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	<title>Vielfalt Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 08:26:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit Der Erziehungswissenschaftler Harry Harun Behr über (nicht nur) islamische Religionspädagogik „Das entscheidende Bildungsziel des Islams ist Weltfähigkeit. Das ist mein gedanklicher Vorwindkurs. Neulich will jemand wissen, wo denn die Ewigkeitsfähigkeit bleibe. Gute Frage. Der Islam richtet, wenn von Himmel und Erde die Rede ist, das Manifeste und das Arkane, das  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit</strong></h1>
<h2><strong>Der Erziehungswissenschaftler Harry Harun Behr über (nicht nur) islamische Religionspädagogik</strong></h2>
<p><em>„Das entscheidende Bildungsziel des Islams ist Weltfähigkeit. Das ist mein gedanklicher Vorwindkurs. Neulich will jemand wissen, wo denn die Ewigkeitsfähigkeit bleibe. Gute Frage. Der Islam richtet, wenn von Himmel und Erde die Rede ist, das Manifeste und das Arkane, das Zähle und Erzählen aufeinander zu. Es geht um den Islam nicht nur als das muslimisch Eigene und proprietär Religiöse, sondern um eine Wissensordnung und Wissenskultur. Von dort entstammt der erzieherische Impetus zu Zivilisierung und Kultivierung.“</em> (Harry Harun Behr im Vorwort zu seinem Buch <a href="https://www.nomos-shop.de/de/p/islamische-religionspaedagogik-gr-978-3-7560-2347-9">„Islamische Religionspädagogik – Einführung“</a>, Baden-Baden, Nomos Verlagsgesellschaft, 2026)</p>
<div id="attachment_1385" style="width: 223px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1385" class="wp-image-1385 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-200x282.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-213x300.jpg 213w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-400x563.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-600x845.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-727x1024.jpg 727w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-768x1081.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-800x1126.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1091x1536.jpg 1091w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1200x1690.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-1455x2048.jpg 1455w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/07/IMG_0731behr_hoch-002-scaled.jpg 1818w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" /><p id="caption-attachment-1385" class="wp-caption-text">Harry Harun Behr, Foto: privat.</p></div>
<p>„<em>Weltfähigkeit“</em>, <em>„Zivilisierung“</em>,<em> „Kultivierung“</em> – diese Begriffe lassen den Islam und sicherlich auch manch andere Religion als Teil eines Zivilisationsprozesses sehen, durchaus im Sinne von Norbert Elias, der insbesondere steigende <em>„Affektkontrolle“</em> als Indikator zivilisatorischen Fortschritts beschrieb. Religionspädagogik analysiert jedoch nicht die langfristig wirksamen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, auch wenn sie immer wieder auf diese reagieren wird, sondern zielt auf die persönliche Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen. Harry Harun Behr benennt das Ziel: <em>„Narrative Identitätsherstellung (…) ist ein lebenslanger Prozess der Bewerkstelligung von Kohärenz zwischen der Magie der frühen Kindheit und der Klarheit des Alters.“</em></p>
<p>Ein solcher pädagogisch inspirierter und begleiteter Entwicklungsprozess sollte gegen identitäre Versuchungen schützen: <em>„Wenn identitäre Sprache auf religiöse Narrative zugreift, verbindet sich Religiosität mit dem romantischen Bedürfnis nach bewährter und moralischer Ordnung.“</em> Aber nicht nur der einzelne Mensch, auch die Religion selbst braucht Schutz. Eine zivilisierende Religionspädagogik entwickelt <em>„integrative und interdisziplinäre Ansätze“,</em> die Gemeinsamkeiten mit Demokratiepädagogik und – dies ist ein besonderes Anliegen von Harry Harun Behr – Philosophieunterricht findet. So könnte es möglich werden, über Bildungsprozesse eine offene, sich durch gegenseitigen Respekt auszeichnende Debattenkultur zu schaffen und zu stärken.</p>
<h3><strong>Entwicklung des Einzelnen – Entwicklung der Gesellschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dein Plädoyer für ein Bildungsziel Weltfähigkeit ist ein hoher Anspruch für die Pädagogik wie für die gesellschaftliche Debattenkultur, in der es zurzeit nicht zum Besten steht. Du hättest es meines Erachtens auch für die Pädagogik in anderen Religionen schreiben können, für das Judentum, für das Christentum, sicherlich auch für manch andere Religion, die ihre Wurzeln nicht in der Region rund um Jerusalem hat. Du sagst, Religion, Religiosität, Spiritualität kann man nicht von oben verfügen, das muss jeder Mensch für sich entwickeln. Dein Buch zur „Islamischen Religionspädagogik“ bietet aus meiner Sicht in diesem Sinne eine attraktive liberale und demokratische Perspektive für Religion in unserer Zeit.</p>
<div id="attachment_8208" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.nomos-shop.de/de/p/islamische-religionspaedagogik-gr-978-3-7560-2347-9"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8208" class="wp-image-8208 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9-200x311.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/85-978-3-7560-2347-9.webp 377w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-8208" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das ist ein komplexer Einstieg, aber der Entwicklungsgedanke betrifft aus meiner Sicht zwei Bereiche. Das eine ist die Entwicklung des Subjekts über die Biografie hinweg, die Reifung, der Zuwachs, die zunehmende Erfahrung, zunehmende Trittsicherheit, sich durch die Welt, die Umwelt zu bewegen. Auf die Religionspädagogik bezogen gibt es den arabischen Begriff </em><em>tazkīya</em><em>. Der Aspekt von Bildung als Entwicklung ist jedoch zunächst ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion. Der zweite Aspekt ist ebenfalls ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion, die Entwicklung der Gesamtheit, der Gesellschaft, ich wage nicht zu sagen, der Menschheit insgesamt, das wäre mir zu populationsesoterisch – so nenne ich das mal. </em></p>
<p><em>Es geht um die Entwicklung des Einzelnen zum Besseren. Ich drücke das optimistisch aus, es kann ja auch alles schief gehen. Die Entwicklung des Einzelnen und die Entwicklung der Gesellschaft, in der der Einzelne lebt, beziehen sich aufeinander wie der rechte und der linke Schritt eines gemeinsamen Leibes – wenn man so will. Ich denke, das gestattet, dass wir, wenn wir von islamischer Religionspädagogik sprechen, erst einmal die Religion und den Islam weglassen können und von einem pädagogischen Konzept sprechen, das sich auch anders rahmen ließe als konfessionell.</em></p>
<p><em>Der Koran bringt dieses Wechselverhältnis von Subjekt und Gesellschaft auf den Punkt. </em><em>Interessanterweise argumentiert der Koran in 13:11 säkular, ohne direkten Bezug auf die Religion oder den Glauben, in arabischer Sprache: ʾinna llāha lā yuġayyiru mā bi-qawmin ḥattā yuġayyirū mā bi-ʾanfusihim, in meiner deutschen Übersetzung: „Die Lage eines Volkes, einer Nation, einer Gemeinschaft</em><em>, eines Stammes, sagen wir hier, die Lage eines Landes ändert sich nicht, bis jeder Einzelne anfängt, das zu ändern, was in seinem Herzen wohnt.“ Die wortgetreue Übersetzung wäre: „Gott ändert die Lage eines Volkes nicht, bis die Menschen ändern, was bei ihnen ist.“ Gemeint ist – wenn man in die Kommentare guckt – die Selbstregulierung des Subjekts, die Fähigkeit, sich selbst auf Ziele zuzubewegen, die dem Wohle des Ichs (</em><em>istiṣlāḥ</em><em>) und zum Wohle des anderen (</em><em>maṣlaḥa</em><em>) dienen. Selbst die Frage des Glaubens löst der Koran in Sure 31 Vers 12 in die Formel auf: „Wer glaubt, glaubt für sich selbst.“ Oder anders gesagt: „Zu seinem eigenen Vorteil.“ Der Koran wirft die gesamte Entwicklungsdynamik von Religion zunächst auf das Subjekt. </em></p>
<p><em>Karl Marx würde vielleicht widersprechen, denn erst, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich ändern, wäre der Raum für den Einzelnen da, seine Potenziale zu entfalten. Das wäre von der dialektischen Gesellschaftstheorie her ein anderer Zugang, den es in der islamischen Tradition übrigens auch gibt. Es bleibt bei dem Wechselspiel ohne das Primat des einen über das andere, losgelöst von Religion. Der Koran bettet die zitierte Aussage aus Sure 31 zwar in die gesamte religiöse Botschaft ein, aber die Argumentation ist unabhängig von Religion zu sehen. </em></p>
<p><em>Geschichtlich gesprochen, verbindet der Koran eine religiöse Aspiration mit einer staatlich politischen Aspiration. Nehmen wir einmal Islam und Demokratie. Es sind drei Punkte. </em></p>
<ul>
<li><em>Der erste Punkt: Religiöse und politische Aspiration sind beide aus der Dystopie heraus geboren, aus einer Zerstörungserfahrung, der Erfahrung der Regellosigkeit. In der Regellosigkeit galt als einzige Regel das Recht des Stärkeren. Der Koran gruppiert dieses um andere Begriffe der Dystopie herum: fitna, die Versuchung, </em><em>fasād</em><em>, die Zerstörung, safak al-damm, das Blutvergießen, </em><em>ǧā</em><em>hilīya</em><em>, die Regellosigkeit.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Der zweite Punkt: Beide formulieren die Notwendigkeit, dass sich das Subjekt entwickelt, weil jedes System nur dann trägt, wenn die Individuen, die dieses System wollen, das System tragen. Der Souverän in der Demokratie ist das menschliche Subjekt. Und deshalb sind die Artikel des Grundgesetzes subjektive Rechte und keine kollektiven Rechte, keine Verbandsrechte, keine Rechte bestimmter Gruppen. Das ist ein besonderes Kennzeichen unseres Grundgesetzes, geboren aus den Erfahrungen im Nationalsozialismus.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Die dritte Gemeinsamkeit religiöser und politischer Aspiration ist das Versprechen einer besseren Zukunft für alle. Mich fasziniert im Islam, dass von einer besseren Zukunft für alle Menschen gesprochen wird, nicht nur für alle Muslime. Dies wird in einer Art eines zivilisatorischen Aufbaus entfaltet. Deshalb spreche ich von Weltfähigkeit. Religionspädagogisch kann ich nur sagen, Bildung und Erziehung in einer gut gerahmten Religion, ich hätte fast gesagt, in einer vernünftigen Religion, kann es schaffen, dass im kleinen experimentalen Raum der religiösen Gemeinschaft emblematisch Verhaltensweisen eingeübt werden können, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen, Tugenden, Charaktereigenschaften des Guten, das sozial Gute, wie es in der Soziologie genannt wird, arabisch </em><em>al-maʿrūf</em><em>. Für dessen Begründung braucht man übrigens auch keine Religion. Auch das formuliert der Koran komplett im säkularen Zusammenhang. Es geht um das geteilte Wissen der Menschen darum, was gut und was richtig ist und was falsch. Ich habe das einmal in einem Aufsatz mit </em><a href="https://soztheo.de/personen/peter-l-berger/"><em>Peter L. Berger</em></a><em> als Third Scheme bezeichnet. So sehe ich das zurzeit.</em></li>
</ul>
<h3><strong>Der Islam – vom Menschen her gedacht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der fundamentalistischen Interpretation von Religion wird definiert, wie der Mensch zu sein habe, und dass alles, was dem entgegenstünde, eliminiert werden müsste. So sehen das auch alle anderen Systeme, die sich von der Demokratie ab- und autoritären oder gar totalitären Systemen zuwenden. Wer die vorgegebene Wahrheit in diesen Systemen verkündet, inszeniert sich selbst als unfehlbar. Entscheidend ist jedoch meines Erachtens, ob man sich als Mensch als fehlbar begreift. Dies gilt auch für Muhammad. Du zitierst Sure 73, in der von Muhammads Selbstzweifeln die Rede ist.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Es geht um die Empfindung der Unzulänglichkeit, der Verunsicherung Muhammads. Seine Ehefrau Chadidscha tröstet ihn, gibt ihm Worte der Zuversicht und des Trostes, aber auch eine Anleitung: Steh auf, wasch dich, reinige deine Kleidung, hoch mit dir, komm auf deine Beine, sozusagen nach viktorianischem Erziehungsideal „stiff upper lip“. </em></p>
<p><em>Das ist schwierig zu verstehen, denn die Muhammad-Bilder, die in einem ideologisierten Islam verbreitet sind, sind sehr ikonenhaft. Es gibt sozusagen das Attribut der</em> <em>ʿiṣma</em><em>, Muhammad wäre </em><em>maʿṣūm</em><em>, das heißt befreit von jedem Makel, er wäre Uswah, leuchtendes Vorbild. So wird er auch im Koran bezeichnet. Aber auch Ibrahim wird als Uswah bezeichnet und Ibrahim macht im Koran einen Fehler nach dem anderen. Von der Schrift her allein ist es ein schwieriges Label zu sagen, Muhammad wäre unfehlbar. Unfehlbarkeit ist eher ein katholischer Ausdruck, den man ohnehin nicht übertragen kann. Die theologische, ideologisierte Idee, dass es sozusagen eine brillante, strahlende Reinform des Islam gäbe, den vollkommenen Menschen im Rahmen der richtigen Religion, ist ein Bild, das es in vielen Ideologien, auch unabhängig von Religion gibt. Dieses Bild entsteht als menschliches Verlaufsmuster irgendwie aus einer grundlegenden Defizitannahme heraus. Das betrifft auch die Erziehung: Kindes- und Jugendalter werden in den verschiedenen Verhaltensstadien oft als defizitär gesehen, messbar an einem erreichbaren Stand. </em></p>
<p><em>Der Koran reißt dieses Kartenhaus ein. Als Muhammad gefragt wird, was die bei Gott angesehenste Religion sei, die Gott am meisten liebt, erwarten die Fragenden, dass er antwortet: Der Islam. Wenn man nur genug Islam inhaliert, frisst, wird man schon der richtige Mensch. Muhammad sagt jedoch lapidar: al-ḥanīfīya al-samḥa. Das heißt: Die Güte und die Toleranz. Er spiegelt zurück, was in den Herzen der Fragenden liegt. Warum stellt ihr diese Frage? Macht ihr eine Tür auf oder eine Tür zu? Er verunsichert die Fragenden, weil diese Attribute auch auf andere Glaubenssysteme anwendbar sind, auf die Entwicklungsstadien von defizitären, verunsicherten Mängelwesen hin zu dem, das der Koran imām nennt, ein Vorbild. </em></p>
<p><em>Die Kriterien für Vorbildhaftigkeit sind relational. Der Koran setzt sie nicht in Relation zu einem objektiven Sachanspruch, zu von außen gesetzten Normen, sondern in Relation zu dem Entwicklungspotenzial, das jeder einzelne Mensch hat. Und diese Entwicklungspotenziale sind unterschiedlich. Hier liegt der Ausgangspunkt zu einer religiösen Anthropologie. Wir denken den Islam vom Menschen aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was bedeutet das für Bildung und Erziehung?</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Jedes Stadium, das ein Kind, ein Jugendlicher in der Entwicklung durchläuft, ist in sich genommen ein voll gültiges Stadium, ganz losgelöst von jeder Defizitannahme. Natürlich gibt es Störfaktoren wie Unreife, jugendliche Delinquenz. Vom Menschenbild her gedacht aber ist jedes Kind, jeder Jugendliche ein Mensch, der von Gott in dem Stadium für vollgültig erklärt wird, in dem er sich gerade befindet, in dem er gesehen wird.</em></p>
<p><em>Das Gesehen-Werden ist sehr wichtig. Wir haben zu dieser Frage über 100 muslimische Jugendliche im Rhein-Main-Gebiet interviewt. Die einen beten, die anderen nicht, die einen waren schon einmal in einer Moschee, die anderen nicht, die einen können den Koran lesen, die anderen nicht, die einen haben einen islamisch klingenden Namen, andere nicht. Wir haben gefragt, was war deine beste, was deine schlechteste Erfahrung in der Schulzeit? Durch die Antworten zieht sich ein roter Faden: Die schrecklichste Erfahrung war, dass ich von meiner Lehrerin, meinem Lehrer nicht als der Mensch gesehen wurde, der ich bin, sondern als der Mensch, für den sie mich halten, dass ich zur Projektionsfläche werde für etwas, das ich gar nicht bin, bis hin zum Spezieswesen Islam oder zum Spezieswesen Migrant. Das schönste Erlebnis war, wenn dieses Muster durchbrochen wurde. Es ist bedrückend, dass die Projektionserfahrung der Regelfall ist und die Durchbrechung in dieser unguten Matrix der Sonderfall. Dies führt allerdings auch dazu, dass einige dieser Kinder bildungsbeschleunigt durch die Schule kommen, zum Beispiel Lehrerin oder Lehrer werden wollen, weil sie gespürt haben, wie wichtig diese Erfahrung ist. </em></p>
<p><em>Religion is a remedy. Hier kann Religion – ich bleibe beim Islam, du weißt, dass ich auch als Jude sprechen kann – sehr sehr wichtig werden, weil sie ein stablisierendes Moment in die grundlegende Verunsicherung einführt, auf die du in Bezug auf Sure 73 hingewiesen hast, sodass Kinder und Jugendliche begreifen, dass sie von Gott gesehen werden, als die, die sie sind, als die, die sie sein wollen. Sie dürfen dies an Gott in ihren Bittgebeten adressieren, auch wie sie nicht sein wollen. Daran basteln junge Menschen, spätestens, wenn sie morgens vor dem Spiegel stehen und versuchen, sich eine complexion, ein Bild, eine Erscheinungsform zu geben, sodass sie sagen können, jetzt wird der Tag gut. Oder denken wir an das bei jungen Menschen verbreitete Gefühl, irgendwie im eigenen Körper nicht zuhause zu sein, zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu schwach, im falschen Geschlecht. Das sind Fragmentierungserfahrungen, die zu bewältigen Jugendliche im Sinne einer Re-Fragmentierung lernen müssen.</em></p>
<p><em>Der Islam ist in diesem Sinne eine pädagogisch und entwicklungsorientiert gedachte Religion. Es gibt natürlich auch andere Dinge, über die diese Erfahrung möglich ist, zum Beispiel die Kunst, die Musik, denn Entwicklungserfahrungen haben viel mit ästhetischer Erfahrung zu tun. Ich bleibe hier bei der Religion, weil sie die Verbindung zu einer sinnstiftenden höheren Ordnung herstellt, die mich sieht und in der ich mich geborgen fühlen darf, weil diese Ordnung entschieden hat, dass ich lebe, und irgendwann entscheiden wird, dass ich wieder aus diesem Leben gehen werde. Dieses Lebensgefühl ist für mich der tiefere Grund, dass ich einen Sinn im Religionsunterricht sehe, obwohl ich eigentlich lieber Philosophieunterricht als Religionsunterricht in der Schule sähe. Das wäre eine Religionspädagogik mit einem – wenn du so willst – gesellschaftstherapeutischen Impetus, ausgehend davon, je besser deine Entwicklung wird, desto besser für uns alle. </em></p>
<h3><strong>Das Recht auf Glück</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Projektionserfahrung, von der du sprichst, betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern mehr oder weniger alle Menschen, die in Deutschland – oder auch in benachbarten Ländern leben und Muslime sind oder für Muslime gehalten werden. Das Bild vom Islam ist – ich erlaube mir, es drastisch zu formulieren – in vielen medialen und politischen Debatten wieder auf dem Niveau der Kreuzzüge gelandet.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Höflich gesagt: Der Islam hat ein Imageproblem. Auf der anderen Seite muss man sagen, Musliminnen und Muslime verursachen auch Probleme, nach denen sie sich fragen lassen müssen. Positiv gewendet würde ich sagen, es ist auch eine gute Situation, weil alles offen ist, eine Situation der höchstmöglichen Kontingenz. Wenn alles in einem labilen und nicht in einem stabilen Gleichgewicht ist, es nach rechts wie nach links herunterkullern kann, liegt darin auch eine Chance. Ich sehe sie darin, dass Menschen, die von der Gesellschaft als muslimisch markiert und damit in eine Schublade gesteckt werden, eine Aufforderung spüren, sich zum Islam zu verhalten. Dies impliziert einen Bildungsanspruch, religiös informiert zu sein, islamische Dinge verstehen und einordnen zu können, sprechfähig zu sein zu diesen Themen, über die Vokabeln zu verfügen und den Mut zu haben, darüber zu sprechen, sei es, dass man sagt, ich bin bekennender Muslim, sei es, dass man sagt, der Islam hat für mich ausgedient. Ich nehme beide mit ins Boot. Es geht aber darüber hinaus. Es werden nicht nur Muslime in der Gesellschaft in eine Schublade gesteckt. In eine Schublade gesteckt werden Frauen, Kinder und Jugendliche, alleinerziehende Mütter, die Flaschensammler am Hauptbahnhof, sozial marginalisierte Menschen, denen unterstellt wird, sie würden die Sozialsysteme plündern, migrantisch gelesene Menschen, Ossis aus der Sicht von Wessis, Wessis aus der Sicht von Ossis und so weiter und so fort.</em></p>
<p><em>Wir haben es mit einem Regime von Markierungen zu tun, das zurzeit auch von der Bundesregierung bedient wird, indem sie nichts Besseres zu tun hat als die gesellschaftlichen Segmente gegeneinander aufzubringen und in Aufruhr zu versetzen: Rente versus Bafög, Mütterrente und all diese Dinge aus dem Wimmelbuch der Politik. Das ist blamabel und schrecklich angesichts dessen, dass wir bei WiIly Brandt und Helmut Schmidt erfahren durften, wie man die Gesellschaft als Ganze im Blick behält. Ich nenne die beiden jetzt einmal, weil ich als Junge mit ihnen meine ersten Erfahrungen in der Politik machte, abgesehen davon, dass alle in meiner Familie SPD-Wähler und Opel-Fahrer waren. </em></p>
<p><em>Das Entscheidende ist für mich, dass religiöse Bildung identitäre Muster, die Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit definieren, aufbrechen kann, indem sie den Blick auf den Menschen richten, Ibn Arabi würde sagen, auf den Menschen mit seinem Anrecht auf Glück. Ibn Arabi war im Grunde der Erfinder des Individuums. Er war ein maßgeblicher Impulsgeber für die Renaissance und die abendländische Aufklärung.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <em>„pursuit of happiness“</em>.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das ist ein antikes Motiv aus Platons Politeia. Ibn Arabi greift es auf und sagt, dass jeder das Recht hat, ein glückliches Leben zu führen. Interessant ist, dass Muhammad, als er gefragt wurde, warum er da wäre, sagte: „Um euch glücklich zu machen und nicht unglücklich.“ So ähnlich drückt es auch der Koran in Sure 2 Vers 185 oder in Sure 20 Vers 2 aus. Als Dscha’far al-</em><em>Tayy</em><em>ā</em><em>r</em><em> vom äthiopischen Kirchenfürsten Ashama ibn-Abdschar gefragt wird, wer denn dieser Muhammad sei, antwortet er nicht, er sei der Gesandte Gottes, sondern sagt: „Wir lebten in der Regellosigkeit und er wurde geschickt, um uns zu lehren, Menschen zu sein.“ Diese Brechung von der konfessionellen Formatierung eines Religionsunterrichts auf das Weltganze, das Ganze der Gesellschaft, wenigstens im Hinblick auf die Kommune, in der man lebt, ist für mich ein ganz wichtiges Motiv in der Begründungslogik, warum religiöse Bildung und Erziehung für die Gesellschaft wichtig ist und nicht nur für die, die im Konfirmationsunterricht, im jüdischen Bethaus oder in der islamischen Gemeinde sitzen.</em></p>
<h3><strong>Das Recht auf Differenz – ein Recht auf Debatte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die aktuellen negativen Projektionen auf den Islam sind leider mehrheitsfähig. Religionen müssen mit vielen Zuschreibungen leben, der Islam, das Judentum, auch das Christentum in seinen verschiedenen Ausprägungen. Beim Christentum haben wir in Deutschland (noch) eine Mehrheit gegenüber denjenigen, die keiner Religion angehören. Aber die Zuschreibungen werden auch aus bestimmten Kreisen bedient, beispielsweise von einem Pete Hegseth mit seinem Kreuzzugstattoo, der seine Religion zur einzig seligmachenden Religion erklärt. Ob er alles richtig versteht, lassen wir mal dahingestellt. Die Geschichte, wie er eine Pseudo-Bibelstelle aus Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ für die Begründung seiner Sicht von Religion und Politik nutzte, obwohl es diese Stelle in der Bibel gar nicht gibt, spricht für ein gewisses Maß an Bildungsverwahrlosung. Aber solche Phänomene haben wir nun einmal bei Radikalen in allen Religionen und Ideologien. Ich erlebe das leider auch in Schulen. Da gibt es inzwischen junge männliche Muslime, die ihre Klassenkameraden, vorzugsweise auch ihre Schwestern mit allen möglichen Vorschriften schikanieren und terrorisieren, die sie für unverzichtbar muslimisch halten, beispielsweise im Hinblick auf Bekleidung, Ernährung, Fasten, woher sie diese auch immer haben, wohl eher nicht aus eigener Koran-Lektüre, sondern von selbsternannten islamistischen Influencern. Sie tragen natürlich zu dem Image-Problem des Islam bei, das du schon angesprochen hast. Aber wie gesagt, der Islam ist nicht die einzige Religion, die pervertierbar wäre. <a href="https://www.zeit.de/2026/29/pete-hegseth-doug-wilson-christlicher-nationalismus-usa">Siehe Pete Hegseth und seinen Pastor Doug Wilson</a>.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Wechseln wir mal von Hegseth auf den konvertierten Katholiken JD Vance. Vielleicht wird er ja der nächste Präsident der USA. Ich nehme einmal an, dass er daraufhin arbeitet. Aber mal schauen. Vance verweist auf Religion als Institution in einem politischen Diskurs im Interesse einer politischen Lobby, auch im Hinblick auf einen innerkirchlichen Diskurs. </em></p>
<p><em>Ich steige einmal von einer anderen Seite in deinen Impuls ein. </em><a href="https://www.fmsh.fr/en/researchers/francois-jullien"><em>François Jullien</em></a><em> hat dieses schöne Buch geschrieben: </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/francois-jullien-es-gibt-keine-kulturelle-identitaet-t-9783518127186"><em>„Es gibt keine kulturelle Identität“</em></a><em> (deutsche Ausgabe in der edition suhrkamp). Jullien geht von den systemischen Theorien der Ressourcenorientierung aus. Er sagt, es gebe keine kulturelle Identität, sondern nur die bestmögliche Kultivierung im Sinne des sozialen Kapitals, durchaus im Sinne von Pierre Bourdieu. Das Recht auf Differenz ist daher ein zumindest demokratisches Erfordernis. Es bedeutet, dass Muslime unbehelligt ihre Religion ausüben dürfen. So steht es im Grundgesetz. Man darf ihnen nicht mit „Remigration“ drohen, sie durch ICE-Agents oder ähnliche Akteure unter Druck setzen oder, wie manche Politiker, nicht nur der AfD-Mann </em><a href="https://www.fnp.de/politik/interview-albrecht-glaser-werte-islam-sind-antiwestlich-10479873.html"><em>Albrecht Glaser</em></a><em>, behaupten, der Islam sei keine Religion, sondern eine politische Ideologie.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der erste, der diese Auffassung popularisierte, war nach meiner Erinnerung Geert Wilders in den Niederlanden. Er lieferte damit ein Argumentationsmuster für viele Rechtspopulisten und Rechtsextremisten in Europa. Leider nehmen auch manche Konservative und manche Sozialdemokraten dieses Nicht-Argument auf.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Es wäre ein schwerer Fehler, diese Auffassung nur auf die AfD zu schieben. Diesen ganzen Mist, der uns droht, schaffen wir auch ohne AfD.</em></p>
<p><em>Das Recht auf Differenz ist ein sehr schönes Recht, weil es so etwas wie lebensweltliche, religiöse, lebensstilorientierte Diversität und Vielfalt birgt und damit einen Aspekt der Freiheitlichkeit. Das Recht auf Differenz steht unter Druck. Uns muss gelingen, dies in die Debatte zu bringen. Zu viele Dinge werden einfach gesetzt und nicht in die Debatte geführt. Uns fehlt Debattenkultur. </em></p>
<p><em>Ich sage das als jemand, der im englischen Weymouth Ende der 1970er Jahre eine Secondary High besucht hat. Dort gab es einen Debattierklub, in dem wir lernten, unter bestimmten Hausregeln zu debattieren, in dem auch die Fetzen fliegen durften, aber nichts wurde auf den Schulhof getragen. Social Media gab es damals noch nicht, es galt die </em><a href="https://www.chathamhouse.org/about-us/chatham-house-rule"><em>Chatham House Rule</em></a><em>. Es galt, dass mögliche Verletzungen, mögliche Angriffe, Polemik, Ironie, aber auch Streit um die Sache in einem geschützten Format bleiben, in der Hoffnung, dass alle etwas mit nach Hause nehmen, das sie zum Nachdenken und zum Weiterverfolgen einer Debatte bringt. Dafür braucht man einen Regelapparat. </em></p>
<p><em>Seit dem 7. Oktober 2023 – zu diesem Datum muss ich nichts sagen – habe ich mich auf dem Campus intensiv damit beschäftigt. Ich habe mit </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/taeglich-fuer-empowerment-kaempfen/"><em>Sabena Donath</em></a><em>, Direktorin der </em><a href="https://www.zentralratderjuden.de/der-zentralrat/institutionen/juedische-akademie/"><em>Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden</em></a><em>, zusammengearbeitet. Wir haben mit unserem </em><a href="https://www.uni-frankfurt.de/108516808/Diversity"><em>Diversity Office</em></a><em> an der Universität Frankfurt ein Teach-and-Talk-Format aufgelegt, in dem wir 2024 bis ins Jahr 2025 ganz intensiv mit dem lehrenden Personal in der Universität in die Debatte eingestiegen sind. Wie funktioniert eine Debatte? Gibt es so etwas wie eine Didaktik der Debatte, der Befähigung zur Debatte?</em></p>
<p><em>Das vermisse ich. Ich beobachte auch auf dem Campus entweder allseitiges Schweigen aus Angst vor Markierung, oder Eskalation: Das Verstummen oder das Schreien. Das erinnert mich an Koran Sure 31 Vers 19: „Seid nicht wie die Esel!“ Die Leute fragten Muhammad, warum die Esel. Er antwortete, sie können nur stumm oder laut. Kommt miteinander ins Gespräch. </em></p>
<p><em>Gibt es für das Recht auf Differenz einen Resonanzraum? Das wäre ein Raum, der durch bestimmte Bezugspunkte, Koordinaten definiert ist. </em></p>
<ul>
<li><em>Das eine ist der Bezug zu Institutionen, zum Beispiel wenn es um die Einschränkung des Rechts auf Differenz durch eine bestimmte Regel gibt, die Schule, das Gericht, der Arbeitsplatz, Medien, Freibäder.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das zweite ist die Bedeutung für den Einzelnen. Ich habe schon gesagt: Die Arbeit des Einzelnen an sich selbst ist eine Grundvoraussetzung für die positive Entwicklung der Gesellschaft. Es geht darum, dass ein solches Thema oder Motiv Relevanz hat. Ich beziehe mich auf Alfred Schütz und seine Theorie der Relevanz. Es geht um subjektive Relevanz.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist das Framing, die Frage, wo die Debatte stattfindet. Ein Debattierclub ist ein spezielles Framing, ein anderes wäre Markus Lanz, ein drittes der Mut von Lehrkräften, mit ihren Schülerinnen und Schülern in eine Diskussion zu gehen. Publikationen, Kommentare in Zeitungen sind weitere Formen eines solchen Framings. </em></li>
</ul>
<p><em>Es ist wichtig zu verstehen, dass solche Debatten in einem Resonanzraum stattfinden und dass man bestimmte Bedingungen dieses Resonanzraumes definieren kann und andere nicht. Was dann aber stattfindet, sind Markierungen. Es ist offensichtlich hilfreich in Debatten, anderen ein Label zu verpassen. Vorsicht! Das ist gefährlich, spätestens, wenn man selbst auch nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden möchte.</em></p>
<p><em>Für diese Markierungen gibt es wiederum bestimmte Koordinaten, die immer wieder auftauchen. Man kann diese tausendfache Varietät von Markierungen, östlich, westlich, orientalisch, okzidentalisch, zivilisiert, unzivilisiert, christlich, muslimisch, jüdisch, männlich, weiblich, arm, reich, faul, fleißig, schön, hässlich, auf vier Aspekte konzentrieren: </em></p>
<ul>
<li><em>Das eine ist Identität, dass bestimmte Markierungen dem anderen als identitäres Proprium zugeschrieben werden können: Ihr seid einfach so. Ich bin halt so!</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das zweite ist territorial. Alles findet in territorialen Zuschreibungen statt. Das zeigen uns die rechten ethnopluralistischen Narrative vom Europa der Nationen: Frankreich den Franzosen, Deutschland den Deutschen und so weiter. Das bezieht sich auf Territorien, die mutmaßlich anders sein sollen als das mutmaßlich eigene. Ein wichtiger Begriff ist Grenze. Wir sprechen auch von Grenzregimen.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist Ideologie. Aus dem identitären und dem territorialen Merkmal wird eine ideologische Devianz oder Repräsentanz extrapoliert. Das ist ein Grund dafür, dass der Islam über politische Kategorien ins Gespräch gebracht wird: Politischer Islam, Clan-Islam, migrantischer Islam. Das dem Islam zugeschriebene Territorium ist der Orient – eine Orientalisierung, das wissen wir seit </em><a href="https://kolonialgeschichtema.com/edward-said-1935-2003-autor-und-kritiker-des-postkolonialismus/"><em>Edward Said</em></a><em>. Mit dieser Orientalisierung werden ideologische Begriffe verbunden wie undemokratisch, unfreiheitlich, antihumanistisch, frauenfeindlich und so weiter und so fort.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das vierte Element ist englisch „affiliation“ oder „behaviour“, das Verhalten der Menschen. Das Zuspätkommen eines muslimischen Schülers wird völlig anders interpretiert als das Zuspätkommen von Inge oder Heinz. Auch wenn alle einfach verschlafen haben, wird bei dem muslimischen Schüler, wenn zum Beispiel Ramadan ist, direkt unterstellt, das hätte etwas mit dem Fasten zu tun: Ihr setzt halt andere Prioritäten, das ist bei euch nun einmal so.</em></li>
</ul>
<p><em>Solange diese vier Grundmuster unreflektiert bleiben, wird es schwierig, eine Debatte zu sortieren. Das ist enorm wichtig: Was ist ein relevanter Faktor? Welchen Faktor kann ich verändern? Ich kann ja nichts an einer Zuschreibung ändern, aber ich kann ins Gespräch über Verhalten kommen. Was könnte man am Verhalten verändern, damit dieser Triggerpunkt in der feindseligen Kulturalisierung entfällt? Die Hoffnung, dass man dies durch Assimilation erreichen könnte, dass beispielweise auch gläubige Muslime im Biergarten ein Weißbier trinken können, hat sich verfehlt. Das funktioniert einfach nicht. Die Rassifizierung bleibt. Wir wissen aus der Forschung, dass je stärker eine Hyperassimilierung ist, desto stärker sind die Ablehnungseffekte in der Konkurrenzsituation. Der Besuch eines Biergartens ist keine Konkurrenzsituation, aber die Wohnungssuche ist eine. Das führt ins Nichts. Für diese Erkenntnis brauchen wir keinen Islam. Das wissen wir aus der Gewaltforschung seit </em><a href="https://www.galtung-institut.de/de/home/johan-galtung/"><em>Johan Galtung</em></a><em> oder Gordon W. Allport, oder wir erfahren es regelmäßig aus der </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/"><em>Bielefelder Mittestudie</em></a><em> oder der </em><a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie"><em>Leipziger Autoritarismusstudie</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Hier könnte eine gute islamische Religionspädagogik, die diese Diskursprinzipien und diese Orientierungspunkte auf in der Schrift gesättigte Bezugspunkte rückführt, bewirken, dass zumindest die betroffenen Muslime in der Lage sind, zu einer besseren Debattenkultur beizutragen. Denn der Koran </em><em>sagt in Sure 41 Vers 34: </em><em>ʾdfaʿ bi-llatī hiya ʾaḥsan, in deutscher Übersetzung: „Antworte auf eine bessere</em><em> Art und Weise!“ Das ist ein religiöses Gebot!</em></p>
<h3><strong>Regeln einer demokratischen Debattenkultur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Gebot sollte aus meiner Sicht für alle Fachdisziplinen gelten, für alle Unterrichtsfächer in der Schule, alle Diskursgelegenheiten in der Gesellschaft, ganz unabhängig von Religion. Du sagtest es zu Beginn unseres Gesprächs: Der Koran formuliert eine säkulare Botschaft, doch diese lässt sich religiös begründen. Letztlich ist es das, was du mit deiner Forderung nach einer umfassenden philosophischen Bildung und Ausbildung verbindest.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das wäre ein guter Weg. Man könnte auch religionsbezogene Zusatzangebote in die Schule einführen. Man müsste die Hermetik von Schule öffnen und sie stärker mit außerschulischen Lernorten, beispielsweise der Kommune als Lernort zu vernetzen. Zur Kommune gehören die Religionsgemeinschaften ebenso wie die Geschäfte, die Arbeitgeber und die Dienstleister. </em><em>Benjamin Barber schrieb in seinem schönen Buch </em><a href="https://www.jstor.org/stable/j.ctt5vksfr"><em>„If Mayors Ruled the World – Dysfunctional Nations, Rising Cities”</em></a><em> über Community Development. </em><em>Einer meiner alten islamischen Lehrer in Indonesien, Muhammad Natsir, sagte: „Dakwah is Community Development“. Dakwah ist der islamische Begriff für den Ruf zum Islam. Er unterscheidet nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Dafür wurde Natsir von konservativen Muslimen sehr angefeindet.</em></p>
<p><em>Man muss Religion nicht aus der Schule verbannen. Man könnte sie aber intelligenter integrieren, als Kernfach, das eben hilft, in einer übergeordneten Matrix. </em><a href="https://chomsky.info/"><em>Noam Chomsky</em></a><em> würde von einer tiefergelegenen Grammatik sprechen. Es gilt, die Kunst und Kompetenz der Debatte in die Schule zu integrieren. Das könnte Philosophieunterricht leisten, verbunden mit dem Kernwissen der philosophischen Grammatik, wie sie sich durch die Religionen zieht, die hier vor Ort bei uns von Belang sind, Christentum, Judentum und Islam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du zitierst <a href="http://www.cerep.ulg.ac.be/adichie/index.html">Chimamanda Ngozi Adichie</a> mit dem Satz aus <a href="https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story">„The Danger of a single story“</a>: <em>„Culture does not make people. People make culture.”</em> An einer anderen Stelle in deinem Buch über die Islamische Religionspädagogik beziehst du dich auf <em>„die alte Weisheit des commonwealth of Nations: There is no pluralism without a healthy amount of separatism.”</em> <em> </em></p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Das sind Antworten auf das Motiv der feindseligen Kulturalisierung. Wir müssen uns nur näher anschauen, was zurzeit im Kernland des Commonwealth auf den Straßen geschieht. Kultur ist etwas, das wir herstellen, nicht etwas, das Menschen mitbringen. Ich habe einmal Christian Wulff, als er Bundespräsident war, nach Bangladesch und nach Indonesien begleitet. In dem Flieger hatten wir 15 Stunden Zeit. Der Bundespräsident lud zum Gespräch und öffnete die ein oder andere Flasche kalten Weißweins. Es war ein offenes, entspannendes Gespräch. Es war vor 2015, aber es gab schon Flüchtende über das Mittelmeer. Er fragte mich, warum diese Menschen von Süd nach Nord oder Ost nach West zu uns kommen, ob es darin einen Sinn gebe. Ich habe geantwortet, wir haben vor 150 Jahren aus Mesopotamien das Ischtar-Tor nach Berlin geholt und im Pergamon-Museum aufgebaut. Jetzt kommen zu uns die Nachfahren der Menschen, die gewohnt waren, durch dieses Tor hindurchzugehen. Das Ischtar-Tor war ein Tor ohne Tore! Ob du durch dieses Portal hinein- oder hinausgehst, obliegt dir! Der Gesellschaft obliegt es, dir die Möglichkeit zu geben zu bleiben oder zu gehen. Das bringt der Koran in Sure 4 Vers 98 zum Ausdruck. Ich sagte, dass wir in einer segensreichen Zeit leben, weil der liebe Gott – ich wusste, dass Herr Wulff im Hinblick auf den „lieben Gott“ adressierbar ist – in seiner Gnade diese Menschen zu uns schickt, damit sie uns als Gesellschaft etwas geben, das wir zu verlieren drohen, nämlich im Falle der Bedrückung und des drohenden Scheiterns nicht anderen die Schuld zu geben, sondern an uns selbst zu arbeiten.</em></p>
<p><em>Der Regelfall in der Geschichte ist der, dass die Fluchtboote von Nord nach Süd und von West nach Ost fuhren. Das ist jetzt eine Ausnahmesituation. Muhammad würde so </em><em>anfangen: Sa ya</em><em>ʾ</em><em>t</em><em>ī</em><em> sanaw</em><em>ā</em><em>t. Es werden</em><em> Zeiten kommen – ich wage dies zu sagen –, dass die Fluchtmigration wieder von Europa wegführt, von Nord nach Süd und von West nach Ost. Das fand er total einleuchtend und sagte dann, was er noch bräuchte, wäre eine Sprache, die ihm hilft, dies in politisches Handeln zu übersetzen. Aber da habe er jede Hoffnung verloren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist bedrückend. Mir haben viele Dinge, die Christian Wulff sagte, Hoffnung gegeben, Zuversicht, aber aus heutiger Sicht liegt die von dir zitierte Skepsis leider wohl näher.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Ja, er war damit bezogen auf unser System und auf die Entwicklung zu etwas Besserem, die wir zu Beginn unseres Gesprächs formulierten, in dem Augenblick pessimistisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein auf den ersten Blick eher optimistisches Buch hat Parag Khanna geschrieben: <a href="https://www.paragkhanna.com/move/">„Move“</a> (<a href="https://www.rowohlt.de/buch/parag-khanna-move-9783737101158">die deutsche Ausgabe erschien 2021 bei Rowohlt</a>). Ich habe das Buch unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunftschance-migration/">„Zukunftschance Migration“</a> besprochen. Khanna geht von einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von etwa vier Grad Celsius bis zum nächsten Jahrhundertwechsel aus, viele Regionen werden unbewohnbar, aber die Menschen migrieren in Richtung der Pole und in Neuseeland, in der Antarktis, in Skandinavien, Sibirien, Kanada und Grönland entstehen große wohlhabende Städte. Dem entgegen steht der Widerstand vieler Menschen gegen jede Migration, die Eva von Redeker in ihrem Buch <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) zu der These veranlasste, dass sich der neue Faschismus durch das Gefühl definiere, überall drohe die <em>„Plünderung“</em> eines Besitzes, obwohl dieser in Wirklichkeit nur ein <em>„Phantombesitz“</em> sei. Doch wem gehört <em>„unser Land“</em>? Die Antwort ließe sich in deiner Sicht des Ischtar-Tores im antiken Babylon finden.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Ja. In Sure 7 Vers 128 lässt Gott wen er will das Land erben.</em> <em>Das Thema der Debattenkultur haben wir in dem angesprochenen Teach-and-Talk-Format – da standen ja Israel und Gaza im Fokus – noch etwas regelhafter weitergeführt. Die Frage war, wie sich aus der Analyse Regeln und dann eine Strategie und einer Didaktik generieren ließen. Wir haben uns auf vier Bezugspunkte geeinigt. </em></p>
<ul>
<li><em>Das ist zuerst die Haltung des Subjekts, Haltung im Sinne der Frage, auf welcher Etappe ich mich zurzeit befinde und ob ich weiterkommen möchte oder nicht. Darunter haben wir die Bedeutung von Menschlichkeit, Gesetz und öffentlicher Ordnung subsummiert. Wir fanden es notwendig, ganz konkrete Items zu benennen und es nicht in einer abstrakten bildungstheoretischen Analyse zu belassen. Dazu gehört eine klare Absage an Hass und Gewalt, die von allen Diskursteilnehmern als eine Art Geschäftsordnung eingefordert wird.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Ein zweiter Punkt war, dass jemand, der etwas in eine Debatte einspeist, damit rechnen muss, dass er aufgefordert wird, die relevanten Fakten zu nennen und offenzulegen, woher eine Information kommt. Es geht um die Zuverlässigkeit von Informationen.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das dritte ist die Perspektivität. Debattenbeteiligte müssen sich fragen lassen, warum sie gerade etwas sagen, was der Hintergrund ihres performativen Sprechakts ist und welche Zukunft man vor Augen hat. Wo würden wir in zehn, 20 oder 30 Jahren stehen?</em></li>
</ul>
<ul>
<li><em>Das vierte ist „compassion“, Emotionen, Leidenschaft, empathische Beteiligung zuzulassen und sie zunächst als gleichrangige Botschaft anzuerkennen und ihnen Geltung in der Debatte zu verschaffen.</em></li>
</ul>
<p><em>Diese vier Punkte, Haltung, Objektivität, Perspektivität und Empathie, schienen uns unverzichtbar. Das konnte man mit einem Bouquet an Blüten ausbauen, aber diese vier Punkte würden wir gerne curricular verankern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das müsste doch zumindest an Hochschulen realisierbar sein.</p>
<p><strong>Harry Harun Behr</strong>: <em>Leider ist es schon an der Universität nur schwer realisierbar, aber die Forderung bleibt bestehen. Das ist es, das wir wollen und uns auch für die Schulen wünschen!</em></p>
<h3><strong>Harry Harun Behr im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span> </strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/religionspolitische-visionen-und-diskurse/">Religionspolitische Visionen und Diskurse</a>, November 2023 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/von-religionen-und-fussballvereinen/">Von Religionen und Fußballvereinen</a>, September 2022 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gott-liebt-die-anderen/">Gott liebt die Anderen</a>, Dezember 2021 (Besprechung des von Harry Harun Behr mit Bernd Schröder, Katja Boehme und Daniel Krochmalnik herausgegebenen Buches „Zukunftsfähiger Religionsunterricht zwischen tradierter Lernkultur, jugendlicher Lebenswelt und religiöser Positionalität“, Frank &amp; Thimme 2021),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jung-muslimisch-demokratisch/">Jung, muslimisch, demokratisch</a>, Juni 2022 (Besprechung der von Harry Harun Behr mit Meltem Kulaçatan durchgeführte DITIB-Jugendstudie 2021, Beltz Juventa 2022),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dynamische-religiositaet/">Dynamische Religiosität</a>, August 2021 (Gespräch),</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sehnsucht-recht-zu-haben/">Die Sehnsucht recht zu haben</a>, Juni 2021 (unter anderem Besprechung des von Harry Harun Behr mit Meltem Kulaçatan herausgegebenen Buches „Migration, Religion, Gender und Bildung“, transcript, 2020).</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Juli 2026. Titelbild: Grablegemoschee Imam Schafii in Kairo, Foto: Harry Harun Behr.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 10:14:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow „Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</strong></h1>
<h2><strong>Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow</strong></h2>
<p><em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es gesunken, umso leidenschaftlicher wieder aufleben wird.“</em> (Hans Kelsen, Verteidigung der Demokratie, 1932)</p>
<p>Das Zitat von Hans Kelsen verfehlte am 28. April 2026 im Plenarsaal des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld seine Wirkung nicht. Die <em>„Fahne“</em>, von der Hans Kelsen spricht, ist die <em>„Fahne“</em> der Demokratie. Was ist jedoch, wenn in der gespaltenen Gesellschaft jeder für sich in Anspruch nimmt, der <em>„Fahne“</em> der Demokratie treu zu sein?</p>
<p>Über diese Frage diskutierten <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=182733552">Christina Morina</a>, Professorin für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld und <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a>, Professor für Internationale Politische Ökonomie an der Universität Siegen, unter dem Titel „Spaltungslinien – Der Rechtspopulismus und die Zukunft der Demokratie“. Es moderierte <a href="https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/philosophie/abteilung/personen/zanetti/">Véronique Zanetti</a>, Professorin für Politische Philosophie an der Universität Bielefeld, die das Kelsen-Zitat in den Abend einbrachte. Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung steht für das Versprechen, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, in diesem konkreten Fall Geschichts- und Politikwissenschaften.</p>
<p>Der vorliegende Essay verbindet die Perspektive eines Augenzeugen mit der eines Juristen. Den beiden Diskutanten und ihren Disziplinen begegne ich mit großem Respekt. Die folgenden Beobachtungen sind in diesem Geist zu lesen. Zugleich prägt die juristische Perspektive die Wahrnehmung dessen, was an einem solchen Abend gesagt und was offengelassen wird. Wenn in der historischen oder politikwissenschaftlichen Sprache diskutiert wird, fehlt dem Juristen regelmäßig das Normative, das Definierte. Dieser Essay verfolgt unter anderem das Ziel, diese disziplinäre Leerstelle zu füllen.</p>
<p>So viel lässt sich vorausschicken. Der Abend hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Das ist nicht einem qualitativen Mangel der Veranstaltung zuzuschreiben, sondern Symptom einer strukturellen Schwierigkeit der behandelten Thematik. Debatten über gesellschaftliche Spaltungen war ihrerseits oft genug selbst von Spaltungen geprägt: einer disziplinären, einer begrifflichen und einer diskursiven.</p>
<p>Der weitere Aufbau folgt dieser Beobachtung. Zunächst rekonstruiere ich die beiden Vorträge in ihrer jeweiligen Logik. Im Anschluss zeichne ich die Diskussion mit Moderation und Publikum nach, in der die juristischen Grundfragen wiederholt an die Oberfläche kamen. Daran schließe ich die Vertiefung dreier Fragen an, die aus der Perspektive des Verfassers offenblieben und vertiefungswürdig sind.</p>
<h3><strong>Christina Morina: Den Rechtsstaat absichern</strong></h3>
<div id="attachment_8115" style="width: 199px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8115" class="wp-image-8115 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp" alt="" width="189" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp 189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-200x317.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag.webp 350w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a><p id="caption-attachment-8115" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Mit Christina Morinas Vortrag sollte eine historische Perspektive in die Debatte eingebracht werden. Sie näherte sich der Thematik über die Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus und stellte zunächst ihren persönlichen Bezug her: In die Zeit ihres einjährigen Aufenthalts in New York, wo sie an der <a href="https://www.newschool.edu/NSSR/">New School for Social Research</a> eine Gastprofessur innehatte, fielen die Wahl und die Einführung von Donald Trump in seine zweite Amtszeit als US-amerikanischer Präsident. Die mit dieser Erfahrung eng verbundene Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus reflektiert sie in ihrem Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben“</a>, das im Mai 2026 im Siedler Verlag erschienen ist. Ihr vorheriges Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-tausend-aufbrueche/buch/9783827501325">„Tausend Aufbrüche“</a>, für das sie mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2024 ausgezeichnet wurde, nimmt die Demokratievorstellungen der Deutschen in West und Ost seit den 1980er Jahren jenseits politischer Eliten in den Blick.</p>
