert und dass Förderprogramme gut aufeinander abgestimmt sind. Ich nehme das Beispiel der Familiengrundschulzentren, für die es zwei Förderstränge gibt, einmal aus dem Jugendministerium, einmal aus dem Schulministerium, die nur bedingt gut aufeinander abgestimmt sind. Kommunen können natürlich von beiden Förderprogrammen profitieren, stehen dabei aber vor der Herausforderung, beide Förderstränge dann vor Ort so zu verknüpfen, dass die Maßnahmen sich gegenseitig ergänzen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war ein Plädoyer gegen Ressortegoismus.</p>
<p><strong>Alexander Mavroudis</strong>: <em>Das war ein Plädoyer für gute, integrierte Abstimmungsprozesse auf Landesebene. Auf Landesebene muss das geschehen, was wir von den Kommunen erwarten. Gleiches gilt für die Bundesebene, auch hier müsste das, was in den Ressorts geschieht, aufeinander abgestimmt sein, gerade bei dem Thema, das Anlass unseres Gesprächs war, der Armutsprävention. Armutsprävention ist ein Querschnittsthema, das verschiedene Ressorts und Politikfelder tangiert. Da ist noch viel Luft nach oben.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2023, Internetzugriffe zuletzt am 4. Mai 2023. Kontakt zu Alexander Mavroudis, Telefon 0221 809-6932, <a href="mailto:alexander.mavroudis@lvr.de">alexander.mavroudis@lvr.de</a>)</p>
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