<p>Aus dieser doppelten Beobachtungsperspektive – der amerikanischen und der deutsch-deutschen – erkennt Christina Morina, dass die Annahme, die politische Ausrichtung <em>„national und sozial“</em> hätte sich historisch erledigt, sich als falsch erwiesen hat. Auch das öffentliche Kenntlichmachen der rechtspopulistischen Parteien als rechtsextrem, rassistisch oder faschistisch habe keine abschreckende Wirkung entfalten können. Stattdessen lehne die Bevölkerung mehrheitlich ein AfD-Verbot tendenziell ab, da man diejenigen persönlich kenne, die diese Partei wählen, die man eben nicht für extremistisch halte. Beim Erfolg der AfD handele es sich zwar nicht um ein rein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen, ihre besondere Verankerung in den ostdeutschen Bundesländern lasse sich aber auf unterschiedliche Demokratietraditionen und -vorstellungen in Ost- und Westdeutschland zurückführen. Während die westdeutsche, bundesrepublikanische Erfahrung die einer parlamentarischen Demokratie sei, habe sich in Ostdeutschland ein straßen- und basisdemokratisches Verständnis etabliert, das maßgeblich durch die Friedliche Revolution bedingt wurde. Da die AfD diese ostdeutschen Demokratievorstellungen programmatisch aufgreife, bestehe eine direkte Verbindung von ostdeutscher Erfahrung und Erfolg der Partei. Die Partei adressiere die ostdeutschen Themen und Erfahrungen explizit, etwa in Wahlslogans wie <em>„Vollende die Wende“</em>. Damit mache sich die AfD zur einzig genuin deutsch-deutschen Partei.</p>
<p>An diese Perspektive knüpfte Christina Morina eine begriffliche Überlegung, mit der sie das eigentlich Populistische am Populismus zu fassen versucht. Populismus setze voraus, dass Demokratie mit einem einheitlichen Volkswillen einhergehe. Wer diese Voraussetzung teile, verfolge die eigenen Interessen als allgemeingültige. Das stehe im Widerspruch zur Idee einer Streitdemokratie, in der die Auseinandersetzung um den richtigen Weg konstitutiv sei. Davon ausgehend ergibt sich nicht nur die Frage, was die Wähler populistischer Parteien falsch machten, sondern auch spiegelbildlich, was diese Parteien richtig machten. Die AfD spreche programmatisch breite Wählerschichten an und verbinde dabei Elemente, die im klassischen Schema unvereinbar erschienen. Christina Morina brachte diese Charakterisierung später in der zugespitzten Formulierung auf den Punkt, es handele sich um eine <em>„neoliberalnationalsozialistische“</em> Partei, die Widersprüche in sich vereine und in viele Gesellschaftsschichten hineinsende.</p>
<p>Die historisch-soziologische Forschung, so Christina Morina, habe nach den Konstellationen der Vergangenheit zu fragen. Da die unmittelbare Erfahrung historischer Ereignisse verblasse, stelle sich die Frage, wie Gesellschaften aus ihrer Geschichte lernen können. In ihrem Vortrag unternahm sie deswegen den Versuch, die Ermöglichungsbedingungen des Rechtspopulismus zu erklären, indem sie jene Konstellationen rekonstruierte, die in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt haben. So müsse wohl auch der in den 1920er Jahren vorangetriebene „Menschenrechtsdiskurs“ als eine Ermöglichungsbedingung für den Nationalsozialismus gesehen werden, gegen den sich eine völkisch-nationale Reaktion formierte, an die die NSDAP anknüpfen und profilieren konnte. Die Stabilität einer politischen Ordnung hänge eben nicht allein von ihren Institutionen ab, sondern von den Ideen und Erwartungen, die in der Bevölkerung wirkmächtig sind.</p>
<p>Diese Überlegungen führten Christina Morina zu ihrer zentralen Frage und Botschaft des Abends: Wer übernimmt die Verantwortung für die liberale Demokratie und wie kann sich eine Demokratie gegen Bewegungen wehren, die sie ablehnen? Zur Beantwortung griff sie auf einen Vergleich der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland zurück. Die amerikanische Verfassung sei zwar die erste gewesen, die das Prinzip der Gewaltenteilung verfasst habe, enthalte zugleich aber demokratische Defizite, die sich nicht zuletzt im Wahlsystem zeigten. Ein Parteiverbotsverfahren kenne sie nicht. Was die liberale Demokratie in den USA gegenwärtig stütze, sei deshalb weniger das institutionelle Gefüge als eine über 250 Jahre gewachsene Zivilgesellschaft, die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Demgegenüber stelle das Grundgesetz der Bundesrepublik die rechtlichen Werkzeuge bereit, sich auch unterhalb der Schwelle eines Parteiverbots mit antidemokratischen Tendenzen auseinanderzusetzen. Die Lehre aus der Weimarer Republik, in der weder der politische Wille noch die rechtlichen Mittel zur Verhinderung des Nationalsozialismus vorhanden waren, sei in <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/253611/streit-um-die-streitbare-demokratie-ein-rueckblick-auf-die-anfangsjahrzehnte-der-bundesrepublik/">das Konzept der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> nach Karl Loewenstein</a> eingeflossen. Die Werkzeuge müssten genutzt werden, denn <em>„ein zahnloser Rechtsstaat ist kein Rechtsstaat“</em>.</p>
<h3><strong>Philip Manow: Ökonomisch links, gesellschaftspolitisch konservativ – Ein eklektisches Programm</strong></h3>
<div id="attachment_8116" style="width: 192px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.beck-shop.de/manow-spaltungslinien/product/40247852"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8116" class="wp-image-8116 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg 182w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-200x330.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck.jpg 260w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></a><p id="caption-attachment-8116" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Vortrag von Philip Manow beleuchtete eine politikwissenschaftliche Perspektive auf die Thematik des Populismus und der gesellschaftlichen Spaltungslinien. Ziel seiner Ausführungen war, den Populismus und seine Ursachen mit dem analytischen Instrumentarium seiner Disziplin zu erklären. Methodisch geschah dies, indem er die gesellschaftlichen Konfliktdimensionen und ihre strukturellen Grundlagen anhand von Modellen erläuterte. Den Anlass für die Vertiefung des Themas bildete sein Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien“</a>, das im Mai 2026 im Verlag C.H. Beck erschienen ist.</p>
<p>Im Zentrum seines Vortrags stand die These, dass der zeitgenössische Rechtspopulismus als Protest gegen die Globalisierung zu verstehen sei. Diese Globalisierung mache das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats poröser. Hinzu träten konstitutionelle Gründe, die das Phänomen verstärkten. Als paradigmatisches Globalisierungsprojekt führte er die Europäische Union an. Indem die Politik aus dem nationalen Rahmen heraustrete, entstünden Konfliktlagen, die sich nicht mehr in den klassischen verteilungspolitischen Kategorien fassen ließen. Unter Bezugnahme auf den <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-90037-7_9">Multi-Level-Governance-Ansatz</a> von Liesbet Hooghe und Gary Marks (2017) entwickelte er die These einer neuen Spaltungslinie: Die Reaktion auf transnationale Schocks der vergangenen Jahre, etwa die Eurokrise oder die Migration, sei als Folge der Globalisierung, konkret der europäischen Integration, zu deuten. Mit der Übertragung nationaler Souveränität gehe eine Einschränkung der Partizipation einher. Die Staaten verfügten zunehmend nicht mehr über die Handhabe, die entstehenden Probleme zu bewältigen; ihre Bevölkerungen reagierten darauf populistisch. Dabei träfen diese Schocks die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen – kulturell wie ökonomisch. Ferner träfen sie die Bevölkerung ungleich. Akademiker, so seine Selbstverortung, gehörten zu den Profiteuren der Entwicklung, weil ihre Fähigkeiten und Qualifikationen portabel seien. Dies gelte für andere Bevölkerungsgruppen, etwa Handwerker und lokale Kleinunternehmer nicht.</p>
<p>Daraus schließt Philip Manow, dass eine pro- oder antieuropäische Haltung sich nicht mehr im klassischen Schema von links und rechts verorten lasse, sondern vor allem in einer Mitte-Rand-Betrachtung. Die Mitte sei proeuropäisch, die Ränder seien es nicht. Der Grund dafür liege in der eigentümlichen Doppelnatur der EU als zugleich neoliberales (ökonomisch rechtes) und kulturell-progressives (gesellschaftspolitisch linkes) Projekt. Weil sie neoliberal sei, lehne <em>„die Linke“</em> sie ab; weil sie kulturell-progressiv sei, <em>„die Rechte“</em>. In Osteuropa stelle sich die Konstellation anders dar, weil der politische Raum dort anders strukturiert sei. Auch innerhalb Westeuropas beobachte man zunehmend eine Neuzusammensetzung ideologischer Positionen: Die ökonomische und die gesellschaftspolitisch-kulturelle Dimension entkoppelten sich zunehmend. In der westdeutschen, bundesrepublikanischen Sozialisierung sei es bislang üblich gewesen, dass beide Dimensionen parteipolitisch gleichlaufend besetzt seien. So sei etwa eine ökonomisch linke Partei in der Regel auch gesellschaftspolitisch links eingestellt gewesen. Diese Koppelung breche nun auf: Rechte Parteien rückten in ökonomischen Fragen nach links, linke Parteien in gesellschaftspolitischen Fragen nach rechts.</p>
<p>Den Schlusspunkt seines Vortrags bildete die Beobachtung, dass in Westeuropa ein großes, bislang unbesetztes Wählerreservoir linksautoritärer Wähler existiere, ohne dass eine Partei dieses Segment systematisch abdecke. Einer Wählerschaft also, die ökonomisch links und gesellschaftspolitisch konservativ eingestellt sei. Einzelne Akteure näherten sich dieser Position an, der Rassemblement National in Frankreich in seiner Solidarität mit dem Eisenbahnerstreik, der niederländische Politiker Geert Wilders mit ähnlichen Akzenten, schließlich auch das Bündnis Sahra Wagenknecht, das links und konservativ zugleich auftritt, im Übrigen auch in den USA Donald Trump mit seiner Anbindung an die eigene Wählerbasis im Arbeiter-Milieu. Eine systematische parteiliche Repräsentation dieses Wählersegments stehe jedoch aus. Die Tatsache, dass derzeit fast ausschließlich rechte Parteien diese Lücke zu füllen versuchten, sei eine der erklärungsbedürftigsten Konstellationen der Gegenwart. Und sie verbiete jene voreilige Diagnose, derzufolge Wähler rechtspopulistischer Parteien schlicht <em>„Globalisierungsverlierer“</em> seien, die Parteien wählten, welche ihren eigenen Interessen schadeten. Diese Lesart, die den Wählern letztlich Unverstand unterstelle, hält Philip Manow für eine nicht tragfähige Annahme.</p>
<p>Wie sich diese Konstellation in der konkreten Parteienlandschaft niederschlägt, illustrierte Herr Manow am Beispiel der AfD. Die häufig zu hörende Einordnung der Partei als <em>„neoliberal“</em> hält er für irreführend. Die AfD sei in ihrer Programmatik nicht neoliberal, sondern selektiv und strategisch. Eine Wählerschaft von über zwanzig Prozent bundesweit bringe Heterogenität zwangsläufig mit sich. Auf der einen Seite stünden Akteure aus dem Milieu der Handwerker und Kleinunternehmer, die eine Politik des Bürokratieabbaus verfolgten; auf der anderen Seite Akteure, die wirtschaftlich nicht liberal eingestellt seien. Historisch zeichne sich darin ein Wandel ab: Zur Zeit ihrer Gründung um Bernd Lucke sei die AfD eine gutbürgerliche deutsche Partei gewesen, heute sei sie proletarisiert und kleinbürgerlich. Daraus folge auch eine Programmatik, die die sozialpolitischen Interessen dieser Wählerschaft widerspiegele. Auch die häufig als widersprüchlich gedeutete Nähe zu Russland und China sei kein Beleg gegen den Nationalismus in der AfD, sondern Ausdruck nationalstaatlicher Interessen. Billiges russisches Gas für die deutsche Wirtschaft sei keine ideologische Position, sondern Versorgungspolitik. Die Position zur Ukraine ergebe sich aus derselben Logik. Hinter der Frage <em>„Was kümmert uns Putins Angriffskrieg, wenn es um unsere Versorgungssicherheit geht?“</em> stehe nicht Verwirrung, sondern eine kohärente Sicht: Der Vorrang nationaler Interessen vor einer liberalen globalen Werteordnung. Dass die Partei aus dem <em>„Schonraum der Opposition“</em> heraus agiere, ohne Regierungsverantwortung tragen zu müssen, erleichtere ihr diese eklektische Programmatik zusätzlich.</p>
<h3><strong>Die Diskussion: Zum Umgang mit Konflikten</strong></h3>
<p>Der Diskussion wurde ein großer Zeitraum eingeräumt, in dem die Teilnehmer zunächst mit der Moderatorin Veronique Zanetti und anschließend mit dem Publikum interagierten. Anlass zur kontroversen Diskussion bildete jedoch speziell eine Frage, die Philip Manow im Vortrag nur angedeutet hatte. Er hatte als Ursache des Populismus neben den transnationalen Schocks auch <em>„konstitutionelle Gründe“</em> genannt, ohne sie zu entfalten. In der Diskussion holte er das nach. Sein Ausgangspunkt war eine Beobachtung über das Verhältnis der Begriffe <em>„liberal“</em> und <em>„demokratisch“</em>. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob die elektorale Demokratie als Vorstufe der liberalen Demokratie verstanden werden kann. Nach Philip Manow sei das Verhältnis zwischen beiden nicht additiv, sondern stehe im Spannungsfeld zueinander. Je liberaler man die Ordnung gestalte, desto weniger elektoral responsiv werde sie. <em>„Liberal“</em> sei kein Add-on, welches alles schöner mache, sondern eine eigene normative Beladung, die den Spielraum demokratisch gewählter Mehrheiten einschränke. Führt man den Gedanken konsequent zu Ende, ließen sich demokratische Wahlen abschaffen, solange ein kompetentes Verfassungsgericht die <em>„richtigen“</em> Entscheidungen treffe. Diese paternalistische Haltung sei undemokratisch. Sie verkenne, dass es in der Demokratie um echte Konflikte gehe, hinter denen Gesellschaftsgruppen mit unterschiedlichen Interessen stünden. Die Transformationsländer hätten ihrerzeit besonders starke Verfassungsgerichte entwickelt. Diese haben dann nicht gesamtgesellschaftlich für Neutralität, sondern für die Interessen bestimmter Gesellschaftsgruppen zu einer bestimmten Zeit gestanden.</p>
<p>Christina Morina widersprach. Sie griff die Charakterisierung der Demokratie als <a href="https://www.jstor.org/stable/4544562">„<em>essentially contested concept</em>“</a> nach Walter Bryce Gallie auf, deutete sie aber anders. Es bestünden unterschiedliche Demokratievorstellungen – sie selbst hatte das im Vortrag mit Blick auf Ost und West entfaltet. Die wehrhafte Demokratie aufzurufen sei ein spezifisch bundesrepublikanisches Verständnis in der Tradition des <a href="https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742120359/38134.pdf"><em>„Verfassungspatriotismus“</em></a>, den Jürgen Habermas im Rückgriff auf Dolf Sternberger im Historikerstreit eingefordert habe. Dieses Verständnis führe zu einer geschichtspolitischen Asymmetrie, weil es die ostdeutsche Erfahrung der Friedlichen Revolution ausblende. Unsere Gesellschaft erhebe den Anspruch, aus der Geschichte gelernt zu haben. Ob damit auch die ostdeutsche Geschichte oder nur die westdeutsche gemeint ist, sei jedoch nicht beantwortet. Den Vorwurf der Justizialisierung erwiderte sie pointiert. Philip Manow bringe den Rechtsstaat in Stellung gegen die Demokratie. Etwa die Antidiskriminierung, die er als linkes Projekt einstufe, leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab und sei keine politische Option, sondern verfassungsrechtlicher Auftrag.</p>
<p>Aus dem Publikum traten zwei Wortmeldungen hinzu, die das Gespräch in entgegengesetzte Richtungen weiterführten. Die erste konfrontierte Philip Manow mit dem Vorwurf, seine Kritik an einer wertgeladenen Sichtweise auf den Rechtsstaat sei seinerseits nicht <em>„neutral“</em>. Modernisierungstheoretische Vorstellungen, wie er sie kritisiere, seien ideologisch aufgeladen, das gelte dann aber auch für seine eigene Position. Ob seine Argumentation nicht ebenfalls <em>„populistisch“</em> sei? Philip Manow ließ sich auf die Frage ein. Es gehe nicht um Neutralität, sondern um die Anerkennung, dass <em>„liberal“</em> ideologisch an die politikwissenschaftlichen Konzeptionen herangetragen werde. Wer das verkenne, halte die eigenen normativen Vorannahmen für selbstverständlich. Die zweite Wortmeldung, eine Juristin aus dem Publikum, sprang Philip Manow an einer entscheidenden Stelle bei: Er habe sich nicht ablehnend gegenüber dem Rechtsstaat geäußert, sondern Gradfragen zum Spielraum gestellt. Das Bundesverfassungsgericht habe die Politik an zu vielen Punkten gefesselt. Ebenso habe in den 1990er Jahren das ungarische Verfassungsgericht gegenüber der Politik eine patriarchalische Einengung geschaffen. Beide Entwicklungen, so ihre These, befeuerten einen Backlash, der aus der Überforderung der Gesellschaft entstehe. Sie verwies auf <a href="https://www.law.uchicago.edu/news/justice-ruth-bader-ginsburg-offers-critique-roe-v-wade-during-law-school-visit">Ruth Bader Ginsburgs Kritik an Roe v. Wade</a>, dem wegweisenden Abtreibungsurteil des U.S. Supreme Court von 1973. Ginsburg habe in einem Vortrag an der New York University 1992 argumentiert, das Urteil habe die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht beendet, sondern die Gegenbewegung erst hervorgerufen, die für längere Zeit den gesetzgeberischen Trend in die entgegengesetzte Richtung gewendet habe. „<em>Doctrinal limbs too swiftly shaped, experience teaches, may prove unstable</em>.“ Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, könnten die Konflikte verschärfen, die sie befrieden sollten.</p>
<p>Was ich im Folgenden entwickele, ist kein Gegenentwurf zu den Positionen des Abends, sondern die Vertiefung einer juristischen Perspektive. Vor allem drei Fragen sind in der Veranstaltung aufgeworfen worden, die nicht zu Ende geführt wurden: Die Frage nach der Verantwortung für die Demokratie, die Frage nach dem Verhältnis von Liberalität und Demokratie und die Frage nach den Grenzen verfassungsgerichtlichen Handelns. Sie hängen zusammen und erfordern eine differenzierte Betrachtung.</p>
<h3><strong>Verantwortung für die Demokratie – praktische Politik und das Recht</strong></h3>
<p>Wenn von der Verantwortung für die Demokratie gesprochen wird, bleibt regelmäßig offen, welche Verantwortung eigentlich gemeint ist. Der Begriff trägt im politischen Sprachgebrauch eine erhebliche Mehrdeutigkeit, ohne deren Aufschlüsselung sich die Frage, wer in welcher Hinsicht zur Übernahme aufgerufen ist, nicht sachgerecht beantworten lässt.</p>
<p>Eine erste Unterscheidung trennt die politische von der rechtlichen Verantwortung. Die politische Verantwortung lässt sich in zwei Richtungen aufgliedern. Rückwärtsgewandt geht es um die Ursachen, die populistischen Bewegungen ihren Aufstieg ermöglicht haben. Hier knüpft die Verantwortungsfrage an Philip Manows Analyse der transnationalen Schocks an. Die Beobachtung, dass das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats porös geworden ist und die Globalisierung die Bevölkerungen ungleich trifft. Vorwärtsgewandt geht es um die Sicherstellung politischer Handlungsfähigkeit, also um die Bedingungen, unter denen künftige Schocks abgefedert oder vermieden werden können. Diese beiden Dimensionen politischer Verantwortung sind Aufgaben der gewählten Parlamente und Regierungen, nicht der Justiz.</p>
<p>Die rechtliche Verantwortung ist anders strukturiert. Sie ist verfassungsrechtlich verteilt, gebunden an klar normierte Verfahren und Antragsberechtigte. Ein Parteiverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html">Art. 21 Abs. 2 GG</a>) wird vom Bundesverfassungsgericht auf Antrag entschieden, nicht durch politische Akklamation. Dieses und weitere Verfahren sind keine politischen Optionen, deren Anwendung allein vom Willen der Mehrheit abhängt, sondern Instrumente einer wehrhaften Demokratie, deren Einsatz an rechtliche Voraussetzungen geknüpft ist und deren Entscheidung nach justizförmigen Regeln erfolgt.</p>
<p>An dieser Unterscheidung wird sichtbar, was offenblieb. Christina Morina hatte von <em>„Maßnahmen unterhalb des Parteiverbots“</em> gesprochen, ohne diese näher zu bestimmen. Damit könnten andere rechtliche Instrumente mit niedrigerer Eingriffsintensität, etwa die Grundrechtsverwirkung (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_18.html">Art. 18 GG</a>) gemeint sein. Alternativ könnten sich diese Maßnahmen auf die Ausübung der Versammlungsfreiheit (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_8.html">Art. 8 Abs. 1 GG</a>), beispielsweise in Form von Demonstrationen gegen rechtspopulistische Parteien, also Akte politischer Selbstvergewisserung der Zivilgesellschaft beziehen. Die beiden Antworten liegen auf unterschiedlichen Ebenen und ihre Differenzierung ist wichtig, um nicht Gefahr zu laufen, die politische und die rechtliche Ebene zu vermengen. Wer Demonstrationen mit rechtlichen Instrumenten in eins setzt, verkennt die strukturelle Differenz zwischen politischer Willensbildung und rechtsförmigem Verfahren. Wer umgekehrt rechtliche Instrumente politisch instrumentalisiert, gefährdet ihre Legitimität.</p>
<p>Eine vergleichbare Klärung verlangt der de-facto-Ausschluss der AfD aus parlamentarischer Zusammenarbeit, die sogenannte <em>„Brandmauer“</em>. Solange eine Partei nicht durch das Bundesverfassungsgericht verboten wurde, gilt sie als verfassungsgemäß. Eine Selbstverständlichkeit der parlamentarischen Demokratie ist jedoch auch, dass niemand zur Zusammenarbeit gezwungen werden kann. Ein kategorischer Ausschluss als Programm steht aber in einem Widerspruch zu jener Streitdemokratie, die Christina Morina dem Populismus entgegenstellt, einer Demokratie also, in der unterschiedliche verfassungsmäßige Positionen miteinander ringen, nicht per se ausgeschlossen werden. Dies bedeutet letztlich, dass die Frage von Zusammenarbeit oder Nicht-Zusammenarbeit im konkreten Einzelfall politisch entschieden werden muss.</p>
<p>In diesem Licht gewinnt das Kelsen-Zitat, das die Moderation am Abend einführte, eine andere Bedeutung als die der Hingabe an einen unausweichlichen Untergang. <em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt“</em> verlangt nicht den schicksalsergebenen Verzicht auf die verfügbaren Mittel, sondern in erster Linie die Klarheit darüber, welcher <em>„Fahne“</em> man eigentlich folgt. Das Zitat verweist letztlich auf die Frage, die der gesamte Abschnitt umkreist: Welcher Demokratiebegriff, welcher Liberalitätsbegriff, welche Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit ist die Fahne, an der man festhalten will? Diese Frage präzise zu stellen ist Voraussetzung jeder sinnvollen Übernahme von Verantwortung, da unterschiedliche Verantwortungstypen verschieden auszubuchstabieren sind.</p>
<h3><strong>Liberal und demokratisch – ein prekäres Begriffspaar</strong></h3>
<p>Der Begriff der <em>„liberalen Demokratie“ </em>stand im Verlauf des Abends mehrfach im Zentrum, ohne dass eine wichtige Unterscheidung markiert wurde. <em>„Liberal“</em> trägt im politischen Sprachgebrauch eine doppelte Bedeutung und erst die Trennung dieser beiden Bedeutungsschichten erlaubt eine präzise Beschreibung dessen, wogegen sich rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich richten.</p>
<p>Die erste Bedeutung ist die rechtsstaatliche. Hier meint <em>„liberal“</em> den Schutz vor staatlicher Willkür, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz, die Bindung der vollziehenden und richterlichen Gewalt an Gesetz und Recht im Sinne von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html">Art. 20 Abs. 3 GG</a>. Dies ist die Liberalität, die Christina Morina im Sinn hat, wenn sie von der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> spricht. Es ist dieselbe Liberalität, deren Aushöhlung man in Ungarn und Polen zu Recht kritisierte, weil dort die Unabhängigkeit der Verfassungsgerichtsbarkeit und der ordentlichen Justiz angetastet wurde.</p>
<p>Diese rechtsstaatliche Liberalität findet im Grundgesetz ihren positivrechtlichen Anker in dem Begriff der <em>„freiheitlichen demokratischen Grundordnung“</em>. Sie ist der Maßstab, an dem sich Parteiverbot und Grundrechtsverwirkung orientieren. Als unbestimmter Rechtsbegriff ausgestaltet ist sie weder im Grundgesetz noch einfachgesetzlich abschließend definiert. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hat sie schrittweise ausgefüllt. Von der Negativabgrenzung sie sei das <em>„Gegenteil des totalen Staates“</em> (siehe hierzu auch <a href="https://beck-online.beck.de/Dokument?vpath=bibdata%2Fkomm%2Fmaunzduerigkogg_108%2Fcont%2Fmaunzduerigkogg.htm">Wolfgang Durner in Dürig/Herzog/Scholz Grundgesetzkommentar</a>), so 1952 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/1952/bvg52-059.html">Urteil zum Verbot der Sozialistischen Reichspartei</a> (SRP), 1956 über die Erweiterung durch den Sozialstaatsgedanken in der <a href="https://openjur.de/u/335396.html">Entscheidung zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands</a> (KPD) bis zum engeren Maßstab um das sogenannte Potentialitätsargument 2017 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/01/bs20170117_2bvb000113.html">Urteil zum Verbot der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands</a> (NPD). Die freiheitliche demokratische Grundordnung schützt damit den Kernbestand rechtsstaatlicher und demokratischer Strukturen.</p>
<p>Die zweite Bedeutung ist die gesellschaftspolitische. Hier meint <em>„liberal“</em> die Ausweitung von Minderheitenrechten, eine großzügige Migrationspolitik, die <em>„offene Gesellschaft“</em> <a href="https://fshh.rschr.de/pdf/Karl_Popper_Die_offene_Gesellschaft_und_ihre_Feinde_1_Der_Zauber_Platons_2025-04-06.pdf">im Sinne von Sir Karl Popper</a>. Es ist die Liberalität, die Philip Manow im Blick hat, wenn er von der EU als zugleich neoliberalem und kulturell-progressivem Projekt spricht. Ferner ist es jene Liberalität, gegen die sich die meisten rechtspopulistischen Bewegungen Westeuropas tatsächlich wenden, wenn sie sich an Migration, Diversität oder dem Tempo gesellschaftlicher Veränderung abarbeiten.</p>
<p>Im zusammengesetzten Begriff der <em>„liberalen Demokratie“</em> sind beide Bedeutungen verschmolzen und die Wucht der Verteidigungsrhetorik von welcher Seite auch immer speist sich aus dieser Mischung. Wer eine bestimmte progressive Gesellschaftspolitik ablehnt, zum Beispiel in den Kontexten Genderpolitik, Migration oder Anti-Diskriminierung, sieht sich rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, die Demokratie als solche anzugreifen. Diese Gleichsetzung ist analytisch nicht haltbar. Sie verkennt, dass es nichtdemokratische Rechtsstaaten gegeben hat – zu einem gewissen Grad lässt sich dies über das Deutsche Kaiserreich sagen – und dass umgekehrt eine Demokratie ohne progressive Gesellschaftspolitik denkbar bleibt, ohne deshalb ihre demokratische Substanz zu verlieren – Ungarn zum Beispiel mit der von Viktor Orbán ausgerufenen <em>„illiberalen Demokratie“</em>.</p>
<p>Wo die rechtsstaatliche Liberalität als Mittel angegriffen wird, um eine bestimmte gesellschaftspolitische Agenda durchzusetzen, ist die Kritik berechtigt. Aber die Zielrichtung ist entscheidend: Verfassungsfeindlichkeit im Sinne des Grundgesetzes setzt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine aktiv kämpferische, aggressive Haltung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung selbst voraus. Ein Ablehnen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit ist ein Indiz für Verfassungsfeindlichkeit, das die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seit dem SRP-Urteil entwickelt hat. Eine kritische Position zur Migration, zur Geschwindigkeit der Erweiterung von Minderheitenrechten oder zu einzelnen Aspekten progressiver Gesellschaftspolitik bewegt sich demgegenüber im Rahmen des politischen Diskurses der legitimen politischen Rechten. Sie ist von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html">Art. 5 Abs. 1 GG</a> gedeckt, auch dort, wo sie sich gegen Positionen wendet, die im Grundgesetz selbst verankert sind. Zugespitzt formuliert: Nicht alles, was als <em>„rassistisch“</em> etikettiert wird, ist verboten.</p>
<p>Die vorgenommene Differenzierung ist die Voraussetzung dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus jenseits moralischer Zuschreibungen geführt werden kann, also genau dort, wo das jahrelange Kenntlichmachen als <em>„rassistisch“, „faschistisch“ </em>und<em> „rechtsextrem“</em> nach Christina Morinas Beobachtung wirkungslos geblieben ist.</p>
<h3><strong>Die Verfassungsgerichtsbarkeit – Grenzfragen einer starken Institution</strong></h3>
<p>Die deutsche Verfassungsgerichtsbarkeit ist im internationalen Vergleich besonders stark. Diese Stärke ist eine institutionelle Antwort auf die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insofern Ausdruck einer historischen Lehre. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist aber kein neutrales Instrument und es ist wichtig sich mit diesem Spannungsverhältnis auseinanderzusetzen.</p>
<p>Dafür lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Eine der deutschen vergleichbare Verfassungsgerichtsbarkeit ist kein konstitutives Element eines Rechtsstaats. Italien kennt keinen Individualrechtsschutz vergleichbar der Verfassungsbeschwerde. Der amerikanische Supreme Court entscheidet nur in konkreten Fällen und kennt keine abstrakte Normenkontrolle. Wiederum andere Ordnungen verzichten ganz auf eine eigenständige Verfassungsgerichtsbarkeit. Die deutsche Lösung ist eine bewusste Wahl, deren Hintergrund auch akademisch reflektiert worden ist. Im sogenannten <em>„Hüterstreit“</em> hatten Carl Schmitt und Hans Kelsen gestritten, welche Institution die Verfassung schützen solle – der direkt vom Volk gewählte Reichspräsident mit politischer Autorität oder ein unabhängiges Gericht mit rechtlicher Bindung. Das Grundgesetz hat sich eindeutig für die Sichtweise von Hans Kelsen entschieden. Die Frage ist also nicht, ob es ein Verfassungsgericht geben soll, sondern wie weit es seine Kompetenzen ausschöpft, denn Verfassungsrecht ist politisches Recht.</p>
<p>Mit dieser Aussage ist die strukturelle Spannung benannt, die Philip Manow in der Diskussion angesprochen hat. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist Teil der Rechtsstaatlichkeit. Sie bindet die Legislative an die Verfassung und stellt sicher, dass auch parlamentarische Mehrheiten die Grundrechte und die fundamentalen Strukturprinzipien des Gemeinwesens nicht aushöhlen können. Versteht man Demokratie als Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip, so ist die Bindung gewählter Mehrheiten an die Auslegung der Verfassung durch ein Gericht eine Einschränkung des demokratischen Prinzips.</p>
<p>Diese Einschränkung ist ihrerseits demokratisch legitimiert: Das Verfassungsrecht ist selbst durch eine qualifizierte Mehrheit entstanden und es ist beabsichtigtermaßen weniger flexibel als das einfache Recht. In Zeiten schwieriger politischer Mehrheiten kann diese Einschränkung jedoch zur Lähmung führen. Je enger die verfassungsgerichtlichen Vorgaben, desto geringer der Handlungsspielraum demokratisch gewählter Mehrheiten. Diese Spannung besteht auch dann, wenn das Gericht maßvoll agiert und sie ist konstitutiv für jede Ordnung, in der ein Verfassungsgericht über die Auslegung verfassungsmäßiger Rechte entscheidet. Aber auch ein Hinweis auf die bloße Rechtsanwendung durch das Verfassungsgericht löst den Konflikt nicht auf. Soweit das Verfassungsrecht politisches Recht ist, ist die Verfassungsauslegung ein politischer Akt, nicht im parteipolitischen Sinn, aber im Sinn einer weltanschaulich geprägten Materie, die das Verhältnis von Bürger und Staat regelt. Der Rechtsstaat wird mithin nicht in Stellung gegen die Demokratie gebracht. Es geht um das Austarieren der spannungsbeladenen Grenzfälle des Verhältnisses von demokratischem Mehrheitsprinzip und rechtsstaatlicher Selbstbindung der demokratischen Gewalt an das Verfassungsrecht. Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit juristischen Entscheidens: Juristische Argumentationen versuchen nuanciert und abwägend zu sein. Gerichtliche Entscheidungen hingegen sind binär – verfassungsmäßig oder verfassungswidrig. Gerade in Grenzbereichen wird die Diskrepanz zwischen abgewogener Argumentation und binärem Spruch zum eigenen Problem.</p>
<p>In diesem Zusammenhang setzt die Beobachtung an, die die Juristin aus dem Publikum mit dem Verweis auf Ginsburg eingebracht hat. Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, können den Konflikt verschärfen, den sie befrieden sollten. Roe v. Wade ist das prominenteste Beispiel dafür, dass eine als Befriedung gemeinte Entscheidung den Backlash erst hervorrufen kann, wenn sie die gesellschaftliche Auseinandersetzung aus dem politischen Raum in den juristischen verlagert. Diese Beobachtung ist kein Argument gegen Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist ein Argument für ihre maßvolle Ausübung, da deren Legitimität nicht nur aus ihrer Rechtsbindung, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Vertrauen erwächst. Die Einschätzung, die <em>„Antidiskriminierung“</em> leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab, ist sachlich nicht falsch – ein Jurist würde eher vom Gleichbehandlungsgebot oder Diskriminierungsverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html">Art. 3 GG</a>) sprechen. Sie beantwortet aber nicht die Frage, an welcher Stelle die Konkretisierung dieses grundgesetzlichen Auftrags in die gesellschaftliche Auseinandersetzung gehört und an welcher Stelle das Gericht ihn rechtlich zu sichern hat, zumal der Gleichheitsbegriff des Grundgesetzes sich vom progressiven Anspruch, soziale Unterschiede zwischen Menschen zu minimieren, im Einzelfall durchaus zu unterscheiden vermag.</p>
<p>Vielleicht muss man die Frage aber auch anders formulieren: Was gehört eigentlich in eine Verfassung hinein? Eine Verfassung kann sich auf Staatsorganisation und groben Rahmen beschränken, oder sie kann bestimmte politische Inhalte festschreiben – das Beispiel der Schuldenbremse oder Einschränkungen in der Zusammenarbeit von Bund und Ländern zeigen, dass die zweite Möglichkeit nicht hypothetisch ist. Beide Wege sind legitim, aber sie haben unterschiedliche Konsequenzen. Je mehr politische Substanz in der Verfassung selbst kodifiziert ist, desto weniger bleibt der politischen Auseinandersetzung überlassen und desto stärker wird das Verfassungsgericht zum Schiedsrichter über Fragen, die ihrer Natur nach politisch sind. Die jüngste Stärkung des Bundesverfassungsgerichts durch die Aufnahme zentraler Strukturentscheidungen ins Grundgesetz, deren Änderung nun eine Zweidrittelmehrheit erfordert, sichert die institutionelle Unabhängigkeit ab. An der inhaltlichen Spannung zwischen verfassungsgerichtlichen Vorgaben und elektoraler Responsivität ändert sie nichts. Diese Spannung ehrlich zu benennen, ist keine Schwächung der Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist die Voraussetzung ihrer Legitimität.</p>
<h3><strong>Die Stärke der liberalen Demokratie: Pluralismus</strong></h3>
<p>Was hat das Gespräch zwischen Christina Morina und Philip Manow geleistet? Beide sprachen aus der Perspektive ihrer Disziplin über gesellschaftliche Spaltung in Zeiten des Rechtspopulismus zu sprechen und hat dabei die Zukunft der Demokratie in den Blick genommen. Beide hatten starke Thesen und überzeugende Argumente. Allerdings ist der Abend eine Beobachtung schuldig geblieben, denn der Diskurs über die Spaltung der Gesellschaft ist selbst gespalten. Er ist es disziplinär, weil historische und politikwissenschaftliche Perspektive ihre methodische Differenz nicht ohne Weiteres überwinden können. Und er ist es begrifflich, weil zentrale Wörter wie <em>„Demokratie“</em>, <em>„Liberalität“</em>, <em>„Verantwortung“</em>, <em>„Rechtsstaat“</em> mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzt werden können.</p>
<p>Neben diese mehrfache Spaltung tritt eine inhaltliche Leerstelle, die mit dem Titel der Veranstaltung in einem eigentümlichen Verhältnis steht. Der Titel <em>„Spaltungslinien“</em> versprach eine Topografie. Aber wo verlaufen sie eigentlich? Christina Morina benannte die Spaltung zwischen ostdeutscher und westdeutscher Demokratiesozialisation. Philip Manow hat eine benannt, als er von Akademikern und Nichtakademikern, von portablen und nicht portablen Fähigkeiten sprach. Der Begriff der Globalisierungsverlierer schwebte als Hintergrundannahme über beiden Beiträgen. Aber zwischen Stadt und Land, zwischen ärmeren und wohlhabenderen Milieus, zwischen staatsnahen und staatsskeptischen Bevölkerungsteilen, zwischen progressiver Moralkultur und pragmatischer Mittelschicht verläuft noch eine Vielzahl weiterer Spaltungslinien, die für die realitätsnahe Abbildung unserer Gesellschaft geradezu essentiell sind. Dabei kreuzen sich diese Linien und gerade in ihrer Überlagerung entscheidet, wer wo zu verorten ist. Wer nur die Bildungslinie nennt, sieht die Konstellation nicht, in der jemand akademisch gebildet, aber wirtschaftlich prekär, ostdeutsch sozialisiert und gleichwohl staatsnah ist – oder umgekehrt. Genau diese Überlagerung macht aber jene pauschalen Zuschreibungen unwirksam, deren Wirkungslosigkeit Christina Morina als Befund festgehalten hat.</p>
<p>Damit kehrt das Kelsen-Zitat zurück, mit dem die Moderation den Abend rahmte. Welcher Fahne treu bleiben, wenn das Schiff sinkt? Christina Morina hatte gegen Ende auf <a href="https://www.iwm.at/fellow/ivan-krastev">Ivan Krastev</a> verwiesen und dessen Frage in den Raum gestellt, warum es eigentlich die liberale Demokratie sein solle und worin die Stärke dieser Ordnung liege. Drei Antworten stehen zur Debatte und sie sind nicht ohne Weiteres miteinander identisch: Das demokratische Mehrheitsprinzip, die rechtsstaatliche Liberalität und die offene Gesellschaft im progressiven Sinn. Im politischen Sprachgebrauch werden sie miteinander verschmolzen und treten erst dort auseinander, wo sie in Konflikt geraten. Die Stärke der liberalen Demokratie liegt vermutlich nicht in ihrer moralischen Selbstgewissheit, sondern in ihrer Fähigkeit, echte Konflikte zwischen Gesellschaftsgruppen zivilisiert auszutragen, in jener Streitdemokratie also, von der Christina Morina im Kontrast zum populistischen Anspruch auf den einheitlichen Volkswillen sprach. Diese Streitdemokratie verlangt, dass alle Positionen, die nicht die hohe Schwelle aktiv-kämpferischer Verfassungsfeindlichkeit überschreiten, miteinander ringen können. Sie verlangt das auch dort, wo man die jeweils andere Position für falsch oder anstößig hält. Der Fahne der liberalen Demokratie treu zu sein, kann jeder politische Standpunkt für sich in Anspruch nehmen, unabhängig davon, ob er progressiv oder konservativ, links oder rechts argumentiert. Entscheidend ist nicht die Position, sondern die Bereitschaft, sich an die Spielregeln zu halten, die das Ringen um die richtige Lösung überhaupt ermöglichen.</p>
<p><strong>Matteo Gentile</strong>, Bielefeld</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 9. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer)</p>
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		<title>Der endlose Weg zur „Integration“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 07:11:31 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der endlose Weg zur „Integration“ Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal „Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der endlose Weg zur „Integration“</strong></h1>
<h2><strong>Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal</strong></h2>
<p><em>„Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin ich Lena Gorelik, ich bin die deutsch-jüdische, die deutsch-russische, die russisch-deutsche, die jüdisch-deutsche, die russisch-jüdische Autorin, ich habe sicher eine Mischung, eine Zuschreibung vergessen, ich bin auch noch, so sagen sie, engagiert. Ich bin die engagierte Autorin, die politische, die feministische, die queere, ich darf nie Autorin ohne Adjektiv sein.“ </em>(Lena Gorelik, <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/ich-schreibe-weil-ich-glaube-ich-bin/">Ich schreibe, weil ich, glaube ich bin</a>, Berlin, Verbrecher Verlag, 2024)</p>
<p>Wenn die Menschen um jemanden herum glauben, dass zwei dieser Adjektive, die im gängigen Polit-Jargon <em>„Identitäten“</em> genannt werden, sich nicht vertragen, sind wir für den Fall, dass die Träger:innen dieser Adjektive sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz dennoch mögen oder gar lieben sollten, schnell bei einer mehr oder weniger melodramatischen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal gibt es ein Happy End, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/">so bei Meron Mendel und Saba-Nur Cheema</a>, er Deutscher, Israeli und Jude, sie Deutsche, das Kind pakistanischer Eltern und Muslima. In einer ihrer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten Kolumnen unter der Überschrift „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ (2024 in einer Sammlung bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen) haben sie die Bindestriche ihres Lebens, mit denen sie ihre Kindererziehung praktizieren (müssen), in die Formel gepackt: <em>„Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“</em>. Aber vielleicht sind alle Debatten um die sogenannte <em>„Integration“</em> Kapitel einer endlosen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal mit glücklichem, viel zu oft jedoch mit tragischem Ausgang.</p>
<h3><strong>Die „Privilegierte“</strong></h3>
<div id="attachment_7886" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207083/Die-Demokratie-der-anderen-Was-der-Kampf-um-Zugehoerigkeit-mit-uns-macht-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7886" class="wp-image-7886 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Die_Demokratie_der_anderen_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7886" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Zuschreibungen mit und ohne Bindestrich sind Alltag für <a href="https://dietz-verlag.de/autor/2354/souad-lamroubal">Souad Lamroubal</a>, nur haben nicht alle ihre Kundinnen und Kunden die Ressourcen, über die sie, Meron Mendel und Saba-Nur Cheema verfügen, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Vielen fehlt die Sprache, fehlen die Begriffe, das zu beschreiben, was für sie wichtig ist, um ein sicheres und respektiertes Leben in Deutschland zu führen. Souad Lamroubal verfügt sogar über eine ganz besondere Ressource: Sie ist Beamtin.</p>
<p>Souad Lamroubal wurde im Jahr 1982 in Dormagen (Rhein-Kreis Neuss) geboren. Sie arbeitete 15 Jahre in der Bonner und zwei Jahre in der Düsseldorfer Stadtverwaltung. Seit 2024 leitet sie in Niederkassel (Rhein-Sieg-Kreis) die Stabsstelle „Gleichstellung und Inklusion“, die direkt beim Bürgermeister angesiedelt ist. Seit 2021 beteiligt sie sich an der Bielefelder Mitte-Studie, deren 2025-er Ausgabe unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder Raus? Immer rund um die Mitte“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt wurde.</p>
<p>Im Bonner Dietz-Verlag hat sie zwei Bücher veröffentlicht: „Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ (2023) und „Die Demokratie der anderen – Was der Kampf um Zugehörigkeit mit uns macht“ (2025). Ein drittes Buch bereitet sie zurzeit vor. Sie betont, dass sie aus einer ganz bestimmten Perspektive schreibt, die sich jedoch nicht auf einen klar definierbaren und eindeutigen Begriff bringen lasse. Einige der zurzeit gängigen Begriffe sind inzwischen zu Kampfbegriffen geworden, beispielsweise <em>„Mitte“</em>,<em> „Integration“</em>,<em> „Normalität“, „Diversität“, „Zugehörigkeit“, „Einwanderungsland“, „Minderheit“ oder eben auch „Migrationshintergrund“ und „Zuwanderungsgeschichte“. </em>Sie grenzen ab, sie grenzen ein, sie werten ab, sie schließen aus. All solche Begriffe stellt Souad Lamroubal in ihren Büchern zur Disposition. Sie fragt nach der <em>„Deutungshoheit“</em>: Wer darf über Menschen urteilen? Mit welchen Konsequenzen? Haben wir überhaupt eine Sprache und Begriffe, um die jeweils mitschwingenden Macht- und Gewaltverhältnisse zu sprechen? Johan Galtungs bekannte Studie „Strukturelle Gewalt“ (Reinbek, Rowohlt, 1982) erhält in Einwanderungsgesellschaften eine erweiterte Bedeutung.</p>
<p>Die persönliche Geschichte von Souad Lamroubal ist eine Aufstiegsgeschichte, eine Geschichte von Empowerment und Selbstwirksamkeit. Sie sagt daher, sie sei <em>„privilegierter“</em> als viele andere. Als Beamtin erfüllt sie eine hoheitliche Aufgabe, sie darf über die Zukunft von Menschen entscheiden, die wie sie aus einer Familie kommen, die ihr <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> nicht über Generationen nachweisen können. Hier gibt es natürlich Abstufungen, Hierarchien, zahlreiche individuelle Geschichten. Und dennoch erwecken Politik und Medien immer wieder den Eindruck, als handele es sich durchweg um Geflüchtete (im allgemeinen Sprachgebrauch <em>„Flüchtlinge“</em>) beziehungsweise <em>„Asylbewerber“</em>, die ihren Aufenthalt in Deutschland wie in einer Casting-Show erwerben wollten. Dabei spielen ihre Fähigkeiten nur eine geringe Rolle. Entscheidend ist für Politik und Medien offenbar die Frage, warum sie aus einem Land, dass allgemein als <em>„Heimatland“</em> bezeichnet wird, unbedingt nach Deutschland kommen wollen oder müssen.</p>
<p>Souad Lamroubal hat als Kommunalbeamtin vielleicht sogar den höchstmöglichen Grad von <em>„Integration“</em> erreicht: <em>„Ich bin so privilegiert, mitentscheiden zu dürfen, wer ein Stigma tragen muss und wer nicht.“</em> Es kann lange dauern, bis jemand dieses <em>„Stigma“</em> der Nicht-Zugehörigkeit verliert. Wenn Sportler:innen mit einem nicht genuin deutsch klingenden Namen eine Medaille bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen, wird dies zwar in Medien und Politik akzeptiert, ihre Einbürgerung wird, wenn erforderlich, rechtzeitig vor entscheidenden Wettkämpfen schnell <em>„gewährt“ </em>– so heißt das im deutschen Amtsjargon –, aber damit ist noch nichts über Erlebnisse und Erfahrungen dieser Sportler:innen und ihrer Familien im deutschen Alltag außerhalb der Sportarenen gesagt. Das <em>„Stigma“</em> trifft auch sie. Torsten Körner hat in seinem Film <a href="https://www.schwarzeadler-film.com/team">„Schwarze Adler“</a> über Schwarze Profifußballer:innen in Deutschland diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-haesslichen-gesichter-des-fussballs/">hässliche Seite des deutschen Fußballs</a> dokumentiert.</p>
<p>Souad Lamroubal betont in ihren beiden Büchern, dass sie selbst sich zwar als <em>„privilegierte deutsche Migrationsexpertin“</em> betrachten darf, gleichzeitig aber all die exkludierenden Mechanismen erlebt, mit denen Menschen mit einem nicht genuin als deutsch wahrgenommenen Namen, mit einer dunkleren Hautfarbe oder gar einer anderen als der christlichen Religion (Zwischenfrage: Wie viele Deutsche sind heute noch praktizierende Christ:innen?) drangsaliert und abgewertet werden.</p>
<p>Gleichzeitig sind die Bücher von Souad Lamroubal ein eindrucksvolles Plädoyer für Empowerment und Teilhabe. Es reicht nicht aus, Anlässe für Benachteiligung und Diskriminierung anzuprangern. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Selbstwirksamkeit und Resilienz wirken, sodass letztlich der lange Weg zur sogenannten <em>„Integration“</em> abgeschlossen werden kann. Bleibt ein frommer Wunsch, dass dies gelingen könnte? Oder gibt es kein Ende auf dem langen Weg der <em>„Integration“</em> in die <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em>? Mehr oder weniger selbsternannte Vertreter:innen dieser <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, wer dazugehören wolle, müssen sich an eine <a href="https://www.gra.ch/bildung/glossar/leitkultur/"><em>„Leitkultur“</em></a> anpassen, obwohl sie selbst kaum beschreiben können, was dies eigentlich sei. Die Forderung nach einer solchen <em>„Leitkultur“</em> lässt sich allenfalls in ihrer Funktion beschreiben. Sie ist Teil einer Inszenierung der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> als <a href="https://migrations-geschichten.de/dominanzkultur-dominanzgesellschaft/"><em>„Dominanzgesellschaft“</em> oder <em>„Dominanzkultur“</em></a> (Birgit Rommelspacher). Es geht letztlich um Macht, um – so Souad Lamroubal – <em>„Deutungshoheit“</em>.</p>
<h3><strong>Kommunizierende Röhren: Mehrheit(en) und Minderheit(en)</strong></h3>
<p>Das Elend von Menschen, die einer Gruppe angehören, die in der Gesellschaft als <em>„Minderheit“</em> bezeichnet wird, ist ungeachtet verschiedener Abstufungen die ständige Erfahrung, dass jemand jemanden auf eine bestimmte <em>„Identität“</em> festlegen will und diese dann möglichst auch noch mit dem bestimmten Artikel versieht, sodass der Eindruck entsteht, als gelte das, was man von dieser einen Person denkt, für alle Personen gleichermaßen, die in irgendeiner Form diese mutmaßliche Identität teilen. Dann entstehen die allseits bekannten Bilder von <u>dem</u> Juden, <u>dem</u> Afrikaner, <u>dem</u> Araber, <u>dem</u> Türken. Eine Besonderheit in dieser Bilderfolge ist <u>der</u> Islam: Niemand spricht von <u>den</u> Muslimen, es geht gleich um die Religion an sich, von der interessierte Angehörige der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> behaupten, dass sie mit <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em>, wahlweise der <em>„Demokratie“</em>, grundsätzlich nicht kompatibel wäre.</p>
<p>Diese Liste ist beliebig erweiterbar und hat etwas sehr Selbstreferentielles. Denn mit der Bezeichnung eines anderen mit dem bestimmten Artikel bezeichnet man letztlich sich selbst, so inszeniert man sich dann als <u>der</u> Deutsche und konstruiert eine binäre Sicht auf <u>die</u> Welt und <u>die</u> Menschen. All diese Bezeichnungen und Selbstbezeichnungen sind letztlich Gewaltakte mit dem grundlegenden Ziel der Bestätigung von Machtstrukturen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei solchen Bildern die weiblichen Bezeichnungen systematisch vermieden werden.</p>
<p>Usch Kiausch hat dies in einem Essay mit dem Titel „Expeditionen in die literarischen Universen von Doris Lessing und Margaret Atwood“ auf den Punkt gebracht (in: Usch Kiausch, <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2047">Andere Welten – Interviews zur Science Fiction Band 1 Die weibliche Perspektive</a>, Berlin, Memoranda, 2023). Es ist die Sprache, mit der Herrschaft ausgeübt und ihre Dauer gesichert wird. <em>„Bei Atwood kann der theokratische Fundamentalistenstaat Gilead seine Macht nur dadurch aufrechterhalten, dass den Frauen Schrift und Literatur – und damit das Wissen – verboten wird.“</em> Treffender kann man die politischen Fantasien eines Donald J. Trump und eines Vladimir Vladimir Vladimirowitsch Putin nicht beschreiben.</p>
<p>Autoritäre und totalitäre Regime festigen ihre Macht, indem Wörter verboten, mit einer anderen Bedeutung versehen werden, siehe George Orwells Konzept des <em>„Newspeak“</em>, siehe die <a href="https://www.diepresse.com/19458933/die-mehr-als-200-woerter-die-donald-trump-behoerden-verboten-hat">Liste der von der Trump-Regierung verbotenen Wörter</a>. Komplexes wird in binären Strukturen, Gut und Böse, Freund und Feind, männlich und weiblich, <em>weiß</em> und Schwarz aufgelöst. Dieses Verfahren tan Carl Schmitts Definition der <em>„Souveränität“. </em>Der <em>„Souverän“</em> bestimmt, was in der Wissenschaft erforscht werden darf, was Museen zeigen dürfen, was im Theater gespielt werden darf, was nicht, was Staaten, was Kommunen fördern und was sie verdammen. <em>„Identität“</em> gibt es dann nur noch im Singular, als <em>„Norm“</em> (die AfD plakatiert <em>„Deutschland, aber normal“</em>) und sie definiert sich durchweg durch ihr Gegenteil. Sylvia Sasse hat diese Strategie in ihrem Essay <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">„Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik“</a> (Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023) an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll analysiert.</p>
<p>Dies gilt auch für das Verhältnis von <em>„Minderheit“</em> und <em>„Mehrheit“</em> zueinander. <em>„Minderheit“</em> ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zuschreibung aus Sicht einer sich selbst als <em>„Mehrheit“</em> inszenierenden Gruppe. <em>„Minderheit“ </em>und<em> „Mehrheit“</em> werden in diesem Sprachgebrauch auf eine ganz bestimmte Rolle reduziert. Die Macht der <em>„Mehrheit“</em> bestätigt sich, weil sie andere auf den Status der <em>„Minderheit“</em> festzulegen versteht. Die Existenz von <em>„Minderheiten“</em> ist für das Selbstbewusstsein so mancher Mitglieder der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> konstitutiv. Wenn Mitglieder von <em>„Minderheiten“</em> jedoch nicht mehr auf eine einzige Rolle reduziert würden, hörten sie auf „<em>Minderheiten“</em> zu sein. Der ausschließende, diskriminierende Blick hätte sich aufgelöst und wäre möglicherweise nur noch eine historische Erinnerung, die Macht der <em>„Mehrheit“</em> zerfiele. Jedes einzelne Mitglied einer <em>„Minderheit“</em> hingegen würde als eigenständige und in der Gesamtgesellschaft gleichberechtigte Persönlichkeit wahrgenommen, mit all ihren verschiedenen Eigenschaften.</p>
<p>Exklusivität erhält eine doppelte Bedeutung, einerseits in der Selbstbestätigung der sich Inkludierenden, andererseits in der Exklusion derjenigen, die eben nun partout nicht dazu gehören (sollen). Wer zur <em>„Minderheit“</em> gezählt wird, bleibt letztlich austauschbar – oder kann wie in den zu Beginn dieses Essays zitierten Sätzen von Lena Gorelik beschrieben – jederzeit neu gefasst und erweitert werden. Die Spielregeln der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> ändern sich sozusagen im laufenden Verfahren. Wer gestern noch ein:e respektierte:r Bürger:in war, kann morgen zur Staatsfeind:in werden. Souad Lamroubal spricht in „Yallah Deutschland“ explizit <em>„Deutschland“</em> an: <em>„Ich lasse jetzt mal unkommentiert, dass Deine Definition von Minderheiten längst überholt ist und wir das mit dem Zählen noch mal lernen müssen. (1, 2, 3, 4, 5, 6…).“</em></p>
<h3><strong>„<em>Deutsch<u>sein</u>“ </em>und<em> „Deutsch<u>werden</u>“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7887" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801206369/Yallah-Deutschland-wir-muessen-reden-Aus-dem-Leben-einer-deutsch-marokkanischen-Beamtin-Souad-Lamroubal"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7887" class="wp-image-7887 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Souad_Lamroubal_Yallah_Deutschland_DietzVerlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7887" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Souad Lamroubal ist Deutsche, sie ist Marokkanerin, sie ist Beamtin, sie ist Mutter, sie engagiert sich in ihrem Privatleben ehrenamtlich, sie ist Buchautorin. Es ließen sich noch manch andere Rollen ergänzen. <em>„Integration“ </em>ist jedoch auch eine Frage des Standorts. Dies erlebt Souad Lamroubal in Marokko, dem Herkunftsland ihrer Eltern, wo sie erlebt, dass ihre Mutter dort <em>„glücklich“</em> ist, sie sich selbst jedoch als <em>„Ausländerin“</em> fühlt. <em>„Integration“</em> ist ein Prozess. Die erste Generation in Deutschland (nicht nur die Gastarbeitergeneration) lebt in der Regel in <em>„Abhängigkeit ohne Zugehörigkeit“</em>. Souad Lamroubal hat zwei Kinder, die sozusagen die dritte Generation einer Familie sind, die den Weg nach Deutschland gefunden hat, aber immer wieder auch mit den Problemen zu kämpfen hat, die die erste Generation erlebte, jedoch diese oft beschwieg, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. <em>„Zugehörigkeit“</em> ist relativ, Eigenschaften, aus denen in der Mehrheitsgesellschaft auf eine <em>„Nicht-Zugehörigkeit“</em> geschlossen wird, werden mitunter geradezu vererbt. Dies erlebt Souad Lamroubal unmittelbar bei ihrem Sohn (dazu später).</p>
<p>In ihren Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal den Begriff der <em>„Integration“</em>, möchte – so schreibt sie in der Einführung von „Die Demokratie der anderen“ <em>„die Realität hinter der Fassade“ </em>entlarven: <em>„Integration“</em> wirke in Wirklichkeit <em>„wie eine Probezeit“</em>, eine <em>„Bewährungszeit“</em>, die offenbar jede Generation für sich ungeachtet unterschiedlicher Ausgangslagen wieder neu durchlaufen muss<em>.</em> Ein Ende dieser Zeit scheint nicht absehbar. Daraus schließt Souad Lamroubal: <em>„Ich bin nicht integriert“</em>. <em>„Integriert“</em> ist offensichtlich nur, wer <em>„funktioniert“</em>, aber: <em>„Was ist eigentlich die Bezeichnung für Deutsche, die nicht funktionieren?“ </em>Und was bedeutet eigentlich <em>„funktionieren“</em>? Sind die syrische Pflegekraft, der polnische Handwerker, die iranische Ärztin, die libanesische Abiturientin <em>„integriert“</em>? Offensichtlich <em>„funktionieren“</em> sie, werden als Fachkräfte geschätzt, aber reicht dies aus? Je nach Aufenthaltsstatus sind sie nicht vor Anfeindungen oder gar vor einer Abschiebung aus Deutschland geschützt.</p>
<p>„Die Demokratie der anderen“ enthält 21 Kapitel, jedes ein Statement, das auch für sich gelesen werden kann. Im Vorwort schreibt Souad Lamroubal: <em>„Ein Buch, das nicht anklagend wirkt, sondern einen Perspektivwechsel ermöglicht</em> <em>und in jeglicher Art und Weise den Zusammenhalt fördert. Dennoch werden Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen. Aber das hat weniger mit diesem Buch als mit ihren eigenen Ängsten und Konflikten zu tun.“</em> So werden rassistische oder rassifizierende Äußerungen zu Projektionen, zu Spiegelungen eigener Unsicherheiten oder zumindest zu vor- oder unbewussten Annahmen, was es mit einem <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> auf sich haben könnte, das in der Gesellschaft die <em>„Norm“</em>, die <em>„Leitvorstellung“</em> wäre, der alle zu folgen hätten: <em>„Ich schaue in die Zeit zurück, in der es bei mir nicht ums Deutsch<u>sein</u>, sondern ums Deutsch<u>werden</u> ging. Was machte das Deutsche so wertvoll für mich?“ </em>Manche verkrampfen angesichts des ständigen Gefühls, trotz aller Anstrengungen zu scheitern: <em>„Wieso versuchen viele, so krankhaft zu beweisen, dass sie deutsch sind? Wieso ist auch mir das so wichtig? Ich frage mich, ob wir die richtigen Debatten führen.“ </em>Letztlich ist <em>„Deutsch<u>sein</u>“</em> ebenso wenig klar definierbar wie <em>„Mitte“, „Integration“ </em>und all die anderen Begriffe, mit denen über Ein- und Zuwanderung, über Migration gesprochen wird.</p>
<p>„Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ klingt durch den Untertitel „Aus dem Leben einer deutsch-marokkanischen Beamtin“ – hier wieder der Bindestrich, möglicherweise ein Ergebnis des Lektorats – autobiographisch, doch bietet das Buch viel mehr als Einblicke in die individuellen Erlebnisse und Erfahrungen eines einzelnen Menschen. Probleme löst man nicht, indem man auf einzelne Schuldige verweist, eine Hol- oder Bringschuld beschreibt, sondern indem man Strukturen verändert. Vielleicht ist es – <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">so beispielsweise Marina Weisband</a> – ein ständiges Manko (nicht nur) der deutschen Politik, nachhaltige Strukturveränderungen zu scheuen.</p>
<p>„Yallah Deutschland“ ist ein langer Brief von Souad Lamroubal an Deutschland, das die Autorin mit <em>„Du“</em> – großgeschrieben – direkt anspricht. Das bedeutet wiederum nicht, dass Deutschland eine Art Kollektivpersönlichkeit besäße, in der alle Deutsch-Deutschen (den Bindestrich muss ich mir einfach erlauben) kollektiv das Gleiche denken und fühlen, so als wären sie alle eine Variante der Borg wie wir sie aus der Star-Trek-Welt kennen. Es geht hier aber nicht um den Versuch, allen Deutsch-Deutschen eine kollektive Identität zuzuschreiben, sondern um die in dieser deutschen Gesellschaft von einer beträchtlichen Zahl von Mitgliedern der <em>„Mehrheitsgesellschaft“</em> verursachten Gefühle, um die von vielen – oft auch gewollt und systematisch – verursachten Hindernisse, die sprichwörtlichen Steine, die jemandem in den Weg gelegt werden und ihn:sie hindern, am gesellschaftlichen, beruflichen, politischen Leben teilzuhaben. Es geht letztlich um ein Land, das Strukturen verändern muss, beispielsweise eine beschleunigte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, die Berechtigung, nicht nur Steuern zu zahlen, sondern auch an Wahlen teilzunehmen. Und für diese Strukturveränderungen müssen Mehrheiten geschaffen werden. Wenn dies gelänge, würde – so Souad Lamroubal – irgendwann die <em>„Demokratie der anderen“</em> zu einer <em>„Demokratie für alle“</em>.</p>
<p>Doch der Weg zu einer <em>„Demokratie für alle“ </em>ist noch weit. Souad Lamroubal sieht sich gerne in der <em>„Rolle der Europäerin“</em>, andererseits: <em>„Ich bin Teil einer rassistischen Gesellschaft, Rassismus wird durch die Strukturen des Landes begründet.“</em> Solange <em>„Demokratie“</em> in Deutschland aus Sicht von Menschen mit Ein- und Zuwanderungsgeschichte, in welcher Generation auch immer, ein <em>„Privileg“</em> der autochthonen Bevölkerung bleibt, eben jene <em>„Demokratie der anderen“</em>, stellt sich dieselbe Frage immer wieder neu: <em>„Deutsch<u>sein</u>“ </em>wird zu einem ständigen Prozess des <em>„Deutsch<u>werdens</u>“</em>. Man kann sich mit der Zeit davon lösen, aber es bleibt doch immer wieder <em>„die Suche nach Heimat, Identität, aber vor allem nach Gerechtigkeit, die mich treibt.“</em> Souad Lamroubal konstatiert: <em>„Heimat ist dort, wo ich frei sein kann.“</em> Ein weiterer Kampfbegriff, der es inzwischen auch in die Benennung deutscher Ministerien geschafft hat, ist eben diese <em>„Heimat“</em>, wo auch immer diese verortet wird.</p>
<p>Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah haben 14 Autor:innen versammelt, die in dem Band <a href="https://www.ullstein.de/werke/eure-heimat-ist-unser-albtraum/taschenbuch/9783548069296">„Eure Heimat ist unser Albtraum“</a> (Berlin, Ullstein, 2019) die Wirkungen dieses <em>„Kampfbegriffs“</em> ausgehend von Alltagsbegriffen illustrieren, beispielsweise: <em>„Arbeit“</em> (Fatma Aydemir), <em>„Vertrauen“</em> (Deniz Utlu), <em>„Liebe“</em> (Sharon Dodua Otoo), <em>„Essen“</em> (Vina Yun), <em>„Zusammen“</em> (Simone Dede Ayivi). Olga Grjasnowa schrieb über <em>„Privilegien“</em>: <em>„Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere.“</em> Auch die Künste sind in diesem Sinne hierarchisierbar. Was ist – so Olga Grjasnowa – eigentlich <em>„Migrationsliteratur“</em> oder <em>„Weltmusik“</em>?</p>
<p>Seit Erscheinen dieses Buches im Jahr 2019 ist die Welt nicht gelassener geworden, im Gegenteil: Der Ton verschärft sich. Viele Menschen fühlen sich in eine Ecke gedrängt, aus der sie kaum noch herauszufinden glauben, abgesehen von so manchem intellektuellen Zweckoptimismus, denn Aufgeben ist auch keine Lösung. Prominentes Beispiel ist der dialogisch aufgebaute Band <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/max-czollek-hadija-haruna-oelker-alles-auf-anfang-9783103976861">„Alles auf Anfang – Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“</a> von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025). Dieses Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Gefühle von Menschen, die das nachhaltig wirkende Gefühl haben, sie gehörten in dieser deutschen Gesellschaft einfach nicht dazu. Man muss dieses Buch bis zum Ende durchhalten, um eine optimistische Perspektive zu entdecken. Die beiden Autor:innen verwenden das Bild einer <em>„Tischgemeinschaft“</em>, an der eigentlich <em>„genug Platz für alle“</em> sein sollte, ein Bild, das Aladin El-Mafalaani in seinem Buch <a href="https://www.mafaalani.de/integrationsparadox">„Das Integrationsparadox“</a> eingeführt hatte (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2018).</p>
<h3><strong>Wer <u>ist</u> WIR?</strong></h3>
<p>So ist das bei uns, so heißt es immer wieder. Es wäre schön, wenn dieses <em>„Wir“</em> inklusiv gedacht wäre. Müsste es nicht heißen: Wer <u>sind</u> <em>„WIR“</em>? Souad Lamroubal zitiert in „Yallah Deutschland“ die Literaturnobelpreisträgerin <a href="https://www.perlentaucher.de/autor/toni-morrison.html">Toni Morrison</a>: <em>„Es gibt keine Fremden, sondern nur unterschiedliche Versionen unserer selbst.“ </em>Es ist dieselbe Botschaft, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-gibt-eben-nicht-nur-die-eine-geschichte/">Chimanda Ngozi Adichie</a> in ihrem TED-Talk <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> vermittelt. Gefundene, zugeschriebene und andere Identitäten, die mit einem <em>„Wir“</em> der Mehrheitsgesellschaft verbinden oder davon trennen, beschreiben afrodeutsche Autor:innen, wie sie Jeannette Oholi (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fuer-eine-germanistik-der-radikalen-vielfalt/">„Für eine ‚Germanistik der radikalen Vielfalt‘“</a>) in ihren Büchern vorstellte, oder die Berliner Autorin schwäbischer Herkunft Dilek Güngör (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vor-dem-spiegel/">„Vor dem Spiegel“</a>). Es ließen sich noch viele andere zitieren. Souad Lamroubal fügt ihnen die Perspektive einer deutschen Beamtin hinzu, die sich gleichermaßen wissenschaftlich, pädagogisch, literarisch und aktivistisch engagiert, all dies als Mittel gegen <em>„die Überforderung aus der Vergangenheit“.</em> Es sind letztlich die Strukturen, die Institutionen, die zählen und die auf ihren <em>„institutionellen Rassismus“ </em>überprüft werden müssten.</p>
<p>Die Forderung nach <em>„Integration“</em> heißt letztlich immer wieder: Werdet so wie <em>„wir“</em>, eine Formel, mit der:die Sprecher:in sich selbst zu einer <em>„Norm“</em> erklärt. In beiden Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal dieses <em>„Wir“</em>. Sie verweist darauf, dass sie sich an der Kampagne <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/ichduwirnrw">„#IchDuWirNRW“</a> des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt hat. <em>„Ich bin kein Opfer. Betroffen ja, aber kein Opfer. Ich sollte mich da nicht so reinsteigern. Es geht mir gut. (…) Ich bin definitiv privilegiert. Ich gehöre dazu. Ich darf an der langen Schlange vorbeilaufen und nach oben in mein schönes Büro mit Blick auf die Warteschlange unten.“</em></p>
<p>Souad Lamroubal formuliert stets nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, <em>„dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“</em></p>
<p>In meinem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">Essay zur Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> habe ich versucht, den Begriff der <em>„Mitte“</em> mit anderen Begriffen zu verbinden, die eine Art von Gemeinschaftsgefühl einer wie auch immer gearteten Mehrheit in unserer Gesellschaft erzeugen sollen. Dazu gehören beispielsweise <em>„bürgerlich“</em>,<em> „Familie“</em>, auch<em> „Demokratie“</em>. Sobald ein Begriff eine fiktive Gemeinschaft beschreiben soll, stellt sich die Frage nach denjenigen, die nicht zur Gemeinschaft gehören, die <em>„Anderen“</em>, die nicht zum <em>„Wir“</em> gehören (sollen).</p>
<h3><strong>Bürokratie der Exklusion</strong></h3>
<p>Sobald darüber gesprochen wird, dass wer auch immer nicht beziehungsweise noch nicht oder nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört, zu der man sich selbst zugehörig fühlt, verschieben sich politische Debatten und Verwaltungspraxis. In „Yallah Deutschland“ vermerkt Souad Lamroubal, dass die Umsetzung des <a href="https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/aufenthg/1.html">„Aufenthaltsgesetzes“</a> nicht in einer <em>„Willkommensbehörde“</em>, sondern in einer <em>„Ordnungsbehörde“</em> erfolgt. Hinzu kommt die Frage, wie viel Zeit die Sachbearbeiter:innen oder unterstützende Beratungsstellen haben, sich um jemanden zu kümmern. In der Regel zu wenig. Fließbandarbeit? Souad Lamroubal fragt, warum es eigentlich keine Studien zu rassistischen beziehungsweise rassifizierenden Strukturen in Ausländerbehörden gibt.</p>
<p>Souad Lamroubal beschreibt zahlreiche Aspekte einer Bürokratie, die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in der Ausländerbehörde einer Kommune vorsprechen, das Leben erschweren. Dazu gehören höchst komplizierte Anerkennungsverfahren von im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen. Je nachdem, welche Ereignisse neue Wanderungsbewegungen verursachen, befindet sich eine Ausländerbehörde im <em>„Ausnahmezustand“. </em>Nach Carl Schmitt ist souverän, wer über den <em>„Ausnahmezustand“</em> entscheidet. So zeigt sich, dass der Streit zwischen Angela Merkel (<em>„Wir schaffen das“</em>) und Horst Seehofer (<em>„Wir schaffen das nicht“</em>) letztlich ein Streit um Macht war, nicht mehr und nicht weniger. Die Angela Merkel, die 2015 die Grenzen öffnete und die Dublin-Regeln aussetzte, war auch die Angela Merkel, die im Jahr 2010 sagte: <a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-merkel-erklaert-multikulti-fuer-gescheitert-a-723532.html"><em>„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert.“</em></a> Subtext: Wozu soll sich der Staat noch um <em>„Integration“</em> kümmern? Die Holschuld des Staates wird ausschließlich zur Bringschuld der Bewerber:innen um <em>„Integration“</em> erklärt. Politiker:innen agieren aus einem Augenblick heraus, reagieren auf eine bestimmte Situation und vereinfachen und verallgemeinern etwas, das eigentlich in seinem historischen wie kontextuellen Rahmen analysiert werden müsste. Sie verlangen und praktizieren Eindeutigkeit. Da fällt dann so manches unter den Tisch, an dem bei Weitem nicht alle mehr Platz haben werden.</p>
<p>Behörden üben Macht aus, auf der Grundlage von Gesetzen, die – so betont Souad Lamroubal – sie in ihrer Eigenschaft als Beamtin auch gar nicht in Frage stellt. Macht und Gesetze gelten nicht nur in Ausländerbehörden, sondern letztlich in allen Behörden. Es werden nicht die möglichen Stärken von Ein- und Zuwandernden gesucht. „<em>Wir wachsen auf in Vielfalt. Aber für Dich, Deutschland war es Einfalt, denn du bündeltest uns nach unseren vermeintlichen Schwächen.“</em> So die Schule, in der die Lehrkräfte ungeachtet der jeweiligen Zeugnisse Kinder mit dem sogenannten Migrationshintergrund auf die Hauptschule schicken, oft mit der Begründung, dass die Eltern ja ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Schulleistungsstudien werden nicht müde, die sprachlichen und sonstigen schulischen Defizite von <em>„migrantischen“</em> Kindern und Jugendlichen zu betonen, aber sie machen durchaus Unterschiede: Beispielsweise werden der Fleiß und die guten Schulleistungen von vietnamesischen Kindern betont. Souad Lamroubal verweist auf die Gesundheitsämter, die bei einer <em>„Läusekontrolle“</em> in der Schule eine Art Racial Profiling betreiben.</p>
<p>Aus Sicht der Behörden kommt es darauf an, dass die <em>„Regeln“</em> eingehalten werden: <em>„Regel ist Deine zweite Natur“</em>, ungeachtet der Spielräume, die eine Behörde manchmal hat, deren Nutzung jedoch wiederum von jeder einzelnen Sachbearbeitung abhängt. An grundlegenden Defiziten können die Sachbearbeiter:innen natürlich nichts ändern, beispielsweise an der ständigen Streichung der Mittel für Sprach- und Integrationskurse oder der Verlagerung der Zuständigkeit für geflüchtete Ukrainer:innen in das <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/asylblg/">„Asylbewerberleistungsgesetz“</a>, durch die die Vermittlung einer Arbeitsstelle erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich wird. <em>„Integration“</em> wird zwar in politischen Reden immer wieder gefordert, aber dennoch systematisch verhindert. Die Schuldigen sind dann diejenigen, die sich nicht <em>„integriert“</em> hätten.</p>
<h3><strong>Die Sicherheit der anderen</strong></h3>
<p>Freiheit bedeutet auch <em>„Sicherheit“</em>. Wessen <em>„Sicherheit“</em>? In „Yallah Deutschland“ berichtet Souad Lamroubal von einem Vorfall am 31. Oktober 2020 in Düsseldorf. Es ist der Tag eines rassistischen Angriffs auf ihren Sohn, der sich seit dieser Zeit zurückzieht. Angesichts des Terrors von ICE in den USA ließe sich schlussfolgern, dass es auch ohne diesen Terror schon möglich ist, Menschen zu drangsalieren und zu demotivieren. Souad Lamroubal konnte mit ihrem Sohn darüber sprechen (das ist nicht allen Eltern und ihren Kindern gegeben), er berichtete: <em>„Ich habe mehrfach versucht, in die Bahn zu flüchten. Ich war froh, dass ich mich von ihm lösen konnte. Er hat gedroht, mich zu töten, mich geschlagen und mich gewürgt, immer und immer wieder. Ich habe gerufen, geschrien, aber ich wurde nicht gehört. Obwohl der Bahnsteig voller Menschen war und die Bahn ebenfalls, wurde ich weder gehört noch gesehen.“</em> Souad Lamroubal dokumentiert die Aussage ihres Sohnes über drei Seiten. Seine Konsequenz: <em>„Ich fahre halt einfach nicht mehr mit der Bahn in Zukunft. Ich warte, bis ich meinen Führerschein habe. Ich denke, das ist das Beste für alle.“</em></p>
<p>Wer sich nicht sicher fühlt, zieht sich zurück, wird einsam. Souads Sohn sagt: <em>„Einsam zu sein, ist das Resultat dessen, wie Menschen miteinander umgehen. Ich habe das Vertrauen verloren. Mache ich einen Fehler, zeigen sie mit dem Finger auf mich, und bin ich in Not, wenden sie ihre Blicke ab. Sag mir Mama, was verbindet mich noch mit diesen Menschen, die sich gegenseitig entmenschlichen? Einsamkeit gibt mir Frieden. Einsamkeit ist mein Schutz. Ich muss mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich habe so die Freiheit, anders zu sein. Das gibt mir Frieden.“</em> Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Seine Worte schnüren mir den Atem ab. Was er auch anspricht: die Fehlerkultur oder besser gesagt: die fehlende Fehlerkultur.“ </em>Es bleibt – so schreibt sie in „Yallah Deutschland“ <em>„die Fragilität Deiner Strukturen“</em>.</p>
<p>Wer in Deutschland über <em>„Sicherheit“ </em>spricht, kann Unklarheiten nicht brauchen. Er oder sie braucht ein klares Bild der <em>„Täter“</em>. Die müssen gefunden, bestraft und möglichst aus der Gesellschaft entfernt, das heißt bei Ein- und Zugewanderten, ausgewiesen (<em>„abgeschoben“ </em>schreiben die Medien, <em>„rückgeführt“</em> die Verwaltung) werden. Auch hier ist Deutschland natürlich nicht sehr konsequent, denn die Bundesregierung will zwar möglichst rasch syrische Straftäter nach Syrien ausweisen, hat sich aber bisher nicht bereiterklärt, im Gegenzug deutsche Straftäter, die in Syrien wegen ihrer Beteiligung an den Verbrechen des Islamischen Staates inhaftiert sind, zurückzunehmen. Und um die Zahlen für <em>„Abschiebungen“</em> zu heben, werden auch Menschen abgeschoben, die eine Arbeitsstelle haben, eine Ausbildung machen möchten oder sich ehrenamtlich engagieren, die sozusagen bestens <em>„integriert“</em> sind. Die sind aber leichter aufzufinden als so mancher Straftäter.</p>
<p>Bundeskanzler Friedrich Merz suggerierte zu Beginn der vom nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (beide Mitglieder der CDU) später als <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101054702/afd-und-stadtbild-nrw-innenminister-herbert-reul-redet-klartext.html"><em>„versemmelt“</em></a> bezeichneten Stadtbilddebatte, alle Probleme ließen sich lösen, wenn zu- und eingewanderte Männer nicht mehr in Deutschland blieben. Er erntete viel Widerspruch, relativierte seine Aussage, aber letztlich bleibt der Eindruck doppelter Standards. Es gab vor der Bundestagswahl heftige Debatten in Politik und Medien über die Täter in Aschaffenburg, Mannheim, Solingen, aber gibt es auch eine in der Intensität vergleichbare Debatte über <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/fall-yosef-tatverdaechtiger-100.html">den 12jährigen Deutschen, der Ende Januar 2026 in Dormagen einen 14jährigen Eritreer tötete</a>? Wo sind die ARD-Brennpunkte, wo die Talk-Shows, in denen über Ursachen und Konsequenzen dieser Tat gestritten würde? Und was hätten die Ausländerbehörden (Souad Lamroubal nennt sie mehrfach <em>„(R)ausländerbehörden“</em>) veranlasst, wenn der junge Eritreer in vier Jahren seinen 18. Geburtstag hätte feiern können? Nun warnte die Polizei davor, die Tat aus Dormagen als <em>„rassistisch motiviert“</em> zu bezeichnen, weil dazu noch keine Erkenntnisse vorlägen.</p>
<p>Souad Lamroubal zitiert den Kriminalitätsforscher <a href="https://www.macromedia-fachhochschule.de/de/menschen/thomas-hestermann/">Thomas Hestermann</a>: <em>„Der kriminelle Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“</em> Gemeint sind oft muslimische Männer beziehungsweise Männer, die für Muslime gehalten werden. Zu diesen Zuschreibungen gehört auch eine einseitige Zuschreibung bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Es wird durchweg aufgrund unbegründeter Annahmen pauschalisiert und verdächtigt. Immer ist die Rede von <em>„Ausländerkriminalität“</em>, aber – so fragt Souad Lamroubal – wer spricht von <em>„Deutschenkriminalität“</em> oder <em>„Männerkriminalität“</em>? Am 11. Februar 2026 berichteten Amrei Coen, Johannes Laubmeier und Vanessa Vu über <a href="https://www.zeit.de/2026/07/rechtsextreme-jugendkultur-schule-rechtsextremismus-statistik">„Rechtsextreme Jugendkultur“</a> und die Verzweiflung mancher Lehrkräfte, die nicht mehr wüssten, wie sie dem entgegentreten sollten. Das, was in deutschen Diskussionen, Debatten, in Gesellschaft und Politik Sicherheit gibt, ist offensichtlich immer die <em>„Kriminalität der anderen“</em>, so der Titel eines eigenen Kapitels im Demokratiebuch.</p>
<p>Auch in der Sicherheitsdebatte wird <em>„Demokratie“</em> zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet werden darf, jedoch nicht gewährleistet wird. In einem Interview, das in der Bielefelder Mitte-Studie 2025 abgedruckt wurde, sagte Souad Lamroubal: <em>„Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“</em></p>
<p><em>„Demokratie“</em> erhält hier einen exklusiven, exkludierenden Unterton. Auch das ist eine Spielart von Rassismus. Es wird bei der Beurteilung von Kriminalität auf Persönlichkeitsmerkmale geschaut, nicht jedoch auf extremistische Einstellungen, die kriminelles Verhalten verursachen. Andererseits ist auch dies nicht so einfach, denn die <em>„AfD hat es geschafft, uns zu spalten.“</em> <em>„Ich verliere die Kontrolle, kann Gefahren nicht mehr einschätzen. Ich kann nicht mehr einschätzen, wie die Demokratiefeinde aussehen. Einige von ihnen sehen inzwischen aus wie ich. Es wird unübersichtlich. Es wird trüb. Wo bin ich noch sicher?“</em></p>
<p><em>„Sicherheit“</em> ist relativ. Souad Lamroubal berichtet von Maria, geboren in Kolumbien, heute Intensivkrankenschwester in einer Klinik. <em>„Ich bin der festen Überzeugung, dass es längst eine ganz neue Mitte gibt, die aber noch nicht sichtbar ist. Maria zählt dazu.“ </em>Maria berichtet von ihrer Anwerbung, ihrer Ankunft, ihrer Arbeit, auch dem Heimweh nach ihrer Familie in Kolumbien. <em>„Aber es ging ihr nicht um die Frage, ob sie ihre Heimat vermisst, sondern ob sie dort in Sicherheit leben kann“</em>. In Deutschland – so sagt sie – sei sie sicher, sie habe um 23 Uhr ihren Sohn im Kinderwagen um den Block schieben können, damit er sich beruhige. Dies wäre in Kolumbien nicht möglich: <em>„Die einzigen Orte, wo Kinder ausgelassen spielen könnten, seien Einkaufszentren.“ </em></p>
<p>Souad Lamroubal kommentiert: <em>„Was ist also Heimat? Ist sie nicht gerade der Ort, an dem ich sicher leben kann? / Die Frage nach dem Deutschsein rückt für mich durch diese Erkenntnis noch viel mehr in den Hintergrund. Ich stelle fest, dass wir uns oft in Identitätskonflikten verlieren. Marie geht es nicht darum, deutsch zu sein oder es zu werden, sondern darum, ihre Rechte und Pflichten in Deutschland zu kennen und diese zu wahren. Dafür erhält sie etwas, das sie wertschätzt. Ist sie Teil der deutschen Mitte? Sie ist genau das, was die Mitte ausmacht. Sie arbeitet hart und trägt ihren Teil dazu bei, dass dieses Land funktioniert. Wenn dieses Land funktioniert, kann sie hier in Sicherheit leben. Dass sie ihren Beitrag leistet, ist für sie mehr als selbstverständlich.“</em></p>
<p>Vielleicht lesen Politiker:innen, die so gerne mit Inbrunst die <em>„hart arbeitende Mitte“</em> beschwören, auch diese Sätze. Vielleicht hilft es. Irgendwann. Wir brauchen auf jeden Fall eine andere Sprache jenseits der Bindestriche und Pseudo-Normen und vielleicht eine Art neuer Bürgerrechtsbewegung. Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Initiativen, die sich in den letzten 40 bis 50 Jahren etabliert haben und für Vielfalt einsetzen, aber diese werden entweder bedroht oder sind in erster Linie damit beschäftigt, ihre reine Lehre zu postulieren und sich von anderen Initiativen, und vor allem von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, die eigentlich ähnliche Ziele verfolgen abzugrenzen. Zu Vielfalt gehören jedoch gegenseitiger Respekt, der Verzicht auf Kampfbegriffe und die Bereitschaft, sich füreinander zu öffnen. Souad Lamroubal belegt eindrucksvoll, dass dies nicht immer einfach, aber auch immer möglich ist. Ein Grund mehr, ihre Bücher zu lesen und weiterzuempfehlen.   <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Februar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer).</p>
<h1><em> </em></h1>
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		<title>Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 07:37:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft Jeannette Oholi über Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur „Ich wäre überrascht, wenn deine Eltern mit der sogenannten Selbstbezeichnung ‚People of Color‘ irgendetwas anfangen könnten. Überhaupt haben sie sich nie zu den ganzen Diskussionen um political correctness geäußert. Es mag stimmen, dass du eine Außenseiterin bist oder, genauer gesagt,  [...]</p>
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<h2><strong>Jeannette Oholi über Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur</strong></h2>
<p><em>„Ich wäre überrascht, wenn deine Eltern mit der sogenannten Selbstbezeichnung ‚People of Color‘ irgendetwas anfangen könnten. Überhaupt haben sie sich nie zu den ganzen Diskussionen um <u>political correctness</u> geäußert. Es mag stimmen, dass du eine Außenseiterin bist oder, genauer gesagt, marginalisiert wirst. Sicherlich sind auf Deutsch schreibende Menschen afrikanischer Herkunft in der hiesigen Literaturlandschaft rar. Was nun? Hat es dich etwa vom Schreiben abgehalten? Hat die männliche Dominanz Ingeborg Bachmann vom Dichten abgehalten? Wohl kaum.“ </em>(Sharon Dodua Otoo, Härtere Tage, in: Sharon Dodua Otoo, Herr Gröttrup setzt sich hin, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2022)</p>
<p>Sharon Dodua Otoo ist eine der etablierten Schwarzen Autor:innen in Deutschland. Inzwischen sind sie und andere afrodeutsche Autor:innen auch in den Literaturwissenschaften präsent. Die erste umfassende Monographie über die afrodeutsche Literaturszene schrieb Jeannette Oholi: „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts“ (2024). Diesem Buch folgte der von ihr herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur – Ästhetische und Aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“ (2025). Beide Bände erscheinen im Bielefelder transcript-Verlag. Jeannette Oholi plädiert für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“ – so auch der Titel der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fuer-eine-germanistik-der-radikalen-vielfalt/">Vorstellung ihrer beiden Bücher im Demokratischen Salon</a>.</p>
<p>Es begann in den 1980er Jahren mit den Berliner Jahren von Audre Lorde, dokumentiert in dem Film „Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984-1992“ von Dagmar Schultz, sowie dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen programmatischen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, zweite Auflage 2000). Die Lyrikerin May Ayim war die erste afrodeutsche Autorin, nach der eine Straße benannt wurde, im Jahr 2010 das May-Ayim-Ufer in Berlin. Seit 2024 gibt es in Berlin auch eine Audre-Lorde-Straße. Im Jahr 2025 wurde in Berlin eine weitere Straße nach dem Schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo, im Jahr 1734 Verfasser der ersten von einem Schwarzen Autor geschriebenen philosophischen Dissertation. Straßennamen dürfen durchaus als Indiz für eine Art Kanonbildung im kollektiven Gedächtnis verstanden werden.</p>
<p>Afrodeutsche Literatur war immer mit afrodeutschem Aktivismus, afrodeutschem Engagement für Sichtbarkeit und Teilhabe verbunden. In den 1980er Jahren gründeten sich mehrere Netzwerke, beispielsweise die <a href="https://isdonline.de/">Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland</a> und das Frauennetzwerk <a href="https://adefra.com/">ADEFRA</a>. Im Jahr 2012 wurde das <a href="https://each-one.de/ueber-uns/">Netzwerk Each One Teach One</a> (EOTO) gegründet. Eine wichtige Rolle für die Sichtbarkeit afrodeutscher Literatur in der literarisch interessierten Öffentlichkeit spielen verschiedene Buchpreise. So wurde Olivia Wenzel für ihren Debütroman „1000 Serpentinen Angst“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2020) auf der <a href="https://www.fischerverlage.de/magazin/preise-und-nominierungen/longlist-dt-buchpreis">Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert</a>, <a href="https://www.ullstein.de/urheberinnen/jackie-thomae">Jackie Thomae stand 2019 für ihren Roman „Brüder“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis</a> und las ebenfalls bereits in Klagenfurt. <a href="https://bachmannpreis.orf.at/v2/stories/2783570/">Sharon Dodua Otoo erhielt 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Erzählung „Herr Göttrup setzt sich hin“</a>.</p>
<p>Es ist etwas in Bewegung geraten – so ließe sich sagen, in den Verlagen, den Feuilletons und nicht zuletzt auch in den Literaturwissenschaften. Der Dissertation von Jeannette Oholi sollten weitere literaturwissenschaftliche Arbeiten folgen und – so ist zu hoffen – bald auch mit Wirkung in den Schulen, nicht zuletzt in Lehrplänen und Abituraufgaben.</p>
<h3><strong>Es begann im Senegal</strong></h3>
<div id="attachment_7864" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7864" class="wp-image-7864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1366x2048.jpg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-scaled.jpg 1708w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7864" class="wp-caption-text">Jeannette Oholi. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bevor ich Ihr Buch las, hatte ich May Ayim, Olivia Wenzel und Sharon Dodua Otoo gelesen. Viele andere habe ich erst durch Sie kennengelernt. Sie sagten mir bei einer anderen Gelegenheit, dass Sie manchmal selbst gestaunt hätten, wie reichhaltig die Szene afrodeutscher Autor:innen ist. Wie sind Sie vorgegangen?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>In der Schule, in meinem Studium, im Alltag bin ich nie auf Schwarze deutsche Autor:innen gestoßen. In der Einleitung des Sammelbandes schreibe ich, dass ich auf Schwarze deutsche Autor:innen erst bei einem Auslandsaufenthalt in Dakar im Senegal aufmerksam geworden bin. Dort erhielt ich einen Hinweis auf den Band „Farbe bekennen“. Als ich dann „Farbe bekennen“ las, von May Ayim erfuhr und sah, wie weit afrodeutsche Literatur schon zurückreichte, habe ich Feuer gefangen und gedacht, wenn ich von diesem so grundlegenden Buch schon nichts wusste, muss es noch viele andere Autor:innen geben, die ich entdecken könnte und sollte. So lernte ich zum Beispiel </em><a href="https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&amp;query=Philipp+Khabo+Koepsell"><em>Philipp Khabo Koepsell</em></a><em> kennen, dessen Wirken für mich in der Folgezeit sehr wichtig wurde. Ich entdeckte einiges an Forschungsliteratur, allerdings vorwiegend außerhalb der traditionellen Forschungsinstitutionen. Ich habe daher wieder darüber nachgedacht, wie viel innerhalb der Universität noch fehlt. </em></p>
<p><em>Ich wollte eigentlich schon meine Bachelor-Arbeit über Schwarze deutsche Lyrik schreiben, aber ich hatte noch nicht den Zugang. Den fand ich mit meiner Masterarbeit im Jahr 2016 zur Schwarzen deutschen Gegenwartslyrik. Ein Einschnitt, der zu mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit führte, war dann 2020 „Black Lives Matter“. Diesen Einschnitt habe ich auch in den Institutionen gespürt. Es war ein kleines Erdbeben, ein Erwachen. Es gab Aktivist:innen, die sich sehr stark auf den europäischen und deutschen Kontext bezogen, auf Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen, die es nicht nur in den USA gibt, sondern auch in Europa, in Deutschland. Dies erfasste auch die Institutionen, die Hochschulen, sodass ich mich gefragt habe, warum Schwarze Schreibende in der Germanistik kaum eine Rolle spielen und wo ich sie finden könnte. Ich hatte schon vor „Black Lives Matter“ mit der Dissertation angefangen. Wir Forschenden hatten zuvor jede:r für sich gearbeitet, doch jetzt lernten wir uns über unsere gemeinsamen Interessen kennen. Der Wandel in den Institutionen führte zu mehr Sichtbarkeit, auch zu Vernetzung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es somit eine kleine Community auch in den Literaturwissenschaften, die sich mit Schwarzer deutscher Literatur befasst?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Auf jeden Fall. Es gibt Netzwerke, die vielleicht nicht offiziell sichtbar sind. Manche gab es wohl auch schon vorher. Ein wichtiges Ereignis war das </em><a href="https://www.ruhrfestspiele.de/presse/pressemeldungen/resonanzen-schwarzes-internationales-literaturfestival-resonanzen24"><em>Literaturfestival „Resonanzen“</em></a><em>, das zwischen 2022 und 2024 in Recklinghausen stattfand und von Sharon Dodua Otoo und </em><a href="https://antagonisten.de/ueber-uns/patricia-eckermann"><em>Patricia Eckermann</em></a><em> kuratiert wurde. Bei diesem Festival kamen so viele verschiedene Akteur:innen zusammen, Schwarze Autor:innen, Kulturschaffende, Personen aus den Verlagen, aus den Universitäten. Da entstanden auch neue Netzwerke. Es war – so denke ich – auch nachhaltig. Ich war mit meiner Dissertation schon etwas fortgeschrittener und habe durch die Festivals dann auch andere kennengelernt, die ebenso gerade mit ihrer Dissertation angefangen hatten. Sie werden ihre Promotion bald abschließen, sodass noch einiges für die literaturwissenschaftliche Zukunft Schwarzer deutscher Literatur zu erwarten ist.</em></p>
<h3><strong>Es ist etwas in Bewegung gekommen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man schon von einer Bewegung sprechen?<em>  </em></p>
<p><strong>Jeannette Oholi </strong>(lacht): <em>Da bin ich lieber etwas vorsichtig. </em>(kurze Pause) <em>Zumindest ist etwas in Bewegung gekommen. So könnte man es vielleicht sagen. Ich bin in vielen Gruppen unterwegs und denke dann, es hat sich doch schon vieles verändert. Wenn ich dann mit anderen Personen auf Konferenzen in Kontakt komme, merke ich aber, dass es noch viel mehr gibt, das noch nicht sichtbar geworden ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe in den 1970er Jahren Germanistik, Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Afrodeutsche Literatur war in der Germanistik kein Thema, in der Romanistik gab es den Lehrstuhl von <a href="http://blog.romanischestudien.de/janos-riesz-und-die-afroromanistik/">János Riesz</a> in Bayreuth zur Frankophonen Afrikanistik. Thema war jedoch eher die französisch-sprachige Literatur in afrikanischen Ländern, nicht die afrofranzösische Literatur in der französischen Metropolregion. In meinem eigenen Studium entdeckte ich natürlich Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor, aber wie gesagt keine afrofranzösischen Autor:innen. In der Anglistik sah es etwas besser aus, nach meiner Wahrnehmung aber vor allem in Bezug auf US-amerikanische oder britische Literatur. Beachtung erhielt zum Beispiel James Baldwin aus den USA, aus Großbritannien vor allem indisch- oder pakistanisch-stämmige Autoren, zum Beispiel Hanif Kureishi oder Salman Rushdie. Es war auch die Zeit der ersten Post-Colonial Studies, die aber in der Regel zunächst außeruniversitär oder von studentischen Aktivist:innen geprägt waren. Wie sieht es heute aus? Was hat sich verändert?</p>
<div id="attachment_7580" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7172-8/afropaeische-aesthetiken/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7580" class="wp-image-7580 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-768x1167.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1011x1536.jpg 1011w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1200x1824.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1347x2048.jpg 1347w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-scaled.jpg 1684w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7580" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Ich glaube, es war lange Zeit nicht wirklich möglich, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Viele Personen sind in die USA gegangen und es gibt immer noch die Vorstellung, dass vor allem Nachwuchsforschende in die USA gehen müssen, um dies zu tun. Ich glaube das inzwischen jedoch nicht mehr. Ich glaube, dass es einen Wandel gibt. Ich habe mich auch ganz bewusst entschieden, auf deutsch zu schreiben und in Deutschland zu promovieren, weil ich an das Thema glaube und es hier verankert werden muss. Das ist sicher auch viel Idealismus. Ich fühle mich aber in den deutschen Literaturwissenschaften sehr gut verortet. Dass das so ist, habe ich auch bei meinem Auslandsaufenthalt in den USA gemerkt. Ich wurde in dem deutschen Wissenschaftssystem sozialisiert und ich wollte nicht in ein anderes Land gehen müssen, um meinen Interessen nachzugehen. Es war durchaus ein Privileg, hier bleiben zu können, denn vorangehende Generationen hatten diese Möglichkeit nicht. </em></p>
<p><em>Es gibt immer noch Aushandlungsprozesse und Diskussionen über Methoden, Theorien und Textauswahl, aber ich sehe, dass es schon möglich ist, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Auf jeden Fall in Tübingen. Ich arbeite gerne mit </em><a href="https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/neuphilologie/deutsches-seminar/abteilungen/neuere-deutsche-literatur/mitarbeitende/prof-dr-sigrid-g-koehler/"><em>Sigrid Köhler</em></a><em> zusammen. Sie arbeitet schon sehr lange zu diesem Thema. Durch die Exzellenz-Cluster gibt es einige Promotionsförderungen an der FU Berlin. Dazu kommen punktuell einzelne Personen zum Beispiel in Hannover oder in Erlangen-Nürnberg. Es ist auch an anderen Orten möglich zu diesem Thema zu promovieren, aber ich muss es so offen sagen, es ist oft schwierig mit der Betreuung, weil die betreuenden Doktormütter und Doktorväter oft keine vertiefte Expertise in diesem Feld haben. Wenn man sich für diese Themen entscheidet und in Deutschland bleiben will, braucht man schon viel Selbstständigkeit und Eigeninitiative. Man braucht auch viel Mut, den eigenen Weg zu gehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir ist aufgefallen, dass die Veröffentlichungen in den letzten zehn Jahren viel diverser geworden sind. Es gibt viele Biographien junger Autor:innen, die im deutschen Feuilleton mit einem Bindestrich beschrieben werden: russisch-deutsch, türkisch-deutsch, dazu eine Menge Exilliteratur in deutscher Sprache, zum Teil in Übersetzungen, zum Teil im Original, aus dem Iran, aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern. Auch bei jüdischen Autor:innen wird immer ausdrücklich auf eine Migrationsgeschichte verwiesen, in der Regel aus dem post-sowjetischen Raum, aus Russland, aus der Ukraine, aus Aserbeidschan. Sie schreiben fast alle in deutscher Sprache. Mir ist aber auch aufgefallen, dass es in dieser neuen deutschen Literatur viel mehr Frauen als Männer gibt, nicht zuletzt in der Schwarzen deutschen Literatur.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Danach werde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht. Es gibt schon einen Überschuss an Frauen in der Schwarzen deutschen Literatur. Erklären kann ich es mir nicht. Wenn man so auf die Ikonen der Aktivist:innen und der Schwarzen deutschen Literatur, insbesondere aus dem Umfeld von Audre Lorde, zurückschaut, sieht man, dass vor allem Frauen bekannt sind. Philipp Khabo Koepsell ist da eine Ausnahme. Ohne ihn wüsste ich nicht, wie ich hätte forschen können und heute noch forsche. Es gibt auch viele Personen im Hintergrund, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Philipp Khabo Koepsell habe ich erst durch Sie entdeckt.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Er ist wirklich großartig. Er ist einer der ersten, die ich entdeckt habe. Er ist Forscher und Archivar bei </em><a href="https://eoto-archiv.de/"><em>Each One Teach One</em></a><em> (EOTO) in Berlin. Er müsste noch viel bekannter sein. Wir könnten ohne diese Systematisierung, diese Archivarbeit gar nicht forschen. Wir profitieren sehr davon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe vor, demnächst mit Patricia Eckermann die <a href="https://twm-bibliothek.de/">Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek</a> in Köln-Poll zu besuchen. Es gibt auch noch andere Bibliotheken dieser Art. Welche Rolle spielen sie im Wissenschaftsbetrieb? Werden sie genutzt?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Bisher eher nicht. Mir fällt in der Germanistik zurzeit niemand ein, der oder die aktiv in diesen Bibliotheken geforscht hätte. Die meisten würden eher auf die staatlichen Bibliotheken zurückgreifen und zum Beispiel im Deutschen Literaturarchiv in Marbach forschen. Ich war dort, aber es gibt noch sehr wenig oder man muss möglicherweise sehr tief graben, um die Personen und Themen zu finden, die für unsere Forschung interessant sind.</em></p>
<p><em>Zurzeit versucht EOTO in Zusammenarbeit mit </em><a href="https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/news/prof-fatima-el-tayeb-neue-dresden-senior-fellow-am-zentrum-fuer-integrationsstudien"><em>Fatima El-Tayeb</em></a><em> in Yale mit ihren Studierenden einige Zeitschriften über ein </em><a href="https://intersectionalblackeuropeanstudies.com/digital-archive"><em>Digital Black Europe Archive</em></a><em> zu digitalisieren. Ich glaube, das wird noch einmal sehr wichtig für die Forschung. Es gibt ein wenig Bewusstsein, dass es das gibt, aber es wäre ein Traum, all diese Archive in der Lehre einzubeziehen. Im Studium werden die Studierenden leider kaum an die Arbeit mit Archiven herangeführt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bin überzeugt, dass die Beschäftigung mit afrodeutscher Literatur ohne Audre Lorde nicht möglich gewesen wäre. Es war zunächst ein starkes feministisches Anliegen. Die Verlage, die sich interessierten, waren daher zunächst bewusst feministische Verlage, manche auch auf lesbische Communities konzentriert.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Das queerfeministische Anliegen spielte eine wichtige Rolle. Dazu gehört der Orlanda-Verlag. Ich wurde mehrfach gefragt, ob der Orlanda-Verlag noch so relevant für die Schwarze deutsche Literatur sei wie in den 1980er Jahren. Ich glaube schon, dass sich einiges verlagert hat. Die Nominierung von Olivia Wenzel mit ihrem Buch „1000 Serpentinen Angst“ für den Deutschen Buchpreis darf als Meilenstein betrachtet werden. Sharon Dodua Otoo erhielt bereits 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Damit hatte niemand so richtig gerechnet. Dadurch ist viel in Bewegung geraten. Dadurch, dass Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel mit ihren Romanen bei S. Fischer verlegt wurden, ist das Publikum größer geworden. Trotzdem treffen manche wie zum Beispiel Patricia Eckermann die bewusste Entscheidung, im Selbstverlag zu veröffentlichen. Kleine, unabhängige Verlage sind auch nach wie vor wichtig für Schwarze deutsche Literatur. Es war wichtig, Schwarzer deutscher Literatur in den Verlagen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mir wird es aber immer wichtiger, Kontaktpunkte und Verschränkungen mit Autor:innen aus anderen Communities genauer anzuschauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessanter noch zu bespielender Raum ist Schule. Nach wie vor dominieren bei Abituraufgaben männliche deutsche Autoren, die fast alle schon tot sind. Das ergibt meines Erachtens ein sehr eingeschränktes Bild unseres kulturellen Erbes. Selbstverständlich kann man mit einem Drama wie „Emilia Galotti“ sehr viele verschiedene Aspekte einer auf falschen Ehrbegriffen beruhenden Gesellschaft, der Rolle von Frauen in patriarchalisch-hierarchischen Gesellschaften zeigen, aber spannend wird das meines Erachtens erst, wenn ich in diesem Fall zum Ehrbegriff und zur Praxis der Macht über Frauen auch andere Texte aus anderen Zeiten und anderen kulturellen Traditionen dieser Welt heranziehe. Sonst besteht die Gefahr, dass viele Schüler:innen den Text als Relikt einer für sie irrelevanten Vergangenheit schnell wieder vergessen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Ich unterrichte viele Lehramtsstudierende. Ich versuche schon zu überlegen, welche Bücher sich im Unterricht lesen ließen. An der TU Dortmund unterrichte ich im Wintersemester 2025/2025 eine Einführung in die Schwarze deutsche Literatur. Wir lesen unter anderem </em><a href="https://www.kinderundjugendmedien.de/kritik/jugendroman/6862-de-sandjon-chantal-fleur-die-sonne-so-strahlend-und-schwarz"><em>„Die Sonne, so strahlend und schwarz“</em></a><em> von </em><a href="http://www.cfsandjon.de/"><em>Chantal-Fleur Sandjon</em></a><em>, der 2023 auch mit einem Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden ist. Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Auch in früheren Seminaren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Lehramtsstudierenden überlegen, wie sie die Texte, die wir besprechen, in den Unterricht in der Schule hineinbringen können. Natürlich gibt es Grenzen. Ich weiß nicht, wie weit sich unser Engagement für Schwarze deutsche Literatur mit der Zeit auf Lehrpläne und Abituraufgaben auswirken wird. Das Bewusstsein und die Sensibilität sind zumindest da. Ich arbeite mit den Studierenden auch zu rassismussensibler und gendersensibler Sprache. Das ergibt eine Art Gerüst für das, was in der Schule wichtig ist. </em></p>
<h3><strong>Literatur und politischer Aktivismus</strong></h3>
<div id="attachment_7581" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7075-2/schwarze-deutsche-literatur/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7581" class="wp-image-7581 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-400x619.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-600x929.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-661x1024.jpg 661w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-768x1189.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-800x1239.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-992x1536.jpg 992w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1200x1858.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1323x2048.jpg 1323w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-scaled.jpg 1653w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-7581" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Vielfalt der Autor:innen, die im weitesten Sinne die kulturelle Vielfalt in Deutschland, in Europa prägen, spiegeln Sie in Ihrem Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“. Die von Ihnen versammelten Autor:innen beschränken sich nicht auf afrodeutsche beziehungsweise afroeuropäische Literatur. Sie dokumentieren literarische Kontaktpunkte und Vernetzungen in der Literaturszene immer wieder auch in Verbindung mit einem aktivistischen Anspruch. Ich habe den Eindruck, dass sich das auch gar nicht voneinander trennen lässt.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Ich sehe in der Germanistik immer noch eine sehr starke Trennung. Man muss immer noch sehr viel erklären, dass es diese Verschränkungen gibt. Maryam Aras gelingt dies. Sie hat 2025 den </em><a href="https://tucholsky-gesellschaft.de/kurt-tucholsky-preis/preistraeger/"><em>Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik</em></a><em> erhalten. In ihrer Dankesrede beschrieb sie, dass es diese Verschränkung von Literatur und politischem Aktivismus immer schon gab. Wenn man das nicht anerkennt, wird es schwierig, die Verschränkungen im Text wahrzunehmen und herauszuarbeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ging unter anderem um ihren im Claassen-Verlag erschienen Essay „Dinosaurierkind“.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Ja, genau. Maryam Aras ist auch eine tolle Literaturkritikerin, die immer wieder auf die Notwendigkeit von machtkritischem Lesen hinweist. Ich werde immer wieder damit konfrontiert, ob meine Anliegen aktivistisch sind. Ich weiß nie, wie ich darauf antworten soll, denn es sollte eigentlich auch eine Normalität in einer pluralen Gesellschaft sein, darüber nachzudenken, wo Leerstellen sind und wo Machtkritik erforderlich ist, wo Autor:innen nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Sorgfalt in der Auseinandersetzung mit ihrer Literatur bekommen. Das einzufordern sollte in einer pluralen Gesellschaft eigentlich normal sein. </em></p>
<p><em>Natürlich spreche ich aus einer bestimmten Position. Ich bin selbst Schwarze Deutsche und es wäre schön, wenn nachkommende Generationen nicht mehr einen so langen Weg haben wie ich und nicht alles selbst herausfinden müssen, um an Texte und Methoden heranzukommen. Wenn ich im Gymnasium bereits Schwarze deutsche Literatur kennengelernt hätte, hätte ich auch im Studium einen ganz anderen Startpunkt gehabt. Das, was ich im Gymnasium erlebte, setzte sich im Studium fort. Ich bin immer noch dabei, viel für mich aufzuholen und aufzuarbeiten. Ich kenne viel Literatur aus den 1990er Jahren noch nicht und hangele mich über die Jahrzehnte zurück. Es ist für mich dann schwer, wenn jemand fordert, man müsse in der Germanistik Jahrhunderte abdecken. Es wird lange dauern, bis ich im 19. oder 18. Jahrhundert ankomme. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sage immer, man soll niemals jemandem hinterherlesen. Ich selbst habe als Student einmal an einem Kongress der <a href="https://dgavl.de/">Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften</a> teilgenommen. Ein Student sagte dort einem etablierten Professor, er bewundere, dass hier so viele Leute wären, die mehrere Literaturen beherrschen. Der Professor antwortete, man müsse froh sein, wenn man eine Literatur halb beherrsche. Ich würde das noch viel weiter reduzieren, was überhaupt möglich ist.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Deshalb versuche ich, auch die anderen Communities besser zu verstehen. Was ist denn mit einem Begriff wie „Ausländerliteratur“ oder „Migrationsliteratur“ gemeint? Wie haben die sich formiert? Welche Anliegen hatten sie, welche politischen Anliegen, auch in der sogenannten „Gastarbeiterliteratur“? Gab es da Kontakte zur Schwarzen deutschen Literatur? Ich würde gerne eine Karte erstellen, über die dies sichtbar wäre. Das ist mir wichtiger als Jahrhunderte weit zurückzugehen. Aber es ist mühsam. Ich würde mir wünschen, dass kommende Generationen schon auf Literaturlisten, auf Bibliographien zurückgreifen können, schon wissen, welche Forschungsliteratur es gibt. Das ist mir wichtig. Das ist sicherlich idealistisch gedacht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus Buchläden höre ich, dass Kund:innen schon an der Tür klar zu verstehen geben, dass sie auf keinen Fall etwas Politisches lesen wollen<em>.</em> Ich sehe da eine große Chance für die Literatur, politische Themen indirekt über eine fiktive Geschichte zu übermitteln. Ich möchte ein Beispiel nennen. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat in ihrem Roman „Ungebetene Gäste“ (deutsche Fassung: Zürich, Kein &amp; Aber, 2025) die Welt in Israel nach dem 7. Oktober am Beispiel einer Geschichte und einer Lüge mit all ihren Auswirkungen auf beteiligte und betroffene Menschen sichtbar gemacht. Besser kann man meines Erachtens all die Vorurteile, Vorbehalte, das Misstrauen in einer Gesellschaft zwischen verschiedenen Gruppen, das bis in die einzelnen Familien hineinreicht, nicht darstellen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong><em>: Unsere Zeiten sind hochpolitisch. Literatur kann etwas bieten, das andere Bereiche nicht bieten können. Wie wollen wir Zukunft gestalten, wie eine Gesellschaft? Wie kann Literatur Gegenwart und auch Vergangenheit erzählen? Gegenstand meines neuen Forschungsvorhabens ist das Erinnern in, mit und durch Literatur. Welche Personen sind aus der Literaturgeschichte herausgefallen? Warum? </em></p>
<p><em>Vieles läuft in der Germanistik auch gut, aber ich sehe immer die vielen Leerstellen. Wenn ich diese alle sehe, überfordert mich das auch manchmal, aber ich weiß, ich bin da nicht alleine und wir leisten diese Arbeit ja auch gerne. Es ist ja eigentlich auch das Schöne am Forschen, diesen Leerstellen nachzugehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist das Schicksal literarisch interessierter Menschen, dass sie je mehr sie lesen umso besser wissen, was sie alles nicht gelesen haben, aber eigentlich unbedingt lesen sollten.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi </strong>(lacht): <em>Das stimmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beim Thema Erinnerung denke ich an „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo. Vier Personen, die alle Ada heißen und in verschiedenen Zeiten leben. Der Name ist die einzige auf den ersten Blick ersichtliche Verbindung zwischen ihnen. Ada ist schon ein interessanter Name in der Literatur. Ich denke an Vladimir Nabokov, <a href="https://www.julizeh.de/">Juli Zeh</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vor-dem-spiegel/">Dilek Güngör</a>, die alle eine Ada in einem ihrer Bücher zur Hauptfigur machen. Juli Zeh hat sogar ihre Tochter nach dem Roman von Nabokov benannt. Was haben Sie in Ihrem neuen Projekt vor?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Es ist noch in der Schwebe. Ich dachte zunächst, ich sollte etwas zum Thema Antirassismus machen. Antirassismus ist auch zentral, wenn wir die erinnerungspolitischen Forderungen der letzten Jahre anschauen, nach Hanau und nach Black Lives Matter, beides auf das Jahr 2020 datiert. Meines Erachtens reicht es nicht aus, Antirassismus auf eine Einstellung gegen Rassismus zu beschränken. Es reicht eben nicht aus, gegen Rassismus zu sein. Ich glaube, es gibt eine erinnerungspolitische oder auch wenn man so will erinnerungsaktivistische Dimension. Der möchte ich in Verbindung mit literarischen Texten nachspüren. </em></p>
<h3><strong>Ein neues Selbstbewusstsein</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darüber lässt sich meines Erachtens gut bei der Betrachtung von „Adas Raum“ nachdenken. Nur ein Beispiel: Die Geschichte von Ada Lovelace und Charles Dickens in „Adas Raum“ ist kein Thema Schwarzer Literatur, wohl aber eine über eine Begegnung zwischen einer sozialkritischen Literatur und den ersten Schritten zu einer Art Künstlicher Intelligenz. Die Hautfarbe der Autorin spielt in diesem Teil der Geschichte keine Rolle. Allerdings entdeckt man in der Kombination oder Konfrontation der vier Adas grundlegende zwischenmenschliche und gesellschaftliche Verhältnisse, die eben auch in Schwarzen Gesellschaften zu finden sind.  <em>   </em></p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>In den Zeiten von May Ayim wurden Rassismus und Patriarchat offengelegt, gab es in diesem Kontext auch den Versuch, eine Art Schwarzes Deutschsein zu schaffen. Es wurde verhandelt, was Deutschsein, Schwarz sein oder weiß sein bedeuten könnte, nicht zuletzt im queerfeministischen Kontext. Bei Texten wie „Adas Raum“ haben wir ganz andere Konstellationen. Da geht es nicht mehr um die Thematisierung von Deutschsein. Es geht – wie bei „Adas Raum“ – um Verflechtungsgeschichten, um miteinander verflochtene Zeiten und Räume. Anklänge dazu gibt es auch in den Gedichten von May Ayim, aber natürlich gibt es in einem Roman mehr Möglichkeiten, dies zu entfalten. </em></p>
<p><em>In den 1980er und 1990er Jahren dominierte in der Schwarzen deutschen Literatur die Lyrik. Inzwischen gibt es die größeren Formen, nicht zuletzt Romane, die wir in den 1980er und 1990er Jahre noch gar nicht hatten. Die Kleinformen blieben dennoch. Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel schreiben nach wie vor auch kurze Erzählungen. Philipp Khabo Koepsell schreibt Gedichte. Er hat in einem Text für das Goethe-Institut betont, dass Autor:innen Schwarzer deutscher Literatur ein neues Selbstbewusstsein haben. Sie können deutsch sein, aber sie müssen es nicht, ungeachtet der Sprache, in der sie schreiben. Ich mag das Zitat sehr gerne. </em></p>
<p><em>Bei Olivia Wenzel gibt es eine andere Art von Radikalität. Ihr Stil ist viel konfrontativer. Ich habe auch im Hinblick auf Autor:innen aus anderen Communities darüber nachgedacht. Es ist vielleicht auch ein Spiel mit Leseerwartungen. Es gibt – wie Maryam Aras anmerkt – auch eine gewisse Unversöhnlichkeit. Es muss nicht alles aufgelöst werden, es muss auch nicht immer Aushandlungsprozesse geben. In der Germanistik wird gelegentlich von einer geglückten Interkulturalität oder von geglückten Kulturkontakten gesprochen. Ich glaube, dass nicht diese Begrifflichkeiten zentral sind, sondern Pluralität. Eben darin liegt auch Unversöhnlichkeit, ein Selbstbewusstsein, das die Dinge so nimmt wie sie sind. Es sind andere Netzwerke, andere Ästhetiken entstanden, die an Literaturtraditionen anknüpfen, aber für die es nicht mehr so wichtig ist, ob und wie es von einer weißen Leser:innenschaft verstanden oder nicht verstanden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sehen Sie wesentliche Unterschiede zwischen den Debatten in Deutschland, in Frankreich, im angelsächsischen Raum?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Ich fand es im Studium am schwierigsten, die für meine Forschung geeignete Literatur in Frankreich zu finden, weil die Begriffe dort einfach andere sind. Vieles wird zum Beispiel einfach unter „frankophone Literatur“ subsummiert. Da ich die französische Literatur nicht ganz so gut kenne, war es schwierig, die Autor:innen zu finden, die ich interessant finde. Ich kenne die Auseinandersetzungen nicht im Einzelnen. Eine Autorin wie </em><a href="https://raphaelle.red/"><em>Raphaëlle Red</em></a><em> in Frankreich mit ihrem Debütroman </em><a href="https://www.rowohlt.de/buch/raphaelle-red-adikou-9783498003821"><em>„Adikou“</em></a><em> erhielt sehr viel Resonanz, sodass der Roman auch schnell ins Deutsche übersetzt wurde. Die deutsche Fassung erschien 2024 bei Rowohlt. An solchen Beispielen ließe sich zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der deutschen und in der französischen Begrifflichkeit forschen. </em></p>
<p><a href="https://www.jon-chopolizzi.com/"><em>Jon Cho-Polizzi</em></a><em> hat „Adas Raum“ ins Englische übersetzt. Es gibt zwei Versionen des Titels: „Ada’s Room“ und „Ada’s Realm“: Er wies darauf hin, dass es schwierig ist, Übersetzungen auf den amerikanischen Markt zu bekommen. Aus Sicht der Germanistik kann ich allerdings schon sagen, dass es ein sehr großes Interesse für Schwarze deutsche Literatur in den USA gibt, wenn auch eine Zeitverzögerung zu beobachten ist. Ich habe schon den Eindruck, dass wir mit manchen Begrifflichkeiten in Deutschland weiter sind als in den USA, dass das Feld hier doch dynamischer ist. Die Autor:innen haben verschiedene Veranstaltungsreihen, die wiederum zu Wechselwirkungen zwischen den Institutionen führen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich lese regelmäßig den New York Review of Books und kann Ihren Hinweis auf die Zeitverzögerung bestätigen. Es dauert manchmal schon zwei bis drei Jahre, bis eine Übersetzung deutscher Autor:innen dort besprochen wird. Allerdings finden wir in fast jeder Ausgabe Beiträge zu den klassischen afroamerikanischen Themen, literarische ebenso wie historische, mit Autor:innen, die wir hier in Deutschland so gut wie gar nicht kennen. Das Thema ist dort schon sehr präsent.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Da haben Sie recht.</em> <em>Als ich in den USA unterrichtet habe, habe ich gemerkt, dass man über Schwarze deutsche Literatur, über Black Europe, über Schwarzsein in den USA ins Gespräch kommt. Es ist sehr gewinnbringend, wenn man dort über Schwarze deutsche Literatur diskutiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlebe die USA als ein sehr vielfältiges und in vielen Dingen widersprüchliches Land. Wir haben nicht nur den Trumpismus mit all seiner Intoleranz und Ignoranz, sondern auch deutliche und klare Worte von liberaler Seite. Wer sich mit Schwarzer Literatur befasst, weiß, welchen Einfluss die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre und Black Lives Matter im Jahr 2020 auf Debatten in Deutschland hatten und haben. Oppositionelle Stimmen in den USA formulierten ohnehin immer schon deutlich schärfer als in Deutschland. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass die politischen Gegensätze viel extremer und unversöhnlicher waren und sind. Aber das ist schon ein weites Feld.</p>
<p>Es geht letztlich um oppositionelles Selbstbewusstsein. In Ihrem Sammelband wird bell hooks zitiert, die als Alternative zum Gegensatz von Black gaze und <em>white</em> gaze <em>„oppositional gaze“</em> vorschlägt. Es geht nicht um eine binäre Gegenüberstellung von Schwarz und <em>weiß</em>.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Es waren Beitragende in meinem Sammelband, die bell hooks zitiert haben, allen voran Laura Högner.</em> <em>Mir geht es nie um eine binäre Gegenüberstellung, es wird aber oft so wahrgenommen. Wenn ich mich stark für Schwarze deutsche Literatur mache, wird dies oft so wahrgenommen, als wollte ich mich absondern und irgendwelche Binaritäten herstellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe das in Ihren Büchern nicht so wahrgenommen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Danke für die Rückmeldung. Ich habe im Wissenschaftsbetrieb immer wieder damit zu kämpfen. In der Germanistik gibt es immer noch große Vorannahmen und wenn man diese hat, findet man diese auch in den Texten. Es ist eine große Herausforderung, diese Vorannahmen zu reflektieren und auch Lesepraktiken zu hinterfragen. </em> <em> </em> <em>     </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Februar 2026, Titelbild: pixabay.)<em>    </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Poetisches Utopia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 07:36:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Poetisches Utopia „Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“ „Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für  [...]</p>
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<h1><strong>Poetisches Utopia</strong></h1>
<h2><strong>„Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“</strong></h2>
<p><em>„Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für das einzig Rationale. Nun, über einen Springbrunnen ließe sich reden. Doch Alfa und Teth steckten schon kreuz und quer die künftigen Blumenrabatten ab. Kein Roboterwagen hätte mehr freie Fahrt gehabt. Eta wollte ‚Schallfreiheit‘ für ihre Musik … Am liebsten hätte ich den zentralen Platz einfach umzäunen und aus den Karten streichen lassen, soviel kostbare Zeit fraßen die Diskussionen! Gamma vermittelte zum Schluß so geschickt, daß sie ihr Lieblingsprojekt, einen Aussichtsturm an zentraler Stelle, durchsetzen konnte, ein Wahrzeichen, das all die flachen Gebäude überragte und den Charakter unserer Siedlung bestimmte. / Aber nicht nur wir veränderten das Angesicht Andymons. <u>Wir</u>? Ja, aus dieser Zeit stammt auch die erste Unterscheidung von ‚wir‘ und ‚sie‘.“ </em>(Angela und Karlheinz Steinmüller, Eine Frage der Perspektive, in: Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982) <em>  </em></p>
<p>Der Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon – Eine Weltraum-Utopie“</a> von Angela und Karlheinz Steinmüller erschien erstmals im Jahr 1982. Er wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist seit 2018 in dem von Hardy Kettlitz geleiteten Berliner Verlag <a href="https://www.memoranda.eu/">Memoranda</a> verfügbar. Dort erscheinen auch <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">alle Romane, Erzählungen, Reden, Vorträge und Essays der Steinmüllers in Einzelausgaben</a>. Wer mehr über die Steinmüllers erfahren möchte, findet im Demokratischen Salon mehrere Texte, zum Beispiel eine kurze Geschichte der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Science Fiction Made in GDR</a>, der Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> zur Zensur und Spielräumen der Science Fiction beziehungsweise utopischer Romane in der DDR. Karlheinz Steinmüller ist darüber hinaus ein angesehener Zukunftsforscher. Seine Sicht der Dinge lässt sich in einem Gespräch mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">„Der optimistische Skeptiker“</a> entdecken.</p>
<p>Der Roman wurde so populär, dass sich in Ost-Berlin der <a href="http://www.club-andymon.net/">Science-Fiction-Club „Andymon“</a> gründete, der bis heute regelmäßige Lesungen und Diskussionsveranstaltungen zur Science Fiction anbietet. Gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beteiligte sich der Club an der Ausstellung <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/leseland-ddr">„Leseland DDR“</a> und steuerte mehrere zusätzliche Tafeln bei, die in einer eigenen Ausstellung vorgestellt wurden.</p>
<div id="attachment_7778" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7778" class="wp-image-7778 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda.jpg 989w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7778" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Titelbild: benSwerk.</p></div>
<p>Doch damit nicht genug: Der Theaterwissenschaftler und Philosoph <a href="https://neofelis-verlag.de/michael-wehren">Michael Wehren</a> hatte die Idee, die Geschichte des Planeten Andymon weiterzuerzählen, sei es als Prequel, als Sequel oder durch die Betonung ganz bestimmter Aspekte. Dazu gewann er elf Autor:innen der aktuellen Science Fiction, mit denen er den Band <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468">„Andymonaden“</a> gestaltete, der im Jahr 2025 bei Memoranda erschien. Titelbild und Umschlag wurden von <a href="https://benswerk.com/">benSwerk</a> gestaltet. An den „Andymonaden“ beteiligten sich (in der Reihenfolge der Erzählungen im Buch) Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Datz, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke. Michael Wehren schrieb die zwölfte Erzählung sowie ein programmatisches Vorwort. Der Band wurde im Oktober 2025 in der Berliner <a href="https://www.otherland-berlin.de/de/">Buchhandlung „Otherland“</a> erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das folgende Gespräch wurde im Zusammenhang mit dieser Buchvorstellung verabredet. Teilgenommen haben <a href="https://antagonisten.de/romane-sachbuecher">Patricia Eckermann</a>, <a href="https://www.aikimira.de/">Aiki Mira</a>, <a href="http://www.xn--karlheinz-steinmller-4ec.de/">Karlheinz Steinmüller</a> und Michael Wehren.</p>
<h3><strong>Die Geschichte von „Andymon“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, bevor wir gleich in die „Andymonaden“ einsteigen, darf ich fragen: Worum geht es in „Andymon“?</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: „<em>Andymon“ ist – so steht es auch im Untertitel – eine „Weltraum-Utopie“. Angela und mir ging es darum, eine Welt in der Zukunft zu entwerfen, die nicht durch das vorgeprägt ist, was ideologisch von einer bestimmten Weltanschauung, von einem Staat und damit letztlich von den Erwachsenen vorgegeben ist. Davon wollten wir uns abkoppeln. Ein Raumschiff nähert sich nach etwa 10.000 Jahren Flug einem anderen Sonnensystem. In dem Raumschiff werden in Inkubatoren Embryonen herangezogen. Die Kinder wachsen dann unter der Obhut von Robotern auf, die sie in keiner Weise indoktrinieren sollen. Inwiefern das funktionieren kann, lassen wir mal dahingestellt. Die Kinder bekommen keine Aufgabe vorgegeben, stellen sich aber selbst die Aufgabe, einen Planeten für sich einzurichten, den Planeten Andymon. Es geht um eine neue Welt mit einer neuen Menschheit. </em></p>
<p><em>Wie beschreibt man einen solchen Anfang? Schon aus literarischen Gründen sind Konflikte nötig; diese ergeben sich aber auch ganz naturgemäß, wenn nicht wie in den klassischen Utopien sich ein Utopist alles bis ins Detail ideal und perfekt ausgedacht hat. Die Kinder müssen alles aus sich selbst heraus entwickeln. Wenn es darum geht, einen Planeten zu besiedeln, sind Konflikte und Kontroversen unausweichlich. Die einen setzen mehr auf Technik, die anderen wollen zurück zur Natur, sie wollen barfuß über den Planeten laufen. Es gibt Mentalitäts- und Einstellungsunterschiede zwischen den Gruppen, zwischen den Individuen. Sie alle müssen lernen, auch die Widersprüche und Kontroversen, die sich beispielsweise zwischen Jüngeren und Älteren ergeben, auszutragen. Sie sollten respektvoll miteinander umgehen und immer Offenheit bewahren. </em></p>
<p><em>Ich könnte es vielleicht auch so beschreiben: Für uns war „Andymon“ eine post-sozialistische Utopie. Wir haben uns von dem Sozialismus in der DDR abgesetzt. Das, was die nächste Generation dann daraus gemacht hat, sind kleine post-kapitalistische Utopiesplitter. Auf dieser Ebene passt es dann wieder ganz besonders gut. Das ist das Wunderbare.</em></p>
<h3><strong>Neugier und Altgier </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat dich auf die Idee gebracht, nach mehr als 40 Jahren einen Folgeband zu „Andymon“ herauszugeben?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Von Heiner Müller gibt es die schöne Bemerkung, dass es nicht nur die Neugier gebe, sondern auch die Altgier. Was war eigentlich vorher? Was bleibt uneingelöst? Interessant wird es, wenn wir beides und damit auch die Zeitebenen mischen. Wenn Neugier und die Altgier, Vergangenheiten und Zukünfte gleichermaßen die Gegenwart in Bewegung bringen. „Andymon“ erscheint mir auch heute in diesem Sinne weiterhin relevant. Es geht um Veränderung, nicht nur technologisch, auch gesellschaftlich.</em></p>
<p><em>Veränderung und Transformation waren immer schon ein Thema der Science Fiction. Gleichzeitig befindet sich jetzt die Science-Fiction-Szene selbst in einem radikalen Transformationsprozess. Es gibt neue Stimmen, neue Akteur:innen, neue Schreibweisen – wobei „neu“ auch eine Qualität der Repräsentation meinen kann. Und da stellt sich auch die Frage, wie wir mit historischen utopischen Entwürfen umgehen, welches Potential der Veränderung der Gegenwart sie in dieser Situation haben und welche Veränderbarkeit sie selbst zeigen.    </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch noch eine andere Vorgeschichte. Ich selbst hatte nie mit Science Fiction aus der DDR zu tun. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, wurde ganz klassisch im Westen der 1990er Jahre SF-sozialisiert und habe erst viel später, Anfang der 2000er Jahre in Leipzig, Kontakt mit Science Fiction aus der DDR erhalten. Zunächst hat mich das nicht so richtig abgeholt. Aber als ich dann nach Berlin gezogen bin, habe ich Hardy Kettlitz kennengelernt, das Otherland, dort an Diskussionen teilgenommen. Irgendwann hat mich Hardy zum Club „Andymon“ eingeladen. Der Club ist ja schon eine Institution. Ich traf dort ganz unterschiedliche Leute, ältere wie jüngere. Ich habe mich natürlich gefragt, warum der Club „Andymon“ heißt. Hardy hat es mir erklärt und ich habe dann den Roman antiquarisch bestellt und in zwei Nächten und einem halben Tag gelesen. Mir war klar, dass ich damit etwas machen möchte. „Andymon“ kommt für mich bei aller Zeitgebundenheit nach wie vor aus der Zukunft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, da haben du und Angela etwas angerichtet!</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Michael uns gefragt hat, was wir von einer solchen Anthologie halten, haben wir uns einerseits wahnsinnig gefreut, andererseits auch gefragt, was das Buch heute – nach über 40 Jahren – bedeutet. Wir hatten damals, als wir es geschrieben haben, ganz Anderes im Kopf, wir hatten andere Probleme, an denen wir uns abgearbeitet haben: Wie können sich Menschen frei, ohne Zwang, Indoktrination und Einengungen entfalten? Umweltprobleme waren damals auch im Hintergrund Thema, sicherlich, aber wir haben uns jetzt schon gefragt, was ein Roman aus dem Jahr 1982 heutigen Lesern, jüngeren Autoren noch sagen kann. Ist da noch etwas drin, das anschlussfähig ist, an das man anknüpfen kann? </em></p>
<p><em>Auseinandersetzen kann man sich selbstverständlich mit allen alten Texten, wenn man Altgier hat. Man kann sie beliebig als vergangen, obsolet, vergraben und so weiter betrachten. Das wäre völlig korrekt. Wir hätten uns einerseits nicht beschweren können, wenn das herausgekommen wäre. Andererseits waren wir neugierig: Was werden die jungen Autorinnen und Autoren daraus machen? Woran knüpfen sie an? Interpretieren sie uns vielleicht völlig gegen den Strich? Auch das wäre möglich gewesen und im Extremfall wäre eine Lesart herausgekommen, mit der wir uns überhaupt nicht mehr hätten identifizieren können. Umso größer war unsere Erleichterung, als wir die „Andymonaden“ aufgeschlagen haben und die ersten Erzählungen von Patricia, von Aiki, von Dietmar gelesen haben. Da waren wir wirklich erleichtert, und als wir uns bis zu Michael durchgearbeitet hatten, waren wir froh.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aiki, Patricia, ihr habt sofort Ja gesagt, als Michael euch gefragt hat?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Als ich dann sah, wer alles schon angefragt war und zugesagt hatte, zum Beispiel Aiki und Dietmar, habe ich sehr geschlackert, denn das sind hochkarätige Autor:innen. Spätestens in dem Augenblick, als ich das Buch gelesen habe, schon nach ein oder zwei Seiten, war ich komplett in der Geschichte, Feuer und Flamme.</em></p>
<p><em>In meiner Kindheit habe ich viel Science Fiction genossen, Star Trek zum Beispiel. Da ist viel zusammengeflossen. Orientiert habe ich mich an den Fragen, die ich mir bei der Lektüre von „Andymon“ gestellt habe. Es gibt einige offene Stellen, die die Steinmüllers gelassen haben, die ich so ausgefüllt habe, wie es mir sinnvoll erschien. Ich wollte eine Art Prolog zu „Andymon“ schreiben, sodass die Gegenwart an die Zukunft, die in der Vergangenheit geschrieben wurde, andocken kann.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Bei mir war es nicht so einfach. Ich hatte „Andymon“ schon als Kind gelesen und geliebt und da kam natürlich die Frage: Wie lese ich es jetzt? Zur Vorbereitung wollte ich eigentlich nur einmal hineinschauen, habe dann aber angefangen zu lesen und war wieder voll drin im Text. Das hat es für mich aber auch nicht leichter gemacht. Ich muss da ganz ehrlich sein. Denn was kann ich einem Text, der so gut ist, noch anfügen? Wo kann ich anknüpfen? Das war für mich im Schreibprozess eine neue Erfahrung. Es war alles erst einmal sehr widerständig, aber im Nachhinein muss ich Michael ein ganz großes Danke sagen, dass er mich dazu gebracht hat, das Buch wieder zu lesen, besonders heute, in einer Zeit, in der andauernd und sekundenschnell neue Texte generiert werden. Darüber habe ich gerade </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/ich-gehe-jetzt-lesen-als-queere-praxis-warum-lesen-heute-radikaler-ist-als"><em>in einem Essay anlässlich der Erzählung „Sie entnamt sie“ von Ursula K. LeGuin nachgedacht</em></a><em>, dass das Lesen das Radikale, das Widerständige in unserer heutigen Zeit ist, dass langsames Lesen ein kreatives Lesen ist, das auch mein Schreiben verwandeln kann. Diesem transformativen Lesen habe ich mich ausgesetzt und dafür danke ich dir, Michael, dass du mich diese Erfahrung hast machen lassen. Das Tolle an einem solchen Anthologie-Projekt liegt schließlich darin, dass wir alle, die wir uns beteiligt haben, in einem Raum zusammengekommen sind. </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das hast du sehr schön gesagt. Mir geht es ganz genauso.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Und danke, dass ihr mitgespielt habt. Es ist schon etwas Besonderes, eine fremde Welt so anzunehmen, dass man in ihr andocken kann, dass man in ihr, mit ihr schreiben kann. Wir haben bei einem früheren Projekt gemerkt, wie schwer das ist. Es war etwa um 1990, als ein Kollege ein Buch zum „Trödelmond“, so der Titel einer Story von uns, herausgebracht hat, aber niemand hat die Vorgabe aufgegriffen. Es kam mal das Wort „Trödelmond“ vor, es flog mal jemand am Trödelmond vorbei. Das wars dann. Bei den „Andymonaden“ ist es zum Glück anders. Ihr seid alle auf die Geschichte eingestiegen. Mehr kann man sich als ergrauter, schon fast mumifizierter Autor nicht wünschen.</em></p>
<h3><strong>Nach Andymon – vor Andymon</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf einen Gedanken der Vorstellung des Romans durch Karlheinz aufgreifen: Vom Post-Sozialismus zum Post-Kapitalismus. Die Formel gefällt mir. Meines Erachtens passt das auch auf eure Geschichten, der Titel deiner Geschichte, Patricia, lautet „Sabotage“, der der deinen, Aiki, „Ausreißende Sterne“.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Der Untertitel von „Andymon“ lautet „Eine Weltraumutopie“. Dieser Gedanke hat auch bei mir eine Rolle gespielt, vor allem das Sich-Hineindenken in diese utopische Geschwistergesellschaft, die mich schon als Kind fasziniert hat. Welche Psychologie steht dahinter? Kann sich jemand von der utopischen Geschwisterlichkeit entfernen? Das Motiv des Sich-Entfernens, des Weggehens, findet sich im Titel meiner Erzählung: „Ausreißende Sterne“: Es gibt Sterne, auch Planeten, die aus ihrer Bahn brechen, Runaway Stars, Rogue Planets. Dieses Weggehen ist schon in „Andymon“ enthalten, denn es geht ja um ein Raumschiff, das aus unerklärten und unerklärlichen Gründen die Erde verlässt. Das kommt in meiner Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder vor. Die ich-erzählende Person geht weg von der Utopie Andymon, denn Andymon ist Heimatplanet geworden, Mythos. Darüber hinaus wurde die ich-erzählende Person von ihrer Mutter verlassen, in ein Kinderhaus zu Androiden gegeben. Auch das passt zur Jugend der Geschwister in „Andymon“. Mir war es wichtig, dass eine Utopie, selbst wenn wir darin aufgewachsen sind, von uns wieder verlassen werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eine ewige Fortsetzung des Erdenkens einer Utopie, des Erreichens und des Wieder-Verlassens. Vielleicht ist vielen von uns gar nicht klar, dass die Zeit, in der wir leben, aus der Sicht vorangegangener Zeiten auch eine Utopie – oder je nachdem – eine Dystopie ist. In deiner Erzählung, Aiki, lesen wir: <em>„An die Schönheit des Heimatplaneten glaube ich nicht.“</em> Oder: <em>„Durch das Leben auf Raumstationen weiß ich, der Weltraum ist nicht vollgestopft mit Leben, sondern aus allen Nähten platzend, aus Leere.“ </em>Es geht immer wieder darum, dass der Ort, an dem man landet, so toll gar nicht ist wie erhofft, sondern ähnliche Probleme hat wie der Ort, den man verlassen hat. Daran lässt sich gut an die „Sabotage“ anknüpfen, die wir, Patricia, bei deiner Geschichte im Titel lesen und die auch deren Fortgang bestimmt. In deiner Geschichte lese ich Widerstand.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich glaube, bei mir ist es nicht das Post-Kapitalistische. Wir sind noch nicht am Ziel. Ich beschreibe die Menschen, die dorthin kommen wollen, die Rebell:innen, die, die sehen, was falsch läuft, die diese Welt in der Zukunft in eine gerechte Gegenwart verwandeln wollen. In meiner Geschichte ist alles im Umbruch, alles im Fluss. Es ist auch das, was ich in unserer Gegenwart wahrnehme. Viele Menschen haben das erkannt und arbeiten im Kleinen daran. Ich glaube, wir müssen nur erkennen, dass wir schon dabei sind daran zu arbeiten. Darüber müssen und können wir zusammenfinden, über die verschiedenen Widerstände hinweg. Wenn wir das tun, können wir das Ziel auch erreichen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich will eigentlich nicht spoilern, aber irgendwie kommen wir nicht darum herum. In „Sabotage“ hast du eine ganz bemerkenswerte Art und Weise beschrieben, in der das geplante Attentat vollzogen wird. Angel Stone ist es gelungen, Eizellen und Spermien auszutauschen. Es hat etwas höchst Subversives, eine solche gewünschte Perfektion zu unterminieren.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist die Auflehnung gegen die Tendenzen, die wir heute sehen. Ich habe das nicht erfunden, auch nicht die Diversität. Das steht alles in „Andymon“ schon drin. Das war für mich auch die zentrale Botschaft dieses Buches. Das hat mich in dem Roman am meisten angesprochen, ich war von Anfang an mitgemeint. In keinem anderen Science-Fiction-Roman, weder im Westen noch im Osten, habe ich mich jemals gefunden und daher auch nicht das Interesse entwickelt, in diesem Bereich weiterzulesen und mich weiterzubilden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem eigenen Roman „Elektro Krause“ hast du dein Ziel dennoch bestens umgesetzt. Man mag zwar denken, dass es sich hier weniger um einen Science-Fiction-Roman handelt als um eine deutsche und politische Version der Ghostbusters, die ich eher in den Fantasy-Bereich einordnen würde.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Im englischen und im amerikanischen Roman habe ich mehr Diversität gesehen als in den deutschen Romanen. Da gab es zwar auch eine Menge Rassismus, aber es kamen Menschen vor wie ich. Als ich dann „Andymon“, einen Roman aus den 1980er Jahren, lese und sehe, dass Menschen wie ich darin eine Rolle spielen, war ich komplett begeistert. Für mich zeigt „Andymon“, dass alle dazugehören. Das ist auch das, was die Rebell:innen in „Sabotage“ antreibt. Die zukünftige Welt soll genau so divers sein, wie die Welt heute ist. Die Züchtungsfantasie in meiner Erzählung basiert auf der Haltung von Menschen, die meinen, sie wären etwas Besseres und die Menschheit der Zukunft sollte nach ihrem Bilde gestaltet werden. </em></p>
<h3><strong>Science Fiction ist Gegenwartsliteratur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal habe ich bei Wiederaufnahmen wie den „Andymonaden“ den Eindruck, es ist irgendwie wie bei den Stoffen der griechischen Tragödien. Diese wurden über die Jahrhunderte, die Jahrtausende immer wieder aufgegriffen, auf die jeweiligen aktuellen Verhältnisse hin reflektiert und neu interpretiert. Es ist irgendwie eine Wiederkehr des Gleichen, mitunter in Spiralen, mehr oder weniger dialektisch, sodass die neuen Geschichten widerspiegeln, was zuvor war. Post-kapitalistisch, post-sozialistisch – das sind vielleicht nur zwei Varianten, die sich mit dem Präfix „post“ anstellen ließen. „Ausbrechende Sterne“ wären dann auch ausbrechende Gesellschaften, die „Sabotage“ wäre dann der konkrete Akt, der einen solchen Ausbruch provoziert und möglicherweise sogar nicht mehr zurückholbar dem Lauf der Welt eine völlig andere Richtung gibt.</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Was wird wie sichtbar, wenn du ein solches Projekt startest? Die Autor:innen werden den Text abklopfen und mit auf ihre Zeit, ihr Schreiben, beziehen. Wenn sie den Text genau lesen, sich von ihm berühren lassen und der Text immer noch assoziierbar ist, werden sie erfahren, was an ihm zukünftig aus der linearen Zeit gefallen ist. Sie erkennen die Symptomatik, was zu einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Signatur gehört und das eine Zeit viele Zeiten ist. Wenn wir über „Andymon“ sprechen, machen wir jeweils kenntlich, was auch jede einzelne der Geschichten tut: Wir machen die eigene Gegenwart kenntlich. Ursula K. LeGuin schreibt, dass Science Fiction immer auch Gegenwartsliteratur ist – aber eben eine Gegenwart im Übergang. Es ist eine Gegenwart zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, nicht eine Gegenwart, die zur Ruhe gekommen wäre. </em></p>
<p><em>Das gilt für „Andymon“ wie für jede einzelne Erzählung der „Andymonaden“, im Guten wie im Schlechten. Zugleich kommen diese Stories aus der Zukunft, öffnen sie auch wieder, verhandeln sie neu. Es ist dieses Moment des Wieder- und Widererkennens, des Verfremdens, auch des Nicht-Mehr-Erkennens, des Neu-Konstruierens, des Anders-Bauens, des Verschiebens,  in einem transgenerationalen Dialog, der schon Gegenstand von „Andymon“ ist und auch die „Andymonden“ auszeichnet. Gleichzeitig lernen und entlernen wir mit den Texten, was Andymon ist – und damit auch unsere Gegenwart und ihre Zukünfte.</em></p>
<p><em>Alle Texte sind nah an der Gegenwart, gleichzeitig beziehen sie sich emphatisch auf die Romanvorlage So können sich diese Stories denjenigen öffnen, die den Roman schon als Kind gelesen haben, diejenigen, die ihn erst jetzt entdecken, die ihn wieder lesen, neu entdecken, diejenigen, die noch gar nicht geboren waren, als „Andymon“ erschien. Ebenso ist es bei den Autor:innen der zwölf Erzählungen. Sie verhandeln Themen, mit denen sie sich von „Andymon“ lösen und doch wieder darauf zurückverweisen. Kurz gesagt: Alle zwölf riskieren etwas. Und das ist auch spürbar.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich möchte einen Gedanken hinzufügen. Mir ging es nicht nur um eine inhaltliche, sondern auch um eine poetische Auseinandersetzung. Es ist eine Beziehung zwischen mir und dem Roman entstanden, zum Beispiel über den Mythos „Heimatplanet“. In dem Roman ist etwas angelegt, das  mit mir und meinem Schreiben etwas macht. Das hängt auch mit meiner persönlichen Familiengeschichte zusammen. Es geht letztlich darum, was macht der Text mit mir, was macht sein Sound mit mir, was macht das dann mit meinem Schreiben?</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Daran kann ich anknüpfen. Als wir das Buch schrieben, haben Angela und ich lange diskutiert, was für uns „Heimat“ bedeutet, zumal dieser Begriff über Jahrzehnte doch etwas kontaminiert war und man ihn sich neu aneignen musste. Insofern ist „Heimat“ doch eher der Ort, den man sucht. Im Vergleich zu 1982 gibt es zum Glück Veränderungen, wir haben das Buch in einer Zeit geschrieben, in der wir den Kalten Krieg als allgegenwärtigen bedrohlichen Zustand fast schon körperlich gespürt haben, gerade in Berlin. Wir hatten auch Kontakte in die kleine Umweltszene und kannten uns mit Umweltproblemen und ihrer Verleugnung aus. Wir haben sehr stark die Enge und die Miefigkeit des DDR-Alltags wahrgenommen, aus dem wir ausbrechen wollten. Wir können das in die heutige Zeit hinein durchdeklinieren: Wie viel Mief, wie viel Enge ist heute noch oder wieder vorhanden? Einige Umweltprobleme wurden tendenziell gelöst, zum Beispiel das Ozonloch, andere haben bedrohliche Dimensionen erreicht. Im Hintergrund lauert ein heißer Krieg, der für uns in Mitteleuropa erst einmal einen kalten Krieg bedeutet. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Sie ist bunter, vielfarbiger geworden. Jol Rosenberg hat mit der Bemerkung recht, dass „Andymon“ eine heteronormative Perspektive hat.</em></p>
<h3><strong>Politik und Poetik der Science Fiction</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jol Rosenberg schrieb die Erzählung „Wovon ich Teil sein will“. Darin finden wir folgenden Satz: <em>„Eintauchen und Auftauchen. Sich verbinden und wieder lösen. Viele und ein Einzelner sein. Neugier schien ihm ein guter Anfang.“ </em>In der Erzählung gibt es unter den Bewohner:innen von Andymon eine Debatte über die Freiheit und die Frage, ob es Individualität gebe oder nur Gemeinschaft, darüber, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Im Grunde geht es dabei um das, was in der Soziologie heute <em>„Heteronormativität“</em> genannt wird.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Diese Begriffe kannten wir damals nicht. Es gab sie wahrscheinlich auch noch nicht. Wir hatten allerdings einen Lektor, der schwul war. Alle wussten dies. Das war 1982 in der DDR nicht revolutionär, aber ungewöhnlich. Auch diese Offenheit wollten wir haben, aber wir haben damals nicht daran gedacht, das in dieser Richtung detailliert zu beschreiben. Wir hatten keine Vorbilder für queere Persönlichkeiten, die wir in die Geschichte hätten einbauen können. Ob uns das geglückt wäre, ist noch eine ganz andere Frage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sieht heute anders aus. Drei der zwölf Autor:innen der „Andymonaden“ bezeichnen sich als nicht binär. Auch diesen Begriff gab es vor 40 Jahren noch nicht, weder im Osten noch im Westen.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Selbstverständlich waren die Geschwister vom ethnischen Hintergrund her so bunt wie die Menschheit. Sie sollten die gesamte Menschheit widerspiegeln und nicht nur die in der DDR auftretenden Gesichtsfarben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Patricia, du hast eben darauf hingewiesen, wie sehr dich die in „Andymon“ vorhandene Diversität angesprochen hat. Ein weiterer Aspekt in diesem Kontext sind totalitäre Fantasien, die Diversität zerstören wollen. Dies nimmst du in deiner Geschichte auseinander. Es geht um die von den Herrschenden gesteuerte Fantasie der Züchtung einer perfektionierten, genetisch optimierten Menschheit. Und es gibt den Widerstand mit Reminiszenzen an die interessanteste Person in dem Comic-Franchise „Black Panther“, Killmonger, und einen Urvater aller Terroranschläge, <a href="https://www.britannica.com/biography/Guy-Fawkes">Guy Fawkes</a>.</p>
<p>Ich darf zwei Passagen der Schlussszene zitieren: Der <em>„Baron“</em> genannte Repräsentant der herrschenden Gesellschaft rechtfertigt das Züchtungsprojekt im Verhör mit Angel Stone, der Erzählerin und Protagonistin: <em>„Menschen tendieren dazu, Macht und Status anzuhäufen. (…). Deren Stärken basieren auf Dominanzhierarchien und leistungsorientierter Konkurrenz.“</em> Besser hätten sich Peter Thiel, Marc Andreessen oder Elon Musk auch nicht rechtfertigen können. Aber auch deren Macht hat Schwächen: Der letzte Absatz der Erzählung dokumentiert die Hoffnung auf eine entscheidende und endgültige Niederlage der Tech- und Züchtungs-Oligarchen: <em>„Plötzlich erscheint auf dem Screen ein rotes, drohendes V über einem roten Kreis. Dann ein Mensch mit Guy-Fawkes-Maske – und Kalles Stimme! Sie haben die Kommunikationskanäle der Oligarchen gehackt! Ich weine vor Freude. Jetzt erfährt die ganze Welt, dass auch die Zukunft der Menschheit divers ist.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Für Angela und mich war die Erzählung „Sabotage“ eine plausible Vorgeschichte zu „Andymon“, die praktisch am heutigen Tag ansetzt. Wenn ich an Leute wie Peter Thiel denke, bekomme ich eine Gänsehaut, obwohl ich ebenso weiß bin wie er. Wir hatten damals aber auch Romane von James Baldwin gelesen. Einige Werke von ihm wurden in der DDR verlegt; ich kann aber nicht sagen, ob sie „Andymon“ beeinflusst haben.</em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich bin euch dafür superdankbar. Das kann ich nicht oft und laut genug sagen. Ein Roman aus dem Jahr 1982!</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Patricia, du hast einen superaktuellen Text geschrieben. Ich sehe das genau wie du. Auch wenn Queerness in „Andymon“ nicht explizit benannt wird, auch weil es die Begrifflichkeit damals noch nicht gab, ist sie ständig durch die verschiedenen Lebensstile im Roman präsent. Queerness wäre dort überall möglich gewesen, auch wenn sie nicht explizit benannt wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass auf Andymon viel möglich ist, viel mehr, als wir uns bei der Jahreszahl 1982 eigentlich vorstellen können. Es könnten in der Erzählung, in der Weitererzählung, immer wieder neue Dinge ausprobiert werden, sodass es sich bei „Andymon“ um eine sehr dehnbare Utopie handelt. </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Aiki sprach eben die „poetische Auseinandersetzung“ an. Es geht eben auch potentiell um eine „Poetik der Science Fiction“, um die Schreibweisen, um den Stil. „Andymon“ ist ein offenes Buch, das immer noch assoziierbar, immer noch produktiv ist – das ist insbesondere auch eine Frage des Stils, der Schreibweise. Die Haltungen der Figuren werden in eine eigene Schreibweise übersetzt und umgekehrt. So wie die Figuren im Roman mit Konflikten umgehen, so geht der Roman stilistisch auch mit dem Material um, das in auszeichnet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien wirken über Poesie? Warum funktioniert das mit „Andymon“ immer noch so gut?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>:<em> Es ist einmal die Utopie des Neuanfangs. Gleichzeitig gibt es noch ein zweites Modell, das Modell der menschlichen Praxis als Utopie. Utopie bedeutet dabei nicht Konfliktfreiheit, sondern die Art und Weise, wie mit Konflikten umgegangen wird. Ich sehe in dem Buch in diesem Sinne eine Politik des Schreibens, aus der sich ein eigenes poetisches Moment entwickelt. Nicht nur was, auch wie wir schreiben, ist politisch. Utopie und Utopisches sind ja immer auch ästhetische Erfahrungen – eine Frage der Wahrnehmung, der Worte, der Form der Sätze und wie sie sich mit Affekten, Wünschen und so weiter assoziieren. Das verbindet auch die zwölf Texte der „Andymonaden“. In allen Varianten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu all diesen Varianten gehört in „Andymon“ auch eine Figur unter den Geschwistern, die geradezu stalinistische Züge hat. Ich habe nicht nur in diesem Kontext den Roman ebenso wie andere Romane von Angela und dir, Karlheinz, als Parabeln gelesen. Oder ist das nur meine eigene Kafka-Passion, die mich überall Parabeln sehen lässt? Aber der Weltraum in „Andymon“ ist für mich ein Spielfeld, ein Hintergrund, kein realer Weltraum. Die ersten Sätze des Romans – der Titel des Kapitels lautet bewusst vieldeutig <em>„Woher?“</em> – legen mir diese Sicht schon nahe: <em>„Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich der Mensch wieder und wieder stellt. Das war schon auf einem Planeten mit Namen Erde so, der für uns kaum mehr bedeutet als eine phantastische kosmische Sage. Und das wird so sein bis in alle Zukunft unseres Planeten Andymon, über der genau wie über der irdischen Vergangenheit der Schleier der Zeit liegt.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Wir haben schon versucht, den realen Weltraum so weit wie möglich zu nutzen, aber da kommt man nicht weit. Wir haben immer etwas schreiben wollen, das unserer Realität in der DDR einen Spiegel vorhält. Wir wollten aber auch nicht, dass es nur ein Spiegel ist. Da sollte mehr drin sein. Es sollte auch auf andere Verhältnisse übertragbar sein. Modellhaft. Wir konnten natürlich damals nicht einschätzen, ob und wie das möglich wäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letztlich wird es philosophisch. Luise Meier nannte bei der Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“ den Roman <em>„ein philosophisches Buch“</em>.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Vielleicht passt dazu ein Gedanke zur Offenheit von „Andymon“: Die Konflikte werden in der Tat auf einer sehr philosophischen Ebene ausgetragen. Wir hatten Reaktionen von Lesern, die die Figur Beth, den Ich-Erzähler des Romans, als „so ein Softie“ bezeichneten, weil Beth eben nicht auf einer Meinung beharrte und sie unbedingt durchsetzen wollte. Er zeigte die Haltung, dass er nicht unbedingt recht haben müsse, dass vielleicht auch die anderen recht haben könnten, also, dass ich erst über mich selbst nachdenken muss, damit ich mit den anderen reden kann. Diese undogmatische Grundhaltung ist ein großer Unterschied zu den klassischen Utopien, die alle mehr oder weniger dogmatisch sind.</em></p>
<p><em>Angela und ich haben damals auch darüber gesprochen, dass „Andymon“ eine dynamische Utopie sein sollte. Den Begriff hat meines Wissens als erster H.G. Wells aufgebracht (in: „A Modern Utopia“). Es wird nichts von Beginn an festgelegt, sondern alles soll sich aus der Praxis der Menschen heraus entwickeln. Utopie ist nichts Vorgegebenes, sondern ein unklar umrissenes Ziel, auf das man sich versucht hinzubewegen. </em></p>
<h3><strong>Mehr Pop in unsere Tragetasche packen!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Science Fiction leidet – zumindest in Deutschland – darunter, dass manche sie als Populärkultur, die man nicht ernst nehmen müsse, im Gegensatz zu einer sogenannten „Hochkultur“ abwerten. In den USA gibt es eine solchen Unterscheidung nicht. Immerhin gibt es inzwischen einige Wissenschaftler:innen, die sich sehr konkret und sehr präzise mit populärkulturellen Kunstformen auseinandersetzen, mit dem Gaming, mit Comics, mit Serienproduktionen wie Star Trek oder Game of Thrones. All dies geschieht durchaus in dem Sinne, wie auch „Andymon“ wirkte. Meines Erachtens passt dies auch zu der von Ursula K. LeGuin eingeführten Begrifflichkeit der Speculative Fiction oder der Social Fiction, die sie als Alternative oder Ergänzung zur Science Fiction vorschlägt, um den gesellschaftlichen und politischen Kontext hervorzuheben. Dazu gehört die Solarpunk-Bewegung mit ihren Fantasien für eine gerechtere und nachhaltigere Welt. Ich möchte folgende Thesen anbieten: Wir brauchen mehr Pop, um gesellschaftliche und politische Inhalte anschlussfähiger zu machen und möglichst viele Menschen zu motivieren, sich damit zu beschäftigen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich schließe an Ursula K. LeGuin an, auch an das, was Karlheinz eben zu Beth gesagt hat, eine Figur, die ich sehr liebe. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/produktive-unordnung-in-der-tasche-ursula-k-le-guins-carrier-bag-theory-of-fiction-und-die-gegenwartsliteratur/"><em>LeGuin hat Fiktion als Tragetasche bezeichnet</em></a><em> (in: The Carrier Bag Theory of Fiction, 1989). Diese Tragetasche enthält alles Mögliche und eben nicht nur die übliche klassische Heldengeschichte mit Konflikten, Kämpfen und Triumpfen. Es ist bei „Andymon“ gerade das Spannende, dass im Roman der Inhalt einer solchen Tragetasche erzählt wird, mit vielen Möglichkeiten, ganz unterschiedlichen Figuren, die zusammenkommen, zueinander in Beziehung treten, wieder auseinandergehen, die kooperieren, aber auch scheitern, die sich verknüpfen, verbinden. Das ist – wie LeGuin sagt – viel näher an unserer Realität als die klassischen Heldengeschichten. Es ist egal, ob das jetzt Pop ist oder nicht. Es ist eine Tragetaschengeschichte. Das hat mich als junger Mensch fasziniert und mich umhergetrieben. Davon wollte ich noch mehr lesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Und jetzt schreibst du selbst solche Bücher. Du hast dein Konzept in unserem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/">„Poetik der Queerness“</a> im Detail beschrieben.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich will andere Narrative finden. Dann kommen andere, die das in E- und U-Literatur einordnen, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Neue Erzählformen sind in allen Literaturformen möglich.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Die Bemerkung von Ursula K. LeGuin mit der Tragetasche ist auch schon fast 40 Jahre alt. Man hat in den 1960er Jahren das S in Science Fiction mit Speculative oder Social übersetzt. Es ist heute wieder eine Zeit, in der sich aus dem Genre ein neues Genre heraus entwickelt. Das zeigt sich auch in Zeitschriften wie </em><a href="https://amrun-verlag.de/produkt/queerwelten-14-2025/"><em>„Queer*Welten“</em></a><em>. Ich glaube zwar nicht, dass die Heldengeschichten aussterben werden. Die Sehnsucht nach Heldengeschichten ist das Vermächtnis der Höhlenmenschen in uns. Aber wir brauchen heutzutage eben auch andere Narrative.</em></p>
<p><em>Mir ist aber auch aufgefallen, dass Science Fiction zunehmend ernsthaft wahrgenommen und diskutiert wird, zumindest in meiner kleinen Szene aus der Zukunftsforschung. Es ist Wahnsinn, wieviel  Aufmerksamkeit  jeglicher Art von Science Fiction geschenkt wird, meistens – so muss ich gestehen – ihrer technologischen Seite, aber eben auch breiter. Science Fiction wird zunehmend auch politisch interpretiert, etwa von </em><a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/"><em>Isabella Hermann</em></a><em>, die sich in dem Genre hervorragend auskennt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zuletzt mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“, das 2025 im oekom-Verlag erschien. Im selben Verlag erschienen die „Zukunftsbilder 2045“ von Reinventing Society. Ich habe beide Bücher in meinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt, mit dem ich auch an einen Aufruf von Kim Stanley Robinson anknüpfe: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Dystopien – jetzt!“</a> Isabellas Buch wurde schon in der ZEIT, die irgendwie das bildungsbürgerliche Leitmedium in Deutschland ist, von Petra Pinzler und Stefan Schmitt vorgestellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/27/zukunft-visionen-angst-optimismus-wissenschaft/komplettansicht">„Das wird gut“</a>. Wie Isabella verweisen sie auf Kim Stanley Robinsons „Ministerium für die Zukunft“. Maximilian Probst interviewte – ebenfalls für die ZEIT – Kim Stanley Robinson: <a href="https://www.zeit.de/wissen/2025-11/kim-stanley-robinson-science-fiction-klimafiktion-klimakrise">„Wir alle stecken heute mitten in einem Science-Fiction-Roman“</a>. Auch der Deutsche Kulturrat hat sich mehrfach in diesem Sinne mit Science Fiction, mit Comics, mit Gaming befasst.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Ich denke, dass Science Fiction inzwischen unsere Kultur unterwandert hat. Seit etwa 20 bis 30 Jahren ist Werbung ohne Science-Fiction-Motive kaum noch denkbar. Selbst in den alten Medien, im Fernsehen, ist Science Fiction ständig präsent, erst recht in den Streaming-Diensten. Das ist ein Siegeszug, der auch seine Nachteile haben kann, im Sinne einer Verwässerung, eines Zurechtschneidens auf einen mutmaßlich vorgegebenen Zeitgeist. Mitunter finde ich es beängstigend, wie science-fiction-affin unsere Zeit ist. Science Fiction war doch einmal etwas für Spezialisten, für die wenigen, die sich auskannten, und jetzt ist das etwas für Krethi und Plethi.  </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Wir müssen mehr Pop wagen! Das ist mein Thema. Diese Unterscheidung zwischen E und U macht unser Leben unnötig schwer. Es ist natürlich interessant für eine Wissenselite, die sich auch gerne etwas abgrenzen möchte. Ich glaube aber, dass wir gerade über Literatur, auch über Fernseh- und Filmmedien viele Menschen erreichen, wesentliche Botschaften verbreiten können. Es ist mir wichtig verstanden zu werden. Ich finde es persönlich gut, dass ich mich in einem populären Genre viel leichter und auch gegenüber einer viel größeren Gruppe ausdrücken und verstanden werden kann. Menschen folgen dann vielleicht einer Geschichte, in die ich das ein oder andere hineinpflanzen kann, das nicht so mit dem Zeigefinger daherkommt. </em></p>
<p><em>Ich mag es Genres und Welten zu vermischen. So bin ich auch aufgewachsen. Manche würden mich als Mixed-Race bezeichnen. Für die einen bin ich nicht Schwarz genug, für die anderen nicht weiß genug. Ich bin etwas eigenes, ich bin mein eigenes Genre. So wie ich selbst nicht von anderen festgelegt werden kann, mich auch nicht festlegen, in eine Schublade hineinzwängen lassen will, so möchte ich, dass das, was ich schreibe, nicht nur in eine Schublade passt. Ich lese selbst gerne Texte oder schaue Filme, die sich aus einer Schublade herausbewegen oder die ich selbst aus einer Schublade herauslesen kann. Auch das ist möglich.</em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Mein Eindruck ist, dass das, was populär wird, immer auch ein wichtiger Exodus, ein produktives Neuverorten ist. Zugleich kann es auch ein Exodus sein, wenn etwas poetisch wird. Gerade in Situationen, in denen man vielleicht schon zu viel verstanden wird. Mehr Pop! Das ist die eine Seite, eine weitere: Mehr Poesie!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An einem meiner Bücherregale klebt die Parole <em>„poetisiert euch.“ </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Dazu gehört vielleicht auch: Mehr Nacht! Nicht immer nur das sogenannte Licht der Wissenschaft! Natürlich müssen wir Technik, Technologie und die Erfahrungen damit erzählen. Es gibt in der Science Fiction so viel Anderes. Wofür steht Science Fiction denn? Das wird doch mit jedem Roman, jeder Kurzgeschichte, jedem Interview neu verhandelt. Muss das S in SF für Science stehen? Oder steht das S vielleicht beispielsweise auch für Socialist? Vielleicht ist „Andymon“ auch der Traum von einem anderen Sozialismus, von einer anderen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Traum von sozialistischem Solarpunk aus einem Land vor unserer Zeit. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig aber tut es der Science Fiction vielleicht sogar gut, wenn sie nicht immer so ganz ernst genommen wird, dass darin auch immer Spiel ist, Fantasie, auch Blödsinn, persönliche Idiosynkrasie, Wachträumen, dass sie nie ganz feuilletonfähig ist, sich mit ihren Robotern und Aliens immer auch wieder selbst ein wenig um ihren Ruf bringt. Das macht Science Fiction produktiver und zugänglicher für ein Publikum, das nicht rein bildungsbürgerlich geprägt ist.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Fazit passt vielleicht ein Satz von Michael aus seiner meines Erachtens sehr philosophisch inspirierten Erzählung in den „Andymonaden“. Titel: „Nach Andymon – Vier Erzählungen aus der Zukunft“: „Sie gehen zurück an den Anfang und / Merken, da ist kein / Anfang / Sie gehen zurück an das Ende und / Merken, da ist kein / Ende / Die Welten und die Sterne sind / Unendend.“ Michael hat die Philosophie von „Andymon“ damit auf den Punkt gebracht.</em></p>
<p><em>Für Angela und für mich ist das Schönste an den „Andymonaden“, dass wir damit in direkten Kontakt mit Aiki, mit Patricia und all den anderen der jüngeren Generation gekommen sind. Das hat uns auch neue Kraft gegeben. Ich danke allen, die sich beteiligt haben, und besonders dem Herausgeber!  </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026, Titelbild: Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Dec 2025 09:45:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit Ein Porträt der britischen Literaturwissenschaftlerin Sarah Colvin „When I first conceived of this book, I assumed I would be bringing epistemic injustice theory to the novels and reading them through it. As I read the novels it became clear to me that, on the contrary, I was reading it  [...]</p>
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<h1><strong>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt der britischen Literaturwissenschaftlerin Sarah Colvin</strong></h2>
<p><em>„</em><em>When I first conceived of this book, I assumed I would be bringing epistemic injustice theory to the novels and reading them through it. As I read the novels it became clear to me that, on the contrary, I was reading it through them: the novels taught me a great deal about epistemic injustice and the forms it takes.” </em>(Sarah Colvin, <a href="https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/107936">Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel</a>, Routledge, 2025. Deutsche Übersetzung:<em> „Als ich dieses Buch erstmals konzipierte, ging ich davon aus, die Theorie der epistemischen Ungerechtigkeit auf die Romane anzuwenden und sie durch diese Linse zu lesen. Während der Lektüre wurde mir jedoch klar, dass vielmehr das Gegenteil der Fall war: Ich las die Theorie durch die Romane – sie haben mich vieles über epistemische Ungerechtigkeit und ihre Erscheinungsformen gelehrt.“</em>)</p>
<h3><strong>Die Autorin</strong></h3>
<p><a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/sjc269">Sarah Colvin</a> ist Schröder Professor of German an der University of Cambridge und Fellow des Jesus College. Nach dem Abschluss ihrer Studien an der University of Oxford (BA, MA, DPhil) war sie Junior Research Fellow am St John’s College, Oxford. Anschließend wechselte sie in Lecturer- und Reader-Positionen, zunächst an die University of Edinburgh, wo sie ihr Interesse an deutscher Literatur und Kultur in Verbindung mit Sozialtheorie weiterentwickelte. Ein Humboldt-Stipendium an der Universität Potsdam (2000–2001) folgte. Danach hatte sie den Eudo-C.-Mason-Lehrstuhl für Germanistik an der University of Edinburgh (2004–2010) inne und war Professorin für das Studium des zeitgenössischen Deutschlands an der University of Birmingham (2010–2012), anschließend Professorin für Germanistik an der University of Warwick (2013–2014). 2014 übernahm sie den Schröder Chair in Cambridge, wo sie seither ein eigenständiges Forschungsprofil aufgebaut hat, das literarische Analyse, politische Theorie, Kriminologie und Critical Race Theory verbindet, mit einem besonderen Schwerpunkt auf widerständiger Literatur, sozialer Gerechtigkeit, epistemischer Ungerechtigkeit, dem politischen Roman und Gefängnisschriften.</p>
<div id="attachment_7680" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7680" class="wp-image-7680 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7680" class="wp-caption-text">Sarah Colvin, Foto: privat.</p></div>
<p>Ein bemerkenswerter Aspekt von Sarah Colvins wissenschaftlichem Profil ist ihre intensive Zusammenarbeit mit Routledge, einem der weltweit führenden akademischen Verlage in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Mehrere ihrer Bücher sind inzwischen als Open-Access-Publikationen verfügbar, was Sarah Colvins Engagement für die Prinzipien der Open Science, die grenzüberschreitende Zugänglichkeit von Forschung und die Demokratisierung von Wissen widerspiegelt.</p>
<p>Ihre jüngste Monographie<a href="https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/107936"> „Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel“</a> („Literatur und epistemische Ungerechtigkeit: Macht und Widerstand im zeitgenössischen Roman“; 2025), bildet das Herzstück dieses Œuvres. Als Teil der neuen Reihe <a href="https://www.routledge.com/Routledge-Literary-Studies-in-Social-Justice/book-series/RLSSJ">Routledge Literary Studies in Social Justice</a> veröffentlicht, positioniert das Buch Sarah Colvin an der Spitze einer wachsenden Bewegung, die Literaturwissenschaft durch die Linse epistemischer Ungleichheit, des Zum-Schweigen-Bringens und des Widerstands neu denkt. Sarah Colvin argumentiert hier, dass zeitgenössische Romane – ob aus der Ukraine, aus Zimbabwe, China, Deutschland oder den Vereinigten Staaten – als Laboratorien für die Produktion von Gegenwissen dienen und dazu beitragen, jene epistemischen Hierarchien zu destabilisieren, auf denen politische und soziale Gewaltformen beruhen.</p>
<p>Ein weiterer bedeutender Routledge-Band ist<a href="https://doi.org/10.4324/9781003254317"> „Epistemic Justice and Creative Agency: Global Perspectives on Literature and Film“</a> („Epistemische Gerechtigkeit und kreative Handlungsfähigkeit: Globale Perspektiven auf Literatur und Film“; 2023), den sie gemeinsam mit <a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/sg948">Stephanie Galasso</a> herausgegeben hat. Dieser Sammelband vereint Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Regionen und Disziplinen, um zu untersuchen, wie künstlerische Werke sich mit Rassifizierung, Kolonialität, geschlechtsspezifischer Gewalt und anderen Mechanismen sozialer Ungleichheit auseinandersetzen. Sarah Colvins <a href="https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003254317-12/narrative-pilgrimage-chiastic-knowledge-olivia-wenzel-1000-coils-fear-sharon-dodua-otoo-ada-room-sarah-colvin?context=ubx&amp;refId=ab18eb2f-84c7-4e18-85e1-02804415aedd">eigener Beitrag</a> zu dem Band bietet eine eindrucksvolle Reflexion über die narrative „<em>Pilgerschaft</em>“ – die Bewegung von Erzählerinnen und Erzählern durch Raum, Erinnerung und moralischen Konflikt – und verbindet dieses Konzept mit Fragen der Gerechtigkeit in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Der Band als Ganzes zeigt auf, wie sich epistemische Ungerechtigkeit in globalen literarischen und filmischen Praktiken nachzeichnen lässt und wie das Erzählen dazu dient, interpretative Autorität zurückzugewinnen.</p>
<p>Früher in ihrer Zusammenarbeit mit Routledge veröffentlichte Sarah Colvin das<a href="https://doi.org/10.4324/9781315747040"> „Routledge Handbook of German Politics and Culture“</a> (2014), ein umfangreiches 500 Seiten starkes Nachschlagewerk, das das zeitgenössische Deutschland an der Schnittstelle von politischem Leben, kultureller Produktion, sozialem Wandel und kollektivem Gedächtnis verortet. Eine überarbeitete Ausgabe befindet sich derzeit in Vorbereitung und ist für 2026/2027 geplant. Zwar rückt das Handbook epistemische Ungerechtigkeit nicht ausdrücklich in den Vordergrund, doch legt es die Grundlagen für Sarah Colvins spätere konzeptionelle Wendung, indem es jene sozialen und politischen Diskurse kartiert – etwa zu Nationalismus, Minderheitenidentität, Rassismus, Migration und Sicherheit –, die das öffentliche Leben in Deutschland strukturieren. Das Handbook zeigt, wie kultur- und politikwissenschaftliche Analyse in die literaturwissenschaftliche Forschung integriert werden kann und dass Literatur nicht von den Strukturen von Wissen und Macht zu trennen ist.</p>
<p>Zu Sarah Colvins Routledge-Publikationen gehören außerdem zwei gemeinsam mit <a href="https://www.birmingham.ac.uk/staff/profiles/languages/karcher-katharina">Katharina Karcher</a> herausgegebene Bände: <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203784"><em>„Gender, Emancipation, and Political Violence: Rethinking the Legacy of 1968”</em></a><em> und </em><a href="https://doi.org/10.4324/9781351203715"><em>„Women, Global Protest Movements and Political Agency: Rethinking the Legacy of 1968”</em></a>. Diese 2018 erschienenen Bücher analysieren, wie geschlechtercodierte Narrative bestimmen, welche Formen politischer Handlungsmacht als legitim gelten, welche abgewertet und welche kriminalisiert werden.</p>
<p>Rückblickend wird deutlich, dass diese Bände Sarah Colvins spätere Arbeiten zur epistemischen Ungerechtigkeit vorwegnehmen: Lange bevor sie die Terminologie von <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198237907.001.0001">Fricker (2007)</a> und <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199929023.001.0001">Medina (2013)</a> übernahm, untersuchte sie bereits, wie „<em>Erzählungen über Terrorismus</em>“ und politische Gewalt Wissenshierarchien hervorbringen, die die öffentliche Moral prägen.</p>
<p>Sarah Colvins Routledge-Publikationen reichen von präzisen Analysen der deutschen Politik und Kultur über geschlechterbezogene Protestformen und politische Partizipation bis hin zu globalen literarischen und filmischen Ausdrucksformen von Ungerechtigkeit – und münden schließlich in ein ausgearbeitetes theoretisches Rahmenmodell, in dem Literatur zu einem Ort wird, an dem verstanden werden kann, wie Wissen in Gesellschaften verteilt – und verzerrt – wird.</p>
<p>Diese Entwicklung spiegelt größere Transformationen innerhalb der globalen Geisteswissenschaften wider und bietet ein wertvolles Modell dafür, wie man Literatur in Zeiten von Krise, Übergang und politischer Turbulenz ethisch reflektiert einsetzen kann.</p>
<h3><strong>German Life and Letters</strong></h3>
<p><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/14680483">„German Life and Letters“</a> zählt zu den angesehensten Publikationsorten der Germanistik in der englischsprachigen Welt. In den letzten Jahren hat sich die Zeitschrift zu einer zentralen Plattform für Forschung entwickelt, die deutschsprachige kulturelle Produktion mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, dekolonialem Denken, Critical Race Studies und der Politik des Wissens verbindet.</p>
<div id="attachment_7682" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7682" class="wp-image-7682 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-300x181.jpg" alt="" width="300" height="181" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-300x181.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-400x241.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-600x362.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-768x463.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-800x482.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1024x618.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1200x724.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1536x926.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151.jpg 1708w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7682" class="wp-caption-text">Screenshot von der Vorstellung am 4. November 2025. Foto: Pavlo Shopin.</p></div>
<p>In einer Reihe von Aufsätzen, die zwischen 2020 und 2024 in der Zeitschrift veröffentlichte wurden, entwickelte Sarah Colvin ein ausgefeiltes Vokabular, um zeitgenössische afrodeutsche und migrantische Literatur in deutscher Sprache als Interventionen gegen epistemische Ungerechtigkeit zu lesen – Formen der Ungerechtigkeit, die verzerren, wer sprechen darf, wessen Erfahrungen Glauben geschenkt wird und welches Wissen als gültig gilt.</p>
<p>Durch ihre genaue Aufmerksamkeit für narrative Stimmen, Zeitlichkeit und formale Experimente zeigt Sarah Colvin, wie die literarische Form selbst zu einem Ort des Widerstands wird.</p>
<p>Einer ihrer zentralen Artikel, <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12287">„Talking Back: Sharon Dodua Otoo’s ‚Herr Gröttrup setzt sich hin‘ and the Epistemology of Resistance“</a> (2020), bietet eine detaillierte Lektüre von Otoos mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnetem Text. Sarah Colvin interpretiert Otoos spielerische, scharf ironische Erzählstimme als einen Akt des „<em>Zurücksprechens</em>“, als eine strategische Weigerung, rassifizierte Glaubwürdigkeitshierarchien zu akzeptieren. Durch ihre genaue Aufmerksamkeit für Wechsel in Stimme, Perspektive und Tonfall zeigt sie, wie die Erzählung die subtilen Mechanismen offenlegt, durch die dominante Gruppen bestimmen, was als „<em>Realität</em>“ gilt.</p>
<p>Ihr nächster wichtiger Beitrag, <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12318">„Words That Might Save Necks: Philipp Khabo Koepsell, Epistemic Murder and Poetic Justice“</a> (2021), baut auf <a href="https://philosophy.northwestern.edu/people/continuing-faculty/medina-jose.html">José Medinas</a> Konzept „<em>des epistemischen Todes</em>“ auf, der symbolischen Vernichtung der Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit oder interpretativen Autorität einer Person. Sarah Colvin zeigt, wie Koepsells Lyrik die Nähe zwischen epistemischer Gewalt und physischer Gewalt konfrontiert, insbesondere im Kontext von Polizeihandeln und rassifizierter staatlicher Macht. Sie legt dar, wie poetische Form – Rhythmus, Wiederholung und rhetorischer Druck – einen Raum schafft, in dem diese Gewalt benannt, angefochten und neu imaginiert werden kann.</p>
<p>In <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12323">„Freedom Time: Temporal Insurrections in Olivia Wenzels ‚1000 Serpentinen Angst‘ and Sharon Dodua Otoos ‚Adas Raum‘“</a> (2022) wendet sich Sarah Colvin der narrativen Zeitlichkeit als Ort des Widerstands zu. Unter Rückgriff auf dekoloniale und Critical-Race-Historiografie argumentiert sie, dass beide Romane eine „<em>insurrektionäre Zeit</em>“ schaffen – eine Zeitstruktur, die sich gegen die linearen, auf Fortschritt ausgerichteten Narrative auflehnt, welche von nekropolitischen Regimen auferlegt werden. Durch schleifenartige, zirkuläre und vielstimmige Temporalitäten eröffnen diese Romane imaginierte Räume, in denen marginalisierte Subjekte Handlungsmacht über ihre eigenen Geschichten und Zukünfte zurückgewinnen.</p>
<p>Ihr Engagement für die Zeitschrift findet 2024 einen wichtigen Höhepunkt, als sie gemeinsam mit <a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/ttw24">Tara Talwar Windsor</a> das Sonderheft <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/14680483/2024/77/1">„Sharon Dodua Otoo—Literature, Politics, Possibility“</a> mit herausgibt. Dieses Heft versammelt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Otoos Werk aus verschiedenen disziplinären Perspektiven untersuchen, und positioniert ihr Schreiben als ein kraftvolles Beispiel dafür, wie Black German Literature, Rassifizierung, epistemische Marginalisierung und Erinnerungspolitiken herausfordert.</p>
<p>Sarah Colvins editorische Arbeit unterstreicht dabei ihr übergeordnetes Argument, dass Literatur ein Raum sein kann, in dem rassifizierte und geschlechtercodierte Wissenssubjekte den epistemischen Ausschlüssen widerstehen, die in gesellschaftlichen Institutionen verankert sind.</p>
<p>In ihrer Gesamtheit zeigen diese Beiträge, wie stark German Life and Letters Sarah Colvins Denken über epistemische Ungerechtigkeit geprägt hat – und wie ihrerseits ihre Arbeiten das zunehmende Engagement der Zeitschrift für sozialgerechtigkeitsorientierte Ansätze zur deutschen Kultur beeinflusst haben. Viele der in diesen Artikeln entwickelten konzeptuellen Werkzeuge – „<em>epistemischer Mord“</em>, „<em>widerständiges Wissen“</em>, „<em>Transtemporalität“</em>, „<em>temporale Insurrektion“</em> – tauchen in erweiterter Form in ihrer Monographie „Literature and Epistemic Injustice“ wieder auf. Diese lässt sich daher als Kulminationspunkt mehrerer Jahre engagierter und thematisch kohärenter Forschungsarbeit lesen.</p>
<p>Sarah Colvin zeigt, wie die deutsche Literaturwissenschaft sich konstruktiv mit globalen Rahmenkonzepten von Race, Kolonialität und epistemischer Gerechtigkeit auseinandersetzen kann und so zur Internationalisierung der Disziplin beiträgt.</p>
<h3><strong>Literature and Epistemic Injustice</strong></h3>
<div id="attachment_7681" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7681" class="wp-image-7681 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-724x1024.jpg 724w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-768x1086.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-800x1131.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-1086x1536.jpg 1086w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-1200x1697.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025.jpg 1241w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /><p id="caption-attachment-7681" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Zentrum von Literature and Epistemic Injustice steht Sarah Colvins Anspruch, die Gegenwartsliteratur als ein entscheidendes Feld neu zu positionieren, in dem Kämpfe um Wissen, Autorität und Sichtbarkeit ausgetragen werden. Ihr erstes leitendes Ziel ist daher ein methodologisches: Sie will den Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit in die Literaturwissenschaft auf eine entschieden rigorose Weise einführen, indem sie untersucht, wie die formale Architektur der Fiktion Macht-, Glaubwürdigkeits-, Ausschluss- und Anerkennungsverhältnisse einschreibt.</p>
<p>Dieses methodologische Anliegen bringt jedoch gewisse Herausforderungen mit sich. Die Einleitung versammelt eine ungewöhnlich breite theoretische Konstellation – sie greift gleichzeitig auf Miranda Fricker, José Medina, Charles W. Mills, Achille Mbembe, Avery F. Gordon, María Lugones, Gayatri Spivak, Judith Butler und andere zurück. Dennoch wird jeder dieser Ansätze aufschlussreich behandelt, sodass die kumulative Dichte den begrifflichen Fokus nicht verwischt. Die daraus entstehende Weite ist intellektuell anregend, ohne den zentralen theoretischen Faden des Buches zu verdunkeln, bevor die Lektüren ihn selbst vollständig etabliert haben. Eine solche Tendenz, mehrere Perspektiven einzubeziehen, ist in ambitionierten literaturtheoretischen Arbeiten üblich – und oft äußerst produktiv.</p>
<p>Um das Potenzial der Literatur sichtbar zu machen, epistemischer Ungerechtigkeit entgegenzutreten und Formen des Widerstands zu eröffnen, wendet sich Sarah Colvin acht zeitgenössischen Romanen zu – <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Life_and_Death_Are_Wearing_Me_Out">Mo Yans „Life and Death Are Wearing Me Out“</a> (2006), <a href="https://www.suhrkamp.de/rights/book/serhij-zhadan-voroshilovgrad-fr-9783518423356">Serhij Zhadans „Voroshilovgrad“</a> (2010), <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?19354">George Saunders’ „Lincoln in the Bardo“</a> (2017), <a href="https://www.preti-taneja.co.uk/ABOUT">Preti Tanejas „We That Are Young“</a> (2017), <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/olivia-wenzel-1009108">Olivia Wenzels „1.000 Serpentinen Angst“</a> (2020), <a href="https://sharonotoo.com/books/adas-raum">Sharon Dodua Otoos „Adas Raum“</a> (2021) sowie <a href="https://novioletbulawayo.com/">NoViolet Bulawayos</a> „We Need New Names“ (2013) und „Glory“ (2022).</p>
<p>Diese Werke, die kulturelle und sprachliche Kontexte von China und Zimbabwe bis nach Deutschland und in die Ukraine umfassen, zeigen, wie autoritäre, patriarchale, rassistische und oligarchische Regime bestimmen, wer sprechen darf, wessen Wissen zählt und wie Bedeutung produziert oder unterdrückt wird.</p>
<p>Durch ihre vielfältigen narrativen Strategien – von reinkarnatorischer Satire und postsowjetischer Schelmenromantradition über polyphone Jenseitserzählung und transhistorisches Storytelling bis hin zur allegorischen politischen Fabel – legen die Romane die lähmenden Mechanismen ungerechter Macht offen und modellieren zugleich imaginative, epistemische und ästhetische Formen des Widerstands.</p>
<p>Sarah Colvin zeigt, dass die Fiktion die begrifflichen und imaginativen Werkzeuge bereitstellt, um epistemische Ungerechtigkeit sichtbar zu machen und autoritärer Macht zu widerstehen. Durch Verfahren wie schleifenartige, unterbrochene oder „<em>insurrektionäre Zeit</em>“, durch spektrale Präsenz und unruhige Geschichten sowie durch Erzählstimmen, die sich weigern, sich den offiziellen epistemischen Erwartungen zu fügen, halten diese Romane alternative Deutungen der Vergangenheit lebendig und eröffnen nicht verwirklichte Möglichkeiten für die Zukunft.</p>
<p>Literatur wird in Sarah Colvins Verständnis zu einem der wenigen Orte, an denen unterdrückte Geschichten zurückkehren können, an denen die Toten sprechen und an denen politische Imagination den Schließungen widerstehen kann, die autoritäre oder nekropolitische Regime auferlegen.</p>
<p>Sarah Colvin entwickelt eine Reihe origineller analytischer Werkzeuge – „<em>epistemic haunting</em>“, „<em>epistemic revenants</em>“ und „<em>Animapoetik</em>“ –, um sichtbar zu machen, wie Wissen unter Bedingungen von Gewalt und Unterdrückung zirkuliert. Diese Begriffe machen analytisch fassbar, was bestehende Theorie nur andeutet: wie spektrale Figuren Gegenwissen tragen; wie beschädigte oder ausgebeutete Körper als lebende Archive ausgelöschter Geschichten fungieren; und wie nicht-menschliche Akteure, affektive Intensitäten oder Alltagsgegenstände Spuren dessen bewahren, was autoritäre Macht zu tilgen versucht.</p>
<p>Indem Sarah Colvin diese Dynamiken benennt, stellt sie der Forschung ein Vokabular zur Verfügung, mit dem es gelingt zu analysieren, wie Literatur Regime des „<em>Erinnerungsmanagements</em>“ irritiert und Wissensformen bewahrt, die autoritäre Systeme zu vernichten trachten.</p>
<p>Sarah Colvin (2025, S. 6) warnt, dass „ <em>(p)ostnarrative (…) brings about the end of knowing as a thing and, I argue, is ultimate epistemic injustice.”</em> („<em>das Postnarrative … führt zum Ende des Wissens als etwas Gegebenem und stellt, so argumentiere ich, die ultimative epistemische Ungerechtigkeit dar“.</em>) In dieser Formulierung benennt sie den Punkt, an dem Macht selbst den Anschein von Bedeutung aufgibt und Sprache in ein reines Instrument der Herrschaft verwandelt.</p>
<p>Aus diesem Grund, so fährt sie fort, wird „<em>(i)n the postnarrative context, meaningful storytelling becomes an act of resistance”</em> („<em>im postnarrativen Kontext wird sinnstiftendes Erzählen zu einem Akt des Widerstands“</em>). Mit anderen Worten: Narration wird zu einem der letzten verbleibenden Räume, in denen Sinnstiftung überhaupt noch möglich ist, ein Akt epistemischer Auflehnung gegen Regime, die darauf ausgerichtet sind, Wissen und die Fähigkeit zu erkennen auszulöschen.</p>
<p>Methodologisch stützt sich die Monographie auf eine interdisziplinäre Konstellation von Denkerinnen und Denkern, darunter Miranda Fricker und José Medina zur epistemischen Ungerechtigkeit, Achille Mbembe (2019) zur Nekropolitik, Charles Mills (1997, 2007) zu rassifizierten Erkenntnistheorien sowie Avery Gordon (2008) zum „<em>Haunting</em>“ („<em>Heimsuchung</em>“). Sarah Colvin wendet diese theoretischen Ansätze nicht nur treffend an, sondern transformiert sie durch eine kontinuierlich präzise Textanalyse.</p>
<p>Sarah Colvins begriffliche Neuschöpfungen – insbesondere „<em>Animapoetik</em>“ und verwandte Formulierungen – verleihen der Monographie eine unverwechselbare konzeptuelle Textur.</p>
<p>Bemerkenswert ist, dass die Studie als Open-Access-Publikation in einer sozial engagierten Routledge-Reihe erscheint – ein Umstand, der Sarah Colvins umfassendem Engagement für offenes Wissen entspricht. Dadurch wird gewährleistet, dass Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende freien Zugang zu ihren Argumenten haben und diese in laufende Diskussionen über Literatur, Gerechtigkeit und politische Imagination einfließen lassen können.</p>
<h3><strong>CAPONEU</strong></h3>
<div id="attachment_7678" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7678" class="wp-image-7678 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1536x864.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442.jpg 1792w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7678" class="wp-caption-text">Screenshot von der Vorstellung am 4. November 2025. Foto: Pavlo Shopin.</p></div>
<p>„Literature and Epistemic Injustice“ geht unmittelbar aus <a href="https://www.caponeu.eu/">dem Horizon-Europe-Projekt CAPONEU—Cartography of the Political Novel in Europe</a> hervor, einer großen internationalen Kooperation unter der Koordination der <a href="https://www.caponeu.eu/cdp/organizations/university-of-zagreb">Universität Zagreb</a>, an der Partner aus Zagreb, Posen (Adam-Mickiewicz-Universität), Nikosia (University of Nikosia), dem Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, University of Brighton, University of Cambridge, der <a href="https://www.caponeu.eu/cdp/organizations/autonomy">NGO Autonomy</a> sowie mehreren weiteren Institutionen beteiligt sind.</p>
<p>CAPONEU betrachtet den politischen Roman als eine genuin europäische Gattung und untersucht, wie solche Romane das öffentliche Verständnis von Politik, Krisen und gesellschaftlichen Konflikten in verschiedenen nationalen und sprachlichen Kontexten reflektieren und prägen. Das Konsortium ist bewusst interdisziplinär angelegt und verbindet Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit politischen Theoretikerinnen und Theoretikern sowie kulturellen Praxisakteuren. Zugleich hat es eine interaktive digitale Plattform geschaffen, die Leserinnen und Lesern, Forschenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren ermöglicht, eine sich entwickelnde <em>„Karte“</em> der europäischen politischen Fiktion zu erkunden. Parallel zu dieser digitalen Infrastruktur produziert das Projekt Open-Access-Sammelbände und entwickelt politische Handlungsempfehlungen dazu, wie Literatur zur demokratischen Resilienz beitragen kann – ein besonders dringliches Anliegen in einer Zeit, die von Populismus, autoritären Wiedererstarkungen und Krieg geprägt ist.</p>
<p>CAPONEU bietet damit ein konkretes Beispiel dafür, wie Horizon-Projekte geisteswissenschaftliche Forschung mit Public Engagement und digitaler Innovation verbinden können, während sie regionale Perspektiven in gemeinsame europäische Debatten einbetten.</p>
<h3><strong>Fazit</strong></h3>
<p>Sarah Colvins „Literature and Epistemic Injustice“ ist eine intellektuell kraftvolle Untersuchung darüber, wie die Gegenwartsliteratur aus verschiedenen Ländern und in verschiedenen Sprachen und gesellschaftlichen Kontexten die Mechanismen epistemischer Ungerechtigkeit offenlegt und Formen des Widerstands dagegen artikuliert. Die Studie bewegt sich souverän zwischen Ethik, politischer Theorie, Narratologie und globalen Literaturen und behandelt die ausgewählten Romane als reichhaltige Quellen der Erkenntnis.</p>
<p>Sarah Colvin positioniert die zeitgenössische Fiktion als aktiven Teilnehmer in Debatten über Wissen und Macht. Eine zentrale Leistung des Buches besteht in der klaren Demonstration, dass epistemische Ungerechtigkeit als absichtliche und strategische Praxis autoritärer Macht fungiert. Zugleich gehört die Betonung narrativer Sinnstiftung als Widerstandsform zu den stärksten konzeptuellen Linien der Monographie.</p>
<p>Das Buch bietet eine überzeugende, stringente, großzügige und klare Darstellung davon, wie Literatur in die Politik von Wissen und Macht interveniert und das Erzählen als lebenswichtige Praxis präsentiert, die die Fähigkeit zum Denken, Fühlen und Interpretieren unter Bedingungen wiederherstellt, die genau diese Fähigkeiten zu blockieren versuchen.</p>
<p>Es stellt damit einen bedeutenden Beitrag zur Literaturwissenschaft, zur Ethik und zur zeitgenössischen politischen Analyse dar.</p>
<p>Wie der Klappentext des Buches treffend hervorhebt, ist Sarah Colvins Buch „<em>eine unverzichtbare Ressource für alle, die sich für Literatur und Politik interessieren; es ist die erste eingehende Studie, die epistemische Ungerechtigkeit als Konzept für die Literaturwissenschaft erschließt. Im Fokus steht zeitgenössische Fiktion im Zeitalter der Post-Truth-Politik. Das Buch zeigt, wie acht Romane, die in unterschiedlichen globalen Kontexten spielen, epistemische Ungerechtigkeit als autoritäre Praxis sichtbar machen und eine Ästhetik des Widerstands entwerfen</em>“.</p>
<p><a href="https://ua.linkedin.com/in/pavlo-shopin-8577aa18"><strong>Pavlo Shopin</strong></a>, Mykhailo Drahomanov State University of Ukraine</p>
<p><strong>Der Autor dieses Porträts</strong> befasst sich mit deutscher, englischer und ukrainischer Literatur- und Translationswissenschaft. Er ist Associate Professor am Department of Applied Linguistics and Translation Studies der Mykhailo Drahomanov University of Ukraine. Er promovierte an der University of Cambridge (2014–2017) unter der Betreuung von Sarah Colvin über <a href="https://www.repository.cam.ac.uk/items/d4632ace-6396-4323-a8ba-1d8a9c1e3d35">Metaphern im Werk von Herta Müller</a> und ihr Potenzial, autoritären Strukturen in totalitären Regimen wie dem von Nicolae Ceaușescu entgegenzuwirken. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Handlungsmacht von Übersetzer:innen, auf emergenten Übersetzungspraktiken sowie auf den sozialen, ethischen und pädagogischen Dimensionen des Übersetzens im Kontext des Krieges, so auch mit der Frage, wie kollaboratives Übersetzen als kulturelle Diplomatie und als Form bürgerschaftlichen Engagements wirken kann. Seine Forschung befasst sich zudem mit der zeitgenössischen ukrainischen Literatur, insbesondere <a href="https://www.jstor.org/stable/43857533">mit den Werken von Serhij Zhadan</a>.</p>
<p>Seine Übersetzungen sind unter anderem in <a href="https://commons.com.ua/"><em>Commons</em></a>, <a href="https://theclaquers.com/"><em>The Claquers</em></a>, <a href="https://krytyka.com/ua"><em>Krytyka</em></a> und Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienen. Zudem leitet er die studentische Forschungsgruppe „Written Translation in Action“, die seit 2018 mehr als 400 veröffentlichte Übersetzungen journalistischer, akademischer und kultureller Texte hervorgebracht hat, darunter auch viele Beiträge aus dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> die weitgehend auf dem Portal Eksperiment erschienen.</p>
<p><strong>Quellen (Zusammenstellung von Pavlo Shopin):</strong></p>
<ul>
<li>Bulawayo, NoViolet. (2022). Glory. London: Chatto &amp; Windus.</li>
<li>Bulawayo, NoViolet. (2013). We need new names. Little, Brown and Company.</li>
<li>Colvin, Sarah. (Ed.). (2014). <a href="https://doi.org/10.4324/9781315747040">The Routledge Handbook of German Politics and Culture</a> (1st ed.). Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Karcher, Katharina. (Eds.). (2018). <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203715">Women, Global Protest Movements and Political Agency: Rethinking the Legacy of 1968</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2020). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12287">Talking Back: Sharon Dodua Otoo’s Herr Gröttrup setzt sich hin and the Epistemology of Resistance</a>. German Life and Letters, 73(4), 659-679.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2021). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12318">Words That Might Save Necks: Philipp Khabo Koepsell, Epistemic Murder and Poetic Justice</a>. German Life and Letters, 74(4), 511-556.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2022). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12323">Freedom Time: Temporal Insurrections in Olivia Wenzel’s 1000 Serpentinen Angst and Sharon Dodua Otoo’s Adas Raum</a>. German Life and Letters, 75(1), 138-165.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Galasso, Stephanie. (Eds.). (2023). <a href="https://doi.org/10.4324/9781003254317">Epistemic Justice and Creative Agency: Global Perspectives on Literature and Film</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah. (Ed.). (2024). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/14680483/2024/77/1">Sharon Dodua Otoo—Literature, Politics, Possibility</a> [Special issue]. German Life and Letters, 77(1).</li>
<li>Colvin, Sarah. (2025). <a href="https://doi.org/10.4324/9781032649269">Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Mandelbaum, Melina. (Eds.). (2027). Routledge Handbook of German Politics and Culture (2nd ed.). Routledge. (Forthcoming)</li>
<li>Fricker, Miranda. (2007). <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198237907.001.0001">Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing</a>. Oxford University Press.</li>
<li>Gordon, Avery F. (2008). Ghostly Matters: Haunting and the Sociological Imagination (New ed.). University of Minnesota Press. (Original work published 1997).</li>
<li>Karcher, Katharina, &amp; Colvin, Sarah. (Eds.). (2018). <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203784">Gender, Emancipation, and Political Violence: Rethinking the Legacy of 1968</a>. Routledge.</li>
<li>Mbembe, Achille. (2019). <a href="https://doi.org/10.1515/9781478007227">Necropolitics</a> (S. Corcoran, Trans.). Duke University Press.</li>
<li>Medina, José. (2013). <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199929023.001.0001">The Epistemology of Resistance: Gender and Racial Oppression, Epistemic Injustice, and Resistant Imaginations</a>. Oxford University Press.</li>
<li>Mills, C. (1997). The Racial Contract. Cornell University Press.</li>
<li>Mills, Charles W. (2007). White Ignorance. In S. Sullivan &amp; N. Tuana (Eds.), Race and Epistemologies of Ignorance (pp. 13–38). SUNY Press.</li>
<li>Mo, Yan. (2008). Life and Death Are Wearing Me Out (H. Goldblatt, Trans.). Arcade Publishing.</li>
<li>Otoo, Sharon Dodua. (2021). Adas Raum. S. Fischer.</li>
<li>Reed, Anthony. (2014). Freedom Time: The Poetics and Politics of Black Experimental Writing. Johns Hopkins University Press.</li>
<li>Saunders, George. (2017). Lincoln in the Bardo. London: Bloomsbury.</li>
<li>Taneja, Preti. (2017). We That Are Young. Norwich: Galley Beggar Press.</li>
<li>Wenzel, Olivia. (2020). 1000 coils of fear. Catapult.</li>
<li>Zhadan, Serhiy. (2016). Voroshilovgrad (R. Costigan-Humes &amp; I. S. Wheeler, Trans.). Deep Vellum.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Dezember 2025. <a href="https://astraea-journal.org/index.php/journal/article/view/141/212">Die englische Fassung erschien wenig später in Astraea 6(2)</a>. Anlass des Textes war die Buchpräsentation „Art and Authoritarianism: Resistant Fiction in an Age of Post-Truth“ von Sarah Colvin zu ihrer Monographie „Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel” (2025) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-cymCrnusaA">am 4. November 2025 im Jesus College Intellectual Forum</a>. Internetzugriffe zuletzt am 7. Dezember 2025. Titelbild: Screenshot von der Buchpräsentation, Foto: Pavlo Shopin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Visionen wagen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/visionen-wagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:54:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Visionen wagen! Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society „Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ (Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage) Lino Alexander Zeddies sieht sich auf seiner Internetseite als „Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“. Er wurde im  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Visionen wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society </strong></h2>
<p><em>„Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ </em>(Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage)</p>
<p>Lino Alexander Zeddies sieht sich <a href="https://linozeddies.de/">auf seiner Internetseite</a> als <em>„Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“</em>. Er wurde im Jahr 1990 in Hannover geboren und hat in Berlin Volkswirtschaftslehre studiert. Er ist eine:r der Gründer:innen des Think Tanks <a href="https://www.realutopien.de/">„Reinventing Society“</a>. Im Münchner oekom-Verlag hat Reinventing Society im Jahr 2024 den Band <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2025“</a> veröffentlicht, der im Demokratischen Salon in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt worden ist. Im Jahr 2020 veröffentlichte Lino Zeddies im Selbstverlag den Roman „Utopie 2048“, ein Buch an der Grenze zwischen Roman und Sachbuch, das inzwischen seine fünfte Auflage erreicht hat.</p>
<div id="attachment_7617" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7617" class="wp-image-7617 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7617" class="wp-caption-text">Lino Alexander Zeddies, Foto: Jacqueline Schulz.</p></div>
<p>Die zentrale Frage lautet: <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">Wie schaffen wir eine zukunftsfähige Welt?</a> Anders gefragt: Wie können wir erreichen, dass die schon im Jahr 1992 in der in Rio de Janeiro von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossenen <a href="https://www.bmz.de/de/service/lexikon/agenda-21-13996">Agenda 21</a> enthaltenen Ziele auch tatsächlich umgesetzt werden? Es gab eine Vielzahl konkretisierender Beschlüsse, aber auch immer wieder mächtige Widerstände, Rückzüge und Rückschläge, die wir in den vergangenen inzwischen über 30 Jahren erleben mussten, zuletzt den neuerlichen Ausstieg der USA aus den in Paris im Jahr 2015 vereinbarten Klimaabkommen. Klimaschutz und Artenschutz, der Schutz der Meere, die Reduzierung von Plastikmüll, der Schutz indigener Völker – all dies wird immer wieder von politisch maßgeblichen Akteuren in Frage gestellt. Doch Resignation ist der falsche Weg. <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">In einem Video-Crashkurs</a> hat Lino Zeddies seine Vorschläge zusammengefasst: Beeindruckend ist die von ihm und seinen Mitstreiter:innen gepflegte Verbindung von Ökologie und Ästhetik, sodass Nachhaltigkeit eine kulturelle Perspektive erhält, die sich wiederum auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken sollte.</p>
<h3><strong>Reinventing Society – die Organisation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie „Reinventing Society“ beschreiben? Als Nicht-Regierungsorganisation? Als Thinktank? Als Unternehmen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Vielleicht von allem ein bisschen. Wir haben uns im Jahr 2020 gegründet, auch inspiriert von dem Buch </em><a href="https://www.beck-shop.de/laloux-reinventing-organizations/product/34267343"><em>„Reinventing Organisations“</em></a>. <em>Wir haben den darin enthaltenen Grundgedanken, dass es eine neue Evolutionsstufe für Organisationen geben muss dahingehend weiterentwickelt, dass es auch eine neue Evolutionsstufe von Gesellschaft und Kultur braucht, für die Art und Weise, in der wir uns koordinieren und strukturieren. Es war von Anfang an unser Anspruch, auf unserer kleinen Ebene das zu leben, wofür wir auch im Großen an Werten und Prinzipien stehen wollen. Das ist ein sehr systemischer Ansatz mit der Ausrichtung auf das Positive, auf Lösungen. Wie können wir ins Neue vorangehen statt nur am Alten herumzunörgeln? </em></p>
<p><em>Wir haben Reinventing Society zu siebt als gemeinnützigen Verein gegründet und seit dieser Zeit viel erlebt und erforscht. Von den sieben sind jetzt noch drei dabei. Eine von uns, </em><a href="https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/B/beck_katharina-1043580"><em>Katharina Beck</em></a><em>, wurde über die Hamburger Landesliste für Bündnis 90 / Die Grünen in den Bundestag gewählt und hat eine Kollegin als Mitarbeiterin mitgenommen. Ein Kollege ging in ein Auslandssemester, eine Kollegin hat mit ihrem Freund ein eigenes Unternehmen mit einer ähnlichen Ausrichtung gegründet. Andere sind hinzugekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sind Sie mit anderen Think Tanks oder Organisationen vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir kooperieren mit vielen Organisationen. Ich nenne beispielsweise die </em><a href="https://pioneersofchange.org/"><em>Pioneers of Change</em></a><em> aus Österreich. Wir sind aber keine klassische Nicht-Regierungsorganisation, sondern eher Teil eines Netzwerks. Unser Alleinstellungsmerkmal sind die Visionsbilder und das Experimentelle in unserem Ansatz. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Visionen auch in politischen Öffentlichkeiten vorzustellen, beispielsweise in Berlin, in Brüssel, in Wien?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unser Bildband „Zukunftsbilder 2045“ hatte – auch dank des oekom Verlages – eine große Reichweite. Meine Kolleg:innen und ich sind auch viel auf verschiedenen Tagungen unterwegs, auf denen wir Impulsvorträge halten oder Arbeisgruppen leiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bleibt zur Einführung die Frage nach der Finanzierung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir finanzieren uns mit einem bunten Mix aus Spenden, über Förderanträge, Teilnahmebeiträge aus Seminaren, Honoraren für Vorträge, Tantiemen für die Bücher und Aufträge aus Städten.</em></p>
<h3><strong>Es gibt nicht die eine Lösung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe gewagt, meine Besprechung Ihres Buches „Zukunftsbilder 2045“ mit einer Studie über Horrorromane und Horrorfilme einzuleiten und dann ihre Zukunftsvisionen als Gegenbild vorgestellt. Sie haben schon in Ihrem Roman „Utopia 2048“, der vor der Gründung von „Reinventing Society“ erschien, geschrieben, dass Utopien keine <em>„dogmatische Vision“</em> sein dürften, sondern Anstoß für einen offenen Prozess. Sie wollen Denkanstöße entwickeln.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Utopien sind eine Einladung und es wäre eigentlich wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft eine Art Visionsministerium hätten, über das wir kollektiv Visionen entwickeln und verhandeln. Das geschieht aktuell ein kleines Stück weit über Wahlen und über Parteien, aber die wenigsten Parteien haben Visionen. Sie haben Grundwerte, für die sie einstehen, aber diese sollte man nicht mit Visionen verwechseln, wie die Zukunft aussehen und gestaltet werden könnte. Es fehlt an größeren Gesellschaftsentwürfen. Aber genau diese bräuchten wir eigentlich. Wir müssen uns allerdings immer darüber im Klaren sein, dass es nicht <u>die</u> Lösung für alle gibt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es nicht eigentlich der Sinn und die Aufgabe von Parteien, Visionen zu entwickeln, wie die Welt ausschauen könnte?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das wäre ihre Aufgabe, aber de facto tun sie es nicht. Wir erleben immer wieder ein sehr kurzfristiges von den Medien getriebenes Gekämpfe um politische Macht, ein kurzfristiges Durchwurschteln. Ich habe in den letzten Jahren bei diesem permanenten Krisenmodus, in dem Politik geschieht, das Gefühl, dass es primär darum geht, mit dem Schiff nicht unterzugehen. Aber wo ist der sichere Hafen, über den wir aus dem Sturm herauskommen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre dann Ihr Ziel. Sie wollen, dass Visionen entwickelt werden, die dann auch von den politisch verantwortlichen Menschen, von den Parteien, von den Regierungen, bedacht werden.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Im Idealfall. Das eine ist natürlich die Vision, das andere der Weg dahin, die Transformationsbegleitung. Wir müssen die Visionen auch herunterbrechen, darüber nachdenken, wie wir Menschen inspirieren können, ermutigen, bestärken. Wir erforschen eben auch, <u>wie</u> dies möglich werden könnte. Wir hatten zuletzt eine größere Veranstaltung zum Thema durchgeführt, in der es darum ging, wie lebendige Führung aussehen könnte, wie Macht und Organisationsstrukturen, Kulturpraktiken funktionieren. Wir sehen uns hier auch als Pioniere. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer kommt in Ihre Seminare, Ihre Veranstaltungen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir bieten unterschiedliche Formate an. Wir haben beispielsweise Workshops für Interessierte aus dem kommunalen Bereich, städtische Akteure aus Stadt- und Gemeindeverwaltungen, in den Kommunen politisch aktive Leute aus den Räten. Es gibt jedoch auch andere Formate, zu denen einfach interessierte Menschen kommen, die sich für ähnliche Visionen wie wir begeistern, Wandel vorantreiben wollen und Gleichgesinnte suchen, mit denen sie neue Visionen, neue Methoden entwickeln können. </em></p>
<h3><strong>Über Nachhaltigkeit hinausdenken</strong></h3>
<div id="attachment_7619" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7619" class="wp-image-7619" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7619" class="wp-caption-text">Frankfurt am Main, Hauptwache. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/render-vision/">Render Vision</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den Visionen, die Sie veröffentlicht haben, sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen sind diese Visionen unserer Städte und Gemeinden sehr grün. Es gibt viele Pflanzen, Bäume, Räume, in denen man Schatten findet. Zum zweiten sind ihre Visionen eher städtisch.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unsere Konzentration auf Städte hat einen pragmatischen Grund. Wir wollen Visionen für möglichst viele Menschen schaffen. Eine Graphik zu Hamburg erreicht dann natürlich viel mehr Menschen als eine Graphik für eine eher kleine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohner:innen. Wir haben natürlich auch dörfliche Strukturen aufgenommen und ländliche Graphiken erstellt. Wenn ich aber beispielsweise die Lüneburger Heide nehme, ist es schwerer, eine Vorher-Nachher-Graphik zu machen, weil dort bereits viel Natur ist – bei städtischen grauen Betonwüsten ist der Kontrast eindrücklicher. Aber es ist auch eine Frage der Auftraggeber. Wer kann den Auftrag bezahlen, eine solche Zukunftsgraphik zu entwickeln? Das erforderliche Budget haben dann doch eher die größeren Städte.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das pragmatische Argument kann ich gut verstehen. Andererseits gibt es viele ländliche Räume, die nur scheinbar ökologisch intakt sind, die jedoch weitgehend ausgeräumt sind, durch Intensivlandwirtschaft, durch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erfolgte Rodungen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Es ist bei ländlichen Räumen einfach schwieriger, einen Wow-Effekt zu erzeugen. Wenn man eine Vorher-Nachher-Graphik für eine Stadt erstellt, ist dieser einfach größer. Wenn ich beispielsweise ein renaturiertes Bergbaugebiet zeige, sieht man etwas Wald, einen See, aber das sehen viele Menschen als Natur und eben nicht als etwas Besonderes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht als Anregung: In manchen Wäldern hat der Borkenkäfer gewütet. Wenn man sich solche Wälder anschaut, wäre ein Wow-Effekt mit einer Renaturierung sicherlich erzeugbar.</p>
<p>Sie werben für eine <em>„regenerative Kultur“</em>. Sie werben dafür, dass wir uns auf die Ressourcen beschränken, die grundsätzlich erneuerbar sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird dieses Thema oft auf die Energieversorgung reduziert.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir wollen mehr. Wir wollen auch über Nachhaltigkeit hinausdenken. In der öffentlichen Diskussiongeht es hauptsächlich darum, Schaden zu verringern, Schaden zu vermeiden und„klimaneutral“ zu werden. Wir finden, dass wir das Ganze auch positiv wenden können. Was ist das größte Potenzial von uns Menschen auf diesem Planeten? Wie können wir zu mehr Lebendigkeit, zu mehr Biodiversität, zu mehr Schönheit beitragen? Wie können wir uns wieder in den Kreislauf der Ökosysteme einfügen, sodass wir nicht wie Parasiten leben, sondern symbiotisch mit der Natur, sodass unser Leben, unser Verhalten auf eine gesunde Weise allen dient? Dies ist bei vielen Tieren der Fall. Zu Wölfen gibt es eine interessante Studie nach Wiederansiedelung im Yellowstone Park in den USA. Alles wurde wieder lebendiger, weil sie manche Tiere dezimieren, die Bäume und Hecken zerstören. Es gibt wieder mehr Schmetterlinge, die Flüsse wurden kraftvoller. Das gesamte Ökosystem wurde in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Man denkt vielleicht zunächst, dass die Wölfe nur andere Tiere entnehmen, aber offenbar schaffen sie insgesamt einen gesunderen Platz und tragen zu mehr Lebendigkeit bei. Indigene Völker wissen, wie sie sich in der Natur bewegen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Brandenburg oder in Niedersachsen gibt es inzwischen zahlreiche Wolfsrudel, zunehmend auch in anderen Bundesländern. Diskutiert werden sie jedoch vor allem als Bedrohung für die Schafe und andere Weidetiere, auch für die Menschen. Und damit sind wir bei oft massiven und sehr emotional geführten Konflikten. In Ihren Büchern beschreiben Sie Strukturen, in denen solche Konflikte verhandelt werden können, bis hin zu einem Weltparlament, das Sie in „Utopia 2048“ in Singapur angesiedelt haben. Zurzeit geht es allerdings in der Politik eher in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es ist nicht so einfach, solche Konflikte mit unseren gewohnten Denkstrukturen in Einklang zu bringen. Wir erlauben uns, einfach auch einmal zu träumen, was denkbar, was schön wäre, was wir uns einfach einmal vorstellen dürfen sollten. Viele Errungenschaften der Vergangenheit waren ja auch erst einmal Träume und Visionen. Sie erschienen weltfremd, aber jemand wagte es, sie aufzuschreiben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. In unseren Workshops trainieren wir sozusagen den Visionsmuskel. Wie können wir die neuen Welten, die wir denken, auch in uns kultivieren?</em></p>
<div id="attachment_7655" style="width: 443px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7655" class="wp-image-7655 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg" alt="" width="433" height="325" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-800x599.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1024x767.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1200x899.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1536x1151.jpg 1536w" sizes="(max-width: 433px) 100vw, 433px" /><p id="caption-attachment-7655" class="wp-caption-text">Dresden, Postplatz. Reinvention Society. Artist: <a href="http://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber wie werden solche Visionen mehrheitsfähig? Muss es erst zu einer Katastrophe kommen? In dem Szenario „Zukunftsbilder 2045“ kommt es Ende der 2020er, Anfang der 2030er Jahre erst einmal zu einem ökonomischen und ökologischen Kollaps. Erst dann besinnen sich die Menschheit beziehungsweise ihre politischen Repräsentant:innen und ändern ihren Kurs. Dieser Gedanke brachte mich übrigens auf die Idee, die Vorstellung Ihres Buches mit einem Rekurs auf das Horrorgenre einzuleiten.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Ich denke zyklisch. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische System, das wir zurzeit haben, liegt im Sterben. Ich glaube nicht, dass wir die derzeitigen Probleme mit diesem System lösen können. Wir brauchen ein großes System-Update. Das alte System muss sterben und Raum schaffen, damit Neues geboren werden kann. Der nächste Frühling erfordert, dass zuvor Herbst und Winter kommen, alte Pflanzen sterben, damit neue Pflanzen sprießen. Wir haben aber als Kultur eine ganz schwierige Beziehung zum Sterben, zum Nichtstun, dazu, etwas einfach geschehen zu lassen. Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein Winter kommen. Jede Gesellschaft ist irgendwann einmal untergegangen. Auch unsere wird einmal untergehen und Raum schaffen für etwas Neues. Die Frage ist, ob wir uns dem Prozess hingeben können oder ob wir es schaffen, unser System etwas runterzufahren, wie zum Beispiel Tiere im Winterschlaf, und uns die Chance geben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir könnten weniger reisen, anders konsumieren und so Raum für etwas Neues schaffen. Oder beharren wir auf dem Konsumniveau, auf dem wir uns zurzeit befinden? Wenn wir das tun, wird die Krise immer unangenehmer. Ein Baum kann auch nicht einfach seine Blätter festhalten, wenn der Herbst kommt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gegenwärtig habe ich den Eindruck, dass sich manche genau so verhalten wie Sie beschreiben, geradezu zwanghaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Gegenwärtig ja, aber es ist auch eine individuelle Entscheidung. Nehme ich die Veränderungen an? Gebe ich mich den Veränderungen hin? Oder bereite ich mich auf Veränderungen hin?</em></p>
<h3><strong>Experimente mit der Unsicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_7656" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7656" class="wp-image-7656 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7656" class="wp-caption-text">Neumarkt in der Oberpfalz. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle:  www.realtuopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit haben wir den Trend einflussreicher Politiker:innen, das Alte zu glorifizieren und alles zu tun, damit sich nur ja nichts ändert. Das ist meines Erachtens ein Problem der Politik, weniger der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft sähe, dass die Politik verlässlich handelt und nicht alle paar Monate die Parameter ändert, indem eine Förderung für beispielsweise regenerative Energien mal erhöht, mal reduziert, mal sogar ganz gestrichen wird. Das ist nur ein Beispiel für viele. Und den Bürger:innen geht es genau so. Was gilt denn jetzt? Was gilt morgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das Festhalten am Alten schafft Leid, Anstrengungen und Kampf. Es wäre viel einfacher, wenn wir mehr loslassen könnten. Aber die Angst vor Kontrollverlust ist enorm. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich die Dinge radikal ändern. Das ist radikale Unsicherheit. Wir können nicht wissen, wie die Welt in fünf, in zehn oder in hundert Jahren aussieht, aber es fällt vielen schwer anzuerkennen, dass das nicht vorhersehbar ist. Daher auch der vorherrschende Modus des Beharrens auf dem, was man aus der Vergangenheit zu kennen glaubt.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden solche Fragen, wie wir sie eben angesprochen, in Ihren Workshops diskutiert?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es gibt nicht <u>den</u> Workshop, wir haben unterschiedliche Formate. Es gibt zunächst Formate, in denen es darum geht, Methodenwissen zu entwickeln. Wir hatten gerade auch einen experimentellen Summit, in dem es darum ging, Führung, Macht und Wandel zu erforschen, auch kollektive Führung unter Unsicherheit. Dazu haben wir Pläne losgelassen und teilweise sogar die Moderation weitgehend zurückgenommen, um zu erforschen, was entsteht, wenn wir die Kontrolle abgeben und den Raum sich selbst überlassen. Das Ziel war, auch eine Form der Selbstführung zu ermöglichen: Was spüren wir gemeinsam? Was wollen wir tun? Was ist in diesem Moment lebendig? Dazu haben wir auf jegliche Planung verzichtet und einen offenen Raum entstehen lassen.</em></p>
<p><em>Der äußere Rahmen hätte dafür kaum besser sein können: ein wunderschöner Ort, volle Kühlschränke, inspirierende Menschen – alles, was man sich wünschen kann, um sichere Bedingungen für Veränderung zu schaffen. Und dennoch: Viele Teilnehmer:innen, die sich eigentlich leidenschaftlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, waren von dieser Offenheit tief verunsichert. Schon ein einziger Tag ohne klare Struktur genügte, um große Unsicherheit auszulösen.</em></p>
<p><em>Anschließend ging es darum, dies zu reflektieren. Dazu brauchten wir psychologische Unterstützung, wir hatten ein Emotional Support Team engagiert, Expert:innen, die die Leute aufgefangen haben. Das war auch unbedingt nötig. Das psychologische Team war im Dauereinsatz.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Hilflosigkeit, die die Teilnehmer:innen Ihres Workshops erlebten, spiegelt meines Erachtens sehr gut die aktuelle politische Lage in vielen Ländern angesichts der verschiedenen Krisen. Manche ziehen sich zurück in eine Art Cocooning, das nichts Krisenhaftes mehr an sich heranlässt, andere radikalisieren sich.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir waren eine Mikrogesellschaft, in der Tat ein Spiegel der Makrogesellschaft. Manche Teilnehmenden fanden das super, weil sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Andere hatten das Bedürfnis nach Sicherheit. Es war der klassische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit; Neues wagen oder an Bewährtem festhalten? Nur ja nicht zu schnell die Veränderung wagen! Es war möglich, diesen Konflikt wiederum in sich selbst zu beobachten, für alle Teilnehmer:innen, jede:r für sich. Kann ich in der Gruppe jetzt einen Vorschlag machen? Darf ich das? Überfordere ich die anderen? Bekomme ich Ärger? Es war sehr erhellend, sich diese Spannung bewusst zu machen, und das in einem absolut sicheren Setting!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema in Ihren Büchern: „Utopia 2048“ haben Sie zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, dann mehrfach aktualisiert und überarbeitet. Die Pandemie war eine Ausnahmesituation, in der eigentlich niemand mehr genau wusste, was zu tun war. Es gab viel Trial und Error. Und die Strukturen, die es dann gab, waren in einem hohen Maße autoritäre Strukturen, die wiederum Leute auf den Plan riefen, die selbst höchst autoritär denken, aber meinten, sie würden sich mit ihren Forderungen für die Freiheit einsetzen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das war rückblickend eine spannende und zugleich sehr unangenehme Phase. Wie unterschiedlich die Leute sie wahrnahmen, hing zu einem Teil auch mit Privilegien zusammen. Wer beispielsweise einen großen Garten hatte, erlebte die Pandemie und die Phasen des Lockdowns anders als jemand, der in einer kleinen Wohnung oder gar in einem einzigen Zimmer gefangen war. Man konnte aber auch merken, dass das Runterfahren eines Systems mit weniger Verpflichtungen, mit dem Home-Office, dem engeren Kontakt in der Kernfamilie, mit den Kindern, neben den unangenehmen Seiten manchen auch Entspannung brachte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den letztgenannten Aspekt sehe ich vor allem bei Menschen der sogenannten upper middle class.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es hängt eben mit Privilegien zusammen, die die einen haben und die anderen nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind letztlich soziale Unterschiede, die die unterschiedliche Wahrnehmung bedingen, wie auch bei den anderen Krisen unserer Zeit, zum Beispiel der Frage nach der Energieversorgung oder einer nachhaltigen Landwirtschaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir können das nicht voneinander trennen. Wir können großen Teilen der Bevölkerung nicht sagen, sie müssten jetzt ihr Leben ändern. Viele kann ich nicht dafür gewinnen, sich als Teil des ökologischen Systems zu sehen, wenn ich die sozialen Rahmenbedingungen oder Konsequenzen nicht mit bedenke. Es darf nicht zu einem Entweder-Oder kommen, entweder die Ökologie oder das Soziale. </em></p>
<h3><strong>Realutopien</strong></h3>
<div id="attachment_7657" style="width: 442px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg" alt="" width="432" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-768x577.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-800x601.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1024x769.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1200x901.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1536x1153.jpg 1536w" sizes="(max-width: 432px) 100vw, 432px" /><p id="caption-attachment-7657" class="wp-caption-text">Bonn-Beuel. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Prognosen sind immer schwierig und wir alle sind keine Propheten. Aber wie sehen Sie die Möglichkeiten, die von Ihnen für die Jahre 2045 beziehungsweise 2048 formulierten Ziele bei allen Unwägbarkeiten und Widerständen zu erreichen? Interessant finde ich, dass Ihre Vorschläge eigentlich gar nicht so weit hergeholt sind. Eigentlich gibt es das alles schon, als einzelnes Projekt zum Beispiel, als gute Praxis in der ein oder anderen Kommune, aber eben nur nicht in der Fläche. Vom Urban Gardening über Schwammstädte bis hin zu alternativen Mobilitäts- und Versorgungskonzepten und so manches mehr. Manches wurde real erprobt, manches als Fantasie beschrieben, beispielsweise im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a>.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir haben manches, das es schon gibt, einfach größer gedacht. Wir haben aber auch vieles miteinander verwoben und aus vereinzelten eher unbekannten Lösungen ein systemisches Gesamtgefüge zusammengebaut. Das war der Grundgedanke: Technisch ist das, was wir mit unseren Visionen beschreiben, absolut machbar. Die Lösungen sind technisch alle da, auch das Geld, aber es ist eine Frage des Willens. Das haben wir in der Pandemie festgestellt und im Ukrainekrieg. Wenn der politische Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben keine irrealen Fantasien entwickelt, basierend auf existierenden Lösungen, die wir als Gesellschaft hochskalieren könnten und die man, wenn man etwas herumreist, auch schon überall beobachten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Ukrainekrieg und der Pandemie nennen Sie zwei Beispiele, in denen man auf eine von außen ausgelöste Krise reagiert. Das sind keine Beispiele für eine Vision im Sinne Ihrer Zukunftsbilder.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Sie zeigen aber, dass die Verwirklichung unserer Zukunftsbilder möglich wäre. Sie haben natürlich recht, dass die Politik zurzeit sehr reaktiv und kurzfristig agiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt der von Ihnen verwendete Begriff der <em>„Realutopie“. </em>Seit 2022 gibt es auf Ihrer Internetseite die <a href="https://realutopien.info/">Infothek für Realutopien</a>. Mich erinnert der Begriff an den von <a href="https://ernst-bloch-gesellschaft.de/">Ernst Bloch</a> geprägten Begriff der <em>„konkreten Utopie“</em>. Ein anderer Begriff, den Sie gewählt haben ist der Begriff der <em>„offenen Utopie“</em>. <em> </em></p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Auch dann, wenn man sich auf der großen Ebene Anderes wünscht, haben wir auf der kleinen lokalen Ebene großen Spielraum, den wir nur erkennen müssen. In der Nachbarschaft, auf dem Arbeitsplatz kann man sich eine andere Realität schaffen, eine andere Kultur, wertschätzende Arbeitsverhältnisse aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist viel Arbeit. Man muss sich Wissen aneignen, recherchieren, welche Realutopien es gibt, wie man sie gestaltet, wie man Beziehungen etabliert und nutzt, um diese Ziele zu erreichen. Wenn man sich auf die Suche begibt, wird man all diese Lösungen finden. Und wenn man sie umsetzt, kann man in der eigenen persönlichen Realität eine Realutopie schaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem will ich nicht widersprechen. Aber ein lokales Projekt ist noch keine umfassende Strukturpolitik.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Aber wenn sich viele Menschen die Macht, die sie haben, noch mehr nehmen würden, schaffen viele kleine Realutopien auch eine große Realutopie. Der Grundgedanke ist der, dass sich viele Menschen mit ihren kleinen Realutopien miteinander verbinden und ihre jeweils eigenen Utopien verweben. So entstehen auch Strukturen. Auch wenn es im Großen düster wirkt und Hoffnung verloren geht, muss man sich diese Macht erhalten, damit man nicht ausgeliefert ist. Wenn man dies im Kleinen tut, reibt man sich nicht im Großen auf. Es geht im Grunde auch um das Erlebnis von Selbstwirksamkeit. Utopie bedeutet eigentlich „Unort“. Wir könnten aus Utopia ein Eutopia machen, einen „guten Ort“.   </em><strong> </strong><em> </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. November 2024. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048. Artist: Aeeroscape &amp; Lino Zeddies, Quellen: www.realutopien.de sowie Wikimedia Commons, Genehmigung: <a href="https://realutopien.info/visuals/berlin-friedrichstrasse-utopia-2048/">Visual » Berlin Friedrichstraße Utopia 2048</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Für eine &#8222;Germanistik der radikalen Vielfalt&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 16:10:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“ Jeannette Oholi über die Potenziale afropäischer und afrodeutscher Literatur „Wir neigen zu der Auffassung, daß eine strenge Arbeitsteilung zwischen nationaler, Vergleichender und Allgemeiner Literaturwissenschaft weder durchführbar noch wünschenswert ist. Wer sich mit der nationalen Literaturwissenschaft beschäftigt, sollte sich klarmachen, daß er verpflichtet ist, seinen Gesichtskreis zu erweitern, und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h1>
<h2><strong>Jeannette Oholi über die Potenziale afropäischer und afrodeutscher Literatur</strong></h2>
<p><em>„Wir neigen zu der Auffassung, daß eine strenge Arbeitsteilung zwischen nationaler, Vergleichender und Allgemeiner Literaturwissenschaft weder durchführbar noch wünschenswert ist. Wer sich mit der nationalen Literaturwissenschaft beschäftigt, sollte sich klarmachen, daß er verpflichtet ist, seinen Gesichtskreis zu erweitern, und hin und wieder Abstecher in andere Literaturen oder der Literatur verwandte Gebiete zu unternehmen. Der Komparatist hingen sollte von Zeit zu Zeit in den enger begrenzten Bereich einer Nationalliteratur zurückkehren, um wenigstens mit <u>einem</u> Fuß auf festem Boden zu bleiben.“ </em>(Henry H. H. Remak, Definition und Funktion der Vergleichenden Literaturwissenschaft, 1961, zitiert nach: Horst Rüdiger, Hg., Komparatistik – Aufgaben und Methoden, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz, Kohlhammer, 1973)</p>
<p>Der Literaturwissenschaftler Henry H. H. Remak schrieb diesen Text vor etwa 65 Jahren in einer Zeit, in der man sich noch auf sicherem Boden zu befinden glaubte, wenn man von <em>„Nationalliteratur“</em> oder gelegentlich auch von <em>„Weltliteratur“</em> sprach. Aber so wie sich das Verständnis von <em>„Nationen“</em> wandelte, hätte sich auch der Begriff von <em>„Nationalliteratur“</em> wandeln müssen und damit auch der Begriff der <em>„Welt“</em>. Der Begriff der <em>„Nation“</em> hätte ohnehin als Begriff des 19. Jahrhunderts in einer wissenschaftlichen Untersuchung nur noch einen Platz als deren Gegenstand, nicht jedoch als deren Voraussetzung einnehmen dürfen.</p>
<p>Wenn jemand den Versuch wagen wollte, den Begriff der <em>„Nationalliteratur“</em> zu definieren, wäre es vielleicht hilfreich, sich auf die Sprache zu konzentrieren, in der die jeweilige Literatur geschrieben wurde und wird. Der Begriff der <em>„Nation“</em> löst sich dann sehr schnell auf, denn diejenigen, die heute Literatur in deutscher, englischer, französischer oder welcher Sprache auch immer schreiben, können auf zahlreiche Quellen, Traditionen und Identitäten zurückgreifen, die in den 1960er Jahren in Europa kaum bekannt waren. Unter den belletristischen Neuerscheinungen der vergangenen 30 bis 40 Jahre in Deutschland finden sich Autor:innen mit den unterschiedlichsten Familiengeschichten, über die sich eine Reise durch alle Länder und Kontinente gestalten ließe. Doch nehmen Literaturwissenschaften und schulische Lehrpläne dies auch wahr? Vielleicht lohnt es sich, dieser Frage anhand des Beispiels der afrodeutschen oder afropäischen Literatur nachzugehen. Ich darf versprechen, dass sich in der Auflösung der Begriffe des <em>„Nationalen“</em> und – daraus folgend – des <em>„Internationalen“</em> neue Perspektiven und Welten erschließen lassen, aber auch, dass die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistischem Engagement zerfließen werden.</p>
<h3><strong>Grundlagen afropäischer Literatur(wissenschaften)</strong></h3>
<p><a href="https://www.jeannetteoholi.com/">Jeannette Oholi</a> hat sich in zwei bei transcript in Bielefeld erschienenen Büchern mit dem Stellenwert und der Rolle afrodeutscher, afropäischer oder Schwarzer Literatur – diese drei Bezeichnungen finden sich in Wissenschaft und Publizistik – in Deutschland und in Europa exemplarisch auseinandergesetzt. Im Jahr 2024 erschien ihre Gießener Dissertation „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts, im Jahr 2025 folgte der Sammelband „Schwarze deutsche Literatur – ästhetische und aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“. Vereinfacht ließe sich sagen: Dem Theorieband folgte ein Band über die Praxis. Beide Bände jedoch zeichnen sich durch fundierte Analyse anregender literarischer Texte aus und bieten so ganz nebenbei einen anregenden Überblick über afrodeutsche beziehungsweise afropäische Literatur. Wer diese Literatur entdecken möchte, wird hier genügend Lesetipps finden.</p>
<p>Die reale Grundlage der beiden Bücher bietet der Reisebericht „Afropean – Notes from Black Europe“ von <a href="https://www.johnypitts.com/info">Johny Pitts</a> (Allan Lane, 2019). Johny Pitts kommt zu dem Schluss: <em>„Africa was right where I was standing. (…) These scattered fragments of Afropean experience had formed a mosaic inside my mind, not monolithic, but not entirely amorphous either; rather, the Afropean reality was a bricolage of blackness and I’d experienced an Africa that was both <u>in</u> and <u>of</u> Europe.” </em>Wer sich mit afropäischer Literatur befasst, klärt somit auch und vielleicht sogar in erster Linie den eigenen Standpunkt, postkoloniale und intersektionelle Aspekte ebenso inbegriffen wie Rassismus- und Exklusionserfahrungen. Afrika ist eben mehr als ein geographischer Begriff, Afrika wird zu einer Einstellung, zu einer Art Status.</p>
<p>Vielleicht passt es in diesem Kontext, dass im Spätsommer 2025 eine Debatte entstand, dass die gängige die wahren Größenverhältnisse verzerrende Mercator-Darstellung der Welt durch eine realistische Darstellung abgelöst werden sollte (eine sehr anschaulichen Überblick boten Otto Wöhrbach und Natalie Ille im Tagesspiegel: <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-alteste-desinformationskampagne-der-welt-warum-afrika-eine-neue-weltkarte-fordert-14255954.html">„Die älteste Desinformationskampagne der Welt“</a>). Im Mercator-Schnitt sind Afrika und Grönland gleich groß (möglicherweise motivierte dies Trump, sich für Grönland zu interessieren). Tatsächlich passen jedoch China, Indien, die USA, Japan, die Europäische Union und letztlich die Schweiz in Afrika hinein. Großbritannien ist etwa so groß wie Madagaskar, Russland etwa so groß wie Sahara und Sahel. Die Frage, zu der die von Jeannette Oholi vorgestellten Autor:innen Antworten suchen, lautet mehr oder weniger, wie viel Afrika in den europäischen Literaturen zu finden ist und wie sich Afrikanisches und Europäisches durch diese Begegnung verändern. Eine damit verbundene Frage lautet, wie sehr der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwarze-frauen-in-deutschland/">Schwarze Feminismus</a> der 1980er Jahre zur Emanzipation eines Schwarzen deutschen beziehungsweise europäischen Bewusstseins beigetragen hat, das sich auch die afrodeutsche Literatur durchdringt. All dies ist Gegenstand der beiden Bücher von Jeannette Oholi: Wie groß ist Afrika in der deutschen (französischen, englischen, europäischen) Literatur?</p>
<h3><strong>Auf dem Weg zu einer „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h3>
<div id="attachment_7580" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7172-8/afropaeische-aesthetiken/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7580" class="wp-image-7580 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-768x1167.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1011x1536.jpg 1011w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1200x1824.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1347x2048.jpg 1347w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-scaled.jpg 1684w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7580" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Jeannette Oholi plädiert in ihrer Dissertation für eine <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>: <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt initiiert einen Perspektivwechsel, da sie Pluralität in den Mittelpunkt rückt und diese – genauso wie Migration – normalisiert.“</em> Dieser Ansatz ist zwangsläufig komparatistisch, geht aber weit über traditionelle komparatistische Arbeiten hinaus, weil er sich eben nicht auf das Verhältnis zwischen verschiedenen europäischen Literaturen beschränkt. Ihre Ergebnisse ließen sich auf andere Literaturen übertragen. Daher gibt es in der Dissertation auch Kapitel zu britischen und französischen Texten. In beiden Bänden spielen US-amerikanische Autor:innen eine wichtige Rolle. Anstelle der Germanistik ließe sich somit auch jede beliebige andere Literaturwissenschaft nennen. Die von Jeannette Oholi angewandte Methode ließe sich wiederum auf andere mit einem Bindestrich bezeichnete Literaturen übertragen, zum Beispiel auf jüdische Autor:innen, die in deutscher (oder französischer oder englischer) Sprache schreiben und veröffentlichen. All diesen Autor:innen gemeinsam ist ein Habitus des <em>„Widerstands“.</em> Literatur und Literaturwissenschaft sind zugleich politische Statements und wirken als politischer Aktivismus<em>.</em> Diese Begriffe muss man wörtlich nehmen! <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt ist eine widerständige Analyseperspektive (…).“ </em>Sie befreit afrikanische Quellen, Traditionen, Motive aus der <em>„Ghettoisierung in einem besonderen Afrikaprogramm“</em>, die der Romanist <a href="http://blog.romanischestudien.de/janos-riesz-und-die-afroromanistik/">János Riesz</a>, Mitbegründer der interdisziplinären Afrikanologie an der Universität Bayreuth, im Jahr 1980 angesichts der Präsentation des Schwerpunkts Afrika auf der Frankfurter Buchmesse beklagte (zitiert nach <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas, Sozialistische Transnationalisierung</a>, Wiesbaden, Harassowitz, 2025).</p>
<p>Ihre These entwickelt Jeannette Oholi zunächst in einem Methodenkapitel („Plurale Schwarze Identitäten in einem <em>weiß</em> imaginierten Europa: Eine postmigrantische Annäherung“). In drei weiteren Kapiteln stellt sie zehn Autor:innen detailliert vor. Diese drei Kapitel tragen die programmatischen Überschriften „Bewegungen“, „Verbindungen“ und „Uneindeutigkeiten“. Ein fünftes Kapitel mit dem Titel „Fazit und Ausblick“ schließt den Kreis. Analysiert werden Texte von <a href="http://www.cfsandjon.de/">Chantal-Fleur Sandjon</a>, <a href="https://www.afrikaroman.de/autor/helen-oyeyemi/">Helen Oyeyemi</a> und Yrsa Daley-Ward im Kapitel „Bewegungen“, Texte von <a href="https://www.goethe.de/ins/mx/de/kul/lit/21736571.html">Philipp Khabo Koepsell</a>, <a href="https://about.me/sharonotoo">Sharon Dodua Otoo</a>, <a href="https://bevaristo.com/">Bernardine Evaristo</a> und <a href="https://lesbavardagesdekiyemis.wordpress.com/">Kiyémis</a> (die einzige französischsprachige Autorin im Buch) im Kapitel „Verbindungen“, <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/olivia-wenzel-1009108">Olivia Wenzel</a>, <a href="https://aukongo.de/">Stefanie Lahya Aukongo</a> und <a href="https://www.lemnsissay.com/lemn">Lemn Sissay</a> im Kapitel „Uneindeutigkeiten“.</p>
<p>Schwarze, afropäische oder afrodeutsche Literatur ist keine weitere Spielart von <em>„Nationalliteratur“</em>. Sie lässt sich auch nicht nicht als eigene literarische Gattung abgrenzen. Sie ist kein monolithischer Block. Jeannette Oholi wendet sich gemeinsam mit den von ihr vorgestellten Autor:innen gegen dieses in den Köpfen vieler Literaturwissenschaftler:innen und Lehrkräfte vorherrschende Bild. Ihr Gegenprogramm geht von dem Begriff des <em>„Queering“</em> aus, wie ihn <a href="https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/news/prof-fatima-el-tayeb-neue-dresden-senior-fellow-am-zentrum-fuer-integrationsstudien">Fatima El-Tayeb</a> verwendet. So <em>„werden alternative Narrative von ‚Europäischsein‘ sichtbar, die das plurale Europa widerspiegeln.“ </em>Sie beruft sich ferner auf <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/max-czollek-p-1378">Max Czollek</a> und seinen Begriff der <em>„Desintegration“ </em>(in: „Desintegriert euch!“ München, Hanser, 2018), den sie als <em>„widerständige Haltung gegen die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“</em> versteht.</p>
<p>Der bestimmte Artikel in „<em>die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“ </em>verweist auf eine Praxis der bewussten oder gegebenenfalls auch unbewussten Exklusion oder vielleicht besser gesagt der Ignoranz eines in den letzten vier Jahrzehnten immer bedeutender werdenden Teils deutscher Literatur. In Deutschland gibt es – dies wird durchgehend in beiden Büchern von Jeannette Oholi thematisiert – keine eigenen Lehrstühle für „Black Studies“. „Black Studies“ wären allerdings ungeachtet der Verdienste von János Riesz und Kolleg:innen etwas anderes als die <a href="https://www.afrikanistik.uni-bayreuth.de/en/index.html">Afrikanistik, zu der an der Universität Bayreuth gelehrt und geforscht wird</a>. Es geht um Literatur von Schwarzen Autor:innen oder Autor:innen of Color in deutscher Sprache, es geht um die afrodeutsche beziehungsweise afropäische Perspektive mit all ihren Erfahrungen. Mitunter fühlt man sich an das Schicksal der Diplomarbeit von May Ayim erinnert, die an einer Universität abgelehnt wurde, weil es doch in Deutschland gar keinen Rassismus gäbe. Die Arbeit wurde später an einer anderen Universität angenommen und in dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ veröffentlicht (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, Neuauflage im Jahr 2020 bei Orlanda).</p>
<p>Es wäre sicherlich von Interesse, einmal Lehrpläne, Schullektüren und Abituraufgaben im Fach Deutsch zu analysieren. Dort dürfte es noch viel problematischer aussehen als in der Germanistik. In dem Aufsatz <a href="https://www.genealogy-critique.net/article/id/17228/">„Von Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten: Schwarze deutsche Literatur als polyphone Tradition lesen“</a> (in: Genealogy+Critique 10/1, 2024) verweist Jeannette Oholi auf außeruniversitäre und <em>„nicht-staatliche Archive und Bibliotheken wie die </em><a href="https://eoto-archiv.de/literatur-kultur#bibliothek"><em>Vera Heyer Bibliothek</em></a><em> als Teil von </em><a href="https://eoto-archiv.de/"><em>Each One Teach One</em></a><em> (EOTO e.V.) in Berlin, die </em><a href="https://twm-bibliothek.de/"><em>Theodor Wonja Michael Bibliothek</em></a><em> in Köln, die </em><a href="https://arca-ev.de/projekt/fasiathek-schwarze-praesenzbibliothek/"><em>Fasiathek</em></a><em> in Hamburg sowie die kürzlich gegründete </em><a href="https://schwarze-kinderbibliothek.de/"><em>Schwarze Kinderbibliothek</em></a><em> in Bremen“</em>, alle Fundgruben afrodeutscher, afroeuroopäischer beziehungsweise Schwarzer Literatur, die in Schulen und Hochschulen noch zu entdecken wäre (Internetlinks eingefügt von NR)<em>.</em></p>
<h3><strong>Gestaltungsprinzip Polyphonie</strong></h3>
<p>Wodurch zeichnet sich eine multiperspektivische afrodeutsche oder afropäische Literatur aus? Ein Schlüsselbegriff ist <em>„Polyphonie“, </em>die Jeannette Oholi in ihrer Dissertation als <em>„ästhetisches Gestaltungsprinzip“</em> der Vielfalt definiert. Diese <em>„Polyphonie“</em> bezieht sich nicht nur auf den Stellenwert afrodeutscher Literatur als Teil der deutschen Literatur als Gesamtheit, sondern auch ihre verschiedenen Erscheinungsformen. Afrodeutsche, afropäische Literatur ist weder nach außen noch nach innen ein monolithischer Block. Es gibt eben nicht nur die <em>„Single Story“</em>, die <a href="https://www.chimamanda.com/about/">Chimamanda Ngozi Adichie</a> in <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> dekonstruierte.</p>
<p>Jeannette Oholi konkretisiert diese These in dem eben schon genannten Aufsatz „Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten“: <em>„Die Polyphonie spiegelt Bewegungen wider und hat Entgrenzungen zur Folge, da durch sie die Pluralität Schwarzer deutscher Literaturen sichtbar wird. Sie steht quer zur verengten und begrenzten Rezeption Schwarzer Autor*innen und macht stattdessen ein vielschichtiges Netz von Stimmen sichtbar, die Räume innerhalb des literarischen Feldes schaffen oder (neu) besetzen.“ „Afropolitanismus“</em> und <em>„Eurozentrismus“ </em>werden dann zu Kampfbegriffen. Erst die Überwindung des <em>„Eurozentrismus“</em> schaffe eine <em>„globale Perspektive“</em>:</p>
<p>Gesellschaftlich und politisch formuliert verweist dies – so Jeannette Oholi – auf den von dem Arabisten und Islamwissenschaftler <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a> eingeführten Begriff der <em>„Ambiguitätstoleranz“ </em>(programmatisch zum Beispiel in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“, Stuttgart, Reclam, 2018). <em>„Die Gegenwartsliteratur Schwarzer Autor*innen wird so zu einem Ort, an dem Erinnerungen vielstimmig verhandelt und neugeschrieben werden.“</em> <em>„Pluralität“</em> ist keine <em>„Bindestrichidentität“</em>. Eine pluralistische Ästhetik manifestiert sich in den Stilmitteln: <em>„Die Pluralität zeigt sich nicht nur inhaltlich, beispielsweise in der Figurenkonstellation oder darin, was die Stimmen in den Gedichten thematisieren, sondern auch in der Ästhetik, denn die Ästhetik der literarischen Texte zeichnen sich ebenfalls durch Bewegungen, Verbindungen und Uneindeutigkeiten aus, wenn Autor*innen beispielsweise mit Textgattungen experimentieren und neue literarische Formen entstehen.“ </em>Stilmittel sind beispielsweise dialogisches oder fragmentarisches Erzählen, freie Rhythmen, Wegfall von Satzzeichen, Aufspaltung von Sätzen in eine Reihe von Wörtern, die jeweils eine eigene Zeile beanspruchen.</p>
<p>Sprache fließt, ihre <em>„Fluidität“ </em>schafft eine diachrone Ebene, die die synchrone Wahrnehmung durchdringt. Sie schafft ein Gefühl für die Veränderlichkeit der Erzählung und des Erzählten, weil es immer <em>„eine Vielzahl von Möglichkeiten“</em> gibt und eben nicht darauf ankommt, eine bestimmte Möglichkeit ein für alle Mal auszuwählen, sondern Vielfalt, <em>„Pluralität“</em>, anzuerkennen. Die jeweiligen Stilmittel müssen natürlich nicht neu erfunden werden, denn es gibt sie ohnehin schon in experimenteller Literatur, zum Beispiel in Konkreter Poesie oder auch in nicht linear erzählten Romanen, ungeachtet der Familiengeschichte und Lebenswelten der Autor:innen. Das Besondere in der afrodeutschen beziehungsweise afropäischen Literatur ist jedoch ihre Ausweitung: Materielle Wirklichkeiten, Landschaften, Gegenstände reflektieren und dekonstruieren Identitäten zugleich.</p>
<p>Jede Erzählung, jeder potenzielle Gegenstand einer Erzählung, jede erzählte Person verlangt, dass sie in der Lektüre weitererzählt, kreativ gebrochen wird, weil das Erzählte immer nur als <em>„Fragment“</em> erzählt werden kann. Bezogen auf das Monodrama „Something Dark“ von Lemn Sissay schreibt Jeannette Oholi: <em>„Das fragmentarische Erzählen unterstreicht die Pluralität der Identität des Erzählers.“</em> Individualität und Pluralität sind eben untrennbar miteinander verbunden, sodass die Frage nach einer festgefügten <em>„Identität“</em> sich letztlich erübrigen sollte. Was ist <em>„europäisch“</em>, was ist <em>„deutsch“</em>, was <em>„französisch“</em>, was <em>„afrikanisch“</em>? In diesen Überlegungen erhält der im Alltagssprachgebrauch auf geschlechtliche Vielfalt angewandte Begriff des <em>„Queering“</em> eine neue Bedeutung. <em>„Dieses <u>Queering</u> hat zur Folge, dass sich Schwarze Figuren und Stimmen in den literarischen Texten als Subjekte in ihrer Pluralität erzählen.“ </em></p>
<p>Jeannette Oholi verknüpft in diesem Sinne die folgenden Begriffe miteinander: <em>„postmigrantisch“</em>, <em>„subversiv“</em>, <em>„emanzipatorisch“</em>. Sie wendet den von <a href="https://www.gorki.de/de/ensemble/shermin-langhoff">Shermin Langhoff</a> in die Debatte eingeführten Begriff des <em>„Postmigrantischen“</em> in der Literaturwissenschaft an: <em>„Das Postmigrantische als kritische Perspektive zu nutzen, bedeutet, Rassifizierung und Marginalisierung von Schwarzen Menschen in Europa als Realität sichtbar zu machen und diese zugleich in einen größeren Kontext intersektionaler Herrschafts- und Rassismuskritik zu stellen.“</em> Eine solche Literaturwissenschaft ist im besten Sinne parteilich, nicht im marxistischen Sinne des Wortes, wohl aber im Sinne jeder auf Anerkennung von Vielfalt ausgerichteten Verfasstheit einer Gesellschaft. In diesem Kontext entsteht <em>„Afropea“</em> als <em>„ein Raum, der durch das Streben Schwarzer Europäer*innen und die Entfaltung ihrer pluralen Identitäten entsteht.“</em></p>
<p><em>„Heimat“</em> ist dann – beispielsweise bei Chantal-Fleur Sandjon – <em>„nicht an einen geografischen Ort gebunden“</em>, auch die Textgattungen verfließen ineinander, wie beispielweise bei Yrsa Daley-Ward, Lemn Sissay oder Aukongo. Lyrisches und Erzählerisches vermischen sich, auch mit ungewöhnlichen Schreibweisen (bei Aukongo zum Beispiel Unterstriche, Großbuchstaben mitten in einem Wort, freie Rhythmen) durchdringen einander, lassen neue Perspektiven entstehen. Sharon Dodua Otoo macht in „Adas Raum“ die Verbindungen zwischen den Schicksalen und Erlebnissen von vier Personen mit dem Namen Ada in verschiedenen Zeiten erfahrbar: <em>„Alle vier Ada-Figuren sind transtemporal und transnational miteinander verbunden, da ihre Erfahrungen und Geschichten miteinander resonieren.“</em></p>
<p>Ein denkbares Gegenbild zur <em>„Heimat“</em> wäre eine Variante des Exils, das Leben in einer Art Diaspora. Auf der einen Seite steht – so interpretiert Jeannette Oholi Kiyémi – <em>„die durch die Assimilation entstandene gesellschaftliche Enge“</em>, auf der anderen Seite entsteht ein neu zu entdeckender Reichtum: <em>„Die afrodiasporische Frau besteht in ihrem Innersten somit aus einer Vielzahl von Verbindungen, die sich aus Wegen, Erzählungen und Bewegungen zusammensetzen.“</em> Literatur wird zum Medium eines neuen Selbstbewusstseins, von Selbstwirksamkeit: <em>„Die Stimme schafft somit neue Räume, in denen sie sich in ihrer Pluralität entfalten kann.“</em> In diesem Kontext fügen sich bei Oliva Wenzel in „1.000 Serpentinen Angst“ Reisen, Bahnhöfe, Snackautomaten, Sprach- und Perspektivwechsel zu Metaphern einer <em>„Vielzahl von Möglichkeiten“</em>. Allerdings gehe es nicht darum, eine dieser Möglichkeiten auszuwählen und damit andere auszuschließen, sondern die Pluralität in sich aufzunehmen und sich in ihr zu bewegen. Literatur wird zur <em>„Selbstbefreiung“</em>, zum Handeln in einem selbst gestalteten <em>„Empowermentprozess“</em>. Aber natürlich bleibt es immer prekär, nie abgeschlossen, exemplarisch formuliert in Versen von Aukongo: <em>„Mein Gender balanciert auf dem seidenen Faden (…) / Irgendwo dazwischen (…) / als mehrfachverwobene, geschlungene / radikale Femme of Color“ </em>(im Original kursiv). Intersektionalität ist somit nichts anderes als die in sich und dem eigenen Schreiben erfahrene Polyphonie.</p>
<h3><strong>„Kunst als Mittel zum Überleben“</strong></h3>
<div id="attachment_7581" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7075-2/schwarze-deutsche-literatur/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7581" class="wp-image-7581 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-400x619.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-600x929.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-661x1024.jpg 661w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-768x1189.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-800x1239.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-992x1536.jpg 992w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1200x1858.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1323x2048.jpg 1323w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-scaled.jpg 1653w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-7581" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von Jeannette Oholi herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“ darf als multiperspektivische Fortsetzung der in ihrer Dissertation entfalteten Thesen gelesen werden. Die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistisch-politischem Engagement zerfließen, <em>„Polyphonie“</em> spiegelt sich literarisch wie politisch in 15 Beiträgen von 19 Autor:innen, allerdings durchaus mit einem gemeinsamen Ziel, der Anerkennung afrodeutscher und afropäischer Biografien und Lebenswelten sowie ihrer Literatur. Jeannette Oholi widmet den Band Philipp Khabo Koepsell, <em>„Poet, Aktivist, Archivar und Wegbereiter in der Erforschung Schwarzer deutscher Literatur“</em> und benennt damit ihren eigenen Anspruch: Wissenschaft, Aktivismus, Popularisierung durchdringen einander. Laura Högner zitiert in ihrem Beitrag über „Kritische Darstellung <em>weißer</em> Männlichkeiten und des <em>white gaze</em> in Sharon Dodua Otoos <em>Adas Raum</em>“ ebenfalls Philipp Khabo Koepsell mit der entspannten und entspannenden Bemerkung: <em>„wir können deutsch sein – aber wir müssen es nicht“</em>.</p>
<p>Der Band gliedert sich in vier Abschnitte: „Aktivismus und Literatur(wissenschaft)“, „Erinnerung und Wissensproduktion“, „Ästhetiken und Literaturtraditionen“ sowie „Entgrenzungen und Genres“. Eine zentrale Rolle spielen immer wieder die 1980er Jahre und die inspirierende Rolle von Audre Lorde und May Ayim. Es geht allerdings nicht nur um afrodeutsche Autor:innen, so bietet Yeliz Çetin unter der Überschrift „Poetische Widerstände“ einen Vergleich der Lyrik von May Ayim und <a href="https://www.haticeacikgoez.de/">Hatice Açikgöz</a>, eingeleitet – wie könnte es anders sein – mit drei Sätzen aus dem Grußwort von Audre Lorde zu „Farbe bekennen“: <em>„Wir wollen wir selbst sein, so wie wir uns definieren. Wir sind kein Fragment eurer Fantasie oder eurer Wünsche. Wir sind nicht das Salz eurer Sehnsucht.“ </em>Yeliz Çetin, selbst auch als Literatin unterwegs, wendet sich damit gegen die vielen verschiedenen Projektionen, die Autor:innen auf ihrem literarischen Weg behindern: <em>„Schreiben ist Sprache und bedeutet eine Ausdrucksmöglichkeit, in einem sicheren Rahmen Worte zu finden und für sich zu sprechen, wo sonst keine Räume existieren und die eigene Stimme nicht gehört wird.“</em></p>
<p>In der Einleitung formuliert Jeannette Oholi zwei Punkte, die aus meiner Sicht zeigen, dass sich diese Einsicht und Programmatik nicht von selbst ergibt, nicht einmal für diejenigen, die als <em>„Afropeans“ </em>oder <em>„Afrodeutsche“</em> ein biographisches Interesse haben. Im ersten Satz schreibt sie: <em>„Ich musste über 5000 Kilometer reisen um von <u>Farbe bekennen</u> zu erfahren.“</em> Dies mag durchaus an den Curricula deutscher Universitäten liegen. In Dakar im Senegal fragte sie eine Nachbarin nach dem Buch. Aus der folgenden Lektüre dieses Buches entfaltet sie den eigentlichen Auftrag, dem sich die Autor:innen von „Schwarze deutsche Literatur“ verpflichtet sehen, auch wenn es ungeheuer schwer zu sein scheint, ihre Perspektiven, die in ihrer Forschung zentralen Werke in der gängigen Germanistik zu platzieren. <em>„Erschwert wird dieser Kampf auch durch die postulierte Trennung von Aktivismus und Wissenschaft, die nach wie vor wirkungsmächtig ist und reale Auswirkungen auf die Erforschung deutscher Literatur hat.“</em> Schwarze Literatur wird somit zu einer <em>„Bewegungsgeschichte“</em>.</p>
<p>Was als <em>„afrodeutsche Frauenbewegung“</em> begann, wurde auch zu einer literarischen Bewegung mit Wirkungen nicht nur auf afrodeutsche Autor:innen. Dazu Laurel Chougourou in ihrem Beitrag über „May Ayim und Audre Lorde – Transgenerationale Erinnerungsarbeit als Form afrodeutschen feministischen Widerstands“: <em>„Die afrodeutsche Frauenbewegung hat es geschafft, nationale Diskurse zu hinterfragen und zu prägen und historische Ereignisse, wie die der Kolonialzeit, in den dominanten Wissenskanon einzustreuen. Sie hat maßgeblich einen sozialen Wandel herbeigeführt.“</em></p>
<p>Dieses Ziel sollte jedoch nicht mit Eskapismus verwechselt werden, es geht um Empowerment, um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: <em>„An May Ayims grenzenlose Lyrik anknüpfend, auf sie aufbauend und sie ergänzend schreiben bis heute Schwarze Menschen und People of Color lyrische Texte, um sich selbst und gegenseitig zu empowern.“ </em>Es geht letztlich um die Dekonstruktion von <em>„Machtstrukturen“. </em>Hatice Açikgöz folgt dem von May Ayim vorgelebten Weg. Yeliz Çetin zitiert sie aus dem Vorwort von <a href="https://wortenundmeer.net/buch/hatice-acikgoez-fancy-immigrantin">„fancy immigrantin“</a> (2023 bei <a href="https://wortenundmeer.net/">w_orten&amp;meer</a> erschienen): <em>„dieses buch ist offiziell politisch (…) schreibe in deine rezension, das frau açikgöz‘ buch autobiografisch ist und sie ohne ihre mehrfache marginalisierung keinen dieser texte hätte schreiben können.“</em> Es ließe sich von einer Bestandsaufnahme sprechen, in der <em>„kulturelle vielfalt“</em> zwar immer wieder in Sonntagsreden beschworen werden mag, jedoch zurzeit nicht mehr ist als <em>„eine fata morgana / im land der diversität“</em>. Sharon Dodua Otoo sagt im Gespräch mit Selma Rezgui und Laura Marie Sturtz, es sei <em>„kaum möglich, nicht politisch zu schreiben“</em>. Der Titel dieses Gesprächs ist Programm: „Aktivistisch Lesen und Schreiben“.</p>
<h3><strong>Literatur(wissenschaft) ist und bleibt politisch</strong></h3>
<p>Doch wie ließe sich Schwarze deutsche Literatur popularisieren? Claudia Sackel bezieht sich auf Gedichte von May Ayim und Stefanie-Lahya Aukongo. Auch sie sieht wie Jeannette Oholi in ihrer Dissertation in Schwarzer beziehungsweise afrodeutscher Literatur <em>„ein polyphones Netz_Werk, das sich durch das Oszillieren verschiedener Stimmen und Temporalitäten konstituiert“</em>. Identität gibt es ebenso nur im Plural wie Politik und Poetik, in der ständigen und gegenseitigen, im Grunde dialektischen Durchdringung. <em>„Ich habe vorgeschlagen, Schwarze deutsche Literatur als transgressive Netz_Werke zu lesen, die offen und dialogisch organisiert sind und vielschichtige Poetiken und Politiken der Relationalität, Transmedialität und Translingualität zu entwerfen.“</em></p>
<p>Es ließe sich hinzufügen: und zu lesen! Eine Aufforderung an Produzent:innen wie Rezipient:innen von Literatur und letztlich auch eine Aufforderung an Literaturwissenschaft zum Dialog mit Literatur, der nicht distanziert gepflegt werden sollte, sondern partizipativ, als Teil der Bewegung. Letztlich ist dies eine hermeneutische Grundweisheit, denn Literatur lässt sich nur so lesen, betrachten, analysieren, indem die Lesenden, Betrachtenden, Analysierenden in sie eintauchen. Thanapon Danpakdee tut dies am Beispiel von Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“. Er <em>„betrachtet die Produktion eines alternativen Wissens als Interventions- und Widerstandsstrategie des Romans.“</em> Deborah Fallis befasst sich mit der Spiegelung rechter Gewalt in Schwarzer deutscher Lyrik: „Zwischen Klage und Widerstand“: <em>„Betrachtet man die Schwarze Literaturtradition in Deutschland, finden sich zahlreiche Texte, die sich mit dem Erleben und Überleben rassistischer Gewalt auseinandersetzen, viele davon Gedichte. Die Form des Gedichts erlaubt in besonderem Maße sprachliche Verdichtung, zu der Mehrdeutigkeit und Ambivalenzen gehören, aber auch komplexe, da räumlich begrenzte, Konzeption von Perspektivität.“ </em>Sie zitiert Sharon Dodua Otto, die dieselbe Botschaft als politische Aufforderung formuliert: <em>„Für uns als Schwarze Künstler_innen wird die künstlerische Produktion (…) eine Strategie, eine Praxis des Widerstands, eine Praxis dessen, was bell hooks ‚talking back‘ genannt hat. (…) Wir nutzen Kunst als Mittel zum Überleben.“</em></p>
<p>bell hooks ist auch Gewährsautor:in im Beitrag von Laura Högner, die sich ausgehend unter anderem von Toni Morrison und Frantz Fanon mit den <em>„Schwierigkeiten der Subjektkonstitution für Schwarze Menschen in einer <u>weiß</u> dominierten Gesellschaft“ </em>befasst. <em>„bell hooks konfrontiert den <u>white gaze</u> mit dem <u>oppositional gaze</u>“</em>, der <em>„als Instrument des Widerstands gegen intersektionale Diskriminierung“</em> zu verstehen sei. Damit nähert sich W.E.B. Du Bois an, der 1903 die These vom <em>„double consciousness“</em> formulierte, oder auch <em>„Judith Butlers Ansatz des gefährdeten Lebens (2010)“ </em>und der von Kimberley Crenshaw 1991 postulierten Trias von <em>„<u>race</u>, <u>gender</u> und <u>class</u>“</em>. Laura Högner bietet geradezu einen geistesgeschichtlichen tour d‘horizon zur Genese der von W.E.B. Du Bois bis heute reichenden Entwicklungen, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnen, das sich etwa seit den 1980er Jahren immer mehr Frauen an der Debatte beteiligten und damit den Blick für die intersektionellen Verschränkungen von Machtverhältnissen öffneten. Letztlich geht es um eine Auflösung der Machtverhältnisse, die sich jedoch zunächst als Umkehrung fassen lässt. <em>„Fanon entlarvt also die weiße Dominanzgesellschaft als das tatsächliche Andere und kehrt damit die vorherrschende Wahrnehmungskonvention um.“ </em>Etwa zwei Jahrzehnte später wurde daraus eine feministische Debatte, die Fanon wahrscheinlich noch nicht einkalkuliert hatte.</p>
<p>Schwarze deutsche beziehungsweise Schwarze europäische Literatur weitet den Blick. Sigrid G. Köhler bringt dies in ihrem Beitrag über „Untergründe, Zeitgeflechte und der Einsatz des Erzählens“ auf den Punkt: <em>„Sie erzählen deutsche Geschichte nicht als nationale, europäische oder westliche Geschichte, sondern als Teil einer transatlantischen Kulturgeschichte, für die nicht zuletzt Kolonialismus, Rassismus und Versklavung konstitutiv waren und immer noch sind.“</em> Timothy Brown spricht am Beispiel des Romans „Biskaya“ von <a href="https://schwarzrund.de/">SchwarzRund</a> eine <em>„Ästhetik der Wideraneignung“</em>. Erinnerungskulturen, Herkünfte, Genealogien, mehr oder weniger diasporische Identitäten (auch all diese nur im Plural zu erfassen) sind Teil der <em>„Idee von fluiden Identitäten“</em>. Queerness ist nicht nur ein möglicher Inhalt, sondern <u>die</u> Methode, mit der sich diese sich stets verändernde Vielfalt erfassen lässt. Eine solche Literatur ist auf keinen Fall der traditionelle <em>„Opferporn“</em>, <em>„immer etwas über den Kampf und das Leid Schwarzer Menschen in einer <u>weißen</u> Gesellschaft“</em>, den unbedarfte Leser:innen von Schwarzer Literatur <em>„erwarten“ </em>– so <a href="https://antagonisten.de/">Patricia Eckermann</a>, Autorin von „Elektro Krause“ (Köln, Eckermann, 2021), im Gespräch über Schwarze Deutsche Phantastik, an dem sich auch <a href="https://www.sarah-fartuun-heinze.de/">Sarah Fortuun Heinze</a> und <a href="https://jamessullivan.de/">James A. Sullivan</a> beteiligen.</p>
<p>Jeannette Oholi und die von ihr zu Rate gezogenen Autor:innen argumentieren literarisch und politisch zugleich. Literarisches Schaffen wird zum Instrument von <em>„Aktivismus“</em> und ist zugleich so viel mehr. In ihrer Dissertation schreibt Jeannette Oholi über Aukongo einen grundlegenden Satz, der auch auf alle anderen von ihr vorgestellten Autor:innen passt: <em>„In Aukongos Gedichten lässt sich eine Verschränkung von Aktivismus, Widerstand, Ästhetik und Identitätsbildung beobachten (…)</em>“ So kann es gelingen, <em>„die eigene Existenz als gelebte Realität in die Gegenwart einzuschreiben“ </em>und die gängigen Erwartungshaltungen zu durchbrechen.</p>
<p>Das, was in den Literaturwissenschaften geschehen sollte, unterscheidet sich von den grundlegenden politischen Debatten nicht. Hier lohnt sich ein Blick in das neue Buch von Minna Salami: <a href="https://msafropolitan.com/can-feminism-be-african-a-most-paradoxical-question">„Can Feminism be African? A Most Paradoxical Question“</a> (London, Harper Collins, 2025). <a href="https://www.zeit.de/2025/19/afrikanischer-feminismus-frauenbewegung-intersektionalitaet-geschichte">In der ZEIT vom 8. Mai 2025</a> fasste Minna Salami die Ergebnisse ihres neuen Buches in einem beeindruckenden Essay zusammen, durchaus in der Tradition von Kimberley Crenshaw, bell hooks oder Audre Lorde.</p>
<p>Minna Salami wendet sich gegen die in der medialen Berichterstattung gängigen Stereotypsierungen: <em>„Afrikanischer Feminismus wird oft auf Leiden reduziert – Krieg, Hunger, schlechte Infrastruktur.“</em> Aber das ließe sich ändern, durch Sprache oder eben durch Literatur: <em>„Die Verhärtung der Wahrnehmung durch Sprache aufzulösen, heißt, den Boden für eine andere Weise des Sehens zu bereiten – und dadurch für eine andere Weise der Koexistenz. Im Zentrum dieser Erkundung liegen die Spannungen zwischen afrikanischer Identität und feministischem Sein. Sie sind nicht nur politischer oder kultureller Art; sie sind ontologisch. Sie betreffen nicht weniger als das Recht, das Afrikanischsein als Frauen, als Feministinnen, als vollwertige Wesen zu definieren und zu leben. Dieses Recht hat immer gefehlt.“ </em></p>
<p>Es waren vor allem Männer, die bestimmten, was Afrika sei. Es waren vor allem <em>weiße</em> Frauen, die definierten, was Feminismus sei. So wie Männer oder <em>weiße</em> Frauen ihre jeweiligen Perspektiven absolut setzten, so neigen auch deutsche und europäische Literaturwissenschaftler:innen und Literaturjournalist:innen dazu, ihre traditionelle deutsche (oder europäische) Sicht auf jede beliebige Literatur anzuwenden und sich nach wie vor in dem überholten Bild eines Nebeneinander verschiedener <em>„Nationalliteraturen“</em> zu ergehen.</p>
<p>Minna Salami geht es um feministische Perspektiven in und zu Afrika, Jeannette Oholi um die Potenziale afrodeutscher und afropäischer Literatur und Literaturwissenschaften für Empowerment und Selbstwirksamkeit in Europa. Beides ist meines Erachtens untrennbar miteinander verbunden und dürfte sich gegenseitig bereichern. Literatur ist immer vielstimmig und voller unterschiedlicher Perspektiven. Sie erschließt sich aus der Sprache, den Lebenswelten und Umwelten der Autor:innen, ihren Erfahrungen, Erinnerungen und Visionen. Die Perspektive der Literaturwissenschaften der Zukunft ist die von Jeannette Oholi vertretene <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>! Das ist letztlich ein kohärentes und höchst anspruchsvolles literaturwissenschaftliches Programm, gerade auch für die Komparatistik. In diesem Programm haben Begriffe wie <em>„Nationalliteratur“ </em>oder <em>„Weltliteratur“</em> keinen Platz mehr, denn jede Literatur schafft <em>„Welt“</em> und <em>„Welten“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. November 2025. Titelbild: Beate Blatz.)</p>
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		<title>Diversity &#8211; Equality &#8211; Inclusion</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 May 2025 09:20:31 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Diversity – Equality – Inclusion </strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Erziehungs- und Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan</strong></h2>
<p>In pädagogischen Berufen wird immer wieder diskutiert, wie man der Vielfalt unserer Welt gerecht werden könnte. Manche sprechen von Interkulturalität, andere von Multikulturalität, manche setzen eher auf Vereinheitlichung, Assimilation, andere auf Diversifizierung, die jedoch mitunter eher identitätspolitisch motiviert ist und damit Konflikte schafft, die eigentlich vermieden werden könnten. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus, wie kann sozialpädagogische und sozialarbeiterische Praxis sich auf veränderte Wirklichkeiten – der Plural ist hier sicherlich angemessen – einstellen? Wie verbinden sich verschiedene Wirklichkeiten, Identitäten, man könnte vielleicht auch sagen Identitätssplitter zu einem Ganzen? Was haben Geschlecht, Herkunft, die vielleicht gar nicht die eigene, sondern die der Eltern oder gar Großeltern ist, körperliche und seelische Besonderheiten, die so besonders gar nicht sind, aber so angesehen werden, Religion und Religiosität miteinander zu tun? Was ist eigentlich das Verbindende, was das Trennende oder was ist das, was in der Wissenschaft <em>„Intersektionalität“</em> genannt wird?</p>
<p>Von der Wissenschaft in die Praxis: Welche Folgen ergeben sich für das Berufsbild von Sozialpädagog:innen und Sozialarbeiter:innen? Mit welchen Einstellungen beginnen diese ihr Studium? Welche Angebote machen Aus- und Fortbildung? All diese Fragen sind durchweg Gegenstand der Arbeit von <a href="https://www.iu.de/hochschule/lehrende/kulacatan-meltem/">Meltem Kulaçatan</a>, die als Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule Nürnberg lehrt. Als Forschende hat sie sich insbesondere mit der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/diversitaet-im-paedagogischen-alltag/">Diversität im pädagogischen Alltag</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/feministisch-tuerkisch-deutsch/">feministischen Perspektiven</a> und  den <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jung-muslimisch-demokratisch/">Einstellungen junger Muslim:innen</a> befasst und ausgewählte Ergebnisse unter anderem im Demokratischen Salon vorgestellt. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sie dort auch eine sehr persönliche Einschätzung der Folgen dieses Tages formuliert: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/">„Wider die Empathiesperre“</a>.</p>
<div id="attachment_6091" style="width: 236px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6091" class="wp-image-6091 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-226x300.png" alt="" width="226" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-200x265.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025-226x300.png 226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Meltem.Kulactan.2025.png 246w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /></a><p id="caption-attachment-6091" class="wp-caption-text">Meltem Kulaçatan, Februar 2025. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du hast im Wintersemester 2024/2025 in der Schweiz, <a href="https://www.edi.uzh.ch/de.html">in Zürich eine Gastprofessur</a> wahrgenommen.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>In der Schweiz war ich in einer Funktion, die das ursprüngliche Herzstück meiner Arbeit betraf, Religionsforschung und Religionspädagogik. Es handelte sich um die </em><a href="https://www.edi.uzh.ch/de/projekte/gastprofessur_verena_meyer.html"><em>Verena-Meyer-Gastprofessur</em></a><em>. Verena Meyer war die erste Rektorin an der Universität Zürich. Zu ihrem Andenken wurde diese Gastprofessur insbesondere zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft ins Leben gerufen. Ich wurde um meine Bewerbung gebeten und über die Stelle „Diversity, Equality, Inclusion“ (DEI) angenommen. Genau das, was zurzeit in den USA von der Trump-Regierung bekämpft und auch in Deutschland sehr kritisch und sehr abwehrend diskutiert wird, gerade in der Zeit, in der ich in der Schweiz war. Ich war dort am religionswissenschaftlichen Seminar von Oktober 2024 bis Ende Februar 2025 angestellt. Ich habe unterschiedliche Formate erfüllt, Lehrveranstaltungen, Vorträge und die beratende Begleitung von weiblichen Wissenschaftlerinnen in der Post-Doc-Phase im Mentoring-Format, ein genuines Anliegen der Verena-Meyer-Gastprofessur. Das hatte aber mit meiner Professur der Sozialen Arbeit eher wenig zu tun. Es nahm einen anderen Aspekt meiner Forschung in Anspruch.</em></p>
<h3><strong>Schwierige Debatten an den Hochschulen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Siehst du Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz im Hinblick auf DEI?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich kann nur über die Deutsch-Schweiz sprechen. Die Lage in der Westschweiz, der französischsprachigen Schweiz kann ich nicht beurteilen. Deutschland ist in diesem Punkt immer ein Stück weiter und breiter aufgestellt als die Deutsch-Schweiz. Das ist das eine. Das andere ist, dass in den Berufungskommissionen nicht immer automatisch Expert:innen aus dem Bereich von DEI, zum Beispiel Gleichstellungsbeauftragte vertreten sind. In Deutschland ist das der Fall. Allerdings muss man ergänzen, dass auch in Deutschland Gleichstellungsbeauftragte weder Veto noch Placet besitzen, sondern beratend fungieren. Das heißt aber nicht, dass man aus der DEI-Perspektive nicht kritisch begleiten könnte. Ich habe sogar den Eindruck, dass diese kritische Begleitung in Deutschland stärker ausgeprägt ist als in der Schweiz. Ich maße mir kein bewertendes Urteil an, das ist nur eine Beobachtung aus einigen wenigen Monaten. Der populistische Diskurs zu diesem Thema scheint mir in der Schweiz ähnlich weit eingedrungen zu sein wie in Deutschland. Es gibt ihn auch in der Schweiz, und in Teilen leider auch in vulgärpopulistischer Form.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Würdest du in Deutschland eine ähnlich große Bedrohung sehen wie wir sie zurzeit in den USA erleben?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ja, aber nicht erst seit den aktuellen Ereignissen, sondern schon seit einigen Jahren. Aus der Frauen- und Geschlechterforschung wissen wir aus Erfahrung, dass bei Stellenabbau vor allem Stellen abgebaut werden, die Gender und Diversity, Inklusion im weitesten Sinne, für Menschen mit einer internationalen Geschichte ebenso wie für Menschen mit Beeinträchtigungen, betreffen. Das muss man zusammendenken. Das sind fragile Stellen. Die meisten Stellen sind noch nicht so alt. Die Institutionalisierung ist fragil. Diese Stellen und Forschungsfelder werden permanent angegriffen, vor allem, wenn es um Kritik an der sogenannten „Woke-Kultur“ geht, ein Behelfswort, das den Inhalt des Wortes „woke“ gar nicht richtig wiedergibt. Es ist nicht weit zu heftigen Attacken, verbal, auch körperlich. Wir sind mitten in dieser Attacke drin. </em></p>
<p><em>Mich ärgert und belastet als Wissenschaftlerin sehr, dass Diversity, Equity, Inclusion immer als ein „nice to have“ markiert werden. Es sind jedoch Stellen, die im Sinne der Gleichberechtigung und im Sinne des demokratietheoretischen Versprechens handeln und arbeiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie es das Grundgesetz verlangt!</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Diese Stellen versuchen den minimalen Anspruch an Gleichberechtigung und Demokratie zu erfüllen! Und das wird sukzessive abgebaut oder zumindest angegriffen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer sind die Angreifer in Deutschland? Abgesehen von einer unappetitlichen Partei auf der rechten Seite, deren Spitzenkandidatin ankündigte, bei einer Übernahme der Regierung alle Gender-Professoren (sie genderte natürlich nicht) zu <em>„entlassen“</em>.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Es ist eine Phalanx. Es sind Mischungen. Ich erlebe Menschen, denen ich das nicht zugetraut hätte, die die institutionalisierten Stellen angreifen. Sie reden davon, dass sie benachteiligt würden, selbst nicht zum Zuge kämen oder ihre eigenen Leute nicht unterbringen könnten. Es geht letztlich um Verteilungskämpfe an den Hochschulen. Dazu gehört auch der Eindruck, dass Hochschulen hier Mittel bereitstellten, die anderswo doch besser investiert werden könnten. Das ist ein gängiges Argument, natürlich ein obsoletes Argument, wenn wir uns die Ist-Situation an den Hochschulen anschauen.</em></p>
<p><em>Die Aversion gegen Gender, Diversity, Equity, Inclusion und alles, was damit verbunden wird, besteht schon lange. Als ich das erste Mal eine abwertende Stimme hörte, war ich noch Promovendin. Es muss etwa 2006 oder 2007 gewesen sein, als ich noch am Anfang meiner Promotion war. Ich war mit Kolleginnen in der Mensa. Ein junger Kollege, von dem ich das tatsächlich nicht erwartet hätte, äußerte sich sehr abfällig über die damalige Stelle für „Gender und Diversity“ – so hieß die Stelle an der Universität, an der ich damals studierte. Er meinte, das bräuchte man alles gar nicht, die Förderung von Frauen, auch nicht die Förderung von Wissenschaftlerinnen, von zukünftigen Professorinnen. Das wäre doch endlich vorbei. Ich habe damals das erste Mal gemerkt, dass meine Daten und Zahlen, die ich vorbrachte, überhaupt nicht ernst genommen wurden. Meine Argumentation hat überhaupt nicht funktioniert. Die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen war damals in einem Ranking an einer unrühmlichen Stelle, das den Anteil von Professorinnen und fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen betraf. Das hat sich inzwischen glücklicherweise geändert. Ich bin mir sicher, dass dir andere, wenn du sie jetzt interviewen würdest, dir noch mehr solche Geschichten erzählen könnten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind im Grunde zwei Fragen: Die eine Frage ist die, wer eingestellt wird, die andere die nach den Inhalten. Meines Erachtens wird beides miteinander vermischt, man delegitimiert das Thema und greift die Personen an, die es vertreten. Im Grunde ist das Wokism von rechts.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>:<em> Genau. Es ist im Grunde ein identitätspolitisches Anliegen. Rechtspopulisten, männlich wie weiblich, sagen, wir brauchen das nicht mehr und verwenden das jetzt anders. Jetzt ist mal Schluss! Es ist – ich wiederhole mich – ein identitätspolitisches Anliegen von der rechten Seite. Diese hat nicht Gleichstellung oder Gleichberechtigung oder Diversität zum Ziel, sondern ausschließlich das Ziel, das eigene Netzwerk, das eigene Klientel in verantwortungsvollen Positionen zu platzieren, die eigenen Leute in Position zu bringen. Wir erleben einen Mentalitätswechsel, einen Kultur- und Strukturwandel. Wir erleben, wie vulnerable Gruppen markiert und angegriffen werden, mürbe gemacht werden. Das sind exemplarisch die Gender Studies, die ständig abgewertet werden. Professorinnen werden letzten Endes bedroht, in ihrer Arbeit, in den Wissensbeständen, die sie eruieren. An dem Punkt sind wir leider. </em></p>
<h3><strong>Studierende einer Menschenrechtsprofession</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es bei den Studierenden aus? Du vertrittst Soziale Arbeit, ein Fach und ein Berufsbild, die zumindest in früheren Zeiten eher als fortschrittlich, als links galten. Das war vielleicht auch eine vereinfachte Sicht, aber gilt diese noch? Gibt es eine empirische Grundlage für Einstellungen von Studierenden?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Seit etwa drei Jahren stelle ich unter Studierenden eine Besorgnis erregende Tendenz fest. Sie sind durchaus für rechtsextreme und rechtspopulistische Sichtweisen empfänglich, die ihr Menschenbild verändern. Es ist nach wie vor ein Fach, das durchweg als Menschenrechtsprofession wirkt.. Ich möchte es nicht verallgemeinern, aber es erscheint mir signifikant, auffällig. Diese Auffälligkeit gab es vor zehn Jahren noch nicht, aber jetzt gibt es sie. Wir müssen unter diesen Bedingungen arbeiten. Das gibt aber auch das gesamtgesellschaftliche Bild wieder. Ich habe Studierende, die ein intrinsisches und professionelles Interesse an einem offenen und diversitätsorientierten Menschenbild haben und sich dafür auch einsetzen. Im Studium wie in ihren Arbeitsplätzen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Seminar sitzen die Studierenden mit ihren unterschiedlichen Ansichten nebeneinander. Streiten die sich?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong> (zögert ein wenig mit der Antwort): <em>Ich hatte zwei Debatten. Ich habe auch versucht, das zu steuern, weil ich selbst in einen solchen Streit aus Selbstschutz nicht involviert sein wollte. Ich werde von den Studierenden migrantisch gelesen und habe daher keine neutral anmutende Position.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Obwohl es eigentlich absurd ist, wenn eine solche <em>„neutral anmutende Position“</em> jemanden mit einem klassischen männlichen, deutschen, <em>weißen</em> Erscheinungsbild offenbar per se zugestanden wird.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist wohl so. Das ist sehr anstrengend. Ich werde einfach nicht so gesehen. Ich habe zwei oder drei Mal erlebt, dass dies so geäußert wurde. Ich habe versucht das zu unterbinden, indem ich klar benannte, was für eine Einstellung das ist und dass es nach den ethischen Vorgaben für die Soziale Arbeit, die Sozialpädagogik, aber auch der Pädagogik, der Erziehungswissenschaften nicht entspricht. All diese sind Menschenrechtsprofessionen. Ich sage schon sehr deutlich, dass jemand, der das nicht sieht, in diesem Berufsfeld nichts zu suchen hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie reagieren die Studierenden darauf?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Genervt. </em>(lacht)</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und was tun sie? Verlassen sie den Raum?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Nein, das nicht. Sie sind einfach genervt. Bei den jüngeren Männern merke ich eine gewisse Form von Aggressivität, die sie dann aber nicht ausdrücken. Ich bin ja immer noch ihre Professorin. In einer hierarchischen Position. Sie sind auf mich angewiesen, wollen den „Schein“ und die „Punkte“ erhalten, die sie brauchen. Ich mache ihnen das schon klar, aber ich merke auch, dass die Stimmung ins Aggressive, in eine Missstimmung kippt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn sich das so weiterentwickelt, sind irgendwann Leute in sozialen Berufen, die nichts mit Diversität zu tun haben wollen, sie vielleicht sogar leugnen, aber auf eine Wirklichkeit treffen, die völlig anders ausschaut.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Und dann sind sie hilflos. Haben keine Sprache dafür, keine professionelle Haltung, haben sich selbst die Option versperrt, das auch einzuüben. Es geht nicht darum, als Hochschullehrerin den Anspruch zu haben, dass die Studierenden dies von vornherein so mitbringen. Es geht darum, ihnen im Studium die Mittel, das Rüstzeug zu geben, um das einüben zu können. Ich unterrichte im Dualen Studium. Das heißt, sie haben regelmäßig die Option dafür. Sie studieren nicht erst und kommen dann in die Praxis. Sie werden während des Studiums schon ständig mit der Praxis konfrontiert. Praxis und Studium sind miteinander verschränkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich halte das für eine vernünftige Lösung.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Je nachdem. Es kommt auf die Balance an. Zu viele Praxistage während des Studiums bringt die Studierenden kognitiv aus dem Rhythmus. Ich ziehe Blocksysteme vor. Einige Wochen im Studium, einige Wochen in der Praxis. Das ist kognitiv für die Studierenden einfacher. Auch für mich als Lehrende. Das wird aber von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich gehandhabt.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann ich sagen, dass die Gegner von Diversity eher herkunftsdeutsche Studierende sind, die klassischen männlichen, <em>weißen</em> Studierenden mit deutsch-deutschen Eltern, Großeltern und so fort?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Zumindest halten sie sich für solche. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Schon klar. Wenn wir lange genug forschen, finden wir alle ganz viel Diversität in uns.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan </strong>(lacht): <em>Das würde ich auch sagen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Nordrhein-Westfalen hatten wir mal einen Integrationsminister der FDP, der sich in einer Veranstaltung als Migrant outete, weil jemand aus seiner Familie aus Schlesien kam.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Angela Merkel hat das auch mal gemacht, weil ihr Großvater aus Polen kam. Diese Frage kann man ja stellen. Sie hat das natürlich viel eleganter ausgedrückt und es ging ihr wohl auch darum, eine solche Behauptung als unangebracht zu entlarven. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht das denn bei Studierenden aus klassischen migrantisch gelesenen Communities aus, zum Beispiel Studierende, deren Eltern oder Großeltern als <em>„Gastarbeiter“</em> aus der Türkei, aus Griechenland, aus Marokko kamen? Oder Geflüchtete, die schon vor längerer Zeit, vor zehn oder fünfzehn Jahren nach Deutschland kamen und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben, beispielsweise jetzt aktuell als Studierende? Sind die per se an Diversity interessiert? Oder eher doch nicht?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>So würde ich das nicht sagen. Sie sind erst einmal froh, dass sie mit einer professionalisierten Sprache in diesem Feld in Berührung kommen und lernen, Dinge, denen sie begegnen, zu benennen, sie zu kontextualisieren, zu reflektieren, wie sie damit umgehen. Es gibt ein professionelles und intrinsisches Interesse. Das ist das eine. </em></p>
<p><em>Das andere ist, dass sehr viele Studierende plötzlich einen biographischen Zugang entwickeln. Das ist beeindruckend. Sie beginnen auf einmal zu erzählen, so war das mit meiner Großmutter, so hat das mein Großvater erlebt. Ich beobachte eher, dass – sie sind junge Erwachsene etwa im Alter zwischen 20 und 27 – zu Hause über die Geschichten der Eltern, der Großeltern nicht gesprochen wurde. Das ist dort kein Thema, wird nicht angesprochen, und wenn, dann als bloße Information, dass der Großvater irgendwann einmal aus Spanien, aus Griechenland oder woher auch immer nach Deutschland kam und „Gastarbeiter“ war. Was das migrationsbiographisch bedeutet, was das für die sogenannte jüngere Generation im Rahmen der transgenerationalen Übertragung bedeutet, darüber wird nicht gesprochen. Das merken sie dann im Studium: Da passiert etwas, das hat etwas mit mir zu tun! Das hat etwas mit meiner Familiengeschichte zu tun! Wie das dann letztlich ausgeht, vermag ich nicht zu beurteilen, weil ich sie nur in diesem kurzen Abschnitt begleite. </em></p>
<p><em>Ich habe auch Studierende, die sich ganz klar von ihrer Familiengeschichte distanzieren. Sie sind letzten Endes von einer Akkulturation in eine Assimilation erzogen worden, von Generation zu Generation. Da war mal was, aber es wird nicht weiter genannt. Das zeigt sich auch in den Namen. Manchmal erinnert auch nur der zweite Vorname an die Migrationsgeschichte. So wird in den Familien Distanz geschaffen. Ich denke, es ist eine Distanz, bei der sie spüren, dass sie sich verwundbar machen und natürlich nicht zu einer Minderheit gehören möchten, die potenziell abgeschoben werden könnten. Es ist ein Schutz-, ein Abwehrmechanismus, den ich durchaus zu spüren bekomme. Ich spreche das nicht an, denn das wäre übergriffig, eine Kompetenzüberschreitung.</em></p>
<h3><strong>Fremd sein, eigene Fremdheit erleben</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für manche Studierende kann es in der Praxis schwierig werden. Ein Klischee ist der Begriff des sogenannten Praxisschocks. Manche Studierende treffen nach dem Studium auf eine Klientel, die sie so vorher noch nie getroffen haben und im Privatleben wahrscheinlich auch nie treffen würden.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Sie reflektieren das durchaus. Viele, die ich derzeit unterrichte, kommen aus einem eher dörflichen Raum und arbeiten dann in einem urbanisierten Raum. Dieser Raum ist dann doch viel diverser als das Dorf oder die Kleinstadt, aus dem sie kommen. Da erleben sie den Kulturschock, unabhängig von den sozialen Milieus. Ich nenne das den ersten Check mit der Realität. Ich stelle aber auch fest, dass ich noch ein bisschen zu naiv bin. Die gegenwärtige Generation, die ich unterrichte, geht nicht mehr so oft weg, sucht nicht mehr den Kontakt im internationalen Raum. Das konzentriert sich auf Urlaubsreisen. Ich habe nur sehr wenige Studierende, die mal im Ausland gearbeitet haben, in Lateinamerika, in Bosnien. Das ist deutlich zurückgegangen. Ausland erleben sie so gut wie nur touristisch. Das hat einen Effekt auf diesen Kulturschock. Das hat etwas mit der Haltung so tun. Wo schaue ich hin, wo gehe ich hin, wo nehme ich das Risiko auf, selbst einmal fremd zu sein, mich selbst orientieren zu müssen? Das kann bedrohlich sein, das ist eine echte Herausforderung! Ich würde den Schritt viel früher ansetzen als bei der Begegnung mit einem unvertrauten sozialen Milieu. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre es nicht eine sinnvolle Voraussetzung für ein Studium, selbst vorher irgendwo gearbeitet, gelebt zu haben, wo man selbst fremd war?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Idealerweise würde man sich das als Hochschullehrer:in wünschen. Aber das ist natürlich immer auch eine finanzielle Frage. Viele können sich das nicht leisten. Ich hatte auch Wünsche im Studium, die ich aufgrund meiner finanziellen Situation nicht verwirklichen konnte. Ich hatte vor, in Großbritannien zu studieren, aber es war zu teuer. Ich wäre auch gerne längere Zeit in Syrien geblieben, aber dafür reichte das BAföG nicht, denn die Mieten wurden in Dollar abgerechnet. Das BAföG-Amt ging davon aus, Syrien wäre billig, und hat mir daher das BAföG für meinen Syrien-Aufenthalt halbiert. Die Lebenshaltungskosten sind ein erheblich einschränkender Faktor.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als ich in den 1970er Jahren studierte, konnten die meisten Studierenden, auch ich, sich einen Auslandsaufenthalt nicht leisten. Die einzige internationale Erfahrung war für viele das Interrail-Ticket.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Immerhin. Damit geht schon etwas Offenheit einher. Ich stelle immer wieder fest, dass meine Studierenden sich eine andere Lebenssituation gar nicht vorstellen können. Ich versuche sie immer wieder anzuregen, sich einmal vorzustellen, wie es wäre, migrieren zu müssen: Ihr wisst gar nicht, ob ihr irgendwann nicht einmal migrieren müsst, ob ihr nicht irgendwann einmal die Fremden sein werdet. Ihr könnt nicht davon ausgehen, dass automatisch Deutsche willkommen geheißen werden. Das irritiert sie zutiefst. Sie können sich weder vorstellen, einmal flüchten zu müssen, noch dass sie anderswo mit Abneigung, mit Aversionen, mit Feindlichkeit konfrontiert werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein guter Geschichtsunterricht könnte helfen. Warum beschäftigt man sich nicht mit den Auswanderungsgeschichten von Deutschen im 19. Jahrhundert? Das wären nach der allgemeinen Diskussionslage doch alles Wirtschaftsflüchtlinge! Und die politisch Verfolgten, Kriegsflüchtlinge in der NS-Zeit. Nicht zuletzt die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in dieser Zeit. Gibt es das als Thema im Studium?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich habe das gemacht, freiwillig. Vorgesehen war es nicht. Ich habe gemerkt, dass sie zum ersten Mal davon hörten. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man aus einem Raum, der Deutschland hieß, in welcher Konstellation auch immer, auswandern musste. Auch aus ökonomischen Gründen! </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich an meine Zeit als Lehrer im Unterwesterwald. Im kollektiven Gedächtnis war die Armutswanderung ins Gelobte Land Amerika – so hieß das damals – im 19. Jahrhundert präsent, in der Schule war es kein Thema.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ich habe den Studierenden auch erklärt, warum so viele Städte in den USA deutsche Namen haben, Annaheim, Rhinelander, Berlin und so weiter. Wir haben über die Communities rund um New York gesprochen und wie despektierlich sie dort über die Deutschen gesprochen haben. Schnell wurden deutsche Volksfeste wie das Oktoberfest institutionalisiert und die einheimischen New Yorker schüttelten nur den Kopf. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Heute noch gibt es zum Beispiel in Wisconsin Städte mit einem <em>„German Gemuetlichkeitsfest“</em>, aber ob die Feiernden wissen warum, wäre interessant zu erfahren. (beide lachen)</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Es war vollkommen neu für meine Studierenden zu erfahren, dass viele, die nach Amerika gelangten, es dort nicht schafften, eine auskömmliche Existenz aufzubauen, sondern in der Armut landeten oder zwingend wieder zurückkehren mussten, weil sie es nicht geschafft hatten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre doch etwas für Rollenspiele im Unterricht. In den Kontext gehört auch ein Buch wie „How the Irish Became White“ von Noel Ignatiev. Das trifft doch den Nagel auf den Kopf. Die Iren waren in den 1950er Jahren nicht <em>weiß</em>, auch die Italiener nicht. <em>Weiß</em> waren die WASP und heute sieht es wieder so aus, als setzten sich ausschließlich die WASP als <em>weiße</em> vor. Oder ein Buch wie „Stell dir vor es wäre Krieg und er wäre hier“ von der Dänin Janne Teller, in der Deutsche vor dem Krieg in Deutschland nach Ägypten flüchten und dort all das erleben, was Kriegsflüchtlinge hier in Europa erleben.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Ob das behandelt wird, liegt im Ermessensspielraum der Dozierenden. Zumindest dort wo ich zurzeit arbeite. Ich kann mir vorstellen, dass es Hochschulen mit besseren Rahmenbedingungen für ein solches Thema gibt.</em></p>
<h3><strong>Intersektioneller Zugang </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zu ergründen wäre ein eigenes Thema. Ich bin offen gesagt nicht so sonderlich optimistisch. Im schulischen Geschichts- oder Politikunterricht findet ein solcher Perspektivwechsel nur in Ausnahmefällen statt. Die Lehrpläne ergeben das nicht. Ähnliches dürfte für das Thema Klassismus gelten, ein meines Erachtens unterschätztes Thema in den politischen Debatten. Dort wird es oft auf den Gegensatz von Faulheit und Fleiß reduziert. Wer nicht zurechtkommt, ist eben faul. Aber ist das Thema im Studium?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das wird thematisiert. Viele Studierende gelten selbst als Bildungsaufsteiger:innen, auch über das Duale Studium. Sie gelten selbst als First Generation, die studiert. Ich würde von etwa 40 Prozent sprechen, die sich ihrer sozialen Herkunft bewusst sind. Ob man das als Klassismus analysieren kann, dass es etwas ist, das wir zwingend benötigen, wenn wir uns mit Sozialer Arbeit, Pädagogik, Erziehungswissenschaften beschäftigen, weiß ich nicht. Ich denke, das muss gelehrt werden. Meine Studierenden sind sich durchaus aber bewusst, dass das Narrativ, dass Deutschland keine Klassengesellschaft wäre, dass es in Deutschland keine Klassen mehr gäbe, eine Mär ist. Das wissen sie. Sie durchdringen weniger andere Aspekte wie den Habitus, was der Habitus ermöglicht, was er nicht ermöglichen kann. Das muss gelehrt werden. Aber dazu ist ein Studium da.</em></p>
<p><em>Mir ist es wichtig, Klassismus im Rahmen von Intersektionalität zu unterrichten. Was bedeutet Armut? Welche Faktoren bedingen Armut? Welche Faktoren verstärken Armut? Wie könnte Armut besser bekämpft, eingeschränkt, reduziert werden? Und wie schwierig es ist, aus der sogenannten Armutsfalle herauszukommen, nach einem Abstieg, einem „sozialen Abstieg“ wieder herauszukommen, wegen einer Krankheit, wegen des Verlusts von Partner:innen, weil im Leben Krisen passieren. Dass all dies zu einer schwierigen sozioökonomischen Situation führt, wenn man nicht gerade über ein größeres Erbe verfügt und entsprechend weich fallen kann. Diese intersektionale Analyse ist mir wichtig. Daraus leitet sich dann auch ein Verständnis für Sozialpolitik ab.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche behaupten, alles Migrantische spiele keine Rolle, es sei immer etwas Ökonomisches, etwas Klassistisches.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Im Grunde legen Migrationsthemen Dinge offen, die bereits im Argen sind. Ich denke beispielsweise an Geflüchtete aus der Ukraine, die bereits seit über drei Jahren hier leben. Über die Kinder ist wieder einmal deutlich geworden, wie schlecht es um manche Schulen steht. Wir haben eine Wiederholung der Wiederholung. Ich hatte zuletzt den Fall eines ukrainischen Mädchens an einem Gymnasium. Einer der Fälle, die mich immer zutiefst erschüttern. Das Mädchen ist in der sechsten Klasse, hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt, spricht aber wenig, hat in ihrem Leben Dinge erlebt, die sie niemals hätte erleben dürfen. Sie war mit ihren Eltern und ihrer Großmutter in einer Kirche eingesperrt. Die Kirche wurde von russischen Soldaten in Brand gesteckt, ihr Vater und die Großmutter sind dabei gestorben, sie und ihre Mutter konnten flüchten. Sie spricht weder in der ukrainischen noch in der deutschen Sprache und die Lehrerin erklärt ihr im Unterricht, sie wäre jetzt in einem deutschen Gymnasium und müsse sich endlich an das deutsche Gymnasium anpassen und deutsch sprechen. So etwas ist furchtbar. Ich finde das empörend. Von einer solchen Empfindung kann ich meine Professionalität überhaupt nicht trennen. </em></p>
<p><em>Migrantische Verhältnisse machen Defizite sichtbar, die man vorher verdecken konnte. Es gibt genügend institutionelle Vertreter:innen, die das nicht sehen wollen, die sich damit nicht beschäftigen wollen, die das Mantra der Anpassung, der Pseudo-Integration – ich nenne das nicht mehr Integration, es ist ein völlig unreflektiertes politisches Paradigma – vor sich hertragen.</em></p>
<p><em>Das Mädchen aus der Ukraine steht doch für etwas. Sie ist ein Symbol für viele Schüler:innen, die nach Deutschland flüchten mussten, die alles zurücklassen mussten, was ihnen wichtig war, die Dinge gesehen haben, die ein Kind nicht sehen sollte. Das spielt keine Rolle, ob das Kind aus der Ukraine, aus dem Sudan, aus Eritrea oder aus welchem Kriegsgebiet auch immer kommt. Dieser Fall des ukrainischen Mädchens wurde vor wenigen Tagen an mich herangetragen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie hast du davon erfahren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Von einer Lehrerin aus der benachbarten Schule. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man intervenieren?</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Das ist nicht einfach. Man muss natürlich die Eltern ins Boot holen, in dem Fall die Mutter, die mit ihrer Tochter überlebt hat. Die auch noch Angst hat, weil sie von staatlichen Leistungen abhängig ist, weil sie noch auf die Anerkennung ihres beruflichen Abschlusses warten muss, was in Deutschland ohnehin schon viel zu lange dauert. Übrigens auch ein solches Problem, das durch die Migration deutlich wird, aber von manchen Politiker:innen immer wieder mit Vorwürfen an die Geflüchteten diskutiert wird, sie wollten gar nicht arbeiten. </em></p>
<p><em>Es ist so verächtlich, wie diskutiert wird. Man wünscht sich fast schon sich daran zu gewöhnen, um eine kognitive Distanz zu erreichen. Ich beobachte das aus einer professionellen Perspektive. Das ist das eine. Das andere ist, was ich aus meiner eigenen Forschung weiß, aus den Daten, die ich vorstelle, aus Treffen mit Kolleg:innen auf entsprechenden Tagungen und Veranstaltungen, die öffentlich zugänglich sind. Wer ist auf solchen Tagungen und Veranstaltungen nicht anwesend? Das sind all diese Entscheidungsträger:innen. Sie lassen sich nicht blicken, lassen sich auch auf solchen Tagungen nicht beraten. Aber man könnte doch mal in den Austausch gehen! Ich sehe, dass man es nicht einmal versucht, die Offenheit für einen solchen Versuch ist nicht vorhanden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hört sich eher resignativ an. Oder denkst du, wir haben eigentlich genügend Instrumente entwickelt, die nur noch implementiert werden müssten.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Intellektuell würde ich mich als chronisch pessimistisch bezeichnen. Aber in der Umsetzung der Notwendigkeiten würde ich mich als optimistisch bezeichnen. Sonst könnte ich auch nicht forschen und unterrichten. Wir haben das Wissen, ein langjähriges, Jahrzehnte langes Wissen über unterschiedliche Formen der Migration, über die Generationen hinweg. Wir haben die Instrumente, wir haben die Fachdisziplinen, die das Know-How besitzen, wir haben die Artikulation und den Transfer an die politischen Entscheidungsträger:innen, aber zurzeit sehe ich eher problematische Perspektiven auf uns zukommen. Und dennoch müssen wir einen handlungsfähigen Realismus beibehalten. </em></p>
<h3><strong>Radikalisierungen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben eben auch das Thema einer Radikalisierung von rechts angesprochen. Ein verwandtes Thema ist die Radikalisierung von Muslim:innen. Islamismus und Rechtsextremismus haben eine Menge miteinander gemeinsam, in den Inhalten, beispielsweise Frauenfeindlichkeit und das Eintreten gegen jede Diversität, aber auch in den Methoden der Rekrutierung von neuen Anhänger:innen über die sogenannten sozialen Netzwerke. Mein Eindruck ist, dass in beiden Fällen junge, aber auch nicht ganz so junge Leute gefährdet sind, die in der realen Welt keinen verlässlichen Anschluss finden und dann in den sozialen Netzwerken oder an den falschen Orten Influencern in die Hände fallen. Gegen solche Radikalisierungsprozesse gibt es auch staatliche und staatlich unterstützte Maßnahmen und Netzwerke wie in manchen Ländern die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus, zum Islamismus in Nordrhein-Westfalen das meines Erachtens beispielhafte <a href="https://wegweiser.nrw.de/">Wegweiser-Projekt</a>. All das müsste doch in pädagogischen Studiengängen thematisiert werden! Anders gesagt: Prävention muss gelernt werden, in der Diagnose von Radikalisierungsprozessen bis hin zu konkreten Interventionen.</p>
<p><strong>Meltem Kulaçatan</strong>: <em>Die Grundeinstellung von Islamisten und Rechtsextremen unterscheidet sich in der Tat nicht sehr voneinander.. In diesem Gebiet erhalte ich die meisten Anfragen, auch von Behörden, im schulischen und im außerschulischen Bereich, von Einrichtungen, die für die Aus- und Fortbildung von Polizei, Justiz und Verwaltung zuständig sind. Das läuft eigentlich sehr gut. Sie reagieren sehr gut auf jüngere Entwicklungen, weil sie in dem Feld sehr genau wissen, wer wo was macht. Ich selbst bin seit einigen Jahren Mitglied der </em><a href="https://www.gegen-gewaltbereiten-salafismus.nrw/de"><em>Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) Salafismusprävention in Nordrhein-Westfalen</em></a><em>, eine Arbeitsgruppe, die vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nordrhein-Westfalen geleitet wird. </em></p>
<p><em>Das Land hat in dieser IMAG interdisziplinäre Expert:innen zusammengebracht, die unmittelbar und zeitnah die Politik beraten können. Das Interesse an unserer Expertise ist in dieser ministeriell verankerten Gruppe sehr hoch. Die IMAG funktioniert, weil es bei allen Beteiligten ein intrinsisches Interesse gibt. Das wird auch konkret: Wie handeln wir in diesem oder jenem oder jenem Fall? Was könnten wir tun? Wie können wir präventiv arbeiten? Wir sind davon überzeugt, dass wir ein viel stärkeres forensisches Augenmerk entwickeln müssen, um deutlich stärker in die psychiatrische und therapeutische Begleitung eingehen zu können. </em></p>
<p><em>Ich möchte an dieser Stelle eines betonen – es verschwindet sonst so schnell aus dem Blick: Die Täter sind Männer. Sie sind Täter beziehungsweise potenzielle Täter, auch wenn sie insgesamt und prozentual betrachtet – je nach Erhebung – gering in der Zahl ausfallen, aber in der Handlung letztendlich mit einer ungeheuren Wirkung. Wir müssen auf diese und auf jene, die in diese Gruppe hineingeraten könnten, pro-aktiv zugehen. Politik tut zurzeit jedoch das Gegenteil. Mittel für Projekte in diesem Bereich werden aus Haushaltsgründen gestrichen. Wir brauchen dringend mehr Geld in der Forschung und der konkreten Präventionsarbeit in diesem Bereich. Das ist eine langfristige Aufgabe. Die Wirkung merken wir nicht sofort, vielleicht erst in fünf, in zehn oder gar in fünfzehn Jahren. Aber so lange stehen die Gelder gar nicht zur Verfügung. Wenn sich hier nichts ändert, wird uns das sicher noch auf die Füße fallen. Diese Tendenz ist zunächst einmal Besorgnis erregend und bedarf multifaktorieller Lösungsstrategien. Wir sparen meines Erachtens am falschen Ende und das ist gefährlich.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. April 2025. Das Titelbild zeigt eine Tafel aus dem Bildungshaus Bad Aibling, das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon </span>als <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/paradies-fuer-glueckspilze/"><em>„</em>Paradies für Glückspilze“</a> portraitiert wurde.)</p>
<p>P.S.: Wie schwierig es ist, Diversity, Equality, Inclusion zu fördern, belegt die Autokorrektur bei Microsoft. Wenn man die Abkürzung DEI eingibt, wird automatisch auf DIE korrigiert.</p>
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		<title>Wiederentdeckungen mit dem Lilienfeld Verlag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Nov 2024 09:40:50 +0000</pubDate>
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<h2><strong>Axel von Ernst über das Programm und die Stärken unabhängiger Verlage</strong></h2>
<p><em>„Alles Erzählen ist nur eine Annäherung. Über die Geschichte (Historie), über die Beweggründe von Menschen, sogar über die eigenen Erinnerungen lässt sich nur schwer Gewissheit erlangen. Gleichzeitig ist da ein unstillbares Verlangen, es immer wieder zu versuchen – <u>dennoch</u>.“</em> (Julia Schoch, Einige ungeordnete, mitunter widersprüchliche Gedanken zur Frage ‚Wer darf wie über die Vergangenheit schreiben?“, in: Charlotte Gneuß, Hg., Diktatur und Utopie – Wie erzählen wir die DDR, in: Neue Rundschau 134/4, 2024, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024)</p>
<p><img decoding="async" class="wp-image-5496 size-medium alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-300x180.jpg" alt="" width="300" height="180" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-200x120.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-300x180.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-400x240.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-600x360.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-768x460.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-800x479.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002-1024x614.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Lilienfeld-Verlag-002.jpg 1103w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Erinnern ist Wiederentdecken, sich einer vergangenen Zeit vergewissern, Wiedervergegenwärtigung. Texte wieder zu lesen, die eigentlich schon (fast) vergessen zu sein scheinen – das wäre sicherlich hilfreich, doch wo findet man Texte, die vor längerer Zeit veröffentlicht, inzwischen vergriffen und zum Teil sogar nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich sind? Auch nicht als pdf im Internet. Der Düsseldorfer <a href="https://lilienfeld-verlag.de/">Lilienfeld Verlag</a> hat sich die Wiedervergegenwärtigung solcher Literatur zur Aufgabe gemacht. Seit 2007 sorgen Viola Eckelt und Axel von Ernst dafür, dass Bücher wieder neu aufgelegt werden, die uns im besten Sinne des Wortes das Erinnern erleichtern. Natürlich spielt dabei der neue Kontext der Veröffentlichung eine Rolle, denn wer Texte liest, Gedichte, einen Roman, Tagebücher, die vielleicht vor 100 Jahren geschrieben, vor 90 Jahren veröffentlicht, seit 70 Jahren vergriffen waren, muss sich nicht nur den Text selbst vergegenwärtigen, sondern auch die unterschiedlichen autobiographischen wie gesellschaftlichen und politischen Kontexte vergangener Zeiten im Kontrast zur heutigen Zeit, in der wir diese Texte wieder entdecken und lesen, reflektieren.</p>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Lilienfeld Verlag ist ein unabhängiger Verlag. Er macht seit 2007 Programm. In dem hier dokumentierten Gespräch hat Axel von Ernst das Anliegen der unabhängigen Verlage vorgestellt. Anlass war die im Jahr 2024 erschienene erweiterte Neuauflage des Buches „Gesperrte Ablage“, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-klondike-der-texte/">Ines Geipel</a> und Joachim Walther im Jahr 2015 veröffentlichten. Dieses Buch war ebenso Gegenstand dieses Gesprächs wie weitere Bücher von Karen Gershon, Franz Hessel und Moacyr Scliar. Julia Schoch formuliert eine auf den ersten Blick eingängige Hypothese, die sich auf diese und viele andere wieder entdeckte oder noch wieder zu entdeckende Bücher anwenden ließe: <em>„Wir bewohnen unsere Vergangenheit, wie man Träume bewohnt.“</em> Und sie stellt klar: <em>„Die Literatur ist nicht der Ort, an dem wir versuchen sollten, verlässlich in Erfahrung zu bringen, wie etwas gewesen ist. Wobei die Betonung auf <u>verlässlich</u> liegt.“</em> Lesen ist eben Annäherung. Auch Schreiben. Und Verlegen von Büchern!</p>
<h3><strong>Anliegen und Qualität der unabhängigen Verlage</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Verlag wurde 2007 als unabhängiger Verlag gegründet. Was für eine Zeit war das damals für Sie und andere unabhängige Verlage?</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Wir haben im Jahr 2007 mit vier Büchern angefangen. Wir sind von Anfang an in der Gruppe der Independent-Verlage angetreten, um Bücher zu machen, die Wiederentdeckungen sind. Damals gab es eine Bewegung der Independent-Verlage, beispielsweise mit </em><a href="https://www.aufbau-verlage.de/blumenbar"><em>Blumenbar</em></a><em> oder dem </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/anarchische-aesthetik/"><em>Verbrecher Verlag</em></a><em>. Junge frische Verlage, die einen neuen Impuls gegeben haben. Es gab schon die </em><a href="https://www.kurt-wolff-stiftung.de/"><em>Kurt Wolff Stiftung</em></a><em> und weitere Initiativen, die das Ziel verfolgten, für die unabhängigen Verlage einen Auftritt zu entwickeln, der mehr Einfluss im Buchhandel, in der Presse, im Publikum erlaubt. Es war damals schon schwer für unabhängige Verlage. Ich kam als Autor mit diesen Kreisen über Literaturzeitschriften in Kontakt, in denen ich veröffentlicht habe, oder über Lesungen, und so konnten wir uns anschließen. </em></p>
<p><em>Die meisten dieser Verlage boten neue Literatur an, Lyrik, die Jetzt-Zeit. Wir hatten einen anderen Ansatz. Meine Partnerin und Mit-Gründerin Viola Eckelt ist Germanistin, ich selbst bin auch Germanist. Wir haben uns für die Literatur der 1920er Jahre, für die Literatur im Exil interessiert. Das wollten wir in unserem Verlag herausbringen. Wir dachten auch daran, etwas zum 19. Jahrhundert zu machen. Das mussten wir jedoch leider zurückstellen, weil das im Buchhandel nicht so lief. Unser Schwerpunkt wurde das 20. Jahrhundert, teilweise noch vor dem Ersten Weltkrieg, in der Regel aber die 1920er Jahre bis hin in die 1980er Jahre. Wir verlegen viel internationale Literatur, auch von Autorinnen und Autoren, die in ihren eigenen Ländern nicht so bekannt sind, aus Brasilien, Argentinien, aus den USA oder auch aus Russland. </em></p>
<p><em>Wir veröffentlichen vor allem Prosatexte, weniger Lyrik, Texte, die heute noch relevant sind, keine Texte, die nur historisch interessant sind. Wir wollen Texte verfügbar machen, die heute noch Geschichten erzählen und so auch ein breiteres Publikum erreichen. „Breit“ muss man bei einem unabhängigen Verlag natürlich in Anführungszeichen setzen, denn ein so breites Publikum wie die Konzernverlage werden wir mit diesen Titeln nicht erreichen. Dennoch denken wir schon etwas größer. Die Grundauflage bei uns sind etwa 1.500 Exemplare. Das ist aus der Sicht eines kleinen Verlags schon groß gedacht. </em></p>
<p><em>In dem Kreis der unabhängigen Verlage sind wir sehr freundlich aufgenommen haben. Das zeichnet diese Verlage auch aus. Der große Teil derjenigen, die als unabhängiger Verleger:innen Bücher machen, tun dies aus Idealismus. Als Geschäftsfeld ist das – wenn ich das sagen darf – eine Katastrophe. Der Idealismus hat etwas damit zu tun, dass wir alle in den unabhängigen Verlagen Literatur vermitteln wollen. Das ist ein Feld, in dem sehr viel zu gewinnen ist, an Menschlichkeit, Freundlichkeit, an Zielen, die erreicht werden sollen, an Aufmerksamkeit für Marginalisiertes. Die Menschen, die das tun, sind besondere Menschen, und sie gehen auch so miteinander um. Auf der ersten Buchmesse, an der wir 2007 teilnahmen, wurden wir sofort vorgestellt, an Journalist:innen zum Beispiel. Es gibt auch sehr offene Buchhandlungen, das könnte mehr sein, aber das hängt auch mit deren finanziellen Bedingungen zusammen. Buchhandlungen müssen sehen, dass sie finanziell zurechtkommen. Aber dennoch bleiben manche hartnäckig und präsentieren sehr stark unabhängige Verlage.</em></p>
<div id="attachment_5497" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5497" class="wp-image-5497 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Axel-von-Ernst-Foto-U.-A.-Kirsten-002-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5497" class="wp-caption-text">Axel von Ernst, Foto: U.A. Kirsten.</p></div>
<p><em>Besonders wichtig war die Pressearbeit mit den Kontakten in die Öffentlichkeit.  Sigrid Wilhelm hat für uns damals den Presseverteiler aufgebaut, 300 Adressen zusammengetragen, persönliche Kontakte organisiert. Darauf fußt unser heutiger Erfolg nach wie vor. Schon mit unserem ersten Programm hatten wir eine gute Presseresonanz. Die erste Welle machte uns schon so bekannt, dass wir uns auch trotz mancher Schwierigkeiten bis heute halten können, auch mit Texten von Namen, die noch nie jemand gehört hatte. Aber es wird immer schwieriger. Das Problem liegt nicht an den Verlagen, sondern in der Gesellschaft. Dort findet eine Entwicklung statt, die – ich muss das so sagen – bildungs- und kulturfeindlich ist. Das Feuilleton bricht zusammen, wird immer weiter eingekürzt. Es gibt immer weniger professionelle freie Kritikerinnen und Kritiker. Die Wirkung der alten Zeitungen kann im Internet nicht aufgefangen werden. Es gibt tolle Blogs, die das versuchen. Das ist wichtig, wurde aber früher auch kritisiert, als eine Art Selbstermächtigung, denn – so hieß es – nur die Feuilletons dürften so etwas machen. Heute bröckelt das Feuilleton, es wird auch sehr stark von den Konzernverlagen dominiert. Die marktgängigen Titel werden in den Vordergrund gestellt. Auf der Liste der Titel für den Deutschen Buchpreis finden sich nur selten Titel aus unabhängigen Verlagen, es waren im Jahr 2024 zwei von zwanzig Titeln und die waren übrigens aus Österreich und der Schweiz, nicht aus Deutschland. Es ist ungefähr so, als wenn bei einer Bestenliste von Käsesorten nur Supermarktkäse angeboten würde. Bei Büchern fällt uns das nicht auf, die wichtigsten Bücher kommen scheinbar aus den Konzernverlagen. Diesmal kamen sieben der 20 Titel allein aus der </em><a href="https://holtzbrinck.com/de/"><em>Holtzbrinck-Gruppe</em></a><em>. </em></p>
<h3><strong>Vielfalt sichtbar machen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich frage mich manchmal nach den Auswahlkriterien der Mitglieder der Jury des Deutschen Buchpreises.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Marketing-Werbung spielt eine wichtige Rolle, bedingt durch die Macht der Konzerne, die Diskussion zu bestimmen. Es wird viel Werbung geschaltet, die Presseabteilungen bereisen die Redaktionen der großen Zeitungen. Das können kleine Verlage nicht leisten. Sie haben auch einzelne Kontakte, können aber nicht flächendeckend und so intensiv agieren. Durch dieses enge Zusammenwirken wird Bedeutung erzeugt. Das beeinflusst uns alle und wir denken – ich schließe mich selbst nicht aus: Das sind die bedeutenden Titel. Das heißt nicht, dass es schlechte Bücher sind, aber es heißt im Umkehrschluss auch nicht, dass die Bücher, die nicht im Vordergrund der Feuilletons stehen, schlechte Bücher wären. Die Gefahr besteht, dass die Konzerne und Großverlage erst einmal geschäftlich denken und ein Down-Trading stattfindet, sodass sie immer stromlinienförmigere Sachen veröffentlichen, um Umsatz zu machen. Das heißt, sie müssen Literatur verlegen, die sich gut verkaufen lässt. Das Geld entscheidet, was wir für wichtig halten und welche Qualität angeboten wird. So sinkt leider auch das Niveau.</em></p>
<p><em>Wir schaffen aber auch ein Gegengewicht. Ich bin Vorstand des Vereins </em><a href="https://www.hotlist-online.com/"><em>Hotlist</em></a><em>, einem Wettbewerb, der ein Gegengewicht zum Deutschen Buchpreis bilden soll und jährlich in jedem September zehn Bücher auszeichnet, die bei unabhängigen Verlagen erscheinen. Den Wettbewerb gibt es seit 2009. Die Preisverleihungsveranstaltung findet im Literaturhaus in Frankfurt statt.</em><strong>  </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit tun Sie auch etwas gegen die große Gefahr des Aktualismus. Da wird etwas gerade einmal hochgehypt und schon hat man den Titel dazu, schnell geschrieben, schnell verlegt, oft auch auf Kosten einer ordentlichen Recherche, vor allem im Sachbuchsektor. Und wenn das einmal läuft, dann läuft das auch mehrfach. Ich dachte gerade daran, welche Auflageziffern Bücher von Autoren wie Thilo Sarrazin oder Dirk Oschmann schaffen. Literatur hat es da schon schwer, sich in solche Wellen der Aufmerksamkeit einzuklinken.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist ein gefährliches Feld. Manchmal ist Aktualismus aber auch ein Vorteil. Ein Beispiel: Schwarze Literatur. Aber was musste alles passieren, damit die Konzerne sich damit befassten? Morde, große Demonstrationen, Black Lives Matter, und erst dann wurde das interessant. Das war Thema in der Gesellschaft und schon suchten alle großen Verlage junge Schwarze Autorinnen und Autoren, brachten Klassiker der </em><a href="https://www.history.com/topics/roaring-twenties/harlem-renaissance"><em>Harlem Renaissance</em></a><em> heraus. Da gab es eine Welle. Das ist Aktualismus, der funktioniert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zwei Jahre später ist das oft schon wieder vorbei.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist die Gefahr. Vorher hatten nur kleine Verlage Schwarze Autor:innen, Schwarze Theorie im Programm. Es gibt zwei kleine Verlage in Münster, </em><a href="https://www.edition-assemblage.de/"><em>Edition Assemblage</em></a><em> und </em><a href="https://unrast-verlag.de/"><em>Unrast</em></a><em>. Oder den Berliner </em><a href="https://orlanda.de/"><em>Orlanda Verlag</em></a><em>, der zum Beispiel Schwarze mit feministischer Literatur oder mit queerer Literatur verbindet. Wenn eine solche lukrative Welle abebbt, werden diese Verlage ihre wichtige Arbeit auch weiter tun, so lange sie können. </em></p>
<p><em>Die unabhängigen Verlage bilden Vielfalt ab. Diese Vielfalt habe ich selbst erst wahrgenommen, als wir unseren Verlag gegründet haben. Vor allem habe ich verstanden, welcher Reichtum von unabhängigen Verlagen geschaffen wird. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ging mir genauso. Erst seit ich mein Internetmagazin aufgebaut habe, wurde mir klar, wie viele tolle unabhängige Verlage es gibt und was für vielfältige und spannende Programme die bieten. Sie machen Vielfalt sichtbar oder vielleicht sollte ich sagen (nach)lesbar.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gibt so viele unterschiedliche Dinge. Da gibt es Verlage, die sich mit bestimmten Szenen beschäftigen. Es gibt Verlage, die Traditionen pflegen, Verlage, die Lyrik machen. All diese Verlage sind für viele Autor:innen wichtig, denn bei Konzernverlagen hat man mit bestimmten Titeln keine Chance. Es gibt natürlich auch einige unabhängige Verlage, die 10.000er-Auflagen schaffen. </em></p>
<p><em>Abzusehen ist, dass unabhängige Verlage unter den jetzigen Bedingungen vermehrt sterben werden. Einige tun sich jetzt zusammen, beispielweise bei </em><a href="https://www.bedey-media.de/"><em>Bedey Media</em></a><em>, wo sich 18 Verlage unter einem Dach zusammengetan haben. Der </em><a href="https://kampaverlag.ch/"><em>Kampa-Verlag</em></a><em> hat jetzt mehrere Verlage unter seinem Dach aufgenommen, darunter auch sehr bekannte Namen wie </em><a href="https://jungundjung.at/"><em>Jung und Jung</em></a><em>, </em><a href="https://www.schoeffling.de/"><em>Schöffling</em></a><em>, </em><a href="https://doerlemann.ch/"><em>Dörlemann</em></a><em>, im unabhängigen Bereich umsatzstärkere Verlage. Aber viele Verlage geben auch einfach auf, Verlage, die im Feuilleton für ihre Projekte hoch gelobt werden, können nicht weitermachen, manche auch, weil die Verlegerin, der Verleger ein gewisses Alter erreicht haben und keine Nachfolge finden. Es ist nicht attraktiv, so etwas zu übernehmen, viel Arbeit ohne davon wirklich Gewinn zu haben. </em></p>
<h3><strong>Plädoyer für eine strukturelle Verlagsförderung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Förderung von Vielfalt wäre meines Erachtens eine grundlegende Aufgabe staatlicher Kulturförderung.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Wir kämpfen gerade für eine strukturelle Verlagsförderung. In der Schweiz und in Österreich gibt es das, auch in anderen Ländern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie steht die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien dazu?</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Sehr positiv. Sie hat im Haushalt 2023 bereits Gelder dafür bereitgestellt. Ein Hauptproblem sind jedoch die Bundesländer. Es handelt sich auch um eine Länderzuständigkeit und die einzelnen Länder haben sehr unterschiedliche Vorstellungen. Es gibt eben Länder, in denen es viele Verlage gibt, wie in Berlin oder in Bayern, andere, in denen es nur wenige Verlage gibt. Aber das ist falsch gedacht. Das Geld würde ja nicht nur an die Verlage gehen, sondern an eine ganze Szenerie, an Übersetzer:innen, an Graphiker:innen, an Buchbindereien, an Druckereien. Es würde eine ganze Struktur erhalten bleiben und die gibt es in allen Bundesländern. Da ist noch einiges an Lobbyarbeit erforderlich.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings auch den Gedanken, dass Verlage Wirtschaftsunternehmen sind und daher keine Kulturförderung bekommen könnten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann dürfte ich kein Theater mehr unterstützen.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Kein Theater, keine Oper, kein Kino. Abgesehen davon gibt es Wirtschaftsförderung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht um die Frage, was einer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich Literatur auf das reduziert, was in Abiturprüfungen abgefragt werden könnte.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Eigentlich hat Literatur einen guten Ruf, aber wie sieht es mit den Leser:innen aus? Es gab ja diese sogenannte </em><a href="https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/studien-umfragen/studie-buchkaeufer-quo-vadis/"><em>„Leserschwundstudie“</em></a><em>  aus dem Jahr 2018. Das war ein großes Schockmoment. Es wurde festgestellt, dass zwischen 2012 und 2017 etwa sieben Millionen Leser:innen verschwunden waren. Das hatte man nicht am Umsatz gemerkt, weil die Bücherpreise angestiegen waren, auch teurere Bücher gekauft wurden. Untersucht wurden die Gründe: Es lag an den neuen technischen Möglichkeiten, die Leute schauen im Bett vorm Schlafengehen lieber in ihr Smartphone oder schauen Serien. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass es nach wie vor eine große Sehnsucht nach Büchern gibt, dass das Buch auch als etwas Schönes verehrt wird und dass es eine große Sehnsucht gibt, mal wieder in Ruhe zu lesen. Im Kinder- und Jugendbuchbereich ist der Buchverkauf nicht zurückgegangen, vor allem die mittleren Generationen kaufen weniger.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht kommt es nicht nur darauf an, dass man liest, sondern auch darauf, was man liest. Ich erinnere mich an eine merkwürdige Äußerung des China-Experten Klaus Mehnert (China nach dem Sturm, Stuttgart, DVA, 1971). Er bewunderte, wie die Kinder in Maos Reich lesen lernten. Sie lernten an Maos Schriften. Klaus Mehnert meinte, es sei doch letztlich egal, an welchen Texten man das Lesen lernte, Hauptsache, der Analphabetismus werde beseitigt.</p>
<p>Bei der Frankfurter Buchmesse 2024 gab es eine eigene Halle für <a href="https://www.buchmesse.de/themen-programm/publikumsprogramm/themen/new-adult">„New Adult“</a>. Beworben wurde das auf der Seite der Buchmesse wie folgt: <em>„Du liebst aufregende Love Stories, die am College oder in geheimnisvollen Welten spielen? Du kanntest die Bücher schon, bevor sie Serienhits auf Netflix wurden? Und auf BookTok bist du immer auf der Suche nach dem neuesten ‚Enemies To Lovers‘-Roman?“ </em>Im Grunde eine neue Variante von Populärliteratur oder vielleicht sollte ich sagen populärer Literatur.</p>
<p>Ein Beispiel staatlicher und ein Beispiel kommerzieller Literaturförderung.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Ich denke schon, dass es schöner ist, wenn jemand sich hinsetzt und einen dicken Fantasy-Schmöker liest und genießt, als wenn er oder sie sich den ganzen Tag mit Quiz-Shows vor dem Fernseher oder Klicks auf dem Smartphone vergnügt. Das Problem liegt eigentlich darin, dass auch Menschen, bei denen es mal anders war, nicht mehr lesen, Menschen, die studiert haben, oder dann, wenn sie lesen, aber auch ausschließlich Fantasy und Krimis lesen.</em></p>
<h3><strong>„Gesperrte Ablage“ – die Dritte Literatur des Ostens</strong></h3>
<div id="attachment_4874" style="width: 171px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4874" class="wp-image-4874 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-161x300.jpg" alt="" width="161" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-161x300.jpg 161w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-200x373.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-400x746.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-549x1024.jpg 549w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-600x1118.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-768x1432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-800x1491.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-824x1536.jpg 824w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-1099x2048.jpg 1099w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-1200x2237.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Bundesstiftung-Aufarbeitung-AuL-Materialien-Edeltraud-Eckert-scaled.jpg 1373w" sizes="(max-width: 161px) 100vw, 161px" /><p id="caption-attachment-4874" class="wp-caption-text">© Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei der Vorstellung ausgewählter Bücher aus dem Lilienfeld Verlag würde ich gerne mit „Gesperrte Ablage“ beginnen, das Sie 2015 veröffentlicht und dann im Jahr 2024 neu aufgelegt haben. Ines Geipel und Joachim Walther haben sich für eine Literatur eingesetzt, die aus ideologischen Gründen in der DDR unterdrückt und verfemt, aber auch nach der Friedlichen Revolution weitgehend ignoriert wurde. Ines Geipel spricht von der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-dritte-literatur-des-ostens/">„Dritten Literatur des Ostens“</a>. Die <a href="https://www.ddr-aufarbeitung.de/start/bücher-verschiedene-themen/verschwiegene-bibliothek/">„Verschwiegene Bibliothek“</a>, die in der Büchergilde Gutenberg veröffentlicht wurde, war auf 20 Bände geplant, wurde aber nach zehn Bänden eingestellt, weil das Interesse erlahmte. Da haben Sie mit „Gesperrte Ablage“ in eine Lücke hineininvestiert. In diesem Buch findet man Biographien, Textbeispiele von über 100 Autorinnen und Autoren, deren Texte zu einem großen Teil nach wie vor im Archiv der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur darauf warten, entdeckt und gewürdigt, möglichst auch gedruckt zu werden. Zu entdecken sind noch etwa 70.000 Manuskriptseiten.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Publikum und Markt sind hart. Aber das Publikum kann für alles gewonnen werden. Davon bin ich fest überzeugt.  Aber es gibt Beschränkungen. Und es gibt natürlich auch eine Tendenz des Skandals. Wo stecken Provokationen? Ein Buch wie das von Dirk Oschmann provoziert natürlich außerordentlich, das funktioniert, darüber kann man Fernsehsendungen machen, Interviews, Talk-Shows. Dann gibt es den Trend, eher Täter darzustellen, in allen historischen Bereichen. Am interessantesten sind die Monster. Das ist auch mit der DDR so. Es gibt viele Bücher über Bonzenfamilien, über kommunistische Biographien, auch im Filmischen, da ist die StaSi interessant. Siehe „Das Leben der Anderen“. Damit gewinnt man einen Oscar. Und die Täter werden besonders menschlich und verständnisvoll dargestellt. Da beginnt die Verharmlosung. </em></p>
<p><em>Es gibt nur wenige Ausnahmen. Dazu gehört zum Beispiel </em><a href="https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/makro/mitarbeiter/Prof_Mau"><em>Steffen Mau</em></a><em>, aber vor allem Ines Geipel. Sie sagt provozierende Dinge, die Widerstand hervorrufen, aus meiner Sicht Wahrheiten, nimmt dafür auch viel Gegenwind in Kauf. Jetzt wieder in „Fabelland“, das 2024 bei S. Fischer erschien. Ines Geipel kämpft gegen Klischees an, die sich festgefressen haben und sich möglicherweise nur über Jahrzehnte wieder auflösen lassen. Es gibt die Fakten-Welt der Historiker:innen, in der die Dinge klarer liegen, die aber etwas anderes ist als die Welten der Menschen mit den verschiedensten Bezügen zur DDR.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu diesem Thema empfehle ich gerne das Buch „Tausend Aufbrüche“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">Christina Morina</a>. Sie hat keine Geschichte der Bürgerrechtsbewegung geschrieben, auch keine Geschichte der Transformationszeit, sondern eine Geschichte von Menschen, die sich in den ersten Jahren nach der Friedlichen Revolution gegenüber staatlichen Stellen und Repräsentanten geäußert hatten. Das waren noch andere Zeiten: Damals brauchte man Papier, auf das man etwas schrieb, dann einen Briefumschlag, auf den man eine Briefmarke kleben musste, den Brief musste man dann in den Briefkasten werfen. Da gab es schon einige Barrieren, die heute im Zeitalter der sogenannten „sozialen Medien“ und Kommentarspalten geschleift worden sind.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Ich bin bei diesem Thema eigentlich aus eigenem Trauma heraus etwas unwillig, weil mein Hintergrund auch ein Ost-Hintergrund ist. Meine Mutter kommt aus Düsseldorf, ist ihrem Mann in den Osten gefolgt, dann wurde die Mauer gebaut und sie kam nicht mehr zurück in den Westen. Es hat 27 Jahre gedauert, bis sie unter Schwierigkeiten mit mir zusammen wieder in den Westen zurückkam. Ich selbst bin 1971 geboren und bis zu meinem 15. Lebensjahr in der DDR aufgewachsen und kann daher beurteilen, was Ines Geipel erzählt und wer welchen Unsinn erzählt. Interessant ist natürlich, dass ich als jemand, der jetzt aus Düsseldorf kommt und dann mit dem Namen „von Ernst“ ohnehin sehr westdeutsch zu sein scheint, nie als Ost-, sondern immer als Westdeutscher gesehen werde. Dann höre ich zuerst, dass ich als Westdeutscher mir kein Urteil darüber erlauben dürfte, was in Ostdeutschland geschehen sei und geschieht. Irgendwann sage ich dann, woher ich kam, und bekomme dann zu hören, ich wäre ja so früh weggegangen. Und tatsächlich habe ich diese Umbruchszeit nur aus der Ferne mitbekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Fazit letztlich, Sie können sagen was Sie wollen, Ihnen wird die Ostkompetenz abgestritten, sofern es so etwas überhaupt gibt, zumindest setzen manche voraus, dass es so etwas gibt.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Man kann nicht alles, was schiefläuft, beziehungsweise schiefgelaufen ist, einfach pauschal dem Westen vorwerfen. Es sind Folgen der Diktatur. Ines Geipel schreibt unter anderem auch genau dies in ihren Büchern, Aufsätzen und Zeitungsartikeln. </em></p>
<p><em>Die „Gesperrte Ablage“ ist für unseren Verlag eigentlich ein ungewöhnliches Buch. Wir veröffentlichen keine Sachbücher, sondern Literatur, die lange nicht lieferbar war, die bisher nicht übersetzt worden ist. Wir haben die „Gesperrte Ablage“ aber gemacht, weil viele der dort genannten Autorinnen und Autoren ja gar nicht in normaler Form wiederentdeckt werden können, weil sie nie verlegt wurden. Das Buch erzählt ihre Geschichten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche Texte findet man nur in der „Gesperrten Ablage“. Zum Beispiel Texte von Jutta Petzold. Insofern ist Ihr Buch gleichzeitig Sachbuch und Literatur.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Die „Gesperrte Ablage“ erzählt, was nicht stattgefunden hat. Das ist auch typisch für Ines Geipel. Sie schafft eine Gegenerzählung. Wenn man über kritischere DDR-Literatur spricht, hören Sie immer die gleichen Namen, Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Heym. Aber das ist nicht <u>die</u> DDR-Literatur. Da gibt es noch etwas ganz anderes. Die Autorinnen und Autoren, die Ines Geipel vorstellt, wurden extremer und sehr hart bekämpft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Autorin, die auch in der „Verschwiegenen Bibliothek“ und in der „Gesperrten Ablage“ eine wichtige Rolle spielt, jetzt aber wiederentdeckt wird, ist Gabriele Stötzer. Wir sehen sie in dem <a href="https://www.dieunbeugsamen-film.de/teil2/">Film „Die Unbeugsamen 2“</a>, wir lesen Interviews mit ihr, sehr lesenswert ein <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/wiedervereinigung-bsw-afd-diktatur-demokratie-e096379/">Doppelinterview mit Gabriele Stötzer und Christa Nickels in der Süddeutschen Zeitung</a>. Andererseits bleibt eine Autorin wie Edeltraud Eckert, die Ines Geipel meines Erachtens sehr treffend <em>„die Sophie Scholl des Ostens“</em> nennt, leider nach wie vor wenig bekannt.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist Lyrik, und die Frau ist tot, kann keine Interviews mehr geben. Das macht es schwierig. Wir wollen mit Ines Geipel darüber nachdenken, was wir in solchen Fällen noch mehr tun können. Es findet sich jedenfalls viel überraschende literarische Qualität im Archiv, und all das mit den Lebensgeschichten, die zeigen, wie hart die DDR wirklich war.   </em></p>
<p><em>Auch der westliche Blick ist manchmal schwierig. Heute gibt es zum Beispiel Interesse an DDR-Design. Als das aber in der DDR entstand, war es eigentlich immer schon veraltet, spießig, gar nicht so niedlich, wie der naive Blick es manchmal sieht; auch diese Designs waren Teil und Ausdruck des Zwangssystems. Die Ostalgie kenne ich aber auch, es ist so eine Art Kindheitsnostalgie. Ich war einmal in Leipzig in einer Bar, da gab es DDR-Schulessen, Jagdwurst und Makkaroni, und ich habe mich gefreut, es mal wieder zu schmecken. Das war nämlich fast das Einzige, was in der Schule schmeckte. Aber das hat mit der DDR eigentlich nichts zu tun, damit verbindet sich ein Kindheitsgefühl. Oft wird hier etwas verwechselt. Manche sagen z. B., wir haben doch damals so schön gefeiert. Das war sicherlich schön, aber macht das die DDR besser? Die war und blieb eine ekelhafte Diktatur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anna Kaminsky, die Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, sagte in unserem Gespräch für den Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommode-diktaturen-gibt-es-nicht/"><em>„Kommode Diktaturen gibt es nicht.“</em></a> Das hatte Günter Grass mal über die DDR gesagt und viele glauben das noch heute. Wer bedroht wurde, fand die DDR alles andere, aber nicht <em>„kommod“</em>.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gehörte zur Atmosphäre dazu, dass alle bedroht waren. Das gehörte zur Diktatur. Es war ein Gefängniskomplex. Ich bin da traumatisiert, ich habe mitbekommen, wie meine Mutter gequält wurde, wie ihr nach einem Ausreiseantrag gedroht wurde, man würde mich ihr wegnehmen und in ein Heim stecken. Sie wurde beleidigt, mit Gefängnis bedroht, so richtig mit Lampe ins Gesicht: „Warum wollen Sie ins imperialistische Ausland?“ Der Mann, der sie verhört hat, bekommt jetzt wahrscheinlich seine schöne Beamtenpension, wählt AfD, freut sich, wenn er der Demokratie eins auswischen kann, und erzählt wahrscheinlich, dass er nichts mehr sagen darf in der „Demokratur“.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dabei sollte er sich lieber fragen, warum ihm jemand nur widerspricht, wenn er sagt, was er sagen will. Ins Gefängnis will ihn niemand stecken.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Meine Mutter hat den Ausreiseantrag 1983 gestellt, wir mussten viereinhalb Jahre warten. Die Bekanntgabe fand in einer Telefonzelle statt. Meine Mutter wurde in meiner Heimatstadt Tangermünde in eine Telefonzelle bestellt. Sie wusste nicht, worum es ging. Das Telefon klingelte. Der Mann sagte als erstes: „Sie können sich freuen, Sie werden Ihren Sohn“ (gemeint war mein älterer Bruder) „und ihre Enkel nicht mehr wiedersehen.“ Das hieß übersetzt: Sie dürfen ausreisen. Diese Art der Kommunikation gehörte dazu. Sie wurde auf diese Art und Weise alle zwei Monate verhört. Das reichte, um sie fertigzumachen. Meine Mutter erschrak sich noch in Düsseldorf immer, wenn das Telefon klingelte. Sie zuckte extrem zusammen. Wenn ich dann lese, was andere an noch Schlimmerem durchmachten … All das hat Ines Geipel dokumentiert. Sie selbst hat es auch erleben müssen. „Zersetzungsmaßnahmen“, so hieß das.</em></p>
<h3><strong>„Das Unterkind“ – Das allmähliche Verschwinden der Sicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_5477" style="width: 193px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/karen-gershon-das-unterkind/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5477" class="wp-image-5477 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Gershon_Unterkind.jpg 271w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-5477" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als zweites Buch würde ich gerne „Das Unterkind“ mit Ihnen besprechen, eine Übersetzung aus dem Englischen, obwohl die Autorin Karen Gershon aus Bielefeld kommt. In Bielefeld hieß sie noch Käthe Löwenthal. Sie ist mit den sogenannten Kindertransporten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine entkommen und hat später in England Bücher geschrieben und veröffentlicht, darunter das autobiographische Buch „A Lesser Child“. Das Nachwort schrieb Naomi Shmuel, Tochter der Autorin. Es wurde 1992 von Sigrid Daub übersetzt und erschien damals bei Rowohlt. Das Buch dokumentiert neben den autobiographischen Wirren eines Kindes und Teenagers schonungslos vor allem zwei Dinge:</p>
<ul>
<li>Das Erste: Es geschieht etwas Schreckliches, aber die Betroffenen merken zunächst nicht, was sich da zusammenbraut. Es erinnerte mich ein wenig an den Roman „Badenheim“ von Aharon Appelfeld, in dem die Jüdinnen und Juden dieser Kurstadt zunächst auch nicht ahnen, was für ein Schicksal ihnen von der Staatsmacht zugedacht ist. In „Badenheim“ besteigen sie den Zug und jemand sagt, die Reise könne nicht weit gehen, wenn die Waggons so schmutzig sind.</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Zweite: das Tempo, in dem sich seit dem 30. Januar 1933 der Terror entwickelte. Es dauerte keine zwei Monate und es war absehbar, wohin die Schikanen gegen Jüdinnen und Juden, gegen Andersdenkende, gegen Sozialdemokrat:innen, Kommunist:innen, gegen Christ:innen, die sich gegen die Nazis stellten, führen würden. Am 1. April 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert und die Bevölkerung machte mit. Am 7. April 1933 wurde das Gesetz mit dem euphemistischen Titel „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verkündet, das zur Entlassung aller jüdischen Angehörigen des öffentlichen Dienstes führte, in den Schulen, den Hochschulen, der Verwaltung. Ausgenommen waren zunächst nur die Kriegsteilnehmer, die sogenannten „Frontkämpfer“, aber auch das änderte sich schnell.</li>
</ul>
<p>Das Buch gehört zu den Wiederentdeckungen, denen Sie sich mit dem Lilienfeld Verlag verpflichtet sehen.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Es gehört auch zu den Büchern einer marginalisierten Literatur. Im Hinblick auf die deutsche Literatur betrifft das in hohem Maße Literatur, die im Exil entstanden ist. Da gibt es noch einige Entdeckungen zu machen. In diesem Kontext bin ich auf Karen Gershon aufmerksam geworden. Sie hatte ein Buch mit dem Titel „Wir kamen als Kinder“ geschrieben. Sie selbst war über einen Kindertransport gerettet worden. Nach dem Krieg, Anfang der 1960er Jahre, hatte sie andere Kinder der Kindertransporte gebeten, ihre Erlebnisse zu schildern. In welchen Pflegefamilien wart ihr? Welche beruflichen Karrieren habt ihr gemacht? Welche Schwierigkeiten gab es? Und so weiter. </em></p>
<p><em>Dieser Chor der Kinder der Kindertransporte beeindruckt, weil er ein Gesamtbild gibt und zeigt, was diesen Kindern eigentlich angetan worden ist. Zunächst denken wir, tolle Sache, die sind gerettet worden. Aber die haben ihre Eltern zum letzten Mal auf dem Bahnsteig gesehen, sie kamen in eine fremde Welt, wurden auf irgendwelche Familien verteilt, kamen in völlig andere Lebensverhältnisse als die, in denen sie bisher aufgewachsen waren. So kamen Kinder aus einer Arztfamilie zu Bauern. Es wurde willkürlich verteilt. So haben sich auch die Leben verändert. Einige Kinder, die als Kleinkinder gerettet wurden, schildern, wie sie später ihre Eltern wiedergesehen haben, die aus der KZ-Haft gerettet wurden, schwer beschädigt, physisch wie psychisch. Es gibt auch einige positive Geschichten, weil manche Kinder Glück gehabt haben, in eine gute Familie kamen, die ihnen eine gute Ausbildung schaffen konnte. Aber sie alle hatten das Trauma der Trennung von den Eltern. </em></p>
<p><em>Ich habe mich zuerst nach diesem Buch erkundigt und mich dann informiert, was es sonst noch von Karen Gershon gab. Es gab Bücher von ihr auf Deutsch in einem kleinen Verlag, dem </em><a href="http://www.alibaba-verlag.de/"><em>Alibaba-Verlag</em></a><em>, der später hauptsächlich Kinderbücher gemacht hat, ein Verlag, den es nicht mehr gibt. Dieser Verlag hatte in den 1980er Jahren „Wir kamen als Kinder“ veröffentlicht, Rowohlt dann in den 1990er Jahren „Das Unterkind“. Ich habe mir die Bücher kommen lassen, und ich dachte, diese Frau muss wiederentdeckt werden.</em></p>
<p><em>Karen Gershon hat Lyrik geschrieben, sie war eine Frau, die sich mit Sprache befasste. Sie blieb auch in der Art, wie sie schrieb, sehr trocken, das ist vielleicht das westfälische Erbe. Sie erzählt in keiner Weise romantisch, sie erzählt knallhart alle Probleme, die psychischen Verstrickungen junger Mädchen. Das Buch ist auch eine Art Coming-of-Age-Roman im Rahmen dieser politischen Entwicklungen. Und dann diese Familiengeschichte. Vor allem der Vater, der eigentlich Architekt ist, nicht mehr als solcher arbeiten kann, gezwungen ist, seine Familie mit vielen kleinen Nebenjobs über Wasser zu halten. Die Familie verarmt immer mehr, kommt immer mehr herunter. Gleichzeitig wird die Familie extrem diskriminiert, auf der Straße, die drei Töchter in der Schule. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Freundin zieht sich zurück und sagt eines Tages: <em>„Ich bin ein deutsches Mädchen, ich spiele nicht mehr mit dir.“ </em></p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Bei jedem Buch, das man über den Holocaust liest, ist etwas Neues dabei, das noch einmal im Kopf etwas aufploppen lässt, das man nicht wusste. Viele meinen, sie wüssten alles, weil sie die Leichenberge in Auschwitz im Fernsehen gesehen hätten. Aber das war das Ende. All die alltäglichen Diskriminierungen, die Schikanen und deren Zuspitzung, die Auschwitz möglich machten, sollte man kennen, wenn man wissen will, wie eine Diktatur funktioniert. </em></p>
<p><em>Ein Punkt, der für mich in diesem Buch besonders eindrücklich war, war die Bedeutung der Synagogen. Da wurden eben nicht nur Häuser angezündet, im „Unterkind“ wird erzählt, wie die Synagoge immer mehr zum letzten verbliebenen sicheren Ort für die jüdische Bevölkerung wurde. Da konnten sich alle noch sammeln, dorthin konnte man sich zurückziehen, auch diejenigen, die sonst mit Religion eigentlich wenig zu tun hatten. Dieser letzte sichere Ort wurde angezündet. In dem Buch wird deutlich, was das heißt. Der letzte Boden wurde unter den Füßen weggezogen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage die Analogie, dass dies zeigt, was es bedeutet, Israel als Safe Space zu verstehen. Dies ist mit dem genozidalen Terrorangriff der Hamas zerstört worden.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das zeigt das Buch von Karen Gershon. Es ist auch schön, dass sich die Stadt Bielefeld als Heimatstadt von Karen Gershon für diese Entdeckung so offen gezeigt hat. Die Autorin hat sich immer als Bielefelderin bezeichnet. Jetzt wird in Bielefeld ein Platz nach ihr benannt. Ihre Töchter waren in Bielefeld zu Besuch und wurden herzlich empfangen, im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als sie auch schon einmal in Bielefeld waren, ihnen aber die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden, als sie die Orte besuchen wollten, wo ihre Familie gelebt hatte. Diesmal wurden sie selbstständig von der Familie eingeladen, die jetzt in der Wohnung wohnt, wo die Familie von Karen Gershon, die Löwenthals, gewohnt hatten. Ein ganz anderer Zugang. Mich hat es, doch mit Glück erfüllt, dass sich da bei uns wohl etwas im Zugang zur Geschichte verändert hat, allen anders wirkenden aktuellen Wahlergebnissen zum Trotz.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich würde mich freuen, wenn noch weitere Bücher von Karen Gershon in Ihrem Verlag erscheinen würden.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das ist auch so geplant.</em></p>
<h3><strong>„Heimliches Berlin“ und „Kafkas Leoparden“</strong></h3>
<div id="attachment_5479" style="width: 184px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/franz-hessel-heimliches-berlin/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5479" class="wp-image-5479 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-174x300.jpg" alt="" width="174" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-174x300.jpg 174w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-200x344.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-400x689.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-595x1024.jpg 595w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-600x1033.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-768x1323.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-800x1378.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-892x1536.jpg 892w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-1189x2048.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin-1200x2067.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Hessel_heimliches-Berlin.jpg 1268w" sizes="(max-width: 174px) 100vw, 174px" /></a><p id="caption-attachment-5479" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Einbandgestaltung unter Verwendung eines Gemäldes von Peter K. Kirchhof.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben drei Romane von Franz Hessel veröffentlicht: „Heimliches Berlin“, „Pariser Romanze“ und „Der Kramladen des Glücks“.</p>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>:<em> Franz Hessel hat eine kleine Gemeinde, die ihn kennt und schätzt, vornehmlich durch seine Flâneur-Geschichten: </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/franz-hessel/spazieren-in-berlin.html"><em>„Spazieren in Berlin“</em></a><em>, das ist ein Buch, das nicht bei uns, sondern im </em><a href="https://www.verlagberlinbrandenburg.de/"><em>Verlag für Berlin und Brandenburg</em></a><em> erschienen ist. Der Roman „Heimliches Berlin“ ist eine wunderbare Ergänzung. Darin gibt es auch eine Flâneur-Passage, die ich bei Lesungen immer vortrage. Es geht in dem Roman um Ereignisse in den 24 Stunden eines einzigen Tages und einer einzigen Nacht im Jahr 1924. Er wurde 1927 veröffentlicht. An diesem einen Tag findet das gesamte 1920er-Jahre-Berlin statt. Marlene Dietrich tritt auf, auch wenn ihr Name nicht genannt wird. Sie singt in einer Bar. Sexuelles Durcheinander, Verarmung, Politik, Aufbruchstimmung, Antisemitismus, Aufkommen rechter Bewegungen, all das in diesen etwa 130 Seiten.</em></p>
<p><em>Wir sind durch den Düsseldorfer Professor </em><a href="https://www.hhu.de/news-einzelansicht/prof-dr-bernd-witte-ist-verstorben"><em>Bernd Witte</em></a><em> auf die Romane aufmerksam geworden. Die Romane waren in der Bibliothek Suhrkamp erschienen und er hatte die Bände betreut und Nachworte verfasst. Er gab auch Seminare über Franz Hessel. Viola schaute irgendwann einmal nach, was mit diesen Büchern ist, und stellte fest, dass sie lange nicht mehr lieferbar waren. Wir haben dann beschlossen, Franz Hessel in unser Programm aufzunehmen. Auch die anderen Romane, „Kramladen des Glücks“, u. a. ein Bild der Münchner Gesellschaft im Jahr 1913, „Pariser Romanze“, ein großartiger Paris-Bohème-Roman, verkaufen sich gut. Das hängt meines Erachtens vielleicht mit den drei Städten zusammen und der Zeit, in der sie spielen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die 1920er und 1930er Jahre interessieren ohnehin viele Menschen. Anders wäre der Erfolg der inzwischen zehn Romane von Volker Kutscher mit den Hauptpersonen Gereon Rath und Charlotte Ritter nicht erklärbar, verfilmt in der Serie „Babylon Berlin“, wenn auch zum Teil mit deutlichen Abweichungen vom literarischen Original. Aber Volker Kutscher schreibt bei aller Qualität seiner Recherchen und all seiner historischen Genauigkeit aus der Gegenwart der 2000er und 2010er Jahre über eine vergangene Zeit. Ich kann daher nur empfehlen, Franz Hessel zu lesen und dann vielleicht weitere Berlin-Romane und -Reportagen der damaligen Zeit zu entdecken.</p>
<p>1924 starb Franz Kafka, sodass wir irgendwie in der Zeit bleiben, wenn wir über „Kafkas Leoparden“ sprechen, eine Perle in Ihrem Angebot, eine Übersetzung aus dem Brasilianischen. Der Autor ist Moacyr Scliar. Ich hatte „Kafkas Leoparden“ in Ihrer schönen Ausgabe im Jahr 2013 erworben, als Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Außerdem haben Sie seinen Roman „Die Ein-Mann-Armee“ veröffentlicht, beide Romane aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt. Das Titelbild von „Kafkas Leoparden“ ist &#8211; wie auch alle Ihre anderen Titelbilder &#8211; schon ein Hingucker, hier ein Mensch, der vielleicht zum Leoparden werden könnte, hoffentlich nicht mit einem so unverständlich schrecklichen Ergebnis wie bei Gregor Samsa. Das wäre aber eine andere Geschichte und vielleicht ist es ja auch nur unser Blick, der den verwandelten Gregor Samsa so schrecklich findet. Schade, dass die beiden von Ihnen veröffentlichten Bücher von Moacyr Scliar zurzeit nicht lieferbar sind, aber das kann sich ja noch ändern? Wie haben Sie diesen Autor entdeckt?</p>
<div id="attachment_5480" style="width: 184px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/moacyr-scliar-kafkas-leoparden/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5480" class="wp-image-5480 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-174x300.jpg" alt="" width="174" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-174x300.jpg 174w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-200x344.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-400x689.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-595x1024.jpg 595w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-600x1033.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-768x1323.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-800x1378.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-892x1536.jpg 892w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-1189x2048.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka-1200x2067.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Scliar_Kafka.jpg 1268w" sizes="(max-width: 174px) 100vw, 174px" /></a><p id="caption-attachment-5480" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Einbandgestaltung unter Verwendung eines Gemäldes von Norika Nienstedt.</p></div>
<p><strong>Axel von Ernst</strong>: <em>Das Buch kam über </em><a href="https://www.michael-kegler.de/"><em>Michael Kegler</em></a><em>, den Übersetzer, zu uns. Übersetzer wissen, was wir machen, und wenden sich dann an uns. Manche schreiben uns an, manche sprechen uns auf Buchmessen an. Übersetzer:innen kennen sich gut in den Ländern aus, aus denen sie Bücher übersetzen. Michael Kegler wurde mehrfach ausgezeichnet. Er wusste, dass Moacyr Scliar in Brasilien ein Klassiker ist. Er hatte auch ein Lieblingsbuch, die „Ein-Mann-Armee“, die allerdings von </em><a href="https://www.wunderhorn.de/autoren/karin-von-schweder-schreiner/"><em>Karin von Schweder-Schreiner</em></a><em> übersetzt worden war. Da sagte er, es gäbe noch „Kafkas Leoparden“. Das Buch sei noch nie übersetzt worden. Um das Buch gab es einmal einen kleinen Skandal im Zusammenhang mit „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel. Scliar hat sich beschwert, dass einiges in diesem Buch bei ihm plagiiert worden sei. Das war aber eine Nebensache, Michael Kegler empfahl den Ton, den Humor, das Politische, das Spezielle des Jüdisch-Brasilianischen des Autors, das wäre etwas für uns. Wir haben uns darauf eingelassen, und er hat es fantastisch übersetzt. Das ist auch das Schöne am Verlag. Wir treffen tolle Leute mit vielen tollen Ideen. Die bringen immer wieder neue Autorinnen und Autoren, es entsteht ein Netzwerk von Erfahrungen mit Dingen, die man sonst nie entdeckt hätte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es einen jüdisch-brasilianischen Schriftsteller gibt, der sich mit jüdischem Leben in Brasilien beschäftigt und dann auch noch mit Trotzkismus. Trotzki ist natürlich auch ein zwiespältiger Fall. Er hat eine Diktatur aufgebaut, mit all ihrem Terror, wurde dann von seinen eigenen Leuten herausgeworfen und landete selbst im Exil. Diese Ambivalenz haben wir auch bei Scliar.</em></p>
<p><em>„Kafkas Leoparden“ beginnt in der Ukraine, in einem jüdischen Stetl, in der Armut und der Repression, da begeistern sich Leute für den Sozialismus und einer wird durch einen merkwürdigen Umstand beauftragt, einen Menschen in Prag aufzusuchen, mit dem er Kontakt aufnehmen soll. Ein Geheimauftrag Trotzkis. Da beginnt die Reise des Benjamin Kantarovich, der Hauptperson des Romans, und sie endet nach einem Treffen mit Kafka in Prag, den er für die Kontaktperson hält, der es aber nicht ist, in Brasilien. Dort hat die Geschichte noch Folgen in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur in den 1960er Jahren. Der Text von Kafkas Leoparden begleitet die Personen bis in diese Zeit, ein kleines Blatt Papier als Dreh- und Angelpunkt, von Kafka unterschrieben, das der Geheimdienst für einen Code halten wird. Subversiv oder Blödsinn? Das ist die Alternative. Wertvoll oder Blödsinn? Das ist die Alternative, die Gesellschaft und Politik bezogen auf die unabhängigen Verlage zu entscheiden haben. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2024, Internetzugriffe zuletzt am 26. November 2024. Titelbild: Bibliothek in Dublin, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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